Skip to main content

Full text of "Jahrbuch für Romanische und Englische Sprache und Literatur"

See other formats


•*»?• 


,mf    '^***.*  «- /^ 


^v''^  }^ 


Digitized  by  the  Internet  Archive 

in  2009  with  funding  from 

University  of  Toronto 


Iittp://www.arcliive.org/details/jalirbuchfrroma04berl 


JAHRBUCH 

FÜR 

ROMANISCHE  und  ENGLISCHE 
LITERATUR 

UNTER  BESONDERER  MITWIRKUNG 

VON 

FERDINAND  WOLF 

HERAUSGEGEBEN 


Dr.  ADOLF  EBERT, 

PROFESSOK  AN  DER  UNIVEK.SIÄÄT  LEIPZIG. 


VIERTER  BAND. 


LEIPZIG: 
F.    A.    BROCK  HAUS. 


1S62. 


Inhalt. 


Seite 
Ueber  einige  bei  der  Kriti-k  der  traditionellen  schottischen  Balladen 
zu   beobachtende  Grundsätze;    von    Ludwig   Lemcke   (Erster 

Artikel) 1 

Ariost's  Nachahmung  der  Alten;  von  /.  B.  Bolza 16 

Weitere  Beiträge  zur  Geschichte   des   Romans  im  spanischen  Süd- 
Amerika;  von   Ferdinand    Wolf       35 

Die   Handschriften    der  Escorial- Bibliothek   aus    dem   Gebiete    der 
romanischen   Literaturen ,    sowie  der    englischen ;   von  Adolf 

Ebert 46 

Zur  Textkritik  und  Erklärung  der  Divina  Commedia;  von  Ludwig 

Lemcke 70 

Fragments  inedits  d'un  lapidaire  proven^al;  par  Paul  Meyer  ...      78 
Kritische  Anzeigen: 

Etüde  sur  G.  Chaucer,  considere  comme  imitateur  des  trouveres, 

par  E.   G.   Sandras;  angezeigt  von  Adolf  Ebert 85 

Decameron   von   H.  Steinhöwel,    herausgeg.   von   A.   v,   Keller; 

angezeigt  von  Felix  Liebrecht 106 

Sul  vivente  linguaggio  della  Toscana,  lettere  di  Giamb.  Giuliani, 

2"  ed.;  angezeigt  von  Adolf  Tobler 113 

Miscellen : 

Englische  Redensarten;  von  Felix  Liebrecht 118 


Die  „Nebulosa"  von  Joaquim  Manuel  de  Macedo;  von  Ferd.    Wolf  Til 
Üeber  einige  bei  der  Kritik  der  traditionellen  schottischen  Balladen 

zu  beobachtende   Grundsätze;    von  Ludwig  Lemcke  (Zweiter 

Artikel) 142 

Erasmus  in  Spanien;  von  Ed.  Boehmer 158 

Ueber    eine   italienische   Bearbeitung   der   Sieben    Weisen    Meister; 

von  Adolf  Mussafia 166 

Aus    einem   ungedruckten    Commentar  zu  Dantes  Commedia;    von 

Bergmann 176 

Jahresberichte : 

I.  Die  spanische  Natiunallitcratur  in  den  Jahren  1860  und  1861 ; 

von   Mainii-l  Mihi   ij  Fantunais 180 


IV  Inhalt. 

Seite 
Kritische  Anzeigen : 

Das  Rolandslied,  übersetzt  von  W.  Hertz;  angez.  von  Adolf  Wolf  209 
Marie  de  France,  übersetzt  von  W.  Hertz;  angez.  von  F.  Liebrecht  227 
Le  tresor  de  Pierre    de   Corbiac    en  vers  proven^anx  public  par 

Dr.  Sachs;  angezeigt  von  Karl  Bartsch 229 

Miscellen: 

Wiederherstellung  des  Textes  der  Villon'schen  Ballade  de  Ihon- 

neur  franijois;  von  Nagel 238 

Juan  de  los  Tiempos;  von  Felix  Liebrecht 238 

Bienenkörbe;  von  demselben 239 

Der  Satirendichter  Giuseppe  Giusti ;  von  E.  Ruth 241 

Die  historischen  Verhältnisse  des  Beowulfliedes;  von  C  \V.  M.  Grein.  260 

Antonio  degli  Albizzi;  von  Orlandini 286 

Ueber  einige  bei  der  Kritik  der  traditionellen  schottischen  Balladen         , 
zu  beobachtende  Grundsätze;  von  Ludwig  Lemcke  (Schluss).  297 
Epitre  farcie  pour  le  jour  de  Saint-Etienne;  publiee  par  Gaston  Paris.  311 
Jahresberichte: 

II.     Die   Nationalliteratur    der    Vereinigten    Staaten    von    Nord- 
Amerika   in  den   Jahren  1860  —  61;   von  F.  A.  March   .    .   318 
Kritische  Anzeigen: 

De  los  Trovadores    en  Espana,    por   Manuel    Milä  y  Fontanals; 

angez.    von   K.  Bartsch 331 

Dante  Alighieri's  lyrische  Gedichte  und  poetischer  Briefwechsel, 
Text,    Uebersetzung  und  Erklärung    von    K.    Krafft;    angez. 

von  L.  Lemcke 346 

Miscellen : 

Ein    neues  Zeugniss   für   den  historischen  Cid;    von  Ferd.    Wolf.  350 


Jahresberichte : 

III.  Die  französische  Nationalliteratur  im  Jahre  1861;  von  Gaston 

Paris 353 

Die  waldensische  Bibel;  von   Griizmacher 372 

Komans    (Elegie)  sur   l'emprisonnement   du   prince    de    Viane ;  par 

F.  R.    Gambouliu 403 

Kritische  Anzeigen: 

Le  bestiaire  d'amour  par  Richard  de  Fournival,  suivi  de  la  re- 
sponse de  la  dame;  publies  par  C.  Hippeau;  Le  bei  inconnu 
ou  Giglain,  poeme  de  la  table  ronde  par  Renauld  de  Beau- 
jeu,  publ.  par  C.  Hippeau;  angez.  von  A.  Mussafia  .  .  .  411 
Le  breviari  d'amor  de  Mat-fre  Ermengaud  suivi  de  sa  lettre  ä  sa 
soeur,  publ.  par  la  Societe  archeol.  de  Beziers;  angez.  von 

K.  Bartsch 421 

Bibliographie  des  Jahres  1861;  von  Adolf  Ebert 432 

Register 476 


Ueber  einige  bei  der  Kritik  der  traditionellen 

schottischen  Balladen  zu  beobachtende 

Grundsätze. 

Als  am  Schlüsse  des  ersten  Vievtheils  des  vorigen  Jahr- 
hunderts, m  den  Jahren  1724  und  1725,  Allan  Ramsay 
in  seinem  Teatahle  Miscellany  und  seinem  Evergreen  die 
ersten  schüchternen  und  unbeholfenen  Versuche  machte, 
den  Geschmack  der  gebildeten  Klassen  seiner  Nation 
wieder  für  die  so  gut  wie  vergessene  Volksdichtung  zu 
gewinnen,  da  ahnete  er  schwerlich,  dass  er  damit  den 
ersten  Hammerschlag  in  ein  reiches  Lager  des  edelsten  poe- 
tischen Elzes  gethan  hatte,  mit  dessen  Ausbeutuno-  vier 
Generationen  nach  ihm  beschäftigt  sein  würden.  Die 
Resultate  dieser  Arbeit  von  nahezu  anderthalb  Jahrhun- 
derten liegen  in  einer  langen  Reihe  grösserer  und  kleinerer, 
mehr  oder  minder  werthvoller  Sammlungen  der  alten 
epischen  und  lynschen  Volksgesänge  der  britischen  Inseln 
vor  und  unter  ihnen  haben  namentlich  die  ersteren,  die 
sogenannten  Balladen^  nicht  nur  in  ihrem  Vaterlande, 
sondern  auch  diesseits  des  Canals  das  Interesse  des  For- 
schers wie  des  blossen  Liebhabers  vorzugsweise  auf  sich 
gezogen.  Die  ihnen  gewidmeten  Sammlungen  bilden  allein 
eine  nicht  unansehnliche  Bibliothek  und  es  lassen  sich 
an  ihnen    die   Fortschritte    des    Geschmackes  sowohl  wie 

Jahrb.   f.   roui.  ii.  fiiitl.   l,if.   IV.     1.  i 


9  Lemcke 

der   Kritik   in    diesem    speciellcn    Zweige    last  von   .Jahr- 
zelnid  zu  Jahrzehnd  verfolgen  und  studiren. 

Ramsay's  Sammlungen  selbst,  sowie  einige  gleichzeitige, 
weniger  bedeutende,  l)ekunden  zwar  im  Allgemeinen  den 
Geschmack  ihrer  Herausgeber,  beweisen  jedoch  zugleich, 
dass,  gegenüber  dem  Publikum  Thce  trinkender  undL'Hom- 
bre  spielender  Ladies  und  Gentlemen,  fiir  welche  sie  sam- 
melten, nicht  eben  viel  darauf  angekommen  wäre,  wenn 
sie  wirklich  etwas  weniger  natürlichen  Geschmack  beses- 
sen hätten.  Denn  jenes  Publikum,  w^elches  durch  sie 
unvorbereitet  aus  den  Drawing-rooms  von  Westminster  in 
die  Hütte  des  schottischen  lierdsman  versetzt  wurde,  um 
anstatt  des  correcten  blank  verse  eines  Pope  oder  Addi- 
son das  tragische  Ende  einer  Lady  Maisry  oder  Fair 
Janet,  die  Grausamkeit  einer  Barbara  Allan,  oder  die 
Erscheimuig  Sweet  Willies  nach  seinem  Tode  aus  dem 
Munde  einer  alten  Elspat  von  Craigburnfoot  vortragen 
zu  hören  und  zwar  in  einem  Metrum,  das  seinem  ver- 
wöhnten Ohre  beinahe  w'ie  Knittelverse  klingen  musste  — 
dieses  Publikum  hatte,  wie  überwältigend  der  luigewohnte 
Eindruck  dieser  frischen  Klänge  auf  sein  Herz  auch  sein 
mochte,  doch  noch  zu  wenig  klares  Verständniss  von  dem 
Grunde  dieses  Eindrucks,  um  in  allen  Fällen  das  Wahre 
vom  Falschen  unterscheiden  und  die  Arbeit  des  Heraus- 
gebers im  Bezug  auf  das  was  er  gab,  einer  strengen  Prü- 
fung unterziehen  zu  können.  Noch  schlimmer  w^ar  es, 
dass,  dem  Geschmacke  jenes  Publikums  gegenüber,  der 
Herausgeber  von  Volksdichtungen  —  auch  wenn  er  intellec- 
tuell  in  der  Lage  gewesen  wäre,  seine  Pflicht  als  solcher 
ebenso  streng  zu  nehmen,  wie  wir  es  in  unserer  Zeit  von 
ihm  verlangen  dürften  —  nicht  nur  herccldigt^  sondern  selbst 
gezwungen  war,  die  Pflicht  der  Treue  gegen  sein  Original 
in  vielen  Fällen  zu  verletzen.  Er  musste,  w^enn  der  plötz- 
liche Gegensatz  gegen  die  bisherigen  Gewohnheiten  des 
Publikums  nicht  abschreckend  oder  mindestens  erkältend 
wirken  sollte,  sich  diesen  Gewohnheiten  anbequemen  und 
sich  daher  mit  seinem  Texte  namentlich  in  Bezug  auf 
Darstellung  und  Ausdruck  Freiheiten  erlauben,  die  erst 
der    geläutertere    Geschmack    und    die    bessere    Einsicht 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  3 

einer  späteren  Generation  als  Entstellungen  erkannte. 
Was  Allan  Kamsay  in  dieser  Beziehung  gesündigt  hat, 
kommt  daher  ausschliesslich  auf  Rechnung  seiner  Zeit. 

A\  eich  eine  grosse,  man  möchte  sagen  weltliterarische 
Bedeutung  die  nächste  Sammlung,  Percy's  berühmte 
Relicks  of  ancient  English  Poefri/,  erlangte,  welch  einen 
Einfluss  sie  auf  die  Entwickelung  der  Dichtkunst  übte 
und  welchen  gewaltigen  Anstoss  gerade  sie  der  Weiter- 
forschung auf  dem  Gebiete  der  Volksdichtung  gab,  ist 
zur  Genüge  bekannt.  Vom  grossen  Publikum  noch  im- 
mer und  mit  Recht  hochgeschätzt  als  eine  der  geschmack- 
vollsten Blumenleseh,  noch  immer  nicht  entbehrlich  als 
Quelle,  hat  doch  ihr  literarhistorischer  Werth  von  der 
heutigen  Kritik  auf  ein  bescheideneres  Mass  zurückgefiihrt 
werden  müssen,  als  dasjenige  war,  welches  ihre  Zeitge- 
nossen ihr  zuerkannten.  War  Ramsay  durch  den  Stand- 
punkt des  Geschmackes  seiner  Zeit  gezwungen  worden, 
sich  mit  seinen  Originalen  Freiheiten  zu  nehmen,  so 
wurde  es  Percy  auch  noch  durch  einen  andern  Umstand, 
durch  die  schlechte  BeschaflPenheit  des  Manuscriptes,  aus 
welchem  er  schöpfte  und  welches  durch  die  Zeit  so  be- 
denklich gelitten  hatte,  dass  ein  grosser  Thcil  der  Stücke 
die  .bedauerlichsten  Lücken  zeigte;  einige  waren  ftist 
blosse  Torsos.  Wollte  er  daher  den  grössten  Theil  seines 
Schatzes  dem  Publikum  nicht  ganz  vorenthalten,  so  musste 
er  die  Lücken  durch  Nachdichtung  des  Verlorengegan- 
genen ausfüllen,  und  wenn  er  dies  in  den  meisten  Fällen 
auch  mit  einem  Takte  und  einer  angebornen  Einsicht  in 
das  Wesen  der  Volksdichtiuig  that,  welche  ihm  noch  jetzt 
die  Bewunderung  des  Lesers  einbringen,  so  wäre  doch 
seine  Sammlung  dadurch  für  den  Literarhistoriker,  ohne 
die  Hülfe  späterer  Forschungen,  für  alle  Zeiten  so  gut 
wie  inibrauchbar  geblieben.  Dass  ihm  aber,  dessen  eigene 
Interpolationen  im  Allgemeinen  ein  so  feines  Gefühl  für 
das  Voiksthümliche  vcrrathen ,  manche  von  denjenigen  ent- 
gingen, die  schon  sein  Manuseript  enthielt  und  die  jetzt 
jeder  Anfänger  in  der  literarhistorischen  Kritik  auf  den 
ersten  Blick  erkennt,  ist  ein  schwer  zu  erklärender  Wider- 
spruch. Von wiiklich  wissenschaftlichen Werthefürseinc  Zeit 

1* 


^  Leiucke 

waren  die  seiner  iSaaiinlung  vorausgesclucklen  Abliaiul- 
luuüen  über  die  brittisclien  Volksdichter,  die  Minstrels, 
Vind  über  die  alten  englischen  Metrical  Roinanoes,  in  wel- 
chen er  zuerst  tiefer  in  diesen  Gegenstand  eindrang  inid 
die  erst  in  neuerer  Zeit  durch  umfassendere  Arbeiten 
übertrofl'en  worden  sind. 

Durch  Beides,  sowohl  durch  das  was  in  seinem 
Buche  wissenschaftliche,  wie  durch  das  was  bloss  populäre 
Zwecke  hatte,  war  die  Liebe  für  die  Volksdichtung  beim 
Publikum  und  die  Lust  zum  Weiterforschen  auf  diesem 
Gebiete  bei  den  dazu  Befähigten  aufs  gewaltigste  ange- 
regt worden.  Die  bisherigen  Sammler  hatten  fast  aus- 
schliesslich aus  älteren  Manuscripten  oder  Drucken  ge- 
schöpft. Nunmehr  erkannte  man  es  nicht  nur  für  zweck- 
mässig sondern  auch  für  nothwendig,  sich  zu  der  ergie- 
bigeren Quelle  der  bloss  mündliciien  Tradition  zu  wenden, 
welche  am  reichlichsten  im  Norden  des  vereinigten  König- 
reiches floss.  Dies  geschah  zuerst  von  Herd,  der  für 
seine  Sammlung,  welche  1769  erschien  und  1770  und 
1791  wiederholt  wurde,  zum  grossen  Theile  direct 
oder  indirect  aus  dem  Munde  des  Volkes  schöpfte  und 
die  Balladenliteratur  durch  eine  Anzahl  werthvoller  Stücke 
bereicherte,  leider  überall  ohne  Angabe  der  Quelle  im 
Einzelnen,  und  ohne  Kritik  Altes  und  Neues,  wie  es  ihm 
vorkam,  zusammenwürfelnd.  Was  seiner  Sammlung  je- 
doch im  Vergleich  zu  den  vorhergegangenen  zu  grossem 
Lobe  gereicht,  ist,  dass  er  sein  Material  muthmasslich 
ganz  so  wiedergab,  wie  er  es  empfangen  hatte.  Wenig- 
stens machte  er  bei  mehreren  Balladenfragmenten,  die  er 
in  seine  Sammlung  aufnahm  und  deren  fehlende  Theile 
erst  später  entdeckt  wurden ,  keinen  Versuch  zur  Er- 
gänzung aus  eigner  Erfindung. 

Zu  den  bisherigen  Balladensammlungen  hatte  Schott- 
land das  überwiegend  g-rösste  Continoent  oreliefert.  Das 
siidliche  Schwesterland  wollte  ungern  zurückbleiben.  Ver- 
suche, auch  hier  unmittelbar  aus  der  Tradition  zu  schöpfen, 
scheinen  damals  nicht  gemacht,  oder,  wenn  sie  gemacht 
wurden,  nicht  gelungen  zu  sein.  Thomas  Evans,  der  im 
Jahre    1777    das    n\m    einmal    balladendurstig    gewordene 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  5 

Publikum  mit  einer  reichhaltigen  Sammlung  englischer  Bal- 
laden beschenkte,  schöpfte  ausschliesslich  aus  mehreren  auf 
öffentlichen  Bibliotheken  betindlichen  Sammlungen  auf  flie- 
genden Blättern  gedruckter  Balladen,  namentlich  aus  den 
nach  ihren  Ve ranstalte i'n  so  genannten  Pepys'schen  vmd 
Koxburgh'schen  Sammlungen.  Das  Publikum  nahm  sein 
Werk  mit  grossem  Beifall  auf.  Auch  gewährt  dasselbe 
für  eine  gewisse  Entwickelungsphase  der  Balladendichtung 
überhaupt  ein  schätzbares  Material,  wenig  oder  gar  keine 
Ausbeute  jedoch  für  die  acht  volksthümliche  ,*  wie  dies 
bei  den  Quellen  aus  welchen  der  Herausgeber  geschöpft 
hatte,  nicht  anders  sein  konnte.  Die  Gründe  davon  zu 
entwickeln  liegt  ausserhalb  unseres  gegenwärtigen  Zweckes. 

Schottland  blieb  somit  vor  der  Hand  das  klassische 
Land  der  Ballade  und  die  mündliche  Tradition  wurde 
die  Hauptquelle  der  Sammler.  Die  stets  zunehmende 
Gunst,  welche  das  Publikum  dem  ächten  Volksgesange 
schenkte,  erweckte  jedoch  bald  die  Lust  zu  Fälschungen. 
Das  Beispiel  dazu  gab  Pinkerton,  der  seinen  im  J.  1781 
erschienenen  Scottisk  Tragic  Ballads  imd  seinen  Sehet 
Scotfish  Ballads  (178-5)  eine  Anzahl  von  ihm  selbst  ver- 
fasster,  die  er  für  acht  ausgab,  einverleibte,  ein  Betrug, 
den  er  auch  eingestand,  nachdem  das  scharfe  Auge  des 
bekannten  Kritikers  llitson  ihn  entdeckt  hatte. 

Ivitson's  grosse  Verdienste  um  die  altenglische  Li- 
teratur sind  zur  Genüge  bekannt  und  haben  ihm  selbst 
von  den  zahlreichen  Feinden,  welche  seine  Streitsucht  und 
herbe  Rücksichtslosigkeit  ihm  erweckte,  nicht  verkümmert 
werden  können.  Seinen  AngriiFen  gegen  Percy  benahm 
er  durch  Uebertreibimg  und  augenfällige  Widerspruchs- 
sucht (bekanntlich  bestritt  er  anfangs  hartnäckig  sogar 
die  Existenz  des  von  Percy  gebrauchten  Manuscriptes) 
selbst  den  grössten  Theil  ihrer  Wirkung  und  hielt  da- 
durch gcwissermassen  die  Fortschritte  der  Kritik  aul,  in- 
sofern er  die  Sympathien  des  Publikums  dem  ar;gegritfenen 
Thcile  zuwandte  und  eine  beiden  Theilen  gei'echt  werdende 
Würdigung  der  Streitfrage  verhinderte.  Die  Gegenwart 
kann  von  ihrem  Standpunkte  aus  unmöglich  verkennen, 
dass    seinen     oft     einseitigen     Behauptungen    ein    grosser 


{')  Lenickc 

kritischer  Takt  zum  Grunde  lag  und  dass  sie  die  Keime 
jener  besonneneren,  phantastische  Conjecturen  von  sich 
weisenden  Kritik  enthalten,  welche  seiner  Zeit  noch  un- 
willkonnnen  war,  heut  zu  Tage  jedoch  nach  ihrem  wahren 
Werthe  geschätzt  wird.  Die  Zahl  der  in  seinen  verschie- 
denen Sammlungen  zerstreuten  neuen  Beiträge  zur  ächten 
epischen  Volksdichtung  ist  nvir  klein,  aber  die  kritische 
Schärfe  und  Gründlichkeit  seiner  Untersuchungen  sowie 
seine  vunfossende  antiquarische  Gelehrsamkeit  haben  zwei- 
felsohne ifh  hohen  Grade  läuternd  'auf  die  Kritik  in  die- 
sem Gebiete  gewirkt,  und  sind  indirect  und  gegen  seinen 
Willen  der  von  ihm  geringgeschätzten  ächten  Volksdich- 
tung, die  er  selbst  nur  als  rohe  Bänkelsängerei  betrachtete, 
zu  Gute  gekommen. 

Abgerechnet  einige  o-elescentliche  neue  Beiträge  zu 
dem  bisherigen  schottischen  Balladenschatze  in  verschie- 
denen Sammelwerken,  unter  welchen  besonders  J.  John- 
son's  The  Scots  Musical  Museum  genannt  zu  werden  ver- 
dient, erschien  bis  zum  Jahre  1802  wenig  für  dieselbe. 
In  diesem  und  dem  folgenden  Jahre  aber  trat  in  Walter 
Scott's  Minstrelsy  of  the  Scottish  Bordcr  eine  Sammlung 
ans  Licht,  welche  in  diesem  Zweige  der  Literatur  als 
Epoche  machend  betrachtet  werden  muss,  für  das  schot- 
tische Volk  ein  wahres  Nationalwerk  und,  wie  ein  gleich 
zu  erwähnender  neuerer  Arbeiter  auf  demselben  Felde  ^) 
sagt:  „ein  ebenso  edles  wie  interessantes  Denkmal  uner- 
müdeten  Sammlerfleisses,  gründlicher  Gelehrsamkeit  und 
feinen  Geschmackes  des  berühmten  Herausgebers,  Avelches 
seinem  vollen  Werthe  nach  erst  dann  wird  geschätzt  wer- 
den können  in  jener  noch  im  Schoosse  der  Zukunft  schlum- 
merden  Zeit,  wann  die  interessanten  Ueberlieferungen, 
die  ritterlichen  und  romantischen  Legenden,  der  phan- 
tastische Aberglauben  und  der  tragische  Gesang  Schott- 
lands aus  dem  Gedächtnisse  der  Lebenden  vollständig 
verschwimden  sein  werden".  Scott's  Minstrelsy  war  die 
erste  grössere  Sammlung,  welche  ausschliesslich  aus  der 
mündlichen    Tradition    geschöpft    war.     Von    den   in    ihr 


>)  Motherwell,  Infrod.   LXXIX. 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  7 

enthaltenen  Balladen  waren  45  ganz  neu,  der  Kest  bestand 
aus  bisher  unbekannten,  oder  vollständigen  Versionen 
schon  anderswo  ganz  oder  nur  fragmentarisch  publicirter 
Balladen.  In  Scott  vereinigte  sich  zum  ersten  Male  der 
unermiidliche,  ja  leidenschaftliche  Alterthumsforscher  und 
der  hochbegabte  Dichter  zu  dem  Werke,  die  ächten 
Volksgesänge  seines  Vaterlandes  der  Vergessenheit  zu 
entreissen.  Seine  gewissenhafte  Treue  im  Wiedergeben 
der  empfangenen  Tradition,  welche  anfjings  von  manchen 
Seiten  ungerechterweise  angezweifelt  wurde  (denn  nun- 
mehr sah  man  bereits  in  jener  Treue  die  erste  Pflicht 
eines  Herausgebers  von  Volksdichtungen)  ist  durch  spä- 
tere Forschuugen  hinreichend  dargethan.  Dass  er  hin 
und  wieder  I^ücken  durch  Ilinzudichtung  ausfüllte ,  darf 
man,  da  er  es  stets  gewissenhaft  erwähnte,  ungeriio;t 
lassen.  Dagegen  gab  er  zuerst  das  gefährliche  Beispiel 
zu  einem  Missbrauche,  welcher  bis  auf  die  neueste  Zeit 
von  fast  allen  englischen  Herausgebern  traditioneller  Bal- 
laden o;ei\bt  und  von  den  meisten  mit  nicht  zu  besieiren- 
der  Hartnäckigkeit  vertheidigt  worden  ist,  obwohl  sich 
die  strenge  Kritik  aufs  entschiedendste  dagegen  ausspre- 
chen niuss.     Hiervon  weiter  unten. 

Scott's  nächster  Nachfolger  war  R.  Jamieson,  dessen 
Populär  Ballads  and  Songs  (Edinburgh,  1800)  den  bis- 
hei'igen  Balladenschatz  um  beinahe  zwanzig  ganz  neue 
Stücke  und  eine  Anzahl  neuer  Versionen,  sämmtlich  di- 
rect  oder  indirect  der  mündlichen  Ueberlieferung  entnom- 
nonnnen,  und  zum  Tlieil  von  bedeutendem  Werth,  ver- 
mehrte. In  der  Behandkmg  des  Textes  folgte  Jamieson 
dem  von  Scott  gegeljonen  Beispiele.  Wie  sein  Balladen- 
buch als  Quellensanniiluug  liöchst  wichtig  war,  so  hat  sich 
Jamieson  auch  um  die  Geschichte  der  Balladendichtun»- 
ein  bedeutendt-s  Verdienst  erworben  durch  seine  in  Ver- 
bindung mit  II.  Weber  und  W.  Scott  herausgegebenen 
Illustrations  of  Northern  Antiquities  (1S14),  für  welche  er 
die  deutschen,  dänischen,  schwedischen  und  isländischen 
Balladen,  die  mit  bekannten  schottischen  einen  o-leichcn 
oder  verwandten  Stoff  behandeln,  übersetzte  und  mit  einer 
sehr  lehrreichen  Einleitung  versali.  Ilinniit  war  znni  cisteu 


8  Lemcke 

Male  die  bis  dahin  so  uut  wie  ausser  Acht  f^elasseue 
Verbindung  eines  Theile.s  der  schottischen  Balladen  mit 
denen  anderer  nordischen  Nationen  nachgewiesen  und  für 
die  Geschichte  der  brittischcn  Volksdichtung  ein  ncuci- 
Fingerzeig  gegeben,  dessen  Wichtigkeit  von  den  Eng- 
ländern und  Schotten  bei  weitem  noch  nicht  gc1)ührend 
geschätzt  worden  ist. 

Nach  mehreren  kleineren  Sammlungen,  unter  welchen 
die  von  Sharpe,  Maidmcut  und  Kinloch  als  solche  genannt 
werden  müssen,  denen  die  Literatur  der  traditionellen 
Balladen  neue  und  werthvolle  Beiträge  verdankt,  erschien 
1827  wieder  ein  Epoche  machendes  Werk  in  W.  Mother- 
well's  Minstrdsy  aiicicnt  and  mnodern^  bis  jetzt  die  bei 
weitem  bedeutendste  Erscheinung  auf  diesem  Gebiete  in 
wissenschaftlicher  Beziehung.  Was  ihr  als  Sammlung  an 
Reichhaltigkeit  abgeht,  das  ersetzt  sie  doppelt  durch  die 
grosse  Wichtigkeit  mehrerer  der  darin  mitgetheilten 
Stücke,  theils  bis  dahin  unbekannter,  theils  neuer  Ver- 
sionen schon  bekannter  Balladen,  von  welchen  einige  ein 
üranz  neues  Licht  auf  den  betreffenden  Gegenstand  wer- 
fen.  Der  wichtigste  Theil  des  Buches  aber  ist  die  Ein- 
leitung, welche  den  ersten  und  bis  jetzt  bei  weitem  den 
besten  Versuch  einer  zusammenhängenden  Darstellung 
des  Wesens  und  der  Geschichte  der  schottischen  Balla- 
dendichtung enthält  und  ebenso  sehr  von  der  gründlichen 
Vertrautheit  des  Verfassers  mit  seinem  Gegenstande,  wäe 
von  seinem  kritischen  Scharfsinn  und  seiner  geistreichen 
Auffassungsweise  Zeugniss  ablegt.  Welch  eine  umfassende 
Kenntniss  des  Materials  den  Verfasser  zu  seiner  Mono- 
graphie befähigte,  zeigt  die  derselben  angehängte  voll- 
ständige Bibliographie  aller  bis  auf  seine  Zeit  erschienenen 
Balladensammluno;en  mit  zahh^eichen  Anmerkunj^en  über 
alle  einzelnen  Balladen,  ihre  Verbindung  und  ihre  ver- 
schiedenen Versionen,  w^elche  die  ganze  Masse  des  Stof- 
fes überschauen  lassen  imd  die  nützlichsten,  nur  leider 
noch  immer  zu  wenig  beachteten  Winke  für  die  Kritik 
enthalten.  Schade  nur,  dass  dieser  Theil  der  Arbeit 
aber  auch  zugleich  Zeugniss  davon  gibt,  wie  manches 
augenscheinlich  höchst  wichtijre  Stück,   in  dessen  Besitze 


Die  traditiuiiellen  schottischen  Balladen.  9 

Motherwell  sieh  befand,  er  dem  Publikum  vorenthal- 
ten hat. 

Den  Beschluss  der  selbständigen  ßalladensamniler 
in  grösserem  Umfange  macht  P.  Buchan,  welcher  schon 
1825  einen  kleinen  Band  Gleanings  of  Scotch,  English 
and  Irish  scarce  old  Ballads  herausgegeben  hatte,  im 
Jahre  1828  mit  seinen  Ancient  Ballads  and  Songs  of  the 
North  of  Scotland,  einer  sehr  reichhaltigen,  eine  bedeu- 
tende Anzahl  ganz  neuer  Balladen  bietenden  Sannnlung, 
welche  anfangs  grosse  Hoffnungen  erregte,  um  so  mehr 
als  der  Sammler  verschiedene  bis  dahin  noch  wenig  be- 
nutzte Distrikte  Schottlands  für  seinen  Zweck  ausgebeu- 
tet hatte.  Eine  genauere  Priifung  hat  diese  Hoffnungen 
getäuscht  und  erkennen  lassen,  dass  bei  weitem  die  mei- 
sten der  von  Buchan  mitgetheilten  Balladen  bedeutend 
durch  Interpolationen,  zum  Theil  der  schlechtesten  Art, 
gelitten  haben  und  nur  in  den  Fällen  einen  gewissen 
AVerth  haben,  wo  alle  anderen  Quellen  im  Stiche  lassen. 

Ueberschaut  man  mit  einem  Blick  die  Gesammt- 
masse  dessen,  was  bis  jetzt  für  die  Sammlung  imd  Her- 
ausgabe der  schottischen  Volksballaden  geschehen  ist,  so 
wird  man  zugeben  müssen,  dass  die  Schotten  es  nicht  an 
Fleiss  und  Eifer  haben  fehlen  lassen,  die  alten  Ueberreste 
ihrer  Volksdichtung  der  Vergessenheit  zu  entreissen  und 
vor  dem  immer  näher  drohenden  gänzlichen  Unteraange 
zu  bew^ahren.  Allem  Anscheine  nach  ist  die  Quelle  der 
directen  mündlichen  Tradition  ihrer  Erschöpfung  nahe 
und  wenn  nicht,  was  allerdings  keineswegs  unwahrschein- 
lich ist,  noch  hie  und  da  indirecte  Quellen  derselben, 
d.  h.  handschriftliche  Sammlungen  schon  früher  aus  dem 
Volksmimde  aufgezeichneter  Balladen,  im  Staube  von  Öf- 
fentlichen oder  Privatbibliotheken  entdeckt  werden,  so 
diirfte  der  grosseste  Theil  der  auf  diesem  Boden  zu  er- 
reichenden Ernte  als  eingescheuert  zu  betrachten  sein. 
Schwerlich  dürften  auch  neue  Entdeckungen,  die  etwa 
noch  gemacht  wei'den  könnten,  geeignet  sein,  ein  völlig 
neues  Licht  über  den  Gegenstand  zu  verbreiten  und  die 
Ansichten,  welche  aus  dem  bisher  bekannt  gewordenen 
Material   «rcwonncn  werden  können,  uinziistossou. 


J^Q  Lenickc 

Es  beginnt  daher  jetzt  tVir  die  schottische  Balhiden- 
dichtung  die  Arbeit  des  Literarhistorikers,  d.  h.  die  Aul- 
gabe, das  gewonnene  Material  zu  sichten,  das  zeitlicli, 
örtlich  und  stofflich  Zusannnengehörige  zusammen  zu 
ordnen,  und  auf  diese  Weise  einen  Ueberblick  über  den 
allniälioren  Entwickeluni^siriniüi;  der  ei^ischen  Volksdichtung 
in  Schottland  zu  ennöglichen.  Es  handelt  sich,  mit  einem 
Worte,  um  eine  kritische  Sammlung,  denn  ausser  den  bis- 
herigen ist  keine  einzige,  welche  auch  nur  einigermassen 
einen  Anspruch  auf  diesen  Namen  hat.  Zwar  lässt  sich, 
wie  wir  oben  gesehen  haben,  in  den  bisherigen  Arbeiten 
ein  allmäliser  Fortschritt  zur  richtigen  Erkenntniss  des- 
sen,  worauf  es  ankam,  und  in  Folge  davon  eine  stufen- 
weise Besserung  in  der  Behandlung  des  Gegenstandes 
nicht  verkennen.  In  dem  Masse,  wie  das  Material 
anwuchs,  lernten  die  Herausgeber  zunächst  die  ächte 
Volksdichtung  von  der  unächten  unterscheiden,  dann  die 
verschiedenen  Versionen  selbst  sichten,  die  achteren  und 
besseren  mit  grösserer  Sicherheit  bestimmen,  Interpola- 
tionen herausfinden,  und  endlich,  als  Folge  dieser  besseren 
Erkenntniss,  den  Text  in  angemessenerer  Weise  behan- 
deln als  früher.  Aber  eine  consequente  Durchführung  be- 
stimmter und  gesunder  kritischer  Grundsätze  ist  in  keiner 
der  bisherigen  Sammlungen  zu  finden.  Versuche,  denen 
eine  Ahnung  von  einer  solchen  Aufgabe  zum  Grunde 
lag,  sind  in  neuerer  Zeit  mehrmals  gemacht  werden,  zuerst 
im  J.  1829  von  R.  Chambers,  auf  dessen  Arbeit  wir  un- 
ten zurückkommen,  1854  von  Whitelaw  und  endlich  in 
den  letzten  Jahren  von  Child  und  von  Aytouu,  über  deren 
Werke  wir  uns  hier  der  weiteren  Erörterung  enthalten 
können,  da  dieselben  erst  im  vorigen  Jahre  im  2.  Bande 
des  Jahrbuches  ebenso  gründlich  wie  einsichtsvoll  von 
einem  tüchtigen  Sachkenner  besprochen  worden  sind. 
Alle  diese  Versuche  haben,  wie  auch  der  trefiliche  Refe- 
rent über  die  beiden  letzten  gezeigt,  wohl  einen  Anlauf 
zu  einer  kritischen  Behandlung  genommen,  sind  aber  weit 
hinter  ihrem  Ziele  zurückgeblieben. 

lieber  den  Grund  dieses   Misslingens   kann    demjeni- 
gen, welcher  die  bisherigen  Arbeiten  der  Engländer  und 


Die  traditionellen   schottischen  Balladen.  IX 

Schotten  auf  diesem  Gebiete  aufmerksam  verfolgt  hat, 
kein  Zweifel  bleiben.  Es  ist  eben  der,  dass  die  literar- 
historische Kritik  der  Engländer  im  Allgemeinen  noch 
immer  auf  einem  Standpunkte  steht,  von  welchem  aus  sie 
das  Interesse  des  bloss  geniessenden  Lesers  mehr  im 
Auge  hat,  als  das  Interesse  der  eigentlichen  Wissen- 
schaft. Von  einer  Literaturgeschichte  als  historischer  Dis- 
ciphn  haben  die  Engländer  im  Grossen  und  Ganzen  — 
wenige  ausgezeichnete  Vertreter  dieser  Richtung  abge- 
rechnet —  noch  kein  rechtes  Verständniss.  Die  meisten 
stehen,  selbst  wo  sie  in  der  Theorie  wissenschaftlich  zu 
sein  scheinen,  praktisch  noch  immer  vorzugsweise  auf 
dem  rein  üsthetisdien  Standpunkte  oder  fallen  wenigstens, 
oft  ohne  es  zu  wissen,  wieder  auf  denselben  zurück.  Für 
den  vorliegenden  Fall  erklärt  sich  dies  noch  ausserdem 
durch  den  Umstand,  dass  mehrere  und  gerade  die  aus- 
gezeichnetsten und  eifrigsten  Balladensammler  selbst  Dich- 
ter waren.  Die  Encrläiider  sind  sehr  ""eneioft,  gerade  die- 
sen  Umstand  als  eine  Empfehlung  mit  Bezug  auf  den 
Zweck  anzusehen  und  wir  sind  weit  entfernt,  die  grossen 
Vortheile  zu  verkennen,  welche  er  ganz  besonders  für 
die  Sammlung  des  Materials  hat.  Auch  können  wir  es 
in  Deutschland,  wo  überhaupt  schon  der  wissenschaftliche 
Standpunkt  das  richtige  Gleichgewicht  mit  andern  hat, 
nur  als  ein  sehr  glückliches  Zusammentrefi'en  ansehen, 
wenn  sich  zu  Zwecken  wie  der  hier  in  Rede  stehende, 
der  Dichter  \uid  der  Forscher  in  einer  Person  vereinigen. 
In  England  jedoch  scheint  uns  da,  wo  es  sich  um  die 
wissenschaftliche  Ausbeute  aus  dem  Gewonnenen,  na- 
mentlich um  die  historische  Scheidung  desselben  handelt, 
der  Dichter  weniger  an  seinem  Platze.  Selbst  der  tüch- 
tige Motherwell  macht  mehr  als  einmal  einen  Unterschied 
zwischen  dem  Freunde  der  Dichtkunst  und  dem  was  er 
den  „Antiquary"  nennt,  in  einer  AVeise,  welche  zeigt, 
dass  er  das  Interesse  des  letzteren  mit  Bewusstsein  hin- 
tenansetzt. Ja  er  wirft  einige  Male  (z.  B.  Introd.  LXXXIII, 
!)1)  sogar  einen  spöttischen  Seitenblick  auf  ihn,  und  liat 
mehr  als  ein  augenscheinlich  höchst  wichtiges  Stück  aus 
seinen  Samndungen  bloss  deshalb  dem  Leser  vorenthalten. 


12  Lcmcko 

weil  dasselbe  eigentlich  nur  Interesse  für  den  „Antiquary" 
gehabt  hätte.  Er  vergisst  dabei  ganz,  oder  vielmehr,  er 
hat  auf"  dem  Standpunkte  der  englischen  Kritik  noch  kei- 
nen Begrifi'  davon,  dass  der  wissenschaftliche  Literatur- 
historiker ebenso  gut  ein  ,,Antiquary"  ist,  wie  derjenige, 
welcher  sein  Studium  alten  Wafien,  Münzen  u.  s.  w. 
widmet  und  dass  er  daher  eine  Berücksichtigung  seines 
Interesses  zu  fordern  hat.  Und  doch  nimmt  Motherwell, 
in  Bezug  auf  wissenschaftlichen  Geist,  den  ersten  Platz 
unter  den  schottischen  Balladensammlern  ein.  Kein  Wun- 
der daher,  wenn  andere  den  Anforderungen  der  Wissen- 
schaft noch  weniger  Rechnung  getragen  haben. 

Einen  eclatanten  Beleg  hierzu  bietet  zunächst  dieje- 
nige Behandlung  des  Textes  der  Balladen,  welche,  wie 
schon  oben  kurz  angedeutet,  von  W.  Scott  eingeführt 
und  von  den  meisten  seiner  Nachfolger  nachgeahmt  wor- 
den ist.  Diese  Behandlung  besteht  in  dem  was  die  Heraus- 
geber von  Balladen  mit  einem  Euphemismus  „Collationi- 
rung"  nennen,  d.  h.  die  Aufnahme  einzelner  Verse  oder 
ganzer  Strophen,  ja  ganzer  Strophenreihen  einer  Balladen- 
version in  eine  andere.  Anfangs  hatte  dies  Verfahren 
nur  den  Zweck,  schon  als  acht  erkannte  aber  lückenhaft 
erhaltene  Balladen  durch  Aufnahme  des  Fehlenden  aus 
einer  andern  Version  zu  vervollständigen,  und  zu  diesem 
Zwecke  angewandt,  verdient  es,  namentlich  wo  es  sich  nur 
um  die  Ausfüllung  kleiner  Lücken  handelt,  eine  mildere 
Beurtheilung.  Wie  aber  ein  Missbrauch,  wenn  ihm  nicht 
zu  rechter  Zeit  Einhalt  geschieht,  sehr  bald  riesenhafte 
Dimensionen  annimmt,  so  ist  auch  dieser  in  neuerer  Zeit 
bis  zu  dem  vermessenen  Unternehmen  angewachsen,  durch 
Zusammenstellung  einzelner  herausgesuchter  Stücke  der 
verschiedensten  Versionen  eine  angeblich  ächte  und  u,r~ 
sprüngliche  Version  herstellen  zu  wollen.  Dass  ein  sol- 
ches Verfahren,  zu  dem  nur  die  bodenloseste  Anmassung 
inspiriren  kann,  von  einem  gänzlichen  Verkennen  des 
Wesens  der  traditionellen  Volksdichtung  zeugt  inid  ge- 
radezu eine  schwere  Versündigung  an  derselben  ist,  dass 
es  aber  auch  wissenschaftlich  unter  allen  Umständen  ver- 
werflich ist,  weil  es  der  historischen  Sichtung  die  grössten 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  13 

Schwierigkeiten  in  den  Weg  legt,  ja,  dieselbe  in  manchen 
Fällen  unmöglich  macht,  das  sind  so  nahe  liegende  Wahr- 
heiten, dass  sie  dem  deutschen  Kritiker  gar  nicht  erst  zu 
(xemüthe  geführt  zu  werden  brauchen;  trotzdem  aber 
wollen  sie  den  Engländern  noch  immer  nicht  einleuchten. 
Der  einzige  Motherwell  spricht  sich  mit  seinem  gewohnten 
richtio-en  kritischen  Takte  aufs  schärfste  und  entschic- 
denste  gegen  das  „Collationiren"  aus,  ist  aber  freilich  prak- 
tisch mit  seiner  eigenen  Ansicht  in  Widerspruch  gerathen, 
indem  er  selbst  das  Verfahren,  wenngleich  nur  bei  einer 
kleinen  Anzahl  der  von  ihm  publicirten  Balladen  und 
in  massvollster  Weise,  in  Anwendung  gebracht  hat. 
Also  auch  hier  eine  Concession  des  Forsc/iers  cm  den 
Dilettanten!  Bis  zum  Widersinn  hat  aber  1\.  Chambers 
diesen  Missbrauch  getrieben,  der  die  einzelnen  Balladen 
seiner  1829  erschienenen  Anthologie  aus  fast  allen  vor- 
handenen Versionen  zusammenschmolz  und  dadurch  wahre 
Missgeburten  schuf,  welche  im  Grunde  den  bloss  ge- 
niessenden Leser  ebenso  anwidern  müssen ,  wie  den  wis- 
senschaftlichen Forscher.  Dennoch  aber  erklären  die 
Engländer  the  merits  of  Ins  collection  für  well  knoirfi  and 
generally  acknowledyed.  So  wenigstens  spricht  sich  Ay- 
toun  aus  (The  Ballads  of  Scotland,  Vol.  I,  Introd.  LI), 
der  seiner  Balladensammlung  ganz  dasselbe  Princip  zum 
Grunde  legte,  und  wenn  er  es  auch  weit  taktvoller  be- 
folo-te,  seinem  Buche  doch  dadurch  fast  allen  Werth  für 
die  Wissenschaft  geraubt  hat.  Von  dem  Grade  seiner  Ein- 
sicht in  das,  worauf  es  der  letzteren  ankommen  muss, 
zeugt  die  Argumentation,  womit  er  das  CoUationirungs- 
verfahren  gegen  MotherwelFs  strenges  Verdammungsur- 
theil  vertheidigt.  Ein  Herausgeber,  meint  er  u.  A.,  der 
MotherwelFs  Grundsätze  befolgen  wolle,  würde  gezwun- 
gen sein,  entweder  nur  die  für  die  beste  erkannte  Ver- 
sion einer  Ballade  zu  geben  und  in  diesem  Falle  würde 
das  Balladenbuch  elendiglich  eingeschrumpft  sein  (the 
ballad-book  would  be  miserably  shorn)  oder  er  müsste  Alle^ 
geben,  was  ihm  unter  die  Hände  komme  und  „in  this 
case  the  ballad-book  would  be  s wollen  into  such  dropsi- 
cal  diniensions,  tliat    few    would    have    cared    to    \r>ok   on 


14  Lemcke 

its  hloated  surfacc".  Für  das  Mittel  zwischen  beiden 
Extremen  hält  er  das  Collationiren;  denn  da  die  ver- 
schiedenen Versionen  einer  IJallade  nur  die  im  Laufe 
der  Zeit  durch  die  Tradition  entstandenen  Modilica- 
tionen  einer  Urballade  seien,  so  sei  in  ihnen  das 
Material  zur  Herstellung  der  Urform  gegeben  und  müsse 
durch  ein  verständiges  Collationirungs verfahren  (a  judi- 
cious  attempt  of  collating)  gefunden  werden.  Abgesehen 
davon,  dass  es  mindestens  noch  sehr  zweifelhaft  ist,  ob 
alle  oder  die  meisten  Balladen  von  Anfang  an  nur  in 
einer  Form  existirten,  fällt  es  Aytoun  nicht  ein,  dass  es 
selbst  dem  etwas  mehr  als  oberflächlichen  Leser  sehr 
daran  gelegen  sein  kann,  der  Wissenschaft  aber  vor  al- 
len Dingen  daran  gelegen  sein  muss^  die  verschiedenen 
Veränderungen,  selbst  Verschlechterungen,  welche  eine 
Ballade  im  Laufe  der  Zeit  erfahren  hat,  an  den  verschie- 
denen Versionen  kennen  zu  lernen  und  dadurch  ein  Bild 
des  Entwickelunsrsfjansfes  der  Dichtuno^  zu  i>ewinnen, 
ebenso  wie  es  z.  B.  für  einen  Architekten  nicht  weniger 
interessant  als  belehrend  ist,  an  einem  erst  im  Laufe  von 
Jahrhunderten  zur  Vollendung  gebrachten  Gebäude,  etwa 
dem  Dome  von  Mailand,  die  verschiedenen  Stilarten  und 
Geschmacksrichtungen  der  einzelnen  Bauperioden  zu  studi- 
ren;  dass  ferner  die  Versionen  einen  selbständigen  AVertli 
haben,  welchen  zu  bestimmen  der  wissenschaftlichenl^ritik 
vorbehalten  bleiben  muss;  dass  diese  Kritik  eben  in  jener 
literarhistorischen  Werthbestimmung  besteht,  nicht  aber 
in  einer  noch  dazu  höchst  precären  Herstellung  einer  an- 
geblichen Urform.  Es  wäre  dies  doch  in  der  That  nicht 
anders,  als  wollte  man  vorschlagen  z.  B.  alle  Gebäude 
im  Renaissancestil  niederzureissen,  und  das  was  etwa  an 
ihnen  noch  gothisch  ist  zur  Restauration  schadhafter  go- 
thischer  Bauwerke  zu  verwenden.  Denn  in  der  That 
gleicht  der  CoUationirungsunsinn  ganz  und  gar  einem 
solchen  Verfahren.  Und  wem  sollte  denn,  abgesehen  von 
allem  Anderen,  bei  den  ausserordentlichen  Schwierigkei- 
ten eines  solchen  Unternehmens  das  Collationirungswerk 
mit  Sicherheit  anvertraut  werden,  eine  Arbeit  bei  welcher, 
wie  wir  weiter  unten  sehen  werden,   das   subjective    Ge- 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  15 

fühl  fast  die  alleinige  Richtschnur  sein  kann,  bei  welcher 
Missgrifie  auf  Schritt  und  Tritt  beinahe  unvermeidlich  sind, 
deren  Endresultat  daher  in  den  bei  weitem  meisten  Fällen 
nur  eine  Verfälschung  sein  kann?  Die  Wahrheit  ist, 
dass  die  Wissenschaft  ein  derartiges  Geschäft  in  Niemandes 
Hände  legen  kann  und  darf.  Die  Volksdichtung  ist  etwas 
historisch  Geivordenes  und  historisch  wieder  ZerfaUeiies. 
Ihre  Producte  müssen  in  der  Gestalt,  wie  sie  noch  zu 
finden  sind,  dargeboten  und  angenommen  werden,  das 
blosse  Fragment  sowohl  wie  das  vollständig  erhaltene 
Stück,  und  dem  Kritiker  bleibt  dabei  nur  die  mit  hinrei- 
chenden Schwierigkeiten  verbundene  Aufgabe,  schon  früher 
stattgefundene  Verfälschungen  und  Versetzungen  heraus- 
zufinden vmd  bemerkbar  zu  machen,  besonders  aber  von 
den  verschiedenen  Versionen  die  besten  und  literarhistorisch 
wichtigsten  auszuwählen  und  als  ebenso  viele  Monumente 
des  Entwickelungsganges  der  Dichtiuig  neben  einander 
zu  stellen,  das  werthvolle  Fragment  nicht  minder  als  das 
vollständige  Stück.  Für  den  blossen  Kunstliebhaber,  der 
seinen  Salon  schmücken  will,  ist  freilich  der  Arm  einer 
Statue  nichts,  ein  Winkelmann  aber  wird  den  Finder 
eines  solchen  reichlich  dafür  belohnen. 

Ein  auf  diese  Weise  hergestelltes  Balladenbuch  wird 
aber  eben  das  von  Aytoun  gewtinschte  Mittel  zwischen 
den  Extremen  allzu  grosser  Dürftigkeit  und  allzu  grosser 
Ausdehnung  halten. 

L u d w ig  L  e  m c k e. 

(Sclilnss   im   nächsten   Hefte.  ) 


K;  Boizti 


Ariost's  Nachahmnno-  der  Alten. 

Dom  Schreiber  dieser  Zeilen  kam  unlänocst  die  Ab- 
liandlung  „Zur  Geschichte  der  italienischen  Poesie"  zur 
Mand,  welche  vor  mehreren  Jahren  von  Ranke  in  der 
Akademie  der  Wissenschaften  zu  Berlin  gelesen  wurde '). 
Nachdem  der  gelehrte  Verfasser  darin  flüchtig  die  Quel- 
len berührt,  aus  welchen  Ariost  die  in  seinem  (3rlando 
Furioso  eingeflochtenen  Fabeln  schöpfte,  und  darauf  hin- 
gedeutet, in  welcher  sinnreichen  Weise  der  Dichter  auch 
die  Mythologie  benutzte,  schliesst  er  mit  den  Worten: 
„Zwar  wollen  wir  nicht  mit  einigen  italienischen  Gelehr- 
ten den  Ruggiero  von  dem  Achill,  Karl  von  Latinus, 
Rodomont  von  Turnus,  Melissa  von  der  Juturna  her- 
leiten'-^); allein  unmöglich  ist  es,  in  der  Befreiung  der 
Angelica  von  dem  Meerungeheuer  duich  den  mit  Flügel- 
pferd und  Zauberschild  ausgerüsteten  Helden,  Perseus 
und  Andromeda,  in  der  Olimpia,  welche  Biren  auf  der 
Insel  verlässt,  Ariadne,  in  Medor  den  Nisus  (soll  wohl 
heissen:  den  Euryalus),  im  Orco  ein  furchtbares  Nachbild 
des  Polyphem,  zu  verkennen."  Den  Freunden  italienischer 
und  lateinischer  Poesie  dürfte  wohl  die  nachfolgende 
Durchführung  jener  Stellen,  in  welchen  Ariost  dem  Vir- 
gil,  Ovid,  Statins  und  Anderen  nachahmte,  und  zwar 
manchmal  so,  dass  die  Nachahmung  zur  Uehersetzung 
wird,  nicht  unwillkommen  sein. 


Die    zwei    bereits    in    Bojardo's   Orlando  innamorato 
vorkommenden  Brunnen  (C.  I.  St.   78)  di   divcrso   efetto^ 


')  Berlin  1837.     In  den  Abhandl.  der  Akad.  der  Wissensch. 

')  Ranke  scheint  die  Meinung  jener  italienischen  Gelehrten  nicht 
ganz  richtig  aufgefasst  zu  haben,  indem  er  annimmt,  dass  dieselben 
Ruggiero  von  Achill,  Karl  von  Latinus  u.  s.  f.  herleiteten;  während  sie 
lediglich  bemerkten,  dass  in  einzelnen  Stellungen  der  eine  mit  dem 
anderen  eine  gewisse  Aehnlichkeit  habe.  Dass  diess  in  Bezug  auf 
Karl  und  Latinus,  Melissa  und  Juturna,  Turnus  und  Rodomont,  auch 
wirklich   der   Fall   sei,   wird   man   im   Verlauf  dieses   Aufsatzes   sehen. 


Aiiost's  Nachalmiung  der  Alten.  ]^7 

wovon  der  eine  empie  il  core  dfamoroso  disio^  der  andere 
aber  bewirkt,  dass  chi  ne  bee  senza  amor  rimane,  erinnern 
an  Ovid's  (Met.  I.  468)  duo  tela  diversorvm  opcrum^ 
von  welchen  fugat  hoc,  facit  illud  mnorem. 

IL 

Indem  Virgil  (Aen.  VI.  75G)  von  Anchiscn's  Schat- 
ten dem  Aeneas  seine  Nachkommenschaft  im  Elysium 
zeigen  lässt,  nimmt  er  darans  Anlass  seinem  Gönner 
Augustus  zu  schmeichehi.  Auf  gleiche  Art  benutzt  Ariost 
eine  Begebenheit  aus  dem  bekannten  Heldenromane  Giron 
le  Courtois ')  um  ebenfalls  der  Bradamante  ihre  und 
Kuggiero's  zahlreiche  Nachkommenschaft  vorzuftihren, 
und  hierbei  (C.  III.  St.  24)  das  Lob  seiner  Gönner,  des 
Herzogs  Alfons  und  des  Cardinais  Ippolit  von  Este  zu 
singen. 

III. 

Wie  Aeneas  am  Hofe  der  Dido  in  unriihmlichem 
Miissiggange  seine  Zeit  verliert,  nee  proleni  Ausoniam  et 
Lavinia  respicit  arva  (Aen.  IV.  v.  2-L56),  so  weilt  Rug- 
giero,  seiner  Braut  uneingedenk,  am  Hofe  der  Alcina 
(C.   VII.   St.   18);   und  wie   dort   (IV.   2G6)   Mercur  den 


1)  Dem  Giron  le  Courtois  entnahm  Ariost,  einzelner  Stellen  nicht 
zu  gedenken,  Folgendes: 

1)  Die  ganze  Geschichte  der  Gabrina.  Im  französischen  Romane 
erzählt  der  fremde  Ritter  dem  Giron  von  sich  und  der  Dame ,  die  er 
gebunden  mit  sich  führt,  ungefähr  dasselbe  was  (Ar.  C.  21.  St.  11) 
Ermonidc  dem  Zerbino  von  Filandro  und  der  abscheulichen  Gabrina 
erzählt;  nur  dass  die  falsche  Anklage,  welche  die  Dame  gegen  den 
unbekannten  Ritter  vorbringt,  im  Furioso,  von  Gabrina  nicht  gegen  Fi- 
landro, sondern  später  gegen  Zerbino  ins  Werk  gesetzt  wird.  Der  böse 
Streich  aber,  welchen  die  Unholde  in  den  darauf  folgenden  Kapiteln 
des  Giron  dem  Brehus  spielt  um  ihn  zu  verderben ,  wird  im  Furioso 
(C.  2.  St.  70  ff.)  dem  Pinabello  gegen  die  Bradamante  zugedacht. 

2)  Die  Geschichte  der  Lydia  und  ihres  Undankes  gegen  Alcestc, 
welche  jener  der  Tochter  des  Königs  von  Norhomberland  und  des 
Ritters  Phebus  in  allen  l'>inzelheiten  gleicht.     Endlich 

3)  Den  Kampf  der  Marfisa,  zuerst  gegen  den  neuen  Ritter,  dann 
mit  Guidon  selvaggio  (Ar.  C.  19.  St.  80  ff.),  welchem  der  Kampf 
(Jiron's  gegen  die  zwanzig  Ritter  und  den  Herrn  vom  Thurnie  zum 
N'orbild  diente. 


Jaliil).   f.   roin.  ii.   cn'A.   Lif.      IV.    1. 


2 


J8  Bolza 

Aeneas,  rüttelt  hier  Melissa  den  Kuggiero  aus  seiner  Be- 
täubung auf.  Auch  in  Tasso's  Gerusalemme  liberata 
(C.  XVI)  kommt  etwas  Aehnliches  vor,  avo  Ubaldo  den 
in  den  Fesseln  der  Zauberin  Armida  schmachtenden  Ri- 
naldo  mahnt,  zum  christlichen  Heere  zurückzukehren. 
Nicht  ohne  Interesse  dürfte  die  Hervorhebung  des  Untci'- 
schiedes  sein,  welcher  die  Reden  der  drei  Boten  kenn- 
zeichnet. "Während  Virgil  und  sein  Nachahmer,  Tasso, 
bei  den  kurzen  Ansprachen  Mercurs  und  Ubaldo's,  keinen 
Augenblick  die  Würde  vergessen,  welche  ihnen  eigen  ist, 
und  sich  Ubaldo  kaum  eine  leichte  Ironie  erlaubt;  fällt 
Melissa,  am  Anfange  und  am  Ende  ihrer,  acht  Stanzen 
langen  Rede,  den  Ruggiero  mit  bitterem  Spotte  an,  und 
lässt  sich,  freilich  in  der  Gestalt  seines  ehemaligen  Er- 
ziehers, des  Atlante,  Ausdrücke  entschlüpfen,  welche  zu 
derb,  ja  fast  gemein  genannt  werden  müssten,  wenn  sie 
nicht  eben  durch  die  von  ihr  angenommene  Gestalt, 
und  durch  die  Eage,  welcher  sie  Ruggiero  entreissen  will, 
gerechtfertigt  erschienen. 

IV. 

Wie  Ranke  ganz  richtig  bemerkt,  ist  die  Befreiung 
der  Angelica  durch  Ruggiero  (C.  X.  St.  96  flf.)  ein  Eben- 
bild der  Rettung  der  Andromeda  durch  Perseus  (Met.  IV. 
663  ff.) ;  selbst  das  Zauberschild  Ruggiero^s  hat  in  seiner 
Wirkung  eine  grosse  Aehnlichkeit  mit  jenem  des  Perseus, 
dem  Gorgonenhaupte.  Folgende  Stellen  sind  sogar  wört- 
lich übersetzt: 

Vidit  Abautiades ,  nisi  quod  levis  aura  capillos 
Moverat,   et  tepido  luanabant  liimina  fletu, 
Marmoreum  ratus  esset  oims. 

Creduto  avria  che  fosse  statua  finta    — 

Se  non  vedea  la  lagrima  distinta    —  

E  l'aura  sventolar  1 'anrate  chiome. 


Manibusqiie  modestos 
Celasset  vultus,   si  non  religata  fuisset. 

E  coperto  con  man  s'avrebbe  il   volto. 
Se  uon  cran  legate  al   duro   sasso. 


Aiiost's  Nachahmung  der  Alten.  19 

Auch  benutzte  Ariost  bei  der  Beschreibung  der  Orca 
die  zwei  im  Ovid  vorkommenden  Gleichnisse  des  Schiffes 
(Met.  IV.  706)  und  der  Schlange,  welche  von  einem  Adler 
überfallen  wird  (ib.  714). 

Ecce  velut  navis  praefixo  eoncita  i'ostro 
Sulcat  aquas  —  — 
Sic  fera. 

Come  sospinto  suol  da  Borea  od  Ostru 
Venir  lungo  navilio  a  prender  porto, 
Cosi  ne  viene  —   — 
La  bestia  orrenda. 


Utque  Jüvis  praepes  vacuo  cum  vidit  in  arvu 
Pi-aebentem  Phoebo  liventia  terga  draconem, 
Occupat  adversum,   neu  saeva  retorqueat  ora  , 
Squamigeris  avidos  figit  cervicibus  ungues : 
Sic  etc. 

Come  d'alto  venendo  aquila  suole 
Ch'errar  fra  l'erbe  visto  abbia  la  biscia, 
O  che  stia  sopra  un  nudo  sasso  al  sole 
Dove  le  spoglie  d'oro  abbella  e  liscia; 
Non  assalir  da  quel  lato  la  vuole, 
Onde  la  velenosa  e  soffia  e  striscia, 
Ma  da  tergo  Tadugna  e  hatte  i  vanni 
Accio  non  se  le    volga  e  non  l'azzanni: 

Cosi  ec. 

Doch  nicht  damit  zufrieden,  fügte  er  dem  letztange- 
führten klassischen  Gleichnisse  ein  zweites  in  seiner 
leichten  Manier  hinzu,  indem  er  die  von  Ruggiero  ge- 
plagte Orca  mit  einem  Hunde  vergleicht,  welcher  von 
einer  zudringlichen  Fliege  bald  in  die  Augen,  bald  in 
die  Schnauze  gestochen  wird. 

Simil  battaglia  fa  la  mosca  audace 
Contra  il  mastin  nel  polveroso  Agosto  ■ —  — 
Negli  occhi  il  piinge  e  nel  grifo  mordace 
Volagli  intorno  e  gli  sta  sempre  accosto: 
E  quel  sonar  fa  spesso  il  dente  asciutto , 
Ma  un  tratto  che  gli  arrivi  appaga  il  tutto. 

Schliesslich  muss  hier  des  allerliebsten  Bildes  aus 
Virgil  (Aen.  XII.  1)1'2)  Erwähnung  gemacht  werden,  wel- 
ches unser  Dichter  auf  Angelica  bezieht. 


20  Bol^'i 

liidum  sanguineo  veliiti   violaverit  ostro 

Si  quis  ebtir,   —  fales  ^il•go  dabat  oro  coloros. 

Forza  e  ch'a  quel  parlarc  ella  divegna 
Qual  e  di  graim  iin  bianco  avorio  asperso. 


Die  Lage  der  auf  der  unbewohnten  Insel  verlasseneu 
ülimpia  gleicht  allerdings  jener  der  Ariadne,  doch  weiter 
geht  die  Aehnlichkeit  nicht;  denn  üvid  fertigt  die  letztere 
mit  dritthalb  Versen  ab  (Met,  VIII.  174),  während  Ariost 
seiner  Olinipia  einen  bedeutenden  Raum  in  seiner  Dar- 
stellung gewährt,  und  hierzu  Bruchtheile  aus  vier  der 
Ovid'schen  Mährchen  benutzt. 

1)  Die  ersten  sechs  Verse  der  St.  23.  C.  X  über- 
setzte Ariost  aus  der  Geschichte  der  Ino  (Met.  IV.  ,525). 

Imminet  aequoribus  scopulus;  pars  iiua  cavatur 
Fluctibus  et  tectas  defendit  ab  imbribus  iindas ; 
Summa  riget,  frontemque  in  apertum  porrigit  aeqnor: 
Ocoupat  hunc   (vires  iiisania  fecerat)  Ino. 

Quivi  sorgea  nel  lifo  estremo  un  sasso , 
Cb'aveano  l'onde  col  picchiar  frequente 
Cavo  c  ridotto  a  guisa  d'arcu  al  basso , 
E  stava  sopra  11  mar  curvo  e  pendente: 
Olimpia  in  cima  vi  sali  a  gran  passo, 
(Cosi  la  facea  Tanimo  possente). 

2)  Die  Klagen  Olimpia's  (C.  X.  St.  30)  sind  jenen 
der  Tochter  Niso's  (Met.  VIII.  113)  nachgeahmt. 

Quo  fugis,  inmitis?  —    — 

Nam  quo  deserta  revertar? 
In  patriam?    superata  jacet.     Sed  finge  manere: 
Proditione  mea  clausa  est   mibi.     Patris  ad  ora, 
Quae  tibi  donavi?  cives  ödere  merentem. 


Dove  fuggi,  crudel?   —  — 

Ma  presuppongo  ancor  ch'or  ora  arrivi 
Noechier  che  per  pieta  di  qui  mi  porti  —  — 
Mi  portera  ferse  in  Gianda,  s'ivi 
Per  te  si  guardan  le  fortezze  e  i  porti? 
Mi  portera  alla  terra  ove  son  nata, 
Se  tu  con  fraude  gia  nie  l'hai  levataV 


Ariost's  Nachahmung  der  Alten.  21 

3)  Die  falschen  Liebkosungen  Biren's  gegen  die  junge 
Tochter  Cimosco's,  und  die  entsprechenden  Betrachtungen 
des  Dichters  (C.  X.  St.  15)  entnahm  Ariost  der  Ge- 
schichte des  Tereus  (Met.  VI.  472). 

Proh  superi ,  quautuni  mortalia  pectora  caecae 
Noctis  habent!  Ipso  sceleris  molimine  Tereus 
Creditur  esse  pius,  laudemque  a  erimine  sumit. 

Oh  soinrao  Dio,  come  i  giudicii  umani 
Spesso  oflfuscati  sou  da  im  nembo    oscuro! 
I  modi  di  Bireno,  empii  e  profani, 
Pietosi  e  santi  ripiitati  furo. 

4)  Endlich  sind  folgende,  auf  das  Meerungeheuer 
Bezug  nehmende  Stellen  (C.  XI.  St.  34  und  40)  aus  der 
Fabel  der  Andromeda  (Met.  IV.  689—690,  721—722). 

Insonuit,  veniensque  immenso  bellua  ponto 
Eminet,  et  latum  sub  pectore  possidet  aequor. 

Gonfiansi  l'onde,  cd  ecco  il  mostro  appare , 
Che  sotto  il  petto  ha  quasi  ascoso  il  mare. 


Vulnere  laesa  gravi  modo  se  sublimis  in   auras 
Attollit,  modo  subdit  aquis. 

Dal  dolor  vinta  or  sopra  il  mar  si  slancia ,  —  — 
Or  dentro  vi  si  attuffa. 

Dagegen  ersetzte  Ariost  das  Ovid^sche  Bild  eines 
von  den  Hunden  gehetzten  Ebers  (Met.  IV.  722) 

Modo  more  ferocis 
Versat  apri,  quem   turba  canum  circumsona  terret, 

durch    das    eines   wilden   Stiers,  welchem    plötzlich    eine 
Schlinge  um  die  Hörner  geworfen  wird   (C.  XI.  St.  42): 

Come  toro  selvatico ,  ch'al  corno 
Gittar  si  senta  im  improviso  laccio  ec. 

VI. 

Vergleicht  man  die  Casa  del  Sonno  des  Ariost 
(C.  XIV.  St.  {)'>)  mit  ignaci  domus  et  penetralia  Somni 
des  Ovid  (Met.  XI.  592),  so  wird  man  angenehm  von 
der  Verschiedenheit  überrascht,  welche,  bei  Behandlung 


22  Bülza 

desselben  Gegenstandes,  zwischen  beiden  herrscht.  Folgt 
auch  Ariost  anfangs  seinem  Muster,  so  verlässt  er  es 
doch  bald,  um  seinen  eigenen  Weg,  ja  einen  entgegen- 
gesetzten zu  gehen.  So  ist  z.  B.  b(ü  Ovid  keine  Gestalt 
im  Hause  des  Schlafes  zu  sehen  oder  zu  hören;  kein 
Wächter  hütet  die  Schwelle,  custos  in  limine  malus ',  wäh- 
rend bei  Ariost  zu  beiden  Seiten  des  Schlafes  der 
Müssiggang  und  die  Faulheit  liegen,  an  der  Thür  die 
Vergessenheit  den  Eingang  wehrt,  imd  vor  dem  Hause 
das  Schweigen  in  Filzschuhen  die  Runde  macht,  und 
Jedem  dem  es  begegnet,  von  weitem  mit  der  Hand  winkt, 
sich  ja  nicht  zu  nähern. 

vn. 

Die  Verwüstung  von  Paris  durch  Rodomont  (C.  XVII. 
St.  9)  bietet  unserem  Dichter  eine  willkommene  Gelegen- 
heit, der  im  zweiten  Buche  der  Aeneis  (447,  dann  485) 
vorkommenden  Schilderung  des  Unterganges  von  Troja 
manches  zu  entlehnen. 

Auratasque  trabes ,  vcteriira  decora  alta  parentum 
Devolvunt. 

E  legne  e  pietre  vanno  ad  iina  sorte, 

Lastre  e  colonne  e  le  dorate  travi , 

Che  furo  in  pregio  alli  lor  padri  e  agli  avi. 


At  domus  interior  gemitu  miseroque  tiimultn 
Miscetur ;  i^enitusque  cavae  plangoribus  aedes 
Femineis  iilulant:  ferit  aurea  sidera  clamor. 
Tum  pavidae  tectis  matres  ingentibus  errant, 
Amplexaeque  tenent  postes,  atque  oscula  figuiit. 

Suonar  per  gli  alti  e  spaziosi  tetti 
S'odono  gridi  e  feminil  lamenti. 
Le  afflitte  donne,  percuotendo  i  petti , 
Corron  per  casa  pallide  e  dolenti , 
E  abbraccian  gli  usci  e  i  geniali  letti. 

Besondere  Beachtung  verdient  die  Gestalt,  einerseits 
des  Pyrrhus  (469),  andrerseits  des  Rodomont  (St.  11), 
mit  dem  prachtvollen  Gleichnisse  einer  Schlange,  welche, 
nach    Abstreifung    der    alten    Haut,     in    vollem    Glänze 


Ariost's  Nachahmung  der  Alten.  23 

prangt,   und    verjüngt   und   kräftiger   als  je,    durch   ihren 
schrecklichen  Anblick  alle  Thiere  verscheucht. 

Vestibiilum  ante  ipsum  primoque   in  limine  Pyrrhus 

Exsultat,  telis  et  luce  coruscus  ahena: 

Qualis  ubi  in  lucem  coluber,  mala  gramina  pastus, 

Frigida  sub  terra  tumidum  quem  bruma  tegebat, 

Nunc  positis  novus  exuviis,  nitidusque  juventa, 

Lubrica  convolvit  sublato  pectore  terga 

Arduus  ad  solem ,  et  unguis  micat  ore  trisulcis. 

Sta  SU  la  porta  il  Re  d'Algier,  lucente 
Di  chiaro  acciar,  che'l  capo  gli  arma  e'l  busto, 
Come  uscito  di  tenebre  serpente, 
Poi  c'ha  lasciato  ogni  squallor  vetusto: 
Del  nuovo  scoglio  altiero,    e  che  si  sente 
Ringiovenito  e  piü  che  mai  robusto, 
Tre  liugue  vibra,  ed  ha  ne  li  occlii  il  foco : 
Dovunqne  passa  ogni  animal  da  loco. 

Als  aber  Rodomont  (C.  17.  St.  14,  dann  C.  18.  St.  21), 
von  Karl  und  seinen  Paladinen  gedrängt,  sich  in  die 
Seine  stürzt,  um  sich  ans  andere  Ufer  zu  retten,  ist  in 
ihm  Turnus  nicht  zu  verkennen,  w^ie  dieser  am  Ende 
des  IX.  Buches  der  Aeneis,  ebenso  sein  Heil  darin  sucht, 
dass  er  sich  in  den  Tiber  stürzt,  der  ihn  ans  andere 
Ufer  in  Sicherheit  bringt.  Folgende  Stellen  sind  fast 
wörtlich  aus  dem  Virgil  übersetzt: 

Quo   deiude  fugam?  quo  tenditis?  inquit. 
Quos  alios  muros ,  quse  jam  ultra  moenia  habetis? 
Unus  homo,  et  vestris,  o  cives,  undique  septus 
Aggeribus,  tantas  strages   impune  per  urbem 
Ediderit? 

Dove  fuggite,  turba  spaventata? 
Non  e  tra  voi  chi  '1  danno  suo  contempli? 
Che  citta,  che  refugio  piu  vi  resta, 
Quando  si  perda  si  vilmente  questa? 

Dunque  un  uom  solo,  in  vostra  terra  preso, 
Cinto  di  mura  ende  non  puo  fuggire, 
Si  partira  che  non  l'avrete  ofleso, 
Quando  tutti  v'avr'a  fatto  morire  ? 


—  —  Turnus  paulatim  excederc  pugna  , 

Et  fluvium  petere   nc  partem  qua?  cingitur  uu'la. 


24  Bolza 

Ma  tutta  vi)lta  cul  peii.sicr  disiorre, 
Dove  sia  per  iiscir  via  piu  siciira. 
Capita  al  fin  tlüve  la  Senna  corre 
Sotto  all'isola,  e  va  fiior  dv,  le  niura. 


Ceu  sPevuni  tiuba  leoiK'iu 
Quiini  telis  premit  iufensis:  at  territus  ille, 
Asper,  acerba  tuens,  retro  redit;  et  neque  terga 
Ira  dare  aut  vii*tus  patitur;  nee  tendere  contra 
Ille  quidem,  hoc  cupiens,  potis  est  per  tela  viros»HK'. 
Haud  aliter  etc. 

Qual  per  le  sehe  nomadi  o  massile 
Cacciata  va  la  generosa  belva , 
Che  ancor  fuggendo  niostra  11  cor  gentile, 
E  minacciosa  e  lenta  si  rinselva; 
Tal  ecc. 

VIII. 

Dem  ürco,  wie  er  im  Bojardo  und  Ariost  (C.  17. 
St.  29)  erscheint,  diente  zweifelsohne  der  Homerische 
Polyphem  (Odyss.  IX.  2]())  zum  Vorbilde,  doch  nicht 
so,  dass  man  den  ersteren  unbedingt  als  eine  Kopie  des 
letzteren  anzusehen  habe.  Polyphem  hat,  bis  auf  das  ein- 
zige Auge,  eine  menschliche  Gestalt;  er  ist  der  Sohn 
des  Poseidon;  lebt  mit  den  anderen  Kyklopen  in  einer 
Art  Gemeinschaft.  Der  Orco  ist,  obwohl  mit  der  Sprache 
begabt,  durch  und  durch  ein  Unthier.  Die  Blendung  des 
Polyphem,  eine  Hauptbege1)enheit  in  der  Homer'schen 
Geschichte,  fällt  beim  Ariost  weg;  der  Orco  ist  von 
!Natur  blind.  Auch  die  List,  durch  welche  die  Bettung 
herbeigeführt  wird,  ist  bei  den  zwei  Dichtern  nicht  ganz 
gleich.  Der  Ilauptunterschied  zwischen  den  beiden  Fa- 
beln besteht  aber  in  den  Motiven,  aus  welchen  Odysseus 
und  Norandin  in  die  Höhle  des  Ungeheuers  eindringen; 
und  hierin  ist  die  moderne  Sage  offenbar  im  Vortheile. 
Indem  nämlich  Odysseus  lediglich  aus  V^^issbegierde,  und 
die  Gefahr  nicht  ahnend,  der  er  sich  aussetzt,  hinein- 
geräth,  geht  Norandin,  statt  sich  auf  dem  Schifte  zu  ret- 
ten, welches  ihm  die  Seinigen  senden,  rein  aus  Liebe 
zu  seiner  Frau,  einem  beinahe  sicheren  gräulichen  Tode 
entgegen. 


Ariost's  Nachahmung  der  Alten.  25 

IX. 

Der  junge  Dardinello,  welcher  im  Kampfe  die  Sei- 
nigen ermuthigt  (C.  XVIII.  St.  50),  ist  dem  Virgil'schen 
Pallas  (Aen.  X.  369)  nachgebUdet. 

Quo  fugitis ,  socii?  per  vos  et  fortia  facta, 
Per  ducis  Evandri  nomen,  devictaque  bella, 
Spemque  meam,  patriae  quae  nunc  subit  aeniula  laiidi , 
Fidite  ne  pedibus.  —  — 

Mortali  urgemur  ab  hoste 
Mortales :  totidem  nobis  animaeque  manusque. 

State,   vi  prego  per  mia  verde  etade, 

In  eui  solete  avef  si  larga  speme. 

Deh !  non  vogliate  andar  per  fil  di  spade.  —  — 

Se  Almonte  merito  ch'  in  voi  si  serbe 
,  Di  lui  memoria ,  or  ne  vedro  l'efietto , 

lo  vedrö  (dicea  lor)  se  me,  suo  figlio, 
Lasciar  vorrete  in  cosi  gran  periglio.  —  — - 

Non  han  di  noi  piii  vita  grinimici , 

Pill  d'un'  alma  non  han,  piü  di  due  mani. 

Hierauf  tödten  die  beiden  jungen  Helden  mehrere 
Feinde;  doch  dauert  es  nicht  lange,  dass  dem  einen 
Turnus,  dem  andern  Rinald  den  Todesstoss  gibt.  Auch 
hier  tritt  die  bereits  angedeutete  eigene  Art  der  beiden 
Dichter  hervor.  Im  Begriffe  seinen  Spiess  gegen  Pallas 
zu  schleudern,  welcher  ihn  mit  dem  seinigen  früher  ge- 
troJÖPen,  aber  nicht  einmal  verwundet  hatte,  ruft  Turnus 
ihm,  nach  langem  Zielen,  im  feierlichen  Tone  zu: 
Adspice  nuni  raage  sit  nostrnm  penetrabile  tclum. 

üenau  dasselbe  ruft  Rinald  dem  Dardinello   zu,   aber  im 
leichten  Tone,  nicht  ohne  Lächeln: 

Rise  Rinaldo,  e  disse:  lo  vo'  tu  senta 
S'io  so  mcglio  di  te  trovar  la  vena. 

Den  Vers  Virgil's,  welcher  den  Schrecken  schildert, 
der  die  Krieger  des  Pallas  iiberfällt,  als  Turnus  gegen 
ihn  vorriickt: 

Frigidus  Arcudibus  coit  in  praccordia  sanguis , 

["ibersctzt  Ariost  (C.  XVIII.  St.  151)  sicherlich  mit  iliu- 
blick  auf  die  Stelle  (Aen.  III.  29): 


26  Bol/a 


Mihi   frigidiis  hoiror 
Mcmbra  quatit,  gelidusque  coit  furmidine  sanguis, 


wie  folgt: 

Un  timor  freddo  tutto  '1  sangue  oppresse , 
Che  gli  Africani  aveano  intorno  al  core. 

Zum  Schlüsse  versetzte  er  hierher  (St.  153)  das  schöne 
Gleichniss  einer  vom  Pfluge  geknickten  Blume,  welches 
Virgil  auf  Kuryalus  bezieht  (Aen.  IX.  435): 

Purpureus  veluti   quum  flos   succisus   ai'atro 
Languescit  rngriens;   lassove  papavera  coUo 
Demisere  caput,  pluvia  quum  forte  gravantur. 

Come  purpureo  fior  languendo  more 
Che  '1  vomere  al  passar  troncato  lassa, 
0  come,  carco  dl   soverchio  umore, 
II  papaver  nell'orto  11  capo  abbassa. 


Man  pflegt  die  schöne  Episode  von  Cloridan  und 
Medor  (C  XVIII.  St.  1G5,  dann  C.  XIX.  1—15)  als 
eine  Nachahmung  jener  von  Euryalus  und  Nisus  (Aen.  IX. 
176)  zu  betrachten,  was  auch  seine  Richtigkeit  hat.  Doch 
darf  man  nicht  übersehen,  dass  Ariost  beinahe  ebenso 
viel  als  von  Virgil,  von  Statins^)  entlehnte,  dessen  Ge- 
schichte des  Hopleus  und  Dymas  (Theb.  X.  348)  aller- 
dino-s  auch  an  Virgil  erinnert,  aber  sowohl  in  der  Anlage, 
als  in  den  Einzelheiten  auf  eine  gewisse  Originalität  An- 
spruch machen  darf,  und  grosse  Schönheiten  enthält. 
Meister  Lodovico  nahm  aus  beiden  das  Beste,  und  passte 
es  so  geschickt  und  glücklich  seinen  Zwecken  an,  dass 
ich  nicht  anstehen  würde  zu  behaupten,  der  Episode  von 
Cloridan  und  Medor  gebühre  vor  den  zwei  älteren 
Schwestern  die  Palme,  wollte  man  von  dem  Verdienste 
der  Originalität  absehen.     Es  wird  sich  die  Mühe  lohnen. 


')  Wollte  man  hier  von  allen  Stellen  aus  den  bekanntesten  Heiden- 
gedichten Erwähnung  machen,  welche  mit  der  Episode  von  Cloridan 
und  Medor  eine  Aehnlichkeit  haben ,  so  dürften  nicht  aus  der  Ilias  der 
nächtliche  Streifzug  des  Odysseus  und  des  Diomedes ,  und  aus  der 
Gernsalemrae  liberata  jener  der  Clorinda  und  des  Argante  vergessen 
werden. 


Ariost's  Nachahmung  der  Alten.  27 

etwas  näher  nachzusehen,  wie  sich  die  drei  Erzählungen 
zu  einander  verhalten. 

Hopleus  vmd  Dymas  sind  durch  keine  besondere 
Charakterisirungr  von  einander  unterschieden: 

dilecti  regibus  ambo , 
Regum  ambo  comites ,  qnorum  post  fiinera  raoesti 
Vitam  indignantur. 

Ihre  Freundschaft  ist  kaum  durch  ein  care  Dyma 
angedeutet:  beiden  liegt  gleich  am  Herzen,  den  Leich- 
nam des  Tydeus, 

teneant  quem  jam  fortasse  volucres 
Thebanique  canes , 

nicht  auf  dem  Schlachtfelde  unbegraben  zu  lassen. 

Cloridan  und  Medor  sind  ebenfalls  von  dem  frommen 
Wunsche  getrieben,  ihres  Herrn  und  Königs,  Dardinello, 
Leichnam , 

rimaso  al  piano, 
Per  liipi  e  corbi,  ohime!  troppo  degna  esca, 

ZU  bestatten:  allein  jeder  von  ihnen  hat  eine  bestimmte 
Persönlichkeit,  und  zwar  so,  dass  der  eine  mit  dem 
Virgil'schen  Euryalus,  der  andere  mit  Nisus  eine  unver- 
kennbare Aehnlichkeit  hat. 

iSisus  erat  portae  custos ,  acerrimus  armis , 
Hyrtacides,  comitem  Aeneae  quem  miserat  Ida 
Venatrix,  jaculo  celerem  levibusque  sagittis: 
Et  juxta  comes  Euryalus ,  quo  pulchrior  alter 
Non  fuit  Aeneadura ,  Trojana  neque  induit  arnia , 
Ora  puer  prima  signans  intonsa  juventa. 

Cloridan,  cacciator  tutta  sua  vita, 
Di  robusta  persona  era  cd  isnella. 
Medoro  avea  la  guancia  colorita, 
E  bianca  e  grata  ne  la  eta  novella; 
E  fra  la  gente  a  quclla  inipresa  uscita 
Non  era  faccia  piü  gioconda  e  bella. 

Hat  also  Ariost  das  schöne  Motiv  des  Abenteuers 
von  Statins  entlehnt,  so  folgte  er,  was  die  Persönlichkeit 
der  beiden  Freunde  betrifft,  dem  Virgil,  jedoch  so,  dass 
er  am  Anfange  d(>r  Geschichte  ihre  Rollen  wechselt. 
Indem  nämlich  Cloridan,  wie  gesagt,  dem  Nisus,  und 
Medor    dem    Euryalus    entspricht,    gelit    bei    Virgil    von 


28  Bolza 

Nisus,  bei  Ariost  aber  von  Medor  der  Vorschlag  aus, 
sich  ins  feindliche  Lager  zu  begeben,  was  den  zarten, 
beinahe  inädchenhaft  geschilderten  Jiingling  um  so  in- 
teressanter macht.  —  Dass  der  blonde  weiss-  und  roth- 
wangige  Medor  keinem  Mauren  ähnlich  sieht,  darauf 
ninnnt  unser  Dichter  keine  Rücksieht. 

In  der  Thebais  hat,  wie  die  Episode  eingeführt 
wird,  das  Gemetzel  der  Feinde  bereits  stattgehabt. 
Hopleus  und  Dymas  befinden  sich  auf  dem  Schlachtfelde; 
der  letztere  wendet  sich  an  die  Cynthia  mit  der  Bitte,  sie 
möge  ihnen  zeigen  wo  der  erschlagene  König  liegt. 

Sic  ait:  Arcanae  moderatrix  Cynthia  noctis, 
Si  te  tergeminis  perhibent  variare  figuris 
Numen,  et  in  silvas  alio  dcscendere  vultu , 
nie  comes  nuper,  neraorumque  insignis  alumnus  , 
Ute  tuus,  Diana,   puer  (nunc  respice  saltem) 
Quaeritur.     Incendit  pronis  dea  curribus  almum 
Sidus,    et  adnioto  monstravit  fiinera  cornu: 
Apparent  campi,  Thebaeque ,  altusque  Citheron. 

Nicht  so  bei  Virgil  und  Ariost.  In  der  Aeneis  be- 
geben sich  Nisus  und  Euryalus  zu  den  Ersten  des  Heeres, 
um  sich  die  Erlaubniss  zu  dem  gefährlichen  Unternehmen 
auszubitten,  welche  ihnen  mit  vielen  Aufmunterungs- 
worten und  Geschenken  zu  Theil  wird.  Im  Furioso  bleibt 
dieser  Zwischenfall  aus;  und  nun  geht's  in  beiden  Ge- 
dichten ans  Schlachten,  wobei  Ariost  seinem  Muster 
Schritt  für  Schritt  folgt.  Das  erste  Opfer  ist  einerseits 
Rhamnes 

Rex  idem ,  et  regi  Turno  gratis^imus  aiigiir, 
Sed  non  augurio   potuit  depellere  pe.stem; 

anderseits  der  gelehrte  Alfeo 

Medico  e  mago  e  pien  d'astrologia: 
Ma  poco  a  questa  volta  gli  sovvenne. 

Aus  dem  Virgirschen  Serranus 

illa  qiii  plurima  nocte 
Luserat,  insignis  facie ,  multoque  jacebat 
Membra  deo  viotus:  felix  si  proteniis  illuni 
Aequasset  nocti  ludum,  in  lucemque  tulisset! 


Ariost's  Nachahmung  der  Alten.  29 

macht  Ariost 

un  Grecü  ed  un  Tedosco  —  — 
Che  de  la  notte  avean  goduto  al  fresco 
Gran  parte,  or  con  la  tazza,  ora  eol  dadu. 
Felici  se  vegghiar  sapeano  a  desco 
Fin  che  dell'  Indo  il  sol  passasse  il  guado ! 

Der  furchtsame  Rhoetus 

Pectore  in  adverso  totiim  cui  comminus  ensem 
Coudidit  assurgenti ,  et  multa  morte  recepit. 
Purpuream  vomit  ille  animam,  et  cum  sanguine  niixta 
Vina  refert  moriens; 

hat  sein  Ebenbild  in  dem  miser  Grillo. 

Troncogli  il   capö  il  Saracino  audace; 
Esce  col  sangue  il  vin  per  uno  spillo. 

Nun  folgt  das  Gleichniss  des  hungrigen  Löwen  im 
gefüllten  Stalle^): 

Impastus  ceu  plena  leo  per  ovilia  turbans, 
Suadet  enim  vesana  fames,  mauditque,  trahitque 
Molle  pecus  mutumqiie  metn;  fremit  ore  crueiito. 
Nee  minor  Eiiryali  caedes. 

Come  impasto  leone  in  stalla  piena , 
Che  lunga  fame  abbia  smacrato  e  asciutto , 
Uccide,  scanna,  niangia ,  e  a  strazio  mena 
L'infermo  gregge  in  sua  balia  condutto.  —  — 
La  spada  di  Medoro  anco  non  ebe. 

Bis  hierher  gehen  die  zwei  Dichter,  wie  man  ge- 
sehen hat,  Hand  in  Hand;  nun  verlässt  aber  Ariost  den 
Virgil  um  zu  Statius  zuriickzukehren.  Euryalus  und 
Nisus,  des  Würgens  müde,  suchen  das  Weite:  Medor, 
kaum  hofiend,  auf  dem  grossen  Schlachtfelde,  imter  den 
vielen  Leichen  die  des  Dardinell  finden  zu  können,  wen- 
det sich  zur  Luna  mit  der,  der  oben  angeführten  Stelle 
des  Statius  entnommenen  Bitte,  ihm  zu  zeigen  wo  der 
Gesuchte  liegt.  —  Auch    hier   kann   ich  nicht   umhin    zu 


^)  Bei  Statius  ist  es  ein  Tiger 

Caspia  non  aliter  niagnoriim  in  strage  juvencnm 
Tigris,  ubi  immenso  rabies  placata  cruore, 
Lassavitque  genas,  et  crasso  sordida  tabc» 
Confudit  maculas,  spectat  stta  facta,  <l(>lotque 
15efeeis.se  famcm. 


30  ß^i'-^ 

bemerken  dass  der  Umstand,  dass  die  Worte  des  grie- 
chischen Dyraas  über  die  drei  Gestalten  der  Göttin  im 
Munde  (Jes  afrikanischen  Medor  seltsam  klingen  müssen, 
unseren   Dichter  wenig  künunert. 

0  Santa  dea,  che  dagli  antichi  no.-;tri 
Debitamente  sei  detta  triforme, 
Ch'  in  cielo,  in  terra,  e  ne  l'inferno  mostri 
L'alta  bellezza  tua  sotto  piü  forme, 
E  ne  le  selve  dl  fere  e  di  mostri 
Vai  cacciatrice,  seguitando  l'orme, 
Mostrami  ove  '1  mio    re  giaccia  fra  tanti, 
Che  vivendo  imito  tuoi  studii  santi. 

La  luna,  a  quel  pregar,  la  nube  aperse 
(0  fosse  caso ,  o  pur  la  tanta  fede) 
Bella  come  fu  allor  ch'ella  s'offerse 
E  nuda  in  braccio  a  Endimion  si  diede. 
Con  Parigi  a  quel  lume  si  scoperse 
L'un  campo  e  l'altro ,  e  '1  monte  e  '1  plan  si  vede. 
Si  videro  i  due  colli  di  lontano , 
Martire  a  destra,  e  Leri  all'altra  mano. 

Auch  bei  Virgil  fleht  Nisus,  als  er  seinen  Euryalus 
von  Feinden  umringt  sieht,  die  Luna  an,  doch  mit  an- 
deren Worten,  und  zu  einem  anderen  Ende: 

Tu,  dea,  tu  praesens  nostro  succurre  labon, 

Astrorum  decus,  et  nemorum  Latonia  custos. 

Si  qua  tuis  umquam  pro  me  pater  Hyrtacus  aris 

Dona  tulit;  si  qua  ipse  meis  venatibus  auxi, 

Suspendive  tholo ,  aiit  sacra  ad  fastigia  fixi ; 

Hunc   sine  me  turbare  globum,  et  rege  tela  per  auras. 

Was  hierauf  bei  Ariost  folgt  ist  theils  dem  einen, 
theils  dem  anderen  der  zwei  lateinischen  Dichter  entnom- 
men. Bei  allen  dreien  werden  die  Abenteurer  von  feind- 
lichen Reitern  überfallen:  bei  Virgil  und  Ariost  suchen 
sie  in  einem  alten  Walde  der  Verfolgung  zu  entgehen, 
was  auch  dem  einen  (Nisus  und  Cloridan)  gelingt;  doch 
kaum  wird,  bei  allen  drei  Dichtern,  der  schon  in  Sicher- 
heit Befindliche  gewahr ,  dass  der  Freund  zurückgeblie- 
ben ist,  so  kehrt  er  um,  und  greift  wie  ein  Verzweifelter 
die  Feinde  an,  bis  er  der  Ueberzahl  erliegt.  Zum  Schlüsse 
übersetzt  Ariost  aus  Statins  das  herrliche  Gleichniss  der 
in  ihrer  Höhle  von  Jägern  angegriffenen   Löwin,   welche 


Ariost  s  Nachahmung  der  Alten.  31 

Ariost  aber  zu  einer  Bärin  macht,  —  während  Virgil 
mit  dem  lieblichen  bereits  angeführten  Bilde  der  vom 
Pfluge  geknickten  Blume  schliesst. 

Ut  lea  quam  saevo  foetam  pressere  cubili 
Venantes  Numidae,  natos  erecta  superstat 
Mente  sub  incerta,  torvum  ac  miserabile  frendens. 
lila  quidem  turbare  globos,  et  frangere  morsu 
Tela  queat,  sed  prolis  amor  crudelia  vincit 
Pectora,  et  a  media  catulos  circumspicit  ira. 

Come  orsa,  che  Talpestre  cacciatore 
Ne  la  pietrosa  tana  assalito  abbia, 
Sta  sopra  i  figli  con  incerto  core, 
E  freme  in  suonö  di  pieta  e  di  rabbia : 
Ira  la  invita  e  natural  furore 
A  spiegar  l'ugne  e  a  insanguinar  le  labbia, 
Amor  la  intenerisee,  e  la  ritira 
A  riguardare  ai  figli  in  mezzo  all'ira. 

Zuletzt  will  ich  nicht  unterlassen  auf  den  befriedi- 
genden Ausgang  hinzudeuten,  den  die  Geschichte  bei 
Ariost  in  Bezug  auf  Medor  nimmt.  In  den  beiden  latei- 
nischen Heldengedichten  finden  beide  Freunde  den  Tod : 
im  Furioso  stirbt  nur  der  muthige  aber  rohe  Cloridan, 
welcher  um  sich  zu  retten  die  dem  Medor  so  theure 
Bürde,  den  Leichnam  Dardinello's,  abwirft,  indem  er 
bemerkt: 

Che  sarebbe  pensier  non  troppo  accorto 
Perder  duo   vivi  per  salvare  uu  morto; 

Medoro  aber, 

fedele  e  grato 
Ch'in  vita  e   in  niorte  ha  '1  suo  signore  amato , 

wild  nur  verwundet,  und  findet  später  für  seine  Liebe 
und  Treue  in  den  Armen  der  schönen  Angelica  den  ver- 
dienten Ivohn. 

XL 

Der  Schrecken  erregende  Ruf  der  Zwietracht  (C  27. 
St.  101)  ist  jenem  der  Alecto  (Aen.  VII.  515)  nach- 
oeahmt : 

Contreuiuit  nemus,   et  silvae  intonuere  profund;ic. 

Audiit   et  Triviae  longa  lacus;  audiit  amnis 

Sulfurea  Nar  albus  aqua,  fontesque   Velini ; 

Kt  trepidae  inatres  jirossere  ad  pectora  natos. 


32  Bt>lza 

Tiemu  Tarigi  e  torbidossi  Sennn 
AU'alta  voce,  a  quell' orribil  grido; 
llimborabo  il  suon  fin  alla  selva  Ardeniia  , 
Si  clie  lasriar  tutte  le  fere  il  nido. 
Udiron  FAlpi  e  il  nionte  di  Gebeiina , 
Di  Blaja  e  d'Arli  e  di    Roano  il  lido: 
liodano  e  Sonna  udi ,  Garonna  e  il  Rcno; 
Si  strinsero  le  madri  i  ligli  al  seiio. 

XII. 

Der  Senapo  oder  Pretejanni  (C.  XXXIII.  St.  106) 
ist  eine  Kopie  des  thrakisclien  Königs  Phineus,  dessen 
Geschichte  im  Apollonius  und  noch  ausführlicher  im 
4.  Buche  der  Argonautica  des  Valerius  Flaccus  zu  lesen 
ist.  In  Bezug  auf  die  Harpyen  sind  noch  die  entspre- 
chenden Stellen  aus  Homer  mid  Ovid,  namentlich  aber 
jene  aus  Virgil  (Aen.  III.  215)  und  Dante  (Inf.  C.  XTII) 
zu  A^erffleichen. 

xiir. 

Der  Schlauch,  in  welchem  Astolf  den  ,,fiero  Noto" 
längt  (C.  XXXVIII.  50),  erinnert  au  jenen,  welchen 
Aeolus  dem  Odysseus  mit  auf  die  Reise  gibt  (Odyss.  IL  19), 
xmd  die  Steine,  welche  sich  in  Pferde  verwandeln 
(ib.  33),  sind  eine  Kopie  der  von  Deucalion  und  Pyrrha 
geworfenen  Steine,  die  zu  Menschen  werden  (Met.  I.  400). 

Sasa  (quis  hoc  credat,  nisi  sit  pro   teste  vetustas) 
Ponere  duritiem  coepere,  suumque  rigoi-era, 
I^Iollirique  mora,  mollitaque  ducere  formam. 

I  sassi ,  fuor  di  natural  ragione 

Crescendo,  si  vedean  venire  in  giuso , 

E  formar  ventre  e  ganibe  e  collo  e  niuso. 

XIV. 

Wie  Aeneas  und  Latinus  (Aen.  Xll.  St.  112),  gelo- 
ben Kaiser  Karl  und  Agramant  (C.  XXXVIII.  St.  51) 
ihrem  Streite  durch  einen  Zweikampf  ein  Ende  zu  machen; 
und  wie  bei  Virgil  Juturna  in  der  Gestalt  des  Camertes, 
bewirkt  bei  Ariost  Melissa  in  der  Gestalt  des  Eodomont, 
dass  der  Vertrag  gebrochen  wird,  nur  mit  dem  Unter- 
schiede,   dass    bei    dem    ersteren    die    Störung   noch   vor 


Ariost's  Nachahniinig  der  Alten.  33 

dem  Anbeginn  des  Kampfes  stattfindet,  während  derselbe 
im  Furioso  bereits  begonnen  hat.  —  Auch  in  der  Geru- 
salemme  liberata  findet  sich  eine  ähnliche  Lage.  Als 
Argant  im  Kampfe  gegen  den  vom  Himmel  beschützten 
Raimund  sich  offenbar  im  NachtHeile  befindet,  kommt 
ihm  die  Hölle  zu  Hülfe,  indem  Oradiu  von  der  Schein- 
gestalt der  Clorinda  irre  geführt,  meuchlerisch  einen 
Pfeil  gegen  Kaimund  schleudert,  und  so  den  Zweikampf 
unterbricht 

XV. 

Die  feierliche  Bestattung  Brandimarte's  und  Orlando's 
Trauerrede  am  Sarge  des  Freundes  (C.  43-  St.  ITo)  sind 
ein  Seitenstück  zu  der  Todtenfeier  des  Pallas  und  der 
Trauerrede  des  Aeneas  (Aen.  XI.  36).  Auch  der  Schmerz 
und  das  Weheklagen  Evander's  (ib.  147)  finden  ein  Ent- 
sprechendes in  dem  alten  Bardino. 

XVI. 

Ist  Ariost  an  mehreren  Stellen  seines  Gedichtes  dem 
Virgil  gefolgt,  so  nimmt  er  keinen  Anstand,  auch  den 
Schluss  desselben  von  ihm  zu  entlehnen.  Die  Aeneis 
schliesst  mit  dem  Kampfe  des  bonus  Aeneas  (Aen.  XII. 
697  ff.)  mit  Turnus,  und  des  letzteren  Tode.  Ebenso 
macht  dem  Furioso  der  Kampf  des  buon  Kuggiero  mit 
Rodomont,  und  dessen  Tod  ein  Ende.  Die  Schlussverse 
Ariost's  sind  eine  Umschreibung  der  von  Virgil. 

Ast  illi  solvuntur  frigore  raenibra , 
Vitaque  cum  gemitu  fugit  indignata  .';ub  umbras. 

Alle  sqnallide  ripe  d'AcheroiUe  , 

Sciolta  dal  corpo  piii  freddo  che  ghiaccio, 

Bestemmiando  fuggi  Talma  sdegnosa 

Che  fu  si  altera  al  mondo  e  s\  orgogliosa. 

Beachtenswerth  ist  auch  hier  der  Unterschied,  wel- 
cher sich  zwischen  den  zwei  Dichtern  zeigt.  Virgil 
bereitet  von  weitem  den  Leser  auf  die  Katastrophe  vor. 
Ein  Spuk  schüchtert,  als  böses  Omen,  den  dem  Tode 
Geweihten  ein.  Juturna,  des  Turnus  Schwester  und  gu- 
ter Genius,  muss  ihn,  dem  Winke  Jupiter's  gehorchend, 

.lalirb.   f.   ruiii.   u.   engl.    \At.      IV.    1  Q 


;-^4  Bolza.     Ariost's  Nafliahmung  der  Altoii 

verlassen.  Nach  Art  der  llomcr'sclicn  Helden,  fordert 
Aeneas  mit  Scheltworten  den  Gegner  zum  Kampfe  heraus, 
worauf  Turnus  beinahe  mit  den  Worten  des  sterbenden 
Patroklos  antwortet.  Nun  folgt  die,  ebenfalls  dem  Homer 
entnommene  Geschichte  des  schweren  Steines;  die  tödt- 
liche  Verwundung  des  Turnus;  sein  Flehen,  wodurch 
Aeneas  auf  dem  Punkte  ist  sich  erweichen  zu  lassen; 
der  plötzlich  aufflammende  Zorn  des  Siegers  beim  An- 
blicke des  von  Turnus  dem  Pallas  geraubten  Schmuckes, 
endlich  des  Turnus  Tod.  Hier  ist  Alles  dem  griechischen 
Muster  nachgebildet:  wie  anders  im  Ariost!  Weder  dem 
Ruggiero,  noch  dem  Rodomont  steht  irgend  eine  höhere 
Macht  zur  Seite.  Nachdem  Bradamante,  Ruggiero's 
tapfere  Frau,  und  die  ersten  unter  den  Paladinen  sich 
umsonst  bemüht  haben,  den  Ruggiero  dahin  zu  bringen, 
dass  er  einem  von  ihnen  die  Zfichtioruno;  des  übermii- 
thigen  Barbars  überlasse,  beginnt,  ohne  viele  Umstände, 
und  ohne  dass  die  Gegner  auch  nur  ein  Wort  mit  ein- 
ander wechseln,  der  Kampf;  und  nun  erhält  der  Leser 
eine  Beschreibung  desselben,  die  nicht  weniger  als  sechs- 
undzwanzig Stanzen  einnimmt,  und  ein  in  allen  Einzel- 
heiten vollständiges  Bild  der  im  Mittelalter  üblichen 
Zweikämpfe  gibt,  welche  zu  Ariost's  Zeit  öfters  in  Tur- 
niren nachgeahmt  wurden,  bei  denen  die  Gewandtheit  in 
der  Fechtkunst  fast  mehr  als  Körperkraft  galt.  Das 
Stechen,  Pariren,  Schlagen,  Stossen,  Angreifen,  Aus- 
weichen, Ringen  der  beiden  Gegner,  und  die  mannich- 
faltigen  Stellungen,  in  welche  sie  im  Kampfe  zu  einander 
gerathen,  sind  so  genau  und  umständlich  dargestellt, 
dass  letztere  bei  ritterlichen  Uebungen,  zur  Belustigung 
der  Zuschauer,  im  Scheinkampfe  wirklich  ausgeführt 
wurden. 

Wien.  T-w        T     T>     D     1 

Dr.    J.    B.    Bolza. 


Ferd.  Wolf.    Zur  Geschichte  des  Komans  im   span.  .Süd-Amerika.  35 

Weitere  Beiträge  zur  Geschichte  des  Romans 

im  spanischen  Süd- Amerika. 

Wir  haben  im  zweiten  Jahrgang  dieses  „Jahrbuchs" 
(S.  104  fF.)  die  Einführung  des  Romans  in  die  spanisch- 
südamerikanische Literatur  besprochen  und  gezeigt,  dass 
diese  Kunstofattuno:  damals  nur  noch  ihrer  äusseren  Form 
nach  zur  Erscheinung  gekommen  sei,  indem  die  Geschichte 
der  jüngsten  Vergangenheit  in  all  ihrer  ruhelos  unabge- 
schlossenen Beweounff  und  in  der  noch  unabo-eklärten 
Erregung  der  Parteileidenschaft  von  einem  Betlieiligten 
halb  -memoiren-  halb  romanartig  dargestellt  wurde.  Dieser 
mehr  zufällig  oder  willkürlich  gewählten  Form  fehlte  es 
daher  noch  an  der  eigentlich  künstlerischen  Weihe,  an 
der  inneren  Nothwendigkeit  der  Gestaltung,  an  der  Be- 
herrschung des  Stoßes,  an  der  epischen  Ruhe  imd  Ab- 
klärung, kurz  an  alle  dem,  was  den  Roman  zum  Kunst- 
werk, zur  freien,  poetischen  Schöpfung,  zum  von  jeder 
äusseren  Tendenz  unabhängigen  Selbstzweck  und  Pro- 
ducte  der  Dichtkunst  macht. 

Wir  haben  diese  Erscheinung  eben  als  ein  Spiegel- 
bild der  damaligen  politischen  Zustände  von  Buenos- 
Ayres,  als  eine  Aufwallung  der  noch  so  heftig  bewegten 
Zeitströmung  erklärt  und  sie  hauptsächlich  als  cultur- 
historisches  Moment  gewürdigt.  Zugleich  sprachen  wir 
die  Hoffnung-  aus,  dass  mit  dem  Eintritt  einer  ruhigeren 
Entwickeluug  der  dortigen  politischen  und  geselligen 
Zustände  auch  eine  objective  künstlerischere  Gestaltung 
dieser  Diclitgattung  stattfinden  dürfte,  für  die  durch  jenen 

ersten  Versuch  weniffstens  Bahn  gebrochen  und   das  In- 
es o 

teresse  erregt  worden  war. 

Diese  Hoffnung  ist  seitdem  zum  Theile  realisirt  wor- 
den und  zwar  von  einem  Gliede  derselben  Familie,  welche 
in  MärmoFs  ,,Ainalia"  die  Hauptrolle  spielt,  nämlich  von 
der  Schwestcrtochter  des  berüchtigten  Dictators  Juan 
Manoel  de  Rosas,  der  Frau  Eduarda  Gcaxia.,  geborcMieu 
Mancilla^  die  unter  dem  Namen  Daniel  die  beiden  nach- 

3* 


36  Feld.   Wolf 

stehenden  Romane  zu  Buenos-Ayres  im  Jahre  IBGO  heraus- 
o-eo-eben  hat:  Lucia.  Novela  sacada  de  la  historia  ur- 
gentina.  Imprenta  de  la  Tribuna,  4".  100  S.  zweispaltig 
gedruckt;  und:  El  Medico  de  San  Luis.  Novela  original. 
Imprenta   de  la  Paz.    8^.  307  S.')- 

Den  ersteren  bezeichnet  schon  der  Titel  als  einen 
vaterländisch -historischen  Koman.  Er  besteht  aus  einer 
kurzen  Einleitung  (Esposicion)  und  zwei  Abtheilungen 
(Partes). 

Die  Einleitung  führt  die  Hauptpersonen  vor:  D.  Nuno 
de  Lara,  dessen  Ziehtochter  Lucia,  ihren  Gatten  D.  Se- 
bastian de  Hurtado  und  Marangore,  den  Kaziken  des 
Indianerstammes  der  Timbües,  wie  sie  sich  von  Sebastian 
Gaboto,  dem  Entdecker  von  Paraguay,  beurlauben,  als 
er  im  J.  IfjoO  nach  Europa  zurückkehrte,  um  Ver- 
stärkungen zu  holen,  während  er  einen  kleinen  Trupp 
Spanier  unter  der  Anführung  der  beiden  Erstgenannten 
zurückliess,  um  das  von  ihm  erbaute  Fort  ,,del  Espiritu 
Santo"  zu  behaupten,  nachdem  Marangore  feierlich  an- 
gelobt hatte,  mit  den  Spaniern  Freundschaft  zu  halten 
und  sie  gegen  andere  Indianerstämme  zu  schützen. 

Aber  auch  die  ganze  erste,  und  zwar  die  grössere 
der  beiden  Abtheilungen  enthält  nur  Vorgeschichte,  die, 
in  so  weit  sie  auf  die  eigentliche  Handlung  sich  bezieht, 
in  einem  kurzen  Capitel  abgethan  werden  konnte.  Hin- 
gegen werden  mit  ermüdender  Breite  die  Kriegs-  und 
Liebesabenteuer  des  D.  ISuno  de  Lara  in  Italien  erzählt, 
wovon  es  in  Bezug  auf  die  Haupthandlung  genügt  hätte, 
zu  erwähnen,  dass  er  in  Folge  des  Versprechens,  das  er 
seinem  sterbenden  Freunde  und  Waffengefährten  D.  Al- 
fonso  de  Miranda  gethan,  bei  seiner  Rückkehr  nach 
Spanien  dessen  natürliche  Tochter  Lucia  aufgesucht  und 
bei  dem  nun  gänzlich  verwaisten  Kinde  Vaterstelle  ver- 
treten habe.     Nicht  minder  breit  und  mit  noch  grösserem 


1)  Wir  verdanken  der  Güte  des  Herrn  vun  Gülicli,  k.  preuss.  Ge- 
schäftsträgers für  die  Plata-Staaten,  und  der  k.  Bibliothek  von  Berlin 
die  Benutzung  der  in  Europa  wohl  einzigen  Exemplare  davon,  die  er- 
sterer  von  der  Verfasserin  zum  Geschenk  erhalten  und  der  k.  Biblio- 
thek mit  der  Bitte  eingesandt  hatte,  sie  uns    niitzutheilen. 


Zur  Geschichte  des  Romans  iin  span.   Süd-Amerika.  37 

Aufwände  von  Sentimentalität  werden  die  Kinder-  und 
Mädchenjahre  Lucia's,  von  der  Cartilla  an  bis  zu  ihrer, 
nach  vielen  unnöthigen  Abenteuern  endlich  erfolgten 
Verlobung  mit  D.  Sebastian  de  Hurtado  erzählt. 

Erst  in  der  zweiten  Abtheilung  (von  p.  G9  an)  ge- 
langen wir  endlich  zu  dem  eigentlichen  Anfange  des  Ro- 
mans, zu  der  Einschiflung  D.  Nuno's,  D.  Sebastian's  und 
Lucia's  nach  Süd-Amerika;  denn  der  abenteuersüchtige 
Sebastian  hatte  sich  von  seinem  Freunde,  dem  bekannten 
venetianischen  Seefahrer  Gaboto  anwerben  lassen,  ihn 
auf  seinen,  im  Interesse  der  spanischen  Regierung  zu 
untei'nehmenden  Entdeckungsreisen  zu  begleiten;  Lucia 
aber  und  ihr  Ziehvater  wollten  sich  nicht  von  ihm  trennen. 
Diese  Expedition  und,  anknüpfend  an  die  Exposition,  die 
Schicksale  der  von  Gaboto  an  den  Ufern  von  La  Plata 
unter  den  Befehlen  Nuno's  und  Sebastian's  zurückgelas- 
senen Mannschaft  bilden  den  historischen  Hintergrund 
des  Romans;  die  künstlerische  Ver-  und  Entwickelung 
aber  die  Liebe  des  Kaziken  Marangore  zu  Lucia,  der  in 
Leidenschaft  für  sie  entbrannt  und  von  seinem,  ebenfalls 
nach  ihrem  Besitze  strebenden  Bruder  Siripo ,  dem  bösen 
Princii^e  des  Romans,  angetrieben,  nach  langen  Kämpfen 
mit  seiner  edleren  Natur  den  Spaniern  die  angelobte 
Treue  bricht  und  das  Fort  überfällt,  um  die  Geliebte  zu 
rauben.  In  diesem  Kampfe  fallen  aber  nicht  nur  sämmt- 
liche  Spanier,  sondern  auch  Marangore  wird  von  seinem 
Bruder  erschlagen,  der,  nachdem  die  Heldin  all  seinen 
Schmeicheleien  und  Anerbietungen  widerstanden,  sie 
zwingt,  dem  Tode  ihres  gefangenen  Gemahls  zuzusehen 
und  sie  selbst  endlich  den  Flammen  übergibt. 

Diese  letztere  Partie  ist  nicht  ohne  künstlerisches 
Interesse  und  rechtfertigt  durch  die  Charakter-  und  Sit- 
tenschilderungen der  Indianer,  denen  Guevara's  bekanntes 
Werk^)  grossentheils  zu  Grunde  liegt,  in  der  That  den 
Anspruch  auf  ein  historisch-vatei^ländisches  Gemälde.    Zu- 


>)  Giiemra,  Historia  del  Paraguay,  Rio  de  la  Plata  y  Tucumaii. 
Buenos-Avres,  1836.  fol.  (Tome  II  de  la  Coleccion  do  dooumonost 
rel.  8   la  hist.  do  las  provincia.')  del  Rio  de   la  Plata"). 


38  I"'«rd.   Wulf 

gleich  ersieht  man  aber  schon  aus  der  vorstehenden  Skizze, 
dass  die  Verfasserin  noch  keine  grosse  Meisterschaft  in 
der  künstlerischen  Composition  und  Oekononiie  erlangt, 
und  durch  unnöthiges  Beiwerk ,  lange  Einleitungen,  breite 
und  oft  sehr  sentimental  gehaltene  Dialoge,  u.  s.  w.  das 
Interesse  von  vorn  herein  abgeschwächt  und  die  Geduld 
des  Lesers  oft  auf  eine  zu  harte  Probe  gesetzt  hat. 

Mit  mehr  Geschick  gemacht,  weil  auch  dem  Ge- 
schlechte des  Autors  angemessener,  ist  der  andere  Roman, 
das  Tagebuch  eines  Arztes  von  San  Luis,  worin  das  Fa- 
milienleben der  Geixenwart  in  einer  kleinen  argentinischen 
Landstadt  in  seinen  eigenthümlichen  Zügen  geschildert 
wird. 

Die  Verf.,  die  schon  in  ihrem  historischen  Romane 
wohl  englischen  Mustern  gefolgt  ist,  hat  in  diesem  un- 
verkennbar den  „Vicar  of  Wakefield"  sich  zum  Vorbild 
genommen.  Sie  lässt  den  Helden  luid  angeblichen  Au- 
tobiographen selbst  einen  Schotten,  Namens  James  Wilson, 
sein,  der  mit  seiner  Schwester  Jane  nach  Siid-Amerika 
ausgewandert  ist,  sich  in  San  Luis  mit  einer  Eingebornen 
vermählt  und  dort  niedergelassen  hat. 

Die  Fabel  des  Romans  ist  nicht  sehr  verwickelt,  aber 
fesselnd  und  von  steigendem  Interesse,  besonders  durch 
die  treffliche  Schilderung  und  Entwicklung  der  Charak- 
tere,  worunter  mehrere  acht  indigene  und  gewiss  nach 
der  Natur  gezeichnete.  Ein  solcher  ist  z.  B.  der  blinde 
Ziegenhirte  und  Volkssänger  No  (für  Senor)  Miguel,  zu« 
gleich  der  Musiklehrer  der  beiden  sehr  anmuthig  geschil- 
derten Töchter  des  Arztes;  ferner  der  Sergeant  Pascual 
Benitez,  jener  wilde  Sohn  der  Pampas  (gaucho),  der,  ein 
dreifacher  Mörder,  doch  nur  durch  den  edlen  Kern  seiner 
rauhen  Natur  dazu  hingerissen  ward;  nicht  minder  der 
von  ihm  ermordete  Stadtrichter  (juez  de  primera  in- 
stancia)  Robledo,  alias  el  Tuerto,  der  Einäugige,  weil 
einst  ein  politischer  Gegner  bei  einer  lebhaften  parla- 
mentarischen Discussion  ihm  seine  Argumente  augenfällig 
machte,  dessen  Willkürherrschaft  ein  schlagendes  Beispiel 
ist,  dass,  wo  der  republikanische  Geist  fehlt,  man  durch 
die  Form  gegen  den  grellsten  Despotismus  ebenso  wenig 


Zur  Gescliielite  des  Romans  im  span.  Süd-Amerika.  39 

geschützt  wird,  wie  unter  dem  schrankenlosesten  Absolu- 
tismus^); denn  wie  ein  ächter  tiirkischer  Kadi  lässt  die- 
ser freistaatliche  Magistrat  seinen  Secretär  in  den  Kerker 
werfen,  weil  derselbe,  von  seinen  Schlechtigkeiten  em- 
pört, ihm  den  Dienst  gekündet,  der  Richter  aber  ihn 
weder  entlassen  will,  noch  entbehren  kann,  da  er  eben 
sein  gesetzwidriges  willkürliches  Gebahren  nur  zu  genau 
kennen  gelernt  hat  und  im  eigentlichen  Sinne  die  rechte 
Hand  des  Einäugigen  ist,  dessen  Ignoranz  so  weit  geht, 
dass  er  kaum  seinen  Namen  unterschreiben  kann.  Ja  die 
rohe  Gewaltthätigkeit  dieses  Mannes  kann  sich  erfrechen, 
selbst  den  Arzt,  der  dem  Secretär  ein  väterlicher  Freund 
geworden  ist,  ebenfalls  mit  gemeinen  Verbrechern  zusam- 
men einzusj)erren ,  bloss  weil  er  sich  erlaubt  hatte,  für  die 
Freilassung  seines  jungen  Freundes  sich  zu  verwenden,  und, 
als  der  Richter  seinen  Vorstellungen  nur  Hohn  entgegen- 
setzte, sich  nicht  enthalten  konnte,  seiner  Entrüstung 
über  ein  so  schamloses  Benehmen  Worte  zu  geben.  All 
dies  war  freilich  nur  dadurch  möglich,  dass  der  Richter 
an  dem  Gouverneur  (Gobernador)  eine  Stütze  hatte,  der 
aus  Unwissenheit,  Feigheit  und  Schwäche  seine  Unter- 
beamten völlig  nach  ihrem  Belieben  schalten  und  walten 
Hess.  Auch  diese  Figur  ist  sehr  ergötzlich  und  gewiss 
nach  der  Natur  gezeichnet. 

Dass  die  weiblichen  Charaktere  nicht  minder  gelungen 
sind,  lässt  sich  schon  von  dem  Geschlechte  des  Autors 
erwarten;  so  die  Frau  des  Arztes,  eine  naiv -kindliche 
Natur,  dabei  eine  fromm-gläubige  Katholikin  und  grosse 
Verehrerin  der  Mutter  Gottes,  von  der  sie  eine  beson- 
ders hochgehaltene  Abbildung  besitzt,  aber  leider  nur 
Ein  Exemplar,  und  daher  untröstlich  ist,  dass  sie  nur 
Eine  ihrer  Töchter  damit  ausstatten  kann,  bis  es  denn 
ihrem  Manne  gelingt,  auch  für  die  andere  Tochter  ein 
Excujplar  davon  aufztilinden ;  daneben  die  Schwester  des 
Arztes,  eine  schottische,  streng  bibelgläubige  Puritanerin, 


1)  So  sagt  die  Verfasserin  in  einer  Apostrophe  an  die  jugendliclieii 
Volksbeglücicer  (p.  263)  von  dieser  Justiz:  „porque  para  un  gatieiio  la 
jvsticia  es  el  alcalde,  el  Juez  de  paz,  on  una  palabra,  lioiubns  i|iie 
representan  la  violacion  <le  esa  misnia  justicia". 


40  Ferd.  Wolf 

deren  angeborene  Herbe  noch  dadurch  gesteigert  vvird. 
dass  ihr  Erimtigam  und  Landsmann  Mr.  Gifford,  ein 
Jugendfreund  ihres  I)ruders,  sie  verlassen  hat,  um  eine 
vortheilhaftere  Verbindung  im  Vaterlande  einzugehen;  die 
aber  auch  praktisches  Christenthnui  und  Hochherzigkeit 
in  reichem  Masse  besitzt,  denn  nicht  nur  nimmt  sie 
Gifford's  Sohn  v/ohlwollend  auf  und  lässt  ihm  die  Treu- 
losigkeit seines  Vaters  nicht  entgelten,  als  er  nacli  des- 
sen Verarmung  von  ihm  nach  Amerika  gesandt  wurde, 
einige  Trümmer  seines  Vermögens  mit  Hülfe  des  Arztes 
zu  retten,  worauf  Gifford  bei  der  ihm  wohlbekannten 
Grossmuth  seines  Jugendfreundes  rechnen  konnte,  son- 
dern sie  hat  auch  eine  nngeheuchelte  Frevide  darüber, 
dass  durch  die  Vermählung  des  jungen  Mannes  mit  einer 
ihrer  Nichten  des  Vaters  Verrath  an  ihr  gesühnt  wurde. 
Besonders  anmuthig  sind  die  Zwillingsschwestern  Sara 
und  Lia ,  die  Töchter  des  Arztes,  und  die  Wirkungen 
der  Liebe  auf  diese  reinen  Kinder  der  Natur  mit  acht 
weiblicher  Zartheit  geschildert;  der  Roman  schliesst  näm- 
lich mit  dem  Verraählungsfeste  Sara's  und  des  jungen 
Gifford  und  der  in  nahe  Aussicht  gestellten  Wiederho- 
lung dieser  Feier  durch  das  andere  Paar,  Lia  und  Amancio, 
den  erwähnten  Secretär  des  Richters,  der  nach  des  letz- 
teren Ermordung  nicht  nur  frei,  sondern  auch  zu  dessen 
Nachfolger  im  Amte  ernannt  wird. 

Der  Arzt  hatte  es  sich  aber  auch  zum  Grundsatz 
gemacht,  seine  Töchter  möglichst  einfach  und  naturgemäss 
zu  erziehen  und  sie  vor  allem  zu  tüchtigen  Hausfrauen 
nach  der  Mutter  Muster  zu  bilden.  Bei  dieser  Gelegen- 
heit  lässt  die  Verf.  ihn  seine,  oder  vielmehr  ihre  An- 
sichten von  dem  Charakter  der  Erziehung  und  der  ge- 
sellschaftlichen Stellung  des  Weibes  in  diesem  Theile  von 
Amerika  aussprechen,  und  da  dies  aus  solchem  Munde 
doppelt  interessant  ist,  so  wollen  wir  diese  Stelle  (p.  43 — 49) 
(ranz  hierhersetzen : 

,,In  der  argentinischen  Republik  ist  das  Weib  im  allge- 
meinen dem  Manne  weit  überlegen;  mit  Ausnahme  einer  oder 
zweier  Provinzen  besitzen  die  Frauen  eine  bemerkenswerth 
schnelle   Auffassungsgabe  und  vor   Allen  eine  ausserordentlich«? 


Zur  Geschichte  des  Romans  im  span.  Süd-Amerika.  41 

Leichtigkeit,  sich,  so  zu  sagen,  alles  Gute,  alles  Neue 
anzueignen  (asimilarse) ,  das  sie  sehen  oder  hören.  Daher 
rührt  der  eigenthümliche  (singular)  Einfluss  des  Weibes  bei 
allen  Gelegenheiten  und  Veranlassungen.  Demungeachtet  muss 
man  bemerken,  dass  das  Weib,  das  als  Gattin,  Geliebte  und 
Tochter  eine  unumschränkte  Herrscherin  (soberana  y  dueiia 
absoluta)  ist,  als  Mutter  din-ch  eine  unbegreifliche  Verirrung 
seine  Macht  und  seinen  Einfluss  verliert.  Die  europäische 
Mutter  ist  die  Stütze,  die  Triebfeder,  die  Achse,  worauf  die 
Familie,  die  Gesellschaft  beruht.  Bei  uns  stellt  im  Gegen- 
theile  die  Mutter  das  Zurückgebliebene,  Stillstehende,  Ver- 
altete dar,  wovor  die  Amerikanerinnen  den  meisten  Abscheu 
haben;  und  je  mehr  die  Söhne  auf  Bildung  Anspruch  machen, 
an  die  doch  auch  die  Reihe  kommen  wird,  von  ihren  Wei- 
bern und  Töchtern  despotisirt  zu  werden,  um  desto  weniger 
halten  sie  auf  die  alte  Mutter,  die  ihnen  nur  von  anderen 
Zeiten,  anderen  Sitten  spricht.  Oftmals  hat  es  mir  Schmerz 
gemacht,  eine  so  intelligente,  kräftige  Race  eine  falsche  Fährte 
einschlagen  zu  sehen,  die  sie  zur  völligsten  socialen  Anarchie 
führen  muss;  und  indem  ich  über  ein  Uebel  ernsthaft  nach- 
dachte, das  mit  jedem  Tage  wächst,  lernte  ich  einsehen,  dass 
das  einzige  Mittel  dem  abzuhelfen  wäre,  die  mütterliche  Au- 
torität als  Ausgangspunkt  zu  stärken,  indem  man  den  Kindern 
Achtung  vor  der  Vergangenheit  einflösst  und  dahin  wirkt, 
dass  die  Eltern  nicht,  einer  thörichten  Eitelkeitsregung  folgend, 
ihre  theuersten  Prärogativen  aufopfern." 

,,  Der  Geist  der  Unabhängigkeit,  welcher  diese  Völker  auf- 
regte und  ihnen  die  Idee  eingab,  sich  von  Spanien  zu  eman- 
cipiren ,  gährt  noch  fort  und  ist  ihr  grösstes  Uebel.  Der 
Hass  gegen  die  Autorität  einer  veralteten  und  unvernünftigen 
Herrschaft,  durch  «die  Alten  des  Landes  (viejos  de  la  tierra)» 
repräsentirt,  —  denn  im  J.  1810  konnte  man  fast  ohne 
Ausnahme  die  Patrioten  an  der  Fa^be  ihrer  Haare  erkennen 
—  hat  gemacht,  dass  sie  sich  einem  völlig  entgegengesetzten 
Extreme  hingaben.  Krieg  gegen  Spanien,  Krieg  gegen  diese 
Autorität  und  gegen  jede  Autorität I  So  hat  die  Logik  ihrer 
Ansprüche  diese  Völker  dahin  gebracht,  alles  Alte,  alles  Ver- 
gangene zu  hassen,  indem  sie  diesem  Hasse  selbst  ihre  eigenen 
Vorfahren,  ja  ihre  Eltern  (ä  sus  majores,  ä  sus  padres),  kurz 
alles  was  nicht  jung  und  neu  war,  zum  Opfer  brachten.  Sie 
wandten    ihre     Blicko    nach     Frankreich;    die    Revolution    mit 


42  Fertl.  Wolf 

ihrem  lorbeergekrönten  Haupte,  ihren  eisernen  Füssen  und 
ihrer  bluttriefenden  Armee  schien  ihnen  das  Höchste  der 
Vollkommenheit;  und  jenen  erhabenen  Wahnsinnigen  nachstre- 
bend suchten  sie  das  neue  sociale  Gebäude  auf  den  Trümmern 
der  alten  Colonie  aufzubauen.  Ein  erhabener  Irrthum  der 
Naivetät  und  des  Vertrauens  (Error  sublime  de  candor  y 
buena  fe)!" 

„Das  hiess  den  Glauben  durch  den  Zweifel  lehren,  das 
Ende  ohne  den  Anfang.  Die  Söhne  Terachteten,  was  die  Vä- 
ter gelernt  hatten,  und  wurden,  als  an  sie  die  Reihe  kam, 
ebenfalls  verachtet,  und  so  pflanzt  sich  von  Generation  zu 
Generation  ein  Uebel  fort,  das  mit  jedem  Tage  drückender 
wird.  Die  Erziehung,  die  man  hier  den  Kindern  gibt,  und 
wenn  ich  sage  hier,  so  meine  ich  die  ganze  Republik,  gleicht 
dem  Aufputze  der  Bewohner  der  Pampas  von  Paraguay  (al 
atavio  del  guazo  paraguayo) :  er  hat  einen  Hut,  um  zu 
grüssen,  aber  kein  Hemde,  um  seine  Nacktheit  zu  bedecken. 
Die  Bürschchen  (los  muchachos)  füllen  sich  die  Köpfe  mit 
Theorien  an,  die  auf  das  Land  in  welchem  sie  leben,  unan- 
wendbar sind,  und  bilden  sich  ein,  dass,  wie  sie  aus  dem 
Collegium  treten,  sie  in  London  oder  Paris  sich  befinden,  und 
dass  die  Maschine  des  socialen  Gebäudes  nur  auf  den  Fuss- 
tritt  wartet,  den  sie  ihr  geben  werden,  um  in  Thätigkeit  zu 
kommen;  und  der  Irrthum  ist  um  so  grösser,  als  das  was 
für  den  Europäer  hindernd,  hier  erleichternd  ist,  und  umge- 
kehrt; so  entsteht  nur  Verwirrung  aus  der  Sucht,  ein  Mittel 
anzuwenden,  das  das  Uebel,   woran  sie  leiden,  nur  vermehrt." 

,,Die  Mädchen,  ihrerseits  zu  ZierpupjDen  (munecas)  erzogen, 
kommen  bald  dahinter,  dass  Mama  und  Papa  weder  französisch 
sprechen  können  noch  verstehen;  aber  es  gelingt  ihnen  nicht 
zu  entdecken,  dass  ihre  arme  Mutter  doch  vielleicht  eine  ehren- 
werthe  Frau  ist,  die  sich  für  sie,  für  ihr  Piano  und  für  ihr 
Englisch  und  Französisch  aufopfert,  so  zwar,  dass  sie  sich 
selbst  ihre  Strümpfe  flickt,  um  in  aller  Früh  auf  den  Markt 
zu  gehen  und  das  für  das  Mittagsmahl  Nöthige  einzukaufen, 
während  die  Mädchen  ruhig  und  sorglos  die  Stunden  ihrer 
Jugend  vei'schlafen.  Was  den  Vater  anbelangt,  so  darf  er 
von  Glück  sagen,  wenn  er  eine  tüchtige  Frau  bekommen  hat, 
die  ihm  das  Vergnügen  mit  Geduld  ertragen  hilft,  Tag  und 
Nacht,  unausgesetzt  arbeitend,  in  einem  Kaufladen  oder  hinter 
Waarenkisten  zuzubringen,  um  seine  geliebten  Töchter,  die  so 


Zur  Geschichte  des  Romans  im  span.  Süd-Amerika.  43 

frisch  und  üppig  wie  weisser  Kohl  (repollos)  am  Fenster 
sitzen,  sprechen  zu  hören:  «Der  jetzt  vorübergeht,  ist  ein 
Dummkopf,  ein  Krämer!»  —  als  wenn  sie  sagen  wollten, 
ein  unreines  Thier,  das  nicht  beanspruchen  darf,  angesehen 
zu  werden;  und  der  arme  Vater  schämt  sich  seiner  Profession, 
durch  die  er  auf  eine  ehrenhafte  Weise  sein  kleines  Vermögen 
erworben  hat,  und  es  dünkt  ihn  —  seltsame  Erscheinung I  — 
dass  seine  Töchter  Recht  haben.  Und  wie  sollten  sie  es  nicht? 
Haben  sie  etwa  nicht  mehr  gelernt  als  er?  Hat  er  etwa  sein 
Geld  deshalb  auf  sie  verwendet,  damit  sie  so  seien ,  wie  er 
war?  Nein,  sie  haben  Recht,  und  ach!  wie  schön,  wie  lebens- 
friech  sie  sind!  Da  muss  man  in  der  That  das  Geschäft  ab- 
schliessen  und  den  Laden  verkaufen!  —  Nicht  doch!  welch 
ein  Einfall!  Sein  ältester  Sohn  könnte  doch  .  .  .  Warum  nicht 
gar;  er  ist  ja  so  unterrichtet,  im  Begriff  Doctor  zu  werden, 
man  könnte  sagen  ein  Gelehrter;  wer  wird  ihn  da  erniedrigen 
wollen;  man  kann  ja  nicht  wissen,  mit  der  Zeit  schreibt  er 
gar  noch  ein  Journal,  wird  Mitglied  des  Convents  (convencio- 
nal),  und  dann  Minister.  —  Oh!  das  ist  ja  eine  ausgemachte 
Sache!  —  Und  der  arme  Alte  calculirt  und  berechnet  und 
zum  erstenmal  in  seinem  Leben  hat  er  eine  falsche  Bilanz 
gezogen;  denn  die  Mädchen  werden  mit  jedem  Tage  anspruchs- 
voller, und  freuen  sich,  dass  der  Papa  nicht  mehr  hinter  dem 
Ladentische  steht,  sondern  immer  bereit  ist,  sie  hierhin  und 
dorthin  zu  führen,  während  die  Mama  das  Haus  besorgt, 
scheuert,  näht  und  meist  selbst  das  Essen  bereitet  .  .  .  und 
das  alles ,  damit  sie  glücklich  seien ,  Aufsehen  machten  und 
Liebhaber  fänden.  Wie  miserabel  sind  doch  die  Menschen ! 
ihre  Töchter  beachten  das  alles  nicht  einmal,  sie  halten  es 
für  Schuldigkeit,  für  ganz  naturgemäss,  Der  Jugend  gehört 
ja  das  Glück.  Wird  ihnen  etwa  Jemand  das  Recht  absprechen, 
glücklich  zu  sein,  da  sie  doch  jung  und  hübsch  sind?  AVas 
liegt  daran,  wenn  die  Mutter  aus  Erschöpfung  stirbt,  und  der 
Vater,  weil  er  sich  in  seiner  Rechnung  geirrt  hat?  Sie  ver- 
heiratlien  sich,  und  dann  geht  alles  nach  Wunsch ,  oder  wenn 
sie  sich  nicht  verheirathen,  nun  dann  kommt  die  Enttäuschung 
früher  oder  später,  und  in  ihrerBegleitung  Elend  und  Jammer!"  ') 


')  Bekanntlich  findet  man  ganz  ähnliche  Zustände  auch  in  Nord- 
Amerika;  und  wenn  man  heachtet,  dass  es  auch  in  Europa  gerade  da 
an  derartigen  Beispielen  nicht  fehlt,  wo  die  Iridvstrielle)i    »ind   Commerz 


44  Ferd.  Wolf  "^ 

Diese  Stelle  mag  zugleich  als  Probe  des  Stils  dienen, 
der  im  Ganzen  einfach  und  im  schlichten  Erzählungston, 
sich  oft  zu  dramatischer  Lebendigkeit  oder  energischer 
Beredtsamkeit  erhebt,  besonders  wenn  die  Indignation 
über  die  faulen  Zustände  und  sittlichen  Gebrechen  der 
Gesellschaft  die  Verf.  zur  bitteren  Ironie  oder  zur  ein- 
schneidenden Satire  hinreisst;  in  den  Dialogen  ist  er  im- 
mer den  Charakteren  der  Sprechenden  gemäss  gehalten, 
bis  zur  localen  Färbung. 

Noch  besonders  müssen  wir  hervorheben,  dass  jene 
sich  breit  machende  Sentimentalität,  die  wir  an  dem  hi- 
storischen Romane  der  Verf.  rügten,  in  diesem  nur  sehr 
selten  belästiget ;  auch  der  Predigerton  wird  nur  sehr 
selten  angeschlagen,  trotzdem  dass  dieser  Roman  die 
ausgesprochene  Tendenz  hat,  die  Sitten  zu  verbessern, 
aber  nicht  bloss  durch  pathetische  Ermahnungen,  son- 
dern hauptsächlich  durch  das  viel  drastischere  Mittel,  ein 
treues  Spiegelbild  der  Gesellschaft  vorzuhalten'). 


ciellen  die  vorherrschenden  Classen  sind,  dass  auch  hier  die  Empor- 
kömmlinge dieser  Kreise  oft  die  Bildung  die  ihnen  fehlt,  weil  sie  keine 
Zeit  hatten  sie  zu  erwerben,  durch  eine  sogenannte  glänzende  Er- 
ziehung ihrer  Kinder  zu  ersetzen  und  sich  selbst  dadurch  zu  heben 
suchen,  während  in  der  That  das  oft  auch  hier  nur  dazu  führt,  dass 
die  Kinder  auf  ihre  Eltern  und  Wohlthäter  mitleidig  oder  gar  verächt- 
lich herabsehen,  wenn  man  bedenkt,  dass  in  den  nord-  und  südameri- 
kanischen Republiken  eben  dieselben  Classen  die  bei  weitem  vorherr- 
schenden sind,  dass  dieselben  Verhältnisse  hier  noch  bei  weitem  häufiger 
eintreten,  wo  für  die  Meisten  Geld  erwerben  und  Aufwand  machen  die 
höchsten  Lebensziele  und  Genüsse  sind,  so  wird  man  jene  Erscheinung 
eben  nicht  unerklärlich  finden. 

1)  Die  Treue  und  Wahrheit  der  Sitten-  und  Naturschilderungen 
der  Verf.  wird  auch  von  ihrem  Landsmanne-,  unserm  geehrten  Mitar- 
beiter, Herrn  Juan  Maria  Gutierrez  in  einer  Beurtheilung  dieses  Ro- 
mans, welche  in  Form  eines  Schreibens  an  die  Verf.  selbst  in  der 
Tribuna  von  Buenos-Ayres  v.  23 — 24  April  1860  erschien,  ganz  be- 
sonders gerühmt.  Der  Verf.  sagt  da  u.  A.:  ,,Sobre  todo  me  llama  la 
atencion  la  verdad  con  que  ha  descrito  la  provincia  en  que  pasa  la 
escena,  y  la  originalidad  y  exactitnd  de  algunos  de  los  tipos  de  su  no- 
vela"  etc.  Und  an  einer  andern  Stelle:  „La  novela  de  vd.  es  conso- 
ladora  en  su  conjunto,  muy  triste  en  algunos  de  sus  pormenores.  ;  Que 
ausencia  del  sentimiento  de  lo  justo,  cuanto  acto  bärbaro  cometido  por 
ignorancia !  cuanto  crimen   sangriento  nos  hace  vd.  presenciav '■»  «jue//'/' 


Zur  Gescliichte  des  Romans  im  span.   Süd-Amerika.  45 

Wir  glauben  überhaupt,  dass  die  Verf.  in  diesem 
der  Gattung  des  realistischen  Sitten- Romans  angehörigen 
Werke,  nicht  nur  für  ihr  Geschlecht  und  ihre  Individua- 
lität den  besten,  sondern  auch  für  die  Zustände  ihres 
Landes  und  den  Bildungsgrad  seiner  Bewohner  passend- 
sten Weg  eingeschlagen  hat;  denn  für  ein  Volk,  das,  wie 
sie  selbst  sagt,  mit  der  Vergangenheit  völlig  gebrochen 
hat,  ja  sie  verachtet,  das  daher  weder  historischen  Sinn, 
noch  ein  eigentlich  historisches  Selbstbewusstsein  hat,  wird 
der  historische  Roman  noch  eine  verfrühte  Erscheinung, 
eine  exoterische  Curiosität  sein. 

Wir  können  nur  wünschen,  dass  die  begabte  Verl. 
auf  diesem  Wege  fortschreite,  dass  sie  ihrer  berühmten 
Geistesverwandtin  in  Spanien  nachstrebe,  damit  wie  dieses 
seinen  „Fernan  Caballero",  die  argentinische  Republik 
einst  ihren  „Daniel"  von  der  ganzen  gebildeten  Welt 
gefeiert  sehe. 

Uebrigens  verdient  schon  dieser  Roman  durch  üeber- 
setzung  unter  uns  bekannter  zu  werden  ebenso  gut,  wie 
Dutzende  von  französischen  und  englischen  Producten, 
denen  diese  Ehre  (?)  mehrfach  zu  theil  geworden  ist  und 
die  nicht  einmal  dessen  Reiz  haben,  in  eine  neue  Welt 
uns  einzuführen. 


copias  del  natural  que  hace  vd.  del  juez  de  San  Luis,  del  gobernador, 
del  carcelero  y  del  indomable  sarjento !  ys?n  embargo  esa  es  la  verdad; 
ese  es  el  estado  de  la  sociedad  en  la  mayoria  de  la  Repüblica,  y  asi 
continuarä  siendolo  mientras  que  las  escuelas  y  los  templos,  la  cultura 
ä  la  razon  y  los  sentimientos,  no  se  estienda  per  las  campaflas  y  las 
aldeas.-'  Aian.  des  Herausg. 


Ferdinand   Wolf. 


4(')  Kbert 


Die  Handschriften  der  Escorial-Bibliothek 

aus  dem  Gebiete  der   romanisclien   Literaturen,   sowie 

der  englischen. 

Zu  den  neusten  Erwerbungen  der  Ilof-  und  Staatsbiblio- 
tbek  in  München  gehört  der  Codex  hispanicus  7G.  in  kl.  fol., 
der  auf  dem  Rücken  den  Titel  führt:  Indice  (alfabetico)  de 
los  manuscritos  castelJanos  (y  latinos)  de  la  real  biblioteea  de 
San  Lorenzo   (Escorial). 

Dieser  Cod.  zählt  320  numerirte  Blätter,  welche  alle,  die 
Seiten  zu  34  Zeilen,  liniirt  sind.  Die  Handschrift  zerfällt  in 
2  Abtheilungen;  der  Titel  der  ersten,  auf  fol.  1  r°,  lautet: 
Indice  de  los  Manuscritos  Castellanos,  por  Materias,  de  la 
R^  Biblioteea  de  S"  Lorenzo.  Diese  Abtheilung  umfasst  140  BU. 
Der  letzte  Manuscripttitel,  den  sie  aufführt,  ist  (fol.  140  v"): 
Zarzaparilla,  memoria  de  [1  como  debe  tomarse  u.  s.  w. ,  die 
einzige  Handschrift,  nebenher  gesagt,  welche  unter  Z  ange- 
zeigt wird.  (Der  erste  dagegen  ist  [fol.  2  r°]:  Abecedario 
virtuoso  dirigido  al  Principe  D.  Carlos  hijo  de  Felipe  IP  por 
Alonso  de  Sta  Cruz  cosmografo  mayor  de   S.  M.  u.  s.  w.) 

Die  zweite  Abtheilung  beginnt  auf  fol.  141  r°  und  ist 
betitelt  (ebendas.):  Indice  de  los  Manuscritos  Latinos,  por  Ma- 
terias, de  esta  R^  Biblioteea  de  S.  Lorenzo.  Der  erste  auf- 
geführte Manuscripttitel  ist:  Abdicatione  hereticorum  et  usibus 
eorum,  liber  nonus  de  ||  continet  titulos  novem  u.  s.  w. 
Der  letzte  (fol.  320  v°):  Uxore  non  ducenda  liber  de  ||  Va- 
lerii  Epi   ad  Rufinum  u.  s.  w. 

Dieser  Catalog,  im  J.  1858  durch  den  berühmten  Orien- 
talisten M.  J.  Müller  in  Spanien  gekauft,  rührt  von  einem 
Beamten  der  Bibliothek  selbst  her,  und  ist,  wie  sich  schon 
hiernach  erwarten  lässt,  wovon  sich  aber  Herr  Prof.  Müller 
durch  eine  Vergleichung  mit  dem  Originale  auch  selbst  über- 
zeugte, eine  getreue  Kopie  des  auf  der  Bibliothek  gegenwärtig 
gebrauchten.  (Uebrigens  stimmen  die  Signaturen  mit  den  von 
Bayer  in  seiner  Ausgabe  des  Nie.  Antonio  angegebenen  voll- 
kommen überein.) 

Die  erste  Abtheilung  des  Catalogs,  die  ich  zum  Ge- 
genstand eines  sehr  eingehenden  Studiums  gemacht    habe,    um- 


Die  Handschriften  der  Bibliothek  des  Escorial.  47 

fasst  nun  nicht  bloss,  wie  der  Titel  besagt,  die  in  castilischer 
Sprache  geschriebenen  Manuscripte,  sondern  auch  alle  in  den 
anderen  romanischen,  sowie  die  in  den  germanischen  Sprachen 
verfassten,  welche  die  Bibliothek  des  Escorial  besitzt.  Der 
Inhalt  der  Manuscripte  ist  der  mannichfachste.  Die  grösste 
Zahl  gehört  ohne  Zweifel  dem  Gebiet  der  Geschichtswissen- 
schaft an,  theils  als  Bearbeitungen,  theils  als  Quellen.  Poesie 
und  Beredtsamkeit  nehmen  darnach  einen  hervorragenden  Platz' 
ein.  Geographie,  Statistik,  Astronomie,  Medicin,  Bibliogra- 
phie ^)  u.  s.  w.  sind  auch  mehr  oder  weniger  vertreten.  Die 
Handschriften  sind  nach  dem  Hauptwort  des  Titels  alphabe- 
tisch geordnet^  keineswegs  aber  nach  den  Materien  geschie- 
den —  wie  man  leicht  nach  der  unvollständigen  Ueberschrift 
dieser  Abtheilung  des  Catalogs  denken  könnte.  Vielmehr  sind 
alle  Manuscripte  der  Abtheilung  ohne  Rücksicht  auf  Inhalt 
oder  Sprache  bloss  nach  jenem  eii?en  Princip  geordnet.  Ist 
das  Schlagwort  bei  mehreren  dasselbe,  so  findet  innerhalb  einer 
solchen  ganzen  Kategorie  gar  keine  weitere  Anordnung  statt. 
So  sind  z.  B.  die  vielen  Handschriften,  die  unter  dem  Haupt- 
worte Carta  oder  dem  Historia  aufgeführt  sind,  unter  sich 
weiter  gar  nicht  geordnet.  Diese  so  unvollkommene  Einrich- 
tung des  Catalogs  ist  bei  seiner  Benutzung  begreiflicher  Weise 
sehr  hinderlich.  Wer  die  Manuscripte  einer  gewissen  wissen- 
schaftlichen Kategorie  kennen  lernen  will,  muss  den  ganzen 
Catalog  durchgehen,  und  zwar  mit  Sorgfalt,  da  die  Haupt- 
wörter allein  oft  keine  genügende  Auskunft  geben.  —  Nicht 
selten  sind  bei  den  einzelnen  Buchstaben  Nachträge,  „Apendices", 
gegeben,  in  welchen  indessen  wohl  kaum  neu  erworbene  Manu- 
scripte verzeichnet  worden  sind,  vielmehr  allem  Anscheine  nach 
bloss  theils  solche,  die  man  aus  den  dem  Catalog  zu  Grunde 
liegenden  Verzeichnissen  aufzuführen  vergessen,  theils  in  Col- 
lectivcodices  übersehene  Manuscripte.  Den  einzelnen  Buch- 
staben folgen  auch  stets  ein  oder  mehrere  weisse  Blätter.  Für 
eine  Abschätzung  der  Zahl  der  Handschriften  ist  dies  nament- 
lich beachtenswerth.  Die  Art  der  Catalogisirung  der  einzel- 
nen Manuscripte  geht  aus  den  folgenden  Mittheilungen  zur  Ge- 


')  U.  a.  findet  sich  ein  Catalog  deutscher  Bücher  v.  J.  1580  (Cat. 
31  v"),  und  eine  „Noticia  de  la  libreria  de  Cujacio"  (Cat.  94  r").  Der 
auf  die  Gründung  und  Erweiterung  der  Escorial  -  Bibliothek  selbst 
sich    beziehenden  Handschriften  sind  nicht  weniffo. 


48  '  K^^''"' 

nüge  hervor,  denn  ich  gebe  die  Titel,  wo  ich  sie  voll- 
ständig niittheile,  buchstäblich  genau  wieder  i);  rücksichtlich 
der  Signaturen  sei  bemerkt,  dass  der  lateinische  Buchstab 
sowie  das  Zeichen  &  (nicht  der  griechische  Buchstab  a, 
den  fälschlich  Hänel  an  der  Stelle  des  Zeichens,  der  Abkür- 
zung von  et,  stets  gegeben  hat)  den  Schrank,  die  römische 
Zahl  das  Gefach,  die  arabische  die  Nummer  des  Codex  be- 
zeichnet; ist  überdeni  fol.  mit  einer  folgenden  Ziffer  ange- 
führt, so  weist  dies  auf  das  Blatt  des  Codex  hin,  da  in  ein- 
em solchen  Falle  das  Manuscript  in  einem  Collectivcodex  sich 
findet.  In  sehr  vielen  Fällen  habe  ich  neben  der  Signatur 
mit:   Cai.  .  .  .  auf  die  Münchener  Abschrift  hingewiesen'^). 

In  der  folgenden  Arbeit  habe  ich  mich,  wie  schon  der 
Titel  besagt,  auf  die  in  den  romanischen  und  der  englischen 
Sprache  verfassten  Manuscripte,  und  zwar  im  Allgemeinen  nur 
auf  solche  die  dem  Gebiete  der  Nationalliteratur  angehören, 
oder  doch  dasselbe  be-treffen  —  und  zu  letzteren  sind  für 
jene  Zeiten  die  Uebersetzungen  zu  rechnen  —  beschrankt. 
Von  den  germanischen  Sprachen  ist  ausser  der  englischen  nur 
noch  die  deutsche  im  Cataloge  vertreten;  das  einzige  Werk 
in  letzterer  aber,  das  der  Nationalliteratur  angehörte,  der 
Teuerdank  ist,  nach  Knust's  Behauptung,  keine  Handschrift, 
sondern  ein  alter  Druck.  Die  Arbeiten  von  Plüer'^),  HäneF), 
Knust '*),  Hoffmann^)  und  Valentinelli  ^) ,  sowie  namentlich  die 
Anmerkungen  Bayer's  zu  seiner  Ausgabe  des  Nicol.  Antonio  ') 
habe  ich  vornehmlich  studirt,  und  berücksichtigt  soweit  sie  das 
von  mir  in  Betracht  gezogene  Gebiet  berührten.  Aber  von 
Bayer  abgesehen,  der  indessen  selbstverständlich  nur  die  ca- 
stilische  und  catalanische  Literatur  ins  Auge  fasst,  waren  die 
anderen  für  mein  Feld  von  sehr  geringem  Belang.    Hoifmann's 


')  Nur  die  in  Cursiv  den  Titeln  vorausgesetzten  Namen  der  Auto- 
ren sind  selbstverständlich  von  mir  hinzugefügt,  um  spätere  Nach- 
suchungen zu  erleichtern.  ^^)  Nur  r°  habe  ich  besonders  angezeigt, 
die  Ziffer  allein  vi^eist  stets  auf  fol.  r"  des   Cat. 

2)  Catalogus  Mss.  Bibliothecae  Seoraliensis.  In  Büschiiufa  Maga- 
zin T.  V.   (Hamb.   1771)  p.  107  ff. 

*)  Catalogi  libror.  Mss.  qui  in  bibliothecis  Galliae  etc.  etc.  asser- 
vantur.  ■*)  In  Pertz,  Archiv  VIII,  p.  809  ff. 

*)  In:  Serapeum  1854,  p.  296  ff. 

«)  Delle  biblioteche  della  Spagna  in  Sitzungsber.  der  philos.-hist. 
Classe  der  (Wiener)  Akad.  der  Wissensch.  T.  XXXIII,  p.   Q>Q  ff.  (1860). 

^  Madrid   1787. 


Die  Handschriften  der  Bibliothek  des  Eseoinal.  41) 

Arbeit  ist  sehr  gründlich,  kam  aber  materiell  nicht  in  Be- 
tracht, die  anderen  ausser  Plüer  auch  nur  wenig.  Bei  Hänel 
sind  zugleich  die  Titel  sehr  unvollkommen  gegeben  und 
manche  geradezu  fehlerhaft.  Plü^r  gibt  die  Titel  nach  einem 
lateinischen  Catalog.  fast  bloss  andeutungsweise  ohne  Signa- 
turen, und  durch  eine  Unzahl  der  stärksten  Druckfehler  ent- 
stellt. So  habe  ich  diesen  Vorgängern  ausser  dem  über  die 
Einrichtung  und  die  Geschichte  der  Bibliothek  von  ihnen  Dar- 
gebotenen wenig  zu  verdanken,  lieber  diese  gibt  Valentinelli 
die  beste  Auskunft,  auf  den  ich  hiermit  verweise. 

Meines  Wissens  sind  viele  Titel  zum  ersten  Male  von  mir 
hier  mitgetheilt,  namentlich  der  französischen,  provenzalischen 
und  englischen  Literatur.  Es  befinden  sich  darunter  interes- 
sante, vielleicht  selbst  sehr  wichtige  Handschriften:  möchten 
dieselben  recht  bald  der  Gegenstand  einer  genauem  Unter- 
suchung und  Beschreibung  werden! 

Italienische  Literatur. 

Dante.  —  Esplicacion  6  comentario  para  que  los  Espano- 
les  puedan  leer  y  comprender  la  Comedia  del  Dante  Allighieri, 
escrita  sin  nombre  de  autor  ä  fines  del  s.  XV.  S  -  II  -  13  - 
fol  -  35.     (Cat.  59  v»). 

Dies  Manuscript  scheint  das  bei  Hänel  als  ,, Dante,  la  di- 
vina  commedia;  saec.  XV.  fol."  bezeichnete,  da  die  Signatur 
auch  fast  vollständig  stimmt,  sie  ist  dort  S  -  III  -  13  (III  wird 
wol  ein  Schreibfehler  für  II  sein) ;  die  andere  von  Hänel 
aufgeführte  Handschrift  der  Divina  commedia  ist  vielmehr  die 
catalanische  Uebersetzung  Febrer's  (s.  unten). 

Dante.  —  Monarchia  de  Dante  Allighieri,  traducida  del 
latin  en  lengua  italiana  por  Marsilio  Ficino ,  escrita  en  vitelas, 
adornada  la  primera  hoja  con  pinturas  y  oro,  en  Florencia 
ä  21  de  Marzo  de  1462.  Pertenecio  ä  D.  Diego  de  Mendoza, 
Un  cod.  en  vitelas  en  4°.     Pasta.      &  -  III  -  25.     (Cat.   91). 

Bei  Jlänel  nur  als  „Monarchia"  Dante's  aufgeführt,  nicht 
als  Uebersetzung  Ficino's. 

Petrarca.  -  ~  Triunfo  de  la  fama  del  Petrarca  por  Jacopo 
di  Messer  Poggo  [wol:  por  Messer  Jac.  Poggio]  escrito  en 
italiano,  en  finisimas  vitelas,  adornadas  sus  primeras  hojas 
con  oro  y  pinturas,  häcia  mediado  del  s.  XV.  En  4"  mayor. 
Pasta  labrada.     y  -  III  -  23.      (Cat.    132). 

.Inliil..   f.   r..ni.   ii.   ''ii-I.   Lit.    IV.   1.  J. 


50  Ebert 

Die  bei  H'dnel  aufgeführten  Sonelti  ed  altre  pocsie  Pe- 
trarca's  (h  -  I  -  10)   fehlen  in  unserm  Catalog. 

Boccaccio.  —  Arte  de  amar  de  Ovidio  explicado  por 
Juan  Bochatio,  escr.  de  muy  buena  letra  por  Antonio  de 
Roma,  ano  1388.  AI  fin  estä  el  texte  seguido,  y  la  traduccion 
en  verso  italiano.     En  pap.  en  fol.     P  -  II  -  10.     (Cat.  Tjv"). 

Boccaccio.  —  Novelas  de  Juan  Boccaccio  de  Certaldo, 
escr.  en  papel  ä  med.  del  s.  XV.  En  fol.  Pasta.  J  -  II  -  21. 
(Cat.  94  v°). 

Nach  Hänel  und  Valentinelli  eine  Uebersetzung  ins  Ca- 
stilische,  der  Catalog  besagt  darüber  nichts;  doch  ist  es  wahr- 
scheinlich, weil  sonst  das  ,,e8cr.  en  italiano"  nicht  fehlen  würde. 
(Uebersetzungen  der  Fiammetta  und  des  Buchs  De  casibus 
princijmm  ins  Castilische  s.  weiter  unten.) 

Libro  del  Anticristo  escr.  en  verso  italiano,  en  pergam. 
a   med.  d.  s.  XIV.     d  -  IV  -  32.     (Cat.   83). 

Quexas  de  un  enamorado,  y  al  fin  un  soneto,  escr.  en 
pergam.  en  ital.  s.  n.  d.  a.  ä  fin.  d.  s.  XV.  S- III -21. 
(Cat.   109  v°). 

Das  Soneto  ist:  „alla  fortuna",   wie  Cat.   126  v"  zeigt. 
Alejandro,    comedia    escr.    en    lengua    etrusca,    en    prosa, 
en  pap.  d.  s.  XVI.     En  4°  menor.      b-IV-12.      (Cat.  2v"). 
(Canzoni  s.  unten  in  Französ.  Lit.  unter  Canciones.) 
Clara,  Hipolita.  —  Los  seis  primeros  libros  de  la  Enelda 
de  Virgilio,    traducidos    en    verso   italiano  por  Hipolita  Clara, 
escr.  por  su  misma  mano,  en  pap.,  en  el  ano  de  1533.    4°  men. 
f-IV-17.     (Cat.  62  v°). 

Clara,  Hipolita.  —  Rimas  de  Hip.  Clara,  escr.  p.  mano 
de  la  autora ,  en  ital.,  algunos  sonetos  en  frances,  y  uno 
solo  en  castellano,  ä  princ.  d.  s.  XVI.  4*^  men.  b  -  IV  -  24. 
(Cat.  123). 

Guicciardini.  —  Advertencias  civiles  por  Guicciardini, 
escr.  en  ital.,  en  pap,,  häcia  f.  d.  s.  XVI.  X  -  III  -  6 - 
fol.    327.     (Cat.  2). 

Spinello  da  Giovenazzo.  —  Anales  de  Messere  Mattheo 
Spinello  da  Giovenazzo,  copiados  de  los  que  estan  en  poder 
del  Sr.  Miguel  Gesualdo;  comienzan  desde  el  a.  1247  hasta 
1268;  escr.  en  lengua  ital.,  en  pap.,  ä  m.  d.  s.  XVI.  L  -  I  -  25- 
fol.  95.     (Cat.  2v°). 

Nardi.  —  Discurso  de  Jacobo  Nardi,  por  el  quäl  trata 
de   persuadir   al   Emperador  Carlos  V.  la  justicia  con  que  los 


Die  Handschriften  der  Bibliotliek  des  Escorial.  51 

Florentinos  piden  su  libertad  etc.,  cscr.  en  lengua  ital.,  en  pap., 
häcia  m.  d.  s.  XVI.     L  -  I  -  9  -  fol.   1°.     (Cat.  52  v«). 

Xardi.  —  Discurso  de  Jacobo  Nardi,  hecho  en  Venecia 
despues  de  la  niuerte  de  Papa  demente  VII.  el  afio  1534 
ä  instancia  de  algunos  nobles  Venecianos  para  informacion 
de  las  novedades  oecorridas  en  Florenzia  desde  el  a.  1494 
hasta  el  de  1534,  escr.  en  leng.  ital.,  en  pap.,  häcia  m.  d. 
s.  XVI.     L- 1-9 -fol.  10.     (Cat.  52  v°). 

Giannotti.  —  Historia  de  la  republica  Florenlina,  com- 
puesta  p,  Donato  Giannotti,  escr.  en  ital.,  en  pajD. ,  a  pr.  d. 
s.  XVI.     Fue  concliiida  1534.    O  -  I  -  17  -  fol.  396.  (Cat.  73  v«). 

Erste  Ausgabe   1721,  s.   Gamba  p.  422. 

Fedeli.  —  Historia  de  la  guerra  del  Turco  contra  los 
Venecianos  desde  el  a.  d.  1563  hasta  el  1573,  por  Fedel  Fedeli, 
escr.  en  leng.  ital.,  en  pap.,  a  pr.  d.  s.  XVI.  En  fol.  max. 
0-1-17 -fol.  1.     (Cat.  73  V«). 

Historia  de  Roma  desde  320 — 1350,  escr.  en  ital.  s.  n. 
d.  a.,  en  pap.,  ä  pr.  d.  s.  XVI.  Estä  falta  al  principio. 
0-1-17 -fol.  516.     (Cat.  73  v°). 

Tratado  del  tirano  y  tirania  y  del  rey  y  reino  por 
Augustino  Nipho  6  de  Viconovo,  escr.  en  pap.,  en  ital.,  ä  med. 
d.  s.  XV.     &-IV-10.     (Cat.  130). 

Landi,  GiiiUo.  —  Libro  de  la  Grandeza  de  änimo,  escr. 
en  it.  por  el  conde  Giulio  Landi  que  le  intitula:  „Delle  morali 
e  costumate  azioni",  consagrado  ä  la  memoria  del  Emper. 
Carlos  V,  escr.  en  it.,  en  pap.,  ä  fin.  d.  s.  XVI.  4".  d  -  III  -  26. 
(Cat.   69  V«). 

Corsa,  Giacomo.  —  Diälogo  de  la  confusion  de  las  cien- 
cias,  por  Giacomo  Corso,  escr.  en  leng.  it.,  en  pap.,  ä  pr.  d. 
s.  XVI.     Ä  -  III  -  28  -  fol.  .38.     (Cat.  50). 

Corso,  Giacomo.  —  Diälogo  de  la  creacion  del  mundo, 
comp,  por  Giacomo  Corso,  dirigido  al  Cardinale  de  Monte, 
escr.  en  pap.,  en  leng.  it.,  ä  pr.  d.  s.  XVI.  4".  &  -  III  -  28- 
fol.   1".     (ibid.) 

Ueborsetzungen  aus   den  Alten. 

Ausser  den  oben  erwähnten  metrischen  Uebersetzungeu : 
Vitruvius^  der  Uebersetzer  nicht  genannt,  Ende  XIV.  sehr 
schön  geschrieben.  Perg.  fol.  (J-II-l.  Cat.  5).  —  Ciirtius, 
übersetzt  von  dem  P.  Candido  Decembre  1438,  sehr 
schön    geschrieben,    aber    der    Anfang    fehlt.       Cod.    en    perg. 

4* 


52  Ebert 

fol.  (N  -  III  -  3.  Cat.  74).  —  Ferner  drei  llandsclniften  einer 
ital.  üebersetzung  der  Hist.  nat.  des  Plinius,  von  denen  zwei 
wenigstens  durch  die  Erwähnung  der  an  den  König  Ferdinand  von 
Aragonien  gerichteten  Widmung  als  das  Werk  des  Crist.  Landino 
sich  kundgeben.     Die  Titel  lauten  vollständig  nach  dem  Catalog: 

Historia  natural  de  C.  Plinio  2°  en  leng.  ital.,  escr.  con 
raucho  lujo  y  elegantes  pinturas  en  vitehts,  häcia  fin.  d.  s.  XV. 
Contiene  los  XI  primeros  libros  y  una  dedicatoria  al  rey 
D.  Fernando  de  Aragon  y  de  Sicilia.  En  fol.  mayor.  h  -  I  -  U. 
(Cat.   75  v"). 

Hist.  nat.  de  C.  Plinio  2",  contiene  los  diez  y  ocho  pri- 
meros libros  preeedidos  de  un  prologo  dirigido  al  rey  D.  Fer- 
nando de  Aragon.  Escr.  en  vitelas  con  adornos,  en  leng.  it., 
häc.   f.  d.   s.  XV.     Fol.  mayor.     h  -  I  -  3.     (Cat.  ibid.) 

Hist.  nat.  de  C.  Plinio  2'\  comprende  desde  el  libro  ly 
hasta  el  37,  escr.  en  ital.  adorn.  de  letras  iniciales,  häc. 
f.  d.  s.  XV.  Fol.  mayor.  h  - 1  -  2.  (Cat.  77).  (Ist  wohl  die 
zweite  Hälfte  der  vorigen  Handschrift). 

Noch  sei  erwähnt:  Educacion  de  un  Principe,  6  tratado 
de  como  un  Rey  no  puede  gobernar  sin  ciencia,  de  Plutarcho, 
escr.  en  it.,  en  pap.,  ä  m.  d.  s.  XV.  Perg.  4".  &  -  IV  -  10- 
fol.  1".     (Cat.  58). 

Eransösische  Literatur. 

Canciones  amorosas  en  frances,  puestas  en  milsica  para 
cuatro  voces  (segun  parece),  escritas  con  mucha  lirapieza  las 
notas  musicales,  en  pergam.  ä  pr.  d.  s.  XV.  4°.  V  -  III  -  24. 
(Cat.  12). 

Canciones  francesas  e  italianas,  puestas  en  mdsica,  escritas 
en  papel,  ä  pr.  d.  s.  XVI.  (Pertenecio  ä  D.  de  Mendoza). 
4°  menor.     a  -  IV  -  24.     (Cat.   12  v°). 

Chartier,  Alain.  —  Diälogo  entre  quatro,  l'acteur,  France, 
le  Peuple,  le  Chevalier,  por  Alain  Chartier.  Escr.  en  frances, 
en  pap.,  ä  pr.  d.  s.  XV.     X  -  HI  -  2  -  fol.   197.     (Cat.  50). 

Ist  offenbar  das   Q,uadriloge.  invectif  Chartier's. 

Chartier,  Alain.  —  Romance  frances  por  Alain  Chartier, 
escrito  en  vitelas  ä  med.  d.  s.  XV,  en  prosa.  O  -  I  -  14  -  fol.  35. 
(Cat.   123  v°). 

Ob   die  Esperancel 

(Chartier,  Alain.   — '    Breviario   de  Nobles,    poesia  6  ro- 


Die  Haudscliriften  der  Bibliothek  des  Escorial.  53 

niance  frances,  s.  n.  d.  a. ,  escr.  en  vitelas  ä  med.  d.  s.  XV. 
O  - 1  -  14  -  fol.  22  V.     (Cat.  10). 

Dass  das  Manuscript  das  bekannte  Werk  Chartiefs  ist, 
ist  um  so  sicherer,  als  es  mit  dem  vorhergehenden  zusammen- 
gebunden. 

(Chartier,  Alain,  — '  Espejo  de  damas,  romance  6  poesia, 
en  fr.,  en  vitelas  ä  m.  d.  s.  XV.  (Ohne  Angabe  des  Verfassers). 
0-1-14 -fol.  27.     (Cat.  59 v°). 

Dies  mit  den  beiden  vorhergehenden  zusammengebundene 
Manuscript  ist  offenbar:  „Le  Mirouer  des  dames"  von  Alain 
Chartier,  vgl.  P.  Paris,  Manuscr.  fran^.  VII,  p-  254,  wo  dies 
Gedicht  in  einer  Sammelhandschrift  Chartier's  aufgeführt  und 
als  ,,inedit  et  curieux"  bezeichnet  ist. 

MaroU  —  Seine  Uebersetzung  der  Metamorphosen ,  aber 
nur  das  zv^^eite  Buch  enthaltend,  Papierhandschrift  in  kl.  4°, 
nach  der  Mitte  des  XVI.  Jahrhunderts  („en  parte  negro,  bas- 
tante  mal  tratado  por  el  fuego").     f-IV-6.      (Cat.   90). 

Romance  frances,  sin  nombre  de  autor,  escr.  en  pergam., 
muy  adelantado  al  siglo  XIII.  Fol.  Pasta  encarnada.  P-II-22. 
(Cat.   123  v°). 

Historia  de  Pontus.  Parece  como  una  novela  6  libro  de 
caballeria,  anonimo,  escr.  en  frances  ä  pr.  d.  s.  XV.  X-III-2- 
fol.   137.     (Cat.  75). 

Offenbar  der  Roman  von  König  Ponthus  und  der  schönen 
Sidonie. 

Leon  coronado,  parecen  ser  romances  franceses  en  prosa 
y  en  verso  escritos  en  dicho  idioma,  en  pap.,  ä  pr.  d.  s.  XV. 
Fol.     Terciopelo  azul.     L  -  II  -  23.     (Cat.  82  v«). 

Ob  etwa  der  Roman  von  L//o«  de  Bonrges,  welchen 
Paris  Manuscr.  fran^.  III,  p.  1  ff.  aufführt,  und  der  eine 
Nachahmung  einer  Chanson  de  geste  ist?  Ueber  die  Form 
des  Romans  sagt  Paris:  „il  est  vrai  qu'en  general  ces  vers 
sont  octosyllabiques;  mais  souvent  l'arrangeur  s'est  contente 
de  copier  les  vers  anciens,  et  nouvent  ausui  il  na  pris  aucun 
Nijin  de  donner  ä  ses  lignes  wie  mesure  et  des  consonnances 
regulierest'.  Es  wäre  nicht  unmöglich,  dass  dergleichen  Verse, 
wie  die  letztgenannten ,  von  dem  Verfasser  des  Catalogs  für 
Prosa  angesehen  worden  wären.  Paris  fährt  dann  fort:  ,,Le 
plus  grand  effort  de  son  Imagination  semble  avoir  ete  de 
couper  le  recil  cn  chapitres  dont  les  rubriques  sont  tres  cir- 
constanciees".     Auch    diese    Angabe    bestärkt    unsere    Vernui- 


54 


Kljcrt 


thung,  und  würde  zugleicli  die  Bezeichnung:  „romances" 
erklären.  Auch  die  von  Paris  mitgetheilte  Inhaltsangabe  stimmt 
zu  unserm  Titel.  Der  Sohn  eines  vertriebenen  Herzogs  von 
Bourges  wird  von  einer  Löwin  gesäugt  und  deshalb  Lyon 
genannt ,  nach  mannichfachen  Abenteuern  erobert  er  sein 
Herzogthuni  wieder.  Eine  Episode  spielt  selbst  in  Spanien. 
Der  Roman  gehört  dem  Kreis  der  Karlsage  an.  Da  die  Hand- 
schriften von  der  Chanson  de  geste  sowie  von  dem  Roman 
sehr  selten  zu  sein  scheinen,  hat  dies  Manuscript  vielleicht 
besondere  Bedeutung. 

Le  Roman  du  Jotweneel.  —  Escr.  en  vitelas  finisimas, 
adorn.  de  vinetas  de  muy  buen  gusto,  ä  pr.  d.  s.  XV.  Fol. 
S-n-16.     (Cat.  80). 

S.  über  dieses  Werk  Jean  de  BueiVs  Paris,  1.  1.  H,  p.  130  fl^. 

Tratado  del  Gobierno  de  Reyes,  anonimo,  escr.  en  frances, 
en  pap.,  ä  pr.  d.  s.  XV.     X  -  HI  -  2  -  fol.  224  v°.      (Cat.  69). 

Ist  vielleicht  das  „Gouvernement  des  Rois  et  des  Princes", 
aus  dem  lateinischen  des  Gilles  de  Rome  ins  Französische 
übersetzt  von  Henri  de  Gauchy,  bei  Paris,  1.  1.  II,  p.   211. 

Espejo  de  ricos  y  particularmente  de  los  de  corte,  eom- 
puesto  por  Fr.  Miguel  Frangois,  y  fue  concluido  en  Agosto 
de  1500,  escr.  en  fr.  en  vitelas  con  una  hermosa  vineta  al 
principio.  Fue  hecho  para  el  Archiduque  d'Austria  y  Duque 
de  Borgona  D.  Felipe,  de  quien  era  confesor  el  autor.  En 
fol.  max.     Z-I-1.    (Cat.  59  v«). 

Arbol  de  Batallas  dividido  en  quatro  partes;  la  primera 
habla  de  las  tribulaciones  de  la  Yglesia  ya  pasadas ,  la  segund» 
de  la  destruccion  de  quatro  grandes  reynos  antiguos ,  la  tercera 
de  las  batallas  en  general,  la  quarta  de  las  batallas  en  parti- 
cular;  compuesto  por  Honorato  Bonnet  Prior  de  Sallon,  escr. 
en  frances  en  pap.,  no  muy  adelantado  el  siglo  XV.  Dirigido 
ä  Carlos  VI ,  rey  de  Francia.  En  fol.  Pasta.  X  -  III  -  2- 
fol.    1°.     (Cat.  4  v»). 

Vielleicht  dieselbe  Handschrift,  deren  Paris  1.  1.  V,  p.  101 
gedenkt  (Nr.  7077)  als  „transcrit  en  Espagne". 


Provenzalische  Literatur. 

Arbol  6  Breviario   d'Amor,   en  que  trata  de  la  esplicacion 
del    dicho    ärbol    y    sus   propiedades,    de   la   esencia   de   Dios, 


Die  Handschriften  der  Bibliuthek  des  Escorial.  55 

de  los  ängelos  buenos  y  malos,  del  cielo,  de  los  signos  etc., 
escr.  en  rimas  lemosinas  por  Messer  Matfre  en  el  ano  del 
iiascimiento  de  J.  C.  de  1288,  en  vitelas,  adorn.  de  vinetas 
y  oro.     En  fol.  en  pasta  encarnada.      S  -  I  -  3.     (Cat.   5). 

Poesias  anonimas,  escritas  en  lenguage  gälico  provenzal, 
en  pergam.,  a  princ.  del  siglo  XIII.  Esta  falte  al  fin.  Cod.  en  4" 
de  figura  niuy  prolongada,  en  pasta.    M  -  III  -  21.   (Cat,  105  v°). 


Catalanische  Literatur. 

Der  catalanischen  Handschriften,  welche  durchweg  mit 
dem  Ausdruck  ,,lemosinische"  bezeichnet  werden,  sind  ver- 
hältnissmässig  nicht  wenige,  über  40  nämlich  ^).  Die  meisten 
hat  auch  bereits  Bayer  in  seiner  neuen  Ausgabe  des  Nie.  An- 
tonio, wie  ich  mich  grösstentheils  selbst  überzeugt  habe,  auf- 
geführt; ich  will  die  wichtigsten  kurz  namhaft  macheu,  und 
dann  einiger,  und  zwar  solcher,  die  ich  bei  Bayer  nicht 
entdeckt  habe,  ausführlicher  gedenken.  So  finden  sich  die 
Chronik  und  das  Libre  de  la  Saviesa  von  König  Jacob  I, 
die  Chronik  Muntaner's  und  Desclot's,  Turmeda's  Letrillas 
de  las  cosas  qua  han  de  suceder  etc.  (s.  Bayer  II,  p.  363), 
der  Crestia  des  Ximenez  und  andere  Werke  desselben  (s. 
Bayer  II,  p.  183),  sowie  die  religiösen  Schriften  des  Erz- 
bischofs von  Valencia,  Pedro  Pasqual  (s.  Bayer  1.  1.  p.  101, 
Anm.  1);  ferner  der  Torcimany  des  Luis  de  Aver90,  die  Poe- 
sien des  Ausias  March. 

Nicht  angeführt  fand  ich  bei  Bayer  die  Handschrift  der 
seltenen  Chronik  von  Tomich,  welches  Werk  nach  Cambouliu, 
Essai  p.  66,  in  Barcelona  1495  gedruckt  erschien.  Die  Hand- 
schrift ist  unter  folgendem  Titel  aufgeführt:  Historia  de  Espana 
y  particularmente  de  la  Corona  de  Aragon  hasta  el  rey 
D.  Alonso  el  V.,  compuesta  por  Pedro  Tomich,  en  lengua 
lemosina,  escrita  en  papel  por  Luis  Rivellas,  ano  1493.  En 
fol.     X  -  II  -  10.     (Cat.  75). 

Ferner:  Leyes  de  Caballeria,  de  paz  y  de  guerra,  por 
Berenguer  de  Puiy ,  escr.  en  lemosin  en  papel,  a  tines  d.  s.  XV. 
Y-III-4-fol.  58.    (Cat.  82 v«). 


')  Sell)t;tver.stäiidlich    .sind    hierbei     die    Manuseripte,    die    zu     der 
,, Literatur"  nicht  gehören,  als  Gesetzsammlungen  ete.  nicht  mit  gerechnet. 


56  J-'^*^^'-' 

Von  demselben  Verfasser  findet  sich  auch  ein  ,,Stimaria 
de  Espana"   (wohl:  de  la  historia).     (Cat.   127  v°). 

Coplas  lemosinas  y  castellanas  amorosas,  s.  n.  d.  a.. 
en  pap.,  ä  fin,  d.  s.  XV.  (Valen  poco\  d -II  -  10  -  ultima  hoja. 
(Cat.  39). 

Propiedades  de  las  yerbas  rosemarino,  salvia  y  coriandro, 
escr.  cn  pap.,  en  lemosin,  a  med.  d.  s.  XIV.  G  -  III  -  18- 
fol.  12.     (Cat.   l()6v^')- 

Flos  Sanctorum,  escrito  en  lengua  lemosina,  s.  n.  d.  a.. 
en  Vit.,  ä  med.  d.  s.  XIV.     En  fol.     N  -  II  -  5.     (Cat.   G.5). 

Da  wohl  trotz  der  nachlässigen  Abfassung  des  Catalogs 
sich  nicht  annehmen  lässt,  dass  dieses  Wort  die  weiter  unten 
angeführte  Uebersetzung  sei,  ist  es  vielleicht  das  Buch,  das 
Ximenez,  der  Verf.  des  Crestia,  unter  diesem  Titel  verfasst 
haben  soll.     S.  Nie.  Ant.  II,  p.  181,  Nr.  366. 

Von  U eher  Setzungen  in  das  Catalanische  finden  sich  die 
der  göttlichen  Komödie  von  Febrer  (escr.  en  pap. ,  en  Barce- 
lona 1428.  En  fol.  L-II-18.  Cat.  34  v°);  die  von  Frag- 
menten aus  Seneca,  deren  auch  Helfferich,  Raym.  Lull  p.  54 
Anm.,  gedenkt  (Cat.  39  v°);    ferner: 

Obras  de  Valerio  Moximo ,  traducidas  en  lengua  lemosina 
por  mandado  del  Cardenal  de  Valencia,  quien  las  envia  (sie) 
al  concejo  de  Barcelona,  por  mano  de  Bartolome  de  Canals, 
escritor  del  dicho  libro,  elegantemente  escrito  en  vitelas  ano 
de  1395.     En  fol.  max.     R-I-11.     (Cat.  96  v°). 

Von  dieser  Uebersetzung  findet  sich  hier  noch  eine  andere 
Handschrift  (h  -  I  -  10.  Cat.  ibid.),  in  deren  Titel  richtiger  der 
Uebersetzer  Antonio  Canals  und  der  Schreiber  Bartolome  ^Ja- 
valls  genannt  wird.  (Vgl.  auch  Bayer,  1.  1.  II,  p  178.)  Der 
Titel  der  zweiten  Handschrift  enthält  noch  einiges  Bemerkens- 
werthe,  nämlich:  —  —  „traduc.  por  Fr.  Ant.  Canals,  ord. 
Pred'"._,  por  mandado  del  rey  D.  Juan  1°.  Frecede  una  carta 
que  el  Cardenal  de  Sabina  envio  ä  Barcelona  con  este  libro, 
fecha  Valencia  1°  de  Decienibre  de  1395,  la  respuesta,  y  otra 
carta  del  traductor  al  Cardenal".  Ausserdem  finden  sich  zwei 
Handschriften  einer  Uebersetzung  desselben  Buchs  ins  Castilische 
von  demselben  Ant.  de  Canals  vor,  die  eine  aus  dem  Jahr  1427, 
die  andere  —  defecte  —  vom  Jahr  1430  (h  - 1  -  11  und  12. 
Cat.  50  v°). 

Flos  Sanctorum,  en  el  que  se  contienen  las  principales 
festividades  del  ano,    dividido   en  quatro   partes,    traducido   del 


Die  Handschriften  der  Bibliothek  des  Escorial.  57 

latin    al    catalan    6    lemosin,    anönimo,    escr.    en    pergamino, 
ä  princ.  d.  s.  XV.     En  fol.  men.     N  -  III  -  5.     (Cat.   65). 

Ob  etwa  eine  auszugsweise  gemachte  Uebersetzung  der 
Legenda  aurea?  Die  castilische  Uebersetzung  derselben  führt 
auch  den  Titel  Flor  es  6  vidas  de  santos. 

Noch  sind  zu  erwähnen  eine  Uebersetzung,  oder  dem  Titel 
nach  genauer:  „Erklärung"  des  bekannten  Werks  des  Aegidius 
Romanus: 

Regimiento  de  Principes ,  hecho  y  compil.  p.  Fr.  Eg.  Rom., 
declarado  por  Fr.  Andres  Stanyol,  carmelita,  escr.  en  lengua 
lemosina,  ä  pr.  d.  s.  XV,  en  pap.  En  fol.  max.  R  - 1  -  8. 
(Cat.   111b). 

Und  eine  Uebersetzung  der  Chronik  des  Martinus  Polonus 
aus  dem  Ende  des  13.  Jahrhunderts,  also  sehr  bald  nach  dem 
Erscheinen  des   Originals.     (P  -  II  -  18.     Fol.      Cat.  40). 

Sowie  eine  Uebersetzung  der  Dialoge  der  heil.  Katharina 
von  Siena  vom  Jahr  1546.     (Cat.  50). 

Endlich  ein  aus  dem  Hebräischen  wahrscheinlich  über 
tragenes  Werk  des  bekannten  Philosophen  und  Mathematikers, 
Aben  Esra: 

Juicios  de  Jas  estrellas  6  Astrologia  judiciaria,  que  com- 
puso  Abraham  ha  venazera  (Ben-ezra)  ano  1148,  en  lengua 
lemosina,  escr.  en  pap.,  ä  med.  d.  s.  XV.  En  fol.  N  -  I  -  19. 
(Cat.  80). 

Ausserdem  eine  Anzahl  erbaulicher  Schriften  und  ein  paar 
Moraltractate,  sämmtlich  anonym,  zum  Theil  aus  späterer  Zeit. 


Spanische  Literatur. 

Dass  die  Bibliothek  des  Escurials  auf  diesem  Gebiete 
sehr  bedeutende  Schätze  besitzt,  ist  allgemein  bekannt.  Der 
wichtigsten  ist  schon  öfters  gedacht  worden ,  und  auch  die 
minder  wichtigen  sind  zum  grössten  Theil  von  Bayer,  Rodriguez 
de  Castro  u.  A.  aufgeführt.  Ich  werde  daher  auch  hier  so 
verfahren,  dass  ich  von  allen  den  Handschriften  die  mir  über- 
haupt wichtig  erscheinen,  diejenigen,  von  denen  ich  theils  weiss 
theils  wenigstens  mit  Sicherheit  vermuthen  darf,  dass  sie  be- 
reits als  der  Escurialbibliothek  angehörig  genannt  worden  sind, 
nur  kurz  und  andeutungsweise  namhaft  mache,  die  dagegen, 
von  welchen  ich  in  jener  Beziehung  einen  Zweifel  hege,  mit 
ihrem   vollen  Titel  hervorhebe. 


58  Kbert 

I.   Erste  Periode,  bis  zum  Anfang  des  XV.  Jahrhunderts. 

Besonders  reich  ist  die  Bibliothek  an  Werken  Alfons'  X., 
s.  dieselben  bei  Bayer,  II,  p.  78ff.;  sie  besitzt  ferner  bekannt- 
lich die  Castigos  seines  Sohnes  Sancho,  sowie  die  Monteria 
Alfons'  XI.  (s.  Bayer  II,  p.  165);  das  Gedicht  des  Juden  von 
Carrion,  die  Danza  general  de  la  muerte,  das  Gedicht  vom 
Conde  Fern.  Gonzalez,  sowie  ein  paar  andere  kleinere  Ge- 
dichte derselben  Handschrift  (vgl.  Wolf,  Stud.  p.  153  ff.);  in- 
gleichen die  älteren,  erst  unlängst  herausgegebenen  Gedichte 
vom  König  Apollonius,  der  Maria  Egypciaca  und  der  Anbe- 
tung der  Könige  (s.  darüber  Wolf,  1.  1.  p.  50);  ferner  das 
Libro  del  Palacio  Ayala's,  und  zwar  in  folgender,  in  mancher 
Rücksicht  bemerkenswerthen   Weise  verzeichnet: 

Poesias  anönimas,  pero  que  se  cree  sei  de  Pedro  Lopez 
de  Ayala,  segun  Bayer.  AI  principio  se  leen  las  notas  si- 
guientes: 

1''^.  El  autor  de  estas  poesias  es  Pedro  Lopez  de  Ayala 
segun  la  confrontacion  hecha  por  D.  Manuel  Abella  con  otro 
exeraplar  que  tiene  la  Academia  espanola. 

2^.  NB.  Es  el  famoso  libro  que  Ilaman  rbnado  de  Pa- 
lacio, puede  suplirse  la  hoja  que  falta  por  otra  copia  del 
siglo  XV  en  4°  que  pertenecio  ä  la  casa  de  Campo  Alange 
B.  J.  G. 

Estän  escritas  en  pap. ,  ä  fin.  d.  s.  XIV.  Diöle  ä  S.  M.  D. 
Jorge  Beteta.     En  foh     h- III -19.      (Cat.   105  v°). 

Dass  diese  Handschrift  auch  die  Paraphrase  des  Hiob 
nach  dem  heil.  Gregor  enthält,  zeigt  eine  Note  Bayer's  zu 
Nie.  Ant.  II,  194,  Anm.  2.  Bemerkenswerth  ist  die  ur- 
sprüngliche Bezeichnung  der  Handschrift  als  Poesias,  die  auf 
den  auch  äusserlich  losen  Zusammenhang  der  einzelnen  Theile 
jenes  Werks  hinweist.  Vgl.  hierüber  vornehmlich  Wolf,  1.  1. 
139  ff. 

Dem  Ende  dieser  Periode  scheint  ein  Gedicht  anzugehören, 
dem  ich  sonst  nicht  begegnet  bin: 

Las  siete  edades  del  mundo  escritas  en  verso  y  prece- 
didas  de  una  dedicatoria  dirigida  ä  una  reyna  de  Castilla  que 
no  nombra:  la  ultima  edad  concluye  en  el  tiempo  del  papa 
Gregorio  XL  No  se  halla  el  nombre  del  autor,  el  caräcter 
de  la  letra  es  de  mediados  del  siglo  XV,  estä  adornado  de 
vinetas  de  mal  gusto.    En  4°  may.    h  -  II  -  22  -  fol.  1"^.  (Cat.  57). 


Die  Handschriften  der  Bibliothek  des  Esoorial.  59 

Welchen  Schatz  an  Chroniken  aus  dieser  ersten  Epoche 
der  spanischen  Nationalliteratur  die  Bibliothek  besitzt,  ist  in 
den  weitesten  Kreisen  bekannt  worden,  indem  vornehmlich 
ihrer  gerade  Hänel  und  Andere  gedenken.  Um  so  mehr  über- 
gehe ich  sie  hier;  dagegen  sind  die  folgenden  Prosawerke 
wenig  bekannt: 

Disputa  entre  un  judio  y  un  cristiano,  sobre  estar  ya 
abolida  la  ley  de  Moyses,  escr.  en  castellano,  a  fin.  d.  s.  XIII. 
en  pergam.     g  -  IV  -  30  al  fin.     (Cat.  54). 

Schon  durch  das  Alter  merkwürdig.  Nur  Knust  hat, 
doch  ohne  genauere  Titelangabe,  dieses  Manuscript  angeführt, 
1.  1.  p.  814  u.  816. 

Einer  Erzählung  vom  Kaiser  Otas  und  der  Infantin  Flo- 
rencia, sowie  einer  andern  von  Carlos  Maynes  und  der  Kai- 
serin Sevilla  (Sibille),  welche  ein  Collectivcodex  des  14.  Jahr- 
hunderts (h-I-13)  enthält,  hat  kürzlich  Wolf  zuerst  in  den 
Zusätzen  seiner  Studien  (p.  741)  gedacht.  Eine  andere  Er- 
zählung desselben  Codex  finde  ich  aber  dort  nicht  aufgeführt, 
und  lasse  deshalb  ihren  Titel  folgen: 

Cuento  muy  fermoso  de  una  santa  Emperatriz,  que  ovo 
en  Roma,  et  de  su  castidad,  s.  n.  d.  a. ,  escr.  en  pergam., 
ci  med.  d.  s.  XIV.     Fol.     h-I-13.     (Cat.  43). 

Noch  ein  Cuento  findet  sich  in  einer  Handschrift  späterer 
Zeit,  er  sei  hier  sogleich  angemerkt: 

CueHto  de  las  Estrellas,  escr.  en  pap. ,  s.  n.  d.  a. ,  des- 
pues  de  med.  el  s.  XVI.     En  fol.  max.     h  - 1  -  3.     (Cat.  43). 

II.    Das  XV.  Jahrhundert. 

Auch  von  den  Dichtern  der  Regierungszeit  Johann's  II. 
finden  sich,  wie  bekannt,  hier  nicht  wenige  und  auch  bedeu- 
tende Handschriften:  so  die  Arte  Cisoria  des  Marques  von 
Villena;  ferner  von  Juan  de  Mena  die  Coplas  contra  los  siete 
pecados  mortales,  welche  Handschrift  Bayer  nicht  aufgefunden 
hat  (s.  II,  p.  268,  Anm.  2),  wahrscheinlich  weil  sie  in  einem 
Collectivcodex  (K  -  III  -  7  -  fol.  157)  sich  befindet;  ferner  von 
demselben  die  Coronacion,  und  Coplas  in  dem  folgenden  Codex, 
auf  den  Bayer  a.  a.  0.  wohl  hinweist ,  ohne  jedoch  den  Titel 
desselben  genauer  zu  geben : 

Coplas  de  Juan  de  Duenas;  pregunta  de  Jua7i  de  Mena; 
respuesta   de   Villalpando,    y   pregunta  del   mismo  al  Bachiller 


60 


Kbert 


Altbnso  de  la  Torre,  coii  la  respuesla  del  Bachiller  con  olras 
coplas,  escr.  en  pap.,  cn  castellano,  häcia  fin.  d.  s.  XV.  Fol. 
N-I-13-fol.   1°.     (Cat.  38  v°). 

Verschiedenes  ferner  von  dein  Marques  von  Santillana 
(worunter  auch  seine  Proverbios).  Nicht  minder  finden  sich 
Alonso  de  Cartagena  (Doctrin.  de  cab.),  Jorge  Manrique  und 
Fern.  Perez  de  Guzman  (Gedicht  auf  Alonso  de  Cartagena) 
vertreten. 

Noch  weit  reichlicher  und  bedeutender  ist  der  Schatz 
prosaischer  Werke  dieses  Zeitraums;  rücksichtlich  der  Histo- 
riker verweise  ich  auch  hier  ganz  auf  meine  Vorgänger,  indem 
ich  nur  die  Namen  Guzman,  Pulgar  und  Almela  hervorhebe, 
von  welchem  letztern  namentlich  viel  sich  findet.  Auch  vom 
Faso  honroso  ist  eine  Handschrift  da;  ingleichen  Diego  de  Va- 
lera's  ,,Libro  de  la  Nobleza  e  fidalgufa"  (N  -  I  -  13.  fol.)  sowie 
die  Vision  deleitable  des  Alf.  de  la  Torre.  Auch  der  Corbacho 
des  erst  durch  Wolf  zu  Ehren  gebrachten  Erzpriesters  von 
Talavera  befindet  sich  auf  der  Bibliothek,  und  die  Art  wie 
er  in  unserm  Catalog  aufgeführt  ist  gibt  neue  und  nicht  unin- 
teressante Aufschlüsse : 

Avisos  para  precaver  ä  los  jövenes  incautos  contra  los 
lazos  y  artes  de  las  prostitutas.  El  titulo  del  libro  es  el 
siguiente:  Libro  compuesto  por  Alfonso  Martinez  de  Toledo, 
ArcipreKte  de  Tedaver a,  en  hedat  smja  de  qtmrenia  anos  aca- 
bado  ä  16  de  Marzo  ano  del  nascimiento  del  nuestro  senor 
J.  C.  1438.  Sin  bautismo  sea  por  nombre  llamado  Arcipreste 
de  Talavera  donde  quier  que  fuere  levado ,  escrito  por  Alfonso 
de  Contreras,  en  papel,  ano  1466.  En  fol.  Pasta  negra. 
h-HI-  10 -fol.   1«.     (Cat.  6). 

Hieraus  geht  also  die  Zeit  der  Abfassung  des  Werks  sowohl 
als  das  Geburtsjahr  des  Verfassers  (1398),  welches  letztere 
wenigstens  bisher  ganz  unbekannt  war,  hervor.  Bayer  hat 
bei  dem  Namen  des  Erzpriesters  (H,  249)  den  vorstehenden 
Titel  nicht,  dagegen  einen  andern  aus  dem  Cataloge  aufgeführt. 
Es  findet  sich  nämlich  auch  in  unserer  Copie  unter  F  das 
folgende  Werk  aufgeführt: 

Fados,  fortuna,  signos  y  planetas,  Tratado  contra  la 
comun  fabla  de  los  =  compuesto  por  Alfonso  Martinez  de 
Toledo,  Arcediano  (sie)  de  Talavera,  escrito  en  papel  por 
Alonso  de  Contreras  ano  1466.    h-HI-lO-fol.  72.    (Cat.  64 v°). 

Schon    eine    Vergleichung    der   Signatur   des  letzten   Titels 


Die  Handschriften  der  Bibliothek  des  Escorials.  Gl 

mit  der  des  vorhergehenden  liefei-t  den  offenbaren  Beweis  für 
die  Behauptung  "Wolfs,  dass  das  von  Bayer  a.  a.  0.  aufge- 
führte Werk  nur  der  vierte  Theil  des  Corbacho  sei.  Bayer 
fügt  seiner  Titelangabe  die  auch  von  Wolf  citirten  Worte 
bei:  „anno,  ut  ibidem  legitur,  1432  ab  auctore  editus.'- 
Entweder  liegt  nun  hier  von  Seiten  Bayer's  ein  Schreibfehler 
vor,  oder  oben  von  Seiten  des  Copisten  unseres  Catalogs; 
denn  offenbar  bezieht  sich  Bayer  auf  die  in  dem  ersteren 
Titel  gemachte  Zeitangabe.   — 

Ich  hebe  noch  folgende  Handschriften  von  Werken  unge- 
wissen Alters  hervor,  von  denen  ich  ausserdem  nicht  weiss, 
dass  sie  Bayer  aufgeführt  habe: 

Castigos  y  doctrinas  que  un  sabio  daba  ä  sus  hijas  ins- 
truyendolas  para  cuando  contrajesen  matrimonio,  en  castellano, 
escr.  al  fin.  d.  s.  XV.  Esta  con  el  Tostado  desde  la  pagina  85 
hasta  la  103.     a  -  IV  -  5  -  fol.  85  v°.     (Cat.  31  V  ). 

Der  Tostado  ist  Alfonso  de  Madrigal;  s.  Nie.  Ant.  ed. 
Bayer  II,  p.   255. 

Flores  de  la  filosofia,  porque  los  hombres  ricos  y  men- 
guados  estudiasen,  sacados  de  los  dichos  de  los  filosofos, 
anonimo,  escr.  en  pap.,  ä  fin.  d.  s.  XV.  &  -  II  -  8  -  fol.  27. 
(Cat.  65). 

Auf  den  Collectivcodex  weist  Bayer,  die  gegebene  Sig- 
natur desselben  anführend ,  an  der  Stelle  hin ,  w^o  Nie.  Ant. 
(II,  28)  eines  Werks:  Flores  de  ßlosoßa  gedenkt,  welches 
unter  Alfons  VIII.  in  castilischer  Sprache  verfasst  sein  soll.  (?) 

Libro  de  flores  que  es  tomado  de  los  dichos  de  los  sabios, 
s.  n.  d.  a.,  escr.  en  pap.,  ä  fin.  d.  s.  XV.  X  -  II  -  12  -  fol.  87. 
(Cat.  65). 

m.   Spätere  Zeit. 

Von  den  Handschriften  des  folgenden  Jahrhunderts  hebe 
ich  zunächst  drei  hervor,  die  möglicherweise  nicht  bekannt 
sind,  wenigstens  nicht  edirt  scheinen: 

Poesias  sagradas ,  obras  pöstumas ,  que  trabajaron  el 
P.  Fr.  Jose  de  Siyueiiza  y  otros  hijos  del  r.  monast.  dol 
Escorial  1586.     En  pap.     4".     Z-IV-11.     (Cat.  105  v"). 

Jose  de  Siguenza  ist  der  bekannte  Kirchenhistoriker, 
welcher  als  Prior  des  Escurials  1606  starb.  Noch  eine  andere 
Handschrift  (f-IV-33)  bewahrt  solche  Dichtungen  von  ihm. 

Historia    Laurentina.    comp,    en    verso    por    Taus   Cabrera 


62  I'^bert 

de   Cordoba,    en    octavas   castellanas,    escr.    ä   tin.  d.  s.  XVI. 
(Maltratado  por  las  Ilamas),     e  -  IV  -  6.     (Cat.   77). 

Dies  Gedicht  scheint  mir  die  Gründung  des  Escurial  und 
damit  die  Schlacht  von  St.  Quintin  zu  besingen,  bei  welcher 
Vater  und  Grossvator  des  Verfassers  zuerst  auf  der  Mauer  der 
erstürmten  Festung  erschienen,  wie  der  Verfasser  in  seiner 
Geschichte  Philipp's  II.  selbst  erzählt. 

Las  obras  satiricas  del  conde  de  Villamediana  a  los  pre- 
lados  y  ministros  del  rey  Don  Felipe  3'',  y  su  confesor,  ä 
otras  personas  y  objetos,  escritas  en  verso  en  un  cod.  en  4" 
pap.  pergam.     J  -  III  -  15.     (Cat.  101). 

Villamediana  war  bekanntlich  einer  der  ersten  und  bedeu- 
tendsten Nachfolger  Gongora's.  Einer  der  beliebtesten  Hof- 
leflte,  soll  er  ein  Opfer  der  Eifersucht  Philipp's  III.  geworden 
sein.  Seine  Gedichte  erschienen  im  Druck  erst  nach  seinem 
Tode  unter  dem  Titel  „Obras"  Zaragoza  1629  und  1G34, 
und  Madrid  1035.  Spätere  Ausgaben  sind  mir  nicht  bekannt; 
dass  in  jenen  aber  die  oben  aufgeführten  Satiren  auf  Minister, 
Prälaten  und  den  Beichtvater  des  Königs  enthalten  gewesen, 
erscheint  sehr  unwahrscheinlich. 

Noch  sei  erwähnt,  dass  der  Catalog  auch  ein  paar  Werke 
der  heil.  Theresa,  darunter  den  Camino  de  'perfeccion ,  und 
von  Luis  de  Granada:  Meditacion  sobre  las  7  palabras  de  J.  C. 
aufführt,    so^^^e  einiger  „Obras"  des  Arias  Montano  gedenkt. 

Ob  die  folgende  Handschrift  eines  handschriftlich  so  sel- 
tenen Werks  bekannt  ist,  weiss  ich  nicht: 

Diälogo  de  las  lenguas,  anönimo,  escr.  en  pap.,  ä  princ. 
d.  s.  XVL     En  4°.     K  -  III  -  8  -  fol.  1°.     (Cat.  50). 

Es  ist  offenbar  das  1737  zuerst  nach  einer  Madrider  Hand- 
schrift veröffentlichte  Werk  von  Juan  Valdes.  (Vgl.  Ticknor  I, 
425  f.)     Von  demselben  merkwürdigen  Gelehrten  findet  sich : 

Dialogo  llamado   de  Mercurio  y  Charon  en  que  se  mani- 
ßesta  la  justicia  del  Emperador  Carlos  V.  y  la  iniquidad  de  los 
que  le  desfiaron,   escrito  s.  n.  d.  a.   i^talvez  de  Juan  de  Valdes 
en    pap.    äntes    de    med.    el    s.    XVI.      En  fol.      N  -  II  -  24. 
(Cat.  49  v°). 

Ueber  diese  1850  von  neuem  herausgegebene  berühmte 
Schrift,  welche  auch  Juan's  Bruder,  Alfonso  beigelegt  wird, 
s.  Boehmer  in  der  neuen  Ausgabe  von  Valdessi,  Considerazioni 
(Halle,   1861)  p.  488  ff'.,  Anm,  20. 

Die  folgende   Schrift,   welche  offenbar  für  Gongora  gegen 


Die  Handschriften  der  Bibliothek  des  Escorial.  03 

Jauregui's  Discurso  2}o^ii(^(^  contra  el  hablar  culto  y  obscuro 
verfasst  ist,  finde  ich  weder  bei  Nie.  Antonio  noch  bei  Ticknor 
oder  sonstwo   erwähnt: 

Anti-Xauregui  del  Licenciado  Don  Luis  de  la   Carrera  al 
reforraador    de   los  poetas  castellanos,    escr.   en    pap,,    en    ca- 
stellano,  ä  pr.  d.  s.  XVII.     L  -  I  -  15  -  fol.  225.     (Cat.  3  v'^). 
Von    besonderem    literarhistorischem    Interesse    muss    die 
folgende  Handschrift  sein: 

Diälogo  de  tres  religiosos  sobre  la  historia  del  Predicador 
Fr.  Gerundio ,  con  otros  muchos  papeles,  en  prosa  y  en  verso, 
en  pro  y  contra  de  dicha  obra,  anonimos,  escr.  en  pap.,  ä  fin. 
d.  s.  XVII.  (offenbar  S.chreibfehler  für  XVIII).  J  -  III  -  34- 
fol.   107.     (Cat.  49  v°). 

Auch  eine  Sprichwörtersanimlung  findet  sich  a.  d.  E.  XVI. : 
Refranes  castellanos  y  algunos  traducidos  al  latin,  s.  n.  d.  a. 
d- IV- 3 -fol.  161.    —  Ferner: 

Lecciones  varias  del  Cancionero  general,  impreso  en 
Amberes  por  Martin  Nucio ,  ano  de  1557  en  8°  cotejado  con 
la  impresion  de  Cromberger  en  Sevilla,  ano  1540  en  fol., 
anonimo,  escrito  en  pap.,  siglo  XVII.  L-I-15  fol.  207. 
(Cat.  82). 

In  literargeschichtlicher  Beziehung  ist  vielleicht  beachtens- 
werth  ein  Briefwechsel  zwischen  D.  Gregorio  Galindo  und 
dem  Marques  de  la  Mina  ,,  sobre  representacion  de  comedias". 
Copien  aus  d.  Anf.  XVII.  N  - 1  -  12  -  fol.  266.  (Cat.  28  v°). 
Und  in  Betreff  der  Aussprache  ein  andrer  zwischen  Fr.  de  Fi- 
gueroa  und  Ambr.  de  Morales: 

Carta  de  Franc,  de  Figueroa  sobre  la  verdadera  pro- 
nunciacion  de  la  lengua  castellana,  fecha  en  Chartres  ä  20 
de  Agosto  de  1520,  escr.  en  cast.     L -1-13 -fol.  184. 

Carta  de  Ambr.  de  Morales  contestando  ä  la  de  Fr.  de 
Figueroa  sobre  la  verd.  pron.  etc.  Zum  grössten  Theil  von 
der  Hand  des  Verfassers,  aber  wie  es  scheint  nicht  beendigt. 
L-I-  13 -fol.  234. 

Uebersetzungen  ins  Castilischc. 

Eine  nicht  geringe  Zahl  von  Uebersetzungen  ins  Casti- 
liscbe  findet  sich  auch  vor,  namentlich  aus  dem  Lateinischen; 
ich  will  in  der  Kürze  sämmtliche  Uebersetzungen  namhaft 
machen ,  die  ich  mir  notirt  habe ,  und  ich  glaube  nur  sehr 
wenige  und  solche  die  ohne  alles  Interesse  mir  erschienen  (so 


(54  Ebert 

Uebersetzungen  des  IG.  Jahrhunderts  die  im  Drucke  sogleich 
herausgekommen  sind),  übergangen  zu  haben.  Mag  auch  Bayer 
schon  manche  hier  und  dort  in  seiner  Ausgabe  des  Nie.  An- 
tonio aufgeführt  haben,  ihre  Zusammenstelhing  allein  dünkt 
mir  schon  lehrreieli.  Nicht  bloss  sehr  interessant,  sondern 
ungemein  wichtig  für  die  Literaturgeschichte  des  Mittelalters 
wäre  es ,  wenn  Jemand  eine  statistische  Uebersicht  der  ge- 
sammten  Uebersetzungsliteratur  desselben  verfasste,  chronolo- 
gisch geordnet,  und  gegliedert  nach  den  einzelnen  Sprachen, 
denen  die  Uebersetzer  angehörten.  Hierzu  mag  das  Folgende 
einen  kleinen  Beitrag  liefern.  Die  beigefügten  römischen 
Ziffern  geben  das  Alter  der  Handschrift  an. 

a)  Aus  dem  Lateinische?!. 

Aegidius  Romanus.  Ich  lasse  diesen  Titel  genauer  folgen : 
Gobernamiento  de  los  Pi-incii^es,  compuesto  por  F.  Agidio 
Roma  (sie),  y  traducido  al  castellano  por  Pedro  Garcia  de 
Castroxeriz,  a  ruego  de  Bernabe  Obispo  de  Osma,  para  la 
educacion  del  Infante  D.  Pedro,  hijo  de  Alfonso  XI,  escr.  en 
pap.  häcia  el  ano   1400.     En    fol.    max.     h  - 1  -  8.     (Cat.    69.) 

Dasselbe  Werk  findet  sich  noch  einmal  in  einem  Cod. 
in  4"  vom  Ende  des  XIV.  Jahrhunderts.  Von  dem  Werke 
des  Tbomas  von  Aquino:  ,,De  regimine  principum"  finden 
sich  zwei  Uebersetzungen  Ende  XIV  und  Anfang  XV.  Die 
Legenda  aurea,  zwei  Uebersetzungen  XV.  Dialoge  des 
heil.  Gregor  XV.  Vegecius  Mitte  XV,  Livius  (v.  Ayala) 
Mitte  XV.  Salust  (Catil.  u.  Jug.)  XV.  Curtius  (Dichos 
[sie]  de  Quinto  Curtio)  Mitte  XV.  Val.  Maximus  (siebe 
oben  pag.  56)  Anfang  XV.  Cicero,  Offic.  et  De  senect. 
Mitte  XV;  Rhetorica  (?)  (der  Titel  der  Uebersetzung  ist: 
Retorica  de  Ciceron,  traslad.  por  Alf.  de  Cartagena,  a  inst, 
de  Eduarte  rey  de  Portogal,  escr.  ä  f.  d.  s.  XV.  Das  Beto- 
rica  als  spanisches  Wort  genommen  könnte  auch  auf  das  be- 
rühmtere Werk:  De  oratore  gehen).  Seneca,  Werke  ,,Obras" 
zwei  mal,  v.  Alf.  de  Cartagena  und  ohne  Namen  des  Ueber- 
setzers  „auf  Befehl  Juan  II.  von  Castilien",  wohl  dieselbe 
Uebersetzung,  beide  XV;  De  vita  beata  (con  notas  al  märgen 
de  Alf.  de  Cartagena);  De  ira  (Tratado  de  Sen.  contra  la 
ira  y  sana,  trasl.  d.  lat.  p.  Fr.  Gonzalo,  y  corregido  p.  Nuno 
de  Guzman  escr.  en  pap.  1415);  Epist.  ad  Lucil.  durch  Ver- 
mittelung  einer  italienischen    Uebersetzung    (,.hechas    trasladar 


Die  Handschriften  der  Bibliothek  des  Escorial.  65 

de  latin  en  lengua  florentina  por  Ricardo  Pedro,  e  liiego  las 
fizo  trasladar  de  ling.  tose,  en  castell.  Fern.  Perez  de  Guzman.") 
Anfang  XV;  Tragoediae,  Uebers.  anon.,  Mitte  XV;  Proverbia 
(übersetzt  und  glossirt  v.  Alf.  de  Cartagena)  Ende  XV.  Boe- 
thius,  Consol.  phil.  (con  la  glosa  de  Fr.  Nie.  Trebet),  Mitte 
XV.  Lull,  Arb,  pbil.  Ende  XVI.  Boccaccio,  de  casibus  vir. 
(„Caida  de  principes",  zum  grössten  Theil  dem  Ayala  zuge- 
schrieben, s.  Nie.  Ant.  II,  p.  195)  in  2  Manuscripten  Mitte  und 
Ende  XV.  —  (Das  von  Hänel  p.  961  citirte  Manuscript: 
Lucano  en  prosa  castell.  antiquiss.  membr.  4°,  habe  ich  nicht 
gefunden.  Beachtenswerth  in  der  Beziehung  ist,  dass  „Phar- 
salia"  im  Cat.  104  ausgestrichen  ist.) 

b)  Aus  dem  Italienischen. 

Boccaccio,  Fiammetta,  2  Manuscripte ,  Uebers.  anon.,  P  -  I- 
22  in  fol.  max.  (defect  im  Anf.)  und  e  -  III  -  9  in  4'',  beide 
Mitte  XV.  Vielleicht  auch  das  Decameron,  siehe  oben  p.  50. 

c)  Aus  dem  Französischen. 

Historia  de  la  guerra  y  ruina  de  Troya  de  Daretys  Fri- 
gio  et  Dyctis  Cretense,  traducida  del  frances  al  castellano  por 
mandado  del  rey  D.  Alfonso  XI.  de  Castella,  e  fue  concluido 
el  postrero  dia  de  Deciembre  era  de  1388,  del  nascim.  de  J. 
C.  1350.  Tiene  pintadas  algunas  märgenes  de  los  heroes  de 
dicha  guerra,  escr.  en  vitelas.  En  fol.  max.    h  -  I  -  6.  (Cat.  75  v°.) 

Flor  de  las  ystorias  de  Orient ,  en  que  se  habla  de  su 
situacion ,  reyes ,  costumbres  etc. ,  compuesto  en  frances  por 
Fr.  Ayton,  hermano  del  rey  de  Armenia,  por  mandado  del 
papa  demente  V,  mandado  escribir  por  D.  Fr.  Joan  Fer- 
randez  de  Redia,  maestre  de  S.  Juan  de  Jerusalem,  traducida 
al  castellano  por  Nicolau  Falcon  de  Coli,  escr.  en  vitelas 
adornadas  de  oro  y  pinturas  en  el  principio  de  los  libros,  acia 
med.  d.  s.  XIV.  Comprende  tambien  el  pasage  a  la  tierra 
Santa.  En  fol.  max.  Z  -  I  -  2  -  fol.  1".  (Cat.  65.)  Darin  ist 
auch  das  Werk  des  Marco  Polo  enthalten   (s.  Cat.  48  v°). 

Ferner  Hon.  Bonnet's  Arbre  des  batailles  um  1420  über- 
setzt (vgl.  Bayer  p.  210)  von  Antonio  Zorita,  gerichtet  an  den 
Marques  V.  Santillana  ,,con  notasmuy  curiosas"  wie  der  Cat.  (4  v°) 
sagt;  endlich  eine  Uebers.  des  Commiiies  1622  verf.  (Cat.  88). 

d)  Aus  dem    Catalanisclten. 

Die    Chronik    Muntancr's    übersetzt    von    Miguel    Montade 

Jahrti.   f.   roni.   ii.  ctn(l.   I.it,     IV.    J.  T^ 


ßß  Ebert 

(J  -  in  -  25.  Cat.  40  v°).  Der  Name  eines  früheren  Besitzers 
ist  mit  dem  Datum  1593  Zaragoza  angemerkt.  Wahrschein- 
lich ist  dies  die  Handschrift  der  1595  in  Barcelona  erschie- 
nenen castilischen  Uebersetzung,  deren  Verfasser  dem  Nie 
Antonio  unbekannt  geblieben  (s.  II,  p.  145).  Ferner  das  fol- 
gende Manuscript,  daseiner  genaueren  Titelangabe  würdig  ist: 
Dichos  de  Sabios  y  Filosofos,  y  de  otros  exemplos  y  doc- 
trinas,  traducido  del  catalan  al  castellano  por  Jacob  Cadigue 
de  Vcles  hebreo,  medico  espaiiol,  por  mandado  de  D.  Lorenzo 
Xuarez  de  Figueroa,  Maestre  de  Santiago.  AI  fin  se  lee: 
Cumpliose  de  romanzar  (NB.)  e  screbir  en  28  de  Julio,  ano 
del  nasc.  de  J.  C.  de  1402  en  la  villa  de  Vcles,  lugar  del 
dicho   seiior  Maestre.     b  -  II  -  19  -  fol.   127.     (Cat.   50  v^) 

e)  Aus   dem  Portugiesischen. 

Die  Chronik  des  Resende.      (Cat.  40.) 

f)  Aus  anderen  Sprachen   oder  Literaturen. 

Von  der  noch  nicht  genauer  untersuchten  Apologen- 
Sammlung,  auf  welche  der  Marques  v.  Pidal  in  seiner  Einlei- 
tung des  Cancion.  de  Baena  zuerst  wieder  aufmerksam  ge- 
macht hat  —  welche  Notiz  Wolf  in  seinen  ,, Studien"  p.  92 
abgedruckt  —  finden  sich  3  Manuscripte  hier,  deren  Titel 
mir  merkwürdig  genug  scheinen,  um  sie  in  extenso  zu  geben, 
zumal  Pidal  nur  der  alten  Drucke  gedenkt  und  als  vollstün- 
digen  Titel  bloss  anführt:  El  libro  llamado  Bocados  d''oro  el 
quäl  hizo  el  Boniiim  Rey  de  Persia.     Unsere  3  Titel  lauten: 

Bocados  de  oro ,  d  los  dichos  del  Profeta  Sset,  et  sus 
castigos  6  avisos ,  s.  n.  d.  a.,  escr.  en  pap.  ä  pr.  d.  s.  XV. 
En  4°.     h  -  III  -  6.     (Cat.   9  v°.) 

Bocados  de  oro,  version  castellana  del  libro  que  anda 
con  este  titulo  atribuido  ä  Bonimi  (sie)  Rey  de  Persia,  que 
con  deseo  de  aprender  paso  ä  la  India,  y  refiere  dichos  y 
hechos  de  los  sabios  indios  y  griegos  (!)  etc.,  s.  n.  del  trad., 
escr.  en  pap.  häcia  1430.     En  4°.     e- III -10.     TCat.  ibd.) 

Bocados  de  oro,  6  sentencias  morales  colegidas  de  34 
sabios,  cuyos  nombres  no  se  notan,  y  de  Sulpicio  y  Justino 
Filösofo,  escr.  en  pap.  a  med.  d.  s.  XV.  en  castell.  En  4°. 
a  -  IV  -  9  al  princ.     fCat.  ibd.) 

Allerdings  ist  es  fraglich,  ob  das  erste  und  dritte  Manu- 
script mit  dem  zweiten  dem  Inhalt  nach  identisch  sind.    Mög- 


Die  Handschriften  der  Bibliotliek  des  Escorial.  67 

lieh  aber  ist  es;  beachtenswerth  ist  auch  in  der  Beziehung, 
dass  der  Titel  des  zweiten  Manuscripts  nicht  bloss  von  sabios 
indios,  sondern  auch  von  griegos  redet,  und  etc.  beifügt;  und 
dass  der  Uebersetzer   nach  Pidal  ein  Christ  ist. 

Kalilah  xmd  Dimnah.  —  Calila  y  Dina  (sie),  que  contiene 
una  coleccion  de  fäbulas  morales,  con  vinetas  de  pluma  regu- 
läres. En  el  ultimo  fol.  se  lee:  Aqui  se  acaba  el  libro  de 
Calila  e  Digna,  e  fue  sacado  jie  aräbigo  en  latin,  e  roman- 
zado  por  mandado  del  infante  D.  Alfonso,  hijo  del  muy  noble 
rey  D.  Fernando,  en  la  era  de  1299  aüos;  escr.  en  pap.  ä 
pr.  d.  s.  XV.     En  fol.  Pasta,     h  -  III  -  9.      fCat.   12.) 

Calila  y  Dina,  6  coleccion  de  fäbulas  morales,  tomadas 
de  varios  filösofos,  anonimo,  escr.  en  pap.  ä  fin.  d.  s.  XV. 
Parece  que  no  estä  completo.  AI  fin  del  codice  se  lee:  Aca- 
bose  jueves  postrimero  de  Abril  ario  de  67  por  Garcia  de 
Medina,  en  Valladolid.  En  fol.  menor.  Pasta.  X  -  III  -  4- 
fol.   P.     (Cat.  ibd.) 

Ob  die  zweite  Handschrift  eine  Copie  der  ersten  ist, 
oder  vielmehr  die  1498  in  Burgos  erschienene  Uebersetzung, 
welche  auf  der  spateren  lateinischen  des  Johann  von  Capua 
beruht,  der  bekanntlich  wieder  eine  hebräische  Uebersetzung 
übertrug,  vermag  ich  nicht  zu  unterscheiden.  Der  Titel  des 
genannten  Druckes  lautet  freilich  anders,  nämlich :  Exemplario 
contra  los  enganos  y  peligros  del  mundo.  —  Die  Ueber- 
setzung, welche  die  erste  Handschrift  enthält,  auf  Grund  der 
'älteren  lateinischen,  findet  sich  so\^el  man  weiss  sonst  nirgends, 
und  ist  bei  dem  Verlust  ihres  lateinischen  Originals  von  be- 
sonderer "Wichtigkeit.  Siehe  über  das  Verhältniss  der  Ueber- 
setzungen  zum  indischen  Grundwerk  Benfey  in  Orient  unti 
Occid.  I,   1. 

Proverbios  buenos  que  dixeron  filösofos  y  sabios  anti- 
guos,  traducido  del  griego  al  ärabe  por  Joannicio,  y  del  drabe 
al  latin  y  al  castellano  por  incierto  autor,  escr.  en  pap.  a  pr. 
d.  s.  XV  (Schluss  fehlt).  h-HI-1-fol.   116.  (Cat.   108.) 

Secreto  Secretorum  que  compuso  Aristoteles  por  mandado 
de  Alexandro  magno,  traducido  al  castellano,  dirigido  ä  Guido 
varon  noble  de  la  ciudat  de  Valencia,  anonimo,  escr.  en  vi- 
telas  adornadas  de  oro  y  pinturas  ä  mediados  d.  s.  XIV. 
Z  - 1  -  2  -  fol.  254.     (Cat.  124  v.) 

Von  diesem  Werk  finden  sich  noch  zwei  Handschriften, 
die  eine  unter  dem  Titel    „Poridad    de   las   poridades ,   el  quäl 


ß8  Ebert 

libro  fizo  Arist.  trad.  al  cast."  (L  -  III  -  2.  Cat.  106)  aus 
dem  Anfang  des  XIV.  Jahrhunderts,  Pergara.  Fol.;  die  andere 
unter  dem  Titel  „  Enseiiamientos  y  castigos  que  Arist.  envio 
a  Alex,  llamado  Porid.  d.  1.  por.",  welche  nicht  als  Ueber- 
setzung  bezeichnet  ist,  aus  dem  Anfang  des  XV.  Jahrhunderts 
(h  -  III  -  1  -  fol.  75.  Cat.  62  v°.).  Ob  diese  drei  Manuscripte 
ein  und  dieselbe  Uebersetzung  enthalten,  lässt  sich  nicht  sagen, 
ist  jedoch  sehr  wahrscheinlich.  Uebrigens  findet  sich  dasselbe 
Werk  auch  in  einer  catalanischen  Uebersetzung  auf  der  Ma- 
drider Nationalbibliothek,  siehe  Helfferich,  R.  Lull.  p.  54 
Anm.  —  Das  Original  der  oben  vorangestellten  Handschrift 
mindestens,  ist  das  aus  dem  Arabischen  übertragene  lateinische 
Werk  eines  gewissen  Philipp,  eines  Franzosen  ohne  Zweifel, 
der  die  Arbeit  auf  Befehl  des  Bischofs  von  Tripolis,  Guion 
de  Valence,  unternahm;  eine  Handschrift  aus  dem  XIII.  Jahr- 
hundert befindet  sich  davon  auf  der  Pariser  Bibliothek  (Nt. 
6586);  auch  eine  arabische  Version  findet  sich  dort;  nach 
der  Einleitung  der  lateinischen  soll  die  arabische  wieder  aus 
dem  Chaldäischen  übertragen,  das  Grundwerk  selbst  griechisch 
gewesen  sein.  Das  Buch  Philipp's  wurde  auch  ins  Französische 
übersetzt,  Ende  des  XIII.  und  des  XV.  Jahrhunderts.  Dass 
aber  die  obige  Handschrift  unmittelbar  aus  dem  Lateinischen 
übertragen  sei,  dafür  scheinen  mir  die  im  Titel  vorkommen- 
den lateinischen  Worte  zu  sprechen.  Uebrigens  sind  die  la- 
teinische und  französische  Uebersetzung  auch  im  Drucke  er- 
schienen.    Vgl.  Paris,  1.  1.  IV,  p.  344  ff.  und  p.  407  f. 

Von  wirklichen  Uebersetzungen  aus  dem  Griechischen  findet 
sich  nur  eine,  nämlich  die  von  Aristoteles'  M"ir])(^av'.xa  von  D.  Hurt, 
de  Mendoza,  in  zwei  Manuscripten  (Cat.  91  v'^).  —  Merkwürdig 
würde  das  folgende  Manuscript  sein,  wenn  es  noch  nicht  be- 
kannt sein  sollte: 

Disciplina  de  los  varones,  libro  1"  de  los  que  commun- 
mente  se  dicen  cn  la  China  los  quatro  libros.  Hb.  II  etc. 
traducido  por  örden  de  Felipe  2"  de  la  lingua  china  ä  la  cas- 
tellana,  por  Miguel  Rogerio,  escr.  en  pap.  häcia  fin,  d.  s,  XVI. 
En  4".     G- III -27.     (Cat.  51  v«.) 

Aus  dem  Arabischen: 

Refranes  aräbigos,  trad.  al  cast.  por  Patricio  de  la  Torre, 
ä  fin.  d.  s.  XVIII.    h  -  IV  - 10. 

Endlich  aus  dem  Englischen: 

Discurso    intitulado   Junius   sobre   la   declaracion    del   rey 


Die  Handschriften  der  Bibliothek  des  Escorial.  ß9 

de  Espana  y  discurso  del  de  Inglaterra,  trad.  del  ingles  al 
cast.  escr.  ä  fin.  d.  s.  XVIII.  J  -  II  -  3  -  fol.  153.  (Cat.  52.) 
Schliesslich  sei  erinnert,  dass  von  Uebersetzungen  der  Bibel, 
jedoch  nur  von  Theilen  derselben ,  sieben  Manuscripte  sich 
finden,  drei  vom  XIV.,  vier  vom  XV.  Jahrhundert. 


Portugiesische  Literatur. 

Ein  Manuscript  v.  J.  1598  enthält  Gedichte  verschie- 
dener Verfasser  und  grösstentheils  in  portugiesischer  Sprache 
(G- III -22);  ferner  findet  sich  eine  Uebersetzung  des  Sueton 
und  Sallust  ins  Portugiesische  aus  dem  Anfang  des  XV. 
(Cat.  128  vO.) 


Englische  Literatur. 

Gower's  Confessio  Amantis,  Papierhandschrift   des   XIV. 
G-H-19.     (Cat.  43.) 

A.   Ebert. 


IQ  Leiucke 


Zur  Textkritik  und  Erklärung  der  Divina 
Commedia. 

Im  ersten  Hefte  des  dritten  Bandes  (S.  114)  des 
Jahrbuches  ist  Blanc's  im  vorigen  Jahre  erschienener 
werthvoller  Versuch  einer  philologischen  Erklärung 
dunkler  und  streitiger  Stellen  der  göttlichen  Komödie 
(1.  Heft  die  Hölle,  Ges.  I— XVII,  Halle,  1860)  von  Ruth 
eingehend  gewürdigt  worden.  Nachdem,  wie  der  Herr 
Referent  sehr  richtig  bemerkt,  über  den  Bestrebungen 
zum  Verstäudniss  der  herrlichen  Dichtung  im  Ganzen  zu 
gelangen,  ihre  allegorischen  und  historischen  Beziehimgen 
zu  enträthseln  und  ihre  literarhistorische  und  ästhetische 
Bedeutung  festzustellen,  die  Erklärung  des  Einzelnen  in 
derselben ,  namentlich  die  kritische  Feststellung  der  rich- 
tigen Lesarten  luid  des  Wortsinnes  lange  Zeit  hindurch 
viel  zu  sehr  vernachlässigt  und  gerade  von.  deutschen 
Forschern  in  dieser  Beziehung  auffallend  wenig  geschehen 
ist,  wird  gewiss  jeder  Frevmd  der  Literatur  das  Blanc'sche 
Buch  freudig  begrüssen  imd  mit  dem  Herrn  Referenten 
übereinstimmen,  wenn  er  dasselbe  bahnbrechend  für  die 
kritische  Behandlung:  des  Textes  der  Divina  Commedia 
betrachtet. 

Gerade  deshalb  aber  fordern  die  von  Blanc  gefun- 
denen Resultate  zur  genauesten  Prüfung  auf,  damit  durch 
möglichst  vielseitige  Betrachtung  der  nur  zu  zahlreichen 
streitigen  Stellen  im  Texte  der  Divina  Commedia  verbun- 
den mit  immer  wiederholtem  Recurs  auf  die  Handschrif- 
ten die  Wahrheit  gefunden  werde.  Die  Wichtigkeit  des 
Gegenstandes  mag  es  daher  entschiddigen,  wenn  ich ,  an 
ein  bereits  in  diesen  Blättern  besprochenes  Buch  wieder 
anknüpfend,  zu  den  von  dem  Herrn  Referenten  vorge- 
brachten Bedenken  gegen  einzelne  von  Blanc's  Ausle- 
gungen hier  noch  eine  kleine  Nachlese  halte  und  einige 
von  ihm  gar  nicht  oder  nur  kurz  berührte  Punkte  zur 
Sprache  bringe. 


Zur  Textkritik  und  Erklärung  der  Divina  Commedia.  71 

1)  II,  56 — 57  sind  wohl  die  Worte  in  sua  favella 
für  nichts  weiter  als  einen  Pleonasmus  zu  halten,  den  Trou- 
badours nachgeahmt  bei  welchen  der  Ausdruck  me  dis 
en  so  latt  und  ähnliche  sehr  häutig  vorkommen. 

2)  III,  42  alcuna  gloria  i  rei  avrehher  tVelli.  Herr 
Blanc  widmet  dieser  Stelle  eine  ausfiihrliche  Erörterung 
(p.  34),  lediglich  zu  dem  Zwecke,  Monti's  und  einiger 
anderen  Commentatoren  Meinung,  wonach  alcuna  hier  ne- 
gativ zu  fassen  sei,  zu  widerlegen.  Ich  beabsichtige  zwar 
keineswegs,  für  diese  Ansicht  euschieden  Partei  zu  er- 
greifen, wie  ich  denn  überhaupt  diese  Stelle  für  eine  von 
denjenigen  halte,  welche  wegen  der  Unbestimmtheit  des 
Ausdrucks  ganz  geeignet  sind,  noch  lange  ein  Gegenstand 
des  Streites  zu  bleiben.  Ich  möchte  hier  nur  die  Gründe 
anführen,  welche  mir  stark  lür  Monti's  Ansicht  zu  spre- 
chen scheinen,  besonders  M^enn  man  zu  den  von  Herrn 
Blanc  in  Betracht  gezogenen  philologischen  und  psycholo- 
gischen Momenten  noch  ein  drittes,  nämlich  das  logisch- 
rhetorische^  hinzunimmt.  Betrachten  wir  letzteres  zuerst. 
Es  ist  die  Rede  von  denjenigen  Engeln,  welche  im 
Kampfe  der  abtrünnigen  Engel  gegen  Gott  neutral  ge- 
blieben und  deshalb,  der  göttlichen  Gerechtigkeit  gemäss, 
in  den  limbo  versetzt  worden  sind.  Der  Himmel,  sagt 
der  Dichter,  verstösst  sie,  weil  sie  seiner  Schönheit  Ein- 
trag gethan  haben  würden,  mit  anderen  Worten,  weil  sie 
für  den  Himmel  zu  schlecht  sind.  In  dem  nun  folgenden 
Grunde,  weshalb  auch  die  Hölle  sie  nicht  aufnimmt,  er- 
wartet das  natürliche  Gefiihl  des  Lesers  den  geraden 
Gegensatz  des  vorigen  zu  finden,  nämlich:  dass  sie  für 
die  Hölle  zu  gut  sind.  Nimmt  man  nun  alcuna  in  dem 
gewöhnlichen,  positiven  Sinne  und  versteht  mit  Boccac- 
cio und  den  meisten  anderen  Auslegern,  denen  sich  Herr 
Blanc  entschieden  anschliesst:  „die  Hölle  ninnnt  sie  nicht 
auf,  weil  die  grossen  Verbrecher  sonst  einigeii  Ruhm  von 
ihnen  haben,  eine  Freude  darüber  empfinden  würden,  solche 
Elende  ebenso  gestraft  zu  sehen,  wie  sie  selbst",  so  ist  der 
natürliche  Gegensatz  gestört,  es  ist  etwas  ganz  Anderes  da- 
mit gesagt,  als  der  Leser  nach  dem  Vorhergehenden  zu 
erwarten  berechtigt  war.  Dagegen  stellt  sich  der  erwartete 


72  Lemuke 

Sinn  sofort  heraus,  wenn  es  möglich  ist,  dem  alcuna  ne- 
gative Bedeutung  zu  vindiciren.  Alsdann  muss  natürlich 
das  Wort  gloria  im  Sinne  der  Hölle  gefasst  werden,  als 
welche  ihren  Ruhm  im  Bösen  sucht,  wie  der  Himmel 
den  seinigen  im  Guten  und  die  Stelle  wäre  dann  einfach 
dahin  zu  verstehen:  „die  Hölle  verwirft  sie,  weil  sie  kei- 
nen Ruhm  von  ihnen  hat,  keine  Ehre  (in  ihrem  Sinne) 
mit  ihnen  einlegt",  mit  andern  Worten:  „weil  sie  für  die 
Hölle  nicht  schlecht  genug  sind."  Damit  ist  den  Anfor- 
derungen der  Lofjik  und  Rhetorik  vollständig  Genüge 
geleistet,  zugleich  aber  auch  der  psychologischen  Wahrheit. 
Herrn  Blanc's  Einwand  bezüglich  der  letzteren,  ,,dass 
der  Hölle  ein  solches  selbständiges  ürtheil  nicht  zukom- 
men könne,  weil  hier  nur  die  Gerechtigkeit  Gottes  walte  ", 
erscheint  einigermassen  punctiliös  und  auch  schon  darum 
nicht  stichhaltig,  weil  der  Dichter  ja  ausdrücklich  sagt, 
„dass  die  Hölle  sie  verwirft".  Mit  diesem  Rechte  der 
Verwerfung  wird  ihr  doch  auch  ein  selbständiges  Ur- 
theil  beigelegt.  —  Nun  aber  entsteht  die  philologische 
Frage:  Kann  denn  überhaupt  alcuna  auch  negative  Be- 
deutung haben,  wie  Monti  behauptet?  Herr  Blanc  scheint 
dies  entschieden  zu  bezweifeln,  aber,  wie  ich  glaube,  mit 
Unrecht,  ganz  abgesehen  natürlich  von  der  Unpasslich- 
keit  der  von  Monti  angezogenen  Beweisstellen.  Dass  die 
in  Verbindung  mit  der  Negation  zur  Negirung  gebrauch- 
ten positiven  Pronomina  und  Adverbia  eine  Neigung  ha- 
ben, auch  für  sich  allein  zu  negiren^),  ist  ein  gemein- 
samer Zug  der  romanischen  Sjirachen,  wenn  er  auch  in 
der  Schriftsprache  nicht  immer  entschieden  hervortritt. 
Dass  jene  Pronomina  z.  B.  im  Neuprovenzalischen  ge- 
radezu in  negativen  Sinn  übergetreten  sind,  ist  auch  von 
Diez  (HI,  407  der  neuen  Ausgabe)  angemerkt  worden. 
Dass  die  französische  Volkssprache  sie  mit  Vorliebe  ohne 
Negation  gebraucht  (j'ai  pas  =■  je  n'ai  pas)   ist   eine  be- 


^)  Es  ist  natürlich  hier  die  Rede  vom  vollständigen  Satze;  bezüg- 
lich des  unvolktnnd'gen  oder  elliptischen  bedarf  der  Sache  nicht  erst  der 
Erwähnnnff. 


Zur  Textkritik  und  Erklärung  der  Divina  Commedia.  73 

kannte  Sache  i).  Dass  dies  auch  im  Italienischen  wenig- 
stens dem  Sprachgefühle  nicht  entgegen  ist,  beweist  ja 
schon  einigermassen  das  Vorkommen  solcher  Lesarten 
wie  alcuno  für  nullo  oder  niuno,  wie  in  den  beiden  von 
Monti  citirten  Stellen  des  Convito,  wo  der  negative  Sinn 
ganz  klar  ist  und  die  späteren  Ausgaben  das  negative 
Pronomen  wohl  nur  als  dem  correcten  Sprachgebrauche 
entsprechender  substituirt  haben.  Es  dürfte  nicht  schwer 
sein,  noch  andere  Beispiele  dieses  Gebrauches,  namentlich 
aus  der  älteren  Sprache,  nachzuweisen.  Somit  wäre  denn 
auch  vom  philologischen  Gesichtspunkte  aus  nicht  eben 
viel  gegen  die  Auffassung  Monti's  einzuwenden.  Gewiss 
war  es  in  diesem  Falle  nicht,  wie  Herr  Blanc  meint,  ein 
Gelüst  sich  an  der  Crusca  zu  reiben,  sondern  ein  durch- , 
aus  natürliches  Gefühl,  was  Monti  zu  der  negativen  Auf- 
fassung von  alcuna  drängte,  und  dass  er  nicht  der  erste 
war,  welcher  die  Stelle  so  verstand,  geht  daraus  hervor, 
dass  der  Cod.  Stuard.  auch  hier,  wie  in  der  von  Herrn 
Blanc  weiter  unten  citirten  Stelle  (da  freilich  entschieden 
unrichtig)  liest:  che  alcuna  gloria  non  avrebber  d'elli, 
was  Herr  Blanc  zu  bemerken  vergessen  hat. 

3)  V,  58 — 59.  ElV  e  Semiramis,  di  cui  si  legge^  che  sug- 
ger  dette  a  Nina.  Hier  nimmt  der  Herr  Referent  die  von 
Blanc  (p.  57)  für  Unsinn  erklärte  Lesart  sugger  dette  für 
succedette  mit  Recht  in  Schutz.  Die  inneren  Gründe  fiir 
dieselbe  sind  von  ihm  so  vortrefflich  und  vollständig  aus- 
einander gesetzt  worden,  dass  wohl  nichts  mehr  hinzuzu- 
fügen sein  möchte.  Ich  will  daher  hier  nur  bemerken,  was 
vom  Herrn  Referenten  nicht  geschehen  ist,  dass  die  Lesart 
sugger  dette  wohl  jetzt  als  gesichert  zu  betrachten  sein 
dürfte,  nachdem  Bianchi  dieselbe  in  seiner  neuesten,  unter 
seinem  Namen  erschienenen  Ausgabe  (Firenze,  1857)  in  den 
Text  aufgenommen  hat  und  zwar  auf  Grund  zweier  nicht  zu 
verachtenden  handschriftlichen  Autoritäten,  nämlich  eines 
Codex  der  Laurenziana,  in  welcher  sich  über  dem  Worte 
succedette     von    derselben    Hand    geschrieben    findet:    al 


'}  Zu  vergleichen  .«ind  hier  auch  spanische  Fälle  wie:   en    mi  vida 
hf   visto  ,  nif  in  nieinfni  Leben  habe  ich  gesehen. 


74  Lenicke 

(alias)  sugger  dette.,  und  eines  anderen  im  Brittischen  Mu- 
seum, welcher  suge  dette  hat  und  dasselbe  in  einer  latei- 
nischen Randglosse  durch:  id  est  mammas  vel  ubera  de- 
dit  filio,  cum  quo  deinde  concubuit,  erklärt,  alsdann  auch 
die  Lesart  „succedette"  anführt  und  hinzufügt:  sed  prior 
seusus  praevaluit.  Hinreichende  Beweise,  dass  die  Les- 
art nicht  erst,  wie  Blanc  annimmt,  aus  einer  Predigt  des 
15.  Jahrhunderts  aufgegriffen  ist.  Man  kann  nur  wün- 
schen, das  unsinnige  succedette  von  nun  an  für  immer 
aus  dem  Texte  der  Divina  Commedia  verbannt  zu  sehen. 

4)  V,  102.  -£"/  modo  ancor  m^ofende.  Zur  Unter- 
stützung der  unzweifelhaft  richtigen  Lesart  ojiodo  statt 
mondo  wäre  noch  hinzuzufügen  gewesen,  v/as  Ugo  Fos- 
colo  zu  ihrer  Erklärung  sagt. 

5)  V,  123.  E  cid  sa  il  tuo  dottore.  Herr  Blanc  (p.  59) 
schliesst  sich  entschieden  denjenigen  Commentatoren  an, 
welche  vuiter  dem  dott07'e  den  Virgil  und  nicht  den  Boe- 
thius  verstehen.  Seine  Gründe  sind  im  wesentlichen  die 
schon  von  Lombardi  vorgebrachten  und  scheinen  mir 
nichts  weniger  als  überzeugend.  In  Boethius'  Bviche  de 
consol.  philos.  findet  sich  eine  Stelle,  von  welcher  die 
Worte,  mit  denen  Francesca  die  Erzählung  ihres  Unglücks 
beginnt,  nessun  maggior  dolore  etc.,  eine  so  genaue  poe- 
tische Paraphrase  sind,  wie  man  sie  sich  nur  irgend 
wünschen  kann.  Sie  fügt  hinzvi:  ciö  sa  il  tuo  dottore. 
Wir  wissen,  wie  hoch  Dante  das  Buch  des  Boethius 
schätzte,  und  dass  er  aus  demselben  Trost  für  den  Ver- 
lust Beatricens  schöpfte.  Und  dennoch  soll  der  dottore, 
dessen  Ausspruch  Francesca  soeben  paraphrasirt  hat,  nicht 
Boethius  sein,  sondern  der  den  Dichter  begleitende  Virgil, 
und  lediglich  aus  dem  Grunde  (denn  das  ist  der  einzige, 
einigermassen  haltbare  Einwand  gegen  die  erstere  An- 
nahme) weil  Virgil  vom  Dichter  häufig  suo  dottore,  nie- 
mals aber  ein  Anderer  so  genannt  wird.  Dagegen  lässt 
sich  nun  wohl  einwenden,  dass  ein  Dichter,  zumal  ein 
grosser  Dichter  und  eben  weil  er  dies  ist,  bei  aller  son- 
stigen Genauigkeit  und  Consequenz,  nie  so  genau  Buch 
über  die  von  ihm  gebrauchten  Ausdrücke  führt,  dass  er 
nicht  ein  Mal  einen  derselben  in  einem  andern  Sinne  ge- 


Zur  Textkritik   und  Erklärung  der  Divina  Commcdia.  75 

brauchte  und  gebrauchen  dürfte,  als  er  zu  thun  gewohnt  ist. 
Einen  Dichter  einer  so  kleinlichen  Aufmerksamkeit  auf 
seine  Worte  für  fähig  halten,  heisst  in  der  Dichtkunst  nur 
Meistersängerei  sehen  und  kann,  als  Grundlage  zur  Inter- 
pretation gerbaucht,  gar  leicht  auf  grosse  Abwege  führen. 
Zudem  verliert  der  Gebrauch  in  Francesca's  Munde  viel 
von  seiner  Auffälligkeit.  Befremdender  wäre  es  schon, 
wenn  Dante  selbst  plötzlich  einen  Andern  als  den  Virgil 
seinen  dottore  nannte.  Dass  er  aber  diesen  allgemeinen 
Ausdruck  der  Fraucesca  in  den  Mund  legt,  wo  von  einem 
Andern  die  Rede  ist,  kann  unmöglich  so  abnorm  erschei- 
nen. Bei  Virgil  findet-  sich  keine,  den  Gedanken  Fran- 
cesca's auch  nur  annäherungSAveise  ausdrückende  Stelle. 
Aber,  meint  Lombardi  und  nach  ihm  Herr  Blanc ,  Fran- 
cesca  beruft  sich  auch  gar  nicht  auf  ein  Citat,  sondern 
auf  die  Erfahrung  „die  ja  auch  Virgil  gemacht  habe,  in- 
dem er  in  seiner  jetzigen  Lage  mit  Schmerz  auf  sein 
früheres  glückliches  Erdenleben  zurückblicke".  Wer 
fühlt  nicht  das  Gezwungene  dieser  Erklärung?  Am  aller- 
unhaltbarsten  aber  erscheinen  mir  die  folgenden  von  Blanc 
vorgebrachten  Gründe.  Es  lasse  sich,  meint  er,  schwer 
annehmen,  dass  Fraucesca  so  mit  Boethius  vertraut  ge- 
wesen sei,  um  die  Stelle  zu  kenneti,  noch  weniger  aber 
so  vertraut  mit  den  Studien  des  ihr  noch  ganz  unbekann- 
ten Dante,  um  zu  wissen,  dass  er  den  Boethius  gelesen. 
Blanc  vergisst  dabei,  dass  das  Buch  des  Boethius  de  consol. 
philos.  während  des  Mittelalters,  namentlich  der  früheren 
Jahrhunderte  desselben,  eins  der  allerb ekanntesten  und  be- 
liebtesten Bücher  war,  die  Bekanntschaft  mit  welchem  nicht 
nur  bei  jedem  nach  damaligen  Begriflfen  wissenschaftlich  ge- 
bildeten Manne  stillschweigend  vorausgesetzt  wurde,  son- 
dern welches  auch  durch  Uebersetzungen  schon  früh  in  wei- 
tere Kreise  drang.  Zeugniss  für  seine  Popularität  bietet  ja 
schon  das  provenzalische  Gedicht,  von  welchem  ein  Frag- 
ment gegenwärtig  unter  den  ältesten  romanischen  Sprach- 
denkmälern figurirt,  und  welches  die  Schicksale  des  Ver- 
fassers zur  Einkleidunec  hat  und  wahrscheinlich  seinem 
Buche  einen  Theil  des  Inhalts  entlehnte!  Fraucesca  konnte 
also    sehr    woiil    mit    demsclbon   bekannt    sein,    wenn   sie 


7^  Lemcke 

auch,  wie  der  Pater  Lombaidi  ganz  genau  weiss,  keine 
„donna  di  lettere"  war.  Auch  brauchte  sie  nicht  erst 
den  Convito  gelesen  zu  haben  oder  sonst  mit  Dante's 
Studien  vertraut  zu  sein,  sondern  nur  zu  vermuthen,  dass 
sie  einen  Mann  der  Wissenschaft  vor  sich  habe,  um  sicher 
zu  sein,  dass  er  den  Boethius  gelesen,  so  gut  wie  Je- 
mand in  unseren  Tagen  einem  ihm  sonst  unbekannten 
gebildeten  Manne  unbedenklich  irgend  einen  bekannten 
Ausspruch  eines  alten  oder  neueren  Schriftstellers  citiren 
würde,  in  der  Voraussetzung,  dass  er  ihn  verstehe'). 
Alles  dies  erwogen,  kann  man  sich  der  Vermuthung,  dass 
Dante  bei  den  Worten,  welche  er  der  Francesca  in  den 
Mund  legt,  die  Stelle  des  Boethius  und  keine  andere  vor 
Augen  gehabt  hat,  unmöglich  erwehren.  Damit  Hesse 
sich  alsdann  das  tuo  dottore,  wenn  man  den  Ausdruck 
durchaus  vom  Virgil  verstehen  zu  müssen  glaubt,  nur 
durch  eine  Annahme  in  Einklang  bringen,  nämlich  durch 
die,  vielleicht  nicht  eben  sehr  gewagte,  dass  der  Dich- 
ter die  Francesca  einen  Irrthum  begehen  und  einen 
Ausspruch  des  Boethius  dem  Virgil  zuschreiben  lässt. 

6)  VII,  30.  Perche  tieni  e  perche  burli.  Hier  scheint 
Blanc  (p.  77)  und  mehreren  anderen  Erklärern  die  wahre 
Absicht  des  Dichters  entgangen  zu  sein.  Dass  burlare  im 
Lombardischen  soviel  wie  rotolare  bedeutet,  dürfen  wir 
demVellutelloundLombardi  wohl  glauben.  Gerade  dadurch 
aber  erhält  die  Stelle  erst  ihren  feinen  Sinn.  Offenbar 
spielt  der  Dichter  hier  mit  den  Worten.  Indem  die 
Geizigen  und  die  Verschwender  mit  den  fortgerollten 
Steinen  zusammenstossen  und  nun  die  einen  (die  Ver- 
schwender) fragen:  perche  tieni?  (warum  hältst  du  mich 
auf),  die  anderen  (die  Geizigen)  perche  burli  (warum 
rollst  du?)  werfen  sie  sich  zugleich,  in  Folge  des  dop- 
pelten Sinnes   der  Worte,    gegenseitig    ihre   Laster  vor: 


')  Wenn  Dante  dagegen  im  Convito  einmal  das  Buch  des  Boethius 
ein  ,,libro  non  conosciuto  da  molti"  nennt,  so  will  er  damit  wohl  nur 
sagen,  dass  es  nicht  so  viel  gelesen  werde,  als  es  seiner  Ansicht  nach 
rerdiente.  Dass  es  übrigens  zu  seiner  Zeit  schon  etwas  aus  der  Mode 
gekommen  war.  soll  damit  nicht  geläugnet  werden. 


Zur  Textkritik   iiml  Erklärung  der  Divina  Cominedia.  77 

„warum  hältst  du"   (dein   Geld  fest),  und:    „warum  ver- 
schwendest du  das  deine?" 

7)  X,  39.  Le  tue  parole  sien  conte.  Hier  möchte 
ich  mit  Biagioli  und  Cesari  das  Wort  conte  doch  lieber 
im  Sinne  von  contate^  tiumerate  anstatt  in  dem  von  mani- 
feste, chiare  nehmen.  Weshalb  Virgil  dem  Dante  gerade 
hier  Klarheit  und  Offenheit  in  seinen  Worten  empfehlen 
sollte,  lässt  sich  nur  einigermassen  gezwungen  erklären, 
während  viel  leichter  ersichtlich  ist,  weshalb  er  ihm  Kürze 
empfiehlt.  Gewiss  würde  auch  Herr  ßlanc  (p.  96)  sich  in 
diesem  Falle  nicht,  wie  gewöhnlich,  so  entschieden  auf 
die  Seite  der  alten  Erklärer  gestellt  haben,  wenn  er  auf 
V.  115  geachtet  hätte,  wo  es  heisst:  e  giä '1  maestro  mio 
mi  richiamava.     Er  sprach  ihm  also  schon  zu  lange. 

8)  X,  52 — 54.  Die  Worte  infino  al  mento  dürften 
doch  vielleicht  besser  so  zu  verstehen  sein:  „Cavalcante 
erhob  sich  so  weit  aus  dem  Sarge,  dass  er  dem  Farinata 
mit  dem  Kopfe  bis  ans  Kinn  reichte."  Denn  die  Grund- 
bedeutung von  lungo  ist  doch  längs  und  setzt  eine  paral- 
lele Stellung  voraus,  die  nicht  stattgefunden  hätte,  wenn 
er"  nur  den  Kopf  bis  zum  Kinn  aus  dem  Sarge  gehoben. 
Auch  lässt  sich  mit  letzterer  Annahme  Dante's  Vermu- 
thung:  che  s'era  inginocchion  levata,  nicht  so  gut  in  Ein- 
klang bringen. 

Ludwig  Lemcke. 


78  Meyer 


Fragments  inedits  d'im  lapidaire  j)rovencal. 

Monsieur  le  Kedacteiir! 

Dans  le  deuxieme  volume  de  votre  estimable  Recueil 
(p.  335 — 357)  Mr.  le  Dr.  Sachs  publiant  d'apres  le  ma- 
nuscrit  B.  I.  7619  ^)  quelques  extraits  du  Breviari  cVamor^ 
mentionne  en  ces  termes  un  fragment  provenpal  conserve 
a  la  Bibl.  Imp.  ,,Ein  unserem  Gedichte  nahestehendes 
Fragment  in  provenpalischer  Sprache  findet  sich  im  Ma- 


1)  Maintenant  Fonds  fran^ais  1601.  C'est  de  ce  manuscrit 
que  Mr.  Sachs  s'est  servi  pour  publier  tous  les  extraits  qu'il  a 
donnes  du  Breviari  d'amor  et  non  pas  du  manuscrit  7227  (maintenant 
F.  fr.  858)  comme  il  le  pretend  a  tort.  Je  prepare  actuellement  une 
edition  critique  du  Breviari  d'amor  que  doit  publier  la  Societe  Archeo- 
logique  de  Beziers,  et  j'ai  sous  les  yeux,  au  moment  oü  j'ecris,  les 
quatre  manuscrits  du  Breviari  que  possede  la  Bibl.  Imp.,  je  suis  donc 
parfaitement  sür  de  ne  pas  me  tromper  dans  ce  que  j'avance.  Du  reste 
il  est  bien  facile  de  verifier  mon  assertion.  Dans  les  fragments  qu'a 
publies  Mr.  Sachs  Va  bref  est  toujours  muet  ä  la  fin  des  vers;  les  deux 
Premiers  vers  publies  par  Mr.  Sachs  dans  le  Jahrbuch  (II,  336)  peu- 
vent  servir  d'exemple: 

Si  tot  la  terra  per  natura 
Es  laia  pezans  e  escurn.  (fol.  14  r"  col.  II). 
Or  Mr.  K.  Bartsch  a  deja  remarque  {Lesebuch,  Anmerk.  zu  151,  36)  que 
dans  tous  les  manuscrits  du  Breviari,  sauf  le  7619,  Va  final  compte 
pour  une  syllabe,  et  en  effet  ces  deux  vers  sont  dans  le  manuscrit  fr. 
857  (ancien  7226 — 3.3),  le  meilleur  des  quatre  que  possede  la  Bibl. 
Imp.: 

Si  tot  terra  per  natura 

Es  laia  pezans  escura.      (fol.  39  v^  col.  I). 

Ce  n''.  1601  est  des  onze  manuscrits  connus  du  Breviari  le  seul 
qui  porte  de  nombreuses  traces  du  dialecte  catalan.  Je  remarque  en 
passant  que  le  texte  donne  par  Mr.  Sachs  contient  plusieurs  fautes  de 
lecture;  V.  6414  elemens,  lisez:  helemens;  6417  er,  1.  es;  6421  ajoutez  e 
au  commencement  du  vers;  —  6428  jet ,  1.  ret;  —  6433  sertament,  1. 
certament;  — ■  6437  Mr.  Sachs  imprime  dona  poder  et  ecrit  en  note 
„Besser  M.  Brit. :  non  a",  mais  c'est  aussi  la  le^on  du  manuscrit  de 
Paris;  Mr.  Sachs  a  pris  TN  majusc.  pour  un  D;  —  6439  garda  caval 
de  s'envigar,  1.  d'eservigar;  manuscrit  857  (ancien  7227 — 3.3):  d'isser- 
vegar ,  la  ICQon  du  manuscrit  858  (ancien  7227)  que  Mr.  Sachs  pretend 
avoir  suivi,  est  tres  corrompue:   Garda  quaval  d'esser  iier  ne  ihar\  etc. 


Fragments  iuedits  d'ini  lapidaire  proven^al.  79 

nuscript  Supplement  franpais  98.19^  klein  4*^,  vier  sehr 
zerrissene  Papierblätter,  beginnend:  e  so  las  VII  prin- 
cipals  segon  las  VII  planetas.  Der  unbekannte  Autor 
spricht  von  den  folgenden  Steinen:  largonci  (/.  jargonci), 
sergons  (Z.  jergons),  Jaspis  vert  (l.  vertz),  cornelina,  gagates, 
dyadeto,  saphiers,  calcedoynes,  maragdes,  orites,  negres 
Q.  orites  negres  sans  virgule),  hyene,  anio  (/.  unio),  ab- 
situs,  calcofons,  melachites  (l.  melochites),  cedolitus  (/.  ce- 
colitus),  perites." 

Permettez-moi ,  Monsieur  le  Redacteur,  de  rectifier 
et  de  completer  tout  ä  la  fois  la  notice  de  Mr.  le  Dr. 
Sachs.  Ce  fragment  se  compose  bien  en  effet  de  quatre 
feuillets  rognes  de  quelques  centiraetres  par  le  haut  et 
sur  Tun  des  cötes,  et  il  est  en  parchemin  et  non  en 
papier.  Chaque  feuillet  est  a  deux  colonnes,  soit  en  tout 
seize  colonnes,  et  de  ce  que  je  viens  de  dire  il  re- 
sulte  que  les  premieres  lignes  de  chacune  d'elles  nous 
manquent,  et  qu'une  partie  de  la  deuxieme  colonne  du 
recto  de  chaque  feuillet,  ainsi  que  de  la  premiere  du  verso, 
a  ete  enlevee.  De  plus  le  v^  du  deuxieme  feuillet  est 
tres  tache. 

Mr.  Sachs  sera  peut-etre  etonne  d'apprendre  que  ce 
texte  provenpal  est  Tun  des  premiers  qui  aient  ete  signales 
a  l'attention^du  monde  savant,  mais,  il  y  a  soixante  ans  de 
cela,  et  alors  on  se  souciait  peu  du  moyen-äge  en  general 
et  du  provenpal  en  particulier;  il  n'est  donc  point  eton- 
nant  que  notre  fragment  ait  ete  oublie  depuis  Fan  VII, 
epoque  a  laquelle  La  Porte  du  Theil  le  fit  connaitre  par 
une  notice  inseree  au  tome  V  des  Notices  et  e.rtraits  des 
Manuscrits  (p.  689—708).  Ces  quatre  feuillets  servaient 
alors  de  garde  au  manuscrit  latin  3934  -  A;  depuis  ils  en 
ont  ete  detaches  et  relies  ä  part. 

La  Porte  du  Theil,  croyant  reconnaltre  qu'une  por- 
tion  de  ce  texte  etait  assujettie  „a  une  espece  de  me- 
sure  poetique,  et  meme  a  une  sorte  de  rimes  cntrelacees", 
exprime  d'abord  cette  opinion  que  le  fragment  pourrait 
bien  appartcnir  a  un  pocme  sur  la  vertu  des  pierres  pre- 
cieuses  de  TOrieut  dont  un  certain  Petrus  de  Bonifaciis 
aurait  ete  l'auteur    au   dire   de   Jean    de   Nostredame;    il 


30        -  Meyer 

part  de  Iti  pour  reconstituer  autant  que  possible  Fhistoire 
de  ce  troubadour,  en  se  servant  de  Jean  de  Nostredame 
et  d'un  „memoire  manuscrit  curievix  en  son  genre  et  qui 
m'a  passe  sous  les  yeux,  dit-il,  memoire  qui  evidemment 
n'avoit  pu  etre  dresse  que  d'apres  les  pieces  les  plus 
authentiques "  (p.  093);  malheureusement  il  ne  dit  pas  oü 
il  s'est  procure  ce  „memoire  manuscrit". 

Bien  evidemment  La  Porte  du  Tlieil  voulait  trouver  un 
placement  pour  ses  recherches  sur  Pierre  des  Bonifaces, 
car  il  a  bien  vu  que  ce  troubadour,  mort  vers  1384,  ne  pou- 
vait  etre  l'auteur  d'un  ouvrage  qu'il  convient  de  rapporter, 
d'apres  La  Porte  du  Theillui-meme,  au  plus  tard  au  XIII® 
siecle.  „Des  lors,  ajoute-t-il,  que  Ton  düt  ou  non  recon- 
naitre  ici  un  rhythme  poetique,  on  ne  pourrait  y  chercher 
un  fragment  du  poeme  attribue  ä  notre  troubadour."  Le 
fait  est  que  ce  fragment  est  en  prose,  en  vile  prose,  et 
qu'on  n'y  saurait  reconnaitre  rien  qui  ressemble  a  un 
„rhythme  poetique".  C'est  ce  qui  resultera  des  morceaux 
que  je  vais  en  citer.  Mais  d'abord  il  faut  dire  que  ces 
quatre  feuillets  contiennent,  autant  qu'il  me  semble,  deux 
fragments  appartenant  a  deux  ouvrages  diflferents  quoique 
traitant  de  matieres  analogues.  L'ecriture,  partout  la 
raeme,  semble  ajDpartenir  a  la  premiere  moitie  du  XIV® 
siecle  et  comme  ces  quatre  feuillets  sont  composes  de  deux 
feuillets  doubles  places  Tun  dans  l'autre,  il  est  indubi- 
table qu'ils  ont  toujours  fait  partie  du  meme  quaternio^ 
mais  il  parait  manquer  une  ou  plusieurs  feuilles  inter- 
mediaires.  Les  deux  premiers  feuillets  contiennent  un  cer- 
tain  nombre  de  recettes  dont  je  ne  saurais  dire  la'source, 
mais  qui  se  rencontrent  aiUeurs  encore  que  dans  ce  ms. 
Voici  la  transcription  de  la  premiere  colonne  de  ce  texte: 

E  so  las  vij-  principals  segon  las  -vij-  planetas,  so 
es  assaber  le  solelhs,  la  luna,  Mars,  Mercuris,  Jupiter, 
Venus,  Saturnus;  e  so  ne  -hij-  principals  segon  les  -iiij- 
elemens,  so  es  assaber:  le  foctz,  aer,  ayga,  terra. 

Sal  sacerdotalis  de  la  quäl  uzavan  li  preveire  el 
temps  d'Elias  le  propheta  per  la  dolor  del  cap  e  per  la 
oscursitad  dels  olhs  e  per  la  dolor  de  les  dens  e  per  la 
flegma    del    cap    e    de    l'estomach ,    quant    toissia    e    per 


Fragments  iiiedit*  d'un  lapidaire  pröven^al.  31 

emendamen  de  Tale  e  per  redre  bona  odor  e  per  mielh 
digerir  pren  de  la  sal  comunal  nncias  •  xvj  •  scina- 
momi  uncias  •inj'?'',  cumini  uncias  -nj-,  gingiberis, 
amoni,  aneti,  piperis,  sileris,  satnrege,  hysdjai,  origani,  jdu- 
legii,  ouinium  ■  viiij  •  ana  dragmas  •  v  • ,  omnia  in  pulvereni 
redige  et  in  omni  cibo  utere;  ad  ultimnm  ponatur  de 
pulvere  eufrasie  quantum  de  omnibus  aliis  et  de  semine 
feniculi  et  rut  ...  a  7-ij'). 

Pren  les  ous  del  com  -ix-  dias  avan  las  kalendas 
d"Abril  e  cois  les  en  Taiga  entro  que  sian  diir,  e  quant  o 
auras  fach,  torna  les  el  ni  don  les  presist  en  las  kalen- 
das d'Abril  qiü  son  a-  venir.  E  quan  le  coru  volra  les 
ous  cobar,  sentira  los  durs-  e  cridara  e  fugira  s'en  volan 
e  aportara  »-i-  peira  resplanden  ab  roja  color  e  tendra 
(?)  ne  totz  les  ous,  e  li  ou  coch  se  tornaran  tuch  cru 
e  tu  aias  tan  fach,  enginhat  e  procurat  e  .  .  .  .  at  que  tu 
conoscas  on  pausara  aquela  peira,  e  quan  s'en  sera  vo- 
latz,  tu  poia  lassus  al  ni  e  pren  aquela  peira  e  tuch  li 
ou  cohc  (sie)  se  tornaran  cru  per  lo  tocamen  d'aquela 
peira;  es  acreis  riquesas  e  la  favor  e  la  gracia  de  tot 
pöble  e  fai  entendre  las  votz  dels  coruz  e  manhtas  cau- 
sas  que  son  aveiiir,  etc. 

Les  deux  derniers  feuillets  contiennent  la  traduction 
d'une  partie  du  liber  de  gemmis  de  Marbode  (f  1123)^); 
cette  traduction  est  comme  ce  qui  precede,  en  prose,  ce 
qui  me  fait  croire  qu'elle  n'est  pas  anterieure  a  la  fin  du 
X1II°  siecle^).  Les  traductions  en  vers  etaient  si  fort  ä  la 
mode  auxXII*  et  XIII^  siecles  qu'on  traduisait  ainsi  meme 
des    ouvrages  en  prose.     Un  grand  nombre    de  vies    de 


')  Cette  recette  existe  dans  un  graud  nombre  de  mss.,  la  voici 
en  latin  d'apres  un  ms.  de  Turin  (K  V  13):  Sal  sacerdotale  quo  ute- 
bantur  sacerdotes  in  tempore  Hclie  prophete  dolorem  capitis  et  caligi- 
nem  oculorum  et  dentium  dolorem,  flegma  capitis  et  stomachi,  thiissis 
et  hanelitus  emendat,  os  odoratum  reddit  et  corpus  in  colume(n)  ser- 
vat  -K-  Salus  communis  7  -xvj-,  cinamoni  7  -iiiJ-,  ciiminus  )  -iij-,  53-, 
amoni,  piperis,  sileris,  satureie,  ysopi  origanus  pulegus,  omnium  -ix*  'i  -i- 
Quo  omnia  tere  et  in  pulverem  redige. 

-)  Publie  en  dernier  lieu  par  Beaugendre  Si  la  suite  des  opuvres 
d'Hildebert.     Paris  1708,  in  fol. 

■')  II  y  a  meme  un  fait  qui  sembb'rait  iiidii|uer  que  ce  texte  est 
Jnlirlj.  i.  rc)in.   u.   ciij;!.  Lit.    IV.    1.  ß 


82  ^^eyer 

saints,  Ic  roman  de  Barlaam  et  Josaphat,  les  Psaumes 
trabord  et  ensuite  la  Bible  entiere  ont  t'tc  mis  en  riines,  et 
le  lapidaire  memo  de  Marbode  est,  dans  Tedition  de  Beau- 
gendre,  accompagnc  d'une  ancienne  traduction  en  vers 
octosyllabiques.  Les  parties  du  liher  lapichim  traduitcs 
dans  notre  fragment  sont  les  suivantes,  je  donne  les  n°^ 
des  chapitres  d'apres  Beaugendre: 

Le  Prologue, 
les    chapitres    I  (De  Adamante),    —    II  (De  Achate)^   — 
III   (de  AUectorio),  —   XXX   (De    ClerarcJdte^)^   —   IV 
(de  Jaspide)^  —  V  (De  Saphiro)^  —  VI  (De  Calcedonio)^ 

—  VII  (de  Smaragdo),  —  XLIII  (De  Orite'^J,  —  XLIIIl 
(De  Iliena),  —  XLV  (De  Lyparea)^  —  XLVI  (de  Etiidro)^ 

—  XLVII  (De  Tri),  —  XL VIII  (De  Androdragma) ,  — 
XLIX  (De  Optallio)^  —  L  (De  Margaritis)^  —  LI  (De 
Panthero),  —  LII  (De  Absicto),  —  LIII  (De  Calcofano), 

—  LIV  (De  Melochita),  —  LV  (De  Gegolito),  —  LVI 
(De  Pyrite). 

Pour  donner  une  idee  de  cette  traduction,  je  vais 
en  transcrire  le  commencement  —  qui  est  si  efface  que  sans 
le  secours  du  texte  latin  on  ne  pourrait  gueres  le  de- 
chiffrer,  —  et  la  fin: 

Evax  (?)  reis  dels  Arabiis  escrious  aquest  libre  a 
Nero  eniperayre  (sie)  de  Roma  qui  apres  August  fo  reis 
segous  in  (?)  la  ciovitat  de  Roma.  Quantas  semblansas  de 
peyras,  quals  noras,  quals  colors,  quals  regios,  quals  po- 
ders  sia  donatz  a  cadauna,  ay  volgut  descarpir  es  aor- 
denar  en  la   plus    breu  forma  qu'ieu   ay   pogut;  jasiaiso 


le  manuscrit  original  d'une  traduction  de  Marbode,  c'est  que  presque 
partout,  sauf  au  commencement,  on  parait  s'etre  attache  a  traduire 
chaque  vers  du  liber  lapidum  par  uner  ligne;  mais  il  serait  possible 
que   cette   disposition   eüt  existe  deja  dans  un  manuscrit  anterieur. 

1)  On  voit  que  ce  chapitre  n'occupe  pas  dans  la  traduction  pro- 
ven<;ale  la  meme  place  que  dans  l'edition  de  Beaugendre,  mais  celui-ci 
avertit  en  note  (col.  1641  et  1661)  que  l'edition  d'  A.  Gorlajus  place 
le  chap.    de  Gerarchite  entre  ceux  qui  traitent  de  Allectorio  et  de  Jasjnde. 

-)  II  n'y  a  point  ici  de  lacune,  les  chapitres  de  maragde  et  de 
Orite  se  trouvant  a  la  suita  Tun  de  l'autre  sur  le  verso  du  quatrieme 
feuillet,  il  faut  donc  croire  que  I'ordre  des  chapitres  n'etait  pas  le  meme 
dans  le  manuscrit  qui  a  servi  h  cette  traduction  que  dans  les  editions. 


Fragments  inedits  d'un  lapidaire  provcngal.  §3 

(ja  si'aiso)  que  a  paucz  de  mos  amicz  ^)  o  agues  fach  as- 
saber,  aquest  sanch  compte  ay  volgut  sanlitamen  mani- 
festar  a  lor  qui  engardan  los  secretz  de  Dieu  honoren, 
aisi  cos  tanli  aquestas  sanhtas  paraulas  es  aquest  sanhs 
secretz  aquili^)  que  so  de  sen  madur  e  de  honesta  vita, 
quar  nos  as  aquels  volem  manifestar  las  forsas  de  las 
peyras  qui  an  estat  rescostas  e  que  ili  conescan  tan  no- 
bla  causa  e  que  a  tart  la  mostro  quar  li  metge  discret 
s'amdo  en  lor  cura  ab  aquestas  es  encausso  soven  per 
Tamda  d'aquestas  las  malautias;  es  aquestas,  qui  non  las 
conois,  quant  o  a  vist  es  manifest,  e  si  tot  li  mege  s'en 
aiudo  no  rema  que  no  valhen  en  totas  causas,  quar  lor 
vertut  lor  fo  donada  per  volontat  de  Dieu 


Fin: 

Fol.  IV  ^»,  col.  n,  Vener.  Hild.  op.  col.  1673. 
E  cove  c'om  la  veia  avant  de  solelh  levant 
que  le  venceire  posca  esser  et  issir  aparelhatz, 
quar  aquel  dia  negus  hom  no  lo  porra  vencer, 
e  cuiara  que  sia  pantera  de  diversa  color,  la  quäl  pantera 
India  engendra,  ä  la  votz  de  laqual  li  leo  s'en  fuio  de  paor 
e  tota  bestia    tremola   et  aquesta  peira  es  per  aquo 

aisi  apelada. 

Absitus  es  peira  de  negra  color  entremesclada  de 
roias  venas  ab  agradabla  semblansa , 
e  es  del  gran  d\ui  equat  e  de  maier  pes, 
e  si  una  vegada  de  long  sia  calfada  al  foc  ela  te 
pois  sa  calor  per  -vij-  dias. 

')  Le  texte  porte: 

Hiinc  tribus,  ut  multiim,  dandiim  sancimus  amicis 
Qui  numerus  sacer  est  .  .  . 

Lc  tradueteur  en  rendant  triöiis  parjMucz  a  rendu  inintelligibles  les 
mots  aquest  sanch  compte;  du  reste,  pour  peu  que  Ton  compare  l'ori- 
ginal  a  la  traduction  on  s'apercevra  que  celle-ci  est  tres  defectueuse. 

^  Dans  aquili  comme  plus  bas  dans  ili  Vi  final  a  sans  doute  pour 
objet  de  mottiller  la  lettre  l,  aquili,  ili  seraient  donc  cquivalents  de 
aquilh ,  ilh.  Cette  conservation  etymologique  de  la  voyelle  finale  pour- 
rait  bien  ctre  un  caractere  du  dialocte,  car  plus  ioiii  nuns  rencontre- 
rons  nogalho,  pour  nogalh. 

6* 


84  Meyer  Fragments  inedits  d'un  lapidaire  proveiKjal. 

Calcofons  tocada  a  la  cara 
Si  leveremen  ab  caste  cors  sia  portada  ela  dona 
as  aquel  qui  la  porta  dos  tant  de  votz,  e  que  ja 
no  rouquitgera^);  e   es  de  negra  color. 

Melochites  per  sa  vertut  deffent  c  garda,  quant  es 
pauzada  el  bretz  de  reflfan,  que  neguua  mala  aventura 
110  posca  venir  a  l'effan  ni  si  membre  no  poden  esser 
tocat  de  neguna  mala  re,  es  es  bela  peira  e  vertuosa, 
e  gressus^)  verdejans  es  semblans  a  Smaragde. 
Ell  Arabia  trobero  aquesta  premieramen. 

Cecolitus  es  semblans  al  nogallio  de  la  oliva, 
E  es  lacliz  per  regardar  e  preeios  per  forsa  de  natura, 
quar    quant   es    soutz    en   aiga  e   pres   per   aquel    a  cui  a 

mestier 
ela  fa  solver  las  peiras  en  la  colha^) 
e  purga  l'arena  de  la  vezica  as  aquel  qui  s'en  dol 

Perites  es  de  flava  color  e  no  vol  estre  mes  e  foc  .  .  . 

Le  reste  manque. 


')  Et  ne  raucescant  liquidas  deffendere  fauces.  Lib.  de  gem. 
col.  1(573. 

-)  Praxum  quippe  virens  similis  solet  esse  Smaragdo.  Lib.  de  gem. 
col.  1G75.  —  Au  lieu  de  praxum  deux  manucrits  portent  Crassiim  dont 
se    rapproche  davantage    la  traduction  proveiKjale. 

*)  Dicitur  esse  potens  lapidosos  solvere  renes.     Ibid. 

Paris,  Octobre  1861. 

Paul   Meyer. 


Kritische  Anzeigen:  Sandras,   Etüde  sur  G.   Cliaucer.  §5 


Kritische  Anzeigen. 

Etüde  sur  G.  Chaucer  considere  comme  imitateur  des  trouveres,  par 
E.   G.  Sandras.     Paris,  Durand.    1S59.     298  p.    8«. 

Der  Schwerpunkt  dieser  interessanten  „Studie"  über  den 
Vater  der  englischen  Dichtung,  der  noch  immer  einer  voll- 
kommenen ,  allseitigen  und  durchaus  begründeten ,  literarhisto- 
rischen Würdigung  ermangelt,  ruht  in  der  Untersuchung  der 
Quellen  seiner  kleineren,  allegorischen  Dichtungen,  in  der 
Erforschung  des  Einflusses,  welchen  die  zeitgenössischen  fran- 
zösischen Dichter  auf  seine  künstlerische  Thätigkeit  ausgeübt 
haben.  Auf  diesem  bisher  sehr  vernachlässigten  Gebiet  der 
weiten  und  mannichfaltigen  Kunstschöpfung  Chaucer's  ist  es 
dem  Verfasser  gelungen  manche  neue  Entdeckungen  zu  machen, 
die  namentlich  durch  die  Fernsichten,  welche  sie  eröffnen, 
von  nicht  geringem  literargeschichtlichem  Interesse  sind.  So 
rechtfertigt  oder  erklärt  sich  auch  der  Zusatz  des  Titels. 
Schon  ein  Blick  auf  das  Inhaltsverzeichniss  nämlich  zeist, 
dass  der  Verfasser  auf  jenes  Gebiet  sich  keineswegs  beschränkt, 
vielmehr  die  gesammte  poetische  Production  Chaucer's  in  Be- 
trachtung gezogen  hat,  also  auch  diejenigen  Gedichte  wo 
Chaucer  zwar  den  Stoff"  aus  französischer  Quelle  schöpfte, 
ohne  doch  darum  nachzuahmen,  seine  Quelle  auch  nicht  ein 
„trouvere"  d.  h.  ein  französischer  Kunsfdichter  war.  sowie 
nicht  minder  diejenigen  wo  Frankreich  weder  das  Material 
noch  das  Vorbild  geliefert.  Freilich  scheint  der  Verfasser 
niclit  bloss  den  Begriff"  des  ., imitateur"  wie  des  ,.  trouvere" 
etwas  weit  zu  fassen ,  sondern  auch  aus  patriotisclier  Gesin- 
nung, die  aber  in  der  weltbürgerlichen  Wissenschaft  nimmer 
am  Platze  ist,  dem  Bereiche  des  französischen  Einflusses,  so 
gross  derselbe  auch  in  Wahrheit  schon  ist,  mehr  als  sich  ge- 
hört zu  vindiciren.  Wir  werden  hierauf  im  Einzelnen  zurück- 
kommen. Denn  wir  wollen  den  Verfasser  durch  seine  ganze 
Schrift  von  Beginn  au  begleiten,  hier  länger,  dort  kürzer  ver- 
weilend, um  die  bemerkenswerthesten  Resultate  seiner  Beob- 
achtungen und  Forschungen  in  aller  Kürze  aufzuweisen,  unsere 
Bedenken  und  Einwendungen  einzuschalten,  und  einen  oder 
den    andern    eigenen    Excurs    hinzuzufügen.      Denn    bei    einer 


gß  Kritische  Anzeigen : 

„ Studie "  und  einer  von  verhültnissmässig  so  geringem  Um- 
fange, lässt  sich  von  vornherein  eine  erschöpfende  Behandlung 
des  Gegenstandes  gar  nicht  erwarten:  der  Verfasser  berührt 
meist  mehr  und  deutet  nur  an,  als  dass  er  umfassend  aus- 
führte oder  vollkommen  begründete;  anderes  beabsichtigt  er 
auch  nicht,  am  wenigsten  da  wo  er  auf  seine  Vorgänger  sich 
zu  beziehen  hat;  aber,  obschon  wir  die  Kürze  und  Skizzen- 
haftigkeit  der  Behandlung  an  solchen  Stellen,  wo  der  Ver- 
fasser neue  Forschungen  oder  Ansichten  bietet,  bedauern, 
müssen  wir  doch  bezeugen,  dass  seine  Urtheile  in  der  Regel 
auf  einem  gründlichen  Studium  der  Werke  Chaucer's  selbst 
beruhen  und  seine  wohlgeordnete,  präcise  Darstellung  nicht 
bloss  eine  gute  Uebersicht,  sondern  überall  auch  eine  mannich- 
fache  Anregung  zu  weitern  Untersuchungen  gewährt. 

Der  Betrachtung  seiner  Werke  schickt  der  Verfasser  mit 
Recht  die  Biographie  des  Dichters  voraus.  Man  weiss  wie 
gering  da  die  Zahl  der  beglaubigten  Thatsachen  ist:  und  mit 
Recht  hat  auch  unser  Verfasser  alles  bloss  Hypothetische  und 
Sagenhafte  fern  gehalten.  Doch  genügt  auch  das  Wenige, 
das  wir  sicher  wissen,  unseres  Bedünkens,  vollkommen  um 
in  Verein  mit  seinen  Werken  das  Bild  des  grossen  Dichters 
uns  in  festen  Umrissen  so  zu  vergegenwärtigen ,  dass  der 
innere  Zusammenhang  der  oft  contrastirenden  Züge  seiner 
Dichtungen  sich  daraus  erkennen  lässt  und  erklärt.  Als  das 
wichtigste  Moment  erscheint  uns  hier,  dass  Chaucer's  Lebens- 
stellung von  Haus  aus  keine  exclusive  war,  nicht  gebannt  in 
die  Schranken  eines  bestimmten  Standes,  und  dass  das  Glück 
die  volle  Entfaltung  seiner  reichen  Individualität  in  ihrem 
Streben  nach  freister  Entwickelung  begünstigte.  So  gehörte 
Chaucer  weder  dem  Adel,  noch  dem  Bürgerthum  allein  an; 
ein  Gelehrter  seiner  Zeit  im  vollsten  Sinne  des  Worts,  trat 
er  doch  auch  nicht  in  den  geistlichen  Stand  ein;  zum  Juristen 
gebildet,  warf  er  die  Feder  weg  und  griff  zu  dem  Degen, 
die  männliche  Thatkraft  zu  erproben;  in  die  höchsten  Hof- 
kreise gezogen ,  ganz  im  Besitze  der  ihnen  eigenthümlichen 
Bildung,  ja  diese  selber  als  Dichter  pflegend,  liess  er  sich 
doch  dort  keineswegs  fesseln;  auf  einer  politischen  Sendung 
zieht  er  nach  Italien ,  um  an  der  Quelle  selbst  diese  neue 
literarische  Kultur  kennen  zu  lernen ,  welche  die  Poesie  der 
Welt  verjüngen  sollte  —  eine  Bekanntschaft  von  unberechen- 
barer und  bei  weitem  noch  nicht  genug  geschätzter  Wichtigkeit 


Sandras ,  Etüde  .siir  ü.  Chauccr.  ^7 

für  seine  poetische  Entwickelung  ^);  während  der  Verkehr  mit 
fremden  Nationen  —  denn  auch  in  Frankreich  und  den  Nieder- 
landen verweilte  er  länger  —  seiner  Bildung  überhaupt  einen 
universelleren  Chai-akter  verleiht,  bringt  ihn  andererseits  später 
seine  politische  Stellung  im  Vaterlande  als  Parlamentsmitglied, 
sein  Amt  als  Zollinspector  in  die  innigste  Beziehung  und  in 
den  regsten  Verkehr  mit  seinem  Volke.  Fassen  wir  nur  diese 
Momente  aus  Chaucer's  Leben  ins  Auge :  so  nimmt  es  uns 
nicht  mehr  Wunder,  in  ihm  einerseits  den  mit  Gelehrsamkeit 
wohl  ausgerüsteten  ritterlichen  Hofdichter  und  andererseits  den 
bürgerlich  volksthümlichen,  praktische  Lebensweisheit  so  gern 
verkündenden  Sänger  zu  finden;  nicht  selten  in  jener  Eigen- 
schaft einem  wahrhaft  abstracten  Idealismus,  in  dieser  dem 
derbsten  Naturalismus  huldigend:  diese  verschiedenen  Elemente 
durchkreuzen  sich  auch  oft  in  seinen  Dichtungen  in  wunder- 
licher Weise,  nicht  selten  verfällt  er  unwillkürlich  aus  dem 
ideal  gehobenen  und  zugleich  vornehmen  Ton  in  den  realistisch 
niedrigen,  prosaisch  bürgerlichen,  ebenso  wie  die  ganze  Treu- 
herzigkeit und  naive  Ursprünglichkeit  des  sächsischen  Sprach- 
elements mit  dem  unter  künstlerischen,  gelehrten  und  höfischen 
Händen  bereits  feingeschliflfenen  und  polirten  romanischen  in 
seinem  Ausdruck  sich  beständig  mischt;  andererseits  ruht  in 
jener  Doppelnatur  des  Dichters  aber  auch  jener  ironische  Zug, 
einer  der  reizendsten  und  eigenthümlichsten  seines  poetischen 
Charakters!  Nur  in  seinem  bedeutendsten  und  zugleich  im 
Grossen  und  Ganzen  acht  oi-iginellen  Werke,  einem  der  schön- 
sten poetischen  Denkmäler  aller  Zeiten,  sind  jene  disparaten 
Elemente  zu  einer  höliern  Einheit  verbunden ,  welche  denn 
gewissermassen  als  das  Resultat  seiner  ganzen  Lebens-  und 
Kunstbildung  zu  betrachten  ist.  Jenes  Werk,  wahrhaft  aus 
dem  Kerne  der  Nationalität  des  Dichters  entsprossen,  erhebt 
sich  doch  weit  über  seine  Nation  zu  jener  Zeit,  ja  es  ragt 
überhaupt  aus  dem  Luftkreis  der  mittelalterlichen  Dichtung 
empor,  eine  höhere  Kunststufe  ankündigend  gleich  den  Werken 
der  grossen  italienischen  Zeitgenossen.     Diesen  selbst  verdankt 


')  rauli  in  seinen  Bildern  aus  Altcngland  p.  195  ff.  macht  eine 
rühmliche  Ausnahme:  nur  ist  er  im  Irrthumc  wenn  er  Chaucer's  sie- 
benzeilige  Strophe  von  der  Ottave  ableitet,  und  zwar  als  eigene 
Schöpfung  des  englischen  Dichters ;  die  altfranzösische  Lyrik  besitzt 
die  Strophe  schon  (ein  Beispiel  gibt  auch  Herr  Sandras  p.  288). 


33  Kiili&clu'   An/eigen  : 

Chaucer  seine  höhere  künstlerische  Ausbildung,  und  mit  und  in 
ihr  zugleich  die  volle  Entfaltung  seiner  dichterischen  Indivi- 
dualität: während  er  bei  den  nüttelalterlichen  französischen 
Diclitern,  seinen  Zeitgenossen,  nur  seine  Schule  machte,  aus 
deren  Schranken  ihn  erst  das  Vorljild  der  italienischen  Dich- 
tung befreit. 

Der  Verfasser  deutet  diesen  Entwickelungsgang  des  poeti- 
schen Genies  Chaucer's  nicht  an,  wie  er  denn  des  grossen 
ästhetischen  Unterschieds  der  Dichtung  eines  Boccaccio  und  eines 
Guillaume  de  Lorris  sich  nicht  durchaus  bewusst  zu  sein  scheint: 
da  es  ihm  gerade  auf  die  Beziehung  Chaucer's  zu  der  fran- 
zösischen Dichtung  ankommt,  so  fasst  er  vornehmlich  und 
zunächst  die  Stoffe  seiner  Werke  ins  Auge,  indem  er  die 
Quellen  aufzuweisen  sucht,  woraus  Chaucer  sie  schöpfte,  denn 
diese  Stoflfquellen  sind  allerdings  vorwiegend  französische.  Er 
hebt  im  zweiten  Kapitel  mit  dem  Roman  von  der  Rose  an, 
dessen  theilweise  üebei'setzung  sicher  zu  den  frühesten  Ver- 
suchen der  Chaucer'schen  Muse  gehört,  eine  Ansicht  die  auch 
Pauli  theilt  (Bilder  aus  Altengl.  S.  194).  Die  Entstehung  des 
allegorischen  Geschmacks,  der  Charakter  des  merkwürdigen, 
literai'historisch  so  äusserst  wichtigen  Werkes,  sowie  das  Ver- 
hältniss  der  Uebersetzung  zu  dem  Original  wird  in  aller  Kürze, 
doch  treffend  gezeichnet.  Mit  Recht  tritt  der  Verfasser  gegen 
die  namentlich  von  Warton  vertretene  Ansicht,  die  nur  eine 
Nationaleitelkeit  eingegeben  haben  konnte,  auf,  als  habe  die 
Uebersetzung  sich  über  das  Original  erhoben  oder  dasselbe 
verbessert.  Im  Allgemeinen  ist  die  Uebersetzung  vielmehr 
bewundernswerth  geti-eu,  und  in  der  That  vortrefflich,  da  sie 
trotz  ihrer  Treue  wie  ein  Original  sich  liest.  Man  weiss, 
dass  das  über  22,000  Verse  •  umfassende  französische  Werk 
nur  bis  zum  Vers  13,105  von  Chaucer  übersetzt  worden  ist; 
der  Guillaume  de  Lorris  angehörige  Theil,  der  ebenso  sehr 
im  Geiste  des  Ritterthums  als  der  andere,  von  Jean  de  Meun 
verfasste,  in  dem  des  Büi'gerthums  gedichtet  ist,  enthält  nun 
4068  Verse,  diesen  entsprechen  bei  Chaucer  4432;  die  0O37 
Verse  umfassende  Partie  Jean  de  Meuu's  dagegen  ist  von 
Chaucer  in  3267  Versen  wiedergegeben:  während  andere  9000 
Verse  desselben  französischen  Dichters,  der  Rest  des  Romans, 
ganz  unbei-ücksichtigt  blieben.  Diese  kleine  Statistik,  die  wir 
selbst  aufstellten,  ist  lehrreich  genug  und  verdiente  eine  wei- 
tere   Ausführung,     die    uns    im    Augenblick    nicht    möglich   ist. 


Sandras,  Etüde  siir  G.  Chauccr.  39 

Es  kiime  uämlich  darauf  an  nachzuweisen .  welche  Partien 
der  zweiten  Abtheilung  Chaucer  weggelassen,  welche  davon 
er  verkürzt,  welche  er  erweitert  hat.  Uns  ist  wenigstens  keine 
in  dieses  Detail  eingehende  Untersuchung  der  Üebersetzung 
bekannt:  und  doch  könnte  sie  von  vielfachem  Interesse  werden. 
Mail  sieht  indessen  schon  aus  dem  von  uns  Gegebenen,  welchen 
ganz  andern  Reiz  die  rtttcrUche  Allegorie,  die  Allegorie  der 
Minne  könnte  man  sagen,  für  Chaucer  hatte,  als  die  satirisch- 
didactische,  und  trotzdem  dass  er  eine  so  reiche  satirische 
Ader  besass  und  eine  solche  Neigung  zum  Lehren.  Aber  nur 
Guillaume's  Schöpfung  ist  in  jenen  Schmelz  der  Poesie  ge- 
kleidet, der  den  an  sich.raarmorkalten  allegorischen  Gestalten 
ein  fast  individuelles  Leben  in  wahrhaft  bewundernswerther 
Weise  verleiht,  wie  Statuen  in  den  Gebüschen  eines  blühen- 
den Gartens  unter  einem  südlichen  Himmel  die  sie  umgebende 
Natur  belebt,  denn  die  landschaftlichen  Schilderungen  Guillau- 
me's sind  Meisterstücke  von  reizender  Naturwahrheit :  während 
seinem  Fortsetzer  dagegen  bei  allem  Reichthum  der  Ideen,  der 
Zauber  poetischer  Darstellung  mangelt.  Es  ist  auch  ein  Zeug- 
niss  für  den  dichterischen  Genius  Chaucer's,  dass  er  wol  jenen, 
aber  nicht  diesen  sich  zum  Vorbild  nahm,  und  trotz  der  be- 
sondern Vorliebe  seiner  Nation  für  die  satirische  Allegorie, 
wie  sie  dieselbe  schon  damals  und  weit  mehr  noch  später  be- 
kundete. Wie  gross  aber  der  Einfluss  Guillaume's  von  Lorris 
auf  Chaucer  gewesen,  bezeugen  allein  schon  die  vielen  Remi- 
niscenzen  aus  seiner  Dichtung,  die  sich  in  den  verschiedensten 
Werken  Chaucer's  vorfinden,  wie  namentlich  Herr  Sandras  hier 
nachgewiesen  hat. 

Im  dritten  Kapitel  betrachtet  der  Verfasser  die  Gedichte, 
die  seiner  Ansicht  nach  aus  italienischer  und  französischer 
Quelle  zugleich  entsprangen  {poemes  de  source  italienne  et 
frangaise).  Troiliis  and  Creselde  eröffnet  die  Reihe.  Dieses 
aus  dem  Filostrato  des  Boccaccio,  obschon  mit  Aenderungen 
und  Zusätzen,  übertragene  Gedicht  wird  deshalb  vom  Verfasser 
hierher  gerechnet,  weil  in  Benoit's  von  Ste  More  Dichtung 
vom  Trojanischen  Krieg  zuerst  diese  romantische  Liebe  des 
Sohnes  des  Priamus  zu  der  Tochter  des  Calchas  erzählt  wird, 
von  welchem  Handel  Dictys  und  Dares,  im  übrigen  bekanntlich 
Benoit's  Quelle,  noch  nichts  berichten.  Deshalb,  meint  der 
Verfasser,  sei  Benoit  auch  der  Erfinder  der  Fabel  und  also 
indirect  wenigstens  Chaucer's  Quelle.      Ausserdem  triftt  Chaucer 


90  Kritische  Anzeigen-. 

auch  —  worauf  der  Verfasser  selbst  indess  gar  nicht  auf- 
merksam macht  —  an  einigen  Stellen,  wo  er  in  der  Anord- 
nung der  ITandhmg  von  dem  Filostrato  abweicht,  offenbar  mit 
Benoit  zusammen.  Dies  zeigen  nämlich  ein  paar  von  den  schon 
an  und  für  sicli  sehr  interessanten  Auszügen  aus  dem  noch 
unedirten  Werke  Benoit's,  die  der  Verfasser,  in  der  Absicht 
das  letztere  überhaupt  zu  charakterisiren,  am  Schlüsse  unter 
den  Pieces  justificatives  mittheilt  ').  Nun  weiss  man  aber, 
dass  Guido  de  Colonna  (1287)  als  Erster  nach  Benoit,  jene 
Liebesgeschichte  und  in  ganz  denselben  Zügen  als  dieser  be- 
handelt hat.  Der  Verfasser  ist  allerdings  kurz  damit  fertig, 
Guido  zum  Nachahmer  Benoit's  zu  machen.  Aber  unser  ge- 
ehrter Mitarbeiter,  Herr  Pey  hat  in  diesem  Jahrbuche,  Bd.  I, 
p.  228,  bei  Gelegenheit  einer  Kritik  der  Einleitung  zu  den 
Nouvelles  franyaises  du  XIV*'  siecle,  publ.  p.  Moland  et  d'Heri- 
cault  (in  welcher  Einleitung  die  Geschichte  dieser  Fabel  ge- 
geben wird,  da  eine  der  Novellen  eine  Uebersetzung  des  Filo- 
strato ist),  den  wichtigen  Beweis  geliefert,  dass  Guido  das 
heute  verlorene  Original  des  Dares  vor  Augen  gehabt  und 
dass  dasselbe,  weit  ausführlicher  als  die  lateinische  Ueber- 
tragung  des  Cornelius,  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  auch  jene 
Liebesgeschichte  enthalten  hat:  wohingegen,  fügen  wir  hinzu, 
eine  Erfindung  dieser  Fabel  von  Seiten  Benoit's,  bei  der  Art 
wie  sie  seinem  W^erke  eingewebt  ■■^)  ist,  im  höchsten  Grade 
unwahrscheinlich   ist.     Ob  aber  die  Stellen,    wo  Chaucer  vom 


J)  Bei  Chaucer  (V,  v.  113  ff.)  macht  Diomedes  wie  bei  Benoit 
seine  Liebeserklärung  der  Chryseis  unterwegs,  während  er  sie  von  Troja 
zum  griechischen  Lager  geleitet,  alsbald  nachdem  sie  von  Troilus  Ab- 
schied genommen  hat.  Boccaccio  mochte  das,  zumal  Diomedes  schliess- 
lich Erhörung  findet,  für  unschicklich  halten;  bei  ihm  eröfi'net  erst 
am  vierten  Tage  nach  ihrer  Ankunft  im  Lager  (Fil.  VI,  9)  Diomedes 
bei  einem  Besuche  Chryseis  sein  Herz.  —  Der  Herr  Verfasser  hat,  wie 
gesagt,  sich  nicht  bemüht  dies  festzustellen,  obwohl  er  selbst  das  Ma- 
terial dazu  liefert. 

2)  Der  von  Benoit  selbst  seinem  Werke  vorausgeschickte  Inhalt, 
nicht  weniger  als  545  Verse,  ist,  ausser  vielen  andern  Auszügen,  von 
Frommann  in  seinem  Aufsatze:  Herbort  v.  Fritzlar  und  Benoit  de  Ste 
More,  in  der  Germania  II,  p.  53  ff.  mitgetheilt.  Dort  mag  man  sehen, 
wie  sich  diese  Liebesgeschichte  durch  die'  lange  Dichtung  hinzieht,  hier 
verschwindet,  dort  wieder  auftaucht,  weder  Hauptfabel,  noch  eine  ein- 
zelne Episode  ist:  wäre  eins  von  diesen  beiden  der  Fall,  so  wäre, 
wenn  man  von  allem  Andern  absähe,  eher  Benoit  als  Erfinder  denkbar. 


Sandras,    Etiide  sur  G.  Chaucer.  91 

Filostvato  abweichend,  mit  Benoit,  wie  wir  salien,  zusammen- 
trifft, sich  auch  bei  Guido  vorfinden,  vermag  ich  nicht  zu  sagen, 
da  mir  leider  sein  Werk  hier  nicht  zur  Hand  ist;  der  Verfasser 
aber  lässt  das  ganze  Verhältniss  überhaupt  völlig  im  Dunkeln, 
indem  er  darauf  sich  beschränkt  zu  bemerken:  Le  poete  anglais, 
outre  le  texte  Italien,  a  eu  sous  les  yeux,  sinon  Benoit  de 
Sainte-Maure,  certainement  Guido  auquel  il  emprunte  des  de- 
tails  negliges  par  Boccace.  Man  sieht,  der  Verfasser  ist  hier 
wenig  gründlich  verfahren  und  hat  es  sich  etwas  zu  bequem 
gemacht;  wie  er  denn  auch  von  jener  ,, Einleitung"  der  Herren 
Moland  und  d'Hericault  gar  keine  Notiz  genommen  hat.  Und 
doch  musste  es  ihm  gerade  darauf  ankommen,  die  source  fran- 
gaise  hier  zu  rechtfertigen.  Ueber  die  Chaucer  selbst  eigen- 
thümlichen  Zusätze,  d,  h.  die  ganz  sicher  seiner  eigenen  Er- 
findung, welche  einen  gar  nicht  geringen  Raum  bei  ihm  ein- 
nehmen, gibt  der  Verfasser  noch  weniger  genauere  Auskunft, 
wenn  auch  die  andeutungsweise  von  ihm  ausgeführte,  und  in 
ihren  Resultaten  nicht  unrichtige  Vergleichung  der  beiden  Ge- 
dichte, des  Filostrato  und  des  Troilus,  die  Bedeutung  jener 
Zusätze  ahnen  lässt.  '  Obwol  ich  selbst  beide  Gedichte  zu  einem 
grossen  Theile  selbst  genau  verglichen  habe,  kann  es  um  so 
weniger  meine  Absicht  sein,  diese  Lücke  hier  ausfüllen  zu 
wollen,  dies  als  vielleicht  schon  von  anderer  Seite  früher 
geschehen  ist,  z.  B.  von  Douce,  dessen  Arbeit  mir  hier  nicht 
zu  Gebot  steht.  Nur  über  das  Wesen  und  die  Bedeutung  jener 
Zusätze  will  ich  kurz  was  ich  beobachtete  mittheilen.  Sie  be- 
stehen, find'  ich,  in  der  Regel  in  Erweiterungen  oder  Excursen 
der  Reden,  die  im  Original  schon  einen  so  grossen  Raum  ein- 
nehmen, und  zwar  treffen-  sie  zumeist  die  Rolle  des  Pandarus; 
ferner  sind  sie  es  gerade  und  nicht  die  aus  andern  Quellen 
entlehnten  Zusätze,  w^elche  die  Charaktere  verändern,  sodass 
eben  deshalb  diese  Aenderung  in  der  That  Chaucer  eigen- 
thüralich  zugehört:  es  ist  dies  ganz  natürlich,  da  die  „Rede" 
am  eindringlichsten  charakterisirt ;  hiernach  ist  es  ferner  schon 
leicht  begreiflich,  dass  der  Charakter  des  Pandarus  die  {/rössie 
Aenderung  erfahren  konnte.  Die  andern  Hauptcharaktere  sind 
bei  Chaucer  wohl  modificirt,  der  des  Pandarus  aber  ganz  um- 
gewandelt, und  diese  Umwandlung  ist  es  eben,  welche  vor- 
zugsweise dem  Gedicht  Chaucer's,  obschon  es  zum  grösseren 
Theil  eine  fast  wörtliche  Uebersetzung  ist,  doch  überall  eine 
ganz  andere  Färbung,  einen  andern  Totalausdruck  gibt.     Dass 


92  Kritisclii'    Anzeigen: 

auch  Auslassungen,  sowie  kleine  Aenderungcn  in  üev  Erzä/ilanj, 
tlieils  auch  selbst  erfunden,  theils  aber  entlehnt,  zu  der  ange- 
zeigten Umwandlung  der  ]3ic]itung  mitgewirkt  haben,  wenn 
auch  in  viel  geringerm  Grade,  soll  nicht  geleugnet  werden. 
Die  Hauptsache  aber  bleiben  jene  Einschaltungen  in  den  Reden 
und  von  Reden.  Aber  indem  Chaucer  nach  solchen  Einschal- 
tungen mit  einer  fast  wörtlichen  Uebersetzung  fortfährt  — 
denn  mit  den  erwähnten  Auslassungen  sowie  Aenderungen  wird 
von  ihm  ganz  und  gar  nicht  systematisch,  sondern  durchaus 
willkürlich  verfahren  —  entstehen,  wie  sich  leicht  denken  lässt, 
die  sonderbarsten  Widersprüche  in  den  Reden  selbst,  und  noch 
mehr  in  den  Charakteren.  So  bleibt  Pandarus,  obwohl  vom 
Vetter  zum  Onkel  der  Chryseis  geworden,  obwohl  aus  dem  innig- 
sten Jugendfreunde,  der  bei  ruhigerem  Temperament  eine  kleine 
Erfahrung  im  Leben  und  in  der  Liebe  vor  dem  lange  Zeit  so 
spröden  Troilus  voraus  hat,  nunmehr  ein  prosaischer,  in  Sprich- 
■wörtern  und  Gleichnissen  unerschöpflich  docirender,  humori- 
stisch polternder  und  im  Vollgefühl  seiner  Ueberlegenheit 
neckender  Mentor  des  Troilus  —  nichts  desto  weniger  ein  un- 
glücklicher, schmachtender  Liebhaber,  wie  bei  Boccaccio!  Ist 
schon  die  Rolle  des  Kupplers,  wie  er  sie  bei  letzterem  spielt, 
keine  würdige,  die  nur  in  der  innigen  Freundschaft  und  der 
eigenen  Jugendlichkeit  eine  Entschuldigung  findet,  so  muss  sie 
bei  Chaucer's  Pandar  einen  geradezu  widerwärtigen  Eindruck 
machen.  Derselbe  wird  nur  dadurch  gemildert,  dass  diese 
von  Chaucer  so  umgestaltete  Figur  zu  dem  Träger  der  Ironie 
des  Dichters  der  phantastischen  Liebe  des  Ritterthums  gegen- 
über wird,  der  originellste,  durchgreifendste  und  bedeutendste  Zug 
in  seinem  Werke.  Der  Pandarus  Chaucer's  steht  in  seiner  Art 
dem  Troilus  gegenüber  wie  Sancho  Pansa  dem  Don  Quijote  — 
und  merkwürdig,  obschon  leicht  erklärlich,  theilt  er  mit  jenem 
auch  die  Leidenschaft  der  Anführung  von  SprichAvörtern !  ^) 
Um  wenigstens  an  Einem  Beispiel  jene  Ironie,  und  damit  den 
grossen  Unterschied  beider  Gedichte  zu  veranschaulichen,  erin- 
nere ich  daran,  wie  Pandarus  um  seine  Nichte  für  die  Bewer- 
bungen des  Troilus  zu  gewinnen,  nachdem  er  wie  bei  Boccaccio 
zu    deren   Unterstützung   gesagt   dass    Troilus    sonst  vor  Liebe 


1)  Selbst  Troihis  spottet  darüber  (I,  v.  755  ff.): 
But  suffir  nie  my  fortune  to  bewailen  , 
For  thy  proverbis  may  nouglit  me  availen. 


Sandras.  Etüde  sur  G.  Cliaucer.  93 

Sterben  werde,  nun  hier  hinzufügt:  ..dann  will  ich  auch  sterben, 
mein  Wort  darauf,  Nichte,  ich  lüge  nicht,  mit  diesem  Messer 
werde  ich  mir  den  Hals  rein  abschneiden  (al  should  I  with 
this  knife  my  throte  kervin)  —  und  wenn  Ihr  uns  beide  so 
schuldlos  habt  sterben  lassen,  dann  habt  Ihr  fürwahr  hübsch 
gefischt!  (than  have  ye  fishid  faire)"  ^).  —  Dass  Chaucer's 
Gedicht  im  Ganzen  in  ästhetischer  Beziehung  weit  hinter  dem 
Filostrato  zui-ückbleibt .  wird  schon  nach  dem  Gesagten  nicht 
zweifelhaft  erscheinen;  es  fehlt  ihm  in  jeder  Beziehung  die 
Einheit,  die  der  Composition,  der  Charakterzeichnung  und  des 
Stiles,  an  deren  Stelle  vielmehr  ein  seltsames  Quodlibet  tritt. 
Dem  Filostrato  hingegen  gereicht  gerade  die  Einheit  der  Com- 
position und  des  Stiles  mindestens ,  zur  besondern  Zierde. 
Dies  Gedicht  ist  ebenso  wie  die  Teseide,  auf  die  wir  alsbald 
genauer  zu  reden  kommen,  von  der  ästhetischen  Kritik  wie 
nicht  minder  von  der  Literaturgeschichte  bei  weitem  nicht  genug 
gewürdigt,  vielmehr  in  der  Regel  geradezu  vernachlässigt  worden 
(wie  viel  sagen  z.  B.  Ginguene  und  Ruth  darüber!).  Wie  es  aus 
der  Liebe  des  Dichters  selbst  entsprungen  ist,  von  der  es  ja 
selber  offen  Zeugniss  ablegt,  so  zeichnet  es  sich  durch  eine 
Wahrheit  der  Empfindung  und  durch  eine  Kraft  der  Leiden- 
schaft aus,  \vie  sie  uns  selten  in  einem  Kunstwerke  entgegen- 
tritt, und  dargestellt  mit  einer  pittoresken  Kunst,  die  einen 
Reichthum  der  Phantasie  und  eine  Lebendigkeit  der  Anschauung 
bekundet,  wie  sie  nur  ein  grosser  Dichter  besitzt.  Im  beson- 
dern möchte  ich  einen  Punkt  noch  hervorheben,  der  soviel 
ich  weiss  niemals  bemerkt  worden  ist.  Wenn  Chaucer  be- 
kanntlich ein  Sonett  des  Peti-arca  einem  der  Monologe  des 
Troilus  einverleibt  hat,  so  ist  ihm  auch  in  dieser  Beziehung, 
mindestens  in  einem  allgemeinen  Sinne,  Boccaccio  Vorbild  ge- 
wesen. Auch  bei  ihm  nämlich  finden  sich,  und  zwar  nament- 
lich in  den  Briefen  des  Troilus,  Strophen  von  demselben 
lyrischen  Charakter,  die  wenn  sie  nicht  bestimmten  Sonetten 
entlehnt   sind,    doch    gar    leicht    in    solche    verwandelt    werden 


')  11,  V.   322  ff.     Alan  vgl.  dainit  noch  v.  Ö51   ff.: 

And  also  tliinke  wel  that  this  is  no  gaude, 
For  me  were  levir  thou  and  I  and  he 
Were  hongid,  than  that  I  shonld  bcn  Ins  bände, 
As  high  as  nien  might  on  ns  al  isc  ... 


94  Kritische  Anzeif^eii: 

können  ').  —  Schon  Emiliano-Giudici  hat  sehr  richtig  auf- 
merksam darauf  gemacht,  wie  eben  dieses,  ästhetisch  bedeu- 
tendste Epos  Boccaccio's  den  grossen  Einfluss  Dante's  auf 
unsern  Dichter  auch  besonders  oifenbarc.  Dagegen  ist  meines 
Wissens  noch  nicht  darauf  hingewiesen,  wie  gerade  der  Filo- 
strato,  der  die  in  der  Teseide  zuerst  auftretende  Ottave  bereits 
in  einer  weit  höhern,  ja  oft  schon  recht  bedeutenden  Vollen- 
dung zeigt,  nicht  bloss  den  nächstfolgenden  Epikern  in  dieser 
formellen  Beziehung  specielles  Muster  wurde,  sondern  auch 
einem  der  bedeutendsten,  dem  Poliziano,  zugleich  bei  der  Aus- 
führung der  Charakterzeichnung  seines  Helden  vorleuchtete,  der 
an  Troilus  iir  manchen  Zügen  auf  das  lebhafteste  erinnert  ^). 

Doch  kehren  wir  nach  dieser  längern  Abschweifung  zu 
dem  Etüde  des  Herrn  Sandras  zurück.  Unter  dem  Titel 
„Arcite  et  Palamon"  lässt  er  dem  eben  besprochenen  Gedicht 
The  knighies  fa/e' folgen.  Obgleich  den  Canterbury-Erzählungen 
später  ein  besonderer  Abschnitt,  die  zweite  Hälfte  des  Buchs 
selbst  gewidmet  ist,  rechtfertigt  sich  doch  die  Herauslösung 
des  Gedichts  aus  diesem  Krdse  dadurch,  dass  Chaucer,  wie 
bekannt,  desselben  unter  dem  Titel:  „The  Love  of  Palamon 
and  Arcite"  als  eines  besondern  Werks  in  The  Legende  of 
good  women  gedenkt,  sodass  es  demnach  erst  später  mit  den 
nöthigen  Modificationen  dem  Cyclus  der  Canterbury  tales  ein- 
verleibt  worden   ist.     Ueber   die   Frage   worin  jene  bestanden 


')  Nur  erinnern  solche  Stellen  eher  an  Dantci^  als  an  Petrarca'« 
Lyrik.  —  S.  ein  Beispiel  P.  II,  st.  99: 

E  che  ch'io  faccia,  l'imagine  bella 
Di  te  sempre  nel  cor  reca  un  pensiero, 
Che  ogn'altro  caccia  che  l'altro  favella 
Che  sol  di  te,  benche  d'altro  nel  vero 
Airanima  non  caglia,  fatta  ancella 
Del  tuo  valor,  nel   quäle  io  solo  spero 
etc.  etc. 

2)  Ich  kann  hier  begreiflicher  Weise  in  eine  Begründung  nicht  ein- 
treten; auch  bedarf  deren  es  für  den  Kenner  beider  Gedichte  schwerlich. 
Doch  will  ich  mir  nicht  versagen,  eine  besonders  auffallende  Parallel- 
stelle hier  aufzuführen.  Troilus  im  Filostr.  P.  I,  st.  22:  Che  e  a 
porre  in  donna  alcuno  amore?  —  Che  come  al  vento  si  volge  la  foglia, 
—  Cosi  in  un  di  ben  mille  votte  il  core  —  Di  lor  si  volge  etc.  Giii- 
liano,  in  Poliz.  Stanze,  L.  I,  st.  14:  Quanto  e  meschin  colui  che  cangia 
voglia  —  Per  donna  —  —  —  Che  sempre  e  i}iu  leggier  ch'al  vento 
foglia,   —  E  mille  rolte  il  d)  ruole  e  disvuole  etc. 


Sandras,  Etüde  siir  G.   Chaucer.  95 

haben  mögen,  namentlich  ob  Chaucer  die  Teseide  erst  voll- 
ständig übersetzt  hatte  in  The  Love  of  Pal.  and  Are.-:  darüber 
geht  der  Verfasser  sehr  kurz  hinweg  mit  der  Bemerkung:  Les 
changements  qu'a  subis  la  fable  elle-meme,  permettent  de  sup- 
poser  que  tout  d'abord  Chaucer  n'a  pas  ete  plus  esclave  de 
la  forme,  et  que  le  recit  du  Chevalier,  debarrasse  d'incidents 
qui  n'allaient  pas  au  but,  est  ä  peu  pres  la  redaction  primitive. 
Mit  den  Vordersätzen  mag  man  sich  wohl  einverstanden  erklären, 
ohne  darum  dem  a  j^eit,  -pres  beizupflichten.  Die  ganze  Anlage 
der  Teseide,  die,  wenn  man  die  Hauptfabel  ins  Auge  fasst, 
so  viele  hors  d'oeuvres  aufweist,  forderte  allerdings  zu  Kür- 
zungen geradezu  hei-aus;  dass  aber  Chaucer's  erste  Bearbeitung 
sich  enger  an  das  Original  anschloss,  mehr  den  Charakter 
einer  Uebersetzung  hatte,  also  auch  ausführlicher  war,  scheint 
mir  gewiss.  Darauf  weisen  nämlich  die  zerstreut  vorkommen- 
den wörtlich  übersetzten  Stellen  hin,  die  mir  als  Reste  der 
ersten  Redaction,  die  von  der  Ueberarbeitung  unberührt  ge- 
blieben waren,  erscheinen.  Tyrwhitt  hat  schon  viele,  wohl 
die  meisten  dieser  Stellen,  in  seinen  Anmerkungen  angezeigt, 
einige  kürzere,  man  möchte  sagen  ganz  versprengte,  durchaus 
bruchstückartige  aber  nicht,  und  eben  diese  dienen  vielleicht 
noch  besonders  zur  Beglaubigung  jener  Ansicht  ^).  —  Dass 
unser  Verfasser  dieses  Gedicht  aber  gerade  an  dieser  Stelle 
abhandelt,  d.  h.  zu  den.  Werken  Chaucer's  zählt,  die  aus  ita- 
lienischer und  französischer  Quelle  zugleich  entsprangen,  wird 
von  ihm  noch  weit  weniger  gerechtfertigt,  als  solches,  wie 
wir  sahen,  beim  Troilus  geschah.  Sehen  wir  wie  der  Herr 
Verfasser  verfährt,  um  zu  dem  Original  Boccaccio's  aufzu- 
steigen! Zuerst  weist  er  die  Ansicht  zurück,  dass  die  Teseide 
eine  Uebersetzung  des  in  Venedig  1529  im  Druck  erschienenen 
Gedichts  ^rfth^  xat.  '^6.]i.oi  r-ric,  ' EfxifjX^a^  sei,  wie  zuerst  von 
Granucci  behauptet  worden,  indem  im  Gegentheil  letzteres 
Gedicht  eine  Uebertragung  der  Teseide  sei.  Darin  hat  der 
Verfasser  ganz  recht;  aber  er  hat  sich  hier  unnöthig  be- 
müht,   denn    dasselbe    hat    und   mit  ganz   denselben  Gründen 


')  Man  vgl.  z.  B.  Canterb.  tales  ed.  Tyrwhitt  v.  1665.  The 
destinee  ministre  generale  und  Teseide  VI,  st.  1.  L'alta  ministra  del 
mondo  Fortuna;  und  dabei  ist  zu  beachten,  dass  der  Ausdruck  ministre 
yenerctl  keinen  rechten  Sinn  gibt,  nicht  im  Zusannuenliang  mit  dem 
Folgenden  und  noch  weniger  an    sich. 


gg  Kiititsclii-   Anzeigen: 

der  von  dem  Verfasser  so  oft  citirte  Warten  schon  vor 
langer  Zeit  bewiesen.  Allerdings  ist  der  Irrtlium  Granucci's 
in  neuester  Zeit  selbst  noch  wiederholt  worden,  und  sogar, 
doch  offenbar  nur  als  lapsus  calami,  von  einem  bedeutenden 
Gelehrten.  Es  hätte  also  genügt ,  bloss  an  Warton's  Unter- 
suchung zu  erinnern.  (Der  Herr  Verfasser  fügt  übrigens  dem 
Beispiel  das  VVarton  aus  dem  griechischen  Gedicht  gegeben, 
ein  neues  hinzu).  —  Soweit  also  wird  Jedermann  mit  dem 
Verfasser  einverstanden  sein.  Aber  wie  weiter?  Einen  altern 
griechischen  Text  anzunehmen,  erklärt  er  für  eine  Hypothese 
ohne  Grundlage  (hypothese  sans  fondement),  zumal  dieselbe 
noch  eine  neue,  die  einer  lateinischen  Uebersetzung,  verlangte, 
da  Boccaccio  zur  Zeit  der  Abfassung  jenes  Gedichts  sehr  wenig 
Griechisch  verstanden  habe.  Kein  Beweis  sei  dafür  da,  dass 
Boccaccio  das  Sujet  aus  dem  Griechischen  genommen  habe; 
andererseits  sei  er  auch  nicht  der  Erfinder,  nach  seinem  eigenen 
Geständniss  ^).  —  —  „Mais  qui  a  imagine  la  fable?  Teile 
qu'elle  se  presente,  avec  les  couleurs  que  Boccace  parait  lui 
avoir  en  partie  conservees,  je  la  rattacherais  au  cycle  greco- 
romain;  je  lui  ferais  une  place  entre  le  Roman  de  Thebes  et 
celui  de  Troie.  Au  Heu  de  nous  laisser  aller  aux  conjectures, 
il  est  plus  sage  de  former  des  voeux  j^our  la  decouverte  d'itn 
texte  qui  nous  dise  que  cette  charmante  fiction  est  nee  de  notre 
fiol''- {^.  55).  Und  hat  auf  diesen  frommen  Wunsch  hin  der 
Herr  Verfasser  gewagt,  das  der  Teseide  nachgebildete  Gedicht 
Chaucer's  unter  die  seiner  Werke  zu  setzen,  die  theil weise 
aus  französischer  Quelle  entsprungen  sind?  Freilich  80  Seiten 
später  w^agt  er  bereits  schon  mehr,  indem  er  sagt:  ,,Chaucer 
a  imite  le  Filostrato  et  la  Theseide,  poemes  qui  sont,  Vun 
rertainement  (?!),  Vautre  vraisemblablement  d'origine  f7'angaise." 
Das  ist  ein  lehrreiches  Beispiel,  zu  sehen  wie  die  Irrthümer 
auf   dem   Felde   der    Literaturgeschichte    zu    entstehen,    und  — 


1)  Ich  will  die  betreffende  Stelle  des  Briefs  Boecaccio's  an  Fiam- 
metta,  in  welchem  er  die  Teseide  ihr  dedicirt,  hierher  setzen,  weil  sie 

zu  wichtig  für  die  folgende  Untersuchung  ist: trovata   iina  anti. 

ehissima  storia,  e  al  piu  delle  genti  non  manifesta,  bella  s\  per  la  ma- 
teria,  della  quäle  parla,  che  e  d'amore,  e  si  per  coloro,  de'quali  dice 
che  nobili  giovani  furono  e  di  real  sangue  discesi ,  in  latino  voh/are 
e  in  rima  acciocche  pih  dilettasse ,  e  massimamente  a  voi  —  —  desi- 
derando   di  piacervi,  ho  ridoffa.     (Ausg.  Firenze  1831.) 


Sandras,  Etüde  Mir  G.  Chaucer.  97 

zu  wachsen  pflegen.  Und  nicht  wenige  gerade  sind  aus  sol- 
chen patriotischen  Wünschen  entsprungen!  So  weit  wir  aber 
selbst  die  Grenzen  des  Gebietes  des  französischen  Einflusses 
im  Mittelalter  stecken,  indem  wir  anerkennen,  dass  die  fran- 
zösische Literatur  die  Weltherrschaft  damals  besass,  so  wenig 
können  wir  doch  auch  nur  die  Hoffnung  des  Verfassers  in 
dem  vorliegenden  Falle  theilen.  Vielmehr  kann  es  unseres 
Erachtens  bei  einer  genauem  Betrachtung  auch  nicht  dem  ge- 
ringsten Zweifel  unterliegen ,  dass  Boccaccio's  Gedicht  aus 
einer  griechischen  Quelle  geflossen  ist.  Schon  der  ganze  Cha- 
rakter der  Fabel  in  seinen  allgemeinen  wie  in  seinen  beson- 
dern Zügen  bekundet  die  griechische  Herkunft.  Die  Scene 
ist  nicht  bloss  in  Griechenland,  die  Fabel  ist  zugleich  in  die 
innigste  Beziehung  zu  der  Heroensage  dieses  Landes  gesetzt, 
ja  durch  die  Erinnerung  an  sie  offenbar  selbst  hervorgerufen : 
die  Haupthelden  —  von  denen  der  eine,  Palemon,  ohne 
Zweifel  auch  nach  einem  Nachkommen  des  Cadmus,  dem 
Sohne  der  Ino ,  genannt  worden  ist  —  sind  Vettern ,  und 
,,die  letzten  des  Thebanischen  Blutes"  (Tes.  V,  st.  59),  zu- 
gleich die  innigsten  Freunde,  die  sich  wie  Brüder  lieben,  ihr 
Kampf,  der  auf  Palemon's  Verlangen  ja  ursprünglich  auf  Leben 
und  Tod  sein  sollte,  erinnert  ganz  von  selbst  an  den  Kampf 
der  Brüder  Eteokles  und  Poljnikes,  sowie  an  den  der  Vettern 
Laodamas  und  Thersander;  Theseus  Zug  nach  Theben  wird 
in  dem  zweiten  der  beiden  Eingangsbücher  des  Gedichtes  ge- 
schildert, bei  Thebens  Eroberung  werden  die  beiden  Freunde 
seine  Gefangenen.  An  die  beständigen  und  so  zahlreichen 
Anspielungen  auf  die  Sagen  von  Theben  und  Troja,  welche 
die  genauste  Kenntniss  derselben  in  allen  Einzelheiten  voraus- 
setzen und  zwar,  was  wohl  zu  beachten,  nichtallein  bei  dem 
Dichter,  sondern  auch  bei  dem  Leser,  will  ich  hier  bloss  erin- 
nern: ich  lege  darauf  hier  weniger  Gewicht,  zumal  es  Jeman- 
dem beikommen  könnte,  sie  alle  auf  Rechnung  des  Boccaccio 
zu  setzen  —  ein  Einwand,  den  im  Einzelnen  zurückzuweisen 
mir  hier  der  Raum  fehlen  würde  *).  Auch  die  griechische 
Götterlehre  ist  nicht  bloss  auf  das  breiteste  eingemischt,  son- 
dern, was  für  unsern  Beweis  weit  wichtiger  ist,  mit  der  Fabel 
auf  das  engste  verknüpft;  die  Katastrophe  selbst  ist  ein  Werk 

')  Um    wenigstens    ein    Beispiel    solcher    Anspielungen    zu    geben : 
Emilie  schenkt  dem  Palemon  unter  andern  eine    Kette:    sie    wird    ganz 
Jahrb.   f.  ruiii.  u.  tiigl.   Lit.    IV,    l.  7 


98  Kritisclie  Anzeigen  : 

der  Götter.  Die  Furie  „Erinnis"  erscheint  auf  den  Bclelil 
der  Venus,  und  vor  ihrem  furchtb.Tren  Anblick  scheut  das 
Pferd  des  Arcita,  das  sich  überschlagend  seinen  Reiter  tödt- 
lich  verletzt.  Venus  und  Mars,  jene  des  Palemon,  dieser  des 
Arcita  Schutzgottheit,  hatten  sich  ja,  v.ie  dargelegt  wird,  nach 
Art  der  Homerischen  Götter,  über  den  Ausgang  des  Kampfes 
verglichen.  Noch  belangreicher  aber  ist,  dass  das  Gedicht 
überhaupt  auch  nicht  eine  Spur  des  Christenthums  zeigt,  viel- 
mehr das  religiöse  Bewusstsein ,  das  sich  in  ihm  kundgibt, 
durchaus  das  des  griechischen  Heidenthums  ist.  Die  höchste 
Weltmacht  ist  Fortuna,  das  Schicksal.  Diese  Beobachtung, 
die  keines  Beweises  hier  bedarf,  da  die  Leetüre  des  Gedichts 
sie  einem  Jeden  von  selbst  bestätigt  (man  sehe  nur  z.  B.  VI,  1 ; 
VII,  1 ;  auch  V,  80  u.  s.  w.) ,  führt  nothwendig  zu  dem  wich- 
tigen Schluss,  dass  die  Abfassung  des  Originals  in  eine  ältere 
Zeit  hinaufragt,  indem  der  Dichter  desselben  offenbar  kein 
Christ  war.  —  Auch  die  Sitten  und  Gebräuche  sind  ja  grie- 
chisch durchaus:  die  Opfer  in  den  Tempeln,  die  Orakelsprüche, 
die  Todtenfeier  mit  ihren  Kampfspielen,  und  diese  Verehrung 
der  Götter  und  der  Verstorbenen  nimmt  ganze  Gesänge  ein 
und  wird  in  allen  kleinsten  Einzelheiten  dargestellt,  und  der 
entscheidende  Zweikampf  selbst  mit  seinem  folgenden  Triumph- 
zug ist  kein  abendländisches  Turnier,  sondern  ein  Kampf  in 
dem  Circus  (teatro),  der  nicht  von  den  beiden  Gegnern  allein, 
die  hier  vielmehr  persönlich  gar  nicht  aufeinander  treffen;  son- 
dern von  ganzen  Schaaren ,  die  ihnen  folgen,  durchgefochten 
wird  ^).  Dieser  letzte  Umstand  kann  vielleicht  auch  zur  ge- 
nauem   Zeitbestimmung    der    Abfassung    des    Originals    dienen. 


allein  dadurch  eharakterisirt ,    dass    sie    mit    der    des    Anipliiaraus    ver- 
glichen wird.     Tes.  IX,  st.   70. 

Appresso  iina  collana  simigliante 

A  quella,  per  la  quäl  si  seppe  il  loco 

U  Anfiarao  si  stava  latitaiite , 

Lieta  gli  die,  dicendo  etc.  etc. 
Diese  Anspielung  z.  B.  kann  nicht  das  AVerk  Boccaccio's  sein ,  man 
müsste  denn  wieder  annehmen,  die  ganze  betreffende  Stelle  sei  von  seiner 
Erfindung  —  was  aus  mehreren  Gründen  äusserst  unwahrscheinlich  wäre. 
1)  Arcita  erlangt  den  Sieg,  indem  Palemon  von  einem  Boss  des 
Cronis,  eines  seiner  Gegner,  welches  sich  des  Menschenfrasses  er- 
innerte (che  si  ricordava  gli  uomini  mangiar),  gebissen  und  niederge- 
worfen wird.     Tes.  VIII,  st.   120. 


Sandras,  Etüde  sur  (i.   Chaucer.  99 

Sollte  er  nicht  etwa  auf  die  Kämpfe  der  Circusfactionen  Coii- 
stantinopels  hinweisen?  Nur  um  so  mehr  möchten  wir  dann 
das  Ende  des  V.  Jahrhunderts  als  die  Zeit  der  Abfassung 
ansehen.  Auf  ein  höheres  Alter,  sowie  zugleich  indirect  auf 
eine  griechische  Quelle  deutet  Boccaccio  auch  selbst  in  der 
zweiten  Strophe  seines  Gedichts  hin  i).  —  Meines  Erachtens 
war,  um  es  kurz  zu  sagen,  ein  griechischer  Roman  in  Prosa 
Boccaccio's  Quelle.  Auf  die  prosaische  Abfassung  des  Ori- 
ginals weist  der  Ausdruck  ,,storia"  schon  hin,  dessen  sich 
Boccaccio  auch  in  dem  einleitenden  Brief  an  Fiammetta  zur 
Bezeichnung  des  Originals  bedient,  ingleichen  wohl  das  e  in 
rima  eben  jener  Einleitung-);  noch  sicherer  jedoch  die  Com- 
position  des  Ganzen ,  sowie  auch  die  Ausführung  einzelner 
Partien  ^).  Zugleich  finden  sich  die  meisten  der  eigenthüm- 
lichen  Merkzeichen  des  griechischen  Romans ,  über  die  Herr 
Du  Meril  mit  ebenso  viel  Gelehrsamkeit  als  Scharfsinn  in 
der  Einleitung  seiner  Ausgabe  von  Floire  et  Blanceflore  sich 
verbreitet  hat,  und  gerade  solche  die  von  ganz  objectiver  Natur 
sind,  hier  wieder:  so  das  urplötzliche  Verliebtwerden  (des  la 
premiere  rencontre  l'amour  eclate  subitenient,  comme  un  coup 
de  tonnere,  1.  1.  CXXIV),  die  Entscheidung  durch  einen  cleus 
ex  machina ,  die  Weissagung  des  Ausgangs,  die  degtdsements 
(vgl.  a.  a.  O.  namentlich  CXCV).  Dass  auch  die  Verfeinerung 
der  Bildung  und  die  Nützlichkeitsrücksichten  hier  bei  den  Helden 
sich  zeigen  (man  sehe  namentlich  die  Reden  der  beiden  Freunde 
IV.    St.  45  ff.)r    ist  gewiss;    dergleichen  aber  könnte  auch  auf 

')  Dieselbe  seheint  der  Verfasser  gar  nicht  beachtet  zu  haben : 
Che  m'e  venuta  voglia  con  pietosa 
Rima  di  scriver  nna  storia  antica , 
Taiito  negli  anni  riposta  e  nascosa, 
Che  latino  autor  non  par  ne  dica. 
Per  quel  ch'io  senfa,  in  libro  alcuna  cosa. 
Wenn  die  ,, Geschichte"   also  so  alt  ist,  dass  kein    lateinischer    Schrift- 
steller von    ihr    redet,    muss    sie    doch    wohl    ein   griechischer    verfasst 
haben. 

'^  S.  oben  p.  96,  Anmerk.  Diese  Worte  (e  in  rima)  fehlen  in  äl- 
teren Ausgaben,  z.  B.  der  des  Parnaso  ital.  Venezia  1820.  Vol.  XV. 
ä)  I^etztere  ist  eben  ganz  prosaischer  Natur.  Man  sehe  z.  B. 
Tes.  V,  St.  20  f.  Solche  Stellen  unterscheiden  sich  im  Ton  auffal- 
lend von  der  übrigen  Darstellung,  indem  sie  nichts  als  eine  versifi- 
cirte  Prosa  sind.  In  Betreff  der  Composition  aber  braucht  nur  an  die 
beiden  ersten  Bücher  und  ihr  Vcrhältniss  zum  Ganzen  erinnert  zu 
werden. 

7* 


^^)  Kritische  Anzeigen : 

Boccaccio's  Rechnung  gesetzt  werden.  Endlich  sei  nocli  be- 
merkt, dass  auch  die  ästhetische  Grundidee  des  Werkes,  der 
Conflict  der  Liebe  mit  der  Freundschaft,  für  die  griechische 
Herkunft  zeugen  kann,  in  welcher  Beziehung  unsere  Fabel 
an  die  von  „Athis  und  Prophilias"  erinnert').  Was  noch 
die  Frage  betrifft,  ob  Boccaccio  im  Stande  gewesen  sei,  nach 
einem  griechischen  Original  zu  arbeiten:  so  mag  man  dieselbe 
allerdings  verneinen,  denn  es  kann  sehr  wohl  eine  lateinische 
Uebersetzung,  vielleicht  bloss  zu  diesem  besondern  Zwecke 
gemacht,  die  Kenntniss  des  Originals  ihm  vermittelt  haben, 
ein  Vorgang  von  dem  sich  ja  andere,  docunientirte  Beispiele 
finden  ^). 

Dass  aber  nach  dem  eben  Dargelegten  an  einen  fran- 
zösischen Ursprung  der  Fabel  der  Teseide  auch  nicht  im  ent- 
ferntesten gedacht  werden  kann,  wird,  hoffe  ich,  wol  jeder 
Leser  zugeben;  vielleicht  dann  auch,  dass  es  schwer  fällt  mit 
dem  Verfasser  zu  glauben,  Boccaccio  habe  bei  dem  Bilde  der 
Emilia  die  Dame  Oyseuse  des  Guillaume  de  Lorris,  diese  alle- 
gorische Figur  des  Romans  von  der  Rose,  copirt.  Allerdings 
ist  die  Aehnlichkeit  auffallend:  beide  grün  gekleidet  tragen 
einen  Kranz,  beide  haben  blonde  Haare,  eine  gerade  Nase, 
einen  kleinen  Mund,  ein  Kinn  mit  einem  Grübchen  und  ge- 
wölbte Augenbrauen  die  durch  einen  grösseren  Raum  getrennt 
sind  •').      Dieser    letzte    Zug   ist    an    sich    und    noch    mehr    das 


1)  S.  über  letztere  Dichtung  Du  Meril,  1.  l.  CXXIII:  W.  Grimm, 
in  Abhandlungen  der  Berliner  Akademie  1846.  p.  394  ff.,  und  in 
Haupt's  Zeitschrift  XII,  p.  185  ff.  (namentlich  p.  202  oben). 

2)  Wie  Boccaccio  bei  seiner  Behandlung  der  griechischen  Quelle 
verfahren  haben  mag,  auf  diese  schwierige  Frage  kann  ich  am  wenig- 
sten hier  eingehen.  Die  Frage  ist  um  so  schwieriger,  als  man  nicht 
wissen  kann,  welche  Umgestaltung  das  Originalwerk  in  einer  lateini- 
schen Bearbeitung,  die  es  Boccaccio  wohl  vermittelte,  erfahren  hatte. 
Das  die  Schilderung  der  Wohnung  des  Mars  (Buch  VII)  der  Thebais 
des  Statins  entlehnt  ist,  ist  bekannt;  und  zwar  scliliesst  sich  Boccaccio 
in  der  AVahl  der  Worte  so  unmittelbar  an  Statins  an,  dass  er  letz- 
teren selbst,  oder  eine  Reproduction  desselben,  aber  eine  lateinische, 
vor  Augen  gehabt  haben  muss. 

3)  sorcis  votis  —  Son  entr'oil  ne  fus  pas  petis  —  Ans  iert  assez 
grans  par  mesure.  —  —  —  Sotto  la  quäle  (sc.  fronte)  in  volta  tor- 
tuosa  —  Quasi  di  mezzo  cerchio  terminata  —  Eran  due  ciglia  —  — 
che  una  lata  —  Bianchezza  si  vedea  lor  dividendo.  (Tes.  XII,  st.  55); 
—  Gewölbte  Augenbrauen  waren  eine  besondere  Eigeuthümlichkeit  des 
l'uzantinischen   Kunststils ! 


Saudras,   Etüde  sur   G.   Chaucer.  '  |(J| 

Zusammentreffen  der  beiden  Dichter  in  demselben  merkwürdig, 
und  fordert  dies  zu  mannichfachen  Betrachtungen  auf,  gerade 
wenn  man  zu  dem  scheinbar  so  einfachen  und  doch  so  äusserst 
unwahrscheinlichen  Ausweg  des  Herrn  Verfassers  sich  nicht 
entschliessen  mag  ^). 

Mit  vollem  Recht  weist  der  Verfasser  schliesslich  die 
englische  Ansicht  zurück ,  als  habe  Chaucer  in  seiner  Bear- 
beitung die  Teseide  verbessert.  Das  gerade  Gegentheil  ist 
der  Fall.  Er  hat  den  poetischen  Gehalt  wesentlich  vermindert, 
und  nicht  einmal  zum  Vortheil  einer  prosaischen  Wahrschein- 
lichkeit. Sein  Gedicht  ist  unpoetischer  und  unwahrer  zugleich. 
Die  Idee  der  Fabel  selbst  erscheint  verkümmert;  die  feinsten 
Züge  sind  weggelassen  —  z.  B.  dass  Palemon,  der  den  Arcita 
zum  Kampf  im  Walde  aufsucht  und  ihn  schlafend  findet,  wartet 
bis  er  von  selbst  erwacht;  an  die  Stelle  poetischer  Motive  sind 
die  prosaischsten  gesetzt  u.  s.  w.  Kurz  es  kann  für  einen  Unbe- 
fangenen von  nur  einiger  ästhetischer  Bildung  gar  keine  Frage 
sein,  welcher  Dichter  hier  den  Preis  verdiene.  Die  Frage  hat 
an  sich  auch  kein  Interesse,  wohl  aber  eine  andere:  wie  kam  es, 
dass  Chaucer,  den  wir  als  Dichter  ebenso  hoch  als  Boccaccio 
schätzen,  so  verfahren  hat?  Ich  weiss  niclit,  ob  diese  Frage 
schon  beantwortet,  oder  nur  aufgeworfen  ist.  Sie  gründlich  zu 
beantworten  wäre  nicht  bloss  von  Interesse,  nein  von  Wichtig- 
keit. Drei  Momente  sind  es  vornehmlich,  welche  die  Art  der 
Bearbeitung  bedingten:  1)  die  eigenthümliche  poetische  Indivi- 
dualität Chaucer's  im  Gegensatz  zu  der  des  Boccaccio;  2)  der 
Unterschied  seiner  Bildung  nicht  allein  von  der  des  Boccaccio, 
sondern,  was  mehr  sagen  will,  von  der  in  welcher  die  Teseide 
wurzelt;  3)  die  Einschaltung  des  Gedichts  in  den  Kreis  der 
Canterbury  tales,  welche  nicht  bloss  etwa  zu  bedeutenden  Kür- 


^)  Schon  der  Raum  fehlt  mir,  diese  Betrachtungen  hier  anzustel- 
len, doch  hoffe  ich  eine  andere  Gelegenheit  dafür  zu  finden;  und  bei 
dieser  auch  auf  die  andere  Parallelstelle,  die  Beschreibung  des  Gartens 
der  Venus,  bei  Guill.  de  Lorris  und  Boccaccio,  einzugehen.  —  Nur 
sei  hier  angemerkt,  dass  der  Einfluss  der  byzantinischen  Literatur  auf 
die  des  Abendlandes  zum  grossten  Theile  noch  gar  nicht  constatirt  ist 
und  dass  dieser  Einfluss  weit  grösser,  namentlich  tiefer  ist,  als  man 
vermuthet.  Die  grosse  Lücke,  die  unsere  Kenntniss  in  jener  Richtung 
zeigt,  kann  aber  Niemand  wundern,  wenn  man  bedenkt,  wie  wenig  auch 
die  lateinische  Literatur  des  Mittelalters  schon  gekannt,  durchforscht 
und  «ewürdi^;!   ist. 


1Q2  Kritisclic   Anzeigen: 

zungeii  nütliigtc,  sondern  zu  einer  Modilication  der  Darstellung 
durch  den  Charakter  des  Erzählenden,  des  Ritters,  und  durch 
den  seiner  Umgebung.  Chaucer  musste  eben  deshalb  diese 
antik-moderne  Erzählung  sozusagen  ins  Mittelalterliche  über- 
setzen; so  wie  sie  Boccaccio  erzählte,  hätte  sie  keinenfalls  in 
den  Mund  seines  Ritters  gepasst:  aber  ich  bezweifle  zugleich 
dass  Chaucer ,  sobald  er  überhaupt  selbständig  verfuhr ,  in 
vielen  Fällen  anders  hätte  verfahren  können  oder  mögen,  bei 
dem  Unterschiede  seiner  Bildung  und  seiner  Individualität. 
Und  so  möchte  eine  genaue  Vergleichung  beider  Gedichte  in 
Rücksicht  auf  das  zweite  Moment,  dessen  wir  gedachten,  auch 
ein  neues  Zeugniss  für  die  griechische  Herkunft  der  Fabel 
liefern. 

Noch  werden  The  Court  of  Luve  und  T/te  Assemhle  oj 
Foules  unter  den  Gedichten,  die  aus  italienischer  und  fran- 
zösischer Quelle  zugleich  entsprungen  sind,  aufgeführt.  In 
dem  ersteren  soll  das  Porträt  der  Rosiall  eine  Copie  der 
Emilia  der  Teseide  sein,  an  die  jene  allerdings  ganz  anders 
erinnert,  als  Emilia  selbst  an  Dame  Oyseuse;  indess  zeigt 
Rosiall  manche  besondere  Züge,  die,  weil  fel-n  von  einer 
idealen  Schönheit,  mir  wenigstens  bekunden,  dass  der  Dichter 
das  Bild  einer  Schönen,  die  seinem  Herzen  werth  war,  malte, 
wenn  er  es  auch  in  manchen  Beziehungen,  und  dann  vielleicht 
eben  nach  dem  Vorbild  der  Emilia,  idealisirte.  Uebrigens  ist 
dies  zugleich  ein  Anzeichen  mehr,  dass  der  Held  des  Gedichts, 
Philogenet,  Chaucer  selbst  ist.  In  dem  an  Venus  gerichteten 
Gebete  aber  vermögen  wir  nicht  mit  dem  Herrn  Verfasser  eine 
Nachahmung  einer  Stelle  des  Filostrato  (III.  st.  74  ff.),  kaum 
nur  eine  Reminiscenz  davon  zu  linden.  Die  französische  Quelle 
dieses  Gedichts  betreffend,  so  erinnert  der  Verfasser  bei  den 
Statuten  der  Liebe  an  den  Roman  von  der  Rose  (ed.  Meon  1, 
p.  83)  und  bei  der  Messe  der  Vögel  an  Conde's  Debat  der 
Chanoinesses  und  Bernardines.  Wir  möchten  aber  diesmal  weiter 
gehen,  als  der  Verfasser,  und  glauben  dass  Chaucer  die  Idee 
des  Gedichts  selbst  französischen  Vorbildern  verdankte,  die 
ihrerseits  wieder  dem  Vorgange  lateinischer  allegorischer  Dich- 
tungen folgten.  Ich  erinnere  beispielsweise  in  jener  Beziehung 
nur  an  das  ,, Paradies  der  Liebe",  von  dem  Le  Grand  d'Aussy 
(3°  ed.  II,  25-1:)  Nachricht  gibt  und  auf  das  ich  bei  einer  an- 
dein  Gelegenheit  (Jahrb.  II,  297)  bereits  hingewiesen,  und  in 
dieser  an  den   Architrenius  des  Johann  von  Hauteville,  in  dem 


Sandras  ,  Etüde  sur  Chauoer.  103 

der  Palast  der  Venus  und  des  Cupido  beschrieben  wird.  — 
In  Betreff  des  zweiten  oben  aufgeführten  Gedichtes  aber  sei 
hier  nur  eine  interessante  Entdeckung  des  Herrn  Verfassers 
hervorgehoben.  Das  roundel  das  die  Vögel  singen  (v.  673  ff.), 
dessen  note  ymakid  was  in  Fraunce  und  dessen  erster  Vers 
nach  Chaucer:  Qai  bien  aime  a  tard  ouhlie  lautet,  hat  sammt 
der  Musik  der  Verfasser  in  einer  Handschrift  Machault's  auf- 
gefunden. Ausser  diesem  Rondeau  theilt  der  Verfasser  auch 
eine  Balladenstrophe  E.  Deschamps',  die  fast  denselben  Refrain 
bat,  mit. 

Im  vierten  Kapitel  geht  der  Verfasser  hierauf  zu  dem 
Studium  der  Gedichte  s^ns  ausschliesslich  französischer  Quelle 
über.  Er  eröffnet  dasselbe,  indem  er  den  Dichter,  welchem 
hier  Chaucer  das  meiste  verdankt,  den  oben  genannten  Ma- 
chault  als  den  Hauptrepräsentanten  der  französischen  Poesie 
des  XIV.  Jahrhunderts,  jener  Epigonendichtung  höfisch-allego- 
rischen Stils,  bezeichnet  und  als  solchen  zur  Anerkennung  zu 
bringen  versucht.  Guillaume  de  Machault  (1295  —  1377)  ist 
freilich  bisher  so  wenig  beachtet,  dass  die  Literaturgeschichten 
meist  nicht  einmal  seinen  Namen  verzeichnet  haben.  Froissart 
war  nach  dem  Verfasser  nicht  etwa  bloss  ein  Schüler,  sondern 
ein  ,,copiste"  Machault's  —  ein  unseres  Erachtens  docli  zu 
strenges  Urtheil ;  er  war  es  indessen ,  der  die  Poesie  seines 
Meisters  in  England  und  zwar  an  dem  Hofe  zu  Ehren  brachte. 
Die  Gedichte  Chaucer's,  in  welchen  sein  Einfluss  sich  zeigt, 
haben  auch  alle  einen  hötischen  Charakter  und  eine  besondere 
Beziehung  zu  der  Familie  Lancaster.  In  Clmuccrs  Dreame, 
in  welchem  keltische  Sagen,  zum  Theil  wohl  vermittelt  durch 
die  Lais  der  Marie  de  France,  den  besten  dichterischen  Schmuck 
bilden,  soll  der  Ausgangspunkt  der  Composilion,  wie  es  scheine, 
dem  Dit  du  Lyon  Machault's  entlehnt  sein;  ein  Beweis  wird 
dafür  nicht  geliefert.  Das  „Buch  der  Herzogin"  erscheint  nach 
den  Untersuchungen  des  Verfassers  als  die  merkwürdigste  Mo- 
saikarbeit, componirt  vornehmlich  aus  Reminiscenzen  aus  dem 
Roman  von  der  Rose  und  den  beiden  Dichtungen  Machault's : 
la  Fontaine  amoureuse  und  le  Rem'ede  de  Fortune.  Hier  fehlt 
es  nicht  an  interessanten  und  überzeugenden  Belegen.  Die 
Idee  des  hübschen  Gedichts:  The  Floure  and  the  Leafe  ver- 
dankt Chaucer  einem  Schüler  und  Neffen  Machault's,  Eustache 
Deschamps  (13iO  —  1110):  in  zwei  Balladen,  von  denen  die 
eine,    von    Tarbe    veröffentlicht,    Philippa    von    Lancaster    ge- 


JQ4  Kritis<)ie  Anzeigen: 

widmet  ist,  die  andere  von  Herrn  Sandras  zuerst  hier  publi- 
cirt  wird,  vergleicht  Deschamps  die  Blume  mit  dem  Blatt, 
und  gibt  der  erstem  den  Preis,  in  einer  dritten  ungedruckten 
jedoch,  wie  Chaucer,  dem  letztern.  Der  Eingang  aber  von 
Chaucer's  Gedicht  ist  dem  DU  du  Vergier  Machault's  nach- 
gebildet, sogar  mit  stellenweiser  wörtlicher  Uebertragung;  der 
Schluss  erinnert  an  das  Lai  du  Trot.  Bei  alledem  rühmt  und 
mit  Recht  der  Verfasser  dieses  Gedicht,  indem  die  Hauptidee 
doch  mit  voller  Spontaneität  eigenthümlich  entwickelt  sei.  — 
Rücksichtlich  des  Complaint  of  the  black  Icnight,  welches  Ge- 
dicht dem  Dit  du  bleu  Chevalier  Froissart's  vollkommen  gleicht, 
enthält  der  Verfasser  sich  über  die  Frage  der  Priorität  des 
Urtheils.  —  Die  französische  Herkunft  des  Gedichts  von  dem 
Kuckuk  und  der  Nachtigal  gibt  sich  durch  den  Ruf  der  letz- 
tern Ocy,  ocy ;  und  noch  mehr  durch  die  Erklärung  desselben 
(vers  131  f.)  leicht  zu  erkennen.  Obwohl  dieselbe  Herkunft  der 
Verfasser  bei  Chaucer's  ABC  vermuthet,  vermochte  er  doch 
nicht  ein  bestimmtes  Original  nachzuweisen,  was  indessen  dem 
Chevalier  de  Chatelain,  dem  neuesten  französischen  Uebersetzer 
der  Canterbury  tales,  jüngst  gelungen  ist  (Tome  III.  dieser 
Uebersetzung  1861):  dasselbe  ist  ein  bisher  unbekanntes  Ge- 
dicht Guillaume's  de   Guilleville. 

Im  fünften  Kapitel  betrachtet  der  Verfasser  kurz  Chaucer's 
Nachahmung  der  Alten  in  Annelida  and  Arcile ,  der  Legende 
of  good  Women  und  dem  „Haus  des  Ruhmes".  In  Betreff  des 
ersten  Gedichts,  dessen  Quelle  zum  grössten  Theil  dunkel  ist. 
vermochte  der  Verfasser  keine  neue  Aufklärung  zu  geben;  in 
Betreff  der  andern  müssen  wir.  da  es  uns  ferner  an  Raum  hier 
mangelt,  auf  das  Buch  selbst  verweisen. 

Aus  diesem  Grunde  können  wir  auch  nur  das  Wichtigste 
der  zweiten  Abtheilung,  welche  ganz  den  berühmten  Erzäh- 
lungen gewidmet  ist,  hier  kurz  andeuten;  ohnehin  ruht  da  des 
Verfassers  Darstellung,  wie  er  selbst  erklärt,  wesentlich  auf 
seiner  Vorgänger  Studien.  —  Der  Verfasser  glaubt  dass  die 
Idee  der  Composilion  der  Canterbury  tales  Chaucer  nicht  dem 
Decameron  schulde;  sondern  der  Disciplina  clericalis  und  dem 
Roman  der  sieben  Weisen.  Ein  eigentlicher  Beweis  wird  gar 
nicht  gegeben;  mir  will  die  Ansicht  keineswegs  einleuchten: 
vielmehr  entdecke  ich  nur  von  neuem  in  ihr  jene  Verkennung 
oder  Unterschätzung  der  Bedeutung  der  italienischen  Kunst  im 
Gegensatz  zu   der  mittelalterlichen  wie  sie  Frankreich  in  solcher 


Sandras,  Etüde  sur  G.  Chaucer.  105 

Macht  und  Fülle  repräsentirt  —  worauf  ich  .schon  früher  hin- 
gewiesen. Der  Verfasser  zeichnet  dann  zuerst  die  Gestalten 
und  Charaktere  der  Pilger,  indem  er  reichliche  Auszüge  aus 
dem  Gedicht  in  Uebersetzung  in  seine  elegante  Darstellung 
verwebt  und  an  analoge  Charakteristiken  der  Trouveres  hier 
und  da  erinnert.  Auch  hier  entdeckt  er  noch  Reminiscenzen 
aus  dem  Roman  von  der  Rose:  schwerlich  aber  immer  mit 
Recht,  obschon  dergleichen  Parallelstellen  darum  doch  meist 
recht  interessant  bleiben  i).  —  Endlich  werden  noch  die  Quellen 
der  Erzählungen  abgehandelt,  indem  drei  Classen:  Legenden, 
bretonrsche  Lais  und  Fabliaux,  unterschieden  werden,  welchen 
eine  vierte  Classe,  alle,  übrigen  Erzählungen  umfassend,  er- 
gänzend sich  anschliesst.  Ueber  die  Art,  Avie  Chaucer  diese 
Quellen  benutzte,  resumirt  seine  Urtheile  der  Verfasser  am 
Schlüsse  (p.  255)  dahin:  ,,j'ai  constate  que,  dans  les  legendes, 
le  poete  suit  ordinairement  le  texte;  que,  dans  les  lais  bretons, 
il  mele  l'erudition  et  la  satire  a  l'element  chevaleresque;  qu'enfin, 
dans  les  fabliaux,  tout  en  se  conformant  au  canevas  primitif, 
il  devient  createur,  a  la  maniere  de  La  Fontaine,  dans  l'apo- 
logue,  par  la  poesie  des  details,  par  l'eloquence  si  variee  qu'il 
prete  aux  differents  personnages,  et  par  la  profondeur  et  la 
verite  des  caracteres'-.  Wie  schon  der  letzte  Satz  zeigt,  weiss 
der  Verfasser  Chaucer's  dichterische  Verdienste  sehr  wohl  anzu- 
erkennen, wenn  er  auch  vielleicht  nicht  überall  dieselben  zu 
entdecken  wusste;  und  es  ist  keineswegs  seine  Absicht  Chaucer 
in  Schatten  zu  stellen:  indem  aber  der  besondere  Vorwurf 
seines  Buches  der  ist,  nachzuweisen  was  und  wie  viel  Chaucer 
der  französischen  Dichtung  verdankte  —  was  schon  der  Titel 
in  dem  einseitig,  oder  mit  Uebertreibung  gewählten  Zusatz : 
„imitateur  des  trouveres"  anzeigt  —  so  lässt  er  sich  nur  zu 
leicht  verführen,  einerseits  andere  Einflüsse,  wo  sie  mit  dem 
Französischen  coUidiren,  zurückzuweisen,  andererseits  dem  letz- 
tern an  sich  eine  andere  und  höhere  Bedeutung  zu  geben,  als 
ihm    gebührt.     Dies    zeigt   sich  auch   in  diesem   Abschnitte  des 


i)  So  soll  Chaucer  bei  der  Kleidung  des  Squier  das  Gewand  des 
„Dieu  d'amour.s"  entlehnt  haben.  Denn  bei  Chaucer  (v.  89  ff.)  heisst 
es:  Embrouded  was  hc,  as  it  were  a  mede  —  Alle  füll  of  freshe 
floures,  white  and  rede:  im  Kuinan  der  Rose  (v.  887  ff.)  dagegen:  Fu 
la  robe  de  toutes  pars  —  l'ortraite,  et  ovree  de  flors  —  Par  diverj^ete 
de  colors.  —  Flor.'^  i  avait  do  maintes  guises  ete. 


{{)(')  Kritisclif  Anzeigen: 

Buches  wieder.  So  ghiiibt  der  Verfasser  an  einer  Stelle. 
Chaucer  werde  wahrscheinlich  das  Decameron  gar  nicht  ge- 
kannt haben  —  er,  der  so  viele  Werke  Boccaccio's  nicht  bloss 
benutzte,  sondern  übersetzte!  Stoffe,  die  von  Fabliauxdichtern 
und  von  Boccaz  behandelt  sind,  werden  wie  eine  „Erfindung- 
der  erstem  hingestellt,  die  Boccaz  wie  Chaucer  sieb  angeeignet, 
während  nur  eine  Priorität  in  der  Behandlung  des  Stoffes  fest- 
steht,  der  einen  ganz  andern  Ursprung  haben  kann,  und  der 
deshalb  Chaucer  und  Boccaz  auf  verschiedenem  Wege  zuge- 
flossen sein  konnte.  An  der  Stelle  von  Behauptungen  wären 
deshalb  da  Beweise  zu  geben  gewesen!  So  heisst  es  z.  B„ 
man  habe  fälschlich  behauptet,  Chaucer  hätte  in  der  Erzählung 
des  Franklein  Boccaccio's  Novelle  vom  bezauberten  Garten, 
die  derselbe  zuerst  im  Filocopo  und  danach  abgekürzt  im  De- 
cameron (X,  5)  gegeben  hat,  copirt:  die  Wahrheit  aber  sei, 
dass  beide  aus  derselben  Quelle  geschöpft  hätten.  Chaucer 
nenne  die  Quelle  der  Erzählung:  es  sei  ein  bretonisches  Lai. 
Und,  fragen  wir,  sagt  dasselbe  Boccaccio?  Nein.  Der  Schluss 
ist  demnach  voreilig,  und  ohne  weitern  Beweis  falsch.  Chaucer 
mag  aus  dem  bretonischen  Lai  geschöpft  haben,  welcher  Mei- 
nung auch  Tyrwhitt  schon  war,  Boccaccio  darum  noch  nicht: 
er  kann  vielmehr  den  Stoff  sogar  aus  einer  Quelle  genommen 
haben,  die  selbst  die  Quelle  jenes  Lai  war! 

So  interessant  also  auch  Herrn  Sandras  Etüde  ist,  und 
so  Avenig  es  auch  an  neuen  und  zugleich  fest  begründeten 
Resultaten  in  ihm  mangelt,  so  sind  doch  seine  Angaben  im 
Allgemeinen  nur  mit  der  nöthigen  kritischen  Vorsicht  aufzu- 
nehmen. 

A.    Ebert. 


Decameron  von  Heinrich  Steinhowel.  Herausgegeben  von  Adelöt^rt 
von  Keller.  Stuttgart.  Gedruckt  auf  Kosten  des  Litterarischen 
Vereins.     18G0. 

Unter  den  mehrfachen  höchst  wichtigen  und  anziehenden 
Publicationen  des  obengenannten  Vereins,  die  namentlich  in 
letzter  Zeit  erschienen  sind,  eignet  sich  die  vorliegende  (51.) 
ganz  besonders  deswegen  zu  einer  Erwähnung  in  dieser  Zeit- 
schrift, Aveil  der  Gegenstand  derselben  speciell  den    Kreis  des 


Decameruii  von  .Stciiihöwt-I,  Ausg.   v.  Keller.  107 

romanischen  Schriftenthums  berührt  und  einen  Autor  betrifft, 
dessen  tiefe  Einwirkung  auf  fast  alle  neueren  Literaturen  hin- 
länglich bekannt  ist.  Dass  dieselbe  in  Deutschland  ehedem 
in  grossem  Masse  durch  Steinhöwel's  Uebersetzung  statt- 
fand, erhellt  hinlänglich  durch  die  vielfachen  Ausgaben, 
die  davon  bis  ins  17.  Jahrhundert  erschienen;  und  fügt  man 
hinzu,  dass  diese  Arbeit  Steinhöwel's,  ebenso  wie  seine 
übrigen  minder  umfangreichen,  trotz  mancher  Unvollkommen- 
heiten  gleichwohl  von  bedeutender  sprachlicher  Wichtigkeit 
ist,  so  muss  man  dem  gelehrten,  um  die  ältere  deutsche 
Literatur  hochverdienten  Herausgeber  innigen  Dank  wissen, 
dass  er  die  seltene  erste  Ausgabe  des  vorliegenden  Buches 
einem  grössern  Leserkreis  zugänglich  gemacht  hat.  Zu  wün- 
schen bleibt  nur,  dass  er  die  Steinhöwel'sche  Interpunktion  we- 
niger genau  befolgt  und  sie  durch  eine  andere,  den  Text 
schneller  verständlich  machende  ersetzt  hätte ,  wogegen  letz- 
terer selbst  mit  der  an  dem  Herausgeber  wohlbekannten 
Sorgfalt  und  Genauigkeit  wiedergegeben  ist. 

Da  Keller  in  seinen  am  Schluss  angehängten  Anmer- 
kungen, in  denen  er  alle  über  Steinhöwel's  Leben  bekannten 
Nachrichten,  sowie  die  betreffende  Bibliographie  mittheilt,  in 
Betreff  der  weitern  Literatur  des  italienischen  Originals  des 
Decameron  auf  meine  Uebertragung  von  Dunlop's  Geschichte 
der  Prosadichtungen  verweist,  so  benutze  ich  diese  Gelegen- 
heit um  zu  den  dort  gegebenen  Nachweisen  über  die  einzelnen 
Novellen  hier  noch  einige  weitere  in  aller  Kürze  hinzuzufügen, 
und  nur  ein  oder  zweimal,  wo  der  Gegenstand  es  erfordert, 
habe  ich  mir  erlaubt  ausführlicher  zu  sein.  Val.  Schmidt's 
Beiträge  zur  Geschichte  der  romantischen  Poesie  setze  ich 
übrigens  als  bekannt  voraus. 

Tag  I,  Nov.  5.  —  S.  über  ähnliche  Geschichten  meine 
Bemerkung  zum  Conde  Lucanor  no.   12  (Dunlop  S.  501). 

T.  I,  Nov.  9.  —  Auch  bei  Sercambi  nov.  19  (s.  Dunlop 
Anm.   333). 

T.  II,  Nov.  2.  —  Vgl.  oben  Bd.  HI  S.  154  (zu  Ben- 
fey's  Pantschat.  S.  321,  zu  dessen  S.  320  die  Ergänzung  zu 
fügen  in  Benfey's  Orient  und  Occident  I,  373  ft".)- 

T.  II,  Nov.  i).  —  S.  meine  Anzeige  von  Passow's  Po- 
pul.  Carmina  Graeciae  rccent.  in  den  Gott.  Gel.  An/.  18G1 
S.  578  zu  no.  474.  Füge  hinzu  J.  Wolf,  Deutsche  Haus- 
märchen.    Göttingen  1858.  S.  355  tV.  (der  Pfiffigste). 


]08  Kritiüolie   An/.eigen: 

T.  II,  Nov.  10.  —  Auch  bei  Cintio  de' Fabrizi  no.  23, 
s.  oben  Bd.  I,  S.  433. 

T.  III,  Nov.  1.  —  S.  meine  ausführliche  Behandlung 
dieses  Novellenkreises  in  Benfey's  Or.  u.  ücc.  I,  116  ff- 
(der  verstellte  Narr)  nebst  den  Nachträgen  S.  136  ff.  und 
Heft  4. 

T.  III,  Nov.  2.  —  S.  oben  Bd.  III,  S.  153  ff.  (zu 
Pantschat.  S.   300). 

T.  III,  Nov.  3.  —  S.  meine  Bemerkung  in  Pfeiffer's 
Germania  I,  260  zu  Gesammtab.  no.  14;  füge  hinzu  Heptam. 
de  la  reine  de  Navarre  nouv.  50.  Auch  ein  Theil  von  Cintio 
de'  Fabrizi's  no.   36;   s.   oben  Bd.  III,   S.   433. 

T.  III,  Nov.  5.  —  S.  Benfey's  Pantschat.  I,  331  f. 
(^wo  Z.  2  V.  u.  zu  bessern  ,,Bocc.  III,  5").  In  Betreff  der 
daselbst  (S.  332)  erwähnten  Amazone  vgl.  Or.  u.  Occ.  a.  a.  ü. 
S.  123,  Anm.  5. 

T.  III,  Nov.  8.  —  S.  German.  a.  a.  0.  S.  262  zu 
no.  45. 

T.  III,  Nov.  10.  —  Vgl.  Benfey  Pantschat.  I,  385; 
ferner  meine  Bemerkung  zu  Gervasius  v.  Tilbury  S.  67  f. 
Anm.  u.  in  Pfeiffer's  German.  I,  268  zu  no.  98  sowie  Ben- 
fey in  den  Gott.  Gel.   Anz.   1861,   S.  440. 

T.  IV,  Nov.   1.   —    S.  unten  zu  T.  IV,  Nov.   9. 

T.  IV,  Nov.  2.  —  S.  dazu  Benfey  Pantschat.  I,  159  ff. 
(In  Betreff  der  S.  160  erwähnten  Mantelfahrten  s.  auch  oben 
Bd.  III,  S.  147  f.) 

T.  IV,  Nov.  7.  —  Findet  sich  auch  im  Simplicissimus 
S.  1039  ed.  Keller.  (Ob  nach  Hans  Sachs  [s.  Val.  Schmidt's 
Beiträge  zur  Gesch.  d.  romant.  Poesie  S.  44]  oder  nach 
Steinhöwel's  Uebers.  des  Decameron  kann  ich  eben  jetzt  nicht 
näher  untersuchen.) 

T.  IV,  Nov.  9.  —  S.  German.  a.  a.  O.  S.  260  zu  no. 
11.  Das  altniederl.  Lied  steht  auch  in  Hoffmann's  v.  Fal- 
lersleben  Hör.   Belg.   XI,   295    f. 

T.  V,  Nov.  8.  • — ■  Dass  diese  Novelle  eigentlich  dem 
Sagenkreise  vom  wüthenden  Heere  angehört ,  hat  bereits 
Grimm  D.  Mythol.  895  bemerkt  und  ich  weiter  ausgeführt  zu 
Gervas.   S.   204. 

T.  VI,  Nov.  4.  —  Findet  sich  auch  in  den  Contes  du 
sieur  d'Ouville  I,  505  ff. 

T.  VI,  Nov.  10.   —   S.  Benfey  Pantschat.  I,  410. 


Decameron   von  Steinhüwel,   Aii.sg.   v.  Keller.  |09 

T.  VII,  Nov.  2.  —  Auch  bei  Cintio  de'  Fabrizi  s.  oben 
Bd.  I,  S.  317  no.  35  und  in  einer  französischen  Sammlung 
„Les  Comptes  du  Mode  aventureux";   s.   oben  Bd.   HI,  S.  91- 

T.  VTI.  Nov.  4.  —  Streiche  bei  Dunlop  S.  240  a,  Z.  4 
V.  o.  die  Worte  ..noch  in  Hebers  Dolopathos'-.  S.  Li  Romans 
de  Dolopathos  publ.  par  Brunet  et  Montaiglon.  Paris  1856- 
p.  353  if. 

T.  VII.  Nov.  6.  —  S.  Benfey  Pantschat.  §.  57.  S. 
163—167. 

T.  VII,  Nov.  7.  —  S.  German.  a.  a.  O.  8.  261,  zu 
no.   27. 

T.  VII.  Nov.  8.  —  S.  Pantschat.  S.  140—147.  German. 
a.  a.  O.  S.  262  zu  no.  43  u.  Gott.  Gel.  Anz.  186 1,  S.  578 
zu  no.  474. 

T.  VII,  Nov.  9.  —  S.  German.  a.  a.  O.  S.  271  zu  „  Von 
einem  plinten^'-;  u.  Cintio  de"  Fabrizi  no.  10:  s.  oben  Bd.  I. 
S.  314. 

T.  VIII,  Nov.  8.  —  S.  German.  a.  a.  O.  S.  263  zu 
no.   62. 

T.  VIII,  Nov.  10.  —  Dunlop  S.  247  b,  Z.  30  v.  o.  statt 
„Jugement  sur  les  barils"  lies  .,  De  celvi  qui  mit  en  depöt  sa 
fortune". 

T.  IX,  Nov.  2.  —  Auch  Theil  der  Nov.  36  des  Cintin 
de'  Fabrizi;  s.   oben  Bd.  III,  S.   433. 

T.  IX,  Nov.  3.  —  S.  German.  a.  a.  O.  S.  261  zu  no.  24 
,,  Der  schwangere  Mönch'';  Mannhardt,  Zeitschrift  für  deutsche 
Mythologie  III,  36  ff.  (Der  Fuhrmann\  wo  es  den  ersten  der 
drei  Theile  dieses  Schwankes  bildet.  Die  männliche  Schwan- 
gerschaft lässt  sich  vielleicht  wie  so  viele  andere  Schwanke 
auf  mythologische  Vorstellungen  zurückführen,  wie  denn  Väter- 
geburten nach  letztern  nicht  selten  sind ;  man  denke  z.  B.  an 
Zeus  u.  Athene,  vgl.  meinen  Aufsatz  ,,  Das  verlorene  Huf- 
eisen'-'-  in  Pfeiffer's  German.  V.  479  ff.  Wenn  Weber  (In- 
dische Studien  III,  365)  bei  der  Erzählung  vom  schwangern 
Mönch  an  die  Pferde-  und  Eselseier  denkt  (s.  auch  Kuhn 
Westphäl.  Sagen  no.  258),  so  erinnere  ich ,  dass  auch  Esel 
und  Ei  in  mythologischer  Verbindung  stehen;  s.  Bachofen 
Gräbersymbolik  S.  375.  —  Vorliegender  Schwank  hat  sich, 
wie  bemerkt,  im  Märchen  vom  Fuhrmann  mit  noch  zwei  an- 
dern verbunden,  von  denen  der  erste  sich  auch  bei  Bebel  in 
den  Facetiae  1.  II,  no.    142    (Qiiidam   histrio    etc.)    findet,   wo- 


■jJQ  Kritisclie   Aiizeii^en: 

rau.s  vr  in  die  alte  rranzösisclie  Uebcrsetzung  des  Straparola 
von  Louveau  und  Larivoy  übergegangen  und  dort  an  die  Stelle 
von  N.  XII,  fav.  5  (Süto  sommo  povteßce  etc.,  aus  Morlini 
nov.  5)  getreten  ist.  Die  Ueberschrift  lautet:  „Un  basteleur 
ostant  les  chausses  h  un  pendii,  luy  couppe  les  pieds,  lesquels 
il  laisse  apres  en  hostelerie,  \^i  s'en  va;  l'hoste  trouvant  ces 
piedz.  et  ignorant  le  depart  de  cet  homme.  pense  que  son 
veau  Tayt  devore;  parquoy,  doubtant  la  fureur  de  ceste  beste, 
s'enfuit  et  laisse  sa  maison  a  la  mercy  du  peuple,  qui  mit  le 
feu  dedans".  Derselbe  Stoff  liegt  auch  einem  Fassnachtspiel 
zu  Grunde,  s.  Keller  no.  123.  Nachlese  S.  17  ff.  (46.  Public, 
des  Litterar.  Vereins  in  Stuttgart)  und  ebenso  der  irischen 
Erzählung]  Paddy  the  Piper  in  Legends  and  Stories  of  Ireland 
by  S.  Lover.  London  (1855).  —  Ueber  den  dritten  Theil  des 
„Fuhrmann"-,  der  dem  Märchen  vom  Dr.  Allwissend  entspricht, 
handelt  ausführlich  Benfey  im  Gr.  u.  Oec.  I,  374 — 382  (wo 
auch  S.  381  auf  den  schirangerv  Mönch  bei  Bebel  hingewie- 
sen wird). 

T.  IX,  Nov.  6.  —  Auch  bei  Cintio  de'  Fabrizi  no.  25; 
s.  oben  Bd.   I,   S.   31 B  und   dazu   Bd.   III,   S.   91. 

T.  IX,  Nov.  7.  —  Vgl.  oben  Bd.  III,  S.  158  zu  Pan- 
tschat.  S.  523.  S.  auch  noch  Gottfried  von  Strassburg  Tri- 
stan und  Isolt  V.   17949  ff.  v.   d.  Hagen  (S.   450  Massmann). 

T.  IX,  Nov.  9.  —  S.  German.  Bd.  I,  S.  258  zu  no.  3. 
Grimm  Kindermärchen  III,  289  (3.  Ausg.)  zu  Strapar.  XII,  3. 
Vgl.  auch  über  den  Stock  als  Züchtigungsmittel  widerspänsti- 
ger  Frauen  oben  Bd.  II  S.  25  f.  —  Zu  dem  in  der  German. 
a.  a.  G.  angeführten  span.  Sprüchworte  „humo  gotera  —  ?/ 
muger  pariere  —  echan  al  hombre  fuera  —  de  sn  casa"-  stimmt 
Sprüche  Salom.  27,  15  „Ein  zänkisches  Weib  und  stätiges 
Triefen,  wenn  es  sehr  regnet,  werden  wohl  mit  einander  ver- 
glichen.'' 

T.  X,  Nov.  8.  —  S.  W.  Grinnn  in  Haupts  Zeitschrift 
12,   185  ff.  „Die  Sage  von  Athis  und  Prophilias.'- 

T.  X,  Nov.  9.  —  S.  oben  zu  T.  IV,  Nov.  2  (Mantel- 
fahrten). Zu  den  in  diesen  Kreis  gehörigen  Sagen  gehört 
auch  noch  folgende  englische,  die  sich  an  die  Abtei  Wroxhall 
knüpft  und  in  Dugdale's  Baroiiage  of  England  (Lond.  1G75) 
nach  einer  Handschrift  aus  der  Zeit  Eduards  IV.  erzählt  wird. 
Jene  Abtei  liegt  nämlich  ungefähr  drei  engl.  Meilen  von  der 
Eisenbahnstation  Hatton   and  er  grossen  Westbahn  und  nicht  viel 


Decameron   von  Steinhowel,  Ausg.  v.  Keller.  1  j  1 

weiter  von  Kenilworth  und  Warwick  und  soll  bald  nach  der 
Zeit  Wilhelm's  des  Eroberers  unter  folgenden  seltsamen  Um- 
ständen gegründet  worden  sein.  Ein  Ritter,  Namens  Hugh  de 
Hatton,  wurde  zu  Anfang  des  12.  Jahrhunderts  in  Palästina 
von  den  Sarazenen  zum  Gefangenen  gemacht  und  blieb  in 
dieser  Lage  sieben  Jahre;  endlich  erinnerte  er  sich^  dass  der 
heilige  Leonhard  der  Patron  seiner  Pfarrkirche  war  und  flehte 
ihn  daher  um  Befreiung  aus  der  Gefangenschaft  an.  „Where- 
upon  (so  fährt  Dugdale  fort)  St.  Leonard  appeared  to  him 
in  his  sleep  in  the  habit  of  a  black  monk,  bidding  him  arise 
and  go  home,  and  found  at  his  church  a  house  of  nuns  of 
St.  Benet's  Order.  But  the  Knight  awaking  took  this  for  no 
other  than  a  dream,  tili  the  same  Saint  appeared  to  him  a 
second  time  in  like  manner.  Howbeit,  then,  with  much  Spi- 
ritual gladnesse  rejoycing,  he  made  a  tow  to  God  and 
St.  Leonard,  that  he  would  perform  his  command;  which  vow 
was  no  sooner  made  than  that  he  became  miraculously  car- 
ryed  thence  with  his  fetters  and  set  in  Wroxhall  woods ,  not 
far  distant  from  his  own  house;  yet  knew  not  where  he 
was,  untill  a  shepherd  of  his  own,  passing  througli  those 
thickets,  accidentally  found  him;  and  after  some  little  com- 
munication  (though  he  was  at  first  not  a  little  aifrighted ,  in 
respect  he  saw  a  person  so  orergrown  with  /lair),  discovered 
all  unto  him.  Whereupon  his  lady  and  children  having  ad- 
vertisement,  came  forthwith  to  him,  but  she  believed  not  that 
iie  was  her  husband  tili  he  showed  her  a  piece  of  a  ring 
that  had  been  broken  betwixt  them,  which  so  soon  as  she  ap- 
{)lied  to  the  other  part  in  her  own  custody,  closed  therewith. 
And  shortly  after  having  given  solemn  thanks  to  God,  our 
Lady  and  St.  Leonard,  and  praying  for  some  divine  revela- 
tion  where  he  should  erect  that  monastery,  as  promised  by 
his  Said  vow,  he  had  especial  directions  where  to  build  it,  by 
certain  stones  picht  in  the  ground,  in  tlie  very  place  where 
the  altar  was  afterwards  set." 

Ueber  den  hier  vorkommenden  St.  Leonhard  s.  Simrock 
Der  gute  Gerhard  und  die  dankbaren  Todten.  Bonn  1856, 
S.  128  ff.  In  der  Vita  dieses  Heiligen  (Leg.  Aurea  p.  687 
ed.  Graesse)  heisst  es  „Leonardus  dicitur  a  Leone'-'",  bedenkt 
man  nun,  welche  wichtige  Rolle  der  Löwe  in  einigen  Ver- 
sionen dieses  Sagenkreises  spielt  (s.  Sinirock  a.  a.  O.  S.  165  ff., 
cf.  171  ff.),  so  wird  man  in  dem  Namen  des  Heiligen  einen  neuen 


\^12  Kritisclie   Auzeij^eii : 

(iruiuJ  dafür  finden,  warum  gerade  er  an  die  Stelle  des  Thieres 
geti'eten  ist.  —  Wenn  von  dem  aus  der  Gefangenschaft  heim- 
kehrenden Hugh  de  Hatton  erzählt  wird,  dass  er  bis  zur  Un- 
kenntlichkeit entstellt  war  und  dabei  namentlich  hervorgeho- 
ben wird,  er  sei  „overgrown  with  hair"  gewesen,  so  verweise 
ich  wegen  dieses  Zuges  der  Sage  auf  Sirarock  1.  c.  S.  157  ff., 
cf.  179,  und  erwähne  daraus  nur,  dass  auch  der  unter  gleichen 
Umständen  heimkehrende  und  unerkannte  Herzog  von  Braun- 
schweig dasteht 

^,mit  langem  haar  mnbhangen 
recht   ob   er  wer  ein  icilder  vtav." 

Ebenso  heisst  es  in  der  Romanze  vom  Conde  Dirlos  i^Wolf 
u.   Hofmann   Primavera  etc.   no .   164) 

„Las  barbas  y  los  cabellos 

nunca  los  quiso  afeitar; 

tienelos  fasta  la  cinta, 

fasta  la   cinta,  y  aun  mas: 

la  cara  mucho  quemada 

del  mucho  sol  y  del  aire      (Bd.   IL,   S.    138.) 


Porque  con   el  gesto   que  traigo 
ninguno  me  conocerä."     (ib.  S.  141.) 

Der  Graf,  mehrmals  mit  einem  wilden  Manne  (salvaje)  ver- 
glichen (1.  c.  S.  151.  152)  und  deshalb  von  seiner  Gemahlin 
nicht  erkannt,  wirft  endlich  das  Haar  zurück  und  sie  ruft 
aus  (1.  c.  S.   155): 

„Que  es  aquesto,  mi  senor? 
quien  vos  hizo  ser  salvaje  ?  ♦ 

No  es  este  aquel  gesto 
que  vos  teniades  ante!" 

Siehe  ferner  in  Betreff  dieses  Zuges  W.  Müller  in  Pfeiifer's 
Germania  Bd.  1,  S.  437,  Anm.  2,  conf.  S.  440,  Anm.  2,  so 
auch  noch  im  Allgemeinen  ausser  den  schon  von  Simrock  an- 
geführten Schriften  Uhland  in  PfeifFer's  Germania  IV,  79  und 
Svend  Grundtvig  Danmarks  Gamle  Folkeviser  H,  608  ff., 
no.  114  „Henrik  af  Brunsvik";  auch  eine  tiroler  Sage  in 
Mannhardt's  Zeitschrift  für  deutsche  Mythologie  4,  39  f. 
(Ueber  die  bei  Boccaccio  vorkommende  Reise  Saladins  nach 
Europa  s.  Dunlop  S.  511  ^) 


Giuliani,  Sul  vivente  linguaggio  della  Toscana.  113 

T.  X,  Nov.  10.  —  S.  Passow  Pop.  Caim.  Graeciae  re- 
cent.  no.  436—438;  vgl.  Gott.  Gel.  Anz.  1861,  S.  576.  Der 
daselbst  von  mir  angeführte  Bäckström  bemerkt:  ., Sowohl 
Dunlop  (S.  253%  Z.  33  v.  o.)  wie  Ellis  (Fabliaux  or  Tales 
abridged  from  French  Manuscripts  etc.  London  1815)  und  Le 
Roux  de  Lincy  (Legendes  populaires  de  la  France.  Paris 
1842,  p.  XII)  führen  diese  Jahreszahl  1103  (nach  Noguier's 
Geschichte  von  Toulouse)  unrichtig  an;  es  muss  1003  heissen, 
wie  der  Herausgeber  sich  aus  dem  in  der  königlichen  Biblio- 
thek zu  Stockholm  befindlichen  Exemplar  von  Noguier's  ange- 
führtem Werk  überzeugt  hat."  —  Die  von  Dunlop  nach  Ellis 
angeführte  englische  Ballade  ,,TÄf  Nnt-Broivn  Maid"  steht  bei 
Percy  Series  II,   Book  T,  no.   6. 

Lüttich. 

Felix  Liebrecht. 


Sul  vivente  linguaggio  della  Toscana,  lettere  dl  Uiambattistu  Giu- 
liani,  seconda  edizione  acorretta  e  ampliata,  Torino,  Tip.  Seo- 
lastica  di  Seb.  Franco  e  figli  e  comp.  1860.  G".  pag.  322. 
(Erste  Ausg.   1857.) 

Der  Verfasser,  der  Geburt  nach  Landsmann  Alfieri'^s,  ge- 
genwärtig aber  am  Istituto  superiore  oder  di  perfezione  von 
Florenz  als  Professor  der  Beredsamkeit  mit  der  Erklärung 
Dante's  beschäftigt,  welcher  der  Gegenstand  früherer  Druck- 
arbeiten von  ihm  ist,  behandelt  in  dem  oben  genannten  Bande 
nicht  ausschliesslich  und  systematisch  die  vielbesprochenen 
Fragen  über  die  Heimath  der  italienischen  Sprache,  den  ihr 
gebührenden  Namen,  die  Grenze  zwischen  lingua  illustre  und 
lingua  plebea,  das  richtige  Mass  in  der  Zuratheziehung  der  leben- 
den Mundarten  und  der  testi  di  lingua  —  Dinge,  über  denen 
so  mancher  tüchtige  italienische  Literat  Zeit  und  Unbefangen- 
heit im  Schreiben  verloren  hat;  er  stellt  eine  besondere  Ar- 
beit darüber  in  Aussicht;  in  dem  vorliegenden  Werke  aber 
spricht  er  davon  nicht  zusammenhängend,  sondern  bloss  bei 
Anlass  der  mannichfaltigen  Beobachtungen,  die  er  in  den  ver- 
schiedensten Ortschaften  des  toscanischen  Tieflandes  und  der 
Berggegenden   in    Bezug    auf   Sprache    und    geistige    Fähigkeit 

Jfiliil).  f.   lom.   II.   fiijrl.   r,it.     IV.    1.  ^ 


1  14  Kritische  Anzeigen: 

des  liebenswürdigen  Volkes  gemacht  hat.  Betrachten  wir  zu- 
nächst das  in  den  Briefen  niedergelegte  Material,  auf  das  der 
Padre  Giuliani  seine  Urtheile  und  Vorschläge  stützt.  Mit  dem 
Notizbuebe  in  der  Hand  bat  er,  wie  der  Jesuit  Bresciani 
(Saggio  di  alcune  voci  toscane  d'arti  e  mestieri),  doch  mit 
mehr  Sinn  für  das  Gemüthsleben  des  Volkes,  die  Werkstätten 
der  "Weber,  Schuster,  Gerber,  Hutmacher  und  Schreiner,  die 
Glashütten  und  Ziegelbrennereien,  die  Weinberge,  die  Meiler, 
die  Kastanienw' älder,  die  Bäckereien ,  die  Teigwaarenfabriken 
aufgesucht,  hat  sich  die  Werkzeuge,  die  A'erschiedenen  Ver- 
richtungen und  Erzeugnisse  jedes  Berufes  benennen  lassen; 
or  hat  den  Bettler  um  die  Ursache  seines  Unglückes  und  den 
Landmann  um  den  Stand  der  Ernte  befragt;  er  hat  mit  Theil- 
nahme  angehört,  wie  ein  Schäfer  die  Verschüttung  von  Liz- 
zano  beschrieb  und  wie  die  Bauern  aus  der  Umgegend  wie- 
derholten ,  was  die  alten  Chroniken  von  der  Rache  eines 
Mannes  von  Cutigliano  am  Richter  des  Bezirkes,  dem  Ver- 
führer seiner  Schwester,  und  von  der  Bestrafung  des  verrätbe- 
rischen  Castellans  von  Lucchio  durch  zwei  furchtlose  Mäd- 
chen von  Vico  erzählen ;  und  was  all  diese  Leute  bereitwillig 
und  theilweise  mit  Wiederholungen  und  Umschreibungen  — 
sie  hörten  den  Fremden  gleich  heraus  -  ihm  vorplauderten, 
fabelten  und  jammerten,  hat  Giuliani  mit  ihren  Worten  in  sei- 
nen Briefen  niedergelegt,  so  versichert  er,  und  was  er  als 
Rede  des  Volkes  bezeichnet,  trägt  auch  wirklich  in  Wörtern 
und  Satzbau  unverkennbar  den  Stempel  dieses  Ursprungs. 
Und  das  schon  ist  eine  dankenswerthe  Gabe.  Auch  den  Freun- 
den der  Volkspoesie  Avird  mancher  dieser  Briefe  willkommen 
sein;  sie  finden  darin  mehrere  Rispetti  in  etwas  anderer  Gestalt, 
als  Herr  Tigri  sie  mittheilt;  einen  Brief  in  Stanzen  von  einem 
alten  Landmanne  an  den  ehemaligen  Pfarrer  seines  Dorfes'); 


•)  Hier  zwei  Stanzen  daraus: 

Mi  dispiace  di  me  che  vecchio  sono  : 
Chi  sa,  se  mai  la  potro  rivederel 
Se  ho  fallito,  li  chiedo  perdono, 
Se  nioro ,  dica  per  me  il  miserere : 
Infin  che  vivo,  servo  suo  li  sono, 
Se  mi  comanda,  faro  raio  dovere, 
Che  suo  amico  fedel  son  piu  di  prima 
E  ognor  la  serviro  con  piena   stinia. 


Giuliani,  Sul   viveute  liiiguaggio  della  Toscana.  115 

ein  Lobliedchen  auf  die  Kastanien^);  einrn  Liebesbrief  von 
der  Art  der  aus  der  Tigri'schen  Sammlung  bekannten  und 
äusserst  anziehende,  rülirende  und  für  die  Kenntniss  der  ita- 
lienischen Improvisation  wichtige  Mittheilungen  über  die  durch 
Tommaseo  und  Tigri  mehr  als  sie  sich  wohl  je  träumen  wird 
bekannt  gewordene  Dichterin  von  Pian  degli  Ontani,  die  nun- 
mehr ungefähr  sechzigjährige  Beatrice  Bernardi.  Wahrlich 
die  wackere  Frau  muss  Jedem  lieb  werden,  der  sie  aus  diesen 
grossentheils  ihre  eignen  Worte  wiedergebenden  Briefen  kennen 
lernt.  Wie  wahr  und  tief  und  ewig  derselbe  der  Schmerz  um 
ihren  gestorbenen  Sohn,  wie  acht  dichterhaft  die  mit  einer 
Art  heiliger  Scheu  gemischte  stolze  Freude  beim  Gedanken  an 
die  Tage  besonderer  und  siegreicher  Begabung,  wie  jugend- 
frisch ihre  Herausforderung  zum  Wettstreite,  wie  freundlich 
ihr  Urtheil  über  ihren  Kunstgenossen:  non  e  mica  che  l'abbia 
in  memoria,  gli  viene  in  visione  allora  allora:  se  poi  s'e  af- 
forzato  con  un  po'  di  vino,  chi  puo  tenerlo?  Ma  delle  gior- 
nate  non  e  capace  a  ricavare  un'  ottava,  come  avesse  la  lin- 
gua  in  un  nodo.  Non  sa  leggere  sopra  la  poesia;  dicono  che 
studj'nel  libro  di  Clorinda  (Tasso),  ma  non  ci  credo.  Lo 
veddi  tante  delle  volte:  mai  che  avesse  un  libro  a  mano !  E 
poi  si  vede  quando  canta:  come  li  rigonfian  gli  occhi!  pare 
stralunato  e  fa  gran  forza  a  componer  Tottave.  Tanti  ci  s 
provano :  ma  dalla  botte  vuota  non  c'esce  nulla  di  nuUa.  Rado 
mi    son    presa    a    contrastare    con    lui;    l'e    bravo    di    molto. 


Di  miovu  la  sahito  di  buon  core; 
E  se  lei  vuol  sapere  cii'io  mi  sia , 
Stefano  Agresti  son,  suo  servitore-,* 
lo  sempi'e  staru  alla  siia  signoria. 
Qua  neir  agosto  senta  il  niio  tenore; 
Se  lo  permettera  la  forza  mia, 
Spero  di  riverirla  a  capo  chino 
Perche  ho  pensato  ir  a  San  Pellegrino. 

Viva,  viva  la  castagna! 

Frutto  dolce  e  saporito 

Che  da  tutti  h  riverito , 

Conic  ro  della  montagna. 

E  dovi/ia  delle  selve, 

Fa  belle/.za  nei  giardini, 

Non  la  ccde  ai  faggi ,  a'  piiii , 

Come  re  della  montagna. 

Viva  .   viva  ecc. 

8* 


2J(3  Kritische   Anzeigen: 

Welche  Kindlichkeit,  wenn  sie  von  dem  schönen  Buche  erzählt, 
das  ihr  ein  freundlicher  Herr  geschenkt  (der  Herr  ist  H.  Tigri 
und  das  Buch  seine  Sammlung):  sie  sei  ein  paar  Mal  damit 
nach  Cutigliano  hinauf  gegangen  und  habe  sich  daraus  lesen 
lassen  (sie  selbst  kann  nicht  lesen)  und  da  seien  nicht  wenige 
Lieder  darin  gewesen,  die  sie  auswendig  gewusst  habe  (sie 
selbst  hatte  sie  Herrn  Tigri  dictirt).  Sie  habe  es  aber  ausge- 
liehen und  nimmer  bekommen;  nun  schenke  ihr  der  Herr  ge- 
wiss nichts  mehr,  wenn  er's  inne  werde.  —  Wenn  wir  nun  die 
zahlreichen  Sprüchwörter  und  Bauernregeln  (dettati)  noch  er- 
wähnen, mit  denen  die  Landleute  ihre  Aussagen  bekräftigen  ^), 
so  ist  ziemlich  vollständig  angegeben  was  an  Material  in  Giu- 
liani's  Briefen  gesammelt  ist.  Aberglauben,  Sagen  und  alte 
Bräuche  sind  leider  fast  gar  nicht  berücksichtigt;  folletti  und 
stregoni  oder  armeni  werden  kaum  genannt;  hoffen  wir,  den 
italienischen  Gelehrten  erwache  auch  für  diese  Seite  des 
Volkslebens  noch  der  theilnehmende  Sinn:  dass  mancherlei 
derartiges  zu  sammeln  wäre,  lässt  sich  schon  von  vorn  herein 
kaum  bezweifeln  und  geht  auch  aus  dem  von  Dalbono  (le 
tradizioni  popolari  spiegate  con  la  storia,  Napoli  1843,  3  vol.) 
Mitgetheilten  hervor,  so  viel  geschichtliche  Vorgänge  er  auch 
dem  Sagenhaften  beimischt,  und  so  sehr  seine  Absicht,  aufzu- 
klären und  alles  auf  Betrug,  Verkleidung  u.  dgl.  zurückzu- 
führen, den  wirklichen  Inhalt  des  Volksglaubens  zurücktreten 
lässt. 

Was  nun  Giuliani"s  Betrachtungen  über  das  betrifft,  was 
er  auf  seinen  Wanderungen  beobachtete,  so  wird  Jedermann 
sich    mit    ihm     des     in      der     toscanischeu     Sprache     zu    Tage 


')  La  tiumana  non  viene,  se  non  e  torba  (unsauberer  Ursprung 
plötzliches  Reichthums);  Chi  piü  boschi  vede  e  piü  lupi  incontra  (je 
mehr  man  in  der  Welt  herum  kommt,  je  schlimmere  Menschen  man 
antrifft);  Chi  parla  per  ndita,  aspetti  la  mentita;  Chi  sta  a  pigione 
vuol  far  da  padrone;  II  lupo  non  fa  pecore;  Un  fiore  vale  un  quat- 
trino,  ma  non  sta  bene  a  tutti.  —  Maggie  torbo  e  Giugno  chiaro,  chi 
empir  Tuole  il  granaro;  Chi  vuole  il  vino  ha  da  potar  corto ;  Quel 
che  fa  Maggio,  fa  Settembre  (je  nachdem  die  Kastanien  im  Mai 
stehen,  stehen  sie  im  September);  A  San  Vito  il  castagiio  incardito,  a 
Santa  Maria  inanimito  (d.  h.  in  der  stachlichten  Hülle  hat  sich  die 
anima,  die  junge  Frucht  entwickelt);  A  vento  Libeccio  ne  pane  ne  nec- 
cio  (Kastanienkuchen);  Tramontana  pane  e  vino  alla  Toscana;  I 
tenipi    a  tempo  (günstiges  Wetter  jeweilen  zu  rechter  Zeit),  u.   s.  w. 


Giuliani,  Sul  vivente  linguaggio  della  Toscana.  1J7 

tretenden  Bilderreichthums^  der  ansprechenden  Uebertragungen 
von  Bezeichnungen  menschlicher  Körpertheile,  Entwickelungs- 
stufen,  Gemüthsvorgänge  u.  dgl.  auf  ähnliche  am  Kastanien- 
baume wahrgenommene  Dinge  freuen,  wird  mit  ihm  den  tos- 
canischen  Landleuten  ganz  besondere  Fertigkeit  die  Ausdrucks- 
weise verschieden  zu  wenden,  einen  zarten,  an  schönes  Mass 
gewöhnten  Sinn  und  viel  dichterische  Begabung  zugestehen  j 
es  wird  niemand  läugnen,  dass  ihre  Sprache  mehr  als  irgend 
eine  andere  Mundart  Italiens  derjenigen  der  alten  Schriftstel- 
ler nach  Wortschatz  und  Satzbau  nahe  steht,  und  dass  grössere 
Einigung  auch  in  Hinsicht  auf  die  Sprache  für  Italien  sehr 
wünschbar  ist.  Dass  aber  diese  Bauernsprache  den  Ausgangs- 
punkt zu  bilden  habe  und  dass  Herrn  Giuliani's  Buch  in  die- 
ser Beziehung  verdienstlich  sei,  scheint  denn  doch  mehr  als 
ungewiss.  Die  Entfernung  der  gröbsten  Wortverdrehungen 
aus  der  Volkssprache  genügt  nicht;  dieselbe  ist  und  bleibt  ein 
Stammeln;  sie  würde  mit  der  Vieldeutigkeit  ihrer  Wörter,  den 
zahlreichen  Anakoluthien,  der  Unsicherheit,  die  sich  zeigt, 
sowie  sie  sich  an  Definitionen  und  weniger  geläufige  Gegen- 
stände wagt,  der  Regellosigkeit  ihrer  Wortbildung  (spanditä  = 
Umfang  ist  ein  Beispiel)  nie  und  nimmer  den  Bedürfnissen 
einer  andern  Literatur  als  derjenigen  des  einfachsten  Volks- 
gesanges, geschweige  denn  den  Ansprüchen  der  Wissenschaft 
genügen,  wenn  es  je  ernstlich  versucht  werden  sollte,  von 
sich  zu  werfen  was  im  Sprechen  den  Gebildeten  vor  dem 
Ungebildeten  auszeichnet,  d,  h.  Klarheit,  Bestimmtheit  und 
Befähigung  auch  ausserhalb  des  engsten  Kreises  zum  Ver- 
ständniss  zu  zwingen.  Die  Autorität  der  Toscaner  will  ich 
nicht  bestreiten,  aber  ich  dächte,  man  brauchte  für  einmal 
nicht  toscanischer  schreiben  zu  wollen  als  Vannucci,  Lam- 
bruschini ,  Niccolini  und  Giusti ;  die  Sprache  der  wackeren 
Landleute  möge  fortfahren  als  Rüstkammer  zu  dienen,  in  der 
man  sich  mit  dem  versieht,  was  man  braucht;  der  beste  Waf- 
fenschmied ist  nicht  immer  der  beste  Fechter.  Toscanische 
Schriftsteller  und  Sprachlehrer  und  Arbeiten  wie  Carena's 
methodische  Wörterbücher  werden  hoffentlich  dazu  gelangen 
in  der  Ausdehnung,  die  allein  wünschbar  ist,  sprachliche  Ein- 
heit in  Italien  herzustellen,  in  wissenschaftlichen,  staatlichen 
und  gewerblichen  Dingen,  in  Kirche,  Schule  und  Gesellschaft; 
eine  gewisse  Localfärbung  der  Sprache,  die  sich  auf  eine  Be- 
sonderheit im  Realen   stützt,   wird   nicht  stören.      Noch  möchte 


J^l^  Miscelleii: 

ich  heinerken,  dass  ich  Herrn  Giuliani's  Art  und  Weise  (sie 
stimmt  mit  derjenigen  Bresciaiii's  ziemlich  überein)  teclmische 
Ausdrücke  bekannt  zu  machen  nicht  billige;  wenn  man  bloss 
die*  Namen  von  einem  Dutzend  Werkzeugen  aufzählt  ohne  sie 
zu  beschreiben  und  ihren  Gebrauch  auseinander  zu  setzen,  oder 
den  Gebrauch  bloss  mit  einem  neuen  technischen  Worte  be- 
zeichnet oder  mit  den  nur  ihm  verständlichen  Redensarten 
eines  Handwerkers ,  so  erweist  man  damit  niemand  einen 
grossen  Dienst;  Herrn  Carena's  Verfahren  von  jedem  Worte 
eine  möglichst  klare,  auch  dem  Laien  verständliche  Erklärung 
zu  geben,  was  freilich  nicht  leicht  und  ohne  einige  Breite  und 
Zuziehung  abstracter  Ausdrücke  kaum  möglich  ist,  scheint  mir 
die  richtigere  und  nützlichere.  Dass  da  und  dort  ein  Hand- 
werker, wenn  man  ihm  die  Carena'sche  Definition  von  einem 
seiner  Geräthe  vorlas,  nicht  merkte,  wovon  die  Rede  war,  be- 
weist nichts  dagegen ;  was  man  ihm  da  zumuthete ,  war  eben 
so  leicht  nicht  und  wäre  ihm  ohne  Zweifel  noch  schwerer 
geworden,  wenn  man  ihm  oder  einem  seiner  Berufsgenossen 
seine  Erklärung  vorgelegt  hätte.  Kindlicher  sind  freilich  die 
Definitionen  der  Landleute;  kindlicher  sind  auch  ihre  Beschrei- 
bungen landwirthschaftlicher  Verrichtungen  als  die  von  Giu- 
liani daneben  gestellten  Davanzati's  und  Vettori's;  da  aber 
die  letzteren  sicher  klarer  und  allgemeiner  verständlich  und 
dabei  so  toscanisch  sind,  als  der  strengste  Akademiker  irgend 
verlangen  kann,  so  ziehe  ich  sie  denn  doch  jenen  vor.  — 
Und  nun  zum  Schlüsse  noch  die  herzlichen  Abschiedsworte 
der  guten  Beatrice,  mit  denen  sie  Giuliani  einen  Strauss  auf 
den  Heimweg  gab :  Stia  bene  e  felice ,  torni  un  altr'anno  da 
noi;  pregherö  Dia  che  possiam  rivederci,  a  ogni  modo  ci  ri- 
vedremo   in  Paradiso,  lä  si  canta  davvero. 

^'^oi-enz.  Dr.  Adolf  Tobler. 


Miscellen. 

Englische  Eedensarten. 

In  Swift's  Polite  Conversation  (Works.  London  1801, 
vol.  I)  finden  sich  mehrere  eigenthümliche  Redeweisen,  die 
auch  wohl  noch  jetzt  gebräuchlich  sind  und  von  denen  einige 
hier  kurz  besprochen   werden   sollen.   —   So  heisst  es  dort 

1)     If  we   had    known    of    ijour   Coming,    loe    should    have 


Englisolie   Redensarten.  ]]<) 

streivn  runhes  for  you^'  (Dial.  I,  p.  280).  —  Der  Gebrauch 
an  Festtagen  nnd  festlichen  Gelegenheiten  den  Fussboden  der 
Zimmer  mit  Binsen  oder  aucli  Stroh  zu  bestreuen  war  früher 
in  Europa  und  zwar  besonders  in  den  nördlichen  Ländern  weit 
verbreitet  und  hat  sich  in  einigen  Orten  auch  jetzt  noch  erhal- 
ten; s.  Weinhold,  die  deutschen  Frauen  im  Mittelalter  (Wien 
1851)  S.  340;  vgl.  meine  Ausgabe  des  Gervasius  v.  Tilbury 
Otia  Imperialia  (Hannover  1856)  S.  60')  und  eine  Anfrage 
in  Notes  and  Queries  1856,  no.  24,  S.  471b,  wo  es  heisst: 
„Heybridge  church,  near  Maldon,  Essex,  was  on  Whitsundav 
strewn  with  rushes,  and  round  the  pew^s,  in  holes  made  ap- 
parently  for  the  purpose,.  we  placed  small  twigs  just  budding. 
What  is  the  origin  or  meaning  of  this?  and  does  the  practice 
exist  elsewhere?"  Ob  und  wie  diese  Anfrage  beantwortet 
worden,  weiss  ich  nicht;  sie  findet  aber  hier  ihre  Erledigung. 
An  der  angeführten  Stelle  zu  Gervasius  habe  ich  die  Vermu- 
thung  ausgesprochen,  dass  jene  Sitte  wahrscheinlich  Rest  eines 
altheidnischen  Opferbrauchs  sei  und  Adelbert  Kuhn  West- 
phälische  Sagen  u.  s.  w.  (Leipzig  1859,  Bd.  U,  S.  HO)  be- 
merkt hieran  anknüpfend:  ,,Das  alles  zeigt  die  Heiligkeit  des 
alten  Gebrauchs;  das  gestreute  Stroh  diente  wahrscheinlich 
dazu,  um  die  Opferspeisen  und  Götterbilder  darauf  zu  stellen, 
ganz  wie  bei  den  Indiern  ein  Lager  von  Ku9agras  für  die 
Opfer  an  die  Götter  bereitet  wird;  dadurch  wurde  das  Stroh 
geweiht  und  erhielt  so  seine  Bedeutung  für  alle  übrigen  Ge- 
brauche." 

2)  li  rained  and  the  sun  shone  ai  tJie  same  time.  —  Whj 
f/ien,  the  devil  was  beatwg  kis  vnfe  behind  the  door^)  with  a 
fhoidder  of  mutton"  (Dial.  I,  p.  282).  Grimm  in  der  deut- 
schen Mythologie,  S.  960,  bespricht  ähnliche  Redensarten,  in- 
dem er  sagt:  „Von  schnell  wechselndem  Regen  und  Sonnen- 
schein sagt  man  sprichwörtlich :  der  Teufel  bleicht  seine  Gross- 
mutter (de  düvel  bleket  sin  möm);  in  der  Schweiz:  „der 
Teufel  schläyt  seine  Mutter'-  Tobler  240a  (auch:  die  Heiden 
haben  Hochzeit,  es  ist  ein  heidnisches  Fest),  von  einer  bräun- 
lichen Gesichtsfarbe:  der  ist  dem  Teufel  aus   der   Bleiche   ge- 


')  In  England  wurde  auch  bei  Auffülirnng  der  Mysterien,  und 
selbst  noch  zu  Shakespeares  Zeit  die  Bühue  mit  Binsen  bestreut. 
S.  Jahrb.  Bd.  I,   G7.  Anm.  dea  Ilumusy. 

^)  Statt  door  sagt  man   im   Volke  ancli   l>u!tlt. 


120  Miscellen:  Englische  Redensarten. 

laufen  (lic  is  dem  düvel  üt  der  bleke  lopen);  donnerts  und 
die  Sonne  scheint  dazu:  der  Teufel  schlügt  seine  Mutter,  dass 
sie  Oel  gibt.  Nnl.  de  dnirel  slaat  zyn  icyt\  und  'tis  kermis 
in  de  hei  (nundinae  sunt  in  inferno).  Franzüsich:  le  diuhle 
hat  sa  femvie ,  wenn's  im  Sonnenschein  regnet  (Tuet  proverbes 
no.  401).  Hierzu  muss  die  Erklärung  des  knisternden  Feuers 
(S.  222)  und  des  Erdbebens  (S.  777)  gehalten  werden."  — 
Auch  die  in  der  englischen  Redensart  erwähnte  Hammelschulter 
mag  wohl  eine  besondere  Bedeutung  haben;  wenigstens  wur- 
den Schulterblätter  unter  vielen  Völkern  zu  Weissagungen 
gebraucht;  s.  Deutsche  Mythologie  S.  1067  nebst  Nachtrag 
auf  S.  1233,  und  zu  Gervasius  S.  169  ff.  habe  ich  nach  einer 
Stelle  des  Giraldus  Cambrensis  angeführt,  dass  auch  die  in 
Walis  angesiedelten  Vläminge  diese  Weissagungsart  übten, 
welche  sie  aus  ihrer  Heimat  mit  herüber  gebracht  hatten. 

3)  „She  is  as  like  her  hushand  as  if  she  %uere  spit  out 
of  his  rnouth."  Dial.  HI,  p.  362.  —  Entsprechende,  Aehn- 
lichkeit  durch  Speien  ausdrückende  Redensarten  habe  ich  zu 
Gervas.  S.  71  Anm.  (wo  escarrado  statt  esyarrado  zu  lesen 
ist)  angeführt  und  anf  das  Abstammen  derselben  aus  mytho- 
logischen Vorstellungen  hingewiesen,  wonach  Speien  =.  Zeugen 
ist.  So  bemerkt  auch  Grimm  Haus-  und  Kindermärchen  Bd.  IH. 
(3.  Ausg.),  S.  97  (zu  no.  56  der  liebste  Roland):  ,y.Wenn 
das  Mädchen  nach  der  einen  Sage  speit  und  die  Speie  ant- 
wortet, so  muss  man  sich  an  jene  Sagen  erinnern,  wonach 
durch  Speien  der  Götter  die  irdischen  Gestalten  geschaffen 
werden."  —  Doch  komme  ich  auf  diese  Vorstellung  ein  ander 
Mal  ausführlicher  zm-ück,  indem  sich  daran  ein  weitgreifender 
mythologischer  Ideenkreis  knüpft. 

4)  Three  icomen  and  a  goose  are  enough  to  make  a 
market '••  (Dial.  III,  p.  369).  —  Genau  entsprechende  deutsche 
und  italienische  Sprüchwörter  habe  ich  in  meiner  Uebersetzung 
von  Basile's  Pentamerone  (Breslau  1846)  II,  257,  Anm.  23 
angeführt;  hier  folge  noch  ein  niederländisches  aus  dem  XV. 
Jahrhundert:  ,,Drier  tcive  gherucht  maket  een  jaermerct'"' ;  s. 
Hoffmann  von  Fallersleben  Horae  Belg.  vol.  IX,  p.  19.  Wie 
man  sieht  fehlt  hier  die  Gans,  die  sich  in  den  englischen, 
italienischen  und  deutschen  Sprüchwörtern  findet. 

Lüttich.  Felix    Liebrecht. 


Druck  von  F.   A.  Brockhaus  iu  Leipzig. 


Ferd.  Wolf.     Macedo's  Nebulosa.  121 


Die  „Nebulosa"  von  Joaquim  Manoel 
de  Macedo. 

Ein  Beitrag  zur  Geschichte  der  brasilischen  Literatur.') 

Unter  den  brasilischen  Dichtern  der  Gegenwart  ist 
Joaquim  Manoel  de  Macedo  einer  der  ausgezeichnet- 
sten. Zwar  hat  er  hauptsächlich  durch  seine  Leistungen 
im  Fache  des  Romans  und  des  Dramas  seinen  Ruf  er- 
langt-); doch  auch  als  lyrischer  Dichter  verdient  er  un- 
ter denen  ersten  Ranges  in  seinem  Vaterlande  genannt  zu 
werden. 

Er  ist  den  24.  Juni  1820  zu  S.  Joäo  de  Itaborahy, 
einem  Flecken  in  der  Provinz  Rio  de  Janeiro  geboren. 
Er  nahm  in  der  medicinischen  Facultät  der  Residenz 
den  Grad  eines  Doctors:  bekleidet  an  dem  Collecrium 
Pedro  II.  die  Professur  der  vaterländischen  Geschichte 
und  Chorographie;  ist  seit  1854  Abgeordneter  beim  Land- 
tag der  Provinz  Rio  de  Janeiro  {Depufado  d  Assemblea 
provincial  do  Rio  de  Janeiro)  und  eines  der  thätigsten 
Mitglieder  des  historisch-geographischen  Instituts,  in  dem 
er  von  1851  bis  1856  die  8telle  des  ersten  Secretärs  ver- 
sah; seit  dem  letzteren  Jahre  ist  er  dessen  Redner  (Oy-a- 
Jor)  und  einer  seiner  Vicepräsidenten.  ^) 


')  Aus  einer  „Geschichte  der  brasilischen  Literatur"  mit  deren 
Vollendung  der  Herr  Verfasser  beschäftigt  ist.  Da  dieses  Werk  zu- 
nächst nur  in  französischer  Uebersetzung  erscheinen  wird  (Berlin, 
Asher  &  Comp.),  so  ist  es  uns  doppelt  erfreulich,  diese  Probe  aus  der 
Originalhandschrift  mittheilen  zu  können.  Anm.  des  Herausg. 

2)  Unter  seinen  Romanen  sind  besonders  beliebt  geworden:  ,,Mo- 
reninha",  Romance  in  1  Bd.,  8".  (Rio  de  Janeiro,  3.  Ausg.  1849);  — 
„0  Mo(;o  loiro",  Romance  (2.  Ausg.,  Rio  de  Janeiro  1854.  2  Bde.  8".), 

—  und  „O  Forasteiro",  Romance  (Rio  de  Janeiro,  1855.  2  Bde.  8".) ; 

—  und  von  seinen  Dramen  wurden  mit  grofsem  Beifall  aufgenommen 
die  Lustspiele:  „O  fantasma  branco";  —  und  „0  torre  em  eon- 
curso";  —  sowie  die  treffliche  Tragödie:  ,,Cobe". 

^)  Siehe  /.  Fr.  da  Silvn ,  Diccionario  bibliographico  portuguez, 
Tomo  IV,  p.  126 — 128;  wo  auch  ein  vollständiges  Verzeichnifs  seiner 
bis  zum  Jahre   1860  erschienenen  Werke  gegeben  ist. 

Jahrb.   f.  roiD.  „.  engl.  Lit.  IV.    2.  9 


122  Fcrd.  Wolf 

Als  lyrischer  Dichter  —  in  welcher  Eigenschaft  er 
allein  hier  in  Betracht  kommt  —  machte  er  sich  zuerst 
durch  seine  in  Zeitschriften,  wie  in  der  Minerva  brasi- 
liense,  Guanabara,  u.  s.  w.  eingerückten  kleineren  Ge- 
dichte bekannt,  die  unseres  Wissens  noch  in  keiner 
Sammlung  von  ihm  herausgegeben  worden  sind.  Sie  sind 
üxst  alle  erotischen  Inhalts;  bald  tändelt  er  in  ihnen  ana- 
kreontisch  mit  schalkhafter  Anmuth;  bald  gibt  er  sich 
jenem,  dem  Siidländer  eigenen,  siils -elegischen  Schwelgen 
(saudades)  hin,  immer  aber  in  so  leicht-  und  wohlgebau- 
ten Versen,  dafs  man  glauben  könnte,  er  sei  gewohnt 
darin  zu  sprechen. 

Aber  ein  gröl'seres  Gedicht  hat  er  unter  dem  Titel:  „A 
Nebulosa"  (Rio  de  Janeiro,  1857.  VI.  u.  L>9;{  p.  in-8».)  be- 
sonders herausgegeben,  welches  ungemeines  Aufsehen  ge- 
macht hat;  und  dieses  gehört,  trotz  seiner  theils  dramati- 
schen, theils  epischeu  Elemente,  doch  eigentlich  der  de- 
scriptiven  Lyrik  an. 

Das  Gedicht  besteht  aus  sechs  Gesängen  und  einem 
Epilog,  und  ist  in  reimlosen  Hendekasyllaben   abgefafst. 

Der  erste  Gesang:  „Der  schwarze  Fels"  (a  Rocha  negra) 
beginnt  mit  der  Beschreibung  des  Schauplatzes.  In  einer 
Meeresbucht,  an  deren  beiden  Seiten  Felsreihen,  wie  verstei- 
nerte Riesen,  sich  drohend  gegenüberstehen,  erhebt  sich  unter 
den  aus  dem  Meere  emporragenden  Felsblöcken  einer  über 
alle  übrigen,  hoch,  steil  und  von  schwarzem,  düsterm  Aus- 
sehen. Von  dem  geht  eine  Sage  aus  uralter  Zeit.  Dort  soll 
sich  einst  ein  besessenes,  furchtbarer  Zauber  kundiges  Weib 
{insana  mulher,  sabida  em  magicas  tremevdas)  aufgehalten  haben. 
Sie  blieb  stets  jung  und  schön,  wer  sie  gesehen,  vergafs  sie 
nimmer  und  mufste  sich  in  Liebe  zu  ihr  verzehren.  Doch  der 
Sonne  Licht  vertrug  sie  nicht;  beim  ersten  Schein  der  Mor- 
genröthe  hüllte  sie  sich  in  dichte  Nebel,  womit  ihre  Zauber- 
kunst den  Fels  umgab.  Deshalb  nannte  man  sie  Nebnlosa. 
Aber  in  Mondnächten  sah  man  sie  in  blendendweifsen  Ge- 
wanden, wie  sie  auf  den  Wellen  Zaubertränke  bereitete  mit 
Flammen,  die  ihre  Augen  entzündeten,  und  mit  dem  Thau  des 
Himmels.  Denn  um  Mitternacht  wandelte  sie  auf  dem  Meere, 
wie  auf  festem  Boden,    ohne    die  Füfse  zu    netzen;    dann  liefs 


Macedo's  Nebulosa.  123 

sie  sich  auf  dem  schwarzen  Fels  nieder  und  kämmte  ihre  gol- 
denen Flechten,  die  in  den  Lüften  flatterten;  oder  sie  sang 
und  lachte  im  Meere,  bis  es  licht  ward  und  sie  in  ihr  Nebel- 
bett sich  bergen  mufste.  So  lebte  sie  fort  ungemessene  Zeit, 
immer  jung  und  schön.  Eines  Nachts  jedoch  ging  sie  zum 
Meere,  vergessend  —  und  dies  Vergessen  war  eine  Strafe 
Gottes  —  eher  die  satanischen  Zauberworte  zu  sprechen  (as 
da  cabala  Satanicas  palahras) ;  zu  spät  erinnert  sie  sich  daran, 
viel  zu  spät  stammelt  sie  sie;  —  ihre  Füfse  netzen  sich,  sie 
fühlt,  dafs  sie  versinke;  umsonst  streckt  sie  die  Arme  wehrend 
aus;  der  Sturm  bricht  heulend  los,  das  Meer  empört  sich,  und 
schäumende  Wogen  schleudern  sie  gegen  den  schw^arzen  Fels; 
umsonst  sucht  sie  sich  anzuklammern,  ihre  Hände  gleiten  ab; 
sie  blickt  zum  Himmel,  schon  blinkt  die  Morgenröthe ,  vor 
diesem  Lichte  weicht  all  ihr  Zauber;  die  sonst  sie  davor 
schützende  Nebelhülle  ist  zerronnen;  da  verschlingt  sie  der 
finstere  Schlund,  sie  am  Grunde  des  schwarzen  Fels  begrabend. 
Ihre  Leiche  sah  Niemand  auf  der  Oberfläche  des  Meeres;  ihr 
Tod  war  so  geheimnifsvoll  wie  ihr  Leben.  Doch  wissen  Viele 
davon  zu  erzählen,  wie  in  klaren  Mondnächten  auf  der  Spitze 
des  schwarzen  Fels  sich  ein  weifses  Gespenst  (fantasma)  nie- 
derläfst,  das  seufzt  so  tief  wie  keine  Menschenbrust,  und 
Eiseskälte  verbreitet  sich  um  den  Fels.  Das  ist  die  Nebulosa, 
sie  singt  und  weint,  und  mit  diesen  verrätherischen  Gesängen 
und  Thränen  verlockt  sie  die  sich  ihr  unvorsichtig  Nahenden, 
die,  dann  von  plötzlichem  Wahnsinn  erfafst,  sich  ins  Meer 
stürzen,  oder  in  schwarzen  Verträgen  {iiegros  contractos)  mit 
ihr  sich  ihrer  Herrschaft  unterwerfen. 

Darum  gilt  der  schwarze  Fels  für  gefeit;  weh'  dem,  der 
in  drei  folgenden  Mondnächten  ihn  besteigt;  früher  oder  spä- 
ter endet  er  schrecklich.  Wer  in  dessen  Nähe  schifft,  wagt 
das  Leben;  denn  das  Meer,  wenn  auch  weitum  ruhig,  dort 
kocht  es,  darum  meidet  der  Fischer  den  Ort,  betet  und  be- 
kreuzt sich  und  bittet  Gott,  ihn  gegen  die  Macht  der  Nebu- 
losa zu  schützen. 

Doch  ruderten  einst  um  die  Mitte  einer  Mondnacht  zwei 
Fischer  dort  vorbei;  da  sahen  sie,  wie  vom  Ufer  eine  mensch- 
liche Gestalt  kommt,  von  Fels  zu  Fels  springt,  endlich  den 
Gipfel  des  schwarzen  Fels  besteigt,  oben  stehen  bleibt  ins 
Meer  hinabstarrend.  —  „Er  ist's",  rufen  die  Fischer,  ,, wieder 
er".    -  ■   Er,  der  vor  einem   Monate   zu    ihnen    gekommen    und 

9* 


124  Ferd.  Wolf 

gegen  reichen  Lohn  sich  bei  ihnen  eingemiethet  hatte,  stets 
trägt  er  eine  Harfe  bei  sich,  darum  heifsen  sie  ihn  den  Tro- 
rador.  Er  steht  Niemand  Hede,  entzieht  sich  Aller  Augen, 
verbirgt  seinen  Namen.  Jung  und  schön,  ist  er  doch  immer 
düster  und  verschlossen,  sein  Blick  brennt,  sein  Lächeln  ist 
Hohn  und  Schmerz.  Stets  sucht  er  jene  Bucht  auf  und  bringt 
die  Nächte  auf  dem  schwarzen  Fels  zu,  trotzdem  dafs  die  Fi- 
scher ihn  vor  der  Nebulosa  gewarnt  haben.  Er  scheint  einen 
Ungeheuern  Schmerz  oder  ein  grauses  Verbrechen  zu  bergen, 
wogegen  er,  sein  eigener  Henker,  nicht  Trost  sucht,  sondern 
Vergessen  und  Grab  in  der  Meerestiefe.  Dann  bricht  er  oft, 
besonders  wenn  die  Natur  in  Aufruhr  ist,  den  er  liebt,  in 
Verwünschungen  und  Flüche  aus;  aber  er  nennt  keinen  Na- 
men, damit  auch  das  Echo  ihn  nicht  verrathe;  manchmal, 
aber  nur  selten,  in  stillen  heiteren  Mondnächten,  klagt  er  in 
wehmüthig-schmerzlichen  Liedern ,  und  die  Harfe  klagt  mit 
ihm.  So  hatte  er  auch  in  jener  Nacht  geklagt;  da  sieht  er 
einen  Kahn  den  Fels  umkreisen,  darin  eine  weifse  Gestalt, 
unverwandt  zu  ihm  aufblickend  und  immer  näher  rudernd.  — 
,, Fischer",  singt  er  hinab,  „was  kümmert  dich  mein  Wachen, 
was  kümmert  dich  mein  Klagen?  Mein  Schmerz  ist  ein  tie- 
fes Geheimnifs,  das  Niemand  erkunden  soll  auf  dieser  Welt!" 
—  „Dein  Schmerz  ist  ein  tiefes  Geheimnifs,  das  nur  ich  er- 
kunden werde  auf  dieser  Welt!"  —  antwortet  die  Gestalt, 
seine  letzten  Worte,  wie  ein  Echo  wiederholend.  Da  erkennt 
der  Trovador,  dafs  es  kein  Fischer,  dafs  es  derselbe  Kahn, 
die  Gestalt  ist,  die  nun  schon  drei  Nächte  hintereinander  sich 
ihm  genaht,  dafs  es  eines  Weibes  Stimme  ist,  die  ihm  geant- 
wortet um,  wie  er  glaubt,  seiner  zu  spotten.  Ihr  zum  Trotz 
beginnt  er  von  neuem  zu  singen,  und  die  Stimme  wiederholt, 
wie  ein  Echo,  die  letzten  Worte,  seine  düstern  Ahnungen  be- 
stätigend. Als  der  Trovador  vom  Fels  nun  niedersteigt,  steht 
er  plötzlich  der  Gestalt  gegenüber;  er  will  sie  fassen;  sie 
warnt  ihn,  sie  zu  berühren;  denn  sie  sei  gefeit,  und,  mit  ihrem 
Kristallfinger  auf  das  Meer  weisend,  ruft  sie:  „Ich  gehöre  der 
Nebulosa  au."   — 

Der  zweite  Gesang  trägt  die  Ueberschrift:  „Die  Verrückte" 
(^A  Douda);  sie  ist  jene  Gestalt,  die  in  drei  Nächten  dem 
Trovador  erschienen  war.  Ihre  Mutter  kam  einst,  ein  hilflos 
Weib,  von  der  Welt  mit  Schimpf  ausgestofsen,  in  diese  Ge- 
gend; in  einer  Höhle,  nicht  weit  von  dieser  Bucht,   brachte  sie 


Macedo's  Nebnlosa.  125 

sie  zur  Welt,  ein  reizend  Kind,  aber  schon  in  der  Wiege  irr- 
sinnig. Am  schwarzen  Fels  erschien  ihr  die  Nebulosa  und 
versprach  ihr,  wenn  sie  sich  und  ihre  Tochter  ihr  weihen 
wolle,  ihr  Zauberkraft  zu  verleihen,  dafs  sie  Künftiges  vor- 
hersehe und  nichts  ihr  geheim  bleibe.  Da  trieb  sie  die  Noth, 
den  Bund  mit  der  Nebulosa  einzugehen;  diese  drückt  ihr  und 
der  Tochter  mit  einem  Flammenkufs  ein  schwarzes  Mal  auf 
die  Stirne;  sie  gehören  nun  ihr  an,  die  Mutter  wird  eine  be- 
rüchtigte Hexe  (feiticeh-a) ,  die  Tochter  eine  Fee  (/ada),  der 
Liebling  der  Nebulosa.  So  lange  sie  auf  der  Erde  weilt, 
bleibt  sie  stets  jung  und  schön,  nur  das  schwarze  Mal  ent- 
stellt sie ;  aber  auch  das  werde  ihr  einst  abgewaschen  werden 
vom  Meerschaum,  wenn  sie  nach  ihrem  irdischen  Tod  eingehe 
in  das  Reich  der  Nebulosa  und  ihrer  Freundin,  der  Luna, 
um  als  Undine  ein  Leben  der  Freude  und  des  Glücks  fortzu- 
leben. Ihr  irdisches  Leben  jedoch  müsse  sie  in  Trauer,  Thränen 
und  Klagen  verbringen,  werde  für  eine  Verrückte  gehalten; 
wiewohl  sie  ein  richtiges  Urtheil  habe  (Douda  yyie  julgäoi  — 
tenho  bem  juizo!).  Ihre  Mutter  hat  sie  verloren;  sie  ver- 
schwand plötzlich,  wie  einige  glauben,  in  einer  Wolke  zur 
Strafe  den  Mond  umkreisend;  andere  wollen  gesehen  haben, 
wie  sie  am  schwarzen  Fels  sich  ins  Meer  gestürzt.  Aber 
die  Nebulosa  hat  die  hinterlassene  ,, Verrückte"  in  ihren  be- 
sondern Schutz  genommen,  überall  ist  sie  ihr  gegenwärtig, 
ertheilt  ihr  Befehle  und  Rathschläge,  die  sie  mit  Mondstrahlen 
auf  die  Wellen  schi-eibt.   — 

Wie  ein  Traumbild,  wie  ein  Wesen  aus  einer  andern  Welt 
erscheint  die  Douda  dem  Trovador.  Sie  bittet  ihn  vor  Al- 
lem, ihr  zu  sagen,  wer,  wenn  er  singe,  stets  mit  ihm  singe; 
das  sei  nicht  die  Stimme  eines  Menschen,  nicht  die  seiner  Ge- 
liebten —  denn  sie  wisse,  wen  er  liebe  —  diese  Stimme,  so 
süfs,  wie  die  eines  Engels,  mache  sie  lusttrunken.  Als  sie 
nun  erfährt ,  dafs  es  die  Harfe  des  Trovador  sei ,  der  diese 
Stimme  angehöre,  i'uft  sie:  „nicht  Harfe,  nicht  Weib,  nicht 
Engel  soll  sie  heifsen,  sondern  Liehe  die  spricht  {amor  que 
falla).'-'-  Entzückt  hört  sie  seinem  Harfenspiel  zu  und  be- 
schwört ihn,  in  ihrer  Todesstunde  —  denn  sie  würden  zusam- 
men sterben  —  in  dieser  Stunde  ihres  Triumphs  diese  ,, Liebe 
sprechen"  zu  lassen,  unter  solch  süfsen  Harmonien  wolle  sie 
sterben.  Dem  über  ihr  Wesen  und  ihre  Reden  Erstaunten, 
erzählt   sie    nun    ihre    (leHclüclite    und    fordert    ihn    voll    Tlicil- 


126  I-'ercl.  W'c.lf 

nähme  auf,  ilir  auch  sein  Geschick  mitzutheilen.  Da  er  es 
nicht  will,  sagt  sie  ihm,  sie  wisse  es  grofscntheils  schon,  in 
Ein  Wort  lasse  es  sich  zusammenfassen,  in  das  Wort:  ,,i\7m- 
Twer"  (Jdmais).  Bei  diesem  Worte  erbebt  der  Trovador,  und 
als  er  in  seinem  Schweigen  beharrt,  ruft  sie  ihm  zu:  „Wider- 
strebe nicht  länger,  deinen  Liebesschmerz  mitzutheilen  Jeman- 
den, der  ilm  versteht.  Ja,  ich  liebe  auch ,  kenne  die  Liebes- 
sehnsucht, welche  die  ganze  Natur  erfüllt  und  der  auch  die  Feen 
unterthan,  ja,  auch  ich  kenne  den  Schmerz  dieser  unerwider- 
ten Sehnsucht,  von  dieser  Liebe  will  ich  nicht  geheilt  werden, 
so  wenig  wie  die  Mutter  von  der  Liebe  zu  ihrem  undankba- 
ren Kinde  läfst!"  —  Das  öffnet  das  Herz  des  Trovadors; 
der  ihm  vom  Himmel  gesandten  Leidensgefährtin  will  er  sein 
Geschick  mittheilen,  die  Geschichte  seiner  Liebe,  die  er  aus 
Scham  vor  aller  Welt  verbarg.   — 

,, Hinter  jenem  schwarz-grünen  Walde  ist  ein  schönes 
Thal;  dort  wurde  ich  geboren,  wuchs  in  Üeberflufs  auf,  von 
den  Aeltern  zärtlich  geliebt,  fern  von  der  Welt  erzogen,  gab 
ich  den  Träumen  meiner  Phantasie  mich  hin.  Da  traf  mich 
mein  erstes  Unglück,  ich  verlor  den  Vater.  Eines  Abends  — 
ich  hatte  bereits  mein  zwanzigstes  Jahr  erreicht  —  überschritt 
ich  das  gewöhnliche  Ziel  meiner  Spaziergänge;  da  hörte  ich 
plötzlich  eine  Stimme,  so  zauberisch,  dafs  ihr  nichts  zu  ver- 
gleichen; die  Stimme  kam  von  einer  Jungfrau,  schön  wie  Got- 
tes Lächeln;  ich  entbrannte  in  Liebe  für  sie.  Aber  all  mein 
Werben,  all  mein  Bitten  um  Gegenliebe  war  umsonst,  sie  gab 
mir  nicht  einmal  eine  Hoffnung,  es  stets  nur  mit  dem  ver- 
hängnifsvollen :  Nimmer  beantwortend.  Sie  sah  meine  Ver- 
zweiflung, sie  sah,  wie  der  Schmerz  an  meinem  Leben  nagte; 
sie  zeigte  Mitleid;  aber  statt  Erhörung,  statt  Hoffnung  zu  ge- 
währen, hatte  sie  keine  andere  Antwort  für  mich  als:  Nimmer! 
—  Da  nahm  ich  meine  Zuflucht  zu  einer  Hexe,  die  in  einer 
nahen  Höhle  hauste,  sie  fragend,  was  mir  die  Gegenliebe  der  Un- 
erbittlichen erwerben  könne?  —  Nach  langem  Sinnen  antwor- 
tete die  Hexe:  Lorbeeren  (loiiros).'-''  —  Da  unterbiücht  die 
Douda  die  Erzählung  des  Trovadors  mit  der  Frage,  ob  er 
am  Eingange  jener  Höhle  nicht  Jemand  bemerkt  habe?  — 
„Jawohl",  antwortet  der  Trovador,  „ein  armes  Mädchen  von 
zehn  Jahren,  das  weinend  mir  zuhörte."  —  Dann  fährt  er  in 
seiner  Erzählung  fort:  ,,Ich  verliefs  nun  meine  Mutter,  um 
Kämpfe    und    Schlachten    aufzusuchen;    errang    Siege,    erwarb 


Macedo's  Nebulosa.  127 

Heldenruhm  und  Lorbeeren ,  die  legte  ich  der  Geliebten  zu  Füs- 
sen. —  Sie  aber  antwortet  wieder:  Nimmer.  —  Da  ging  ich 
nochmals  zur  Hexe,  warf  ihr  den  fruchtlosen  Rath  vor  und 
begehrte  ein  wirksameres  Mittel.  Nach  langem  Nachsinnen  sagt 
die  Hexe:  Gesänge  (cantos).'-'-  —  Und  wieder  unterbricht  die 
Douda  den  Trovador  mit  der  Frage,  ob  er  da  Niemand  bei 
der  Hexe  bemerkt  habe?  —  ,,Ja  wohl",  sagt  der  Trovador, 
,,ein  Mädchen  von  fünfzehn  Jahren,  die  stand  dabei  in  meinen 
Anblick  versunken."  —  „So  ist's!"  —  ruft  die  Douda.  — 
Dann  fährt  der  Trovador  fort:  ,,Nun  wurde  ich  Trovador, 
zum  Preis  der  Geliebten  ertönten  meine  Gesänge,  sie  entzück- 
ten Alle,  nur  nicht  sie,  die  hatte  auch  darauf  keine  andere 
Antwort,  als:  Nimmer!  —  Da  ging  ich  zum  drittenmal  zur 
Hexe;  sie  lebte  nicht  mehr."  —  ,,Doch",  ruft  nun  die  Douda, 
„hörtest  du  da  eine  Stimme,  die  sprach:  F{ur  dein  Leid  gibt 
es  keine  Hilfe;  an  dieser  Liebe  wirst  du  sterben;  aber  nocli 
Jemand  stirbt  mit  dir  zugleich.   —  Das  war  meine  Stimme." 

Der  Trovador  fleht  nun  die  Douda  an,  einen  Zaubertrank 
(p/riltro)  zu  bereiten,  der  ihm  das  Herz  der  Geliebten  ge- 
winne; seit  zehn  Jahren  habe  er  seine  Mutter  nicht  gesehen, 
er  wisse  nicht  einmal,  ob  sie  noch  lebe;  denn  diese  Liebe 
habe  ihn  alles  Andere  vergessen  gemacht,  Helden-  und  Sän- 
gerruhni,  sein  eigen  Leben  und  Seelenheil;  ja  er  fühle,  dafs 
sie  für  ihn  eine' Schmach  sei,  zum  Verbrechen  führe;  doch  sei 
er  zu  schwach,  sie  zu  besiegen.  „Höre  Weib",  ruft  er,  „Nie- 
mand nenne  dich  eine  Verrückte!  Du  bist  keine  Verrückte! 
—  Sei  für  mich  ein  Engel  oder  eine  Fee;  erfinde  einen  Zau- 
bertrank; befriedige  diese  Liebe,  und  aller  Reichthum,  den 
ich  besitze,  soll  dafür  dein  sein."  Umsonst  wendet  sie  ein, 
sie  sei  eine  Fee,  eine  Gebrandmarkte,  eine  von  Gott  Verwor- 
fene; er  beharrt  bei  seiner  Bitte.  Da  wirft  sie  vom  Schmerz 
überwältigt  sich  auf  die  Knie  und  ruft:  ,,Ieh  weiche  dem  Ge- 
schick. Wol  hat  die  Nebulosa  es  mir  verkündet,  sie  schrieb 
es  auf  die  Wellen,  sie,  die  nicht  lügt,  dafs  es  kein  Mittel  gebe 
für  dein  Leid,  das  Feen  bereiten  könnten.  Doch  will  ich 
einen  Versuch  machen,  den  aber  nichts  mir  lohnt,  nicht  alles 
Gold  der  Well;  was  er  mich  kostet,  kainist  du  nicht  ermes- 
sen; doch  ich  fühle  es,  und  Gott  weifs  es!  Ich  will  iiinge- 
hen  zu  dem  Weibe,  das  du  anbetest,  ich  will  mit  ihm  spre- 
chen; —  vermag  ich's,  es  zu  bewegen,  desto  besser  für  uns 
beide."   —    Als   der  Trovador  ihr  dankend   zu  Füfsen  fällt,   er- 


128  l''erd.  Wolf 

hebt  sie  ihn  und  sagt  trauernd  von  ihm  sich  verabschiedend : 
„Erniedrige  dich  nicht  also,  nicht  einmal  vor  Feen;  nur  vor 
Gott  beuge  ein  Mann  das  Knie.  Beim  Einbruch  der  Abend- 
dämmerung gehe  ich  nach  dem  Thale,  das  du  kennst;  ich 
werde  mit  ihr  sprechen.  Nun  mufs  ich  scheiden,  denn  der 
Mond  entflieht.  Lebe  wohl!  .  .  .  Lafs  mich  sie  hören,  die 
«Liebe  die  spricht»."  —  Und  unter  den  Harfentönen  des  Tro- 
vadors  besteigt  die  Douda  ihren  Kahn,  und  ihre  Ruderschläge 
werden  von  seinen  Gesängen  begleitet. 

Der  dritte  Gesang:  „Die  Fremde"  (A  Peregrina;  über- 
sehrieben, beschreibt  »den  Aufenthalt  dieser  Geliebten  des  Tro- 
vador  —  so  genannt,  weil  sie,  eine  Unbekannte,  plötzlich  in 
dieser  Gegend  erschienen  war,  allen  fremd  blieb  und  einsam 
lebte  (vwe  so  de  Iiarmonia  e  i^erfames)  —  ein  reizendes  Thal, 
von  schattigen  Hainen  umgeben,  ein  von  der  Natur  selbst  er- 
bauter Waldpavillon  (silvestre  2)avUhao) ,  in  dessen  Mitte  ein 
See.  Dort  langt  die  Douda  beim  Untergang  der  Sonne  an 
und  sieht  auf  einer  Rasenbank  am  See  die  Peregrina  ruhen, 
ein  so  engelschönes  Weib  von  solch  bezaubei'ndem  Liebreiz, 
dafs  die  Douda  trotz  des  Schmerzes  der  Eifersucht  ausruft: 
,, Wahrlich,  die  mufste  er  lieben!"  —  Bei  diesem  Rufe  erhebt 
sich  die  Feregina  und  fragt  verwundert  die  Douda,  wer  sie 
sei  und  was  sie  hier  am  See  suche?  —  Das  ruft  der  in  ihr 
Anschauen  versunkenen  Douda  die  Absicht  ihres  Hierherkom- 
mens ins  Bewufstsein,  und  ihres  Versprechens  sich  erinnernd 
ergreift  sie  wilde  Verzweiflung,  sie  flieht,  umkreist,  wie  eine 
Rasende,  den  See,  will  sich  hineinstürzen;  da  blickt  ihr  ihr 
Bild  daraus  entgegen,  sie  aber  glaubt  die  über  ihr  Zögern  er- 
zürnte Nebulosa  zu  sehen  und  untervsärft  sich  ihrem  Geschick. 
Doch  vermag  sie  nicht  unmittelbar  zur  Nebenbuhlerin  zu  spre- 
chen —  voll  Schmerz  und  Eifersucht  schweifen  ihre  Blicke 
umher;  da  haften  sie  auf  einer  kaum  entknospeten  Rose;  zu 
dieser  will  sie  sprechen,  in  der  Rose  Gestalt  erscheint  ihr  die 
Feregina,  sie  wird  sie  hören.  (A  rosa  nie  ouvird,  e  a  rosa  e 
ella.)  Zur  Rose  spricht  sie  nun  —  und  es  tönt  wie  ein  süfs- 
schmerzliches  Liebeslied  (in  vierzeiligen  Strophen)  — :  „Du 
warst  nicht  immer  eine  Rose;  du  warst  ein  Mädchen  und  wie 
jetzt  der  Blumen,  so  früher  der  Schönen  Königin;  aber  gegen 
Liebe  verhärtet,  erhörtest  nicht  den  Dichter,  nicht  den  Hel- 
den, nicht  den  Sänger;  für  all  sein  Liebeswerben,  für  Lorbeer 
und  Gesänge  hattest   du    keine  andre    Antwort,    als:    Nimmer; 


Macedo's  Nebulosa.  129 

da  rächte  ihn  die  Nebulosa,  du  wurdest  zur  Rose,  der  Ge- 
liebte zum  Zephyr,  der  spielt  nun  in  deinen  Blättern,  küfst 
dich,  du  bist  sein;  und  wenn  du  zu  verdorren  beginnst,  eilt 
er  zu  andern  Blumen;  wenn  dir  dann  ein  neues  Wunder  die 
Sprache  wieder  verleiht  und  du  um  Mitleid  ihn  anrufst,  wird 
er  fühllos,  wie  du  einst,  entfliehen  und  aus  den  Blüthen,  durch 
die  er  dahin  säuselt,  wärst  du  nur  dein :  Nimmer^  Nimmer  ver- 
nehmen I "  — • 

In  der  That  vernahm  die  Peregrina  diese  Rede  und  be- 
zog deren  Sinn  auf  sich;  doch  fragt  sie  wieder,  weshalb  die 
Douda  gekommen,  und  wer  sie  gesandt?  —  Da  antwortet  ihr 
diese  —  erst  furchtsam  und  zögernd,  dann  aber  den  Blick  zu 
ihr  erhebend  und  fest  ins  Auge  ihr  schauend  —  sie  sei  ge- 
kommen, um  für  einen  Leidenden  sich  zu  opfern,  sie  sei  ge- 
kommen auf  der  Nebulosa  Geheifs;  vor  der  Macht  dieser  All- 
gegenwärtigen möge  die  Peregrina  zittern.  Und  als  diese  die 
Verrückte  bedauert,  deren  Geisteszustand  in  ihren  Reden  sich 
ausspreche,  ruft  die  Douda :  „Nicht  mich  bedaure ;  ich  bin  ge- 
feit, meiner  warten  Freuden;  dich  bedaure,  die  du  Gottes  Ge- 
bot verletzest,  die  Nebulosa  zu  erzürnen  wagst;  bereue,  so- 
lange es  noch  Zeit  ist;  denn  eine  Verbrecherin  bist  du,  dein 
Herz  der  Liebe  verschliefsend  I"  —  Als  ihr  die  Peregrina  hier- 
auf entgegnet,  sie  sei  ganz  von  Liebe  durchdrungen,  aber  von 
einer  heiligen  zur  Natur,  zu  Gott,  zum  Göttlichen  im  Men- 
schen, frei  von  aller  Sinnlichkeit,  zur  Tugend;  ruft  ihr  die 
Douda  noch  drohender  zu:  auch  die  Dankbarkeit  sei  eine  Tu- 
gend, und  wer  ihr  Beweise  solch  aufopfernder  Liebe  gegeben, 
wie  der  Trovador,  habe  ein  Recht  auf  ihren  Dank.  ,, Fürchte 
die  Rache  der  Nebulosa,  fürchte  die  Verfolgungen  der  Sylphen, 
in  die  sich  die  falschen  Schwüre,  die  gebrochenen  Betheuer- 
ungen der  Liebe,  die  Lügen  flatterhafter  Weiber  verwandeln, 
die  werden  dich  überall  umschwärmen!"  —  Da  unterbricht 
die  Peregrina  diese  wirren  Reden:  —  ,, Fasle  nicht  w^eiter", 
antwortet  sie  ruhig  und  stolz,  ,,sag  ihm,  der  dich  gesandt,  dafs 
ich  bei  meinem  Nimmer  bleibe;  du  aber  hüte  dich  zu  lieben; 
Männerliebe  bringt  nur  Unglück;  die  Liebe  zu  Gott  allein  ist 
rein,  bcseeligend  und  ewig  dauernd."  —  Nach  diesen  Wor- 
ten entflieht  sie,  wie  ein   verscheuchtes  Reh. 

Wäln-end  die  Douda  noch  überlegt,  wie  sio  diese  Ant- 
wort dem  Trovador  beibringe,  tritt  dieser  aus  dem  Gebüsch 
hervor,   ihr  ziiindVad,   er  habe  Allct^    mit   aiigehTirt;   sein   Urtheil 


130  i''>^''i-  "^^'oi'' 

si'i  gesprochen ;  wolle  sie  iliii  noch  einmal  sehen ,  möge  sie 
um  Mitternacht  zum  schwarzen  Fels  kommen.  Damit  ver- 
schwindet auch  der  Trovador,  und  die  Douda  wiederholt  trau- 
rig: ,,Um  Mitternacht!" 

,, Unter  Gräber"  (^Nos  tumiilos)  führt  uns  der  vierte  Ge- 
sang. In  einem  abgelegenen,  einsamen  Winkel  jener  Gegend, 
von  finsteren  Urwäldern  und  düsteren  Gebirgen  umschlossen, 
erhebt  sich  ein  Berg,  der  alle  anderen  beherrscht.  Dort,  auf 
dessen  Gipfel  hatte  einst  ein  frommer  Mönch  eine  Einsiedelei 
erbaut;  der  Mönch  starb;  die  Einsiedelei  zerfiel  in  Ruinen; 
nur  der  Altar,  der  im  Vorhof  unter  Reihen  von  Gräbern  er- 
richtet war,  hatte  sich  erhalten,  und  die  Flamme  in  der  dort 
aufgehangenen  Lampe  erlosch  nie,  das  einzige  Licht  in  dieser 
Finsternifs.  Niemand  weifs,  wer  die  Flamme  nährt:  doch  geht 
die  Sage,  dafs  allnachts  ein  gespenstisch  Weib,  ganz  schwarz 
mit  schneeweifsem  Haar,  den  Berg  erklimme,  um  das  Licht 
in  der  Grablampe  zu  unterhalten. 

In  der  Nacht,  die  auf  den  Abend  folgte,  an  dem  die 
Douda  die  Peregrina  aufgesucht  hatte,  erscheint  mit  dem  auf- 
gehenden Mond  hier  unter  den  Gräbern  ein  Mann,  er  schrei- 
tet auf  den  Altar  zu,  kniet  nieder  und  betet;  es  ist  der  Tro- 
vador. Dann  erhebt  er  sich  und  sucht  unter  den  Gräbern 
eines  auf;  es  ist  das  seines  Vaters.  An  dessen  Leichenstein 
wirft  er  sich  nieder;  dessen  Geist  ruft  er  an;  klagt  ihm  sein 
Leid  und  nimmt  Abschied  von  dessen  irdischen  Resten;  denn 
noch  diese  Nacht,  wenn  der  Mond  untergehe^  wolle  er  selbst 
seinem  Leben  ein  Ende  machen,  das,  wenn  er  auch  dadurch 
ein  Verbrechen  begehe,  er  nicht  länger  ertragen  könne.  Da 
gedenkt  er  auch  seiner  Mutter;  von  tiefstem  Schmerz  ergrif- 
fen, mit  dem  Ausruf:  ,,Ach!  meine  Mutter!"  stürzt  er  fort 
und  int,  wie  wahnsinnig,  unter  deji  Gräbern  umher.  Aber 
plötzlich  hört  man  Stimmen  vom  Eingang  der  Einsiedelei  her; 
eine  sagt  in  befehlendem,  aber  überaus  sanftem  Tone:  ,,Ich 
will  hier  allein  eintreten;  allein  will  ich  beten;  erwartet  mich 
hier  am  Eingang."  —  Als  der  Trovador,  nach  langem  Um- 
herirren, dem  schmerzlich -süfsen  Andenken  an  seine  Mutter 
sich  ganz  überlassend,  wieder  den  Blick  auf  den  Altar  richtet, 
sieht  er  am  Fufse  des  Kreuzes  eine  Frauengestalt  inbrünstig 
betend;  nun  richtet  sie  sich  auf,  drückt  die  Hände  ans  Herz 
und  schmerzlich  ruft  sie:  ,,Ach!  meine  Mutter!"  Der  Tro- 
vador stürzt   auf  sie   zu,    der    klagenden    Tochter    will    er  bei- 


Macedo's  Nebulosa.  131 

stehen ;  er  ergreift  ihre  Hände,  führt  sie  fast  mit  Gewalt  zum 
Licht  der  Lampe,  nun  sieht  er  ihr  ins  Antlitz,  er  stufst  einen 
Schrei  aus ;  —  es  ist  die  Peregrina.   — 

Einen  Augenblick  ist  sie  wie  von  Schreck  betäubt;  doch 
bald  ist  sie  wieder  gefafst  und  blickt  zum  Kreuz  auf,  dessen 
Schutz  sich  empfehlend.  Auch  der  Trovador  findet  vor  dem 
Sturm  der  Gefühle,  der  ihn  durchwogt,  kaum  Worte;  endlich 
spricht  er  mit  dem  Tone  des  zärtlichsten  Vorwurfes:  ,,Sieh 
nur  auf  zu  dem  heiligen  Kreuze !  Weib ,  das  mir  die  Sinne 
raubt,  siehst  du  nicht  ein,  dafs  die  Schranke,  die  du  zwischen 
uns  gezogen ,  nur  eine  Eingebung  der  Hölle  sein  kann  ? 
Siehst  du  nicht,  dafs  die.  Hand  Gottes  selbst  uns  zusammen- 
führt? Siehst  du  nicht,  dafs  wir  nun  zusammen  vor  Gottes 
Altar  stehen?" 

Die  Peregrina  entgegnet,  nur  die  Absicht,  am  Todestage 
ihrer  Mutter  an  deren  Grabe  zu  beten,  habe  sie  hierher  gts- 
bracht.  Und  als  der  Trovador  mit  Bitten  und  Beschwören 
immer  mehr  in  sie  dringt,  diesen  Altar  der  Liebe  zu  weihen, 
ihn  zu  erhören,  hat  sie  wieder  keine  andere  Antwort  für  ihn, 
als  jenes  schreckliche :  Nimmer.  Doch  läfst  sie  sich  endlich 
vom  Mitleid  bewegen,  ihm  zu  erklären,  warum  sie  durch  Ver- 
nunftgründe und  Eide  gezwungen  sei,  bei  diesem  Nimmer  zu 
verharren.  Er  solle  der  erste  das  Geheimnifs  ihrer  Existenz 
erfahren  und  in  ihrer  Geschichte  die  Ursache  vernehmen,  wa- 
rum sie  jede  Männerliebe  verschmähen  müsse. 

Ihre  Mutter  ward  das  Opfer  der  Verführung;  sie  und 
eine  Zwillingsschwester  waren  deren  Folge.  Aus  Kränkung 
über  diese  Schande  starb  ihrer  Mutter  Vater;  in  seiner  Sterbe- 
stunde Stiels  er  über  die  unglückliche  Tochter  den  Fluch  aus: 
auch  sie  solle  der  Schmerz  tödten,  der  ihm  das  Leben  ge- 
raubt, der  Töchter  Schmach  sei  der  Mutter  Tod.  Ihre  Schande 
zu  verbergen,  den  Fluch  von  ihren  Töchtern  abzuwenden,  zog 
die  Unglückliche  in  die  tiefste  Einsamkeit  sich  zurück.  Dort 
wuchs(;n  die  Schwestern  fern  vou  jedem  Umgang  mit  Männern 
auf;  trotzdem  verbreitete  sich  der  Kuf  ihrer  Schönheit.  Da- 
von angelockt  kommt  ein  vornehmer  Jüngling  in  jene  Gegend. 
Erst  gibt  er  prächtige  Feste,  die  sie  meiden;  dann  zieht  er 
sich  zurück,  um  als  Landniann  verkleidet  wiederzukehren.  So 
gelingt  ('S  ihm,  in  das  arglose  Herz  von  Percgriiia's  Schwester 
sich  ein/usclileichen;  auch  sie  fällt  ein  Opfer  der  Verführung 
und   wird    von    dem    Tri.uU).sL'n    verlassen .    der    sich    mit    einer 


132  Ferd.  Wolf 

Ebenbürtigen  vermählt.  Peregrina's  Schwester  wird  darüber 
wahnsinnig;  doch  endet  ein  baldiger  Tod  ihre  Leiden.  Als 
ihr  in  der  Sterbestunde  das  Bewufstsein  wiederkehrt,  beschwört 
sie  die  Schwester,  nie  dem  Liebeswerben  eines  Mannes  Gehör 
zu  geben.  Aber  auch  an  der  Mutter  geht  ihres  Vaters  Fluch 
in  Erfüllung;  denn  auch  sie  tödtet  bald  der  Schmerz  über  der 
Tochter  Schande  und  Unglück.  Dem  Tode  nahe,  läfst  sie  die 
Peregrina  einen  heiligen  Eid  schwören,  jeden  Liebesantrag  ab- 
zuweisen, nie  einem  Manne  auch  nur  die  Hoffnung  auf  Er- 
hörung zu  geben.  Die  Peregrina  schwört  dies,  und  mit  dem 
Zurufe:  Nimmer  stirbt  die  Mutter.  Nach  der  Mutter  Tod  ver- 
läfst  die  Peregrina  jene  Gegend,  wo  so  viel  Leid  sie  getrof- 
fen, und  zieht  in  diese  noch  einsamere,  um  treu  ihrem  Schwur 
zu  leben.  Diesem  gemafs  habe  sie  auch  das  Liebeswerben 
des  Trovador  stets  mit  jener  verhängnifsvollen  Antwort  ab- 
weisen müssen  und  er  könne  auch  fürder  auf  keine  günstigere 
hoffen ;  ja  sie  dürfe  solche  Hoffnung  ihm  nimmer  gewähren. 
Umsonst  sind  alle  Gegenvorstellungen  des  Trovador,  umsonst 
seine  Betheuerungen  der  reinsten,  treusten  Liebe;  sie  beharrt 
nur  der  Liebe  zu  Gott  und  zum  Göttlichen  in  der  Natur  in 
ihrem  Herzen  Platz  geben  zu  dürfen,  und  auch  darin  sich  ganz 
glücklich  zu  fühlen.  Da  ruft  der  Trovador  in  Verzweiflung, 
wenn  sie  sein  Engel  nicht  sein  wolle,  werde  sie  sein  Henker 
sein;  ihre  Hartherzigkeit  werde  ihn  zum  Selbstmörder  machen. 
Er  sage  ihr  denn  Lebewohl;  sie  möge  ihm  nur  noch  die  Bitte 
gewähren,  seine  Mutter  zu  trösten,  mit  ihr  ihn  zu  beweinen. 
Als  aber  die  Peregrina  ihm  sein  verbrecherisches  Beginnen, 
seine  für  einen  Christen  unziemliche  Schwäche  dagegen  vor- 
hält, bricht  er  wieder  in  Liebesrasereien  aus,  denen  sich  die 
Peregrina  durch  die  Flucht  entzieht.  Der  Trovador  stürzt  ihr 
nach  in  blinder  Raserei,  fällt  über  einen  Grabstein  und  bricht 
blutend  und  betäubt  zusammen. 

Von  der  Nachtluft  und  dem  Thau  endlich  aus  seiner  Be- 
täubung erweckt,  findet  sich  der  Trovador  allein  unter  Grä- 
bern und  Staub;  nur  der  Lampe  Flamme  leuchtet  schwach 
durch  die  Finsternils.  Alles  mahnt  an  den  Tod ;  sein  eigenes 
Herz  ist  nur  zu  willig,  dieser  Mahnung  zu  folgen;  so  sich 
diesen  Bildern,  diesem  Vorsatze  ganz  hingebend,  versinkt  er 
in  ein  finsteres  Brüten.  Da  hört  er  abermals  Tritte  in  der 
Capelle;  die  Flamme  in  der  Lampe  flackert  heller  auf;  er 
sieht   eine  Frauengestalt,  ganz  so,  wie    die    Sage  die  Nährerin 


Maoedo's  Nebulosa.  133 

der  Lampe  schildert.  Unwiderstehlich  treibt  es  den  Trovador 
zu  der  Gestalt  hin;  auch  diese  bleibt  stehen,  ihn  erwartend; 
ein  Schritt  nur  mehr  trennt  sie ,  die  Lampe  erleuchtet  ihre 
Züge;  sie  haben  sich  erkannt.  —  „Mein  Sohn!"  —  „Meine 
Mutter!"'  —  rufen  sie  und  stürzen  sich  schluchzend  in  die 
Arme.  —  Aber  welch  ein  Wiedersehn  nach  zehnjähriger  Tren- 
nung, an  solchem  Orte,  durch  solche  Veranlassung  und  mit 
solcher  Aussicht  auf  die  nächste  Zukunft;  auf  eine  noch  län- 
gere, noch  schrecklichere  Trennung  nach  wenigen  Stunden. 
Denn  nur  kurz  dauert  der  Mutter  Freude,  die  Stimme  des 
Sohnes  wieder  zu  hören ;  sie  kündet  ihr  nur  seine  Verzweif- 
lung, seinen  Entschlufs  ein  Leben  zu  enden,  das  unerträglich 
geworden.  Vergebens  ist  die  so  allmächtige  Beredsamkeit  der 
Mutterliebe;  vergebens  ihre  zärtlichen  Vorwürfe,  ihre  erschüt- 
ternde Verzweiflung;  der  vom  Liebeswahnsinn  Ergriffene  kün- 
det ihr  als  unAviderruflich  an:  wenn  der  jetzt  noch  glänzende 
Mond  dort  hinter  jenen  dunklen  Bergen  sich  in  das  Meer  ver- 
senken werde,  werde  auch  er  vom  schwarzen  Fels  in  den 
schäumenden  Meeresschlünd  sich  stürzen.  —  Da  verhüllen  dunkle 
Wolken  den  Mond;  die  Lampe  verlöscht;  es  ist  vollkommene 
Finsternifs;  angstvoll  suchen  die  Arme  der  Mutter  den  Sohn 
zu  umfassen;  —  der  Rasende  ist  entflohen;  —  auf  den  Wehe- 
ruf der  Mutter  antwortet  nur  das  Echo;  —  mit  der  letzten 
Kraft  der  Verzweiflung  stürzt  sie  fort,  in  der  Finsternifs  ihn 
suchend,  einer  finsteren  Zukunft  entgegen. 

Der  fünfte  Gesang  trägt  die  Ueberschrift :  „Die  Mutter" 
(^A  Mai);  denn  er  schildert  das  Aufbieten  aller  Mittel,  aller 
Macht  der  Mutterliebe,  den  Sohn  zu  retten.  Durch  Nacht  und 
Finsternifs  war  sie  zur  Wohnung  der  Peregrina  geeilt,  in  der 
letzten  Hoffnung,  dafs  einer  Mutter  Schmerz,  einer  Mutter  Ver- 
zweiflung das  Herz  eines  Weibes,  einer  Tochter  doch  endlich 
rühren,  zum  Erbarmen  bewegen  werde.  Die  Peregrina  hatte 
in  dieser  Nacht  wiederholt  so  erschütternde ,  ahnungsvolle 
Träume  gehabt,  in  welchen  in  grausigen  Bildern  die  Rache 
der  Nebulosa,  die  Verzweiflung  der  Mutter  des  Trovador  ihr 
erschienen ,  dass  sie  immer  angsterfüllter  davon  erwachte.  Da 
pocht  es  an  ihrer  Thüre  und  eintritt  diese  unglückliche  Mutter, 
wie  sie  ihr  im  Traumbild  erschienen ,  sie  bald  mit  den  rüh- 
rendsten Bitten  anflehend,  bald  mit  den  schauerlichsten  Ver- 
wünschungen beschwörend,  den  Sohn  zu  retten,  mit  ihr. un- 
gesäumt  zum  schwarzen   Fels    zu   eilen,    bevor  der  Mond   sich 


134  ^'*'i<^-  "^^'"'f 

ins  Meer  senke  und  mit  ihm  zugleich  der  Trovador  in  den 
Fluthen  sich  begrabe,  wie  im  Traume  ihr  zurufend:  „rette 
ihnl"  —  Tief  erschüttert  wirft  sieh  die  Peregrina  vor  dem 
Bilde  der  Madonna  nieder,  eine  Weisung  des  Himmels  zu  er- 
flehen; wie  sie  das  Auge  erhebt,  sieht  sie  den  Mond  mit  sei- 
nem milden  Glanz  das  Bild  der  Madonna  überstrahlen,  das 
sie  anblickt,  wie  zur  Barmherzigkeit  auffordernd.  —  ^J'^ 
das  ist  Gottes  Befehl;  ich  will  deinen  Sohn  retten,  eilen  wir!" 
—  ruft  sie  endlich  der  vor  Angst  vergehenden  Mutter  zu. 

Und  in  die  Wette  eilen  die  Beiden ,  eilen  mit  dem  Auf- 
bieten aller  Kräfte,  welche  die  Liebe  verleiht;  eilen  schwei- 
gend, nur  schluchzend  und  angstvoll  von  Zeit  zu  Zeit  zum 
Monde  aufblickend,  als  könnte  ihr  flehender  Blick  ihn  bewe- 
gen, seinen  Lauf  zu  verzögern;  —  aber  der  Mond  wandelt 
in  ruhiger  Heitere  seine  Bahn ;  —  und  doch  eilt  er  schneller 
als  sie;  —  als  sie  am  schwarzen  Fels  anlangen,  ist  er  unter- 
gegangen! — 

Wie  auch  der  Trovador  untergegangen ,  wie  sein  Herz 
und  seine  Harfe  gebrochen,  beschreibt  der  sechste  und  letzte 
Gesang:   „Gebrochene  Harfe"  (Harpa  quebrada)  überschrieben. 

Um  Mitternacht  ist  der  Trovador  zum  schwarzen  Fels 
zurückgekehrt;  er  geht  hinauf  wie  ein  Sieger  zum  Triumph; 
die  Harfe  an  seiner  Seite.  Oben  angelangt  ergiefst  er  noch 
einmal  sein  Herz  in  einem  langen  Monolog;  erst  sinnend  über 
den  Tod,  Hoffnung,  Liebe  und  Leidenschaft;  dann  der  Mut- 
ter, der  Geliebten  gedenkend;  da  ergreifen  ihn  wilder  und 
immer  wilder  die  peinigenden  Gefühle  beleidigten  Stolzes  und 
verschmähter  Liebe,  bis  er  ausbricht  in  grause  Verwünschungen 
gegen  die  undankbare  Hartherzige.  Aber  ein  Blick  auf  seine 
Harfe  mildert  seine  Wuth;  von  dieser  stets  theilnehmenden 
Freundin  nimmt  er  Abschied,  mit  ihr  singt  er  seinen  Schwa- 
nengesang (Hymno  de  Morte,  in  sechszeiligen  gereimten  Stro- 
phen mit  Refrain;  nach  jeder  der  fünf  Strophen  springt  eine 
der  fünf  Saiten  der  Harfe).  Diese  süfse  Gefährtin,  dieses 
Echo  seiner  Seele  soll  aber  keine  andere  Hand,  keine  andere 
Stimme  entweihen,  mit  ihm,  von  seiner  Hand  soll  auch  sie 
sterben.  Und  mit  dem  Rufe:  ,,lebe  wohl  meine  Harfe!" 
schwingt  er  sie  dreimal  über  seinem  Haupt  und  schleudert  sie 
dann  gegen  den  Fels,  dafs  sie  in  Stücke  zerschellt.  Wie  ein 
Vater  die  Gebeine  seines  Kindes,  sammelt  er  sie  auf,  die 
Stücke  der  gebrochenen  Harfe,  küfst  sie,  drückt  sie  ans  Herz; 


Macedo's  Nebulosa.  13ö 

—  bis  sie  seinen  ermattenden  Händen  entgleiten.  —  ,,Ein  Dich- 
ter ohne  Harfe  ist  eine  Seele  ohne  Idee",  ruft  der  Trovador  mit 
schmerzerstickter  Stimme,  —  „gebrochene  Harfe,  Herz  ohne 
Leben;    Alles   habe   ich    denn    überlebt,    nun    zum    Tode!"^) 

Doch  läfst  er  sich  noch  einmal  auf  dem  Fels  nieder  — 
der  Mond  ist  ja  noch  nicht  untergegangen  —  schweigend,  in 
sich  versinkend,  zum  letztenmal  Gedanken  an  das  Leben  sich 
überlassend.   — 

Da  zeigt  sich,  über  die  mondbeleuchteten  Wellen  dahin- 
gleitend ein  Kahn;  er  nähert  sich  dem  schwarzen  Fels;  eine 
Frauengestalt  entsteigt  ihm,  in  blendend  weifse  Gewänder  ge- 
hüllt, weifs,  wie  der  Brautschleier,  weifs,  wie  das  Leichen- 
tuch. Sie  erklimmt  den  Fels,  schreitet  auf  den  Trovador  zu ; 
bleibt  aber  vor  ihm  stehen,  ihn  schweigend  mit  Blicken  voll 
Leidenschaft  betrachtend.  Aber  der  Trovador  sieht  sie  nicht; 
sein  Schmerz  macht  ihn  blind  gegen  den,  welchen  er  Anderen 
verursacht,  der  Undank,  womit  seine  aufopfernde  Liebe  abge- 
wiesen wurde,  erfüllt  ihn  so  ganz ,  dafs  er  nicht  ahnt ,  eine 
gleiche  Schuld  begangen  zu  haben.  2)     Eben  als  jene  in  seinen 


*)  „Vate  sem  harpa  e  alma  sem  idea; 

„Harpa  quebrada  cora^äo  sem  vida, 
„Tudo  pois  consummei,  agora  a  morte. 
^)  Der  Dichter  apostrophirt  hier  den  Trovador,  den  Egoismus 
seiner  Liebe  und  die  Blindheit  seiner  Leidenschaft  ihm  vorhaltend ; 
diese  Stelle  scheint  uns  für  die  Beurtheilung  des  Gedichtes,  für  die 
Würdigung  seiner  Tendenz  so.  wichtig,  dafs  wir  sie  im  Original  her- 
setzen wollen: 

E  tu,  6  Trovador,  tu,  que  em  delirio, 

Do  desespero  escravo,  a  morte  evocas, 

E  nas  garras  do  crime  a  vida  afogas ; 

Tn,  qu'impio  oiisaste  contre  a  negra  rocha 

Em  pedacjos  fazcr  a  harpa  do  genio ; 

Tu,  que  no  mundo  a  mäi  täo  carinhosa 

A  SOS  deixaste  em  horridas  torturas ; 

Tu,  quo  a  patria  esqueceste ,   honra  e  virtude, 

E  o  proprio  Deos  no  suicidio  ultrajas; 

E  tudo  e  tanto  porque  cego  aos  raios 

De  belleza  cruel,  em  paixäo  louca , 

Da  ingratidäo  o  fei  tragaste  horrivel; 

Trovador,  Trovador,  tu  que  experimentas 

Quanto  e  fero  esse  amar  sem  ser  amado  , 

Que  dirias  se  inesperada  visses 

Aos  olhos  teus,  quäl  tu,  votada  a  morte 

De  teu  rigor  w«  estremosu  luctimaf  .  .  . 


j;>(;  Ferd.  Wolf 

Anblick  versenkt  vor  ihm  sieht,  hatte  seine  Phantasie  ihm 
noch  einmal  ausgemalt,  wie  glücklich  er  wäre,  wenn  die  Ge- 
liebte sich  seiner  doch  noch  erbarmte,  jetzt  vor  ihn  hinträte, 
Erhürung  und  Gegenliebe  verkündend.  Da  blickt  er  phitzlich 
auf,  sieht  die  weifse  Frauengestalt  vor  sich,  wähnt  sein  Plian- 
tasiebihl  verwirklicht,  wähnt  die  Geliebte  zu  schauen,  springt 
auf  und  ruft:  „Bist  du  es?"  —  Aber  sie  war  es  nicht;  es 
war  die  Douda,  die  bräutlich  geschmückt  vor  ihm  stand,  ihm 
die  Hand  reichte  und  sprach:  ,,  Siehst  du  nun  wol ,  dafs  ich 
mein  Wort  hielt;  es  ist  Mitternacht.  Hattest  du  mich  erwar- 
tet?" —  Sie  sei  gekommen,  um,  wie  versprochen,  mit  ihm 
zu  sterben.  Sie  sei  der  Stimme  ihres  Herzens ,  dem  Gebote 
der  Nebulosa,  dem  Rufe  der  ganzen  Natur  gefolgt,  denn  vom 
Himmel,  aus  dem  Meere,  aus  dem  Walde  habe  sie  es  ver- 
nommen, das  Wort  der  Erlösung:  „Stirb!"'  Die  Stunde  ihres 
Triumphes  sei  gekommen;  schon  ist  der  Mond  seinem  Unter- 
gang nahe,  bald  wird  der  Sturm  losbrechen;  die  Donner  rol- 
len, die  Blitze  leuchten,  dann  werden  sie  zusammen  in  das 
Reich  der  Nebulosa  eingehen.  Doch  möchte  sie  vor  ihrem 
Tode  noch  einmal  sich  ausweinen;  er  möge  sie  die  süfsen 
Töne  der  Harfe,  der  „Liebe  die  spricht"  hören  lassen.  Trau- 
rig zeigt  ihr  der  Trovador  die  Trümmer  der  Harfe.  Sie 
bricht  in  Klagen  und  Vorwürfe  aus ;  sagt  dafs  sie  und  die 
Harfe  Schwestern  seien,  die  gleiches  Geschick  gehabt,  beide 
durch  dieselbe  Hand  getödtet  zu  w^erden;  ,,Nur  in  Einem  unter- 
scheidet sich  unser  Geschick;  du",  spricht  sie  zur  Harfe, 
,, warst  eine  Liebe  voll  herrlicher  Gesänge;  ich  bin  eine  Liebe 
voll  verschmähter  Thränen;  wir  beide  Harfen  der  Liebe;  ich 
nur  eine  viel  traurigere  1 "  ^)  —  Doch  am  Meeresgrund,  im 
Goldpalast  der  Nebulosa,  bei  den  unsterblichen  Feen  wolle  sie 
auch  die  Harfe  wiederfinden,  mit  ihr  sich  ihres  gemeinschaft- 
lichen Henkers  erinnern  ( Do  nosso  fero  algoz  nos  lembrare- 
mos);  dahin  mögen  der  Harfen  Reste  die  Wellen  tragen,  die 
wiederkehren,  um  auch  sie  bald  dahinzubringen.  Mit  diesen 
Worten  wirft  sie  die  Harfenstücke  ins  Meer. 

Da  erkennt   der   Trovador    mit    Schreck    und   Reue,    dafs 


„  N'uin  ponto   so  nos  distinguira  a  sorte : 
Tu  foste  amor  de  espreciados  oantos , 
E  eu  sou  amor  de  lagriiuas  perdidas, 
Aiubas  harpas  de  amoi-,  eu  so  mais  triste." 


Macedu's  Nebulosa.  137 

Liebe  zu  ihm,  von  ihm  nicht  erwidert,  nicht  einmal  beachtet, 
auch  ihr  Herz  gebrochen,  dafs  auch  sie  der  Schmerz  darüber 
dem  Tode  zuführe ,  dafs  er  gegen  die  Aermste  dieselbe  Schuld 
trage,  deren  er  die  Peregrina  anklage.  Und  sie,  die  bis  jetzt 
diesen  Schmerz  schweigend  ertragen,  ihre  Liebe  ihm  nur  in 
unbeachteter  Aufopferung  bethätigt,  nie  aber  in  Worten  aus- 
gesprochen hatte,  nun  kündet  sie  ihm :  —  „  Wisse  denn,  da 
nichts  mehr  mir  Schweigen  auferlegt,  der  Zauber  der  Feen 
ist  grofs,  aber  gegen  die  Liebe ,  die  ein  Ausflufs  Gottes,  der 
das  Weltall  beseelt,  vermögen  sie  nichts;  ihrer  Macht  müssen 
auch  sie  huldigen;  auch  sie  lieben,  und  wenn  sie  lieben,  lie- 
ben sie  ewig;  für  sie  ist  die  Liebe  ein  Feuer,  das  sie  ver- 
zehrt, ihnen  bringt  sie  stets  Unglück  und  Tod.  O  Trovador! 
verstehst  du  mich  noch  nicht?  Ich  bin  eine  Fee  und  im  Be- 
griff zu  sterben.  Warum?  —  Weifst  du  es  nicht?  —  Blinder, 
wie  hast  du  mich  beachtet!  jetzt  wenigstens  öffne  die  Augen, 
betrachte  die  Sterbende !  Als  Kind  schon  habe  ich  dich  geliebt, 
ohne  es  selbst  zu  wissen;  als  Mädchen  habe  ich  von  dir  ge- 
träumt; du  aber,  der  Sklave  einer  anderen  Liebe,  hast  mir 
nur  kalte  Gleichgiltigkeit  gezeigt.  Und  ich  liebte  dich  nur 
noch  mehr,  folgte  dir  überall  hin,  berauschte  mich  in  deinen 
süfsen  Gesängen;  wurde  die  Vertraute  deiner  Liebe,  die  mich 
zur  Märtyrerin  machte ;  mit  meinen  eigenen  Händen  hätte  ich 
deine  Geliebte  dir  in  die  Arme  geführt,  hätte  ich  es  vermocht. 
Ich  habe  nichts  von  dir  verlangt,  als  ein  Lächeln  des  Danks, 
wenn  auch  für  mich  voll  Trauer.  Ich  liebte,  iceinte  und 
reichte  mich  zum  Opfer;  und  du,  o  Trovador,  hast  nicht«  ge- 
sehen I  Und  noch  immer  liebe  ich  dich,  wie  die  Luft  die 
Blume  liebt,  die  Vögel  die  Morgenröthe ,  die  Sonnenblume  die 
Sonne,  die  Engel  den  Himmel !  Deine  Stimme  hat  ein  Echo 
in  meinem  Busen,  im  Feuer  deiner  Augen  verbrennen  die 
meinen.  Ich  liebte  dich,  o  sehr!  wie  Niemand  liebt.  Ich  gab 
dir  meine  Seele,  ich  würde  dir  meinen  Körper  geben,  so  mich 
schrecklicher  Entzauberung  aussetzend.  Die  Nebulosa  und 
meine  Mutter  wissen  es,  die  eine  im  Meeresgrunde  hört  meine 
Stimme;  die  andere  hört  mich  dort  oben  über  den  Wolken. 
Ich  liebte  dich  sehr!  ich  liebe  dich  noch,   o  sehr!"   — 

Da  erkennt  der  Trovador  zu  spät,  was  er  verloren,  was 
blinde  Leidenschaft  ihm  geraubt;  zu  spät,  denn  sein  Herz  sei 
vertrocknet,  eine  dürre  Wüste,  die  selbst  des  Hinunels  Thau 
nicht   mehr    labt.     Aber   sie    möge   leben    und   ihn   vergessen. 

Jahrb.  f.  roiii.  u.  engl.  Lit.    IV.    2.  1() 


138  Fcnl.  Wolf 

Doch  sie  ruft  in  licichster  Exlase,  während  die  Donner  des 
Gewitters  Ausbruch  künden  und  der  Mond  untergeht,  mit  ihm 
wolle  sie  sterben;  sie  sei  seine  Braut;  er  möge  sie  schauen 
in  ihrer  ganzen  Schöne;  im  Reiche  der  Nebulosa  sei  ihnen 
schon  das  Brautbett  bereitet:  „Auf  denn!  zum  Triumph,  zur 
Liebe,  zum  Glück,  zur  ewigen  Freude!"  'Ao  triiimpho!  au 
amor!  ä  vital  ä  gloria!^   — 

Arm  in  Arm,  sich  zärtlich  umschlingend,  in  einem  Kufse 
die  Seelen  verhauchend,  stürzen  sich  der  Trovador  und  die 
Douda  ins  Meer. 

Da  bricht  das  Umvetter  los.  —  Die  Natur  ist  in  Auf- 
ruhr. —  Eine  schreckliche  Wolke  [horrenda  nuvem  umhüllt 
den  schwarzen  Fels.  —  Ringsum  Finsternifs,  —  Schreck,  — 
Sturm  und  Tod  f  Tuch  e  trevas  .  .  .  horror  .  .  .  borras-ca  e 
morte) . 

Der  Epilog  schildert  den  Morgen  nach  dieser  Nacht  des 
Schreckens.  Das  Ungewitter  hat  ausgetobt,  das  Meer  ist 
ruhig,  der  Himmel  klar,  die  Natur  beim  anbrechenden  Morgen- 
rotti  friede-  und  freudeathmend  zu  neuem  Leben  erweckt.  — 
Nur  zwei  LTnglückliche  erscheinen  da,  im  grellen  Gegensatz  zu 
diesem  Bilde  des  Friedens  und  der  Freude,  angsterschöpft,  in 
wilder  Verzweiflung  am  schwarzen  Fels  —  die  Mutter  und 
die  Geliebte  des  Trovador.  Zu  spät;  —  der  Wehruf  der  er- 
stem nach  dem  Sohne  verhallt  umsonst;  nur  das  Schluchzen 
der  andern  antwortet  ihr,  diese  hat  am  Ufer  die  vom  Meer 
ausgeworfenen  Trümmer  der  Harfe  gefunden  und  sie  küssend 
ist  sie  darauf  hingesunken;  da  ruft  ihr  die  Mutter,  in  der 
Wuth  der  Verzweiflung,  den  Fluch  zu:  ,,  Undankbare !  sei 
verdammt!"  —  Dann  aber  sinkt  auch  sie  hin  auf  den  ver- 
hängnifsvollen  Fels,  vom  Schmerz  getödtet. 

Wir  haben  oben  gesagt,  dafs  wir  dieses  Gedicht  als 
ein  eigentlich  der  descriptiven  Lyrik  angehöriges  ansehen, 
und  wir  glauben,  daCs  man  es  nur  unter  diesem  Gesichts- 
punkt richtig  würdigen  und  den  grofsen  Erfolg,  den  es 
gehabt^),  gerechtfertigt  finden  werde.  Denn  die  vor- 
stehende Analyse  geniigt  wol,  um  ersichtlich  zu  machen, 
dafs  weder  die  Fabel  im  Geiste  der  Epik  concipirt  wurde, 
noch  Behandlung  und  Ton  dieser  entsprechen.  Die  Fabel 


1)  Siehe  /.  Fr.   da  Silca,  Diccionario ,  Tom.  IV,  ji.   127. 


Maoedo's  Neb\ilosa.  139 

ist  so  einfach,  auf  nvir  vier  Personen  in  wenig  veränder- 
ter Situation  beschränkt,  dafs  sie  fast  nur  fiir  eine  Bal- 
lade oder  Novelle  ausreicht;  die  Behandlung  nährt  sich 
eher  der  dramatischen  Form;  denn  das  Gedicht  besteht 
fast  nur  aus  Monologen  und  Dialogen,  in  welche  meist 
auch  die  erzählenden  Partien  eingeschaltet  sind,  und  nur 
die  Beschreibungen  der  Scenerie  und  die  Reflexion  des 
Dichters  nehmen  manchmal  dazwischen  einen  gröfseren 
Platz  ein^);  der  Ton  aber  ist  ein  durchaus  lyrischer;  die 
Charaktere  sind  ebenfalls  ganz  lyrisch  aufgefafst;  sie 
stehen  fertig  vor  uns  ohne  alle  Entwicklung,  sie  sind 
eigentlich  mehr  nur  Repräsentanten  eines  gegebenen  See- 
lenzustandes,  eines  domiuireuden  Gefühls,  so  zwar,  dal's 
sie  sich  fast  der  Piosopopöe  nähern;  so  erscheint  die 
verschmähte  Liehe ^  wie  sie  egoistisch  -  leidenschaftlich, 
durch  beleidigten  Stolz  noch  gereizter  im  Manne  sich 
ausspricht,  im  Trovador  verkörpert;  in  der  Douda  hin- 
ofCffen  zeip't  sich  dasselbe  Gefühl  in  seinen  Wirkungen 
auf  ein  acht  loeibliches  Herz,  in  aufopfernder,  bis  zum 
Liebeswahnsinn  sich  steigernder  Hingebung  und  Resigna- 
tion; ja  wir  halten  die  Darstellung  dieses  Gegensatzes^ 
dieser  contrastirenden  Wirkung  desselben  Gefühls  auf  die 
beiden  Geschlechter  für  die  Haupttendenz  und  den  gröfs- 
ten  Vorzug  des  Gedichtes,  wie  denn  der  Dichter  selbst 
diese  Tendenz  in  seiner  oben  angeführten  Apostrophe  an 
den  Trovador   ausdrücklich  betont  hat.'^)     Darum  hätten 


•)  Man  sieht,  wie  es  auch  hier  den  Dichter  zu  dieser  seinem  dra- 
matischen Talente  besonders  zusagenden  Form  hindrängte;  ja  mit  den 
nöthigen  Kürzungen  und  einigen  anderen,  wenig  bedeutenden  Aender- 
ungen  liefse  sicli  dieses  Gedicht  iu  eine  treffliche  lyrische  Oper  umge- 
stalten, in  ein  interessantes  Gegenstück  zur  „Norma". 

^  So  hat  der  „Redner"  des  historisch -geographischen  Instituts 
(Revista,  Tonio  XX.  Supplem. ,  p.  54 — 56.)  bei  Erwähnung  der  im 
Jahre  1857  vorliegenden  poetischen  Erscheinungen  die  „Ncbulosa"  al- 
lerdings in  einem  so  panegyrischen  Tone  gelobt,  dals  man  viel  davon 
auf  Rechnung  der  üblichen  Ueberschwenglichkeit  eines  akademischen 
Eloge  setzen  mufs;  aber  den  Charakter  des  Gedichcs  hat  er  treffend 
bezeichnet,  indem  er  sagt: 

,,A  Nebulosa  e  nma  visäo  em  scis  cantos ,  o  poetna  do  amor ,  da 
belleza,  e  do  ideal;  e  unia  inspiravii",  uma  üdinsea  de  amor'\    etc. 

10* 


140  Ferd.   Wolf 

wir  es  aiich  fi'ir  passender  gehalten,  wenn  der  Verfasser 
seinem  Gedichte  den  Titel:  „Vorsehmähte  Liebe"  („Amar 
sem  ser  amado"-)  oder  einen  ähnlichen  gegeben  hätte, 
statt  es  „Nebulosa"  zu  nennen,  nach  eineui  in  der  That 
sehr  „nebiilos"  gehaltenen  Wesen,  von  dem  und  dessen 
Macht  wol  sehr  oft  gesprochen  wird,  dessen  Wirkungen 
auf  die  Charaktere  und  dessen  Eingreifen  in  die  Entwick- 
lung der  Fabel  man  aber  umsonst  erwartet  und  das  zu 
nicht  viel  mehr  als  zum  scenischen  Hintergrund  dient. 
Ja  es  scheint  uns  der  Dichter  sich  selbst  nicht  klar  ge- 
worden zu  sein  über  die  Natur  vuid  die  Verbindung  die- 
ser Nebelgestalt  mit  seiner  Fabel  und  seineu  Charakteren, 
die  durch  Weglassung  dieser  eigentlich  nur  in  der  Phan- 
tasie der  Douda  bestehenden  Feerie  nichts  verloren,  viel- 
leicht sogar  gewonnen  hätten.  Denn  bald  erscheinen  die 
Nebulosa  imd  die  ihr  Huldigenden  als  von  Gott  verwor- 
fene, mit  einem  Kainszeichen  gebrandmarkte  Zauberinnen; 
bald  als  liebessehnsüchtige,  verschmähte  Liebe  rächende 
und  durch  ein  Leben  voll  Freude  nach  dem  irdischen 
Tode  lohnende  und  belohnte  Feen;  Zwitterwesen,  wie  sie 
die  ächte  Volkspoesie  in  ihren  scharf  geschiedenen  und 
consequent  durchgeführten  guten  und  bösen  Feen  (Licht- 
und  Schwarz-Elfen)  nicht  kennt.  Wol  dürfte  diese  my- 
steriös-grauenhafte, wahrhaft  rembrandtische  Färbung  des 
ganzes  Gemäldes  eben  jener  mifsverstandenen,  durch  die 
Franzosen  Mode  gewordenen  Auffassung  des  Romantismus 
zuzuschreiben  sein,  die  dessen  Wesen  im  Ungeheuerlich- 
Schrecklichen,  im  Nebulos-Spukhaften  sucht?  — 

Aber  in  der  lyrischen  Auffassung  und  Darstellung  der 
Gemüthszustände  hat  der  Dichter  eine  grofse  Virtuosität 
bewährt,  die  bei  der  Monotonie  derselben  um  so  mehr 
zu  bewundern  ist;  denn  trotz  dem  hat  er  gewufst,  diese 
in  ihrem  Grundton  sich  gleichbleibenden  Gefi'ihle  in  im- 
mer steigernder  Progression  zum  Ausdruck  zu  bringen, 
bis  zur  Extase,  die  sich  im  sechsten  Gesänge  und  beson- 
ders am  Schlüsse  desselben  am  glühendsten  ausspricht. 
Nicht  minder  gelungen  sind  die  descriptiven  Partien,  vor- 
züglich die  Beschreibungen  der  Gegenden  und  der  Sce- 
nerie,  wobei  natürlich   dem  Dichter   die  grofsartig-wilde 


Macetlo's  Nebulosa.  141 

oder  üppig-schöne  Natur  seines  Vaterlandes  zum  Vor- 
bilde diente;  eben  dieser  an  tropische  Bilder  gewöhnten 
Phantasie  mufs  man  es  zu  gute  halten,  wenn  manche  Be- 
schreibungen zu  überschwenglich  gehalten,  mit  für  unseren 
Geschmack  zu  grellen  Farben  gegeben  sind,  wie»  z.  B. 
die  Beschreibung  der  Schönheit  der  Peregrina. 

Aber  gerade  diese  nationale  Färbung,  verbunden  mit 
den  überall  giltigen  Beweisen  poetischer  Begabimg  und 
mit  den  Reizen  einer  blühenden  Sprache  und  eines  melo- 
dischen Versbaues,  hat  diesem  Gedichte  einen  so  unge- 
wöhnlichen Erfolg  verschafft. 

Ferd.   Wolf. 


242  Leiiicke 


lieber  einige  bei  der  Kritik  der  traditionellen 
scbottischen  Balladen  zu  beobacbtende 
•  Grundsätze. 

(Fortsetzung.) 

Wenn  gleich  nun  aber  das  sogenannte  Collationirungs- 
verfahren  von  dem  verständio;eren  Theile  auch  der  eng- 
lischen  Kritiker  und  Balladensammler  ofi'en  oder  still- 
schweigend gemifsbilligt  worden  ist,  so  ist  es  doch  nur 
die  äul'serste  Consequenz  eines  Grundirrthums,  der  sich 
mehr  oder  weniger  in  der  ganzen  bisherigen  Behandlung 
der  schottischen  Balladen  bemerkbar  macht  und  eben  in 
der  gänzlichen  Verkennung  der  Thatsache  besteht,  dafs 
die  Gesammtmasse  der  schottischen  Balladen  das  Pro- 
duct  eines  Entwickelungsganges  der  epischen  Volksdich- 
tung ist,  dafs  sich  aus  diesem  Entwickelungsgange  nicht 
nur  die  einzelnen  Erscheinungen  erklären  lassen,  sondern 
da/'s  es  auch  die  Aufgabe  der  Wissenschaft  ist,  den 
inneren  Zusammenhang  derselben,  den  Faden  der  Ent- 
wickelung  aufzufinden  und  hierauf  eine  wissenschaftliche 
Ordnung  und  Eintheilung  des  Materials  zu  gründen. 

Es  darf  daher  nicht  befremden,  dafs  zur  Lösung  die- 
ser Aufgabe  bislang  jenseit  des  Kanals  kein  in  irgend 
einer  Weise  befriedigender  Versuch  gemacht  worden  ist. 
In  den  besseren  Arbeiten,  die  Motherweirs  an  der  Spitze, 
ist  wol  ein  Anlauf  dazu  genommen,  es  zeigt  sich  dann 
und  wann  eine  Ahnung  von  dem,  worauf  es  ankommt,  es 
ist  in  einzelnen  Fällen  das  Kichtige  getroffen,  aber  alles 
dies  ist  mehr  Folge  eines  gewissen  instinctmäfsigen  Ge- 
fühls als  liesultat  wissenschaftlicher  Grundsätze.  Viel- 
mehr sieht  man  iiberall,  dafs  es  den  Verfassern  an  derje- 
nigen Einsicht  fehlt,  welche  die  unerläfsliche  Bedingung 
einer  befriedigenden  Lösung  der  Aufgabe  ist,  nämlich  an 
der  richtigen  Einsicht  in  das  Wesen  der  epischen  Volks- 
dichtung überhaupt. 

Diese  Bemerkung  drängt  sich  zunächst  auf,  wenn 
man  sieht,  mit  welcher  Scheu    die    bisherigen   Herausge- 


Die  traditionellen  achottischen  Balladen.  14o 

ber  von  Balladen  derjenigen  Operation,  welche  die  Grund- 
lage der  wissenschaftlichen  Behandlung  des  Gegenstandes 
bildet,  nämlich  der  Bestimmung  des  Alters  der  einzelnen 
Stücke,  aus  dem  Wege  gegangen  sind  und  mit  wie  vagen 
Conjecturen  sie  sich  in  dieser  Beziehung   begnügen.     So 
z.  B.  scheint  Aytoun  sich  sehr  befriedigt  zu  fühlen  durch 
die  gewonnene  Ueberzeugung,  dafs  ein  sehr  grofser  Theil 
der  vorhandenen  Balladen  aus  der  Zeit  vor  der  Reforma- 
tion stamme,   eine  Neuigkeit,  die   ein   deutscher    Kritiker 
kaum    anders    als    mit    leisem    Lächeln    entgegennehmen 
kann.     Andere    sind   zufrieden,    wenn   sie    einer   Ballade 
das  Epithet  of  high  antiquity  geben  können,  ein  Ausdruck 
vor  welchem   man   nur   so   lange    Respect   hat,    bis    man 
sieht,  dals  er  ihnen  schon   gerechtfertigt   scheint,   ,,wenn 
eine  nunmehr  siebzigjährige   Lady  das   betrefl'ende   Stück 
in  ihrer  JujTend  von  ihrer  Grofsmutter  hat  sinken  hören". 
Motherwell  ist  zwar  der  Ansicht:  ,,that  part  of  this  inter- 
esting  body    of  vernacular  poetry  may  fairly  be  esteemed 
equal,  if  not  superior  to  the  most  ancient  of  our  written 
monuments"  (Introd.,  p.  II);  aber  er  deutet   auch   nicht 
einmal   im   Allgemeinen  an,    welchen   Stücken   er   ein    so 
hohes  Alter  zuschreibt,  spricht  sich  vielmehr   einige  Sei- 
ten weiter  (Introd.,  p.  X)  dahin  aus:  „to  point  out  what 
truly  are  the  most  ancient  of  these  compositions ,  cannot 
be  attempted  with  any  success". 

Nun  soll  nicht  geleugnet  werden,  dafs  die  Altersbe- 
stimmung der  schottischen  Balladen  auf  den  ersten  An- 
blick mehr  Schwioigkeiten  darbietet  als  ähnliehe  Producte 
der  Volksdichtung  anderer  Nationen.  Während  z.  B. 
die  liier  zunächst  zur  Vergleichung  kommenden  dänischen 
Kaempe- Viser  zum  Theil  schon  zu  Ende  des  Ki.  und  zu 
Anfang  des  17.  Jahrhunderts,  die  spanischen  traditionel- 
len Romanzen  noch  frühei-  aufgezeichnet  worden  sind, 
haben  sich  die  schottischen  i^aUaden  fast  sänmitlich  bis 
zur  Mitte  des  vorigen  Jahrhundeits,  ein  Theil  noch  tief 
bis  in  das  gegenwärtige  Jahrhundert  hinein,  ausschliels- 
lich  durch  mündliche  Tradition  fortgeptlauzt.  Nur  eine 
äufserst  kleine  Anzahl  hat  sich  in  alten  Manuscripten 
oder  Drucken  erhalten.     Dadurch  entgeht  uns   nicht   nur 


144  Lemcke 

der  wichtige  Anhaltspunkt  zur  Bestimmung  ihres  Alters, 
■welchen  die  erste  Aufzeichnung  gewährt,  sondern  sie  ha- 
ben auch  viele  von  den  Zügen  verloren,  aus  denen  auf 
eine  bestimmte  Abfassunerszeit  beschlossen  werden  kann. 
Namentlich  hat  der  wichtigste  dieser  Züge,  die  Sprache, 
Theil  genommen  an  den  Veränderungen  des  Idioms  im 
Volksmunde  und  die  Balladen  tragen  somit,  wenn  nicht 
ganz,  doch  gröl'stentheils  das  sprachliche  ICleid  der  Zeit, 
in  welcher  sie  zuerst  aus  dem  Volksnmnde  aufs  Papier 
gebracht  wurden.  Aus  ähnlichen  Gründen  kann  auch  die 
Form,  für  sich  allein  genommen,  nicht  immer  als  ein  un- 
trügliches Kennzeichen  für  die  ursprüngliche  Abfassungs- 
zeit einer  Ballade  gelten,  und  endlich  haben  verschiedene 
Beispiele  gelehrt,  dal's  selbst  das  Costüm  kein  sicheres 
Kriterium  eines  gewissen  Alters  ist,  indem  die  Tradition 
nicht  selten  Sitten  der  eigenen  Zeiten  auf  überkommene 
Balladen  iiberträgt. 

Diese  und  andere  Hindernisse  konnten  den  bisheri- 
gen englischen  Arbeitern  im  Fache  der  Balladenliteratur, 
von  ihrem  Standpunkte  aus,  allerdings  grofs,  ja  unüber- 
windlich erscheinen.  Vom  Standpunkte  der  wissenschaft- 
lichen Literaturgeschichte  aus  betrachtet,  schrumpfen  sie 
jedoch  zu  einem  Minimum  zusammen.  Denn  begreif- 
licher Weise  handelt  es  sich  für  die  Wissenschaft  nicht 
um  das  vermessene  Unternehmen,  das  Alter  jeder  einzel- 
nen auch  nur  des  kleineren  Theiles  der  Balladen  bis  auf 
das  Jahrzehend  oder  Jahrzwanziar  ihrer  Entstehuno;  er- 
mittein  zu  wollen,  was  auch  die  genauesten  Detailfor- 
schungen nicht  ermöglichen  würden,  sondern  es  handelt 
sich  einfach  um  die  Bestimmung:  des  relativen  Alters  der 
einzelnen  Balladen  und  ihrer  verschiedenen  Versionen  un- 
ter sich,  um  die  Periode  ihrer  Abfassung,  um  den  Platz, 
welchen  sie  in  der  Geschichte  der  Dichtung  einnehmen 
und  um  eine  hierauf  zu  begründende  Anordnung  und 
Eintheilung  des  Materials.  Hierzu  aber  reichen  die  Kenn- 
zeichen, welche  sich  an  den  schottischen  Balladen  erhal- 
ten haben,  nicht  nur  vollkommen  aus,  sondern  unter  der 
Lupe  der  Wissenschaft  werden  selbst  die  meisten  jener 
Veränderungen,  welche  die  ursprüngliche  Form  der  Bai- 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  145 

laden   im   Laufe   der    Tradition   erlitten   hat,   zu   eben   so 
vielen  Marksteinen  für  den  Forscher. 

Als  Folge  einer  solchen  sicheren  wissenschaftlichen 
Führung  sehen  wir  jedoch  in  den  bisherigen  Arbeiten 
selbst  in  Bezug  auf  jene  relative  Altersbestimmung  fast 
nur  da  das  Richtige  getroflen,  wo  gewisse  äuCsere  Kenn- 
zeichen unmittelbar  darauf  hinweisen,  und  auf  Grund  der- 
artiger Kennzeichen  hat  sich  von  Percy's  Zeit  an  eine 
gewisse  mechanische  Altersbestimmungsmethode  für  die 
Balladen  von  einem  Geschlechte  von  Kritikern  auf  das 
andere  fortgeerbt.  Da  man  sich  aber  des  inneren  Grün- 
des  der  Erscheinungeil  niemals  recht  klar  bewufst  ist, 
tritt,  wo  das  einmal  beliebte  Mafs  im  Stiche  läfst,  sofort 
die  Rathlosigkeit  wieder  ein  und  an  eine  Durchführung 
der  historischen  Anordnung  auf  Grund  jener  oder  einer 
ähnlichen  Methode  ist  somit  nicht  zu  denken. 

Im  Bewufstsein  dieser  Unmöglichkeit  haben  denn 
auch  die  bisherigen  Herausgeber  von  Balladensammlungen 
immer  den  Stof  zum  Eintheilungsgrunde  für  ihr  Material 
genommen  und  von  den  verschiedenen  Eintheilungswei- 
sen,  welche  derselbe  zuläfst,  hat  die  in  die  drei  Katego- 
rien der  historischen^  rotrumtischen  und  humoristischen  Bal- 
laden den  meisten  Beifall  gefunden. 

Da  der  Stoff,  wie  wir  weiter  unten  sehen  werden, 
ein  so  bedeutendes  Moment  bei  der  Bestimmung  des  re- 
lativen Alters  von  Volksdichtungen  ist,  so  könnte  es  auf 
den  ersten  Anblick  erscheinen,  als  müfste  diese  stoffliche 
Eintheilung  einigermafsen  mit  der  historischen  zusammen- 
fallen. Und  wirklich,  wenn  man  blofs  auf  die  gebrauch- 
ten Bezeichnungen  sieht,  ohne  Rücksicht  auf  die  Anwen- 
dung, welche  diejenigen  die  sich  derselben  bedienen,  da- 
von machen,  so  stehen  beide  Eintheilungsweisen  in  einem 
gewissen  Einklänge  mit  einander.  Die  obengenannten 
Kategorien  entsprochen  wirklich  in  so  fern  eben  so  vie- 
len Perioden  der  schottischen  Volksdichtimg,  als  sie  die 
jedesmalige  Hauptrichtung  der  letzteren  in  einer  bestimm- 
ten Periode  bezeichnen.  Wollte  man  nach  dieser  Haupt- 
richtung die  drei  Perioden  chaiakterisiren,  so  könnte  man 
die  erste  die  liistorische^  die  zweite  die  romantische^  die  dritte 
die  hvmorintischc  nennen.     Factisch  gehört  daher  ein  gro- 


\  4ß  Lcmcke 

Iser  Theil  der  nach  der  stofflichen  Eintheilung  in  die 
zweite  Kategorie  fallenden  Stücke  auch  der  zweiten  ge- 
schichtlichen Periode  luid  wahrscheinlich  die  gesannnte 
dritten  Kategorie  der  dritten  Periode  an,  so  dals  nach 
dieser  Eintheilung  wirklich  ein  grol'ser  Tlieil  der  Balladen 
in  leidlich  historischer  Ordnung  zu  stehen  kommt. 

Bei  genauerer  Betrachtung  zeigt  sich  jedoch  diese 
stoffliche  Eintheilung,  weil  nicht  aus  wissenschaftlicher 
Betrachtung  hervorgegangen,  auch  wissenschaftlich  \\n- 
brauchbar.  Denn  einmal  bezeichnen  jene  Ausdrücke  doch 
immer  nur  eine  einzelne,  wenngleich  die  Hauptrichtung 
einer  bestimmten  Periode  und  erschöpfen  daher  nicht  den 
ganzen  Umfang  der  ihr  angehörigen  Stiicke,  zweitens  aber 
und  ganz  besonders,  finden  wir  jene  Bezeichnungen  nicht 
in  dem  Sinne  gebraucht,  in  welchem  sie  gebraucht  wer- 
den müfsten,  wenn  sie  der  natürlichen  Entwickelung  ent- 
sprechen sollen.  Es  gilt  dies  namentlich  von  dem  Aus- 
drucke romantisch,  welcher  insgemein  von  allen  denjeni- 
gen Balladen  gebraucht  wird,  welche  kein  historisch 
nachweisbares  Factum  erzählen  (also  im  rein  ästhetischen 
Sinne)  ohne  doch  diir(;h  Inhalt  und  Ton  den  Namen  einer 
humoristischen  zu  rechtfertigen.  Durch  diesen  Gebrauch 
des  Wortes  wird  nicht  nur  die  ganze  Eintheilung  uulo- 
ffisch,  indem  die  Begriffe  romantisch  vmd  humoristisch 
sich  nicht  mehr  vollkommen  ausschliefsen,  sondern  es 
wird  auch  factisch  einerseits  eine  Schranke  zwischen 
Erzeugnissen  verschiedener  Perioden  niedergerissen,  an- 
drerseits eine  Schranke  zwischen  Erzeugnissen  derselben 
Periode   aufgebaut. 

Von  der  ganzen  Eintheilung  ist  somit  nichts  zu  ge- 
brauchen, als  höchstens  die  Namen,  vorausgesetzt  daCs 
man  dieselben  einmal  in  einem  bestimmten  literarhistori- 
schen Sinne  nimmt  und  zweitens,  als  nichts  weiter  denn 
als  allgemein  eharaktcrisirendc  Bezeichnungen  der  verschie- 
denen Perioden  gelten  läfst. 

Ganz  anders  stellt  sich  die  Sache,  wenn  wir  bei  der 
Betrachtung  des  schottischen  Balladenschatzes  von  dem 
eigentlichen  Wesen  und  den  natürlichen  Entwickelungs- 
gesetzen  der  Volksdichtung  überhav4)t  ausgehen,  die  na- 
türlichen Perioden  derselben  als  Mafs  für   den    concreten 


Die   traditioiK'lleii  schottischen  Balladen.  147 

Fall  annehmen  und  in  die  dadurch  gegebenen  Fächer  das 
Material  einzuordnen  versuchen.  Alsdann  lassen  sich 
nicht  nur  die  meisten  der  jetzt  dunkeln  Erscheinungen 
befriedigend  erklären,  sondern  das  Material  ordnet  sich 
gleichsam  von  selbst,  ja,  es  zeigt  sich,  dal's  jene  allge- 
meinen Entwickelungsgesetze  in  der  epischen  Volksdich- 
tung Schottlands  klarer  als  in  der  anderer  west-  und 
mitteleuropäischer  Nationen  (die  spanische  allein  ausge- 
nommen) ausgejjrägt  sind,  da(s  daher  die  Gesammtmasse 
der  schottischen  Balladen,  weit  entfernt  jenes  Chaos  zu 
sein,  als  welches  sie  in  den  Sammlungen  erscheint,  viel- 
mehr ein  interessantes,  ich  möchte  sagen  illustrirendes 
Beispiel  natürlicher  Entwickelung  darbietet. 

Denn  wenn  auch  nicht  alle  natürlichen  Perioden  der 
Volksdichtung  in  den  noch  erhaltenen  Balladen  vertreten 
sind,  so  sind  es  doch  gerade  diejenigen,  welche  den  in- 
nerlich nothwendigen,  aus  dem  Begrifie  der  Volksdich- 
tung und  ihrem  Verhältnisse  zur  Kunstdiehtung  selbst 
hervorgehenden  Entwicklungsgang  am  unwiderlegliclisten 
beurkunden,  den  Punkt  von  welchem  sie  aussreffanffen 
und  den,  an  welchem  sie  nothwendig  schliefslich  ankom- 
men mufste,  am  deutlichsten  bezeichnen. 

Ein  solches  Beispiel  ist  aber  um  so  willkommener, 
da  wir,  um  unsern  Stammverwandten  jenseits  des  Aer- 
melkanals  nicht  Unrecht  zu  thun,  gestehen  müssen,  dal's 
auch  bei  uns  die  Begrifie  von  dem  eigentlichen  Wesen 
der  Volksdichtung  sich  seit  Herder's  Zeit  nur  sehr  lang- 
sam geklärt  haben  und  dafs  selbst  in  wissenschaftlichen 
Kreisen  die  richtigen  Ansichten  erst  in  neuester  Zeit 
zum  Durchbruche  zu  kommen  anfangen. 

Zu  welchen  falschen  Schlüssen  imd  dem  natürlichen 
Gange  der  Entwickelung  völlig  widersprechenden  Coiijec- 
turen  manche  sonst  tüchtige  Forscher  sich  z.  B.  bezüglich 
des  Urspni>u/es  der  epischen  Volksdichtungen  haben  verlei- 
ten lassen,  davon  liefert  die  hierhergchörigc  Literatur  des 
letzten  Jahrzehends  noch  zahlreiche  Beispiele,  und  der  Ge- 
genstand mufs  daher  wol  zu  denjenigen  gerechnet  werden 
mit  welchen  die  Wissenschaft  noch  nicht  fertig  ist. ') 

')  Unser    giofser    Kenner    dieses    Gebietes,    F.  Wolf.    Ii;it    manche 


1 48  Lcuicke 

Der  folgende  Versuch,  den  Entwickelungsgang  der 
epischen  Volksdichtung  Schottlands  mit  Rücksicht  auf 
das  eigentliche  Wesen  dieser  Gattung  der  Poesie  im  All- 
gemeinen aus  den  noch  vorhandenen  schottischen  Balla- 
den herauszulesen  und  einzelne  Erscheinungen  an  densel- 
ben daraus  zu  erklären,  wird  daher  wol  auch  hier  nicht 
am  imrechten  Orte  sein.  Ich  mufs  mich  natiirlich  alles 
Einsehens  in  die  Einzelnheiten  der  Kritik  enthalten,  kann 
aber  nicht  umhin,  zur  Orientirung  in  dem  concreten  Falle 
einige  allgemeine  Sätze  voranzuschicken. 

Ein  Blick  auf  die  Entwickelungsgesetze  fast  aller 
Kulturvölker  läfst  eine  Thätsache  erkennen,  welche,  wie 
man  glauben  mul's,  auf  einem  Naturgesetze  beruht,  näm- 
lich dafs  überall  wo  auf  historischem  Boden  aus  der  Mi- 
schung verschiedener  Volkselemente  eine  neue  Nation  ent- 
steht, der  Neubildungsprocel's  selbst  eine  erste,  unmittel- 
bare Quelle  der  neuen  nationalen  Dichtung  wird.  Wenn 
es  erlaubt  ist,  Vorgänge  in  der  moralischen  Welt  mit 
solchen  der  physischen  Welt  zu  parallelisiren,  so  möchte 
man  sagen :  die  Poesie  begleitet  den  natürlichen  Mischungs- 
procefs  von  Völkern  wie  die  Wärmeentwickelung  den- 
jenigen der  chemischen  Elemente. 

Diese  Dichtung  trägt  das  Gepräge  ihres  Ursprungs. 
Als  erstes  Zeichen  der  vollendeten  Verschmelzung,  als  erste 
Lebensäufserung  einer  neuen  Individualität,  hervorgegangen 
aus  dem  Gefühle  nunmehriger  Zusammengehörigkeit  nach 
Sprache,  Sitte,  Glauben  u.  s.  w.,  aus  dem  Bewufstsein  der 
Lebensfähigkeit,  aus  dem  Drange  nach  selbstständigem  na- 
tionalen Dasein,  ist  sie  Volksdichtung  im  ächten,  im  voll- 
sten Sinne  des  Wortes,  d.  h.  sie  gehört,  wenn  auch  von 
Einzelnen  geiibt,  dem  ganzen,   annoch    durch    keine   Son- 


Seite  seiner  diesen  Gegenstand  betreffenden  Schriften  der  Widerlegung 
derartiger  Ansichten  widmen  müssen.  Siehe  nnter  Andern  dessen  Auf- 
satz: „Ueber  die  Eomanzenpoesie  der  Spanier"  in  den  „Studien 
zur  Geschichte  der  spanischen  und  portugiesischen  Nationalliteratur", 
S.  30-1  ff.;  dann  dessen  „Proben  portugiesischer  und  catalanischer  Volks- 
romanzen" (Wien,  1856.  80.),  besonders  S.  7  f.  und  seine  hier  ganz 
besonders  anziehende  verdienstvolle  kleine  Schrift:  „In  welchen  Kreisen 
sind  die  sogenannten  Volksballaden  entstanden?"  (Leipzig,  1857), 
Vorrede    zu   Eosa    Warrens'  schwedischen  Volksliedern. 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  149 

derinteressen  gespaltenen,  sondern  durch  die  genannten 
Gefühle  eng  zusammengehaltenen  Volke  an,  dessen  Denk- 
und  Anschauungsweise  sie  unmittelbar  und  ganz  ohjectiv 
wiedergibt.  Die  Begriffe  Volksdichtung  und  Nationaldich- 
tung fallen  daher  in  dieser  Periode  zusammen,  wie  der  so- 
ciale Begriff  Volk  mit  seinem  nationalen. 

Wie  aber  alle  Gefühle,  wie  die  ganze  Denk-  und 
Anschauungsweise  des  Volkes  in  dieser  Periode  bestimmt 
werden  durch  das  Streben  nach  einem  grofsen  Ziele,  die 
Erlangung  des  selbstständigen  Daseins  als  Nation  sowie 
die  Erhaltung  und  Sicherung  dieses  Daseins  gegen  alle, 
gleichviel  woher,  drohenden  Gefahren,  so  ist  der  Gegen- 
stand dieser  Volksdichtung  zunächst  das,  was  auf  die 
Erreichung  des  gemeinsamen  Zieles  Bezug  hat,  mithin 
die  Darstellung  geschehener  Thaten^  speciell  die  Wirksam- 
keit derjenigen,  welche  in  irgend  einer  Weise  für  den 
gemeinsamen  Zweck  kämpfen,  der  Nationalhelden.  Die 
Volksdichtung  ist  daher  in  dieser  ersten,  aller  Kunst- 
dichtung vorangehenden  Periode  vorwaltend  episch,  spe- 
ciell historisch  oder  historisch-sagenhaft. 

Da  aber  die  Producte  dieser  epischen  Volksdichtung 
hervorgehen  aus  dem  Drange  des  Augenblicks,  aus  der 
unmittelbaren  Inspiration,  da  sie  zur  unmittelbaren  Mit- 
theilung, „zum  Singen  und  Sagen"  bestimmt  sind,  so 
geben  sie  auch  keine  breit  entfaltete  Erzählung  des  Ge- 
schehenen  sondern  in  kurzen  und  lebendigen  Zügen  das 
objective  Bild  einer  einzelnen  That,  eines  einzelnen  Ereig- 
nisses, Abenteuers  u.  s.  w.  Die  ächte  epische  Volks- 
dichtung ist  rhapsodisch. 

Die  historisch-epische  Volksdichtung  in  rhapsodischer 
Form  ist  also  die  erste  Stufe  der  poetischen  Thätigkeit 
einer  jeden  neuen  auf  historischem  Boden  zu  selbstständi- 
gem Dasein  gelangenden  Nation. 

Das  schottische,  d.  h.  jenes  germanische  Volk,  wel- 
ches das  südliche  und  mittlere  Schottland  bewohnt,  macht 
keine  Ausnahme  von  der  Regel.  Seine  Entstehung,  vor- 
bereitet vielleicht  durch  die  Mischung  celtischer  Scoten 
aus  dem  Norden  mit  den  wahrscheinlich  germanischen 
Picten  des  Südens,  ist  wesentlich  zurückzuführen  auf  jene 


];")()  Lcnicke 

Einwanderungen,  welche  bald  nach  der  Eroberung  Englands 
durch  die  Normannen  den  schottischen  Tieflanden  eine 
zahlreiche  Bevölkerung  tlieils  angelsächsischer,  theils  dä- 
nischer Abstamnuuig  zuführten.  Der  Verschmelzungs- 
procels  dieser  verschiedenen  Elemente  zu  einer  neuen 
Modification  des  Germanenthums ,  welche  durch  Eigen- 
thiimlichkeiten  des  Idioms,  der  Sitte  und  des  Charakters 
zu  den  Stammverwandten  jenseit  des  Tweed  in  einen 
Gegensatz  trat,  ging  im  12.  und  13.  Jahrhundert  vor  sich 
und  gelangte  zum  AbschluCs  durch  den  Unabhängigkeits- 
krieg gegen  England.  Gleichzeitig  mit  diesem  Kampfe 
aber  fallen  die  ersten  poetischen  Lebensäuf'serungen  der 
neuen  Nation,  jene  rhapsodischen  Heldengesänge,  welche, 
wie  unverwerfliche  hi&torische  Zeugnisse  berichten,  die 
Thaten  der  Nationalhelden  Bruce  und  Wallace  feierten, 
uns  jedoch,  wie  wir  gleich  sehen  werden,  nur  ihrem  In- 
halte, nicht  ihrer  urspriinglichen  Form  nach  bekannt  sind. 

Denn  diese  ächte  Volksdichtung,  wie  sie  hervorge- 
gangen ist  aus  der  unmittelbaren  Gegenwart  des  Ent- 
wickelungskampfes  der  Nation,  wird  auch  nur  unter  ganz 
besondern  Umständen  sich  über  den  Punkt  hinaus  erhal- 
ten können,  wo  jener  Kampf  und  mit  ihm  der  Werde- 
procefs  der  Nation  beendet  ist,  wo  diese  als  selbststän- 
dige Individualität  ins  Dasein  tritt.  Gleich  dem  Volke 
selbst  wird  auch  dessen  Dichtung  aus  ihrem  rhapsodi- 
schen, ephemeren,  so  zu  sagen  atomistischen  Zustande 
hinaus  und  nach  fester  einheitlicher  Form  streben;  die 
rhapsodischen  Gesänge  werden  einen  Mittelpunkt  suchen, 
gleich  den  atomistischen  Gliedern  der  bisherigen  Gesell- 
schaft. Das  Resultat  dieses  Strebens  ist,  wie  für  die 
Nation  selbst  die  erste  staatliche  Ordnung,  so  für  seine 
Dichtung  die  erste  Kunstform.  Die  rhapsodischen  epi- 
schen Volksgesänge  gehen  auf  in  die  erste  epische  Kunst- 
dichtung, die  daher  annoch  weiter  nichts  als  eine  Form- 
gewinnung, gewissermafsen  eine  Krystallisation  der  alten 
Volksgesänge,  somit,  gleich  diesen,  vorwaltend  objectiv  ist. 

Die  Verarbeitung  der  alten  Heldenlieder  zu  Kunst- 
epopöen oder  doch  Werken,  die  in  rein  literarhistorischem 
Sinne  dafür  gelten  können,  beginnt  in  Schottland  um  die 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  151 

Mitte  des  14.  Jahrhunderts  mit  Barbour's  Bruce.  Ihm 
folgten  in  der  ersten  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  Wyn- 
toun  mit  seiner  Reimchronik,  Blind  Harry  mit  seinem 
Wallace;  allen  dreien  liegen  nach  dem  Eingeständnisse 
ihrer  Verfasser  die  alten  Heldenlieder  zu  Grunde. 

Das  Aufgehen  der  alten  ächten  Nationalge  sänge  in 
das  Kunstepos  ist  aber  überall  der  Anfang  ihres  allmäli- 
gen  Verschwindens  aus  der  Tradition.  Die  Epigonen  des 
Kampfes,  zufrieden  den  Stoff  gesichert  zu  wissen,  haben 
fiir  die  ursprünglichen  Formen,  die,  aus  dem  Drange  der 
Gegenwart  geboren,  auch  der  Gegenwart  bedürfen,  um 
volles  Verstäudnifs ,  volle  Theilnahme  zu  finden,  weder 
das  eine  noch  die  andere  mehr.  Auch  in  Schottland 
scheinen  sie  in  dem  Mafse  wie  sie  in  die  grölseren  Ge- 
dichte so  zu  sagten  einffeheimset  wurden,  aus  dem  Gedächt- 
nisse  des  Volkes  verschwunden  zu  sein.  Das  letzte  der 
genannten  Gedichte  rif's  auch  wol  ihren  letzten  liest  aus 
der  Circulation  hinweg,  und  wie  vollkommen  alle  drei, 
mochte  ihr  Kunstwerth  auch  noch  so  gering  sein,  doch 
dem  neuen  Geschlechte  die  alten  Gesänge  zu  ersetzen 
vermochten,  beweist  die  aufserordentliche  Popidarität, 
deren  sie  sich  unter  allen  Klassen  desselben  erfreuten. 
Noch  aus  neuerer  Zeit  führt  Motherwell  es  als  einen  ge- 
wöhnlichen Spruch  an:  „that  a  collier's  library  consists 
but  of  four  books,  the  Confession  of  Faith,  the  Bible,  a 
bunch  of  ballads  and  8ir  William  Wallace ,  the  first  for 
the  gudewife,  the  second  for  the  gudeman,  the  third  for 
their  daughter  and  the  fourth  for  the  son.'-'' 

Hieraus  erklärt  sich  ebenso  natürlich  wie  analoge 
*V^oro:än<2:e  bei  andern  Nationen,  daCs  der  so  reiche  Schatz 
epischer  Volksdichtungen  Schottlands  gar  keine  Ueber- 
bleibsel  des  alten  ächten  historischen  Volksgesanges  auf- 
zuweisen hat.  Keins  der  alten  Heldenlieder  ist  in  rhap- 
sodischer Gestalt  in  die  folgenden  Perioden  der  Volks- 
dichtung') übergegangen,  ja  alle  Erinnerungen  an  den  Na- 


')  D.  Ii.  der  wirklich  traditionellen  ;  denn  einige  wenige  noch  vor- 
handene Stücke,  in  welchen  Thaten  von  Wallace  gefeiert  werden,  sind 
augenscheinlich  spätere  Kunstprodiute. 


J52  Lenickt' 

tionalkampf  sind    bis   auf  die    Namen   seiner   Helden   aus 
derselben   verschwunden. 

Es  erklärt  sich  aber  auch  zweitens,  warum  iiberhaupt 
der  bei  weitem  grölsere,  wichtigere  und  werthvollere  Theil 
der  schottischen   Balladen  aus   nicht  historischen  besteht. 
Denn  der  ächte  historische  Volksgesang  setzt  einen  Zustand 
der    Gesellschaft,    eine    Intensität   und  eine  Ausdehnung 
des  Nationalgefühls  voraus,  wie  sie  nur  in  der  ersten  Pe- 
riode   der    Volksgeschichte    möglich    sind.      Das    gröfste 
und  schönste  Contingent  zu  dem   historischen  Volkslieder- 
schatze einer  Nation  bilden  daher  immer   die   Ueberreste 
aus  der  ersten  Periode  seiner  Dichtung.    Vorübergehende 
analoge  Zustände,  etwa  partielle  Nachspiele  des   grofsen 
Nationalbildungskampfes  können  auch  wol  späterhin  noch 
einen  Aufschwung  der  Stimmung  erzeugen,  welcher  ein- 
zelne späte  Blüthen  dieser  Gattung  treibt,  die   erfreulich 
an    ihre    längst    verwelkten    Schwestern    aus    dem   Lenze 
erinnern.      So   sehen   wir    z.  B.    auch   in   der    spanischen 
Volksdichtung,    nach    langer   Unterbrechung    durch    eine 
sogenannte  romantische  (besser:  nichthistorische)  Periode, 
den  ächten  Volksgesang  für  einige  Zeit  in  den   sogenann- 
ten   Romances   Fronterizos  wieder  aufleben  und  ihnen  sind 
in  dieser  Beziehung   die   schottischen  Border  Ballads   zu 
vergleichen,  in  welchen  der  immer  dünner   werdende   Fa- 
den des  alten  Nationalkampfes  ausläuft.     Immer   aber  ist 
der     historische    Volksgesang    in    der     späteren    Zeit    die 
Ausnahme    und  das  Vorherrschen   des    nicht  historischen 
charakterisirt  die  Richtung  der  späteren  Perioden. 

Eine  genauere  Betrachtung  derselben  erklärt  dies 
noch  deutlicher. 

Mit  dem  Ende  des  grolsen  Volkskampfes  um  das 
nationale  Dasein  tritt  nämlich  die  neue  Nation  in  eine 
neue  Phase  ihrer  staatlichen  vmd  gesellschaftlichen  Ent- 
wickelung,  von  welcher  naturgemäfs  die  Schicksale  ihrer 
Dichtung  bestimmt  werden.  Nach  dem  Entwickelungsge- 
setze,  welchem  die  westeuropäischen  Nationen  unterlagen, 
consolidirten  sich  dieselben  auf  der  Basis  der  feudalari- 
stokratischen Institutionen.  Ueberall  erscheint  das  in  der 
ersten  Periode   durch  das   gewaltige   Band   gemeinsamen 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  153 

Strebens  nach  dem  gemeinsamen  Ziele  selbstständiger  na- 
tionaler Existenz,  zu  einem  festen,  wenn  auch  unorganischen 
Ganzen  verbundene  Volk  nach  dem  Aufhören  des  Gäh- 
rungsprocefses  und  nach  der  Klärung  des  neuen  Productes 
in  zwei  gesellschaftliche  Schichten  getheilt,  die  je  nach 
den  Umständen  mehr  oder  weniger  scharf  von  einander 
geschieden  sind,  in  deren  jeder  sich  daher  die  nationale 
Gefühls-,  Denk-  und  Anschauungsweise  mehr  oder  weniger 
verschieden  reflectirt.  Der  nationale  Begriff  „  Volk"  fällt 
daher  nicht  mehr,  wie  in  der  ersten  Periode,  vollständig 
zusammen  mit  dem  socialen.  Es  fängt  an  neben  dem  Volke 
im  natioyialen  Sinne  ein  Volk  im  socialen  also  im  engeren 
Sinne  zu  geben,  folglich  auch  eine  Dichtung  im  nationalen 
und  im  socialen,  eine  Volksdichtung  im  weiteren  und  im 
engeren  Sinne.  Es  tritt  mit  anderen  V^orten  die  Kunst- 
dichtung der  Naturdichtung  gegenüber.  Da  nun  aber  diese 
Trennung  in  der  Poesie  eine  natürliche  und  unmittelbare 
Folge  der  socialen  Trennung  im  Innern  des  National- 
körpers ist,  so  wird  nunmehr  das  jedesmalige  Verhältni/'s 
beider  Arten  von  Dichtung  zu  einander  abhängen  von 
dem  Verhältnisse  der  beiden  socialen  Schichten  zu  einan- 
der, d.  h.  die  relative  Ausdehnung  des  Gebiets  beider 
principiell  von  einander  verschiedenen  Dichtungen  wird 
bestimmt  werden  von  dem  Grade  der  Trennung  zwischen 
beiden  Schichten. 

Die  erste  und  schönste  Stufe  dieses  neuen  socialen 
Verhältnisses  ist  nun  aber  die,  wo  das  Gefiihl  der  na- 
tionalen Zusammengehörigkeit,  das  Gefühl  der  Identität 
von  Volk  und  Nation  noch  so  lebendig  ist,  dafs  die  eine 
der  beiden  Gesellschaftsschichten  sich  nur  in  so  fern  von 
der  anderen  getrennt  betrachtet  oder  betrachten  darf,  als 
sie  in  sich  die  Nation  xar'  ^^o^i^v  sieht  und  von  der  an- 
dern auch  als  solche  anerkannt  wird,  wo  also  die  Edel- 
sten und  Tüchtigsten  der  Nation,  diejenigen  deren  Stel- 
lung in  derselben  der  Lohn  ihrer  eigenen  Wirksamkeit 
für  die  nationale  Selbstständigkeit  Aller  ist  oder  doch 
als  solcher  betrachtet  werden  kann,  sich  mit  stillschwei- 
gender Zustimmung  der  Gesammtheit  als  die  Vertreter 
des  Nationalbewu Istseins  ansehen,  also  stolz  darauf  sind, 

Jahrb.   f.  rom.   u.   oiii;!.   Lit.     IV.  2.  \\ 


154  Lemcke 

das  Volk  im  engem  Sinne  zu  heifsen.  In  diesem  Sta- 
dium fällt  daher  der  nationale  Begrifl"  „Volk"  mit  den» 
socialen,  folglich  auch  die  Begriffe  Nationalpoeaie  luid 
Volksj^oes'ie  noch  zum  allergröfsesten  Theile  zusammen. 
Die  letztere  wird  daher  nur  einen  sehr  kleinen  Theil  ihres 
Gebietes  an  die  Kunstdichtung  abtreten,  oder,  was  dasselbe 
sagt,  die  Poesie  wird  auch  in  den  Händen  der  die  Na- 
tion rejjräsentirenden  Klassen  der  Gesellschaft  ihrem  grö- 
fseren  Theile  nach    Fo//.'spoesie  sein. 

Die  zweite  natürliche  Periode  der  Volksdichtung  ist 
also  diejenige,  in  welcher  dieselbe  in  den  Händen  der 
höheren  Klassen  der  Gesellschaft,  also  bei  den  westeu- 
ropäischen Völkern  in  den  Händen  des  Feudaladels  ruht. 

Ich  würde  diese  trockene  Reihe  von  Syllogismen 
hier  für  überflüssig  gehalten  haben,  wenn  es  nicht,  meiner 
Ansicht  nach,  von  einigem  Nutzen  sein  könnte,  den  Satz,  dafs 
die  Volksdichtung  in  ihrem  Entwickelungsgange  nothwen- 
dig  in  einer  Periode  in  den  höheren  Klassen  der  Gesellschaft 
ruhen  mufs,  und  dals  folgeweise  die  noch  vorhandenen  Pro- 
ducte  der  Volksdichtung,  die  das  feudal-ritterliche  Costüm 
tragen,  auch  nothwendig  in  den  feudal-ritterlichen  Kreisen 
haben  entstehen  müssen,  den  noch  immer  hin  und  wieder 
erhobenen  Zweifeln  gegenüber  ganz  logisch  aus  dem  blo- 
fsen  Begriff  der  Volksdichtuno;  abzuleiten. 

Es  lassen  sich  aber  aus  diesem  Beorriöe  selbst  noch 
weitere  wichtige  Folgerungen  für  den  Charakter  der 
Volksdichtung  in  dieser  zweiten  Periode  ziehen. 

Die  Geschichte  der  Volksdichtung  bietet  das  Bild 
eines  allmäligen  Verfalles,  einer  stufenweisen  Entfernung 
von  ihrem  ürtypus  der  ersten  Periode  dar.  Wie  die 
Gesellschaft,  aus  der  sie  hervorgegangen,  verliert  sie  auf 
jeder  Stufe  dieses  Verfalles  eine  der  Eigenschaften,  welche 
ihr  ursprüngliches  Wesen  ausmachten;  ihr  Charakter  in 
jeder  Periode  kann  daher  genau  aus  jenem  Verluste  er- 
klärt werden.  Wenn  nun,  wie  oben  bereits  bemerkt  wor- 
den, die  Grundbedingung  des  historischeii  Volksgesanges 
ein  social  nicht  getrenntes  Volk  ist,  also  ein  Zustand  der 
Dinge,  wie  er  regelmäfsig  nur  in  der  ersten  Periode  des 
Volkslebens,  späterhin  aber  nur  ausnahmsweise  und  vor- 
übergehend vorkommen  kann,  so  ist  klar,  dafs  die  Volks- 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  155 

dichtung  in  ihrer  zweiten  Periode,  wo  sie  sich  also  in  den 
Händen  eines  wenn  auch  noch  so  volksthünilichen  Bruch- 
theiles  der  Nation  befindet,  zunächst  nothwendig  ihren 
historischen  Charakter  verlieren  mufs.  Der  Volksgesang 
der  zweiten  Periode  kann  daher  wol  noch  vorwaltend  episch^ 
aber  dieser  epische  Gesang  kann  nicht  mehr  historisch 
sein.  Während  die  Poesie  des  ganzen  Volkes,  also  die 
Volksdichtung  im  ächtesten  Sinne,  ihre  Stoße  unmittelbar 
von  den  Interessen,  dem  Schicksale,  dem  Streben  des  gro- 
fsen  Ganzen  empfing,  vor  welchen  die  Interessen,  Schick- 
sale und  Bestrebunsren  der  Individuen  verschwanden 
gleich  denen  des  einzelnen  Kämpfers  im  Gewühl  einer 
Schlacht,  wie  jede  That,  jedes  Schicksal  des  Einzelnen 
nur  Werth  hat  durch  seine  Beziehung  zum  Ganzen,  als 
Glied  der  grofsen  Kette  des  allgemeinen  Wirkens,  des 
allgemeinen  Geschickes,  also  auch  für  die  Volksdich- 
tung nur  durch  diese  Verbindung  in  Betracht  kommt, 
so  drängen  sich  dagegen  nach  der  Beendigung  des 
grofsen  Kampfes,  mit  der  Abnahme  des  nationalen 
Gemeingefühles,  von  welcher  das  erwachende  Stan- 
desbewufstsein  ja  selbst  nur  ein  Symptom  ist,  die 
Thaten  und  Schicksale  der  Individuen,  wie  nunmehr  das 
innere  Leben  des  Volkes  sie  reichlich  darbietet  zu  einer 
Zeit,  wo  das  Meer  desselben  zwar  vom  Sturme  nicht 
mehr  gewaltsam  gegen  seine  Ufer  gepeitscht  wird,  wo 
aber  seine  Oberfläche  sich  noch  abwechselnd  hebt  und 
senkt  und  dann  und  wann  noch  gewaltige  Wellen  schlägt, 
wiederum  der  Beachtung  dar.  In  dem  Malse  wie  die 
Intensität  des  Gefühls  für  das  Ganze,  für  das  öfientliche 
Leben  nachläfst,  macht  sich  das  Gefühl  für  das  Indivi- 
duelle, für  das  Privatleben  geltend  und  ringt  nach  poeti- 
scher Darstellung.  An  die  Stelle  des  Kämpfers  für  den 
Zweck  des  Ganzen  tritt  nun  in  der  Volksdichtung  der 
Kämpfer  für  den  eigenen  Zweck;  das  Lied,  welches 
früher  die  gewonnene  Schlacht  feierte,  feiert  nun  den 
Sieger  im  Zweikampf;  die  Ballade ,  welche  den  glücklich 
vollbrachten  Ueberfall  erzählte,  berichtet  nun  die  glücklich 
gelungene  Entführung.  Gewaltige  Thaten,  wunderbare, 
ergreifende  Schicksale  der   Einzelnen,   Familientragödien, 

11* 


tPtQ  Leiucke 

Abenteuer  jeder  Art,  vor  allen  aber  die  gesellschaftlichen 
Conflicte,  welche  die  Gesclilechtsliebe  in  ihrem  Gefolge 
hat,  werden  zu  willkommenen  Stoßen  für  den  epischen 
Gesang  des  neuen  Kreises  der  nunmehr  als  Träger  der 
Volksdichtung  erscheint,  mit  einem  Worte,  es  entsteht 
jenes  epische  i/nhistorische  Volkslied,  welches  aus  Griin- 
den,  die  sich  theils  aus  dem  Obigen  schon  ergeben,  theils 
aus  dem  Folgenden  noch  ergeben  werden,  in  den  noch 
vorhandenen  Ueberresten  der  Volksdichtung  verschiede- 
ner  Nationen  am  reichlichsten  vertreten  ist. 

Dieser  Wechsel  des  Stoffes  der  epischen  Volksdich- 
tung in  derjenigen  Periode,  in  welcher  sie  in  den  Hän- 
den der  höheren  Klassen  der  Gesellschaft  ruht,  ist  in 
einem  natürlichen  Entwickelungsgesetze  begründet,  wel- 
ches in  solchem  Umftinge  durch  die  Thatsachen  bestätigt 
wird,  dals  es  uns  in  Ermangelung  aller  anderen  histori- 
schen Zeugnisse  für  die  Entstehungszeit  und  Entstehungs- 
weise hierhergehöriger  epischer  Volksdichtungen  in  den 
einzelnen  Fällen  zu  einem  untrüglichen  Fingerzeige  für 
deren  nähere  Bestimmung  wird.  Immer  fällt  jene  Ent- 
stehungszeit in  die  zweite  natürliche  Periode  der  Volks- 
dichtung, also,  wo  der  Anfang  dieser  Periode  durch  das 
Aufgehen  der  historischen  Volkslieder  der  ersten  Periode 
in  das  Kunstepos  bezeichnet  wird,  diesseits  dieser  ersten 
Versuche.  Immer  ist  daher  auch  der  Ursprung  dieser 
Volksgesänge  in  den  höchsten  Klassen  der  Gesellschaft  zu 
suchen.  Alle  hierhergehörigen  Producte  der  verschiedenen 
Nationen  stehen  daher  ihrem  Ursprünge  nach  literar- 
historisch einander  gleich,  und  dasselbe  Gesetz  waltet  in 
den  spanischen  Romances  de  Caballeros  sueltos  (Wolf  y 
Hofmann  Primavera,  II,  3  ff.)  wie  in  den  entsprechenden 
dänischen  Kaempe- Viser  und  den  schottischen  Balladen.  ^) 

In  den    westeuropäischen    Ländern   trägt    nun    zwar 


')  Wolf  vergleicht  äufserst  trefiend  die  hierhergehörigen  spanischen 
Romanzen  mit  der  Odyssee,  die  historischen  mit  der  Ilias  und  es  steht 
durchaus  nichts  im  Wege  diesen  schönen  Vergleich  auch  auf  die  ent- 
sprechenden Dichtungeu  anderer  Nationen  auszudehnen.  —  Ebenso 
möchte  ich  Huber's  Ansicht  von  jenen  spanischen  Romanzen ,  dafs  in 
denselben  „viel  Trümmerhaftes"  vorliegt,  als  auf  alle  andern  hierher- 
gehörigen, namentlich  auf  die  schottischen  Balladen  anwendbar  betrachten. 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  157 

schon  die  Mehrzahl  der  hierhergehörigen  Producte  ein 
äufseres  Kennzeichen  ihres  Ursprungs,  nämlich  das  feu- 
dal-ritterliche Costüm  und  die  feudal-ritterliche  Denk- 
und  Anschauungsweise.  Aus  dem  oben  Gesagten 
geht  aber  wol  zur  Genüge  hervor,  dafs  beides  etwas 
rein  Aeufserliches  ist,  das  mit  dem  eigentlichen  Wesen 
dieser  Dichtungen  nichts  zu  thun  hat.  Eine  anders 
costümirte,  anders  gesittete  Aristocratie  wird  in  der- 
selben Periode  eine  dem  Wesen  nach  ganz  gleiche  ^  d.  h. 
eine  ihre  Stoffe  aus  dem  inneren  Leben  des  Volkes,  aus 
dem  der  Individuen  nehmende  epische  Volksdichtung  er- 
zeugen. Es  erscheint  somit  verkehrt,  den  Ursprung  die- 
ser Dichtungen  in  den  feudal-aristocratischen  Institutionen 
iiU  solchen  suchen  oder  dies  Costüm  allein  als  Kriterium 
für  die  Entstehungsperiode  irgend  einer  Ballade  nehmen 
zu  wollen,  wie  dies  namentlich  von  englischen  Kritikern 
geschehen  ist.  Denn  vs'ie,  wenn  der  Inhalt  ein  solcher 
ist,  dafs  jenes  Costüm  auch  nicht  in  einem  einzigen  Zuge 
hervortritt? 

Aus  demselben  Grunde  ist  aber  auch  der  bisher  ge- 
bräuchliche Name  für  diese  Gattung,  romantische  oder  Rit- 
terballaden wissenschaftlich  durchaus  nicht  befriedigend,  da 
er  nur  von  einem  äufseren  Kennzeichen,  nicht  vom  Wesen 
der  Sache  hergenommen  ist.  Da  sich  indessen  der  Name 
romantisch  theils  durch  seine  Bequemlichkeit,  theils  durch 
den  allgemeinen  Gebrauch,  theils  durch  den  Umstand 
empfiehlt,  dafs  er  wenigstens  die  Klasse  äuCserlich  cha- 
rakterisirt,  so  wollen  wir  uns  auch  in  Ermangelung  einer 
erschöpfenden  Bezeichnung  seiner  vorerst  in  dieser  Unter- 
suchung bedienen.  *) 


^)  Wolf  hat  für  die  oben  genannten  spanischen  Romanzen  den 
Ausdruck  novellenartige  gebraucht,  den  ich  unbedingt  für  die  ganze 
Klasse  dieser  Periode  dem  Ausdrucke  romantisch  vorziehen  würde, 
wenn  ich  nicht  mit  Huber  das  Bedenken  hätte,  dafs  derselbe  bei  Un- 
kundigen lericht  Mifsverständnisse  erzeugen  könnte. 

Ltidwig  Lcmcke. 

(Schlus*.  im   nächsten   IJcrte,  ) 


^58  Boehmer 


Erasmus  in  Spanien. 

Im  Diälogo  de  la  lengua  (Ausgabe  von  1860,  S. 
176 — 178)  findet  Valdes  unter  den  wenigen  spanischen 
Uebersetzungen  aus  dem  Lateinischen,  die  er  gelesen 
habe,  zwei  zu  riihmen  wegen  des  reinen  castilischen  Stils 
und  der  geschickten  und  treffenden  Wiedergabe  des  Aus- 
drucks des  Originals,  nämlich  die  des  Buchs  des  Boethius 
de  consolatione  und  die  des  Enchiridion  des  Erasmus, 
welche  letztere,  vom  Archidiaconus  del  Alcor  gemacht,  was 
den  Stil  betreffe,  seiner  Ansicht  nach,  mit  dem  Lateini- 
schen um  den  Vorrang  streiten  könne.  Ueber  diesen 
Uebersetzer  bemerkt  Mayans,  der  erste  Herausgeber  des 
Diälogo  de  la  lengua,  Vita  Vivis  p.  92:  interpres  huius 
operis  (Enchir.)  fuit  Alphonsus  Fernandez  de  Madrid, 
Archidiaconus  Alcorensis  in  Ecclesia  Palentina,  qui,  ut 
ait  Hieronymus  Gudiel  in  Compendio  Historiarum  Giro- 
num  fol.  10,  fuit  uno  de  los  mui  senalados  varones  en 
historias  i  antiguedadas.  Und  p.  34:  ab  Historicis  Hispa- 
niensibus  eins  scripta  magno  in  pretio  habentur,  etsi  non- 
dum  edita,  fortasse  quia,  quae  ediderat,  feralia  experta 
fuerant.  Nachher,  p.  192,  erwähnt  Mayans  ihn  noch  ein- 
mal als  Generalvicar  von  Palenza.  Vergleiche  übrigens 
Nie.  Antonio  Bibl.  Hisp.,  wonach  er  1559  fünfundachtzig- 
jährig  starb.  (Siehe  auch  de  Castro  hist.  d.  1.  protestan- 
tes  Espan.  1851,  p.  142.)  Von  diesem  Fernandez  führt 
Burscher  im  Index  et  argumentum  epistolarum  ad  D. 
Erasmum  Rot.  autographarum,  Lps.  1784.  p.  74.  75.  n".  26 
einen  ihm  vorliegenden  Brief  folgendermafsen  an:  Epistola 
Hispanica  Archidiaconi  del  Alcor  ad  Doctorem  Coronel, 
scripta  Palenciae,  d.  10.  Septembr.  omisso  anno.  De  re- 
bus Erasmi,  et  de  Monacho  quodam  Franciscano,  Joanne 
a  S.  Vincentio,  Palenciae  populum  concitante  contra 
Erasmi  Enchiridion;  Compluti  hispanice  excusum;  und 
unter  der  folgenden  n".  27 :  Eiusdem  Epistolae  Versio 
Latina.  Diese  beiden  Manuscripte  befinden  sich  gegen- 
wärtig im  Besitze    der  Universitätsbibliothek  zu  Leipzig. 


Erasinus  in  Spanien.  1  59 

Ich  gebe  hier  den  spanischen  Wortlaut  nach  dem  Auto- 
graph des  Archidiaconus,  mit  Hinzufügung  einiger  Stellen 
aus  der  lateinischen  Uebersetzung,  welche  Coronel  be- 
sorgt und  mit  dem  Original  an  Erasmus  geschickt  haben 
wird.  Die  Interpunction  ist  von  mir,  der  Verfasser  macht 
nur  Puncte;  auch  in  der  Orthographie  habe  ich  die  er- 
forderliche Nachhülfe  geleistet,  Accente  in  den  Verben 
zu  setzen  u.  dgl.  konnte  nicht  wol  unterlassen  werden. 

Muy  Reverendo  y  muy  noble  Senor. 

Despues  que  se  imprimio  el  Enchirklion  de  Erasmo  en 
Romance ,  en  que  Vra,  Md  tanto  favoreciö  y  mereciö ,  yo 
avise  al  impresor  de  Alcalä,  que  enviase  dos,  bien  encua- 
dernados,  y  con  ini  carta,  uno  para  el  R""  Senor  Arzo- 
bispo  ^)  y  otro  para  Vra  Md.  Yo  creo  que  esta  diligencia 
se  haya  hecho.  Agora  es  •  bien  que  sepa  Vra  Md,  que  en 
esta  cibdad  un  padre  fray  Juan  de  San  Vicente^),  Francis- 
cano,  mas  hablador  que  letrado,  ha  procurado  alterar  este 
pueblo,  como  ya  otra  vez  le  altero  en  tierapo  de  las  Comu- 
nidades^);  y  publicamente  predicando ,  y  en  dia  senalado  de 
Sant  Antolin  '*),  cuando  concurre  el  clero  y  pueblo  y  provincia 
a  la  iglesia  catedral,  dijo  dos  mil  blasfemias  del  ^),  diciendo 
que  contenia  mil  herejias.  Y  allende  desto  saco  del  seno  una 
conclusion  y  fijola  en  el  pano  del  pdlpito  con  alfileres;  la  copia 
della  creo  que  de  Alcalä  la  avran  enviado,  pero  tanbien  la 
envio  para  que  Vra  Md  la  vea.  El  dia  siguiente  yo  me  halle 
a  la  disputa,  y  ninguno  salio  a  le  arguir,  asi  porque  son 
todos  frailes,  como  porque  la  conclusion  no  mostrava  cosa 
particular  sobre  que  disputava  *^).  Entonces  el  sacö  un  papel 
con  hasta  XXX  articulos  que  avia  colegido  del  Enchiridion 
y  de  una  epistola  de  Erasmo  que  suele  andar  con  el  y  del 
Paräclesi  etc.,  y  en  verdad,  asi  Dios  salve  mi  änima,  que  de 
todos  XXX  el  padre  no  entendiö  los  diez ,  ni  dize  Erasmo 
lo    que    este    le    levanta,    antes  en  algunas  partes  dize  el  con- 


')  von  Sevilla,   Grofsinquisitor. 

2)  monachum  Joanncm  a  Saucto  Vincentio  nomine. 

3)  Vgl.  Sandoval  hist.  del  emperad.  Carlos.  7,  2. 

*)  die  celebri,  nimirum  divi  Antonini.     Am  2.  September. 
*)  in  Enchiridium  blaspheniias.     Im  span.  Ms.:  blasfemas. 
*)  tum   quod  in  ea  concliisione  non  videretur  esse  c^uod    ad  qnem- 
quam  peculiariter  pertineret. 


160  Boclinier 

tiario.  Kn  couclusion,  que  yo  me  deterniine  ^)  de  resistirle 
in  facieni,  por  buenas  ru/onos  sin  soüsmas '•^);  y  cuando  todos 
me  entendicron,  y  oyeron  lu  que  pasava  y  la  diligencia  que 
SU  S.  R""*  mandö  hazer  en  examinarle  ^),  y  vieron  la  facultad 
que  dio  para  imprirnirle  y  como  el  libro  vino  senalado  de  sus 
armas  etc.,  y  mas  con  ayuda  de  la  verdad  que  estava  por  mi 
parte  y  de  la  nmla  crianza  y  nialedicentia  questava  por  la  suya, 
tandem  ab  oinnibus  exibilatus  irrisusque  e  theatro  discessit. 
Pero  no  ha  dejado  de  oblatar  ni  lo  deja,  hasta  penetrar  las 
casas  de  todos  estos  Senores  de  la  tierra  *)  y  concitando  a 
todos  contra  Erasmo ,  püblicamente  et  tacite ,  contra  la  auto- 
ridad  del  Senor  Arzobispo  y  de  los  Senores  del  Consejo ,  los 
cuales  ha  osado  dezir  que  no  acertaron  en  aprovar  y  mandar 
impriniir  el  libro.  Verdad  es  que,  como  omnes  nitimur  in 
vetita,  ha  aprovechado  tanto  el  padre  que  las  que  no  sabian 
que  cosa  era  Erasmo ,  agora  no  le  dejan  de  los  manos  y  no 
se  lee  otra  cosa  sino  el  Enchiridion,  asi  condenado  y  des- 
famado  por  el  padre  R*^".  Ya  este  negocio,  aunque  estoy 
presente,  no  nie  toca  a  mi  principalmente,  toca  mas  que  a 
todos  a  Dios  y  a  su  iglesia  a  quien  se  haze  injuria  en  dis- 
famarse  tal  dotrina  con  que  se  pueden  mucho  aprovechar  a 
los  Cristianos ,  y  häzese  a  un  varon  tan  docto  y  tan  pio  y 
tan  bene  merito  de  la  religion  Cristiana  y  de  todas  buenas 
letras;  y  toca  tanbien  a  su  S.  R""*  y  a  los  Senores  del  Con- 
sejo que  se  atreva  un  fraterculo  paene  idiota  a  condenar  por 
hereje  en  la  iglesia  a  quien  los  protectores  de  la  religion 
Cristiana  apruevan  por  bueno;  y  toca  no  menos  a  Vra  Md 
por  cuya  informacion  y  buen  testimonio  se  aprovö  y  imprimiö 
este  libro.  Y  por  cierto,  si  este  caluniara  la  Moria  o  unos 
Coloquios  pueriles,  aunque  era  para  el  grand  atrevimiento, 
ferendum  erat  utcunque,  mas  a  ver  puesto  tan  virulenta  lengua 
en  el  Enchiridion,  nunquam  usque  hunc  diem  a  aliquo  laces- 
sito,  cosa  es  que  no  se  deve  disimular.  Scrivolo  a  Vra  Md 
para  suplicarle  que  informe  dello  al  Senor  Arzobispo  y  a  esos 
Senores   porque    su    S.   R""»   le  mande  castigar  o  almenos  que 


1)  Ne  longum  faciam,  visum  mihi  fuit. 
^  placidis  tarnen  verbis,  citra  sophisticen  iiUam. 
^)  quo  se  modo  res  haberet,    quod  videlicet  R.  D.  Archi-E.  curas- 
set,  priusquam  chalcographo  traderetur,  examinandum  opu.s. 
*)  huiusce  rcgionis. 


Krasinus  in  Spanien.  161 

en  ei  raesmo  pülpito  recantet  palinodion,  y  restituya  la  honra 
a  los  que  ha  infamado.  En  esto  pienso  que  se  harä  mucho 
servicio  ^)  a  nro  Senor  porque  semejantes  blaterones  sean 
reprimidos  y  porque  la  verdadera  dotrina  no  sea  infamada  y 
vilipendida.  Y  perdone  Vra  Md  por  amor  de  Dios  mi  mala 
crianza  y  importunidad.  Nro  Senor  conserve  su  muy  Reve- 
renda   persona  como   desea.     De  Palencia,    X  de  setiembre. 

Besä  las  manos  de  Yra  Md 

SU  servidor  El  Ar'*''  del  Alcor. 

Eine  andere  Hand  hat  von  oben  nach  unten  darunter 
geschrieben :  Arcediano  del  Alcor  al  Doctor  Coronel  sobre 
lo  de  Erasmo. 

Ueber  Luis  Coronel,  einen  treuen  und  einflufsreichen 
Vertheidiger  des  Erasmus,  in  dessen  gedrucktem  Brief- 
wechsel er  mehrfach  vorkommt,  werde  ich  in  meiner  näch- 
stens in  den  Druck  gehenden  Bearbeitung  eines  Tole- 
daner  Inquisitionsprocesses  jener  Zeit  mehr  berichten. 

Der  Brief  ist  nur  acht  Tage  nach  jenem  Tage  San 
Antolins,  des  Märtyrers  und  Patrons  des  Bischofthuras 
Palencia,  wo  in  der  Kathedrale  jener  Mönch  sich  seine 
Ausfälle  erlaubte  und  von  wo  der  Archidiaconus  schreibt, 
verfafst.  Eine  spätere  Hand  hat  sowohl  im  Spanischen 
als  im  Lateinischen  zu  dem  Datum  des  10.  Septembers 
die  Jahreszahl  1535  hinzugefügt,  ohne  Zweifel  irriger 
Weise.  Vielmehr  mufs  der  Brief  vor  der  zweiten  Aus- 
gabe des  spanischen  Uebersetzung  des  Enchiridion ,  welche 
1527  erschien,  geschrieben  sein;  sonst  hätte  der  Verfas- 
ser gewifs  nicht  unterlassen  darauf  hinzuweisen,  dafs  die 
Unverschämtheit  des  Mönchs  um  so  gröfser  sei,  als  das 
von  demselben  verleumdete  Buch  schon  wiederholt  unter 
der  Protection  des  Erzbischof-Grofsinquisitors  sei  heraus- 
gegeben worden.  In  dem  Dedicationsprolog  der  Ausgabe 
von  1527  an  diesen  heilst  es :  V.  S.  Rev.  mandö  que  este 
libro,  que  ya  se  avia  antes  impreso  en  Latin,  en  Castilla 
se  imprimiese  en  Castellano,  como  se  hizo,  y  despues 
agora  otra  segunda  vez   bolviö  impremir,    tantos   son   los 


'     Anfan"  von   Seite  '2. 


\Q2  Boeliuier 

que  del  sc  quieren  aprovechar.  Und  im  September  1527. 
nachdem  zu  Anfang  dieses  Jahres  der  Grofsinquisitor  die 
Mönche  ausdrücklich  ermahnt  hatte  ne  Erasmum  apud 
populum  seditiose  incesserent  neque  hominis  doctrinam 
haereseos  insimularent  (Niedner's  Zeitschrift  1859.  S.  GOl  f.), 
und  nachdem  soeben  seit  dem  27.  Juni  zwei  Monate  hin- 
durch in  Valladolid  eine  gleichfalls  vom  Grofsiuquisitor 
berufene  Theologenversammlung  getagt  hatte  (Sandoval 
bist.  d.  emperad.  Carlos.  16, 14),  in  welcher  die  Mönche  sich 
rückhaltlos  aussprechen  konnten,  unter  solchen  Verhältnis- 
sen hätte  der  Paleucianer  Archidiaconus  wol  nicht  miterlas- 
sen, auf  diese  erschwerenden  Umstände  des  von  ihm  ange- 
klagten Vergehens  hinzuweisen.  Andrerseits  kann  unser 
Brief  nicht  vor  1525  geschrieben  sein,  denn  dann  hätte  Eras- 
iiius,  der  durch  seine  Correspondenten  in  Spanien  immer  gut 
unterrichtet  war,  nicht  am  15.  Juni  1525  wagen  dürfen,  an 
Natalis  Bedda  zu  schreiben  (epist.  246):  neque  quisquam 
exortus  est  qui  quicquam  reprehenderet  in  eo  libro  (er 
spricht  vom  Enchiridion)  nisi  quod  nuper  apud  Hispa- 
nos,  quum  quidam  Hispanice  versum  cuperent  excudere, 
obstitit  nescio  quis  Dominicanus,  proferens  duo  loca,  al- 
terum  in  quo  viderer  negare  ignem  Purgatorii,  alterum 
in  quo  scripsissem,  Monachismiun  non  esse  pietatem.  Er 
fugt  hinzu:  Ad  utrunque  elegantissime  respondit  Lodovi- 
cus  Coronellus.  Responsio  est  apud  me.  De  praefatione 
ad  Voltzium  abbatem  audio  quosdam  nonuihii  fuisse 
questos.  Dieser  einleitende  Brief  ist  der  ;329.  des  Epi- 
stolars.  Er  fehlt  in  der  spanischen  Uebersetzung  in  der 
Ausgabe  von  1527,  wo  er  durch  einen  des  Erasmus 
an  den  Kaiser  und  einen  andern  des  Kaisers  an  Erasmus 
ersetzt  ist;  dies  wäre  ein  fernerer  Beweis,  dafs  der  Pa- 
leucianer Mönch ,  der  aus  der  epistola  de  Erasmo  que 
suele  andar  con  el  Enchiridio  d.  h.  ohne  Zweifel  aus  der, 
wie  Erasmus  selbst  sagt,  anstöfsig  gefundenen  ad  Vol- 
tzium, häretische  Artikel  auszog,  die  unlängst  erschienene 
erste  Ausgabe  des  spanischen  Enchiridion  durchgehechelt 
habe,  wenn  nicht  die  Worte  des  Archidiaconus  es  unbe- 
stimmt 4iefsen,  ob  jener  den  Begleitbrief  aus  der  Ueber- 
setzung oder  aus  dem  Original  benutzte.     So  viel  scheint 


Erasnius  in  Spanien.  163 

nach  allem  Gesagten  festzustehen,  dafs  der  von  uns  raitge- 
theilteßrief  des  Fernandez  nur  1525  oder  1526  geschrieben 
sein  kann,  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  aber  in  diesem  letz- 
teren Jahr  geschrieben  ist,  wo  die  Erasmomachie  heftiger 
war  als  im  vorangegangenen.  Vergleiche  was  Erasmus 
an  Juan  Maldonado  schreibt  (epist.  942  vom  15.  März 
1528):  scito  tuam  epistolam  prolixam  mense  Septembris 
anno  millesimo  quingentesimo  vigesimo  sexto  scriptam, 
qua  rerum  istic  gestarum  texis  historiam,  mihi  redditam 
esse,  ac  fuisse  multis  nominibus  gratissimam,  cui  respon- 
sum  est  a  me  copiose.  (Diese  Antwort  ist  die  von  Helf- 
ferich  herausgegebene  vom  3.  Cal.  Apr.  1527,  in  Nied- 
ner's  Zeitschrift  1859.  S.  605  f.  Die  epist.  942  selbst  ist 
Antwort  des  Briefs  von  Maldonado  vom  29-  Nov.  1527, 
in  Burschers  Spicileg.  V.  1785.  p.  XXIII  sq.)  Die  erste 
Ausgabe  des  spanischen  Enchiridion  wird  also  wol  152(5 
erschienen  sein.  Dies  erhält  Bestätigung  dadurch,  dafs 
Vives  davon  unter  dem  18.  März  1527  aus  Brüofore  als 
von  etwas  Neuem,  über  dessen  Wirkungen  man  aber  doch 
schon  Erfahrungen  gemacht  und  ins  Ausland  berichtet 
hat,  an  Erasmus  schreibt  (epist.  851):  In  Hispania  En- 
chiridion tuum  coepit  loqui  nostrati  lingua,  et  quidem  se- 
cundo  populo  qui  solebat  esse  in  potestate  t«v  a5£Xcpc5v. 
In  der  oben  angeführten  Erasmischen  Briefstelle  aus  dem 
Jahr  1525  ist  nicht  gesagt,  dafs  die  Absicht,  jene  Aus- 
gabe zu  veranstalten,  schon  zur  Ausführung  gekommen  sei. 
Die  Erasmische  Briefsammlung  enthält,  als  epist.  343 
der  appendix,  ein  Schreiben  des,  wie  er  sich  unterzeich- 
net, Alfonsus  Fernandus,  archidiaconus  del  Alcor,  aus 
Palenza  vom  27.  November  1527: 

Binas  ad  te  literas  dedi,  Erasme  clarissime,  cum  Caesar 
elapso  mense  Octobris  Palantiae  ageret,  alteras  Valdesio  (dies 
ist  Alfons,  der  kaiserliche  Secretär,  der  Bruder  Juari's,  des 
Verfassers  des  dial.  d.  1.  lengua)  ,  alteras  jNIartino  (Maxi- 
miliano  ?  vergleiche  meine  Cenni  an  Valdesso  Considera- 
zioni  p.  485)  Transylvano  .  .  .  Vidi  nuper  liloras  tuas  ad 
Ludov.  Coronellum,  Calendis  Septembris  scriptas.  quae  illi 
redditae  sunt  qunm  hie  oasu  apud  me  hospitem  ageret  ...  est 
tarnen    locus    quidam   in   illis   qui    ineum   auimum     movit :    ..ijui 


Jg4  Boehmer. 

libros",  inquis,  ,,meos  llispanice  vertunt,  an  mei  studio  id 
faciant,  nescio,  certe  magnam  mihi  conflant  invidiam ".  (Am 
2.  Sept.  1527  schrieb  Erasmus  an  Juan  Vergara:  qui  libros  meos 
istic  Hispanice  loqui  doctos  excudunt,  utrum  studio  mei  faciant  an 
odio,  parum  liquet,  mihi  certe  movent  gravem  invidiam.  epist.  894.) 
Ego  hactenus  nullum  librum  tuum  Hispanum  factum  vidi  praeter 
unum  Enchiridion  Militis  Christiani,  a  me,  ut  omnes  dicunt, 
non  infeliciter  versum.  Is  tanto  nominis  tui  studio  ac  plausu 
atque  adeo  tanta  Christianae  plebis  utilitate  prodiit  ut  nihil 
hodie  apud  nos  aeque  atque  ipse  manibus  omnium  te^{itur.  xn 
curia  Caesaris,  in  urbibus,  in  ecclesiis,  in  coenobiis,  quin  in 
ipsis  diversoriis  et  viis  nemo  fere  est  qui  Erasmi  Enchiridion 
Hispanum  non  habeat.  Legebatur  antea  Latinus  a  paucis 
Latinae  linguae  peritis,  sed  nee  ab  his  omnino  percipiebatur, 
legitur  nunc  Hispanus  ab  omnibus  sine  discrimine,  et  quibus 
Erasmi  nomen  antehac  erat  inauditum,  hoc  uno  libello  inno- 
tuit.  Er  fügt  noch  hinzu,  er  vermisse  in  Erasmus'  Exomo- 
logesis  eine  der  Ohrenbeichte,  die  jetzt  von  guten  und  gelehr- 
ten Leuten  gebilligt  werde,   etwas  geneigte  Meinungsäufserung. 

Fernandez  hält  hiernach  sein  spanisches  Enchiridion 
für  die  erste  spanische  Uebersetzung  einer  Erasmischen 
Schrift.  Doch  sollen  die  Querelas  de  la  paz  bereits  J52() 
erschienen  sein.  Sie  erschienen  wiederum  1529.  Die  Aus- 
gabe der  Coloquios  von  1532  war  nicht  die  erste.  Ferner 
1531  Exposicion  sobre  dos  psalmos  (1  und  4),  1533  La 
lengua.  Alles  in  Quart,  wie  auch  das  Enchiridion  von 
1527.  Diese  Data  verdanke  ich  Benj.  B.  Wiffen,  welcher 
mir  schreibt:  The  above  are  editions  I  know.  Eine  neue 
spanische  Erasmusbibliothek  erschien  in  Antwerpen.  Die 
kaiserliche  Bibliothek  zu  Wien  besitzt:  Aparejo  de  bien 
morir.  Envers  1545.  und  Anvers  1555.  Declaracion  del 
Pater  noster,  trad.  nuevamente  de  Latin  en  Castellano. 
Envers  1549.  La  lingua  nuevam.  romanzada.  Anveres 
1550.  Silenos  de  Alcibiades.  traduxo  Bernardo  Perez. 
Anvers  1555.  Alles  Octav.  Ferner  die  Silenos  in  Q.  s. 
1.  e.  a.  Auch:  Apophthegmata ,  trad.  por  Juan  Jarava 
1549.  O""^.  Wiffen  kennt  in  Antwerpner  Ausgaben  auch 
das  Enchiridion.  die  Paraclesis,  den  Sermon  del  nino 
Jesus 


Erasuius  in  Spanien.  IQq 

Im  December  1531  schreibt  der  päpstliche  Nuntius 
Alexander  aus  Brüssel  nach  Rom,  es  seien  schon  viele 
(assai)  verderbliche  Bücher  des  Erasmus  ms  Spanische 
übersetzt.     Laemmer  Monum.    Vaticana.  p.  94. 

Die  Appendix  zu  dem  seltenen  Antwerpner  löTCer 
Drucke  des  Index  prohibitorius  enthält  im  Catologo  de 
los  libros  en  romance  que  se  prohiben,  p.  97  f.,  auch 
eine  Reihe  von  Erasmischen  Schriften,  die  ich  hier,  ge- 
nau excerpirt,  in  der  dortigen  alphabetischen  Ordnung 
züsampien  stelle: 

Confessionario    o    nianera    de    confessar,    de   Erasmo,     en 
Romance.   —    Colloquios  de  Erasmo,   en   Romance  y    en    otra 
,  qualquier  lengua    vulgär.  Enquiridion    del    cavallero    Chri- 

stiano  de  Erasmo,  en  Romance  y  en  Latin  o  en  otra  qual- 
quier lengua.  —  Exposicion  del  Pater  noster  de  Erasmo.  — 
Exposition  del  Psalmo  Beatus  vir,  literal  y  moral,  de  Erasmo. 
—  Exposicion  sobre  el  Psalmo,  Miserere  raei  Deus:  y  Cum 
invocarem,  del  mismo  Erasmo.  —  Lengua  de  Erasmo  en  Ro- 
mance, y  en  Latin,  y  en  qualquier  lengua  vulgär.  —  Manera 
de  orar  de  Erasme  [sie],  en  Romance,  y  en  Latin,  y  en  otra 
qualquier  lengua  vulgär.  —  Moria  de  Erasmo  en  Romance, 
y  en  otra  qualquier  lengua.  —  Paraclesis,  o  exortation  de 
Erasmo.  —  Querella  de  la  paz,  de  Erasmo,  en  Romance.  — 
Silenos  de  Erasmo.   —  Viuda  Christiana  de  Erasmo.  — 

Halle  a.  S.  Ed.  Boehmer. 


\QQ  Mussafia 


Ueber  eine  italienische  Bearbeitung  der 

Sieben  Weisen  Meister. 

Von  italienischen  Bearbeituno-en  des  weit  verbreiteten 
Werkes  finde  ich  überall  nur  die  „Compassionevoli  avve- 
niinenti  del  principe  Erasto"  verzeichnet,  wovon  im  16. 
und  17.  Jahrhunderte  sehr  zahlreiche,  im  18.  und  19.  nur 
je  eine  Ausgabe  veranstaltet  wurden.^)  Indessen  ist  schon 
vor  ungefähr  dreiisig  Jahren  ein  45  (eigentlich  mit  Aus- 
schlüsse der  Vorrede  nur  35)  Seiten  starkes  Büchlein 
erschienen,  welches  bei  Gelegenheit  einer  Hochzeit  unter 
dem  Titel:  „Novella  antica  scritta  nel  buon  secolo  della 
lingua.  Venezia,  tipografia  di  commercio,  1832,  8^"  von 
Giovanni  della  Lucia,  Erzpriester  zu  Castion,  einem  klei- 
nen Orte  in  der  Nähe  von  Belluno,  herausgegeben  wurde, 
und  welches  nichts  anderes  als  eine  sehr  kurz  gehaltene 
Redaction  jenes  bekannten  Erzählungscyclus  ist.  In  dem 
Widmungsschreiben  an  den  Vater  der  Braut,  H.  Giovanni 
de'  Bartoldi,  sagt  der  Herausgeber:  „ho  tratta  da  un  dei 
miei  codici  antichi  la  seguente  piacevole  novella",  ohne 
aber  das  Geringste  weiter  über  die  benutzte  Handschrift 
mitzutheilen.  An  eine  Mystification ,  wie  deren  manche 
auf  dem  Gebiete  älterer  italienischer  Literatur  geschehen 
sind,  ist  hier  kaum  zu  glauben.  Der  nunmehr  seit  zehn 
Jahren  verstorbene  Erzpriester  della  Lucia,  sagte  mir 
mein  verehrter  Freund  Joseph  ValentineUi,  Bibliothekar 
an  der  Marciana,  war  ein  sehr  eifriger  Sammler,  aber  we- 
der ein  gründlicher  Gelehrter  noch  ein  gewandter  Schrift- 
steller: es  ist  ihm  nicht  zuzutrauen,  dafs  er  die  Literatur 
des  Buches  gekannt,  und  sich  dadurch  gereizt  gefunden 
habe,   eine   Nachahmung  zu   versuchen'^);   auch   wäre   er 


1)  Die  erste  erschien  in  Venedig  1542;  mir  liegen  die  von  Vene- 
dig 1565,  1569  und  1599  vor;  die  jüngste  ist  von  Luigi  Carrer  besorgt 
worden,  und  findet  sich  in  ,,Tre  romanzetti  di  varii  autori".  Venezia, 
tipi  del  gondoliere,   1841.   8".  S.  81—358. 

2)  Wenn  es  in  der  Vorrede  heifst  „ei  diletta  l'inver)zion  del  rac- 
conto",    so    darf    man    wol    darin    eher  einen    Beweis    der  Unbekannt- 


Ueber  eine  italienische  Bearbeitung  der  Sieben  Weisen  Meister.   167 

nicht  im  Stande  gewesen,  sie  auszuführen;  es  darf  ihm 
also  Glauben  geschenkt  werden,  wenn  er  versichert,  das 
von  ihm  veröffentlichte  Buch  einer  Handschrift  entlehnt 
zu  haben.  Dem  Schicksale  der  Handschrift  selbst  nach- 
zuforschen, wäre  ebenso  lohnend  als  schwer:  denn  schon 
Herr  della  Lucia  selbst  soll  mit  seiner  Sammlung  einen 
lebhaften  Tauschhandel  getrieben  haben,  und  nach  seinem 
Tode  ist  dieselbe  vollends  zerstreut  worden.  Einige  Ver- 
suche ,  die  ich  machte,  um  über  die  hier  in  Frage  stehende 
Handschrift  Kunde  zu  erhalten,  blieben  fruchtlos:  viel- 
leicht kommt  später  ein  glücklicher  Zufall  zu  Hilfe.  Was 
nun  ihr  Alter  betrifft,  so  bleibt  es  freilich  unsicher,  wie  es 
mit  der  ganz  vagen  Bezeichnung  „antico"  zu  nehmen 
sei;  Unrecht  kann  man  aber  gewils  dem  Herausgeber 
nicht  geben,  wenn  er  „la  semplice  e  natia  lingua  di  quella 
prima  eta",  und  wiederum  „purita  di  favella"  als  Vor- 
züge des  Schriftchens  hervorhebt.  Nicht  zu  übersehen 
ist  auch,  dafs  Francesco  Zambrini,  einer  der  gründlich- 
sten Kenner  älterer  italienischer  Literatur,  keinen  Anstand 
nahm,  unser  Büchlein  in  seinem  höchst  schätzenswerthen 
,,Catalogo  delle  opere  volgari  a  stampa  dei  secoli  XHI. 
e  XIV."')  aufzunehmen,  ohne  den  geringsten  Zweifel 
über  die  Aechtheit  der  Schrift  oder  das  Alter  derselben 
zu  äufsern.  Wie  dem  nun  auch  sei,  es  ist  immerhin  ge- 
wiss von  Interesse,  auf  diese  andere  italienische  Redac- 
tion  der  sieben  weisen  Meister  aufmerksam  zu  machen, 
deren,  so  weit  mir  bekannt  ist,  in  keinem  der  hierher  ge- 
hörigen Werke  Erwähnung  geschieht.  Man  weifs  nur 
zu  gut,  wie  es   mit   derartigen    Gelegenheitspublicationen 


Bchaft  des  Herausgebers  mit  dem  so  mannichfach  bearbeiteten  Stoft'e 
als  ein  kluges  Mittel,  einen  literarischen  Kniff  besser  zu  verdecken,  er- 
blicken. 

')  Die  erste  Ausgabe  ist  vom  Jahre  1857;  vor  einigen  Monaten 
wurde  eine  neue  veranstaltet.  Beide  erschienen  in  Bologna.  Uebrigens 
hatte  schon  Gamba  in  der  zweiten  Ausgabe  seiner  Bibliographie  der 
Italienischen  Novellen  (Florenz,  1835.  S.  68)  diese  Novelle  angeführt 
und  auf  die  Aehnlichkeit  derselben  mit  ,,Erasto"  und  Firenzuola's  Um- 
ärbeitung  des  Kalilah  und  Dimnah  hingewiesen.  Er  verlegt  sie  in  das 
15.  Jahrhundert,  ohne  aber  den  Grund  anzugeben,  der  ihn  dazu  be- 
•stimmte. 


1G8  Mussafia 

geht;  es  wird  eine  sehr  geringe  Anzahl  Exemplare  ge 
druckt,  von  welchen  der  grölste  Theil  in  Hände  von  Leu- 
ten geräth,  die  sie  keiner  Aufmerksamkeit  würdigen:  fast 
nie  aus  dem  engsten  Kreise  heraustretend,  werden  sie 
nach  kurzer  Zeit  zu  bibliographischen  Seltenheiten.  Und 
in  der  That  ist  das  Büchlein  weder  auf  der  Marciana  zu 
Venedig  (dem  Druckorte!),  noch  in  florentinischen  Biblio- 
theken zu  finden;  ich  benutze  ein  Exemplar  der  hiesigen 
k.  k.  Hofbibliothek.  Es  scheint  mir  daher  keine  über- 
flüssige Arbeit,  wenn  ich  hier  mit  wenig  Worten  über 
die  Beschaffenheit  der  vorliegenden  Redaction  berichte. 

Zuerst  über  die  Sprache.  Sie  tragt,  wie  gesagt,  in 
Wörtern  und  Fügungen  eine  alterthümliche  Färbung  an 
sich:  von  Flexionen  nnd  Orthographie  gilt  dies  in  gerin- 
gerem Mafse.  Dazu  mag  aber  auch  der  Herausgeber 
beigetragen  haben;  denn  erst  in  der  neuesten  Zeit  hat 
man  in  Italien  angefangen,  von  der  leidigen  Gewohnheit, 
Texte  zu  modernisiren,  abzulassen.  Manche  Latinismen 
—  mentre  egli  fasse  pervenuto  und  sonst  häufig  mentre 
mit  dem  Conjunctive,  leporario,  festinatevi,  longinqua  — 
liefsen  auf  ein  lateinisches  Vorbild  schliefsen:  dieses  nam- 
haft zu  machen  bin  ich  aber  nicht  im  Stande.  Dafs  es 
mit  der  bekannten  lateinischen  Redaction  nicht  überein- 
stimmt, wird  die  Inhaltsangabe  zeigen.  Hie  und  da  stöfst 
man  auf  ein  dialectisches  Wort  —  sentare,  harha  (zio), 
in  presset^  moriressi  für  morresti  — ,  was  auf  einen  nicht 
toscanischen,  zunächst  venezianischen,  Schriftsteller  oder 
Abschreiber  deuten  dürfte. 

Auf  Form  und  Inhalt  zugleich  war  die  grofse  Bün- 
digkeit  von  Einflufs,  welche  ein  besonderes  Merkmal  un- 
serer Redaction  ist.  Was  anderswo  einen  mehr  oder 
weniger  starken  Band  füllt,  wird  hier  auf  wenigen  Seiten 
erzählt.  Man  möchte  sagen,  dafs  es  dem  Compilator 
hauptsächlich  darauf  ankam,  sich  die  Geschichten  so  kurz 
als  möglich  aufzuzeichnen;  die  verbindende  Erzählung 
schmilzt,  besonders  vom  3.  Tage  an,  oft  bis  zu  nur  einer 
Zeile  zusammen.  Der  Gegensatz  zwischen  dieser  dürren 
Skizze  und  der  oft  so  ermüdenden  Breite  des  Erasto  ist 
nicht  ohne  Interesse. 


Ueber  c-iiie  italienische  Bearbeitung  der  Sieben  Weisen  Meister.    {Qi) 

Gehen  wir  nun  den  Inhalt  des  Büchleins  durch.  Ein 
römischer  Kaiser  hat  einen  Sohn,  Namens  Stephan  (im 
Uebrigen  wird  hier  weder  vom  Königspaar  noch  von  den 
sieben  Meistern  der  Name  angegeben) ;  mit  sieben  Jahren 
wird  dieser  in  die  Lehre  zu  sieben  Philosophen  gegeben; 
mit  siebzehn  ist  er  weiter  als  jeder  seiner  Lehrer.  Mitt- 
lerweile wird  der  König  Wittwer  und  heirathet  eine  andere 
sehr  schöne  Frau.  Diese,  welche  den  Stiefsohn  so  sehr 
rühmen  hört,  verliebt  sich  in  ihn  und  dringt  in  den  Kö- 
nig, er  solle  den  Jüngling  zurückkommen  lassen.  An 
einem  Samstage  schickt  der  König  Boten  zu  den  Weisen, 
dafs  sie  ihm  den  Sonntag  seinen  Sohn  heimführen.  Vor- 
bereitungen am  Hofe.  Der  Jüngling  aber,  der  ein  aus- 
gezeichneter Sternkundiger  (sommo  astrologo)  war,  betrach- 
tet einen  Stern  unverwandt,  denn  er  sieht  dafs  ihm  Un- 
glück bevorsteht.  Er  theilt  seine  Befürchtungen  den 
Lehrern  mit;  fügt  aber  hinzu:  wenn  ihr  euch  getrauet, 
mich  sieben  Tage  hindurch  zu  beschützen,  so  bin  ich  ge- 
rettet. Jeder  verspricht,  einen  Tag  über  ihn  wachen  zu 
wollen.  Der  Jünolinor  aber  stellt  sich  stumm.  Als  der 
Kaiser  darüber  unwillig  und  betriibt  wird,  erbietet  sich 
die  Kaiserin,  den  Stiefsohn  zu  heilen.  Sie  läfst  ihn  in 
ihr  Gemach  kommen,  worauf  die  Potipharscene  stattfindet. 
Nun  folgen  die  einzelnen  Erzählungen  auf  einander.  Es 
sind  dieselben  wie  in  allen  occidentalischen  Versionen, 
nur  in  verschiedener  Anordnung.  Ich  führe  sie  an,  in- 
dem ich  natürlich  die  so  treifend  gewählten  Bezeichnungen 
Keller's  beibehalte. 

1.  Meister:  Der  Hund  und  die  Schlange. 
Frau:  J^aum  und  Bäumchen. 

2.  Meister:  Hippocrates  und  sein  Neö'e.  —  Der  Nefte 
des  Königs  von  l'ynglund  ist  krank.  Der  Name  des  Nef- 
fen von  Hippocrates  wird  nicht  angegeben. 

Frau:  Eber  vmd  Hirt.  —  In  einem  Walde  war  ein 
schöner  Birnbaiun,  dessen  Früchte  einem  Eber ')  sehr  gut 


')  Im  Texte  eigentlich  nur  porco.    Indessen  lindet  sieh   l)ei  älteren 
Schriftstellern  sehr  hänfig  jwrco  statt  porco  cinghiate  oder  schleehtweg 
cinghlale.  Sieh  Francesco  Frcdiani,  Spoglio  all'  Ovidio  maggiore.  Prato, 
1802,  der  eine  Reihe  von  Beispielen  zusammengestellt  hat. 
J.ilirl).  f.  rom.   ii.  oti'^l.   I,il.     IV.  ■-'.  W 


J70  Mussafia 

mundeten.  Ein  Hirt,  welcher  einem  verlorenen  Ochsen 
naclijagt,  geräth  zu  dem  Baume  und  liest  mehrere  Birnen 
auf,  um  sie  seinem  Herrn  als  Ersatz  zu  bringen.  Wie 
er  später  wiederkehrt  und  den  Baum  besteigt,  so  kommt 
der  Eber.  Der  Hirt  gibt  dem  Tliiere  zuerst  viel  zu  fres- 
sen, dann  fangt  er  an  es  zu  streicheln,  bis  es  einschläft: 
dann  tödtet  er  es. 

3.  Meister:  Probe  der  Männergeduld.  —  Die  Frau 
haut  die  Aeste  des  Dattelbaumes  ab ;  dann  tödtet  sie  den 
Windhund;  zuletzt  kniipft  sie  den  Scliliissel  an  die  Fran- 
zen  des  Tischtuches  und  reifst  Alles  was  auf  dem  Tische 
liegt,  hinunter.  Der  Mann  läfst  ihr  Blut  abzapfen.  Da- 
rauf kommt  die  Mutter:  „Figliuo/a^  vuoi  tu  amante^  io  te 
Vho  frovato."   —  „  Va  ch'io  non  voglio  amante.  " 

Frau:  Könio*  geblendet.  —  Der  König  wird  blind, 
sobald  er  sein  Land  verläfst.  —  Der  Knabe  heifst  Merlin, 

4.  Meister:  Redender  Vogel.  —  Ich  gebe  den  Wort- 
laut dieser  Geschichte  als  Seitenstück  zu  den  vielen  bei 
Keller  enthaltenen  Versionen:  Fu  un  cavaliere,  il  quäle 
avea  una  sua  donna,  la  quäl  amava  un  giovine,  ed  avea 
una  gazza  si  ben  dotta  che  ciö  che  vedea  riferiva  a  suo 
messere.  II  cavaliere  avea  posto  la  gazza  su  la  facciata 
de  la  casa  perche  la  detta  donna  ch'era  gentildonna  non 
osava  di  sortire  di  casa.  Avvenne  che  un  giorno  essendo 
lo  marito  a  cacciare  mandö  per  lo  suo  amante,  il  quäle 
venuto,  la  gazza  il  vide  e  disse :  Tu  fai  male  a  vituperar 
tuo  marito  e  io,  madonna,  glielo  dirö.  AUora  si  pensö 
la  detta  inganuare  la  gazza,  e  fece  serrar  la  porta  de  la 
casa  e  le  finestre,  e  fece  andar  una  sua  fantesca  con  ba- 
cili  d'acqua  sul  coperto,  e  facea  buttar  l'acqua  in  modo 
ch'el  piovesse.  E  l'altra  fece  stare  a  la  porta  col  lume, 
la  quäl  alcuna  volta  apriva  la  porta  e  faceva  in  modo 
ch'el  corruscasse.  E  cosi  fu  fatto,  e  la  sesruente  mattina 
il  marito  venne  dalla  caccia  e  subito  la  grazza  »li  disse 
quello  che  avea  fatto  la  sua  donna.  11  marito  corrucciato 
con  la  sua  donna  la  volea  uccidere.  Disse  la  donna: 
Domanda  quando  '1  fu?  La  quäle  disse:  Jeri.  Disse  la 
donna:  Che  tempo  era,  chiaro  o  piovoso?  Disse  la  gazza: 
Ben  so  ch'el  pioveva  e  corruscava.   Ma  in  veritä  in  quel 


Ueber  eine  italieiiiselie  Bfaibeituiig  der  Sifbeu  Weisen  Meisu-r.    J7I 

di  fu  un  molto  bei  tempo  e  sereno.  Disse  la  donna  :  Vedi  che 
la  gazza  dice  la  bugia.  II  messere  corrucciato  colla  gazza 
Tammazzö.  E  andando  per  la  casa  trovo  un  bacile,  cui 
avea  dimenticato  l'ancilla  di  portar  giuso.  Subito  si 
penso  della  malizia  della  donna,  chiamö  la  f'antesca  e 
disse:  Perche  e  questo  bacile  qui?  La  quäl  volendo  negar 
la  veritä,  comandö  che  fosse  tormentata,  ende  confesso 
lo  adulterio.  E  udito  che  Febbe,  dappoi  fece  bruciar  lu 
sua  donna. 

Frau:  Das  Schatzhaus.  —  Der  König  hatte  zwei 
Diener,  einen  geizigen  und  einen  verschwenderischen. 
Dem  ersten  vertraut"  er  seine  Schätze  an.  Der  zweite 
verabredet  mit  seinem  Sohne  den  Diebstahl.  Entdeckung; 
der  Kessel  mit  Pech;  der  Sohn  haut  dem  Vater  den 
Kopf  ab.  Der  Schatzwächter  läfst  den  Rumpf  in  der 
Stadt  herumschleppen.  Als  die  Hausleute  des  Verstor- 
benen darüber  jammern,  stöfst  sich  der  Sohn  das  Messer 
in  die  Hüfte.  —  Bemerkenswerth  ist,  dafs  während  in 
der  Erzählung  selbst  der  Vater  seinen  Sohn  auifordert, 
ihm  den  Kopf  abzuhauen,  sich  am  Sclilufs  dei-  (in  den 
Mund  der  Frau  gelegte)  Zusatz  findet,  dafs  nach  einer  an- 
deren Version  es  der  Sohn  selbst  war,  der  auf  diesen 
Gedanken  verfiel;  wodurch  natiirlich  dessen  Schuld  noch 
weit  gröfser  erscheint. 

ö.  Meister:  Entführung. 

Frau:    Rom   oerettet.    —    Die   Saracenen    belagern 

o  o 

Rom ,  welches  nahe  daran  ist  sich  zu  ergeben.  Einer 
aber  unter  drei  Magiern,  Namens  (icnnaro^  „si  fece  fare 
vesti  rosse  e  indorate,  e  grandi  Ale  e  due  capi  con  spec- 
chi.  E  tolse  una  grande  spada  e  lucida  e  montö  su  la 
cima  d'una  torre  ove  potesse  essere  veduto  da  li  pagani; 
e  il  sole  facea  risplendere  la  spada  e  le  vesti".  Darüb(M- 
erschraken  denn  die  Saracenen  und  zogen  ab. 
0.  Meister:  Trost  der  Witwe. 

Frau:  Der  Zauberer.  —  Von  den  Werken  Virgifs 
werden  erwähnt  die  eherne  Statue  mit  dem  Feuer  dane- 
ben, welches  durch  den  Wurf  (Mn(>s  Narren  erlosch,  dann 
der  Spiegel,  der  einen  Aul'ruhr,  wenn  er  entstand, 
zeigte.     Aus  Sicilien  konnnon  drei  lirüder  mit  drei  Geld- 

\2'^ 


172  Mussafia 

tonnen,  und  gewinnen  durch  ihre  Vorspiegelungen  d;is 
Vertrauen  des  geizigen  Kaisers  u.  s.  w. 

7.  Meister:  Hahnrei  ausgesperrt. 

Am  8.  Tage  spricht  der  Sohn  und  erzählt  „die  er- 
füllte Weissagung",  worin  sich  aber  nichts  von  Amicus 
und  Amelius  findet.  SchlieCslich  wird  die  Frau,  auf  An- 
rathen  des  Jiinglings  selbst,  verbrannt. 

Vergleicht  man  den  Inhalt  dieses  Biichleins  mit  den 
anderen  Versionen,  so  findet  man,  dafs  aui'ser  der  Erzäh- 
lung „die  drei  Freier",  welche  man  übrigens  schon  in 
allen  französischen  Handschriften  vermifst,  noch  „der 
König  und  des  Seneschals  Frau"  fehlt,  so  dafs  die  Er- 
zählungen der  Frau  statt  sieben  nur  sechs  sind.  Nach 
der  Anklage  nämlich  verurtheilt  der  König  gleich  seinen 
Sohn  zum  Tode,  ohne  ihn  vorher  ins  Gef  ängnil's  abführen 
zu  lassen.  Somit  entfällt  für  die  Frau  die  Veranlassung, 
eine  besondere  Geschichte  zu  erzählen,  um  ihren  Mann 
zur  gröfsten  Strenge  aufzureizen.  Damit  stimmt,  aufser 
der  hebräischen  und  griechischen  Version,  auch  Erasto 
überein. 

Was  dann  die  Anordnung  der  übrigen  Geschichten 
betrifft,  so  weicht  unsere  Redaction  von  allen  bisher  be- 
kannten ab.  Ich  erlaube  mir  hier  eine  Tabelle  mitzuthei- 
len,  welche  das  Verhältnifs  der  verschiedenen  occidenta- 
lischen  Redactionen  zu  einander  in  Bezug  auf  Zahl  und 
Anordnung  der  Erzählungen  veranschaulicht.  Das  id. 
bedeutet,  dafs  die  betreft'ende  Erzählung  dieselbe  wde  bei 
A  ist. 


lieber  eine  italienit;che  Bearbeitung  der  Sieben  Weisen  Meister.    17o 


33 

.^ 

>< 

.--               CS 

'S 

3 

03             Jl 

st 

a 

03 

03 
tß 

o 

0                CO 

ü         1_ 

.^ 

bC 

Ph 

^ 

X' 

fc« 

"03 

de  Lin 
1  Loiseleui 

^ 

w 

IH 

^_j 

,!-* 

03 

03 

03 

^-1 

bß 

"cS 

bc 
t« 

3 
c3 

O 

o 

3 

S 

0 

CO 

3 

3 

H 

» 

'S 

^ 

3 

B 

CS 

B 

CO 

03 

'S 

03 

03 

bß 
bß 

■  0 

.2 

03 
03 

Q 

, 

^ 

03 

'^ 

^ 

03 

SC 

0 

> 

03 

_g 

"o 

"cS 

B 

"sc 

3 

03 
03 

3 
CS 

03 
3 

^ 

03 
03 

bß 

fl 

00 

C 
o 

'S 

B 

03 

■bß 

a 

c 

"3 

CO 

-s 

S 
-s 

03 

bß 

_bß 

s 

'S 

0 

3 
CS 

^ 

W 

__ 

03 

IS 

o 

"es 
CO 

B 

ii 

03 
03 

03 

bß 

0 
> 

^ 
1 

03 
03 

bß 

3 

c 

d 

rs 

;d 

CO 

s 

3 

;J 

•s 

'S 

bß 

s 

cS 

03 

.a 

^ 

'S 

-' 

d, 

^ 

a 

3 

03 

"0 

'S 

5 
S! 

IS 

:0 

B 

c3 

B 

o 
Ph 

■s 

03 

ITi 

0 

:S 

14 

« 

H 

. 

^ 

^ 

03 

"es 

C5 

bC 

^ 

03 

bß 

0 

03 

^ 

^ 

bß 

5 

"o 

> 

_S 

1 

03 

3 
3 

m 

3 

B 

'S 

'S 

B 

c 
o 

3 

"3, 

•-. 

03 

'S 

3 

03 

'S 

03 

K 

"03 

bC 
bß 

03 

'S 

0 

03 

bß 

a 

0 

3 

2 

cn 

^ 

3J 

u 

•s 

03 

s 

CS 
^     03 

1 

bß 

o 

s 

D 

'S 

03 

bo 

'S 

CS    S 

i-i 

3 

a 

-2 

■D 

3 
Co 

bß 

O 
> 

'S 

u 

03 

0 

'S 

CO     03 

0    bß 

03 
'S 

bO 
3 
3 

1 

bß 
es 

PQ 

CO 

13 

^ 

2 

:S 

03 

3 
oS 
N 

3 

CO   0 

'ÖPS 

3  « 

'S 

<i 

TS 

c 

3 

T5 

a 

3 
CS 

'S 

ts 

OJ 

a> 

bo 

0) 

3 

03 

'S 

'S 

4 

1 
3 

03 

'S 

a 

CS 

-3 

-, 

b 

X 

B 

-3 

s  a 

0) 

w 

CO 

^ 

5 

w 

's« 

B 

■•o 
US 

03 

'S 

^  a 

's  « 

5 

0 

kl 

H 

'12 

Sh 

B 



i^ 

1— 1 

1-H 

C 

S 

> 

1— * 

u 

s 

> 

> 

u 

s 

3 

t.1 

s 

^• 

^ 

ü 

ü 

^• 

^ 

0 

^ 

M 

'"' 

Ä 

1— ( 

U, 

> 

fe 

>• 

ts 

;> 

.H 

S-1 

n 

-*'    >« 

:£> 

t- 

CO 

05 

0 

-H 

<f\ 

eo 

•* 

i« 

Mussafia 


"o^ 


:>X 


[^p^ 


QO 

CO 

OCT 


a 


X 

o 
=3  'TS 


CZi 


>>^ 


4 

cd 


fo 


pq 


CM 
Ol 


lO  CO  »^  O 


•S    S-TS     CJ 


•—    -t-a  c-H  .-t-j  rv'   .-i-j 

ü  '-'-'  rtn  ^^  '^  ^*^ 

o  'S    's  '^     •  'i^ 

CC  -J3  7=  ,j3  J  ^ 

L.    ö    fi  fl  ^  c: 

^  ci          CS 


s^     ffi 


5^3 


£Q 


2  'w  3  'SS 

oS     c3  c3  c3 

^'-'    r*^  ^^  ^1  ^ 

'  &^    pCH  fe  CO  ö^ 

ö  Q  c4  i; 


a 

c 

:3  y. 

5^   c 

"  6 

^  di 

'S    K 

'S- 

—  u 
a  'S 

•5  ** 

tc  1  - 

O   — - 

2 

CD     c 

—  -- 

S 

?!  " 

u    S    "^ 

s=- 

P-X? 

fi*  ^j- 

"Sl 

u 

■3 

— 1     V     O 

3         bß 

BS 

C8 

o 

3  1 

3  .5 

aj  O 
6X3  t- 

?     Kl 

5    o    3 
-MS 

3 

nJ 

^i" 

2  "^ 

O             P- 
«5  'S 

"t^ 

"3     Ö 

"1  ~^ 

.2        "^ 

M 

^  ^ 

3  ^ 

"^^W 
3==*^ 

'S  '!n 

§ 

_5  £ 

:3     a) 

■§W^ 

-  _Q  2  '•"  * 

=  —    O  rt    2 

;j    t«    CS  CS    - 

■3    •  "  ci,<l 


s  =«  S  «  .2 
ö  !»  .S  -H,  S 

-.    '^     H     ^ 
t^     3     5h     ö   ^ 

CS  1)   2  o   CS 
^  -c  -9  "'S 

3   ^   «^   „   o 

3,  '^  a  .5  .. 
^"'s  a  o  -w  tc 

^  «  -s  -  =^S 
^  '^-^  2  1  -^ 
^   ö  X  rt  :S  — ■ 

3    ts  'C   IC 

—   ä   ^   "   3   o 
3 


o  -* 
— ■  o 
.-.-de 

O     -H     ■" 


3     'z^ 

^  O 

^     I»  .c 

*j  ■"  o 

S  -'^^  H 
"Cr 

^  :CÖ      I      oi 
_     Ä     5    O) 


f>      (p 


§.2   ° 

"^  -<  .5  S  ^  3 
-»33 


CT' 

o  ^ 


<-S 


o  3  13 


-ö  ^  o 

■■"    _,  :3  i: 

_i;  _3  --M  g 

"!;  '^  I?  1  a  )3 

^    3^  CS  a   J2  — 

o  3  a  ■  -  > 

3   CS   --c  o  -a  "^ 

!-  J3  "3  'S    3  X 

'"'   tc  <o  "^   a>  3 

S  "^  "  .."C  '^ 

'l-  Q  -f?  3    "  • - 

^  s  ®  i> 


.2  s  ;§  3  ^  ' 

-3  S^  g  ö 

S  ^    -i^  (D     CO            •» 

3  c  -'s- 

;cS  5    3  .    g    3 

^  t^     fc<  O  -3     «J 

Q  5     0)  VH  _2 

>  ^  a  ,^  ■»  ^  ?* 

o  3    S  t^    ^H         3 

>  O^  3  ^    <li    3  -3 

TT  -5-  "3     O     O 

's  ^  .S  3  "H  3    « 


.2  ä  ri 


r-      3 


CS   -3 


c    aj    r* 

^  :§  1  S  »==  ^  .2 
_g   c  ""^ 


o 

a 
-3*0 


a> 


O) 


-  a 


bDr^    '"   'S 


_£  S  2  - 


ä-  "  .2 
.2     -  ="    3-3 

o    h    t.    " 

*^  -d  o  O 

3  lein 


(D   .^     c3 


^     CS^     2-2:« 


(U    CS 


. '•r   ^    Q--- 

"^    P-  o  '-' 
-   CS  "3 

a   es 

.  'ü 

S.    3 

äs 


3  .2 


Ueber  eine  italienische  Bearbeitung  der  Sieben  Weisen  Meister.  175 

Die  hier  besprochene  italienische  Redaction  nahm  ich 
mit  Absicht  in  die  Tabelle  nicht  auf,  denn  dadurch,  dafs 
der  erste  Meister  den  Reigen  eröffnet,  beruht  die  ganze 
Anordnung  auf  einem  anderen  Princip.  Hätte  ich  z.  B. 
„Baum  und  Bäumchen"  unter  Frau  1  gestellt,  so  wiirde 
es  scheinen,  als  ob  diese  Erzählung  der  des  1.  Meisters 
vorangino^e,  und  hätte  ich  sie  nach  der  des  1.  Meisters 
gesetzt,  so  wäre  sie  unter  Frau  2  zu  stehen  gekommen. 
Beides  aber  wäre  falsch.  Mit  Erastus  verglichen,  findet 
man  eine  ganz  gleiche  Anordnung,  nur  dafs  an  der  Stelle 
einiger  (etwa  der  schon  allzusehr  bekannten?  S.  Keller, 
Diocletian's  Leb.  Einl.)  Erzählungen  andere  dem  Buche 
sonst  ganz  fremde  vorkommen.  Es  findet  sich  nämlich  statt: 
Redender  Vogel  —  Blinder  Eifer 
Trost  der  Wittwe  —  Ein  Mord 
Hahnrei  ausgesperrt  —  Policletus 
wozu  dann  noch  eine  Erzählung  der  Frau,  „der  Findling" 
kommt.  Soll  man  etwa  aus  dieser  Uebereinstiumiung  der 
zwei  italienischen  Redactionen  den  Schlufs  auf  ein  näheres 
Verhältnifs  derselben  unter  einander  ziehen?  Icli  will 
mich  hier  mit  der  blofsen  Frage  begniigen. 

Wien. 

Adolf  Mussafia. 


17f)  Bersmaun 


Alis  einem  ungedrnckten  Commentar 
zu  Dante's  Coniincdia. 


Inferno.  Canto  primo. 

I.  Vers  30. 

S't  che  ü  pie  fermo  sempre  era  iL  piü  basso. 

Dante  war  im  finstern  Wald  aus  seinem  Schlaf  erwacht 
oder  zur  Besinnung  gekommen  (mi  ritrovai) ,  und  fühlte  dann 
erst  recht  seine  schreckliche  Lage.  Der  finstere  Wald  lag  in 
der  Ebene  oder  im  Thal  am  Fufse  des  Moriah  oder  Zion, 
des  Berges  des  Lichts,  der  Rettung,  und  des  Heils.  Dante 
schaffte  sich  in  der  Finsternifs,  aufs  Geradewohl,  voran  und 
gelangte  endlich  dahin  wo  der  ebene  Wald  aufhörte  und  das 
Erdreich  am  Fufse  des  Berges  leise  aufwärts  sich  hob.  Um 
aus  dem  Walde  wegzukommen  hatte  Dante  keinen  anderen 
Ausweg,  als  aufzusteigen;  er  unternahm  es  um  so  williger, 
da  er  am  Gipfel  des  Berges  die  Morgenröthe  erblickte.  Es 
war  ihm  indessen  nicht  vergönnt,  die  steile  Anhöhe ,  vor  sich 
direct,  zu  erklimmen;  er  durfte  nicht  unmittelbar  aus  der  Fin- 
sternifs und  dem  Jammer  des  Waldes  sogleich  zum  Licht  oder 
zum  Heile  gelangen ;  er  sollte  nur  allmählig  etwas  in  die  Höhe 
kommen,  indem  er  seitwärts  am  Berge  aufstieg.  Dieser  sein 
Gang  aus  der  Finsternifs  zum  Lichte  war  als  solcher  ein 
glücklicher  zu  nennen.  Da  nun,  nach  Dante's  Symbolik,  der 
Weg  recht wärts  der  glückliche  ist,  so  stellt  der  Dichter  den 
glücklichen  Gang  stets  als  von  der  Linken  zur  Rechten  gehend 
dar.  Defswegen  heifst  es  hier,  dafs  Dante  den  Berg  der  rechten 
Seite  entlang  hinaufstieg,  so  dafs  er  beständig  den  Berg  oder 
dessen  Abhang  nicht  vor  sich,  sondern  zu  seiner  Seite,  das 
heifst  hier,  zu  seiner  linken  Seite  hatte.  Da  er  somit  stets 
auf  einer  abschüssigen  Fläche  voranstieg,  so  war  natürlich 
sein  linker  Fufs  immer  höher  als  der  rechte  und  der  rechte 
Fufs,  oder  wie  Dante  sich  ausdrückt  der  stärkere  (fermo), 
war    hninpr    der    niedrigere.       Der    Vers    drückt    also    einfach, 


Aus  einem  iingedr.  Comm.  zu  Dante's  CoDiinedia.  177 

in  Dante'schem   Style,   den  Gedanken  aus:  -so  daj'f;  ich  an  der 
rechte?}   Seite  de.s-  Bergen  voranschritt. 

II    Vers  4(3—48. 

Quesfi  parea  che  contra  me  venesse 
Con  la  tesf  alta  e  con  rcihhiosa  fa  m  e , 
Sl  che  parea  che  Vaer  ne  femesse. 

Dante  sah  den  Grund  der  Wirren  und  des  Unglücks  seiner 
Vaterstadt  und  Italiens  nicht  in  dem  oder  jenem  moralischen  Feh- 
ler oder  Sünde,  sondern  in  dem  Mangel  des  wahren,  politischen 
und  socialen  Ber/imeiäs,  welches  die  Sünde  zurechtweisen  oder 
niederhalten  sollte.  Deswegen  wird  in  seinem  Lehrgedicht  der  mo- 
ralische Gesichtspunkt  in  dem  höher  stehenden  politischen  ein- 
geschlossen. Die  Urheber  der  Anarchie  und  somit  des  Irr- 
thums  und  Elends  sind  die  selbstsüchtigen  politischen  Parteien, 
welche  Florenz  und  Italien  ins  Unglück  stürzten,  und  Dante 
ins  Exil  trieben.  Die  drei  Hauptparteien  sind  1)  die  floren- 
tinischen,  nämlich  die  Wei/sen  und  die  Schwarzen,  die  wäe  der 
weils-  und  schwarzgefleckte  Panther  von  gefälligem  Ansehen, 
aber  nach  Katzenart,  falsch  und  tückisch  ihr  Wesen  treiben ; 
2)  die  französische  Partei^  die  gleich  einem  übermüthigen,  ge- 
waltthätigen  Leuen  Florenz,  Italien  und  Dante  einschüchterte, 
aber  einst  von  dem  deutschen  Reichsadler  gedemüthigt  werden 
soll;  3)  die  römische  Partei,  d.  h.  die  weltliche  Macht  des 
Papstthums,  die  gefräfsige  Wölfin,  welcher  der  Veltro  einstens 
das  Garaus  machen  wird.  Diese  Parteien  weit  entfernt ,  die- 
jenigen, welche  ihnen  folgen,  zur  Wahrheit  und  zum  Glück 
zu  führen,  verhindern  vielmehr  jedermann  und  namentlich  Dante 
den  Berg  des  Lichts  und  des  Heils  zu  ersteigen.  Dante  stellt 
den  fränkischen  Leuen  als  übermüthig  und  gewaltthätig,  nicht 
aber  als  eine  gefrä/sige  Bestie  dar;  heifshungrig  ist  nach  ihm 
nur  die  Wölfin.  Deswegen  kann  Dante  vom  Leuen  nicht 
gesagt  haben  con  rabbiosa  fame  (mit  wüthigem  Hunger);  er 
schrieb  ohne  Zweifel  con  rabbiosa  frame  (mit  wüthigem  Schnau- 
ben). Frame  stammt  vom  lateinischen  fremere,  mit  dem  auch 
das  altdeutsche  prihnari  (schnauben,  brüllen)  und  das  griechische 
i5ps[J.$(,v  vei'wandt  sind.  Frame  ist,  wie  andere  Ausdrücke  bei 
Dante,  ein  aTra^  XsYOjxevov ;  tind  weil  es,  als  solches,  nicht  all- 
gemein verständlich  war,  hat  man  ihm  das  gewöhnliche  Wort 
fatne  substituirt.     Dafs  aber  frame  die  richtige  Lesart  sei,  be- 


J^78  Bergmann 

weist,  aufser  dem  volleren  Reime  frame,  hrame,  grame,  beson- 
ders der  Sinn  des  folgenden  Verses.  Das  Schnauben  des 
Leuen  aus  Nase  und  Rachen  war  so  gewaltig,  dafs  die  äufsere 
Luft  dadurch  erschüttert  wurde  und  gleichsam  erzitterte.  Hin- 
gegen wäre  es  eine  wunderbare  Hyperbel,  zu  sagen,  der  im 
Bauche  des  Leuen  wütliende  Hunger  war  so  schrecklich,  dafs 
die  answendige  Luft  davon  erbebte. 

III.  Vers  59—63. 

Che  venendomi  incontro,  a  j^oco  a  poco 
Mi  ripingeva  lä  dove  'l  Sol  tace. 
Mentre  chHo  rovinava  in  basso  loco 
Dinanzi  agli  occhi  mi  si  fu  offerto 
Chi,  per  Lungo  silenzio,  parea  fioco. 

Die  von  Anbeginn  falsch  verstandene  Stelle  erklärt  sich 
einfach  auf  folgende  Weise.  Als  Dante  an  den  Fufs  des 
Moriah  gekommen,  trat  er  aus  der  Finsterni/s  des  Waldes  in 
die  Morgendämmerung  der  aufgehenden  Sonne.  Die  Wölfin 
ängstigte  ihn  aber  so  sehr  auf  seinem  Wege  seitwärts  dem 
Berge  entlang,  dafs  er  allmählig  wieder  in  den  finstern  Wald 
zurückwich.  Hier  zeigte  sich  ihm  aus  der  Ferne  eine  Gestalt, 
die  ihm  durch  die  Entfernung  undeutlich  erschien.  Als  sie 
aber  näher  herantrat,  und  nun  Dante  in  ihr  eine  menschliche 
Gestalt  deutlich  erkannte,  so  rief  er  sie  alsbald  um  Hülfe  an. 
In  den  angeführten  Versen  sind  nur  die  Ausdrücke  sol  tace, 
per  lungo  süenzio  und  fioco  zu  erklären.  In  allen  Sprachfa- 
milieu  sind  die  Ausdrücke ,  welche  das  Leuchtende  und  das 
Tönende  bezeichnen,  der  Bezeichnung  des  Hervorbrechenden. 
entlehnt.  Beweise  hiervon  liegen  zu  hunderten  vor.  Wie  die 
Sprachen,  so  hat  Dante  ein  ähnliches  Sprachgefühl  bewiesen, 
indem  er  sich  die  leuchtende  Sonne  als  sfrechend  (hervorbre- 
chend, glänzend)  denkt,  und  folglich  auch  die  nicht  leuchtende 
Sonne  als  schweigend  bezeichnet.  Der  Sonne  Schweigen  (si- 
lenzio)  ist  also  poetischer  Ausdruck  für  Finsterni/s.  Per  lungo 
silenzio  bezeichnet  die  weite  räumliche  Strecke,  wo  Finsternifs 
herrscht,  und  durch  die  hindurch  Dante  in  der  Entfernung 
eine  undeutliche  Gestalt  erblickt*  Dieses  undeutliche  drückt 
Dante  passend  durch  ßoco  aus.  Fioco  ist  das  deutsche  ßaii 
(schlaff,  schwach),  das  proven^alische  frauc.    Von  einer  Zeich- 


Aus  einem  uiigedr.  Conim.  zu    Dante"s  Commedia  J79 

nung  gebraucht,  drückt  fioco  die  unbestimmten,  undeutlichen, 
nicht  kräftig  gezeichneten  Linien  aus.  Auf  die  Stimme  bezo- 
gen, bezeichnet  das  Wort  die  undeutliche,  nicht  scharf  accen- 
tuirte  Aussprache  und  folglich  bedeutet  dasselbe,  aber  nur  j^er 
caiachresi»,   auCh  bisweilen  Iieiaer. 

Strafsburg,  Februar  1862. 

Prof.   Bernfiuami. 


\S0  Manuel  Mihi  y  Fontaiials 


Jahresberichte/) 

I.    Die  spanische  Nationalliteratur  in  den  Jaliren 
1860  und  1861. 

Es  würde  uns  schwer  fallen,  der  ehrenvollen  Einladung 
zu  entsprechen,  den  Jahresbericht  der  spanischen  Natio- 
nallitcratur  fiir  die  beiden  letzten  Jahre  zu  liefern,  wenn 
wir  eine  Untersuchung  oder  nur  irgend  eine  Anzeige  von 
all  den  Werken  von  grösserem  oder  geringerem  Verdienst, 
welche  erschienen  sind,  geben  niiissten;  denn  in  Spanien 
bemerkt  man,  wie  in  den  iibrigen  Ländern  Europas,  in 
den  Productionen  des  Genies  eine  nivellirende  Tendenz, 
welche  mehr  eine  grosse  Zahl  von  AVerken,  als  etliche 
von  unvergleichlichem  Werth  zur  Folge  hat.  Deshalb 
werden  wir  uns  darauf  beschränken,  von  denen  zu  reden, 
welche  durch  eine  verhältnifsmäfsige  Bedeutung  sich  aus- 
zeichnen und  die  genügen  um  eine  Idee  von  dem  herr- 
schenden Charakter  unserer  Literatur  zu  geben.  Es  ist 
auch  wol  möglich,  dafs  wider  unsern  Willen  einmal  eine 
Auslassung  vorgekommen  ist,  sei  es  weil  unsere  Notizen 
nicht  ganz  vollständig  gewesen  oder  wir  uns  einmal  in 
der  Auswahl  vergriffen  hätten. 

Zu  den  Dichtungsarten,  welche  am  meisten  in  der 
letzten  literarischen  Epoche  geblüht  haben,  gehört  die 
Lyrik,  sowol  wegen  der  natürlichen  Anlage  des  spani- 
schen Genius  für  den  poetischen  Gesang  (canto  poetico), 
wovon  in  unserem  ganzen  Lande,  wie  in  Deutschland,  der 
Samen  ausgestreut  ist,  als  weil  diese  Dichtungsart  am  mei- 
sten den  vagen  poetischen  Bestrebungen  und  der  Beweglich- 
keit der  Geister  entspricht,  die  den  Zeiten,  in  welchen 
wir  leben,  so  eigenthümlich  sind.  Zwar  hat  es,  nach  der 
üppigen  und  ungeordneten  Vegetation,  welche  die  letzte 
Erneuerung  unserer  Literatur   begleitete,  Zwischenzeiten 


')  Wir  beschränken  von  jetzt  an  nicht  mehr  auf  das  letzte  Heft 
die  Mittheilung  der  Jahresberichte,  zumal  der  Raum  desselben,  wie  die 
Erfahrung  gelehrt  hat,  dafür  nicht  ausreicht.        Aiim.  des  Herausij. 


Jaliresberichte.  I.    Spanische  Literatur,   1860—61.  IgJ 

gröfserer  Unfruchtbarkeit  gegeben,  aber  immer  sind  doch 
neue  Dichter  wieder  aufgetreten,  die  entweder  sich  damit 
begnügten,  ihre  Produetionen  auf  den  ephemeren  Seiten 
der  Zeitschriften  auszustreuen,  oder  ihre  losen  Blätter  zu 
einem  Buche  sammelten.  Von  letztern  hat  die  gröfste 
Berühmtheit  nicht  nur  in  Spanien,  sondern  auch  aufser- 
halb ')  zuletzt  das  erlangt,  welches  unter  dem  sonder- 
baren Titel:  Anacreönticas  ä  la  vltima  moda  Jose  Gon- 
zalez de  Tejada  veröfientlichte.  Es  sind  harmlos  (inocen- 
temente)  satirische  Dichtungen,  in  die  schon  vergessene 
Form  der  Anacreontica  des  Villegas  und  Melendez  ein- 
gekleidet: Poesien,  ihrer  Natur  nach  fern  von  jeder  Prä- 
tension und  in  denen  man  keine  andern  Schönheiten 
suchen  darf,  als  Keinheit  der  Sprache,  Leichtigkeit  der 
Ausführung  und  glückliche  Einfälle  eines  muntern  Geistes. 
Es  erschienen  ferner:  Las  veladas  poeticas  von  Ventura 
Ruiz  de  Aguilera,  einzelne  Gedichte  von  verschiedenem 
Inhalt  und  Formen,  w^elche,  nach  den  Proben  zu  urthei- 
len,  die  wir  gesehen  haben,  viel  Sorgfalt  in  der  Aus- 
führung und  eine  ziemliche  Gedrungenheit  in  den  Ge- 
danken zeigen;  sowue  eine  Sammlung  des  cubanischen 
Dichters  Rafael  Mendive,  welche  manche  Gedichte  ent- 
hält, die  sich  durch  Zartheit  des  Gefühls  auszeichnen. 
Grofse  Hofinungen  hatte  der  junge  Dichter  Mouroy  er- 
weckt, welcher  im  Alter  von  18  Jahren  starb;  es  ist  uns 
aber  nicht  bekannt,  dafs  seine  sehr  gefeierten  Versuche 
schon  gesammelt  worden  wären. 

Eine  Begebenheit,  wie  sie  seit  langer  Zeit  Spanien 
nicht  erlebte,  unterbrach  in  ruhmvoller  und  glänzender 
Weise  seinen  gewohnten  Wechsel  glücklicher  lluhe  und 
schrecklicher  Erschütterungen:  ich  meine  den  afrikanischen 
Krieg,  welcher  in  so  wirksamer  Art  das  Nationalgefühl 
erweckte  und  eine  Begeisterung  einflöfste,  die  zu  erregen 
die  schönen  Erinnerungen  unserer  Geschichte  nicht  we- 
niger beitrugen  als  das  Vertrauen  in  eine  Kegieruug,  von 
welcher  man,  auCser  Siegen,  auch  die  Befestigung  der 
politischen  Einrichtungen  und  einer  sittlichen  Verwaltung 

')   M.   Latour  liat   das  Werte    in   <ler  Rcviio  hritanniijuc   l)i'sjirorlien. 


Jg2  Miinuel   Mihi  y  Fontaiials 

erwartete.  Hier  fand  die  Poesie,  sowol  als  Wiederscheiu 
und  Antrieb  der  allgemeinen  Begeisterung  wie  als  Schmuck 
der  liürgerlichen  Festlichkeiten,  einen  fruchtbaren  Gegen- 
stand und  eine  günstige  Veranlassung:  es  wäre  lunnöglich 
die  Myriaden  von  Dichtungen  aufzuzählen,  die  damals 
ofedruckt,  recitirt  und  ücsuno'en  wurden.  Doch  wollen 
wir  eine  der  Sammlungen,  welche  am  meisten  Beifall  fan- 
den, anführen:  es  ist  eins  der  Romanceros  (drei  bis  vier 
kamen  heraus)  vom  afrikanischen  Krieg,  an  welchem 
sich  viele  der  vorzüglichsten  Dichter  der  Residenz  be- 
theiligten, die  den  literarischen  Cirkel  des  Marquis  von 
Molins  besuchen.  *)  Der  nationale  Krieg  wurde  besun- 
gen —  um  mich  der  Worte  des  ersten  Gedichtes,  wel- 
ches diesen  edlen  Poeten  zum  Verfasser  hat,  zu  bedienen: 

eu  los  patrios  concentos 
Que  nuestros  padres  usaron 
Y  resisten  ä  los  siglos 
Mäs  que  obeliscos  y  estatuas  .  .  . 

Und  gewifs,  obwol  die  Romanze  aus  der  Feder  unserer 
Kunstdichter  weit  entfernt  von  der  ist,  welche  ursprüng- 
lich die  Thaten  des  Cid  oder  der  Inftmten  von  Lara 
feierte,  so  wirkt  sie  darum  doch  noch  in  einer  magischen 
Weise  auf  das  Ohr  und  die  Seele  der  Spanier.  Von 
den  Dichtern,  die  dieser  sehr  hübschen  Sammlvuig 
Beiträge  lieferten,  nennen  wir  Antonio  Flores,  Jose 
Amador  de  los  Rios,  Pedro  Madrazo,  Cayetano  Rosell  etc. 
und  aufserdem  Breton  de  los  Herreros  und  Mesonero 
Romanos,  deren  Romanzen  bekunden,  dafs  ihre  komische 
Ader  noch  nicht  erschöpft  ist.  Im  Allgemeinen  er- 
schwerte die  Ausführung  der  Aufgabe,  welche  die  neuen 
Romanzendichter  übernommen  hatten,  der  Umstand,  dafs 
ein  jeder  von  ihnen  eine  bestimmte  und  gleichsam  vor- 
geschriebene Partie  zu  behandeln  hatte ;  und  dies  um  so 
mehr,  als  die  meisten  durch  ihre  natürlichen  Anlagen  und 


1)  Vergleiche    den    vorigen    Jahresbericht    des    Herrn    Amador    de 
los  Rios,  Jahrbuch  Bd.  ITI,  p.  428.  Anm.  des  Herausg. 


Jahresberichte.  I.    Spanistiie  Literatur,   1860—61.  ]83 

Beschäftigungen   mehr    zu    denken    gewohnt    waren,    als 
poetische  Erzählungen  zu  verfassen. 

Die   Academia   de   la   lengua   setzte   auch   Preise  fiir 
die  besten  Gedichte  aus,  welche  die  jüngsten   Siege    der 
spanischen  Waöen   verherrlichten.      Den    ersten,  erlangte 
Joaquin  Jose  Cervino,  und  das  Accessit  Antonio   Arnao. 
Das  Gedicht  des  Herrn  Cervino,  in  3   Büchern   und  mit 
einer  Einleitung,  führt  den  Titel:  La  nueva  guerra pünica. 
Man  bemerkt  sogleich  das  übertriebene  Bestreben,  im  Gang, 
Ton  und  Apparat  die  klassischen  Epopöen  der  letzten  Jahr- 
hunderte nachzuahmen.     Da   der   Dichter   die   Schwierig- 
keit erkannte ,  die   zeitgenöi'sischen  Erfolge  zu  idealisiren, 
so  hat  er  sich  nicht,  wie  er  hätte  thun  sollen,   damit  be- 
gnügt,   sie   von  ihrer   poetischsten  Seite   und   durch   Au- 
knüj^fung  an  die  geschichtlichen  Erinnerungen  zu  zeichnen, 
sondern   sie    auch    durch    eine     ausgesuchte    dichterische 
Beredsamkeit    ausschmücken     wollen.        So    werden    die 
einfachsten  Dinge  mit  den   studirtesten   Umschreibuno-cn 
benannt;    so    findet  sich  eine    U eberfülle   von   Epitheten, 
nicht    allein     von     wohltönenden  ,      sondern     auch     von 
lautschallenden,  -und  es   mangelt    nicht   an  neugebildeten 
Wörtern   (palabras  compuestas)  und  Latinismen,  so  dafs 
nicht  blofs  die,  welche  au   einer  so   übertriebenen  Kultur 
des  Stils    wenig   Gefallen   finden,   ermüdet  werden,    son- 
dern   auch   viele   der   Leser    ganz    im   Unklaren    bleiben 
müssen.     Wenn  es  möglich  wäre,    dieses   Gedicht  seines 
pomphaften  Gewandes  zu  entkleiden,  ohne  ihm  das  Feuer 
und  die  Bcgeistemmg,  die  es  athmet,  zu  nehmen,  so  zwei- 
feln wir  nicht,  dafs  seine  Leetüre  eine   bessere  Wirkun«- 
machen  würde,  und  ihm  die  bittere,  obgleich  nicht  unbe- 
gründete Kritik  eines  Schriftstellei's  ersjiart  worden  wäre, 
der  das  Gedicht  in  der  Absicht  zerlegte ,  kein  Glied   an 
ihm  ganz  zu  lassen  und  das   ästhetische    Urtheil  unserer 
Akademiker  in  keinem  sehr  ehrenvollen  Lichte  zu  zeio-en. 
—  Das  gekrönte  Werk  des  Herrn  Arnao   haben  wir  uns 
nicht  verschafl'en  können,  aber  nach  dem  was  aus  seinen 
früheren   Productionen   geschlossen   werden   kann,    ist   es 
nicht  möglich,  dafs,   möchte  er  sich  auch  noch  so   ange- 
strengt haben,    er   in   einem   ähnlichen    Stile   geschrieben 


3^34  Maiuu-l  Mila  y   Koiitaiials 

hätte.  Was  die  Dichtungen  anbelangt,  welclie  eine  ehren- 
volle Erwähnung  erhielten  vnid  die  Akademie  auf  ihre 
Kosten  druckte,  die  der  Herren  Baron  de  Andilla,  Jose 
Maria  Kuiz  de  Soniavia,  Antonio  Apariei  Guijarro,  Ma- 
nuel Agustin  Principe,  Julian  Kornea  und  Ilaimundo 
Miguel,  so  bemerkt  man  in  den  meisten  auch,  obgleich 
nicht  in  so  hohem  Grade  als  bei  Cervino,  ein  übertriebe- 
nes Streben  nach  Redeprunk.  Dies  ist  fürwahr  die  vor- 
herrschende Tendenz  vieler  unserer  Lyriker.  Um  die 
Fehler  des  Pseudo-Romanticismus  zu  vermeiden,  hat  man 
geglaubt,  zur  Nachahmung  unserer  alten  Klassiker,  na- 
mentlich Herrera's,  sowie  zu  gleicher  Zeit  des  modernen 
Quintana,  seine  Zuflucht  nehmen  zu  müssen;  abgesehen 
davon,  dafs  man  vor  allem  Lärm  und  Pracht  (ruido  y 
hoato)  in  der  Versification  schätzte,  wozu  auch  ein  über- 
triebenes System  einer  schwülstigen  Declamation  beitrug, 
welche  viele  Jahre  in  Mode  gewesen  ist. 

Der  maroccanische  Feldzug  ist  auch  in  Prosa  erzählt, 
vmd  fast  könnten  wir  sagen,  bcsunfien  worden.  Die  Er- 
zählung, welclie  den  meisten  Beifall  fand,  ist  die  von 
Pedro  Antonio  de  Alarcon  unter  dem  Titel:  Diario  de 
wi  testig 0  de  la  guerra  de  Africa,  herausgegebne,  welche 
sich  durch  besondere  Vorzüge  empfiehlt,  vmter  andern 
durch  den,  dafs  ihr  Verfasser  Augenzeuge  der  Thaten 
und  Theilnehmer  der  Strapatzen  des  Feldzugs  war.  Es 
wäre  schwierig  eine  vollkommene  Idee  von  diesem  Buche 
zu  geben,  das  ein  Mann  von  vielem  Talente  verfafste, 
dessen  Anlage  aber  manche  Analogie  mit  der  poetischen 
Schvde  zeigt,  die  wir  eben  zu  charakterisiren  versuchten: 
Begeisterung,  Ideen,  Gabe  zu  schildern,  all  das  ist  in 
Fülle,  ja  in  Ueberfülle  in  dieser  belebten  Erzählung  vor- 
handen, nur  die  Oekonomie  und  Einfachheit  fehlen  darin. 
Und  doch  verkennt  der  Verfasser  nicht  den  Zauber  des 
Einfachen  imd  des  Ursprünglichen,  wie  er  in  dem  KajDitel 
der  „ AVeihnacht "  beweist,  in  welchem  er  die  gute 
Idee  hatte  einige  improvisirte  gefühlvolle  Aeulserungen 
/cxprcsioncs  sveltas  y  sentidas)  aufzuzeichnen,  die  er 
ajifs  Geradewohl  in  den  L^nterhaltungen  der  Soldaten 
sammelte,    in    einer    Weise    die    uns    an     einen    andern 


Jalll•e^beril■ht^:  I.    Spanische  Literatur,    ISGO— 61.  ISf) 

Schriftsteller   erinnert,    der    uns   auch   von    dem  afrikani- 
schen Feldzug  berichtet  hatJ) 

Dieser  hat  in  der  That  eins  jener  Werke  hervorgeru- 
fen, zu  welchen  unsre  Literatur  sieh  immer  besonders 
Gli'ick  wünscht,  ein  Werk  dessen,  der  auch  in  unsern 
Zeiten  einige  neue  Ansichten  der  Natur  und  des  Lebens  zu 
ergreifen  und  zu  malen  verstanden,  gewisse  pessimistische 
Theorien  über  die  Zukunft  der  Poesie  Lüo-en  o-estraft 
inid  die  sehr  seltene  Vereinigung  der  grölsten  Seelenrein- 
heit und  des  höchsten  poetischen  Fluges  gezeigt  hat  — 
Feman  Caballero's  meine  ich,  in  Deutschland  schon  wohl 
bekannt  und  in  dieser  selben  Zeitschrift  von  einem  Mei- 
ster beurtheilt.  Es  handelt  sich  hier  nicht  um  eins  seiner 
Werke  von  gröfserem  Gewicht,  denn  Las  deudas  pagadas 
sind  in  Vergleich  mit  andern  Productionen  desselben  Au- 
tors nichts  weiter,  als  was  die  Franzosen  eine  hluettc 
nennen,  oder  nach  den  Worten  des  Novellisten  selbst: 
„einige  lose  Blätter  aus  dem  Archiv  der  Wahrheit  ge- 
nommen und  ein  paar  Blumen  aus  dem  immer  frischen 
Kranze  der  Tradition,  um  eine  Sammlung  zu  bilden,  in 
welcher  mir  nichts  gehört  als  der  Faden,  der  sie  ver- 
bindet."-) Man  sieht,  dafs  Fernan  Caballero,  wie  immer, 
mehr  Porträtist  als  Maler  sein  will,  und  diesmal  ohne 
Zweifel  um  so  absichtlicher,  als  viele  der  Begebenheiten 
die  er  uns  erzählt,  Anekdoten  aus  dem  zeitgenössischen 
Kriege  sind.  Juan  Jose,  ein  Bauer  aus  Bornos,  „einem  der 
Orte,  welche  wie  Zweige,  die  ihren  Saum  einfassen,  die 
Sierra  von  Honda  trägt",  ein  Landmann,  „welcher  nie  im 
Leben  zu  einem  Armen  ein  « wcifs  Gott,  ich  kann  nicht  » 
(im  perdone  V.  por  Dios)  gesagt  hatte",  und  seine  gute 
Frau  Maria  nehmen  einen  sterbenden  Schnitter,  sein 
Weib  und  seinen  Sohn  Miofuel  auf.  Nach  dem  Tode  der 
Eltern,  lebt  dieser  in  dem  Hause  und   wird  ganz    ebenso 

')  Herr  AiariU)ii  hat  später  ein  anderes  historiseh -beschreibendes 
Werk  veröttentlicht:  De  Madrid  d  Napoles,  viaje  de  recreo  realizaJo 
iliirante  la  f/aerra  de  ISGO  y  et  sitio  de  Gaetn  de  1861. 

^  Algunas  hojas    sueltas  toniadas    del    arthivo  de    la  verdad  y  al- 
t^iinas    rtores  del   sienipre  freseo   herbolario   de   la  tradieion   para  fnrninr 
nn   eonjinito   en   qiie  nada   hay    niio   sino   el   liilo   que   las  inie. 
Jahrli.   f.   roiii.   ii.  i-iigl.    \A\.     W .    •.'.  1  •.> 


Jgg  Manuel  Mihi  y   Fontaiuils 

als  die  beiden  Kinder  des  Bauern,  Gaspar  und  Catalina, 
behandelt.  Er  bezahlt  seine  Schuld,  indem  er  Gaspar 
als  Soldat  vertritt,  aber  da  ihn  zugleich  dasselbe  Ijoos 
trift't,  mufs  auch  Gaspar  in  den  Dienst  treten.  Jjeidc 
zeichnen  sich  im  afrikanischen  Kriege  aus.  Juan  Jose 
selbst  macht  ihn  mit,  denn  statt  in  Malaga  oder  Jerez 
Aepfel  zu  verkaufen,  zieht  er  mit  ihnen  in  die  Berberei. 
Gaspar  kehrt  verwundet  zuriick,  aber  alles  endet  glück- 
lich, indem  mit  der  nationalen  Freude  sich  durch  die  Ver- 
bindung Miguels  und  Catalinas  die  der  Familie  vereint. 
—  Diesen  sehr  einfachen  Gegenstand  behandelt  der  No- 
vellist mit  der  gewohnten  Treff'lichkeit :  Sittenschilderun- 
gen,  treflende  Nachahmung  der  Sprache  des  Volks 
(imitaciones  expresivas  del  habla  populär),  Erinnerungen 
poetischer  Ueberlieferungen  i),  glückliche  Landschaftsljil- 
der,  kindliche  Einfcälle,  religiöses  und  nationales  Gefühl, 
alles  das  findet  sich  in  dieser  neuen  Erzählung  Fernan 
Caballero's  wieder  und  zwar  glücklich  verknüpft. 

Indem  wir  zu  den  kleineren  Poesien  zurückkehren, 
finden  wir  noch  mit  besonderer  Vorliebe  die  naive 
(inocente)  Gattung  der  Fabel  cultivirt,  empfehlenswert!! 
wie  alles,  was  strebt  das  Gebiet  der  guten  Poesie  zu  er- 
weitern und  sie  mit  gesunden  praktischen  Ideen  zu  ver- 
binden, aber  höchst  schwierig,  theils  weil  sie  der  Reize 
entbehrt,  welche  die  andern  Gattungen  mit  sich  zu  führen 
pflegen,  theils  weil  sie,  bei  dem  geringsten  Fehltritt,  in 
das  Kindische  oder  Pedantische  gerathen  kann.^)  Wir 
müssen  hinzufügen,  dafs  manche  von  denen,   welche   die- 


^)  Der  Ci/entos  y  j)oesias  iiopuhircs  de  Andalucia  habe  ich  hier 
nicht  zu  gedenken  [siehe  darüber  unser  Jahrbuch,  Bd.  III,  p.  20'J  fl". 
Anm.  des  Neratisg.']:  nur  glaube  ich,  dafs  man  heute  eine  übertriebene 
Wichtigkeit  den  Coplas  und  Liedern  (cantares)  von  4  Versen  beizu- 
legen strebt,  einer  Art  von  Epigrammen,  mitunter  sehr  interessant  für 
das  Studium  des  Nationalcharakters  durch  das  Geistreiche  des  Gedan- 
kens und  die  Zartheit  des  Gefühls,  die  aber  oft  auch  viel  mehr  nach  der 
Kaserne  oder  der  Barbierstuhe  schmecken,  als  wahrhaft  volksthümlich 
sind.  —  Bei  dieser  Gelgenheit  sei  noch  erwähnt,  dafs  der  junge  Au- 
gusto  Ferran  unter  dem  Titel  Soledad  einige  dieser  Lieder  gesammelt 
hat,    die  er  aufserdem  mit  Geschick  nachahmte. 

")    In  Miguel  de  los  Santos    Alvarez ,    einem  der   Talente,    welche 


Jahresberichte  I.    Spanisclie  Literatur,   18G0— Gl.  ^s7 

ser  Dichtung  sich  bei  uns  gewidmet,  ihrer  Einljildungs- 
kraft  geringen  Schwung  gegeben  haben,  indem  sie  die 
verschiedenen  Formen  des  Apologs  aufzusuchen  unter- 
lielsen  und  mit  einer  iibertriebencn  Treue  der  Weise  des 
Samaniego  folgten. ')  Miguel  Agustin  Principe  hat  so- 
eben eine  Sammlung  von  IrX)  veröffentlicht:  wenn  schon 
sehr  zu  riihmcn  ob  der  Maunichfaltigkeit  des  Inhalts  und 
der  Sorgfalt  der  Ausfiihrung,  zeigt  sie  dennoch  im  All- 
gemeinen nicht  jene  Vortrefflichkeit,  die  nöthig  wäre  die 
Dichtungsart  zu  verjüngen  und  damit  eine  so  umfäno-- 
liche  Sammlung  auch  Personen  von  heiklerem  Geschmack 
mit  Vergnügen  durchlesen  könnten ,  welche  andererseits 
allerdings  nicht  die  Mehrzahl  der  Leser  bilden,  für  wel- 
che Werke  dieser  Gattung  bestimmt  sind.  Trotzdem  dafs, 
wie  Herr  Principe  bemerkt: 

Unos  quieren  la  fäbula  concisa 

Y  otros  huelga  le  dan  un  tanto  cuanto, 

ohne  den  einen,  oder  den  andern  Recht  zu  geben,  denn: 

En  materias  de  tortas  como  en  todo 

Lo  bueno  esta  en  la  esencia,  no  en  el  modo, 

Y  en  consecuencia  estoy  por  los  mejores; 

trotzdem  wäre  eine  fast  ejoigrammatische  Präcision  der 
wortreichen  Weitläufigkeit  vorzuziehen,  die  er,  in  der 
Weise  vieler  Andern,  sich  in  manchen  seiner  Fabeln  er- 
laubt. —  Herr  Principe  begleitet  seine  Sammlung  mit 
einem  gelehrten  Prolog  über  die  Dichtungsart,  von  wel- 
cher er  so  viele  luid  so  schätzbare  Proben  darbietet;  in 
demselben  spricht  er   mit  Vorliebe  von   der  ernsten   Fa- 


in  unserer  Epoche  durch  Mangel  der  Zucht  zu  Grunde  gegangen  sind, 
oder  doch  heinahe,  finden  wir  auch  oinen  geistreiclien  Parodirer  die- 
ser Dichtnngsart,  wie  man  in  dem  folgenden  Beispiel  sieht,  das  liöf- 
lifher  als  andere  : 

ün  gato  y  un  raten  se  eonvenieron 

Y  reciprocamcnte  se  comieron. 

Efectüs  de  la  gula,  ä  lo  que  creo , 

De  que  dehes  huir,  o  Timoteo. 
')  Vergleiche  den  vorigen  Jnhresherielif,  Bd.  III,  p.  4.27. 

Aitm.  den  HernvMj. 

13* 


jgg  .Maimcl  Mila   y   For.taiKils 

bei,  einer  seines  Erachtens  weniger  als  es  sein  sollte, 
cultivirten  Species;  sein  Werk  schliefst  mit  einer  dialo- 
gisirten  Metrik,  der  Frucht  eines  gründlichen  und  tie- 
fen Nachdenkens  über  diesen  Gegenstand. 

Juan  Eugenio  Hartzenbusch,  der  seine  Liebe  zu  der 
Fabel  schon  durch  eine  1S48  veröftentlichte  Sanunlung 
bewies,  hat  neuerdings  zwei  köstliche  Bändchen  unter  den» 
Titel:  Ouentos  y  fäbiilas^  herausgegeben,  worin  er  die 
moralische  Erzählung  in  mannichfacher  Gestalt  darbietet. 
Unter  den  Erzählungen  räumen  wir  in  Betreff  des  literari- 
schen Verdienstes  derjenigen  den  ersten  Platz  ein,  welche 
ihn  auch  materiell  in  der  Sammlung  einnimmt:  sie  ist  be- 
titelt: La  hcrmosura  por  castigo^  eine  unsrer  Meinung 
nach  ganz  originelle  Conception  und  ein  wahres  Muster 
der  so  erstrebten  luid  selten  realisirten  symbolischen 
Poesie.  Der  Erzähler  nimmt  an,  dafs  die  sehr  schöne 
Tochter  Theodosius  des  Grofsen,  Pulcheria,  von  Geburt 
blind,  durch  Vermittlung  ihrer  seligen  Mutter  das  Gesicht 
später  wieder  erlaugte,  jedoch  mit  der  Bedingung,  nicht 
zu  sehen,  was  sie  am  meisten  liebt,  welches  denn  als  ihre 
eigene  Schönheit  sich  ergibt.  Die  Leiden,  welche  sie  er- 
diddet,  w^eil  sie  diese  so  gefeierte  Gabe  nicht  betrachten 
kann,  ihre  Kämpfe  und  ihr  Sieg,  der  letzte  Augenblick 
ihres  Lebens,  wo  sie  die  Geschichte  ihrer  körperlichen 
Schönheit  Jahr  für  Jahr  betrachtet,  und  das  glänzende 
Bild  ihrer  Seele  die  bereit  ist  die  Palme  ihres  morali- 
schen Märtyrerthums  zu  empfangen,  bilden  die  einfachen 
Verwickelungen  dieser  in  köstlichster  (deliciosisima)  Prosa 
geschriebenen  Erzählung.  —  Dieselbe  Sammlung  enthält 
aufserdem:  La  Reina  sin  nomhre^  eine  westgothische 
Chronik,  eine  wahre,  obgleich  nicht  sehr  ausgedehnte 
Novelle  von  höchstem  Interesse,  welche  tiefe  historische 
Studien  voraussetzt.  Sie,  wie  drei  andere  Erzählungen, 
die  darauf  folgen:  Mariquita  la  pelona  in  der  S^Drache 
des  15.  Jahrhunderts,  Miriatn  la  trasquilada  im  bibli- 
schen Stile  (mitgetheilt,  wie  angenommen  wird,  von  einem 
Israeliten  Gibraltars),  und  Dona  Maria  Ja  pelona^  deren 
Biographie  ein  Brief  erzählt,  welcher  als  von  einem  Nach- 
kommen dieser  modernen  Heroine  geschrieben  fingirt  wird. 


Jaliresberii-hte  I.    Spanische  Literatur,   18G0  — Gl.  189 

handeln  von  der  Geschichte  eines  schönen  Weibes,  dem 
das  Haar  abgeschnitten  wird,  durch  die  Volkssage  von 
dem  neapolitanischen  Mädchen  ursprünglich  veranlafst. 
Eine  andere  Erzählung,  welche  auf  eine  Tradition  an- 
derer Art  sich  zu  gründen  scheint,  ist:  La  carcajada 
contagiosa^  worin  der  Dichter  den  guten  und  armen  Cer- 
vantes schildert,  wie  er  durch  sein  einsames  Gelächter 
eine  seiner  Schwestern  in  Sorge  versetzt,  die  einen  Arzt, 
einen  Pfarrer  und  andere  Personen  herbeiruft,  welche 
dann  einer  nach  dem  andern  von  der  Manie  zu  lachen 
angesteckt  werden,  als  sie  einige  Seiten  des  Don  Quijote 
lesen  hören.  ^)  Aufser  diesen  und  andern  hübschen  Er- 
zählungen enthält  die  Sammlung  des  Herrn  Hartzenbusch, 
wie  ihr  Titel  verhelfst,  auch  eine  Reihe  von  Fabeln, 
unter  denen  manche  mehr  Picantes  und  Neues  enthält 
als  andere  ähnliche  Werke.  Als  geistreich  sind  vornehm- 
lich anzuführen :  La  disjJuta  entre  el  metro  y  la  vara  und 
die  Invencion  del  circido  (welche  man  einem  Esel  ver- 
dankt, der  einen  Baum  umkreist  an  dem  er  angebunden  ist), 
sowie  wegen  der  Zartheit  des  Gedankens :  La  lämpara. 
de  la  torre^  worin  ein  in  das  Vaterland  heimkehrender 
Reisender  mit  Kummer  an  der  Stelle  einer  ewigen  Lampe 
eine  grofse  mit  Gas  erleuchtete  Uhr  findet.^) 

Zu  der  Klasse  der  moralischen  Erzählungen  gehören 
auch  die  Cuentos  von  Antonio  de  Trueba.  Dies  ist  ein 
Name,  schon  vortheilhaft  bekannt  durch  sein  libro  de  los 
cantarcs^  Dichtungen  im  Volkston,  worin  Trueba  ein  Lied 
(cantar)  oder  eine  Copla  von  solchen,  welche  im  Munde 
des  Volkes  sind,  zum  Estribillo  nimmt.  ^)     Als  diese  Ge- 

')  Der  junt;o  draniatiscln'  Dicliter  Sierra  hat  dieser  Erzähhuig  den 
Stoff  zu  einer  Zarzuela  entnommen:  El  loco  de  la  guardilla,  welche  den 
besten  Erfolg  gehabt  hat;  in  ihr  führt  er  Lope  de  Vega  ein  und  läfst 
einen  äufserst  höflichen  und  respectvollcn  Dialog  zwischen  den  beiden 
grofsen  Genien  stattfinden,  deren  Beziehungen,  wie  bekannt  ist,  nicht 
so  cordial  waren,  als  nian  auf  Grund  der  verehrlichen  Autorität  die- 
ser Zarzuela  denken  könnte. 

'-*)  Seiner  eigenen  Samnihuig  liat  Herr  llart/A'iilnisrh  nmli  einige 
epigrammatische  Erzählungen,  entlehnt  einem  Manuscripte  des  hen'ihni- 
ten  klassischen  Sonettisten  Sevillas,  Juan  de  Arguijo,  beigefügt. 

■')  Vergleiehe  den  vorigen  .laliresberieht,  Bd.  III,  p.  43o   f. 

Aiim.,  'les   [hiau»(j. 


J90  Manuel  Mila  y  Funtanais 

sänge  veröil'eutJiclit  wurden ,  entdeckte  man  eine  mehr 
oder  weniger  entfernte  Verwandtschaft  zwischen  Fernan 
Caballero  und  dem  jungen  Dichter.  Die  Aehnlichkeit  ist 
grölser  geworden,  zvnn  wenigsten  in  der  Form,  seitdem 
Trucba  Jürzählungcn  in  Prosa  zu  verfassen  unternommen 
hat.  Vielleicht  ist  es  für  seinen  definitiven  literarischen 
Ruf  nicht  das  Richtigste  gewesen  eine  Dichtungsart  auf- 
zugeben, die  er  zu  der  seinigen  gemacht  hatte  und  mehr 
mid  mehr  noch  verbessern  konnte,  indem  er  sie  erhob 
und  von  allem  vulgären  Beigeschmack  reinigte;  aber  sei 
dem  wie  ihm  wolle,  man  kann  nicht  umhin  ihn  auch  auf 
diesem  neuen  Wege  zu  ermuntern,  den  er  mit  so  vielem 
Erfolg  und  Beifall  eingeschlagen  hat  und  auf  dem  er  ohne 
Zweifel  eine  gröfserc  Zahl  Anhänger  gewinnen  wird  und 
so  viel  Gutes  wirken  kann.  Wir  wollen  nicht  von  den 
Cuentos  de  color  de  rosa  reden,  da  sie  nicht  der  Periode 
angehören,  die  wir  untersuchen,  sondern  nur  von  den 
Cuentos  campesinos ^  welche  zuletzt  erschienen  sind.  Es 
ist  dies  eine  sehr  empfehlenswerthe  Sammlung,  welche 
von  allen,  die  die  gute  Leetüre  lieben,  mit  Genufs  gele- 
sen werden  wird.  Auch  in  den  Fällen  wo  man  den 
Schriftsteller  nicht  bewundert,  mufs  man  den  Menschen 
achten.  Trueba  ist  ein  Dichter,  welcher,  um  seine 
Schöpfungen  schöner  zu  machen,  bemüht  ist^  seine  Seele 
zu  verschönern,  und  daraus  entspringt  in  seinem  AVerke 
ein  Geist  des  Wohlwollens  und  der  Heiterkeit,  welcher 
bezaubert.  Es  finden  sich  aufserdem  gut  ausgewählte 
und  gut  co])irte  Landschaften,  gut  beobachtete  Charak- 
tere, glückliche  Dialoge,  formvollendete  Seiten.  Trotz- 
dem aber  fehlt  in  dem  Ganzen  (conjunto)  Fülle,  Kraft 
und  Leben;  mitunter  zeigt  sich  ein  etwas  willkürlicher 
und  schmachtender  Humor,  und  die  Digressionen  wozu 
der  Dichter  neigt,  scheinen  einen  Mangel  an  Mitteln  zu 
bekunden.  Wie  dem  auch  sei,  bei  allen  ihren  Unvoll- 
konuncnheiten  und  aller  Anspruchslosigkeit  bereichern 
doch,  glauben  wir,  Sittenstudien  dieser  Art  die  Kunst 
mehr,  als  viele  rein  phantastische  Constructionen,  die 
nicht  auf  dem  Gefühl,  noch  auf  der  äufsern  Wirklichkeit 
beruhen.       AuCser    drei    Erzählungen    enthält    die    kleine 


Jahrcsbericlite  I.    Spanische  Literatur,   18G0 — 61.  191 

Sammlung  eine  Art  von  Aesthetik  in  nuce  im  Wege 
von  Beispielen  und  eine  geistreiche  und  vollkommen  ent- 
wickelte Allegorie  in  Betreff  der  Leitung  der  Wasser  des 
Lozoya  nach  der  spanischen  Residenz. 

Auch  der  Roman  (la  novela  de  mayores  dimcnsiones) 
wird  bei  uns  noch  cultivirt  und  an  die  Stelle  der  unend- 
lich langen  französischen  Erzählungen,  mit  denen  wir 
überschwemmt  waren,  treten  andere  von  spanischen  Ver- 
fassern, welche  jenen  jedoch  aufserordentlich  gleichen 
(se  asemejan  demasiadamente).  Grofs  ist  die  Zahl  der 
Schriftsteller  auf  Accord,  welche  mit  dem  Titel  historischer 
Romane  (novelas  histöricas)  ihre  Improvisationen  schmü- 
cken, zu  deren  Vollendung  einige  Auszüge  aus  einer 
alten  Chronik,  welche  mit  profaner  Hand  durchblättert 
wird,  genügen  mit  einem  Zusatz  einiger  Gemeinplätze  von 
unglücklichen  Liebenden,  einem  Feudaltyrannen,  Astro- 
logen u.  s.  w.  Wir  wollen  unter  die  Zahl  dieser  Dutzend- 
Erzähler  Manuel  Fernandez  y  Gonzalez^)  nicht  rechneu, 
einen  fruchtbaren  Romanschreiber  (novelista),  von  dem  wir 
Ladamade  nochc  kennen,  die  neuerdings  erschien.  Pur 
manche  Leser  und  auch  manche  seiner  Nebenbuhler  ist 
dieser  Schriftsteller  das  Ideal  dieser  Dichtungsart.  So  sagte 
eine  gewisse  Romanschriftstellerin  in  dem  Prospecte  eines 
ihrer  Werke,  dafs  unser  „novelista  historiador"  Villoslada 
sei  (der  Verfasser  von  Bianca  de  Bovboii)^  unser  „nove- 
lista pensador"  Fernan  Caballero,  unser  „novelista  poeta" 
dan-ecren  Fernandez  y  Gonzalez.  Ohne  auf  die  Worte 
dieser  Classification  schwören  zu  wollen,  unterliegt  es 
doch  keinem  Zweifel,  dafs  Fernandez  y  Gonzalez  keine 
gemeinen  Fähigkeiten  für  die  Dichtung  hat,  die  er  culti- 
virt, und  dafs  wenigstens  alle  die,  für  welche  diese  Art 
von  Leetüre  verführerisch  ist,  wenn  sie  die  ersten  Seiten 
der  „Dame  der  Nacht"  lesen,  die  folgenden  verschlingen 
und  sich  beeilen  werden,  die  letzten  zu  erreichen.  Zu  be- 
zweifeln aber  ist,  dals  mit  gleichem  Interesse  die  Leetüre 
wiederholt  werde,  wie  es  mit  den   Werken   geschieht,   in 


')  Vergleiche  über  diesen  DieiUer  den  vorii,'en  Jahresbericht,  P.d.  III, 
1).  -124,  42(;  f.  und  ioX.  Anm.  (/t-s  HcndiH'/. 


\C)2  Manuel  Mila  y   Funtanais 

welchen,  nach  Befriedigung  der  ersten  Neugier,  noch 
etwas  zu  h'rnen  "oder  etwas  das  der  Leser  sich  anzu- 
eignen wünscht,  übrig  bleibt.  Die  Duma  de  noche  ist 
nicht  Fernandez  y  Gonzalez'  Meisterstück,  nach  dem  Ur- 
theil  eines  Anhängers  dieses  Schriftstellers.  Von  den 
ersten  Seiten  an  sieht  man,  dafs  er  sich  bemüht  hat  die 
von  ihm  cultivirte  Dichtungsart  zu  hispanisiren:  dieScene  ist 
in  Madrid,  die  zu  Grunde  liegenden  Sitten  sind  modern  und 
spanisch,  und  die  Handlung  verflicht  sich  mit  Ereignissen 
die  auf  unsern  -Antillen  vorfielen.  Die  ersten  Scenen, 
worin  der  Erzähler  und  theilweise  Held  des  Romans  auf 
einem  Schaugerüst  die  geheimnifs volle  Dame  sieht,  von 
der  in  räthselhaften  Ausdrücken  sein  kürzlich  aus  fernen 
Ijändern  angekommener  Freund  Luis  zu  ihm  sj) rieht,  ein 
Stelldichein  beim  Mondschein,  die  Begegnung  mit  einer 
ebenfalls  mysteriösen  Bettlerin  in  einer  Schenke  (ermita)^ 
.von  deren  Schicksal  man  sogleich  ahnt,  dafs  es  mit  dem 
der  „Dame  der  Nacht"  verknüpft  ist  —  diese  Scenen 
bieten  jenes  anziehende  Helldunkel  zwischen  dem  Wirk- 
lichen und  dem  Phantastischen,  welches  die  Erzählungen 
Hoffmann's  auszeichnet.  Später  kommen  die  Auflösimgen, 
womit  man  ebenso  schwer,  als  mit  der  phantastischen  Partie 
sich  abfinden  wird.  Da  ist  vor  allem  ein  Neger  (welcher  bei- 
läufio;  ij;esagt  zu  einer  sehr  bemerkenswerthen  Beschreibung; 
des  socialen  Zustands  der  afrikanischen  Völkerschaften 
die  Veranlassung  gibt),  ein  Häuptling  eines  Stammes, 
Verlobter  und  Liebhaber  einer  Prinzessin  seiner  Farbe, 
dann  ein  civilisirter  Mensch,  der  sich  urplötzlich  in  eine 
Schifibrüchige  verliebt,  die  er  für  todt  hält,  welcher  un- 
geheuere Keichthümer,  ihr  ein  Pantheon  zu  errichten, 
verschwendet,  hernach  in  den  Dienst  der  Mutter  der 
vermeintlich  Verstorbenen  wegen  ihrer  Aehnlichkeit  mit 
dieser  (por  simpat'ia  de  jigura)  tritt,  und,  ohne  dafs  sie  es 
ahnt,  dem  Rauben  und  Morden  sich  ergibt  um  ihr  den  Unter- 
halt zu  verschafien  u.  s.  w.  —  eine  Erfindung ,  welche  die 
weitesten  Grenzen  derRomanlicenz  überschreitet.  Der  Stil 
des  Herrn  Fernandez,  welcher  stellenweise  der  Kraft  und 
blendenden  Glanzes  nicht  ermangelt,  ist  andrerseits  doch 
dem  der  französischen  Schriftsteller  ähnlich  genug,  auch 


Jahresberichte  I.    Spanische  Literatur,   18G0— Gl.  193 

fehlen  nicht  die  häufigen  Alineas,  welche  die  Speculation 
der   Feuilletonschreiber  eingeführt    hat.      Nach    der    Ge- 
wohnheit  dieser  Novellisten,   einer    Gewohnheit  die   man 
auch  bei  Fernan  Caballero  bemerkt,  ist  in  der   Dania  de 
noclie  ein  Ueberflu/s  an  Schrecklichem;  der  Verfasser  ge- 
fällt sich  darin,  uns  hören  zu  lassen: 
orribili  favelle, 
Parole  di  dolore,  accenti  d'ira; 
ohne    jedoch   den   tiefen    sittlichen   Sinn   des   Autors    der 
„Familie  von  Alvareda"  zu  haben;  gliicklicherweise  erin- 
nert aber  nichts  an  die  Verdorbenheit  des  Gefühls,  welche 
bei  manchen  Romanschriftstellern    des   benachbarten  Kai- 
serreichs so  abstöfst.  ^) 

Unter  den  poetischen  Werken  höherer  Natur  ist  das 
Drama  der  Liebling  unserer  Genies  gewesen,  und  hat 
im  Allgemeinen  die  bemerkenswerthesten  Schöpfungen 
hervorgebracht.  Die  geringe  Schwierigkeit  die  Muster 
zu  Studiren,  indem  man  die  anziehenden  Blätter  unserer 
alten  dramatischen  Sammlungen  durchläuft  oder  den  thea- 
tralischen Vorstellungen  beiwohnt,  und  die  Ehre  sowie 
der  Vortheil,  welche  die  dramatischen  Werke  mehr  als 
irgendein  anderes  bieten,  wenn  sie  von  dem  Publikum 
einigermafsen  gimstig  aufgenommen  werden,  sind  wahr- 
scheinlich die  Ursache  der  genannten  Vorliebe.  Das 
spanische  Drama  unserer  Epoche  war  in  seinem  Ursprung 
ein  zwitterhaftes  Erzeugnifs  des  alten  Nationaldramas 
und  des  monströsen  modernen  französischen  Theaters. 
Man  hat  es  allmählich  mehr  und  mehr  gereinigt,  indem 
man  den  spanischen  Fonds  bewahrte,  mit  welchem  man 
jiie  leicht  assimilirbaren  Elemente  anderer  Theater  com- 
binirte.  Sowohl  wegen  der  Verirrungen  des  Gefühls  und 
der  Einbildungskraft,  als  wegen  ihrer  Unbühnenmäfsigkeit 
würden  jetzt  viele  Dramen  zurückgewiesen  werden,  welche 
uns  vor  25  Jahren  begeisterten.    Jetzt  verfährt  man  bes- 


')  Fernandez  y  Gonzalez,  der  bieh  aiieli  im  Drama  auszeichnet, 
beschenkte  das  Theater  18G0  mit:  Deudas  de  la  cunciencia,  dianid  tid- 
•/ifo  Oll  ■')  arid»  1/  en  rerf-n,  worin  er  die  Wirkungen  des  väterlichen 
Fluchs   auf  die   Kimlcr   der   Schuldi^i'u   darziistrlleu    imtcvnininit. 


194  Mumicl  Mihi  y  ln)iitaiiuls 

scr  in  der  Anordnung  der  Handlung:  nicht  dafs  man  je- 
nen natürlichen  und  innerlichen  Zusammenhang  erstrebte, 
welcher  die  verschiedenen  Situationen  in  manchen  Dramen 
des  grol'sen  englischen  Tragikers  verkniipt't,  als  viel  mehr 
nur  das  geschickte  und  geistreiche  Gewebe,  welches  von 
unsern  alten  Dramatikern  geahnt,  auf  den  Theatern  der 
Folgezeit  sich  allmählich  vervollkommnet  hat. 

Einer  der  Dichter,  welche  am  meisten  zur  Verbesse- 
rung unseres  modernen  Dramas  beigetragen  haben,  ist 
ohne  Zweifel  Juan  Eugcnio  Ilartzenbuseh.  Seinjiingstes 
Werk:  El  mal  apöstol  y  el  bncn  ladron^\  liefert  den  Be- 
weis, dafs  seine  dramatischen  Talente  und  vorzüglich 
das  jener  Geschicklichkeit  und  Gewandtheit  nicht  abge- 
nommen, wodurch  die  zu  ihrer  Keife  gelangten  Genies 
die  (manchmal  fruchtbare)  Kraft  ihrer  ersten  Arbeiten 
ergänzen.  Die  sittlichen  und  literarischen  Tugenden  des 
verehrungswürdigen  Dichters  machten  ihn  besonders  ge- 
eignet das  religiöse  Drama  oder  Mysterium  zu  versuchen, 
in  einer  solchen  Art,  wie  es  für  unsere  Epoche  palst; 
und  der  Erfolg  seiner  Dichtung  hat  seine  Absicht  zu 
keiner  vergeblichen  gemacht;  denn  obgleich  die  neue 
Dichtung  fern  davon  ist  das  Meisterstück  ihres  Verfassers 
zu  sein,  ist  sie  gleichwol  ein  sehr  achtbares  Drama.  Mit 
seiner  gewohnten  Bescheidenheit  hat  Hartzenbusch  sein 
Werk  für  eine  Nachahmung  des  alten  Theaters  ausgegeben, 
und  in  der  That  erinnert  die  gegenseitige  moralische 
Situation  der  Hauptpersonen  an  die  des  Eremiten  und 
Banditen  in  dem  berühmten  Condenado  por  desconfiado 
des  Tirso  de  Molina.  Aussetzen  kann  man  an  dem  Stücke 
von  Hartzenbusch  die  übertriebene  Feinheit  in  der  Com- 
bination  mancher  dramatischen  Situationen  und  dafs' 
der  Charakter  des  Pilatus,  obgleich  sehr  gut  ausgedacht, 
mit  mehr  Würde  hätte  dargestellt  werden  können. 

Eine  ziemlich  dirccte  Nachahmung  der  Emilia  Galotti 
Lessing's,  obgleich  deshalb  doch   ein  Werk   von  grofsem 


')  Dieses  Drama  wurde  im  Anfang  des  Jahres  1860  zum  ersten 
Mal  aufgeführt  und  veröffentlicht.  —  (Vergleiche  den  vorigen  Jahres- 
bericht, Bd.  III,  p.  -427.     Aiim.   den  Hcrausy.) 


Jahresberichte  I.    Spanische  Liteiatur,  18G0— Gl.  |  95 

Verdienst,  ist:  Un  duelo  ä  muerte  von  xVntonio  Garcia 
Gutierrez,  dem  berühmten  Verfasser  von  El  trovador  und 
Simon  Bocanegra.  Die  gröfste  Neuerung,  welclie  der 
Spanische  Dichter  gemacht  hat,  ist  die,  die  Personen  des 
Malers  Conti,  des  Vaters  und  des  Verlobten  der  Emilia 
in  eine  zu  verschmelzen,  in  der  Art,  dafs  es  nicht  der 
Vater,  sondern  der  Verlobte  ist,  welcher  auf  dem  Altar 
der  Ehre  das  Leben  der  Heldin  opfert;  ein  wenig  gliick- 
lichcr  Tausch,  da  die  patriarchalische  Autorität  der 
schrecklichen  Handlung  fehlt,  welche  aufserdem  nicht  von 
dem  Verdachte  eifersi'ichtiger  Leidenschaft  frei  bleiben 
kann,  um  so  weniger- als  in  dem  spanischen  Drama  die 
Nothwendigkeit  des  Opfers  nicht  vollkommen  gerechtfertigt 
erscheint.  Vielleicht  hätte,  wie  ein  chilenischer  Kritiker 
bemerkt,  die  Katastrophe  vermieden  werden  können,  in- 
dem man  einige  Scenen  vorher  in  dem  Herzog  die  mora- 
lische Wandlung  und  Reue  annahm,  welche  er  am  Ende 
des  Dramas  zeigt.  Uebrig.ens  hat  Herr  Garcia  Gutierrez 
die  Haudlung  zusammengedrängt  und  die  Intriguen  des 
Marinelli  durch  Liebe  zur  Emilia  und  Hafs  gegen  Conti 
motivirt;  er  hat  dem  Charakter  der  Heldin  mehr  Festig- 
keit (entereza)  gegeben  und  den  des  Herzogs  etwas  we- 
niger gehässig  erscheinen  lassen.  Die  Verbindung  des 
Malers  mit  der  Patricierin  hat  er  mit  der  Armuth  ihres 
Bruders  gerechtfertigt,  obwol  das  Mifsverhältnifs  ent- 
stand, daCs  der  Plofmann  Conti,  der  gefällige  Maler  der 
Maitresse  des  Herzogs,  zugleich  die  Personification  der 
ehelichen  Ehre  sein  mulste.  Die  absichtliche  Vertauschung 
des  Bildes  der  schon  nicht  mehr  geliebten  Courtisane  mit 
dem  der  schönen,  mit  den  Emblemen  der  Charitas  beklei- 
deten Braut  des  Malers  durch  Marinelli,  die  Scene  zwischen 
jener  und  Emilia,  worin  das  gefallene  Weib  vor  dem  Zauber 
der  Tugend  sich  beugt,  andere  sehr  gut  ausgedachte  Si- 
tuationen, die  Schönheit  der  Versification,  die  Kunst  des 
Dialogs  sind  Vorziige,  welche  trotz  des  Mangels  der 
Originalität  und  trotz  der  mehr  oder  weniger  bedeutenden 
Fehler,  das  Werk  des  Herrn  (uitierrez  auf  eine  nicht 
ganz  gew(')hnli('he  Höhe  stellen. 

Das  i^roCse  literarische   Ereiü^niCs    aber    dieser   beiden 


]()()  Mamu'l   i\Iila    y   Fuiitaual.s 

letzten  Jahre  war:  El  tanto  por  ciento  von  Eduardo  Lo- 
pez de  Ayala.  Nachdem  sie  zum  erstenmal  mit  aulser- 
ordentlichem  Krfolg  in  dem  Theater  del  Principe  gegeben, 
sprach  man  von  dieser  Komödie  nicht  allein  wie  von 
einem  sehr  bedeutenden  Werke,  sondern  man  sagte  auch, 
dal's  sie  in  vniserer  Literatur  Epoche  machen  v/ürde,  nach 
dem  einmal  geweihten  Ausdruck,  welchen  man,  die  Wahr- 
heit zu  gestehen,  in  kaum  mehr  als  zwei  Jahren  schon 
wenigstens  viermal  gebraucht  hat. ^)  Man  erzählt,  dafs  eins 
unserer  ersten  Genies,  in  einem  Antrieb  der  Begeisterung, 
und  nicht  minder  der  Hochherzigkeit,  bei  der  Darstellung 
einer  der  interessantesten  Scenen  des  Dramas,  in  einem 
der  Augenblicke,  wo  vor  der  Lebhaftigkeit  der  Eindrücke 
jeder  Geist  negativer  Kritik  weicht,  mit  lauter  Stimme 
auso-erufen  habe:  Calderon  ist  wieder  auferstanden!  Und 
wenn  wir  zu  dem  entgegengesetzten  Ende  der  literari- 
schen Hierarchie  übergehen,  so  können  wir  sagen,  dafs 
wir  in  einem  Kreis  von  Handwerkern  versichern  hörten : 
El  tanto  por  ciento  sei  das  beste  Drama,  das  je  geschrie- 
ben worden.  Der  Paroxismus  der  Begeisterung  hat  seit- 
dem einer  ruhigeren  Beurtheilung  Platz  gemacht,  und  es 
haben  ebenso  wenig  offenbar  feindliche  Kritiken  gefehlt. 

Herr  Lopez  de  Ayala  hat  in  seinem  Drama  sich  vor- 
gesetzt das  unmäfsige  Trachten  nach  Reichthum  zu  be- 
kämpfen, welches  unsere  Zeit  charakterisirt  und  schändet: 
ein  gutes  und  hohes  Ziel  das  zugleich  das  Interesse  der 
Gegenwart  hat.  Nur  in  dieser  allgemeinen  Absicht 
erinnert  das  spanische  Drama  an  Ponsard's  Uhonneur 
et  Vargent  und  an  Dumas'  La  question  d'argent^  welche 
Stücke  ihm  vorausgingen.  Es  ist  kein  Zweifel,  dafs 
solche  Stoffe,  wie  dieser  dramatisirte  mercantile  Gegen- 
stand, als  eine  Neuigkeit  erscheinen  miissen,  aber  es 
fällt   mehr  als   schwer,  zu   glauben,  dafs   von   ihnen   eine 


')  Dasselbe  sagte  man ,  udor  kaum  weniger  von  La  campana  de  la 
Almudaina,  und  neuerlicher  von  La  critz  del  matrimonio.  Dasselbe  hat 
man  ausdrücklich  versichert  von  Un  duelo  d  muerte,  welches  Stück  trotz 
seines  Verdienstes  doch  nur  eine  mehr  oder  weniger  freie  Nach- 
ahmung ist. 


Jahresbericlito  I.    Sjjanische  Literatur,    18G0  — Gl.  li*7 

neue  literarische  Epoche  entspringen  sollte,  denn  aufser- 
dem,  dafs  sie  an  sich  wenig  poetisch  sind,  können  sie 
nicht  sehr  mannichfaltio;en  Combinationen  Raum  oeben. 

Der  Inhalt  dieses  Dramas  ist,  in  soweit  er  in  we- 
nige Worte  sich  zusammenfassen  läfst,  der  folgende.  Die 
Helden  der  Handlung  sind  D.  Pablo  und  die  Gräfin 
Isabel,  deren  Vermählung  nichts  im  Wege  stand  als 
die  Delicatesse  der  letzteren,  welche,  die  Wittwe  eines 
verehrungswürdigen  alten  Mannes,  die  zweite  Hochzeit 
verschob.  Um  nicht  den  Kauf  eines  Landhauses,  welches 
der  Gräfin  gefallen  hatte,  rückgängig  zu  machen,  sieht 
sich  der  durch  einen  •  plötzlichen  Vermögensverlust  fast 
ganz  ruinirte  Pablo  in  die  Nothwendigkeit  versetzt,  ein 
von  seinen  Eltern  geerbtes  Grundstück  (dehesa)  auf  Rück- 
kauf zu  verptänden.  Der  Wucherer  Robert,  die  habgierige 
Petra,  eine  Freundin  der  Gräfin  und  Frau  des  geachte- 
ten aber  schwachen  Gaspar,  ein  Diener  des  Pablo,  Sa- 
bino  und  das  Kammermädchen  Isabellens,  Ramona  zetteln 
eine  grofse  Verschwörung  an,  die  Heirath  zu  verhindern, 
und  zwar  zu  dem  Zweck,  dafs  Pablo  nicht  in  den  Stand 
gesetzt  werde  sein  Besitzthum  einzulösen,  an  dessen  beding- 
ter Veräufserung  alle  Antheil  genommen  haben.  Zu  dem 
Ende  verläumden  sie  Pablo,  indem  sie  sich  boshaft  aus- 
gelegter Indicien  bedienen,  und  dann  die  Gräfin,  welche 
unschuldigerweise  in  eine  compromittirende  Situation 
durch  die  Frechheit  eines  gewissen  Andres,  der  sich  um 
sie  bemüht,  gebracht  wird.  Die  Verzweiflung  des  Pablo, 
die  Leiden  der  Gräfin,  welche  doch  durch  ein  Wort  auf- 
hören konnten,  das  die  luitreuen  Freunde  und  Diener 
auszusprechen  sich  weigern,  bilden  den  Höhepunkt  der 
Handlung  und  beendigen  den  zweiten  Akt  mit  einer  Scene 
von  unvergleichlicher  Wirkung.  Ein  von  Andres  an  sei- 
nen Mitschuldigen  Roberto  geschriebener  Brief,  welcher 
letztere  auch  für  seine  Person  die  Hand  der  Gräfin  er- 
strebte, ist  das  Ilauptinittel  der  Auflösung. 

Die  Hauptanklagen,  welche  man  gegen  dieses  Drama 
erlioben  hat,  sind  die  Häfslichkeit  und  geringe  \qy- 
schicdcnheit  der  meisten  Charaktere  und  die  Menge 
von    Zufällifrkeitoii    und    l  n\v,ihiscIiiMiilii'hkeitiiu    welche 


J98  MiiiHiel  Mihi   y  Fontanal> 

nöthig  waren,  dal's  ein  so  teuflischer  Pltin  /wischen 
so  vielen  Personen  von  verschiedenem  Stand  geschmiedet 
wurde.  Ebenso  wenig  erscheint  genügend  Ijegründet  (und 
die  liegründimg  wäre  doch  sehr  leicht  gewesen)  der  Um- 
stand, dals  der  Verkauf  nicht  vollständig  war,  vielmehr  unter 
der  Bedingung  des  Rückkaufs,  was  die  ITauptaxe  der  Hand- 
lung bildet.  Auch  verletzt  es  den  Zuschauer,  die  Gräfin  im 
letzten  Akte  im  eigenen  Hause  von  ihren  schändlichen 
Beleidigern  umgeben  zu  sehen,  was  mit  ihrer  angebornen 
Güte  und  ihrer  geistigen  Verwirrung  entschuldigt  und 
aufserdem  mit  einem  Umstand  von  tiefer,  obgleich  in 
der  Ausführung  gewagter  Absicht  combinirt  wird,  näm- 
lich dem  Instinkte  der  Gräfin,  womit  sie  bei  aller  Umne- 
belung  ihres  Verstandes  die  Ursache  ihres  Unglücks  her- 
ausfühlt. Bemerken  wir  noch,  dafs  die  Ausgänge  des  ersten 
und  zweiten  Aktes  an  Uebertreibung  leiden:  im  ersten 
ist  Pablo  der  Verleumdete  und  die  Gräfin  die,  welche 
sich  beleidigt  glaubt,  im  zweiten  ist  die  Grätin  die  Ver- 
leumdete und  Pablo  hält  sie  für  schuldig. 

Es  mag  eine  gewisse  Spitzfindigkeit  (sutileza)  in  der 
Anordnung  der  Begebenheiten  eines  Dramas  dieser  Klasse 
sich  zeigen,  es  mögen  viele  Situationen  zu  motivircn  sein 
(nach  dem  technischen  Ausdrucke),  weil  sie  durch  sich 
selbst  nicht  genügend  motivirt  sind,  und  vielleicht 
mehr  als  alles,  es  mag  eine  radicale  Unwahrschein- 
lichkeit  sich  finden,  denn,  es  ist  nicht  glaublich,  dafs  die 
Speculanten  und  Wucherer,  so  sehr  sie  auch  zu  uner- 
laubten Mitteln  geneigt  sind,  häusliche  Verschwörungen 
in  dem  Stil  derjenigen  anzetteln,  welche  das  Drama  dar- 
bietet —  —  alles  das  wollen  wir  i-echt  gern  einräumen, 
die  eigentliche  Frage  jedoch  besteht  darin,  zu  wissen,  ob 
die  Schönheiten  des  Stücks  diese  in  Anbetracht  des  In- 
halts und  des  dramatischen  Systems  fast  unvermeidlichen 
Nachtheile  ausgleichen.  Unsere  Meinung,  wie  die  vieler 
Anderen,  ist:  es  sei  dies  der  Fall.  Das  Sujet  ist  geschickt 
imd  vollkommen  entwickelt,  ohne  dafs  eine  Scene  oder 
fast  nur  ein  Wort  überflüssig  wäre.  Wir  haben  schon  von 
der  grofsen  Wirkung  mancher  Situation  gesprochen.  Der 
Ausdruck  ist  gewählt  (culto)  und  treflPend  (feliz),  poetisch 


Jahresboiiclite  I.    Spaiiisclie  Literatur,    1800 — Gl.  199 

ohne  falschen  Lyrismus  und  natürlich  ohne  aliectirte  Fa- 
miliarität. Aufserdem  findet  sich  etwas  Ideales  und  Hohes 
in  dem  Charakter  der  beiden  Hauptpersonen,  und  du 
ihre  Liebe  nicht  mit  den  psychologisch-sentimentalen  An- 
sprüchen erscheint,  welche  so  gewöhnlich  sind,  und  sich 
ihr  nicht  achtungswerthe  Hindernisse,  sondern  ganz  allein 
die  Ungerechtigkeit  der  Menschen  entgegenstellt,  so  er- 
regt sie  ein  lebhaftes  und  wohlberechtigtes  Literesse. 

Die  vorherrschende  Tendenz  in  unserer  dramatischen 
Poesie  ist  für  den  Augenblick  die  Darstellung  der  bür- 
gerlichen Sitten,  was  vielleicht  manche  unsrer  Leser 
Wunder  nehmen  wird,,  da  von  dem  Vaterland  Calderon's 
die  Rede  ist.  Es  findet  sich  jene  Tendenz  im  äufscrsten 
Grade  in  El  sol  de  invierno  von  Jose  de  Marco,  welches 
Stück  mit  vielem  Beifall  aufgenommen  wurde,  den  es 
hauptsächlich  der  Einfachheit  der  Mittel  verdankt  und 
der  Wirkung,  welche  der  Ausdruck  eines  wahren  Ge- 
fühls immer  hervorbx'ingt.  Das  ganze  Drama  beschränkt 
sich  auf  zwei  Paare,  das  eine  verheirathet  und  das  andere 
verlobt,  von  welchen  das  erstere  dem  andern  zum  Muster 
und  Besserungsmittel  dient.  Um  den  eminent  häuslichen 
(casero)  Charakter  dieser  Komödie  zu  zeigen,  genügt  es 
eine  der  Situationen  zu  erwähnen:  am  Ende  des  zweiten 
Akts  erscheinen  die  beiden  Paare,  die  Männer  Garn  hal- 
tend, und  die  Frauen  es  aufwickelnd  (hilvanändolas);  es 
fällt  der  Vorhang  und  bei  seinem  Aufgehen  zum  letzten 
Akt  trifft  man  die  vier  Helden  des  Stücks  in  derselben 
interessanten  Position. 

Nicht  allein  einen  guten  Erfolg,  sondern  begeisterten 
Beifall  und  schmeichelhafte  Demonstrationen  hat  D.  Luis 
Eguilaz  von  seinem  neuen  Drama:  La  cruz  del  matrimo)iio 
geerntet.  Man  glaubt,  dafs  im  Gegensatz  zu  dem  was 
gew(')linlich  bei  Triumphen  dieser  Art  der  Fall  ist,  Herr 
Eguilaz  den  seinigen  mehr  den  Männern  als  den  Frauen 
verdankte,  und  es  fehlt  nicht  an  Solchen,  welche  arg- 
wöhnen, dafs  auch  der  Wunsch  dem  El  tanto  por  ciento 
üj)position  zu  machen,  dazu  beigetragen  hat.  Auch  hat 
es  andrerseits  nicht  an  erbitterten  Kritiken  gemangelt, 
welche  genug   mit   den  schwachen  Seiten  des  Dramas  zu 


200  Manuel  Miln   y   Foiitanals 

tliun  hatten  und  nicht  einmal  der  Kolk'  der  Jleldin  Mer- 
cedes Gnade  zu  theil  werden  liel'sen,  welche  in  Wahrheit 
die  ist,  welche  die  Dichtung  empfiehlt  mid  trägt.  Mercedes 
ist  der  Typus  der  geduldigen  und  resignirtcn  Ehefrau, 
luid  obgleich  man,  einige  ihr  von  dem  Dichter  in  den 
Mimd  gelegte  Ausdrücke  vnigehörig  interpretirend,  be- 
hauptet hat,  sie  handle  aus  Berechnung  und  in  der  llofi- 
nung  ihren  Mann  auf  den  rechten  Weg  zu  bringen,  so 
ist  doch  leicht  zu  ersehen,  dafs  was  sie  belebt,  einzig  die 
Liebe  zum  Guten  ist  und  der  ihrer  Seele  inwohnende 
Glaube  an  die  Erfolge  des  Guten.  Man  sagt  auch,  dafs 
ihre  Entsagung  bis  zum  Extrem  geht  und  dafs  dies  Ex- 
trem weder  natürlich  ist,  noch  jene  Mischung  von  Sanft- 
muth  (dulzura)  und  schmollender  Zurechtweisung  ersetzt, 
welche  die  kluge  Frau  charakterisiren  mufs.  Aber  man 
hat  vergessen,  dal's  der  Dichter  nichts  hat  malen  wollen, 
als  eine  Eigenschaft  der  guten  Ehefrau  (die  liebenswür- 
digste und  im  Ganzen  die  wirkungsvollste),  die  Sanft- 
mutli:  und  dafs  er  dies  erreicht  hat.  Mit  mehr  Grund 
hat  man  getadelt,  dafs  ihre  Entsagung  bis  zu  dem  Punkt 
geht,  den  Fehlern  ihres  Mannes  einige  Werthpapiere 
(valores)  zu  opfern,  worin  sie  ihren  Schmuck  umgesetzt 
hatte,  und  worauf  sie  die  Zukunft  ihres  Sohnes  baute, 
w^as  mit  kaltem  Blute  betrachtet,  ohne  Zweifel  nicht  zu- 
lässig erscheint,  obwol  angenommen,  der  Impuls  der  Be- 
wunderung eine  gute  W^irkung  in  dem  Drama  erzeugt. 
Kurz  der  Charakter  der  Mercedes  ist  zwar  nicht  eine 
bewundernswürdige  Schöpfung,  aber  eine  glückliche  und 
gut  ausgeführte  Conception.  Ihre  aufserordentliche  Ge- 
duld, vereinigt  mit  einem  verständigen  und  versöhnlichen 
Wesen,  mit  einem  liebensAviirdigen  Witz  (discrecion), 
ohne  irgend  einen  declamatorischen  Anstrich,  ohne  etwas 
das  an  stoische  Unempfindliehkeit  oder  gleichgültige  Ge- 
dankenlosigkeit grenzt,  hat  und  mufste  ein  grolses  Inter- 
esse erregen.  Das  Uebrige  was  an  dem  Drama  noch  zu 
loben  ist,  beschränkt  sich  auf  die  Kenntnils  der  Biihnen- 
wirkungen.  Das  Kapitel  der  Ausstellungen  kann  leicht 
vermehrt  werden:  zwei  Ehemänner  ungemein  ähnlich 
in    ihren    abstofsenden    schlechten   Handluns^en    und    zwei 


Jaliresbericlite  I.    Spanische  Literatur,   1860—61.  201 

Frauen  von  ungemein  entgegengesetzter  Natur;  Mangel 
an  Handlung  in  den  beiden  ersten  Akten;  eine  tragische 
Scene  im  dritten,  welche  zu  dem  in  der  Dichtung  herr- 
schenden Charakter  nicht  joafst,  auf  die  dann  die  idyllische 
Schlufsscene  folgt,  welche,  obgleich  an  sich  schön,  sehr 
schlecht  unmittelbar  nach  der  vorhergehenden  kommt;  eine 
lächerliche  französirende  Tante,  welche  allein  gefällt  wenn 
sie  es  nicht,  sondern  der  Dichter  ist,  der  durch  ihren 
Mund  redet;  der  glückliche  und  viel  mehr  als  der  unglück- 
liche, schuldige  Ehemann,  welcher  Sittenprediger  geworden 
ist,  während  wir  noch  nicht  bestimmt  wissen,  dafs  er 
sich  bekehrt  hat;  manche  stark  gewürzte  (asainefada) 
Situation  und  eine  bisweilen  triviale  Ausdrucksweise, 
mit  welcher  der  Dichter,  glaubte  man,  den  Vorwurf  des 
Lyrismus  widerlegen  wollte,  der  seinen  früheren  Dramen 
gemacht  war. 

Wie  aus  den  vorstehenden  Analysen  zu  sehen  ist, 
hält  sich  unsere  schöne  Literatur,  obwol  etwas  prosaisch 
(pedestre)  im  Allgemeinen,  glücklicherweise  sehr  fern  von 
dem  häfslichen  Realismus,  welcher  in  vielen  Schöpfungen 
unserer  Nachbarn  herrscht,  und  woriiber  mit  so  viel  Hecht 
hier  der  französische  Jahresberichterstatter  klagte.  Auch 
könnte  man  sagen,  dafs  die  meisten  unserer  Dichter  mit 
moralischen  Absichten  geschrieben  haben,  und  dafs  letz- 
tere die  vom  Publikum  am  besten  aufgenommenen  waren: 
ein  glückliches  Symptom,  das  ohne  Zweifel  vmsere  Li- 
teratur vor  Irrthümern  beschützen  wird,  wozu  sie  einst 
neigte  und  welche  ihr  leicht  durch  ansteckende  Beispiele 
mitgetheilt  werden  könnten.  Ein  Freund  von  mir  warf 
zwar  die  Frage  auf,  ob  diese  imsere  Liebe  zur  Sittlich- 
keit nicht  eine  Aehnlichkeit  mit  der  haben  könnte,  welche 
für  die  bukolische  Poesie  die  kriegerischen  Höflinge  der 
Epoche  KarFs  V.  empfanden:  auf  diese  geistreiche,  ob- 
gleich ein  wenig  indiscretc  Frage  antworten  wir,  dafs 
die  Achtung  vor  den  guten  Grundsätzen  immer  sehr  zu 
loben  ist,  obgleich  sehr  zu  wünschen  wäre,  selbst  wenn 
es  sich  um  nichts  weiter  als  um  die  Interessen  der  Lite- 
ratur handeln  sollte,  dafs  die  Frage  unseres  Freundes 
durchaus  nicht  am  Platze  sei. 

.lalirl).   f.  rom.  u.  pii!;1.   Lil.  IV.    1'.  II 


2()2  Miiiiut'I   Mila   y   l'"üiitaiuili< 

Dem  Programme  der  Jahresberichte  geinäfs  reden 
■wir  nicht  von  den  wichtigen  Werken  wissenschaftlicher 
Forschnng,  welche  erschienen  sind  (wie  der  erste  Band 
der  llistoria  critica  de  la  literatura  espahola  von  J.  Ania- 
dor  de  los  Rios'),  die  neuen  Bände  der  Bihlioteca  de 
Autores  espanoles-)  etc.);  jedoch  selbst  wenn  es  sich  nur 
um  die  schöne  Literatur  handelt,  dürfen  nicht  mit  Still- 
schweigen Publicationen  übergangen  werden,  wie  die  bei- 
den letzten  Bände  (XXIII,  18GU;  XXIV,  18G1)  der  His- 
toria  general  de  Espana  von  Modesto  Lafuente.^)  Diese 
Bände  umfassen,  aulser  einer  allgemeinen  Beurtheilung 
der  Reofieruno^  des  Friedensfürsten  und  der  ökonomischen 
Lage  von  ISOü — 1807,  die  Geschichte  Spaniens  von  den 
Ereignissen  an,  die  in  dem  letztgenannten  Jahre  der 
fi'anzösischen  Invasion  vorausgingen,  bis  zu  den  Anfängen 
des  Jahres  1811:  die  Verblendung  des  Königspaares  und 
seine  Bezauberung  durch  den  Günstling,  die  Zwistigkeiten 
in  der  königlichen  Familie;  die  Demüthiguug  der  Partei  des 
Friedensfürsten  und  des  Prinzen  von  Asturien  vor  Bona- 
parte, die  Abdankung  Karls  IV.  und  die  Proclamation 
Ferdinand's  VII,  den  Hinterhalt  von  Bayonne,  den  zwei- 
ten Mai  1808  in  Madrid,  die  erste  Manifestation  gegen 
die  französische  Herrschaft,  auf  welche  die  allgemeine 
Erhebung  der  Nation  und  einige  ruhmvolle  Triumphe 
spanischer  Heere  folgten,  die  Ernennung  Josephs  zum 
König  von  Spanien,  die  Schöpfung  und  Schicksale  der 
Centraljunta,  den  heroischen  Rückzug  und  die  Heimkehr 
der  spanischen  Division  aus  dem  Norden,  den  Einzug 
des  Kaisers  in  Spanien,  die  Zwistigkeiten  desselben  mit 
seinem  Bruder,  die  unsterblichen  Belagerungen  von  Sara- 
gossa und  Gerona,  den  allgemeinen  Aufstand  in  Spanien 
und  seinem  Amerika,  die  Guerrillas,  die   Hilfe  Englands, 


')  Wir  werden  von  diesem  wiclitigcn    \A'erke  eine  „Anzeige" 

Ferd.   Wolfs  Feder  später  bringen.  Anm.  des  Herausg. 

^)  In  Bezug  auf   sie  verweisen  wir    auf  unsere  Bibliographie. 

Anm.  des  Herausq. 
^)  Vergleiche  den   vorigen  Jalireslierieht,   Bd.   III,  p.  41G  f. 

Am,i.   dt-s  I/erausi/. 


Jahrei^berirhto    I.    .Siiaiii^^ciio  J.itoratiir,    ISCO — (jl.  •JO'j 

die  Ernennung  der  Kegentschaf't ,  das  Zusamnientreteu 
lind  die  ersten  Sitzungen  der  Cortes ,  ebenso  merkwür- 
dig durch  ihre  patriotische  Begeisterung  als  durch  ihre 
politische  Unerfahrenheit,  die  Pläne  Napoleons  in  Betreff 
des  linken  Ebroufers  u.  s.  w.  So  gewinnt  dies  Werk 
immer  gröl'sere  Dimensionen  und  einen  gröCseren  Keich- 
thum  an  Daten  (der  Verfasser  hat  Gelegenheit  gehabt, 
den  Angaben  des  Sf)ecialwerks  von  Toreno  manche  hin- 
zuzufiigen  und  verschiedene  von  Thiers  zu  berichtigen) 
in  dem  Mafsc  als  es  sich  von  den  Zeiten  entfernt,  wo 
die  Ergebnisse  der  Urkunden  spärlicher,  schwieriger  zu 
erlangen,  und  unsicherer  sind,  und  in  dem  Mafse  als  di(^ 
Geschichte  mehr  mit  den  Ereignissen  der  Gegenwart 
verknüpft  erscheint  —  ein  Umstand,  der  sie  mehr  in  den 
Stand  setzt  die  gröfste  Zahl  von  Lesern  zu  interessiren 
und  namentlich  ein  im  höchsten  Grade  politisches  Cen- 
trum wie  die  Hauptstadt  von  Spanien  ist:  ein  v»ichtiges 
historisches  Werk,  von  wohlgeordnetem  Inhalt  und  an- 
sprechender Darstellung,  welches  unparteiisch  zu  sein  be- 
strebt ist  (denn  wir  wollen  nicht  behaupten,  dafs  es  dies 
immer  auch  erreiche),  vmd  in  dem  die  Kräfte  des  Autors 
auch  in  dem  Mafse  zu  wachsen  scheinen  als  die  Arbeit 
fortschreitet,  die  er  in  solcher  Regelmälsigkeit  und  mit 
so  bewundernswerther  Ausdauer  ihrem  Ziele  schon  nahe 
geführt  hat.  AVenn  auch  der  Inhalt  dieser  beiden  Bände 
in  manchen  Abschnitten  einen  guten  Patrioten  erröthen 
lassen  kann,  ist  er  in  andern  aufs  höchste  geeignet,  das 
Nationalgcfühl  zu  entflammen;  Herr  Lafuente,  der  es  in 
hohem  Grade  besitzt  und  dessen  persönliche  Erinnerungen 
bis  in  die  letzten  Jahre,  welche  er  geschildert  hat,  noch 
zurückreichen  müssen,  hat  in  die  Blätter  dieser  Bücher 
das  ganze  Interesse,  dessen  jene  Ereignisse  würdig  sind, 
zu  legen  gewufst,  ohne  in  Emphase  oder  Declamation 
zu  verfallen.  Demnächst  warten  seiner  Begebenheiten, 
schwieriger  von  einem  Zeitgenossen  zu  beurtheilen,  die 
ersten  Keime  unserer  traurigen  politischen  Kämpfe :  p<'?'i- 
culosa  plenum  opus  alea. 

Wenn  auch  ganz  im  Allgemeinen  und   ohne    in   Eiti- 

14* 


2(|4  Manuel   Mila  y  Fontanals 

zelheiten  einzugehen,  was,  wenn  sie  vollständig  sein 
sollten,  fast  unmöglich  wäre,  müssen  wir  noch  etwas  von 
dem  Stand  der  Beredtsamkeit  in  unserem  Vaterlande  sa- 
gen. Es  ist  ohne  Zweifel  einer  der  Punkte,  worin  un- 
sere Zeitgenossen  sich  am  meisten  auszeichnen.  Die 
kirchliche  Beredtsamkeit  hat  riicksichtlich  des  Geschmackes 
eine  bedeutende  Verbesserung  erfahren,  sowol  im  Stil 
als  im  Vortrag  (pronunciacion),  obgleich  man  bei  man- 
chen Rednern  mitunter  einen  ganz  directen  Einflufs  fran- 
zösischer Publicationen  bemerkt.  In  der  gerichtlichen 
raaen,  aba;esehen  von  den  sehr  vielen  Advocaten  welche 
als  beredt  geschätzt  werden,  einige  Redner  hervor  die 
nach  der  Schönheit  der  Diction  streben,  ohne  in  die  zier- 
liche (culta),  jedoch  etwas  studirte  Rhetorik  der  besten 
Meister  des  verflossenen  Jahrhunderts  zu  verfallen.  Die 
politische  Beredtsamkeit,  die  der  directeste  Weg  gewesen 
ist  um  dahin  zu  gelangen,  einen  Einflufs  auf  die  Ge- 
schicke des  Landes  auszuüben,  ist  ohne  Zweifel  diejenige, 
welche  am  meisten  aufgeblüht  ist  und  die  Proben  auf- 
weisen kann,  würdig  den  besten  der  iibrigen  Völker  Eu- 
ropas   an   die   Seite   gesetzt  zu   werden,  i)     Die   Vorliebe 


^)  Soeben  stai'b  Francisco  Martinez  de  la  Rosa,  einer  der  vorzüg- 
lichsten, wenn  nicht  der  erste  unserer  Parlamentsredner.  Die  aufser- 
ordentlichen  Ehren,  welche  die  ganze  Nation,  von  dem  Konigspaar  an, 
dem  Präsidenten  der Deputirtenkammer  widmet,  werden,  wenn  sie  auch 
vornehmlich  an  den  Politiker  und  Privatmann  sich  richten,  doch  zum 
Theil  auch  dem  literarischen  Rufe  des  berühmten  Verstorbenen  gezollt. 
Martinez  de  la  Rosa  wurde  in  Granada  1788  geboren.  Mit  20  Jahren 
hatte  er  schon  die  juristische  Laufbahn  beendet,  und  bekleidete  eine 
Professur  der  Moral.  1808  nahm  er  an  den  öffentlichen  Geschäften 
Theil.  Zum  Deputirten  gewählt,  sobald  er  das  nöthige  Alter  hatte, 
wurde  er  1814  als  Anhänger  der  Constitution  von  1812  nach  Pefion 
de  la  Gomera  verwiesen.  Seit  1820  wirkte  er  als  Deputirter  wie  als 
Minister,  und  wurde  durch  seine  gründlich  modificirten  Ideen  (profun- 
damente  modificadas)  der  Vater  der  gemäfsigten  Partei  (partido  mode- 
rado).  Von  1823  bis  1833  lebte  er,  ohne  verbannt  zu  sein,  in  Frank- 
reich und  hernach  in  Granada,  seinen  literarischen  Beschäftignngen 
sich  widmend.  Ende  des  letztgenannten  Jahres  wurde  er  zum  Minister- 
präsidenten ernannt  und  veröffentlichte  bald  darauf  das  königliche  Statut. 
Von  da  an  hat  er  immer  für  einen  der  einflufsreichsten  und  geachtetsten 


Jahresberichtv  I.    Spanische  Literatur,   18G0 — 61.  205 

meiner  Landsleute  für  die  Schönheit  des  rednerischen 
Ausdrucks  kann  als  ein  unterscheidender,  obgleich  nicht 
ausschlief'slicher  Zug  unseres  gegenwärtigen  Charakters 
betrachtet  werden.  Selbst  bei  den  Vorträgen  (discursos)^ 
wo  mehr  eine  didactische  Richtung  gesucht  werden  sollte, 
verlangt  man  ganz  vorzugsweise  ein  ästhetisches  Vergnii- 
gen  zu  finden;  vom  officiellen  Unterricht  abgesehen,  wohnt 
man  den  Vorlesungen  eines  beredten  Professor  mehr  oder 
weniger  ebenso   bei,   wie    man   einen  geschickten  Virtuo- 


Männer  seiner  Partei  gegolten.  Man  hat  ihm  zur  Leitung  der  Regierung 
wenig  Energie  zugetraut,  aTier  niemand  hat  ihm  administrative  Uube- 
scholtenheit  (pureza)  und  Rechtlichkeit  der  Absichten  abgesprochen.  — 
In  seinen  poetischen  Werken  zeigt  er  eine  leichte  und  blühende  Ein- 
bildungskraft, ein  gleichmäfsiges  und  heiteres  Temperament,  einen  an- 
sprechenden und  zarten  Geschmack,  die  gröJ'ste  Liebe  für  den  Anschein 
des  Einfachen  und  Natürlichen,  weit  weniger  Kraft  und  Originalität. 
Die  Poesie  liebte  er  vor  allem,  aber  für  die  Beredtsamkcit  hatte  er  eine 
ganz  besondere  Befähigung:  er  zeichnete  sich  in  ihr  durch  Ordnung  des 
Gedankengangs,  durch  Harmonie  und  d\xrch  eine  sich  gleichbleibende  Ele- 
ganz aus.  Er  war  höchst  arbeitsam,  und  noch  vor  wenigen  Wochen  hielt  er 
einen  kurzen  philosophischen  Vortrag  bei  der  EroÖiiung  des  Ateneo  in 
Madrid.  Seine  Hauptwerke,  ohne  die  politischen  und  philosophischen 
Reden  zu  rechnen,  sind  die  folgenden:  das  Gedicht  Zaragoza,  eine  kurz 
nach  der  Uebergabe  dieses  Platees  geschriebene  poetische  Declamation; 
ferner  Lo  que  puede  un  empleo  und  La  viuda  de  Padilla,  eine  Komödie 
und  ein  Trauerspiel,  in  welchen  die  politischen  Leidenschaften  der 
Epoche,  worin  sie  verfalst  wurden  (gegen  1812),  nachklingen;  Morayma 
eine  Tragödie,  in  dem  klassisch-französischen  Geschmack  wie  die  vo- 
rige, die  aber  auch  wie  diese  einen  nationalen  Gegenstand  hat;  Los 
celos  infundados  und  La  hija  en  casa  y  la  niadre  en  la  mdscara  Komö- 
dien von  der  Art  des  Moratin;  die  Poetica  in  6  Gesängen  mit  Anmer- 
kungen und  ausführlichen  Anhängen  über  die  Geschichte  der  verschie- 
denen Dichtungsarten  in  Spanien;  die  Uebersetzung  in  Versen  und 
Erklärung  des  Briefs  an  die  Pisonen;  Edipo,  die  beste  klassische  spa- 
nische Tragödie  und  vielleicht  die  beste  und  getreuste  Nachahmung 
des  Oedipus  rex;  Poesias  sue/tas,  im  Allgemeinen  erotisch,  unter  denen 
aber  einige  andrer  Art  .sich  finden,  wie  die  schöne  elegische  Epistel 
an  den  Herzog  von  Frias ;  Aben- Hurneya,  ein  zuerst  französisch  für 
die  Porte  Saint -Martin  geschriebenes  Drama,  in  dem  der  Einflufs  die- 
ses Theaters  sich  ungemein  bekundet;  La  conjuracion  de  Venecia  cn 
1310,  ein  Drama  in  Prosa,  seine  interessanteste  Dichtung;  Doha 
Isabel  de  Solls,  ein  Roman  (novela)  ,  welcher  wenig  gefallen  hat;  end- 
lich Vida  de  Hernan  Pen.z  del  Pul</ar  und  El  espiritu  del  siglo,  ein 
historisdi-politisches  Werk,  wovon  einige  Bände  erschienen  sind. 


206  Manuel  .Mila   y   l-'ontaiial^ 

SOI  ZU  liöieii  geht.  Damit  will  ich  nicht  sagen,  dals 
man  nicht  oft  einen  wahrhaft  wissenschaftlichen  Inhalt 
mit  einem  lebendigen  und  belebten  Vortrag  zu  vereinigen 
wiiCste.  Dies  ist  häutig  der  Fall  in  den  bei  den  öffent- 
lichen Receptionen  der  Academie  gehaltenen  Vorträgen 
und  den  zur  Erlangung  des  Doctorgrads  verfafsten  Dis- 
sertationen (tesisj. ')  Es  handelt  sich  insbesondere  darum 
die  musicalischen  und  ausdrucksvollen  (expresivas)  Schön- 
heiten unseres  reichen  Idioms  auszubeuten.  Wenn  die 
Vorliebe  fiir  die  Redekunst,  der  wir  vorhin  gedachten, 
die  Declamation  veranlassen  kann,  so  könnte  diese  sprach- 
liche Richtung,  wenn  sie  übertrieben  wiirde,  zu  einer  ganz 
directen  Nachahnmng  unserer  Alten  führen,  ein  Fehler  den 
man  an  dem  Historiker  Toreno  tadelte,  und  der  ebenso 
Avenifj  in  der  etwus  alterthümlichen  aber  sehr  kräftioren 
(sabrosisima)  Prosa  Baralt's  wohl  aufgenommen  wurde. 
Jedoch  ist  andererseits  zu  bedenken,  dals  wenn  unsere 
klassischen  Prosaisten  mitunter  etwas  rhetorisch  Manierir- 
tes  zeigen,  sie  trotzdem  Schätze  sprachlicher  Schönheit 
und  ächten  (candorosa)  Ausdruckes  enthalten,  deren  Stu- 
dium zu  allen  Zeiten  vortheilhaft  sein  kann  und  dafs 
manche  von  den  Modernen  welche  sie  besser  kennen,  un- 
ter denen  Hartzenbusch  und  Aribau  zu  nennen  sind,  den 
reinen  Stil  zu  bewahren  wuCsten,  ohne  in  das  Archaistische 
zu  verfallen.  Um  diese  Bemerkung-en  zu  vervollstäudioren 
ist  noch  anzuführen,  dafs  einige  durch  ihr  Talent  und 
ihre  Liebe  für  die  Wissenschaft  sich  emjDfehlende  Jüng- 
linge (deren  philosophische  und  sociale  Tendenzen  wir 
hier  glücklicherweise   nicht    zu    untersuchen  haben)   sich 


')  Unter  den  acadeniisrlien  Abhandlungen  nennen  wir.  ohne  ge- 
rade aut  sie  die  obengeniachten  Bemerkungen  anwenden  zu  wollen,  die 
treffliche  Vertheidignng  der  spanischen  Politik  im  16.  Jahrhundert  von 
Canovas  del  Castillo,  die  gewissenhafte  Arbeit  von  Tomas  Muno/  über 
die  spanischen  Municipien,  und  den  Vortrag  des  Herrn  Nocedal  über 
die  Novelle  (nnvela).  Von  den  Doctordissertationen  seien  erwähnt  die 
des  Herrn  Coli  y  Vehi  über  die  provenzalische  Satire,  die  des  Herrn 
("atalina.über  die  angenommene  Identität  des  Geistes  der  hebräisrhei\ 
und  der  spanischen  Sprache  und  die  des  Herrn  Vergara  über  das  lite- 
rarische Eigenthiim. 


Jahresbericlite  I.    SpaniüLlie  Literatur,   1860 — 151.  907 

bestrebt  haben,  eine  neue  Prosa  zu  bilden,  lebhaft  und 
glänzend  allerdings,  in  der  sich  aber  die  Sprache  der 
Philosophie,  die  der  Pohtik  und  der  Poesie  oder  dessen 
was  man  dafür  hält,  in  übertriebener  Weise  mischen. 

Trotz  der  Gefahr  die  Grenzen  des  Programms  zu 
überschreiten,  wollen  wir  mit  ein  j^aar  Worten  über  die 
poetische  Bewegung  schliefsen,  die  man  seit  einiger  Zeit 
in  den  Ländern  der  Oc-Sprache  diesseits  und  jenseits 
der  Pyrenäen  bemerkt.  Jasmin,  in  der  Gascogne  \S'2bj 
vmd  Roumanille,  in  der  Provence  1835,  weihten  die  neue 
Kultur  ihrer  Provinzialdialecte  ein,  welche  seitdem  viele 
Theilnehmer  gefunden  und  so  weit  gediehen  ist,  ein 
Werk  wie  Mireio  hervorzubringen. ')  1833  erregte  unser 
Aribau,  ebenso  verdient  um  die  catalanische  Literatur, 
als  um  die  castilische,  durch  sein:  A  Deu  statt  furons, 
einer  schönen  von  einem  Blatt  Manzoni's  inspirirten 
Dichtung,  von  Neuem  unsere  Begeisterung  für  die 
Sprache  der  Heimath,  welche  man  niemals  aufgehört 
iiatte  als  eine  gebildete  und  literarische  Sprache  zu  be- 
trachten. Die  günstige  Aufnahme,  welche  hernach  die 
Poesien  J.  Rubio's  (Lo  gaitev  del  Llohregat)  und  man- 
ches Andere  fanden,  sowie  der  Erfolg  welchen  in  den 
letzten  3  Jahren  die  Blumenspiele  erlangt  haben,  und 
worin  man  etwas  mehr  als  archäologische  Versuche  sehen 
mufs,  denn  es  haben  daran  Personen  aller  Stände  Theil 
genommen  ■■^),   lassen  uns  hoft'en,   dafs,   welches  auch  das 


')  Vergleiche  Jahrbuch  Bd.  III,   p.  440.       Anm.  des  Ueransy. 

')  Das  Volk  (oder  besser  das  Ex-Volk !)  der  Städte  und  Fleckeu 
hat  auch  seine  Chorgesänge  (cantos  corales)  in  welchen  es  der  Sprache 
des  Landes  sich  bedient.  Als  das  Werk  von  gröfstem  Umfang  wel- 
ches man  in  dieser  Sprache  neu  geschrieben  hat,  müssen  wir  La  Or- 
fnneta  de  Menargues  nennen,  ein  historischer  Roman  (XV.  Jahrh.)  von 
A.  de  Bofarull,  der  unter  der  Presse  ist.  —  Es  ist  bemerkenswerth, 
dafs  Barcelona  ziemlich  beträchtliche  Belohnungen  für  in  oatalanischcr 
oder  in  cai5tilischer  Sprache  verfafste  Weike  au-ssctzt.  So  mufs  die 
Direction  (cmpresa)  eines  Theaters  die  3  besten  dramatischen  Werke, 
unter  denen  welche  sich  ihr  am  Ende  des  vorhergehenden  Jalires  dar- 
boten, belohnen;  so  hat  die  Provinzial-Deputation  durch  Verniittclung 
der  Academia  de  buena.s  letras  5000  Realen  für  eine  Abhandlung  über 
den  ••ingcfalleiien  Paiau   li.>lininit  •   >u  das  Atene«»  eatalan  lOOoo  Uealen 


208     Mau.  Mihi  yl'"uiUunalsJahicsb.TicliteI.  Span.  LitL'iatiir  ISGO  — CI. 

endliche  Schicksal  sei  das  die  Vorsehung  der  catalanischcn 
Sprache  bestimmt,  ihr  noch  Tage  des  Glanzes  aufgespart 
sind. 


für  eine  Monographie  über  irgend  einen  Gegenstand  der  spanisclien 
(iesehiehte,  und  ein  Vcrlagsbuchliändler  ist  bereit  nieht  weniger  als 
80000  Realen  für  den  besten  historischen  oder  spanischen  Sitten-Roman, 
der  ilun  geboten  wird,  zu  gelten. 

Barcelona,  Februar  ]S()2. 

Manuel  Mihi  y  Fontanals. 
(Aus  der  spanischen  Handschrift  übersetzt  von  dem  Herausgeber). 


Kritische  Anzeigen:  Hertz,   Das  Rolandslied.  209 


Kritische  Anzeigen. 

Uebersetzungen  aus  dem  Altfranzösischen. 

Das    Rolandslied.       Das    älteste     französische    Epos.       üebersetzt     von 
Dr.    IVUh.  Hertz.     Stuttgart  1861,  Cotta.    (XIV  u.  1G3  Seiten  8".) 

Das  älteste  und  volksmäfsigste  und  mit  Recht  berühmteste 
aller  altfranzösischen  Epen  des  karolingischen  Cyclus  ist 
unbezweifelt  die  Chanson  de  Roland ,  das  Rolandslied. 
Fränkische  Volkslieder  über  die  Schlacht  von  Roncesvalles 
und  den  sagenhaften  Grafen  Roland  existirten  schon  um  die 
Mitte  des  neunten  Jahrhunderts,  denn  ihrer  erwähnt  um  837 
die  Vita  Ludovici  Pii  des  Anonymus  Astronomus.  Wol  noch  ein 
volles  Jahrhundert  mochte  es  dauern,  bevor  die  Franken  ganz 
aufhörten,  sich  der  Sprache  ihrer  Väter  zu  bedienen  und 
die  Sprache  der  unterworfenen  Romanen,  aus  der  sich  das 
Französische  entwickelte,  den  vollen  Sieg  davon  trug.  Von 
dieser  Zeit  an  konnten  auch  die  Heldenkämpfe  Karls  des 
Grofsen  und  seines  Gefolges  nur  mehr  in  französischer 
Sprache  besungen  werden.  Es  mögen  viele  bald  kürzere,  bald 
längere  Volkslieder  über  den  Zug  Karls  des  Grofsen  nach 
Spanien,  und  die  Niederlage  der  Nachhut  seines  Heeres  bei 
Roncesvalles  gesungen  worden  sein;  davon  geben  uns  die 
häutigen  Erwähnungen  der  damaligen  Chronisten  Zeugnifs,  er- 
halten haben  sie  sich  aber  nur  in  veränderter  Gestalt,  zu 
einem  Ganzen  vereinigt  und  abgerundet,  in  der  Chanson  de 
Roland.  Wenn  von  den  Epen  der  Griechen  und  Deutschen, 
nicht  ohne  in  neuester  Zeit  auf  vielfältigen  "Widerspruch  zu 
stofsen,  behauptet  wurde,  sie  seien  aus  einzelnen  VolksHedern 
entstanden  und  erst  später  zu  einem  Ganzen  umgedichtet  und 
vereinigt  worden,  so  läfst  sich  das  mit  der  gröfsten  Wahr- 
scheinlichkeit von  dem  in  Rede  stehenden  Epos  aussagen;  die 
ganze  äul'sere  Beschaffenheit  desselben  beweist  es  wol  unwi- 
derleglich. Wir  wollen  jetzt  aber  bei  diesem  Punkte,  auf  den 
wir  später  noch  zurückkonmien  werden,  nicht  länger  verwei- 
len, sondern  zuerst  Einiges  über  die  verschiedenen  Hand- 
schriften, in  denen  dies  Gedicht  enthalten  ist,  sowie  über  ihre 
Auffindung  und  Veröffentlichung,  kurz  über  die  äufsere  Ge- 
schichte desselben  mittheilen. 


2l()  Kriti.siln;  Au/.i'iyoii 

Es  gibt  in  den  Literaturen  des  Mittelalters  wenig  Stoffe, 
die  sich  einer  so  grofsen  Popularität  erfreuten,  als  Roland's 
Tod  bei  Roncevaux;  eine  ausführliche  Aufzählung  der  diesen 
Stoff  bei  den  rerschiedensten  Nationen  besingenden  (iedicht(! 
gibt  Fr.  Michel  in  den  Appendices  zu  seiner  Ausgabe  der 
Chanson  de  Roland ;  ganz  abgesehen  von  dem  uralten  baski- 
schen Volksliede  und  den  spanischen  Romanzen  über  Bernardo 
del  Carpio,  da  sie  aus  einer  national-spanischen,  der  franzo- 
sischen entgegengesetzten  Anschauung  entsprungen  sind,  linden 
wir  hier  lateinische,  mittelenglische,  altdeutsche,  dänische  und 
isländische  Bearbeitungen  in  Versen  und  Prosa,  womit  aber 
die  Zahl  derselben  noch  lange  nicht  erschöpft  ist;  aufser 
mehreren  französischen  Prosai'omanen  fehlen  vornehmlich  noch 
die  so  wichtigen  ialienischen  Epopöen  eines  Pulci,  Bojardo, 
Ariosto;  die  Reali  di  Erancia,  die  Spagna  des  Sostegno  de 
Zanobi  und  Anderes.  Kann  es  gleich  nicht  geläugnet  werden, 
dafs  auf  diese  vielfältigen  Bearbeitungen  die  um  das  Ende 
des  11.  Jahrhunderts  entstandene  Chronik  des  falschen  Tur- 
l)in ,  die  auch  hauptsächlich  aus  Volksliedern  geschöpft  hat, 
von  grofseni  Einflufs  gewesen  ist,  so  mufs  man  doch  anderer- 
seits zugestehen ,  dafs  die  französische  Chanson  de  Roland 
einen  mindestens  ebenso  grofsen  ausübte;  und,  sonderbares 
Geschick!  während  die  Kenntnifs  von  derselben  nie  erloschen 
war,  und  man  schon  seit  Langem  eifrige  Nachforschungen 
nach  alten  Handschriften,  in  denen  man  dieselbe  vermuthete, 
angestellt  hatte,  sollte  es  doch  erst  unserer  Zeit  vorbehalten 
bleiben,  sie  an  das  Tageslicht  zu  ziehen,  und  dieses  bedeu- 
tendste poetische  Erzeugnifs  der  altfranzösischen  Literatur  neu 
bekannt  zu  machen.  Der  erste,  der  in  neuerer  Zeit  Kenntnifs 
von  der  Existenz  einer  alten  Handschrift  dieses  Liedes  gehabt 
zu  haben  scheint,  war  der  berühmte  englische  Gelehrte  Tyr- 
whitt,  der  in  seinem  Commentar  zu  Chaucer  darüber  einige 
Andeutungen  gab.  Der  durch  seine  Arbeiten  über  die  alt- 
französische Literatur  bekannte  Abbe  de  la  Rue  stellte  eifrige 
Nachforschungen  in  englischen  Bibliotheken  an,  fand  die  Hand- 
schrift, welche  das  Rolandslied  in  der  ältesten  uns  zugekom- 
menen Form  enthält,  in  der  Bodleiana  in  Oxford,  und  veröf- 
fentlichte aus  derselben  —  ohne  sie  aber,  da  sie  keine  Titel- 
überschrift hat.  für  die  so  lange  und  eifrig  gesuchte  Chanson 
de  Roland  erkannt  zu  haben,  die  er  durch  die  bekannte,  von 
uns  später  zu  erwähnende   Stelle  Wace's  über  Taillefer  verführt 


Hertz,  Das  Kulaiidslied.  211 

für  eine  kurzi^  Cantilena  hielt  —  einige  kurze  Auszüge  in 
seinen  Essais  sur  les  bardes  et  les  trouveres  anglo-normands, 
Caen.  1834.  8".  Bd.  II,  S.  64  ff.  Im  Jahre  1817  äufserte 
Conybeare  seine  Absicht,  ein  Werk  über  Geschichte  der  eng- 
lischen und  französischen  Literatur  im  Mittelalter  zu  veröffent- 
lichen und  theilte  bei  dieser  Gelegenheit  mit,  dafs  er  in  dem- 
selben auch  über  ein  altfranzösisches  Gedicht  zu  berichten 
gedenke,  das  von  der  Niederlage  bei  Roncesvalles  handle  und, 
wie  er  aus  Innern  Gründen  überzeugt  sei,  das  älteste  Denkmal 
dieser  Sprache  sei ,  welches  in  britischen  Bibliotheken  existire. 
Dieses  Werk  erschien  nie.  In  demselben  Jahre  veröffent- 
lichte Louis  de  Musset  im  ersten  Bande  der  Memoires  et  Disser- 
tations  sur  les  antiquites  nationales  et  etrangeres  (Paris  1817) 
einen  Artikel  unter  der  Ueberschrift:  Legende  du  bienheureux 
Roland,  in  dem  die  Analyse  eines  handschriftlichen  Roman 
de  Roncivals  gegeben  wird,  und  Auszüge  aus  demselben  niit- 
getheilt  werden.  Diese  Handschrift  stammte  aus  der  vormals 
in  Versailles  befindlichen  Bibliothek  des  Königs  Ludwig  XVI. 
und  war  damals  im  Besitze  des  Grafen  Garnier.  Nach  Mus- 
set's  Bemerkung  beabsichtigte  Guyot  des  Herbiers  dieselbe 
herauszugeben.  Er  verwirklichte  aber  diesen  Plan  nicht,  son- 
dern schenkte  seine  sorgfältige  Abschrift  der  k.  Bibliothek  in 
Paris,  wo  sie  sich  noch  befindet.  Die  Versailler  Handschrift 
wurde  im  Jahre  1822  von  dem  Genfer  Gelehrten ,  Bourdillon 
erworben,  der  sie  auch  später  herausgab ,  wie  wir  weiter  un- 
ten berichten  werden.  H.  Monin  veröffentlichte  1832  seine 
bekannte  Dissertation  sur  le  Roman  de  Roncevaux,  die  aus- 
führliche Inhaltsanzeigen  und  längere  Stellen  aus  der  Abschrift 
(iuyots  und  aus  einer  andern  unvollständigen  Pariser  Hand- 
schrift des  13.  Jahrhunderts  enthält.  Francisque  Michel,  des- 
sen grofse  Verdienste  um  die  Herausgabe  der  altfranzösischen 
Sprachdenkmäler  allgemein  bekannt  sind ,  publicirte  noch  in 
demselben  Jahre  sein  Examen  critique  dieser  Dissertation ; 
im  Jahre  1835  nahm  er,  durch  die  Hindeutungen  Tyrwhitt's 
und  De  la  Rue's  aufmerksam  gemacht,  in  Oxford  von  der 
dortigen  Handschrift  eine  sorgfältige  Abschrift,  und  zwei 
Jahre  später  erschien  die  von  ihm  veranstaltete  erste  Ausgabe 
dieses  merkwürdigen  Gedichtes  in  nur  200  Exemplaren  (La 
i'lianson  de  Roland  ou  de  Roncevaux  du  XIP  siede,  publ. 
pour  la  premiere  fois  d'apres  le  manuscrit  de  la  bibl.  bodleienne 
\\  Oxford   par  Francisqile  xMichel.      Paris,   Silvestre   1837.   S".). 


212  Krititit^hc  Anzeigen: 

Diese  Oxl'order  Handschrift,  Nr.  1  der  Handschriften  des 
Rolandsliedes,  machte  früher  einen  Theil  der  Bodleianischen 
Bibliothek  aus,  wo  sie  die  Nummer  1624  trug,  unter  welcher 
sie  Tyrwhilt  anführt,  jetzt  steht  sie  unter  den  Digby  Hand- 
schriften als  Nr.  23.  Sie  ist  gegen  das  Ende  des  12.  Jahr- 
hunderts auf  Pergament  in  Octav  geschrieben  und  enthält  nocli 
ein  ins  Lateinische  übersetztes  Stück  Platon's.  Das  Rolandslied, 
das  keine  Ueberschrift  führt,  nimmt  4002  zehnsilbige  Verse  ein, 
die  ohne  Unterabtheilung  in  Lieder  oder  Gesänge  auf  einan- 
der folgen.  Sie  sind  in  sogenannte  Tirades  monorimes  abge- 
theilt,  d.  h.  eine  unbestimmte  Reihe  von  Verszeilen  folgt  ohne 
Unterbrechung  mit  derselben  Assonanz ,  die  die  Stelle  des 
Reims  vertritt;  hierin  liegt  auch  mit  ein  Kriterium  für  das 
hohe  Alter  dieser  Abfassung,  da  hier  noch  Vocale  mit  Diph- 
thongen assoniren ,  was  die  später  regelmäfsigere  Dichtung 
nicht  mehr  duldete.  Am  Schlüsse  der  meisten  Tiraden  befin- 
det sich  das  räthselhafte  Wort  Aoi,  das  schon  viele  Deutungen 
veranlafst  hat;  am  wahrscheinlichsten  dünkt  uns  noch  die  An- 
nahme Magnin''s  in  seiner  Recension  der  Ausgabe  von  Genin 
(Journ.  des  Savants,  Decembre  1852),  dafs  es  das  Zeichen 
für  den  singenden  Jongleur  gewesen  sei,  um  zu  pausiren  und 
den  Ton  zu  ändern.  Durch  Versehen  oder  Mifsverständnifs 
des  Schreibers  geschah  es  aber,  dafs  dieses  Zeichen  sehr  oft 
nicht  am  Schlufse,  sondern  in  der  Mitte  einer  Tirade  gesetzt, 
manchmal  auch  ganz  ausgelassen  wurde.  ^)  Am  Schlufse  des 
Liedes  nennt  sich  der  Schreiber :  „  Ci  falt  la  geste  que  Turol- 
dus  declinet"  (nach  Hertzen's  Uebersetzung:  „Hier  endet  die 
Mähre,  welche  Turold  verläfst");  daraus  haben  die  französi- 
schen Gelehrten  den  Schlufs  ziehen  zu  dürfen  geglaubt,  dafs 
dieser  Thurold  oder  Theroulde  auch  der  Verfasser  des  Ge- 
dichtes sei ,  und  haben  weitläufige  Untersuchungen  über  die 
Persönlichkeit,  die  mit  diesem  Namen  gemeint  sei,  angestellt. 
Doch  ist  es  bei  weitem  wahrscheinlicher,  dafs  diessr  Turold 
der  blofse  Ab-  oder  Umschreiber  war;  denn  die  vielfältigen 
Incorrectheiten  und   Wiederholungen  lassen  die  Annahme  nicht 


')  Auf  die  Ijedeiitting  dieser  .Stellung  des  Aoi  haben  die  bisheri- 
gen Herausgeber  gar  keine  Rücksicht  genommen ;  uns  will  aber  be- 
dünken, dafs  bei  einer  kritischen  Ausgabe  die  Richtigkeit  dieser  Be- 
hauptung Magnin's,  die  für  die  Tiradeneinthcilung  und  Aufeinanderfolge 
von  grofser  Bedeutung  ist,    wird  in  Betracht  gezogen    werden  müssen. 


Hertz,  Dati  Holandslied.  213 

glaublich  erscheinen,  duls  dieser  Text  in  seiner  jetzigen  Ge- 
stalt von  dem  Dichter  selbst  herrühre;  aber  man  wird  diesen 
Namen  auch  kaum  für  den  aus  einer  altern  Handschrift  her- 
übergenommenen des  Verfassers  halten  dürfen,  denn  wie  liefse 
sich  sonst  erklären,  dafs  derselbe  weder  in  den  zahlreichen 
andei-n  Handschriften  dieses  Gedichts,  noch  in  einer  der  frü- 
hern Uebersetzungen  vorkommt?  Können  wir  daher  auch  mit 
den  Herren  Michel  und  Genin,  den  französischen  Herausge- 
bern, über  diesen  Turold  nicht  einer  Meinung  sein,  so  wollen 
wir  doch  gröfserer  Bequemlichkeit  willen  die  Oxforder  Hand- 
schrift unter  Turold's  Namen  aufführen. 

Die  andern  bis  jetzt  bekannten  Handschriften  der  Chanson 
de  Roland  sind:  2)  eine  Pergamenthandschrift  aus  der  Mitte 
des  14.  Jahrhunderts  in  Venedig  (Cod.  Tiepolo,  Nr.  4).  Diese 
Foliohandschrift  enthält  unter  dem  Titel  ,,liber  Roncivalis" 
eine  höchst  merkwürdige  Version  des  Rolandsliedes ,  von  der 
bis  jetzt  leider  nur  ein  Theil  bekannt  gemacht  worden  ist. 
Zuerst  machte  Imm.  Bekker  auf  dieselbe  aufmerksam,  in  den 
Abhandlungen  der  Berliner  Akademie  für  1839:  ,,Die  altfran- 
zösischen Romane  der  St.  Marcus  Bibliothek",  hierauf  theilte 
Adalb.  v.  Keller  in  der  Romvart  1844  gröfsere  Auszüge  aus 
derselben  mit,  und  später  veröffentlichte  Genin  in  seiner  1850 
erscliienenen  neuen  Ausgabe  der  Oxforder  Handschrift  (La 
chanson  de  Roland,  poeme  de  Theroulde.  Paris  1850.  8".) 
ebenfalls  einige  Partien  derselben.  Diese  Venetianer  Hand- 
schrift hat  ungefähr  GOOO  Verse,  und  dürfte  wahrscheinlicli 
nach  der  Oxforder  den  ältesten  Text  bieten;  sie  schliefst  sich 
zum  gröfsten  Theile  an  den  Turold'schen  Text  ziemlich  genau 
an,  erst  gegen  den  Schlufs  werden  die  Abweichungen  sehr 
bedeutend  und  deuten  darauf  hin,  dafs  hier  dem  Schreiber  an- 
dere Vorlagen  zu  Gebote  standen.  ^)  Ein  grofses  Interesse 
hat  diese  Version  in  linguistischer  Beziehung,  denn  die  Sprache, 
in  der  sie  abgefafst  ist,  besteht  aus  einem  seltsamen  Gemenge 
von  Französischem  und  Italienischem  mit  einer  ganz  eigen- 
thümlichen  Orthographie.  Aufserdem  enthält  die  Handschrift 
Nr.  7  derselben  Bibliothek  ebenfalls  den  Text  der  Roncevalles- 
Schlacht,  der  auch   noch  in  zwei  andern    Handschriften    dieser 


')  Genin  stellt  1.  c.  die  Behauptung  auf,  dafs  anfscr  der  Ver.-ailler 
Version  auch  ein  noch  nicht  aufiji^fiiiulenor  Text  dos  Aymorisj  de  Nar^ 
linnne  von  Kinflufs  gewesen  sei. 


214  Kritische  Anzeij^en: 

Bibliotliek  sich  befinden  soll;  -  -  3)  eine  Handschrift  der  Pariser 
k.  Bibliothek  aus  dem  13.  Jahrhundert,  die  wir.  schon  oben 
erwähnten;  sie  stammt  aus  der  Colbert'schen  Sammlung  und 
hat  jetzt  die  Nr.  7227.  5;  der  Anfang  fehlt,  sie  beginnt  mit 
Tirade  77  (Hertz  79);  —  4)  eine  ebenfalls  am  Anfange  de- 
fecte  Handschrift  der  Lyoner  Stadtbibliothek  Nr.  984  aus 
dem  Anfange  des  14.  Jahrhunderts  (sie  beginnt  mit  Tirade  85 
[Hertz  87]);  diese  beiden  Handschriften  niüfsten,  wenn  sie 
vollständig  erhalten  wären,  eine  jede  w'enigstens  die  doppelte 
Zahl  der  Verse  als  die  Turold'sche  enthalten;  statt  der  Asso- 
nanz steht  in  denselben  der  Reim^);  —  5)  die  schon  oben 
angeführte  Versailler  Handschrift  aus  dem  13.  Jahrhundert, 
die  über  8000  Verse  enthält  und  sich  als  eine  Erweiterung 
des  Turold'schen  Textes  zeigt,  dem  sie  ungefähr  bis  zur 
Hälfte  ziemlich  genau  folgt,  dann  aber  bedeutend  abweicht: 
so  nimmt  z.  B.  die  Episode  von  Aude,  Roland's  Braut,  die 
bei  Turold  nur  28  Verse  füllt,  hier  800  ein.  Herr  Bourdil- 
lon,  der  Besitzer  dieser  Handschrift,  hat  nach  derselben  im 
Jahre  1841  seine  Ausgabe  des  Rolandsliedes  veröffentlicht, 
nachdem  er  schon  früher  eine  Prosaübersetzung  desselben  hatte 
erscheinen  lassen;  leider  begnügte  er  sich  aber  nicht  damit, 
einen  getreuen  Abdruck  des  in  seinem  Besitze  befindlichen 
Textes  zu  veranstalten,  sondern  stellte  aus  einer  Vergleich ung 
desselben,  den  er  für  den  ältesten  und  besten  hielt,  mit  der 
Oxforder  und  Lyoner  Handschrift  einen  verbesserten  Text  her, 
wobei  er  aber  sehr  willkürlich  verfuhr,  und  z.  B.  einmal  über 
800  Verse  ausliefs.  Eine  verläfsliche  Ausgabe  dieser  Hand- 
ßchrift,  von  der  sich,  wie  früher  bemerkt,  auf  der  Pariser  Bi- 
bliothek eine  genaue  Abschrift  befindet,  existirt  mithin  noch 
keineswegs;  —  G)  eine  Papierhandschrift  aus  dem  16.  Jahr- 
hundert im  Trinity-College  zu  Cambridge;  —  7)  zwei  Frag- 
mente einer  lothringischen  Handschrift  aus  dem  13.  Jahrhundert, 
beide  sind  in  Genin's  Ausgabe  abgedruckt.  Das  erste  Bruch- 
stück von  176  Versen  bezieht  sich  auf  den  Kampf  Karls  des 
Grofsen  gegen  die  Sarazenen;  das  zweite  zählt  175  Verse 
und  handelt  von  der  Sendung  der  Barone  an  Gerard  de 
Vienne,  um  Aude  abzuholen,   welche  Episode  bei  Turold  noch 


')  Aus  diesen  beiden  Handsclu-iiteii,  die    noch    nicht    vcröffcntlielit 
•.viirdcn,  thcilt  Fr.   Michel  längere   Stellen   mit. 


Hertz ;    Das  Rolandslifd.  210 

nicht    vorkommt,    dagegen  sich    in    der   Versailler    Handschrift 
befindet. 

Die  mehr  erwähnten  Ausgaben  von  Michel  und  Genin  be- 
schränken sich  darauf,  den  Text  der  ältesten  Handschrift  abzu- 
drucken; Bourdillon's  Ausgabe  kann  kaum  in  Betracht  kommen, 
da  sie  gänzlich  unkritisch  und  willkürlich  mit  dem  Text  um- 
sprino-t;  aber  auch  die  beiden  oben  erwähnten  Ausgaben  lassen 
im  Punkte  der  Texteskritik  viel  zu  wünschen  übrig,  wie  dies  Herr 
Hertz,  der  Verfasser  der  vorliegenden  Uebersetzung,  schmerz- 
lich empfunden  hat;  und  vor  allem  vermissen  wir  noch  immer 
eine  Ausgabe,  die  es  sich  zur  Aufgabe  gestellt  hätte,  aus 
einer  Vergleichung  der  verschiedenen  Handschriften ,  wo- 
bei auf  die  Venetianer  ein  besonderes  Gewicht  zu  legen  wäre, 
mit  Zugrundelegung  der  unbezweifelt  ältesten  und  ächtesten 
Oxforder  Handschrift  einen  wahrhaft  kritischen  Text  her- 
zustellen. Mit  Vergnüaen  entnehmen  wir  der  Vorrede  des 
deutschen  Uebersetzers ,  dafs  der  als  tüchtiger  romanischer 
Philologe  sehr  geschätzte  Professor  Conrad  Hofmann  in  Mün- 
chen, dessen  Unterstützung  Hei-rn  Hertz  bei  seiner  Arbeit  viel- 
fältig zu  Theil  wurde,  gegenwärtig  damit  beschäftigt  ist,  eine 
kritische  Ausgabe  des  Rolandsliedes  zu  veranstalten.  Noch 
erübrigt  uns  aber,  einer  in  Deutschland  erschienenen  Ausgabe 
desselben  rühmend  zu  erwähnen,  die  zu  unserm  Bedauern  Herrn 
Hertz  unbekannt  geblieben  zu  sein  scheint,  da  er  derselben 
nirgends  erwähnt,  was  um  so  auffälliger  ist,  als  er  sie  in  der 
ihm  gewifs  nicht  unbekannten  Stelle  der  Literaturgeschichte 
von  Gervinus  über  die  mittelhochdeutschen  Bearbeitungen  des 
Rolandsliedes,  Theil  I,  p.  235  ff.  angeführt  finden  konnte. 
Sie  erschien  1851  in  Göttingen:  ,,La  Chanson  de  Roland  be- 
richtigt und  mit  einem  Glossar  versehen  nebst  Beiträgen  zin- 
Geschichte  der  französischen  Sprache  von  Dr.  Th.  Müller. 
Erste  Abtheilung.-'  Leider  ist  nicht  mehr  davon  erschienen'), 
und  dem  Herausgeber  standen  bei  seiner  Arbeit  nur  die  ge- 
druckten Ausgaben  zur  Verfügung,  so  dafs  also  eine  auf 
Quellenstudium  gegründete  kritische  Ausgabe  noch  immer  als 
ein  Bedürfnifs  erscheint;   aber  auch   so   hat    Herr  Müller  einen 


')  Indessen  heieitet  Herr  Professor  Müller  eine  vollständige  Aus- 
gabe vor,  wie  er  uns  schon  vor  Jahr  und  Tag  brieflieh  niittheilte; 
wir  dürfen  also  wol  ihrem   Krseheinen  in   Halde  entgegensehen. 

Anm.  (/'"«  Ileraiisq. 


2H)  Kritische  Anzeigen: 

sehr  schätzbaren  Beitrag  zur  Herstellung  eines  gereinigten 
Textes  geleistet,  und  seine  Verbesserungen  und  Conjecturen 
würden  Herrn  Hertz  mehr  als  einmal  gut  zu  Statten  gekom- 
men  sein. ^)   — 

Wir  wollen  nun  auf  das  Gedicht  selbst  etwas  näher  ein- 
gehen, und,  indem  wir  dabei  fast  ausschliefslich  nur  auf  die 
älteste  erhaltene  Version  desselben,  die  Turold'sche,  reflectiren, 
mit  einigen  Bemerkungen  über  die  Zeit  der  Abfassung  und  die 
Art  der  Entstehung  desselben  anheben.  Wir  haben  schon  oben 
angeführt,  dafs  die  Oxforder  Handschrift  ungefähr  in  der  zweiten 
Hälfte  des  12.  Jahrhunderts  niedergeschrieben  worden  sei; 
viel  früher  dürfte  nach  der  übereinstimmenden  Annahme 
Wilh.  Grimm's,  Diez's  und  Michel's  auch  die  Zeit  der  Abfas- 
sung des  Liedes  in  der  erhaltenen  Form  nicht  angesetzt  wer- 
den. Herr  Genin  hatte  bei  seiner  Ausgabe  desselben  im  Jahre 
1850  noch  behauptet,  dafs  dasselbe  aus  dem  11.  Jahrhundert, 
ja  noch  vor  der  Schlacht  von  Hastings  stamme,  und  dafs  der 
Trouvere  Taillefer  vor  dem  Beginn  derselben  schon  dieses 
Lied  gesungen  habe.  Diese  Behauptung  gab  nun  Herrn  Magnui 
in  seiner  schon  erwähnten  Besprechung  von  Genin's  Ausgabe 
im  Journ.  des  Sav.  Septembre  1852  Anlafs  auf  die  Feststel- 
lung der  wahrscheinlichen  Entstehungszeit  etwas  näher  einzu- 
gehen. Er  untersucht  zuerst  die  Sage  von  Taillefer's  Singen 
des  Rolandsliedes  vor  dem  Beginne  der  Schlacht  von  Hastings. 
Diese  gründet  sich  auf  die  berühmte,  oft  und  neuerdings  nocli 
von  unserm  Uebersetzer  mitgetheilte  Stelle  aus  dem  Roman 
de  Rou  des  normannischen  Trouvere  Wace.  Es  ist  schon  an 
und  für  sich  höchst  unwahrscheinlich,  dafs  ein  vor  einer 
Schlacht  gesungenes  Kriegslied  ein  Stück  aus  einem  Epos  ge- 
wesen sei.  Herr  Magnin  weist  treffend  nach,  dafs  alle  uns 
bekannten  Kriegslieder,  in  was  immer  für  eine  Sprache  sie 
abgefafst  sein  mögen,  kurze  lyrische  Lieder  in  einem  lebhaften, 
bewegten  Mafse  waren,  mithin  in  einem,  in  der  Natur  der 
Sache  begründeten,  vollständigen  Gegensatze  zur  epischen  Form 
standen.  Er  fragt  mit  vollem  Rechte,  welche  Pai'tie  des  Ro- 
landsliedes,   wie  es  uns  vorliegt,    wol   geeignet    gewesen    sei. 


^)  Hier  wollen  wir  noch  anführen,  dafs  soeben  eine  neu-franzu- 
sische  Ucbersetzung  in  Versen  erschienen  ist:  Roland,  poeme  heroique 
de  Theroulde,  trouvere  du  XI.  siecle,  traduit  en  vers  fran^ais  par 
J.  Jnnain  sur  le  texte  et  la  versinn  en  prose  de  F,  Genin.  Paris  18G2.  8". 


llortz.  Das   Rolandsliod.  217 

als  Kriegslied  gesungen  zu  werden.  Herr  Geiiin  wäre  t'reilieli 
nicht  um  eine  Antwort  verlegen  gewesen,  denn  er  wollte  sogar 
noch  die  Melodie  des  von  Taillefer  gesungenen  Liedes  in  einer 
noch  vor  wenigen  Jahren  in  Wales  gangbaren  Volksmelodie 
erkannt  haben:  l'air  des  marais  de  Ruddlanü  Was  verschlug 
es,  dafs  sich  das  Lied,  das  nach  dieser  Melodie  gesungen 
wurde,  auf  zwei  Niederlagen  der  britischen  Kelten  gegen  die 
Sachsen  im  8.  und  11.  Jahrhundert  bezog,  deutete  ja  doch  der 
Name  Ruddlan.  so  wie  der  der  Grafschaft  Rutland  unzweifel- 
haft auf  Roland  hin!  Nicht  viel  fester,  als  bei  diesen  luftigen 
Hypothesen,  steht  der  historische  Boden  der  Sage  von  Taillefer's 
Singen.  Fast  alle  gleichzeitigen  Schriftsteller  über  die  Hastings- 
schlacht  erzählen  von  Taillefer's  Jongleurstücken,  wie  er  dem 
Normannenheere  vorausreitend  Lanze  und  Schwert  mehrmals 
in  die  Luft  geschleudert  und  wieder  aufgefangen  habe,  und 
von  seinem  ruhmvollen  Tode  im  Beginne  der  Schlacht;  aber 
keiner,  weder  Geoffroy  Gaimar,  noch  Benoit  de  Ste  More 
oder  Ranulph  Higden  weifs  etwas  davon ,  dafs  er  gesungen 
habe.  Auch  AVilhelm  von  Malmesbury  weifs  nichts  von  Tail- 
lefer, sondern  erzählt,  dafs  Wilhelm  der  Eroberer  selbst  das 
Rolandslied  angestimmt  habe  (de  gestis  regum  Anglorum): 
,,Tunc  cantilena  Rolandi  inchoata,  ut  martium  viri  exemphnn 
accenderet,  inelamatoque  dei  auxilio,  praelium  utrimque  con- 
certum."  Ja  Ranulph  Higden  stellt  es  ausdrücklich  so  dar, 
dafs  erst  nach  Taillefer's  Tode  das  Rolandslied  von  König 
Wilhelm  angestimmt  worden  sei;  worauf  dann  das  Heer  in 
diesen  Gesang  eingefallen  sei.  Diese  Zeugnisse  lassen  die 
Darstellung  des  viel  späteren  Wace  sehr  unwahrscheinlich  er- 
scheinen ;  selbst  der  Bearbeiter  der  Prosachronik  von  den 
Herzogen  der  Normandie,  der  sich  sonst  meist  treu  an  Wace 
hielt,  unterdrückte  doch  alles,  was  dieser  von  Taillefer  er- 
zählte. Welches  Lied  nun  diese  Cantilena  Rolandi  gewesen 
sein  mochte,  die  König  Wilhelm  und  sein  Heer  sangen ,  wis- 
sen wir  zwar  nicht,  unzweifelhaft  erscheint  es  uns  aber,  dafs 
man  hierbei  nicht  an  das  Rolandslied  Turold's  denken  darf, 
das  früliestens  der  ersten  Hälfte  des  12.  Jahrhunderts  seine 
Entstehung  verdankt.  Dafs  das  Alter  desselben  nicht  höher 
angesetzt  werden  dürfe,  zeigt  sich  vor  Allem  aus  der  Sprache, 
in  der  es  gedichtet  worden.  Der  bewährteste  Kenner  der  ro- 
nianischen  Sprachen,  Friedr.  Diez,  hat  sich  in  seinen  ,.  Alt- 
romanischen    Sprachdenkniälern''     daliin     ausgesprochen,     dar> 

.I;ilirb.   I".  r<jm.   u.   ciiul.  Lit.    IV.    2.  1,"» 


213  KiitLsohc   Anzeigen: 

der  anglonormamiisclie  Diulcct ,  in  dem  dieses  Litd  ;iiit'  uns 
gokonimen,  iiuf  eine  Zeit  nach  der  Eroberung  Englands  durch 
die  Normannen  hinweise,  avo  die  grammatische  Reinheit  der 
verpflanzten  Sprache  sicli  schon  ziendieh  getrübt  liatte.  Herr 
Magnin  bringt  in  seinem  mehrfach  erwähnten  vortrefTlichen 
Aufsatze,  dem  wir  hier  gefolgt  sind,  auch  mehrere  Züge  aus 
dem  Gedichte  selbst  bei,  die  wohl  geeignet  sind,  uns  über 
die  Zeit  seiner  Abfassung  Fingerzeige  zu  geben.  So  d(niten 
die  Schilderung  Karl's  des  Grofsen ,  die  hier  so  ganz  ver- 
schieden von  der  verkleinernden,  ihn  oft  geradezu  verächtlich 
darstellenden  der  weitaus  meisten  späteren  Chansons  de 
geste  ist,  und  die  Feier  des  ,,süf'sen  Frankreich"  (dulce  France), 
die  hier  so  oft  wiederkehrt,  unverkennbar  auf  eine  Periode 
hin,  wo  das  Gefühl  des  gemeinsamen  Vaterlands  und  die  Macht 
des  Königthums  gegenüber  den  separatistischen  Tendenzen  der 
feudalen  Barone  erstarkt  Avar.  Ein  solcher,  wenn  aucli  keine 
bleibende  Nachwirkung  hinterlassender,  Ansatz  zur  Centrali- 
sirung  Frankreichs  und  Stärkung  der  königlichen  Macht  fand 
aber  in  der  ersten  Hälfte  des  12.  Jahrhunderts  unter  König 
Ludwig  dem  Dicken  und  seinem  Minister  Abt  Suger  statt; 
dies  zeigte  z.  B.  die  Ausschreibung  des  Reichstages  von  Rheims 
1125,  wo  alle  Barone  dem  Könige  gegen  den  deutschen  Kai- 
ser zu  Hilfe  eilten,  der  mit  einem  Einfalle  in  die  Champagne 
drohte.  So  kommt  auch  der  Kriegsruf  Movjoie  (lateinisch: 
mons  gandii  —  meum  gaudium),  1119  zum  erstenmal  beglau- 
bigt vorj  ebenso  erscheint  der  Name  Orißamme  für  die  fran- 
zösische Heeresfahne  nicht  vor  1125;  diese  beiden  Ausdrücke 
kennt  und  gebraucht  aber  das  Rolandslied  schon.  Ebenso 
wenig  war  es  auch  vor  dem  12.  Jahrhundert  Sitte,  Leib  und 
Herz  getrennt  zu  bestatten,  wie  dies  bei  Turold  erwähnt  wird.  ^) 
Ueber  die  Art  der  Entstehung  finden  Avir  in  dem  Werke 
selbst  mehrere  Andeutungen  von  Wichtigkeit.  Es  unterliegt 
keinem  ZAA-eifel,  dafs  Avir  das  Rolandslied  nicht  mehr  in  sei- 
ner ältesten  Gestalt  besitzen;  dürfen  wir  dem  Gedichte  selbst 
hierin  Glauben  schenken,  so  hatte  schon  eine  ältere  schrift- 
liche Aufzeichnung  existirt;  Willi.  Grimm  führt  in  der  treff- 
lichen Einleitung  zu  seiner  Ausgabe  des  ,,Ruolantes  Lied-' 
(Göttingen   1838)  eine  Stelle  der  Chanson    an,    die  einer  sol- 


')  Die  Belegstellen  zu  diesen  Anführungen  linden  sieh  in  Magnin'a 
Aufsatz:  Jonrnal  des  Savants,  September  und  December  1852. 


Hertz,  Das  Kolaii-]slic<l.  219 

eben  geschriebenen  Quelle  erwähnt  (Tir.  272,  Vors  9,  Ausg. 
von  Michel):  „II  est  escrit  en  l'ancienne  geste".  Zahlreich 
sind  aber  die  Stellen,  die  den  Ursprung  aus  mündlichen  Ueber- 
lieferungen ,  die  wir  schon  früher  angedeutet  haben,  beweisen, 
so  Tir.  125,  15.  153,  1.3:  „^'o  dit  la  geste".  Aber  auch 
Anführungen,  die  die  Bestimmung  des  Liedes,  gesungen  zu 
werden,  bezeugen,  kommen  mehrfach  vor,  so  u.  A.  Tir.  111, 
18:  ,,Male  chan^un  n'en  deit  estre  cantee  ".  Die  vielen  Wieder- 
holungen auch  längerer  Stücke,  in  denen  dieselbe  Situation 
mitunter  zwei-  auch  dreimal  in  verschiedener,  manchmal  sogar 
widersprechender  Fassung  besungen  wird,  beweisen  unwider- 
leglich, dafs  hier  mehrere  Versionen  zu  einem  Ganzen  vereinigt 
wurden.  Herr  Hertz  aufsert  sich  darüber  in  der  seiner  Ueber- 
setzung  vorhergehenden  kui'zen  P^inleitung  (S.  VIII)  folgender- 
mafseu:  ,,Es  ist  übrigens  längst  ausgesprochen,  dafs  bei  un- 
serem Gedicht  überhaupt  von  keinem  einzelnen  selbstslän- 
digen  Dichter  zu  reden  ist.  Kein  Epos  zeigt  so  deutlich  wie 
dieses  seine  Entstehung  aus  verschiedenen  Volksgesängen  und 
Mllniähliclie  Verschmelzung  derselben  durch  das  Entlehnen  ver- 
mittelnder Sänger  und  das  Ineinanderschieben  und  Zusammen- 
fassen ordnender  Schreiber.  Die  Anfangsverse  der  meisten 
Tiraden  geben  in  wenigen  Worten  die  Situation  an  und  be- 
zeichnen damit  ebenso  viele  Stellen,  wo  der  Sänger  seinen 
Vortrag  anliob  und  bei  der  allgemeinen  Verbreitung  der  Sage 
jede  weitere  Einleitung  sich  ersparend  seine  Zuhörer  gleich 
niediam  in  rem  fühlte.  ^An  besonders  beliebten  Stellen  sind 
sogar  die  Varianten  der  verschiedenen  Bearbeitungen  neben 
einander  stehen  geblieben,  sprechende  Zeugen  von  der  fort- 
wäln-enden  Fluctuation  des  Stoffes  in  freien,  wechselnden 
Formen.  Diese  Erscheinung  tritt  aber  weiterhin  besonders 
bei  den  übrigen  Handschriften  und  den  Uebersetzungen  zu 
Tage,  welche  in  den  grofsen  Zügen  drr  Sage  alh'nthalben 
ül)ereinstimnien,  im  Detail  jedoch  aufs  niannichfaltigste  ausein- 
anderlaufen." —  Und  Paulin  Paris,  der  mit  seiner  Heraus- 
gabe von  „Li  Romans  de  Berte  aus  grans  pies"  (Paris  1832) 
der  Erste  die  Epen  des  karolingischen  Cyclus  in  Frankreich 
ihrer  langen  Vergessenheit  entrifsen  hat,  äufsert  sich  in  seiner 
Kritik  der  Genin'schen  Ausgabe  (Bibliothe((ue  de  l'ecole  des 
chartes,  Ser.  III,  toni.  II,  1851)  über  diese  Wiederholungen 
also:  .  .  .  ,,Vom  Standpunkte  einer  regelmäfsigen  Ct)nipu.sition 
ist    es  unmöglich,   die  meisten  dieser  Wiederholungen  zu  billigen 

15* 


220  Kritischo  Anzeigen: 

uihI  zu  reclitfVrtigen.  Sic  sind  doppelt,  dreifach,  iniluiitcr 
zeliiil'acli.  und  die  Details  der  einen  widersprechen  häufig  denen 
der  andern.  Man  darf  aber  auch  nicht  vergessen ,  dafs  die 
Chansons  de  geste  in  allen  Provinzen  Frankreichs  verbreitet 
wurden,  und  dafs  man  sie  weder  mit  gleicher  Betonung  nocli 
im  selben  Dialect  sang.  Diese  ersten  Veränderungen  wurden 
die  Veranlassung  anderer  noch  folgenreicherer.  Die  Jongleurs 
fügten,  wenn  sie  sich  etwas  au!'  ihre  Erfindungsgabe  zu  Gute 
thaten,  dem  Original,  das  sie  auswendig  wufsten,  neue  Züge 
hinzu.  Erschienen  diese  Zusätze  passend  angefügt,  so  räum- 
ten die  Schreiber  ihnen  den  geeigneten  Platz  im  alten  Gedichte 
ein.  Die  Sänger  erlangten  grofse  Vortheile  durch  diese  Wie- 
derholungen. War  ihr  Auditorium  ihnen  nicht  zahlreich,  nicht 
aufmerksam  genug,  so  konnten  sie  so  Zeit  gewinnen,  und  einen 
gelegeneren  Augenblick  abwarten,  um  die  schönen  Stellen  vor- 
zutragen und  ihr  Honorar  einzusammeln.  Beim  Studium  die- 
ser eigenthümlichen  Composition  darf  man  nie  den  Autor  vom 
Sänger,  den  Trouvere,  der  dichtete,  vom  Jongleur,  der  dar- 
stellte, trennen."  *)  P.  Paris  führt  dann  ein  auffallendes  Bei- 
spiel zweier  solcher  einander  gerade  entgegengesetzter  Stellen 
im  Rolandsliede  an;  als  der  Verräther  Ganelon  (Guenes) 
vorschlägt,  dafs  Roland  die  Nachhut  von  Karls  Heere  führen 
solle,  ist  dieser  hocherfreut,  Tir.  58.:  ,,Li  quens  Rollans, 
quant  il  s'oit  juger"  u.  s.  w.,  die  unmittelbar  darauffolgende 
Tir.  59  zeigt  ihn  eben  dieses  Vorschlags  wegen  gegen  den 
verrätherischen  Stiefvater  erbofst:  ,,Quantot  Rollans  qu'il  est 
en  l'arere-guarde,  —  Ireement  parlat  a  sun  parastre"  u.  s.  w. 
Solcher  Stellen  liefsen  sich  noch  mehr  anführen,  wo  man  un- 
möglich Genin  beistimmen  kann,  dafs  derlei  Wiederholungen 
der  bewufsten  künstlerischen  Absicht  des  Dichters  ihre  Ent- 
stehung verdanken-);  wenn  man  ihm  auch  wird  zugeben  müssen. 


1)  Man  vergleiche  noch  über  diese  Wiederholungen  in  den  Chan- 
sons de  geste  das  Werk  von  J.  Barrois,  Elemens  carlovingiens.  Paris 
1846.  4^.  S.  186  ff.  und  insbesondere  die  ausgezeichnete  Anzeige  von 
V.  A.  Huber  über  Barrois'  Ausgabe  der  Chevalerie  Ogier  de  Dane- 
marehe  in  der  Neuen  Jenaischen  Literaturzeitung,  1844.  Nr.  95,  96, 
98-100, 

2)  Huher  sagt  treffend  in  der  o.  a.  Anzeige,  S.  395 ,  wo  er  von 
den  Widersprüchen  in  den  Tiraden  spricht:  „Alles  dies  und  Aehnliches 
aus  der  Ungescliicktheit  der  Dichter  erklären  zu  wollen,  wird  Nieman- 
den im  Ernst    einfallen,    der    irgend  den    richtigen    Mafsstab    auch    nur 


Hertz,  Das  Rolandsli.-d.  221 

dafs  zuweilen  dies  sich  wirklich  so  verlialteii  haben  könne, 
wie  denn  einigemal  in  diesen  Wiederholungen  geradezu  ein 
Hauptreiz  des  Gedichtes  liegt,  so  z.  B.  wenn  Olivier  dreimal 
vergeblich  Roland  auffordert,  das  Hörn  Olifant  zu  blasen, 
um  Karin  zur  Hilfe  herbeizurufen,  oder  die  wiederholten,  Un- 
heil verkündenden,   Träume  Karls  u.  a.  m. 

Der  Mittel-  und  Angelpunkt  aber  unseres  Epos  ist  die 
religiöse  Begeisterung  für  den  Sieg  des  Christenthums  über  die 
Heiden:  aus  ihr  entspringt  die  Siegesfreudigkeit,  mit  der  die 
Helden  desselben  als  Streiter  Gottes  dem  Tod  entgegen  gehen. 
Neben  diesem  religiösen  Enthusiasmus,  wie  ihn  die  Welt  wol 
nur  ein  einziges  mal,  zur  Zeit  der  ersten  Kreuzzüge  gesehen 
hat,  kann  selbst  das  sonst  mächtigste  Gefühl  der  Menschen- 
brust, die  Liebe,  nur  einen  untergeordneten  Platz  behaupten. 
Aber  noch  eine  Idee  ist  es,  für  welche  die  Helden  des  Ro- 
landsliedes begeistert  sind,  die  der  Liebe  zum  Vaterlande,  zum 
süfsen  Frankreich.  Diese  beiden  Ideen  unterscheiden  dieses 
Epos  auf  eine  charakteristische  Weise  von  allen  spateren 
Chansons  de  geste,  ja  selbst  von  den  späteren  Bearbeitungen 
des  Rolandsliedcs.  Genin  hat  in  der  Einleitung  zu  seiner 
Ausgabe  nachgewiesen,  wie  bedeutend  in  den  dem  13.  Jahr- 
hundert angehörenden  Recensionen  das  religiöse  Element  ab- 
geschwächt ist;  eine  natürliche  Erscheinung  in  einer  Zeit,  wo 
gegen  die  römische  Hierarchie,  die  Verkörperung  der  religiö- 
sen Idee  des  Mittelalters,  eine  so  starke  Reaction  eingetreten 
war,  wie  dies  aufser  den  Albigenserkriegen  auch  die  Litera- 
tur, namentlich  in  den  Fabliaux,  zeigt.  Ebenso  äufsert  sich 
auch  das  nationale  Gefühl  viel  schwächer,  so  werden  „les 
Fran^eis"  des  alten  Textes  später  regelmäfsig  in  „Les  chres- 
tiens"  verwandelt.  —  Aus  diesem  Vorherrschen  der  Idee  des 
Kampfes  zur  Ehre  Gottes  erklärt  es  sich  aber  auch,  dafs  die 
Träger  dieser  Idee,  die  einzelnen  Plelden,  keine  scharfe  In- 
dividualisiruncj    erlauben;    sie    kennen    nur   einen    Zweck    des 


für  die  formale  Tüchtigkeit  dieser  Dichtungen,  abgesehen  von  solchen 
Anomalien,  anzulegen  im  Stande  ist;  und  es  bleibt  in  der  Tbat  inchts 
übrig ,  als  eine  ziemlich  lose  und  zu  verscbiedenen  Zeiten,  ohne  die 
Absicht  einer  durchgehenden  Consequenz  luid  strengen  Einheit  statt- 
gctundene  Rhapsodisirung  —  eine  Zusanmientragung  und  V^erbindung 
einzelner  Lieder  nnt  Ausfüllung  der  Lücken,  aber  ohne  Ausschliefsung 
verschiedener  IJehandlung  desselben    Momentes    anzunehmen"    u.   s.   \v. 


222  Kritische   Auzciycii: 

Lebens,  den  Kampf  gegen  die  Heiden.  Der  einzige  Geneion 
tritt  schärfer  und  bestimmter  hervor,  er  ist  durch  seinen  K'i- 
denschiiftlichen  Egoismus,  der  vor  Allem  die  Befriedigung  si'i- 
nes  Rachedurstes  sucht,  zwar  dem  Bösen  verfallen,  aber  er 
ist  doch  ein  tapferer,  unerschrockener  Mann,  eine  ursprüng- 
lich edle  Natur.  Ganz  anders  stellen  ihn  aber  die  späteren 
Versionen  dar;  bei  ihnen  ist  er  nicht  nur  ein  Verräthei',  son- 
dern auch  ein  elender  Feigling,  auf  den  alle  mögliche  Schmach 
gehäuft  wird.  Noch  weniger,  als  die  Christen,  sind  aber  die 
Heiden  individualisirt;  sie  erscheinen  nur  als  Verworfene,  und 
das  Beste,  was  sich  von  ihnen  sagen  läfst,  ist:  ,, Welcher 
Held,  hätt'  er  nur  Christenthum!  •'  Am  günstigsten  wird  noch 
die  Königin  Braimunde  behandelt,  gegen  die  sich  Karl  mit 
grofser  Schonung  benimmt.  Dies  bringt  uns  auf  die  Rolle 
zu  S2)rechen,  welche  die  Frauen  in  unserm  Epos  spielen.  Es 
erscheinen  in  demselben  überhaupt  nur  zwei,  die  heidnische 
Königin  Braimunde,  und  Aide,  die  Verlobte  Rolands,  und 
beide  haben  gar  keinen  Antheil  an  den  Hauptereignissen,  sind 
blofse  Nebenpersonen.  Die  Liebe  zu  den  Frauen  ist  von  so 
untergeordneter  Bedeutung  im  Leben  der  Helden  unsers  Epos  '), 
dafs  Olivier  vergeblich  den  Roland  bedroht,  er  werde  ihm  seine 
Schwester  Aide  nicht  zum  Weibe  geben,  wenn  er  den  Olifant 
blase  (Tir.  128),  und  so  denkt  auch  Roland  sterbend  wol  sei- 
ner Thaten,  seines  Kaisers  und  des  süfsen  Frankreichs,  aber 
seiner  Braut  erwähnt  er  mit  keinem  Wort.  Dem  Dichter 
fehlte  es  aber  dessenungeachtet  nicht  an  einem  warmen  Her- 
zen; beide  Frauengestalten  sind  durchaus  rein  und  ideal  ge- 
halten, und  die  zwei  Tiraden,  welche  die  Begegnung  Aldens 
mit  Kaiser  Karl  und  ihren  jähen  Tod  beim  Anhören  der 
Schreckenskunde  vom  Ende  des  treu  Geliebten  schildern, 
machen  gerade  um  ihrer  Kürze  und  Einfachheit  willen  einen 
desto  erschütterndem  Eindruck,  und  gehören  zu  den  schönsten 
Stellen  des  Gedichts.  Auch  hier  erscheint  der  älteste  Text 
zu  seinem  grofsen  Vortheil  gegenüber  den  Jüngern  Recensionen, 
die  sich  die  günstige  Gelegenheit  nicht  entgehen  liefsen,  diese 
Situation  möglichst  auszubeuten,  so  aber  dieselbe  nur  schwäch- 
ten und  verwässerten.     Der  Ton  des  ganzen  Gedichts   ist  der 


')  Dieses  geringe  Hervortreten  der  Geschlechtsliebe  ist  charakte- 
ristisch für  die  altern  Epen  des  karolingisclien  Cyclus:  man  vergleiche, 
was    V.   A.   Hdler  in  der  o.  c.  Anzeige  darüber  sagt. 


Hertz,  (las  Rolaudslied.  223 

acht  epische,  ^vie  er  den  Volksepen  eigenthünilicli  ist;  rein 
objectiv.  so  dals  die  Persönlichkeit  des  Dichters  ganz  und 
gar  nicht  hervortritt,  ruhig,  ganz  in  den  Stoff  versenkt.  Er- 
müdend aber  ist  die  eintönige  Schilderung  der  vielen  Kampf- 
scenen,  bei  denen  unser  Epos  mit  sichtbarer  Vorliebe  sich 
aufhält;  charakteristisch  ist  demselben  die  schlichte  Einfacliheit 
und  Rauheit  der  Sprache ,  die  es  verschmäht,  sich  in  Bildern 
auszudrücken;  mit  Recht  bemerkt  HeiT  Hertz,  dafs  sich 
unter  den  4000  Verszeilen  kaum  ein  einziges  Bild  findet 
(Tir.  189;  bei  H.   141,  V.  6): 

„Und  wie  die  Hirsche  fliehen  vor  den  Hunden." 
Eine  andere  Eigenthümlichkeit  unsei-es  Gedichts  ist,  dals  die 
Anfangsverse  mancher  Tirade  kurz  die  Situation  angeben,  die 
in  derselben  geschildert  werden  soll,  was  sich  zum  Theil, 
wie  oben  bemerkt,  w^ol  daraus  erklären  läfst,  dafs  sie  als 
Anhaltspunkte  für  den  Sänger  dienen  sollten,  um  seine 
Zuhörerschaft  au  fait  zu  setzen.  Oft  enthalten  dieselben  aber 
auch  kurze  Schilderungen  des  Landschaftlichen,  die  eben  durch 
ihre  Kürze  und  Gedrungenheit  einen  desto  tiefern  Eindruck 
machen  (Tir.   64,  II.   G6): 

„Hoch  sind  die  Berge,  düster  sind  die  Thäler, 
Die  Felsen  braun,  die  Pässe  wundersam."  • 

oder  (Tir.  239,  H.  241): 

,,Grofs  sind  die  Heere  und  die  Schaaren  schön. 
Dazwischen  war  nicht  Berg,  noch  Thal ,  noch  Hügel , 
Nicht  Holz,  nicht  Wald,  da  zeigt  sich  kein  Versteck." 

Man  darf  vielleicht  von  dem  Rolandsliede  mit  Recht  behaup- 
ten, dafs  sich  in  demselben  mehr  noch  als  bei  den  andern 
grofsen  Volksepen  die  reine  Form  des  Volksgesangs  erhallen 
hat,  dafs  die  umarbeitende  glättende  Hand  des  letzten  Dia- 
skeuasten  hier  am  wenigsten  bemerkbar  ist.  Die  Homerischen 
Gedichte  nehmen  freilich  eine  unendlich  liöhere  Stufe  als 
das  Rolandslied  ein  durch  die  reiche  Manniclifaltigkeit,  die 
Vollendung  und  ausgebildete  Plastik  der  Form,  sie  haben 
vor  demselben  den  grofsen  Vorzug  einer  vollkommen  ent- 
wickelten Sprache  und  ein  grofscr  Dichter  hat  diesen  Epen 
die  letzte  Vollendung  und  Anordnung  gegeben,  lauter  Vor- 
züge, deren  sich  das  französische  Epos  nicht  erfreute;  und 
auch  die  Nibelungen   überragen  dasselbe  durch  die  grofsartig«- 


224  Kritische  Anzeigen: 

Tiefe  und  Kühnheit  der  Charakterisirung,  durch  die  fest  durch- 
geführte Individualisirung,  durch  das  dramatische  Leben  weit; 
aber  keines  dieser  einzig  dastehenden  Epen  ist  dem  Itolands- 
liede  in  Hinsicht  auf  die  eigentliche  Coniposition,  die  Einheit 
des  Plans,  das  Hervortreten  der  dasselbe  belebenden  Idee 
überlegen.  So  darf  man  denn  dem  Epos  von  der  Schlacht 
bei  Roncesvalles ,  denn  so ,  Chanson  de  Roncevaux ,  lautete 
vielleicht  der  älteste  Name  desselben,  den  Platz  neben  diesen 
grofsen  epischen  Gedichten  anweisen;  spiegelt  es  ja  doch  auch 
das  Leben  eines  Volkes  und  den  innersten  Gedanken  einer 
grofsen  Zeit  wieder. 

Schon  sehr  frühe  wurde  das  Rolandslied  in  das  Mittel- 
hochdeutsche übersetzt;  Wilh.  Grimm  weist  in  seiner  mehr- 
erwähnten Ausgabe  nach,  dafs  das  Ruolantes  Liet  vom  Pfaf- 
fen Konrad  auf  den  Wunsch  der  Herzogin  Mathilde,  Gemalin 
Heinrichs  des  Löwen  zwischen  1173 — 1177  niedergeschrieben 
wurde.  Im  13.  Jahrhundert  verfalste  der  unter  dem  Namen 
der  Stricker  bekannte  Dichter  eine  erweiterte  Umarbeitung  von 
Konrad's  Uebersetzung.  Das  Werk  des  Pfaffen  Konrad 
schliefst  sich  zwar  im  Ganzen  treti  an  Turold's  Gedicht  an, 
wie  es  sich  denn  auch  ausdrücklich  auf  eine  französische 
Quelle  beruft;  im  Einzelnen  kommen  aber  doch  so  viele  Ab- 
weichungen von  demselben  vor,  (worüber  Grimm  a.  a.  O. 
nachzulesen  ist),  dafs  es  nicht  unwahrscheinlich  erscheint,  dafs 
Konrad  aufser  demselben  noch  andere  Versionen  dieses  Epos 
zu  Gebote  standen.  Keine  der  beiden  deutschen  Bearbeitungen 
erreicht  aber  das  französische  Vorbild ;  sie  haben  nicht  mehr 
die  concise  Gedrängtheit,  die  kernige  Kraft  desselben,  sie 
sind  eben  schon  mehr  höfische  Verwässerungen. 

In  neuerer  Zeit  wurde  das  französische  Original  zuerst 
von  Adalbert  v.  Keller  in  seinen  ,, Altfranzösischen  Sagen" 
in  einer  prosaischen  Verdeutschung  wiedergegeben;  Herr  Hertz 
aber  ist  der  erste,  der  es  unternommen  hat,  dieses  bedeutendste 
Epos  der  Franzosen  in  poetischer  Form  bei  den  Deutschen 
wieder  einzubürgern,  die  vielleicht  vor  einem  Jahrtausend 
schon  Rolands  Thaten  in  ihrer  Sprache  besungen  hatten.  Wir 
glauben,  dafs  Herr  Hertz  sich  durch  seine  Uebersetzung  An- 
spruch auf  den  Dank  jedes  Gebildeten  erworben  hat;  es  ist 
ihm  gelungen,  in  derselben  den  epischen  Ton  treu  wiederzu- 
geben, und  dieses  alte  Heldenlied  hat  in  seiner  Uebertragung 
nichts  an  Kraft   und  Originalität  eingebüfst.     Ueber    sein   Ver- 


Hertz,   Das  Rulaiidslied.  225 

fahren  bei  der  Uebersetzung  wolien  wir  Herrn  Hertz  selbst 
sich  aussprechen  lassen  (Einleitung  S.  XIV):  „Die  Assonanz, 
welche  uns  überhaupt  nicht  ohrgerecht  ist,  habe  ich  der  Treue 
der  Wiedergabe  geopfert.  Die  Mühe,  welche  die  Durchfüh- 
rung gleicher  Vocale  in  den  Versendungen  gekostet  hätte, 
wäre  mir  von  Wenigen  anerkannt,  von  noch  Wenigeren  ge- 
dankt worden.  So  machten  es  mir  die  freien  Jamben  mög- 
lich, dem  Wortlaut  des  Originals,  soweit  diefs ,  ohne  der 
deutschen  Sprache  Gewalt  anzuthun,  geschehen  kann ,  Schritt 
für  Schritt  zu  folgen.  Was  den  zu  Grunde  gelegten  Text  be- 
trifft, so  bin  ich  hier  Herrn  Professor  Conrad  Hofmann  in 
München  zu  neuem  Danke  verpflichtet,  welcher  mich  aufs  Frei- 
gebigste die  Früchte  seiner  mühsamen  Textkritik  geniefsen 
liefs,  indem  er  mir  an  zweifelhaften  Stellen  seine  zum  Druck 
bereitliegende,  durch  Vergleichung  und  Beigabe  des  wichtigen 
Venediger  Textes  bereicherte  Recension  des  Gedichtes  zu  be- 
nutzen gestattete,  ohne  die  es  mir  bei  der  von  Unwörtern  und 
falschen  Lesungen  strotzenden  bisherigen  Ausgaben  unmöglich 
gewesen  wäre,  das  alte  ächte  Rolandslied  in  einem  treuen  Ab- 
bild wiederzugeben."  Eingestandenermafsen  hat  also  der  Herr 
Uebersetzer  bei  diesem  Verfahren  uns  nicht  das  Turold'sche 
Werk  vollkommen  in  der  Gestalt  wiedergegeben ,  wie  es  die 
Oxforder  Handschrift  uns  überliefert  hat,  er  ist  auch  noch 
w^eiter  gegangen,  er  hat  aus  andern  Recensionen  einzelne  Verse 
und  auch  eine  volle  Tirade  entnommen;  er  hat  einzelne  Vei-se 
ausgelassen  und  die  Stellung  der  Tiraden  verändert,  wenn 
ihm  dies  zur  Herstellung  verdorbener  Stellen  nothwendig  er- 
schien. Wir  wollen  mit  dem  Uebersetzer  über  diese  Freiheit, 
die  er  sich  genommen,  nicht  rechten;  er  hat  eben  kein  an- 
deres Recht  in  Anspruch  genommen,  als  wovon  die  alten  Jon- 
gleurs und  der  Schreiber  der  Turold'schen  Version  selbst, 
möge  er  nun  wie  immer  geheifsen  haben,  vollen  Gebrauch  ge- 
macht haben;  war  gedenken  nur  an  einigen  Beispielen  sein 
Vorgehen  etwas  näher  zu  beleuchten.  Zuerst  bemerken  wir, 
dafs  er  das  Gedicht  in  zwei  Theile  geschieden  hat,  deren  er- 
sten ( Tir.  1 — 176)  er  „Rolands  Tod" ^  den  zweiten  fTir. 
177 — 295)  „Die  Rache"  benennt.  Mit  Rolands  Ilcldentode  hat 
das  Gedicht  den  Höhepunkt  des  Interesses  erreicht  und  hier 
war  ein  Abscliiiitt  nothwendig  und  geboten;  so  rechtfertigt 
sich  diese  Eiiitluilung,  die  in  der  Oxforder  Handschrift  nicht 
viirkornuit.      Eine  Vergleicliung  des  von   Fr.  Mic/icl    herausge- 


22ß  Kritisch«.-   Aii/ci^an : 

gcbeiieii  Textes  mit  der  vorliegenden  Uebersetzung  zeigt  ferner, 
dafs  die  Stellung  der  Tiraden  zum  grofsen  Theile  eine  ganz 
verschiedene  ist,  wie  auch  schon  die  von  uns  angeführten  Stel- 
len bewiesen  haben,  wobei  wir  zugeben  müssen,  dal's  durch 
die  Anordnung  des  Uebersefzcrs  in  den  meisten  Fällen  das 
(iedicht  gewonnen  hat;  so  besteht  z.  ß.  die  Tir.  20  bei  Hertz 
aus  den  ersten  6  Versen  der  Tir.  2(>  bei  Michel,  Tir.  21  H. 
ist  dann  die  Tir.  24  M.,  22  H.  ist  gleich  23  M.  und  Tir.  24 
H.  sind  die  IG  oben  ausgelassenen  Verse  der  Tir.  20  M.; 
wer  sich  die  Mühe  nimmt,  die  Tiraden  in  der  Ordnung  zu 
lesen,  wie  sie  in  Michel's  Ausgabe  stehen,  und  damit  die 
Ilertz'sche  Anordnung  vergleicht,  wird  ohne  Zweifel  zugeben 
müssen,  dafs  durch  letztere  die  natürliche  Ordnung  wieder 
hergestellt  -worden  sei  und  dafs  daher  diese  Veränderung  voll- 
kommen berechtigt  war.  Die  gröfste  Freiheit,  die  sich  Herr 
Hertz  gestattete,  war  die  Einschiebung  einer  ganzen  Tirade, 
nämlich  der  Tir.  111,  die  bei  Michel  gänzlich  fehlt,  und  der 
Lyoner  Handschrift  entnommen  ist;  wir  glauben  nicht,  dafs 
das  Gedicht  durch  dieselbe  viel  gewonnen  hat,  und  müssen 
gestehen,  dafs  die  Verwirrung,  die  in  der  Erzählung  des  gro- 
fsen Kampfes  des  Heidenheeres  mit  Roland  und  seinen  Ge- 
fährten besteht,  uns  durch  dieselbe  keineswegs  gehoben  scheint. 
Warum  Herr  Hertz  den  3.  Vers  der  Tir.  154  (bei  M.  152): 
„Li  arcevesque  prozdom  e  essaiet"  ausgelassen,  vermögen  wir 
nicht  einzusehen,  er  schiene  uns  nicht  fehlen  zu  dürfen.  Die 
Ausgabe  von  Müller  würde  Herrn  Hertz  auch  Gelegenheit  zu 
einigen  zweckmäfsigen  Aenderungen  gegeben  haben;  wir  wol- 
len hier  nur  auf  die  Bemerkungen  desselben  zu  den  Tiraden 
96,  101  und  153  aufmerksam  machen,  die  uns  sehr  richtig 
dünken.  Welche  Verbesserungen  und  Aenderungen  dem 
Venediger  Texte  entnommen  sind,  vermögen  wir  nicht  anzu- 
geben, da  dieser  bis  jetzt  erst  zum  kleinsten  Theile  gedruckt 
ist;  wir  sehen  mit  gespannter  Erwartung  der  versprochenen 
Ausgabe  Hofmann's  entgegen,  die  uns  endlich  einen  gereinig- 
ten ^und  wiederhergestellten  Text  bringen  wird.  Herr  Hertz 
hat  in  seiner  Uebersetzung  jene  Stellen  durch  Klammern  be- 
zeichnet, die  sich  als  ganz  überÜüssige,  oft  Sinn  störende  Jon- 
gleurzusätze zeigten;  wir  glauben,  es  wäre  hier  erlaubt  gewe- 
wesen,  dieselben,  wo  sie  sich  als  geradezu  mit  dem  Vorher- 
gehenden oder  Nachfolgenden  unverträglich  zeigten,  wie  z.  B. 
Tir.    59   (bei   H.    Ol),    oder    Tir.   108    (Vers  9  —  10  von  Tir. 


Ilortz,  Marie  de  P'raiico.  227 

lU9  bei  H.)  ganz  wegzulassen.  Sehr  dankenswerth  ist  es, 
dafs  der  Uebersetzer,  der  seine  schöne  Arbeit  dem  auch  um 
die  Geschichte  des  altfranzösischen  Epos  hochverdienten  Dich- 
tergreis Ludwig  Uliland  gewidmet  hat,  dem  Verständnisse  des 
Lesers  mit  erklärenden  Anmerkungen  am  Schlüsse  nachge- 
holfen  hat. 

Wien.  Adolf  Wolf. 


Marie  de  France.  Poetisch*;  Erzählungen  nach  altbretunischen  I.iebos- 
Sagen  übersetzt  von  Wilhelm  Hertz.  Stuttgart  1SG2.  (XXVIII, 
258  Seiten.) 

Zu  den  anziehendsten  Producten  der  altfranzösischen  Li- 
teratur gehören  nach  des  Referenten  Meinung  unbedingt  jene 
kürzeren  Erzählungen,  die  unter  dem  Namen  Lais,  Fabliaux, 
Contcs  bekannt  sind  und  zu  denen  auch  die  vorliegende 
Sammlung  gehört.  Schon  der  Umstand  dafs  sie,  in  einen 
kleineren  Rahmen  gefafst,  die  Lust  und  Aufmerksamkeit  des 
Lesers  schneller  zu  erwecken  und  zu  fesseln  vermögen,  ist 
kein  kleines  Verdienst,  abgesehen  von  mehrfachen  andern, 
worunter  die  Mannichfaltigkeit  des  Inhalts  ganz  besonders  her- 
vorzuheben ist.  Den  eigenthümlichen  Werth  der  gröfseren  erzäh- 
lenden Werke  des  Mittelalters  verkleinern  zu  wollen ,  wird 
hiermit  nicht  im  mindesten  beabsichtigt,  nur  leuchtet  es  ein, 
dafs  jederzeit  caeteris  paribus  besonders  auch  in  der  Litera- 
tur das  Gedrungenere  den  Vorzug  verdient.  Schon  deshalb 
also  glaubt  Referent,  dafs  Marie  de  France  in  ihrem  modernen 
Gewände  unter  uns  ein  willigeres  Publikum  finden  wird  als 
jene  längeren  Epen;  der  lyrischen  Dichtungen  zu  geschweigen, 
deren  Eintönigkeit  bei  aller  Abwechslung  und  technischen 
Vollendung  der  Form  doch  oft  recht  herzlich  langweilig  wird. 
Dazu  kommen  nun  noch  die  eigenthümlichen,  preiswürdigen 
Eigenschaften  der  normannischen  Dichterin,  über  welche  der 
Uebersetzer  sicli  folgeiulermafsen  ausspricht:  „Dafs  Marie  ihre 
Quellen  nicht  einfach  aus  dem  Bi*etonischen  ins  Norn)annische 
übersetzte,  liegt  in  der  Natur  der  Sache.  Denn  während  e.s 
dem  Volkslied  und  der  schlichten  Volksspradie  überhaui)! 
charakteristisch     ist    mehr    zu     erzählen    als     zu    rrklären,     die 


228  KiitLsclie  Anzeigen: 

Ereignisse  mit  wenig  kecken  unvermittelten  Zügen  vorzu- 
führen, die  aus  dem  Gemüth  hervorgehenden  Handlungen 
schlechthin  als  etwas  Fertiges  hinzustellen,  oder  ihre  Innern 
Gründe  höchstens  in  kurzen  lyrischen  Tönen  anklingen  zu 
lassen,  linden  wir  bei  Marie  eine  künstlerische  Durchbildung 
des  Stoffs,  welche  keine  Lücken,  keine  Rüthsel  duldet,  eine 
liebevolle  Versenkung  in  die  Gemüthswelt,  eine  feine  Dialektik 
der  Leidenschaft,  ein  episches  Behagen  der  Erzählung  ohne 
Geschwätzigkeit,  eine  Klarheit  und  Gewandtheit  der  Sprache 
—  alles  Eigenschaften,  welche  ihren  Werken  den  Werth  selbst- 
ständiger Schöpfungen  sichern.  Bei  aller  Kunstvollendung  hat 
sie  aber  die  Frische  und  Wahrheit  der  Emptindung,  die  Nai- 
vetät  der  Darstellung  keineswegs  eingebüfst  und  mit  modernen 
Augen  angesehen  wird  ihre  Erzählungsweise  gar  Manchem 
mit  der  des  Volkes  in  Sage  und  Märchen  zusammenfallen". 
Wer  Marie  de  France  bereits  kennt  oder  sie  durch  die  vor- 
liegende treffliche  Uebertragung  erst  kennen  lernt,  wird  diesem 
Urtheil  unbedingt  beistimmen. 

Zu  diesen  Verdiensten  der  Dichterin  selbst  kommt  nun 
noch  das  der  erwähnten  anziehenden  Stoffe;  „denn  bis  auf 
wenige,  mit  denen  sie  den  Wunderlichkeiten  des  Zeitgeschmacks 
ihren  Tribut  zollte,  zeichnen  sich  ihre  Stoffe  durch  einheit- 
liche Handlung,  durch  anmuthige  oder  merkwürdige  Begeben- 
heiten, durch  ein  tiefer  gehendes  psychologisches  Interesse 
vortheilhaft  vor  der  Mehrzahl  der  übrigen  aus".  Aber  auch 
in  kulturhistorischer  Beziehung  sind  sie  nicht  minder  von  mehr- 
facher Wichtigkeit.  Eine  hierhergehörige  Abhandlung  des 
Ueberset^ers  „Der  Werwolf.  Beitrag  zur  Sagengeschichte", 
Stuttgart  1862,  hat  der  Referent  noch  nicht  zu  Gesicht  be- 
kommen. Anderes  Zahlreiches  der  Art  übergeht  letzterer, 
wie  auch  Hertz  sich  in  seinen  Anmerkungen  nur  auf  das  zum 
Verständnifs  des  Textes  Allernöthigste  beschränkt  hat.  Nur 
in  Betreff  dessen  was  „auch  anderwärts  spröden  Rittern  von 
minnebegehrenden  Damen  vorgeworfen  wird,  so  in  einem  Ge- 
dicht der  Berner  Liederhandschrift"  will  Referent  noch  auf  v. 
d.  Hagen's  Gesammtabenteuer  Bd.  1,  S.  CL  und  als  in  allge- 
meiner Beziehung  sehr  bemerkenswerth  auf  J.  G.  Müller's 
Geschichte  der  amerikanischen  Ürreligionen ,  Basel  1855,  an 
ilen  im  Register  S.  703%  Z.  4  v.  o.  angeführten  Stellen  ver- 
weisen. 

Was    die    behandelten    Sagen   selbst    betrifft,    so    hat    der 


Le  tresor  do  P.  de  Corbiac,  Ausg.  v.   Sachs.  229 

Üebersetzer  hinsichtlich  der  Berührungspunkte  derselben  mit 
ähnlichen  einige  kurze  Andeutungen  gegeben.  Hervorzuheben 
ist  hierbei  wie  im  Ganzen  diese  Aehnlichkeit  nur  selten  auf 
einen  nähern  Zusammenhang  hinzeigt  und  sich  über  die  ur- 
sprünglichen Quellen  fast  gar  nichts  weiter  sagen  läfst  als 
was  Marie  hin  und  wieder  selbst  bemerkt. 

Da  bis  jetzt  von  den  Werken  dieser  Dichterin  nur  eine 
einzige  Ausgabe  vorhanden  ist  und  auch  diese  nicht  immer  in 
den  Händen  derer  sich  befindet,  die  dieselben  näher  kennen 
zu  lernen  wünschen,  abgesehen  davon,  dafs  eben  nicht  Jedem 
das  Altfranzösische  geläufig  ist,  so  wird  es  gewifs  sehr  will- 
kommen sein,  dafs  durch  die  vorliegende  Uebersetzung  jene 
üebelstände  nun  beseitigt  sind,  um  so  mehr  als  sie  bei  gröfster 
Treue  sich  auch  noch  ganz  besonders  fliessend  und  wohlklin- 
gend darstellt.  Sie  befriedigt  somit  alle  Ansprüche,  die  man 
an  eine  derartige  Arbeit  machen  kann,  so  dafs  sie  nach  des 
Referenten  Ueberzeugung  sich  eines  grofsen  Leserkreises  ei-- 
freuen  und  dem  begabten  Verfasser  vielfachen  Dank,  der 
Dichterin  aber  zahlreiche   neue  Freunde  erwerben  wird. 

Lüttich. 

Felix  Liebrecht. 


Le  tresor  de  Pierre  de  Corbiac  en  vors  provenpaiux  public  en  outier 
avcc  une  introduction  et  des  extraits  du  Breviaire  d'amour  de 
Matfre  Ermengau  de  Beziers,  de  l'Image  du  monde  de  Gautier  de 
Metz  et  du  Tresor  de  Brunetto  Latini,  par  Dr.  Sachs.  Brandeu- 
burg   18Ö9.     40.     34  S. 

Bisher  waren  von  diesem  interessanten  Gedichte,  das 
uns  den  Umfang  der  Wissenschaft  im  dreizehnten  Jahrhundert 
kennen  lernen  lässt,  nur  verschiedene  Bruchstücke  gedruckt: 
zum  ersten  Male  gibt  Herr  Dr.  Sachs  den  vollständigen  Text. 
Die  vorangeschickte  Einleitung  behandelt  zunächst  des  Dich- 
ters Lebensumstände  und  übrige  Werke.  Letztere  reduciren 
sich  auf  ein  Marienlied,  das  sich  ausser  der  vaticanischen 
Handschrift  3204,  die  der  Herausgeber  mit  Berufung  auf 
Croscimbeni  und  Bastero  citirt  (sie  befindet  sich  aber  längst 
nicht    mehr    in     Rom,    sondern    in    der    kaiserlichen    Bibliotlick 


230  KrilisclR'   Anzeigen : 

zu  l^aris ,  suppl.  IVanr.  o(y.i'2 ,  sielie  nieiiicn  IVirc  Vitlal 
S.  LXXXVIII),  in  den  Pariser  Handschriften  7220,  7225 
lind  La  Valliere  14  findet,  und  zuletzt  in  meinem  provenza- 
lisclien  Lesebuche  S.  92  —  !)ö  nach  k'tzterer  gedruckt  ist. 
Auch  die  Modenaer,  1246  geschriebene  Handschrift  enthält  das 
Marienlied.  Von  den  Lebensumständen  des  Dichters  wissen 
^vir  nicht  mehr  als  im  ,,Thezaur"  selbst  angedeutet  ist.  Dar- 
nach scheint  Meister  Peire  von  geringer,  jedenfalls  von  bürger 
lieber  Herkunft,  aber  gelehrt  gewesen  zu  sein.  Vermuthlich 
gehörte  er  dem  geistlichen  Stande  an,  ausserhalb  dessen  er 
sich  schwerlich  Kenntniss  so  verschiedener  Wissenschaften 
erworben  haben  würde.  Eine  auf  sein  Leben  bezügliche  Stelle 
hat  der  Herausgeber  übersehen:  Peire  sagt,  dass  er  seine 
arithmetischen  Kenntnisse  sich  in  Orleans  (ad  Horlhens  585) 
erworben  habe.  Die  Lebenszeit  wird  von  Herrn  Dr.  Sachs 
nicht  bestimmt:  doch  hätte  sich  für  sie  ein  sicherer  Anhalts- 
punkt gewinnen  lassen.  In  der  provenzalischcn  Lebensnach- 
richt über  Aimeric  von  Belenoi  (Mahn,  Biographien  14)  wird 
gesagt,  dass  dieser  Dichter  der  Neffe  Meisters  Peire  von  Corbiac 
gewesen  sei  (neps  de  maistre  Peire  de  Corbiac).  Auch  Aimeric 
Avar  Geistlicher  und  dadurch  gewinnt  die  gleiche  Annahme  für 
Peire  an  Wahrscheinlichkeit.  Aimeric  dichtete  etwa  zwischen 
1220 — 1245  (Diez,  Leben  und  AVerke  S.  556):  wir  werden 
daher  nicht  weit  abirren,  wenn  wir  Peire's  Zeit  von  1200  — 
1230  setzen. 

Der  Herausgeber  spricht  dann  von  gleichbetitelten  Werken, 
von  denen  aber  kein  poetisches  weiter  nachweisbar  ist  (S.  4). 
Er  gibt  dankenswerthc  Auszüge  aus  Brunetto  Latini  (S.  4  —  6) 
und  erinnert  bei  Gelegenheit  des  Wiesels,  der  durch  das  Ohr 
empfängt  und  durch  den  Mund  gebiert  (vgl.  Metamorph.  9,  .323), 
an  die  Stelle  im  Marienliede  unsers  Dichters  (dans  une  chanson 
d.  h.  in  der  einzigen  die  wir  von  ihm  haben),  wo  er  der 
Empfängniss  Maria  durch  das  Ohr  gedenkt.  Von  einer  Ver- 
gleichung  mit  dem  Wiesel  hat  Peire  und  auch  Millot,  auf  den 
Herr  Sachs  sich  bezieht,  nichts.  Die  Stelle  lautet  (Lesebuch 
92,  42  —  45): 

tot  l'afaire 

Cjueus  dis  Tangels  saludaire, 

can  receubes  per  Taurelha 

dieu  que  enfantes  vergina. 
Auch    aus    dem    poetischen  Image    du   monde    gibt  Herr  Sachs 


Le   tresor  di'    P.   de   Corhiae,     Ausg.   v.   Sachs.  231 

einige  Auszüge  (S.  0  —  S)  und  ebenso  sagt  er  einiges  über 
das  Breviari  d'amor. 

Der  Text,  den  Herr  Sachs  gibt,  scheint  sich  am  meisten 
an  die  römische  Handschrift  (Vatic.  320G)  anzuschliessen, 
wenigstens  weicht  er  stark  von  der  Pariser  ab,  so  weit  ich 
vergleichen  konnte.  Dazwischen  stehen  die  in  jener  fehlenden 
Verse  aus  der  Pariser,  also  eine  bunte  Mischung  beider  Re- 
dactionen,  die  dem  echten  Texte  gewiss  so  fern  als  nur  mög- 
licli  steht.  Die  Entscheidung  über  die  Ürsprünglichkeit  der 
beiden  Redactionen  ist  schwer,  wie  der  Herausgeber  riclitig 
bemerkt.  Im  Ganzen  jedoch  macht  die  Pariser,  auch  viel 
jüngere  Handschrift  den  Eindruck  eines  später  erweiterten, 
interpolirten  Textes.  Namentlich  gilt  dies  von  den  biblischen 
Erzählungen  ,  die  unverliältnissmässig  breit  behandelt  sind. 
Leicht  konnte  gerade  hier  ein  bibelkundiger  Schreiber  ganze 
Stellen  einschieben:  die  römische  Handschrift  hat  liier  in  der 
Regel  nur  ein  paar  Zeilen,  z.  13.  hier  104  —  15,3  nur  zwei. 
Herr  Sachs  hat  die  nur  in  der  Pariser  sich  findenden  Verse, 
aber  nicht  durchgängig,  durch  einen  Stern  bezeichnet.  Ich 
lasse  eine  Reihe  Bemerkungen  zu   dem  Texte  folgen. 

Die  Verse  3.  4  sind  gewiss  zu  streichen ,  daher  auch 
wol  2,  alle  drei  stehen  nicht  in  der  römischen  Handschrift. 
7.  c'om  sui  de  sen  manens,  ich  halte  für  besser  com  zu 
schreiben:    ,,wie    reich    an    Verstand    ich    bin".  15.    mos 

frairs  e  mos  parens:  im  Singular  kommt  allerdings  frair  für 
fraire  vor,  ob  auch  im  Plural  bezweifle  ich.  Raynouard  liest 
mos  fraires,    mos  parens.  17.  mas  rendas  son  las  paucas: 

das  ist  auffallend.  Ich  vermuthe  be  paucas  oder  ein  anderes 
einsilbiges     Adverbium.  18.     vivre     ,,  leben"     und     ebenso 

viv  20,  vivs  2ß,  deslivramens  244:  dagegen  steht  mou  .SG, 
was  allein  richtig  ist.  So  lange  sich  Herausgeber  an  die  von 
Raynouard  aufgestellte,  den  Reimen  und  der  Metrik  wider- 
streitende Orthographie  halten,  kann  von  einer  wissenschaft- 
lichen Beliandluiig  der  Texte  nicht  die  Rede  sein.  Gleiche 
Inconscquenz  zeigt  sich  in  der  Unterscheidung  von  i  und  j: 
Herr  Sachs  schreibt  majormens  49,  pojans  738,  niajors  757, 
enipejuramens  778,  an  letzteren  drei  Stellen  nach  der  Ortho- 
graphie in  meinem  Lesebuche  (S.  150—151),  dagegen 
onvcia  52,    auias  Ol.  121,    naveiamens  251.  22.    es    fehlt 

eine    Silbe:    lies    et    es  plus    pretios    oder  'quez  es.  3S.   lies 

ieu    statt   jeu.  :>•.».    nofh    innner    folgt    der    Herausgeber    der 


232  Kritisrli.'   An/eii(en: 

von  li;iyiiouard  licrrülireiHlcn  Annalinio  eines  Artikels  el  (vgl. 
Diez,  Grammatik  II  [2.  Ausgabe],  85)  und  schreibt  (ju'el  sanz 
paire  für  quel.  Nach  41  nuiss  ein  Punkt  stehen.  59.  e  ac 

pueys  joya  non  ac:  der  Ilalbvcrs  ist  überladen  und  ohne  Sinn. 
Offenbar  ist  e  zu  streichen  und  anc  pueis  zu  schreiben. 
79.  i'  vor  jous  ist  zu  streichen:  auch  Raynouard  (lex.  rom. 
VI,    28)   der  die    Stelle    anführt,  hat    es    nicht.  88.    in    der 

Handschrift  steht  ohne  Zweifel  del  latz  .,von  der  Seite'-. 
100.  die  zweite  Vershälfte  ist  zu  kurz:  not  prenga  ja  talens 
muss    gelesen    werden.  105.    le    diables    qu'es    mes    en    la 

serpens:  unrichtig  abgetheilt.  Man  lese  ques  mes  (d.  h.  que-s 
mes)    „der    sich    verwandelte".  110.    falsch    interpungirt; 

ieu  no,  sol  respon  Eva  muss  gelesen  werden.  Wie  Herr  Sachs 
liest  würde  es  heissen  „ich  bin  es  nicht",  antwortete  Eva, 
denn  er  wird  so  doch  nicht  als  „ich  weiss"  auffassen  wollen? 
Die  Wiederholung  des  Personalpronomens  in  der  Antwort  ist 
ganz  gewöhnlich:  gleich  115  steht  o  ieu  be:  ebenso  im  mhd. 
nein  ich.  113.  auch  falsch  interpungirt:  man  lese  tu  sabras 

tot  cantes,  bes  e  mals  issamens.  121.  Adam,  so  li  dis  Eva, 

aujas  e  be  m'entens.  Ich  habe  he  ergänzt,  weil  sonst  der  Vers 
zu  kurz  ist,  denn  aujas  (nicht  auias)  kann  nur  zwei  Silben 
bilden.  126.  falsch  interpungirt:  lies  mais  pueis  ne  sabrem 

pro,  que  be  (lies  ben)  y  so  crezens.  129.  vor  dieser  Zeile 
fehlt  wenigstens  eine:  qu'el  ist  wieder  quel  zu  lesen:  die  oder 
den  ihm.  133.   Um  zwei   Silben  zu  kurz:   vermuthlich  zwi- 

schen   d'aquel    und    senhor.  134.    lies  segon    mos    essiens. 

138.  el  diables   n'en   er.  144.    lies    femna,    per    c'o    fezist? 

152.    fehlt   eine    Silbe   in    der   ersten    Vershälfte.  153.  lies 

estet  für  esset.  155.  lies  a  tos  sossiguens   (subsequentes) : 

deinen    Nachkommen.  159.    der    ersten    Vershälfte    fehlt 

eine  Silbe,   etwa  et  ac  filhs  et  ac  filhas.  1*63.    en  los  focx 

ardens  ist  zu  lesen,  wie  516  steht;  auch  378  steht  falsch  en 
lor  focx  ardens.  Die  Handschrift  wird  wol  überall  das  rich- 
tige haben.  165.  l'ac:  es  iet  wol  ac  zu  lesen.  168.  com 
al  solelh  gibt  keinen  Sinn,  es  mufs  heifsen  conial  solelh:  aber 
auch  dies  widerstreitet  dem  Rythnius,  der  erfordeit  aissi  col 
solelhs  intra  pel  veire  resplandens.  Den  Gedanken  wiederholt 
das  Marienlied  des  Dichters,  Lesebuch  92,   61: 

si  com,  ses  trencamen  faire 

intral  bels  rais,   can  solelha 

per  la  fenestra  veirina. 


Le  tresor  de  P.  de  Corbiac,  Ausg.  v.   Sachs.  233 

175.  die  erste  Vershälfte  zu  kurz:  vielleicht  non  i  perdet. 
178.  avia  ist  unrichtig:  die  Handschrift  wird  wol  aura  haben. 
180.  lies  apostels,  auf  der  vorletzten  Silbe  betont,  wie  angels. 
191.  zu  lang:  man  lese  c'anc  i*es  nol  fes  tornar  für  non  li 
fes.  200.  lo  ren  del  cel  soll  die  Handschrift  haben:  wenn 

dies  wahr  ist,  so  schrieb  der  Schreiber,  falsch  lesend,  ren  für 
reis:  aber  re  was  nur  im  Texte  steht  ist  unrichtig.  201.  lies 

e  volc  so  für  e  vo  so.  203.    nach    negus  fehlen  zwei   Sil- 

ben, vermuthlieh   ein    Substantivum.  208.    de   dos    ans  totz 

ver  cens  ist  ohne  Sinn.  Für  ver  cens  hat  die  Handschrift 
jedenfalls  das  richtige  vertens,  das  312.  621  steht.  205.  auch 
hier  offenbarer  Lesefehler:  jom  steht  für  jorn,  schon  in  der 
Handschrift?  211.    hat    nur     zehn     Silben.       Ich   lese    sol 

(Handschrift  so)  de  sum  e  de  sum  vos  dirai  o  breumens.  Das 
zweite  de  und  o  füge  ich  hinzu:  vergleiche  die  Lesart  der  rö- 
mischen Handschrift  zu  225  e  dirai  o  breumens.  2 15.  oc- 
tans  verstehe  ich  nicht.  Wenn  oc  richtig  gelesen  ist,  mufs 
es  doch  wol  heifsen  oc  tans.  224.  lies  tans  lenguatges. 
228.  son  fil  ist  eingeschlichene  Glosse,  die  den  Vers  über- 
ladet. Statt  sanctificamens  ist  mit  g  sacrificamens  besser  zu 
lesen.  231.  offenbar  malamens.  232.  ne  vec?  vermuth- 
lieh ne  vol.  234.  nach  ieu  fehlt  eine  Silbe:  lies  sai  ieu 
dir.  242.  lies  fetz.  274.  lies  pobols.  270.  et  ist  zu 
streichen.  279.  besser  de  Gezabel.  282.  Die  Beziehung 
auf  Gideon  lautet  nach  meinem  prov.  Lesebuche  93,  4: 
la  toizo  de  la  lana 
ques  mulhet  dins  la  sec'  aire, 
don  Gedeons  fo  proaire  (=esproamens). 
288.  Avol  crenut  „crinutus"  mit  g  zu  lesen.  291.  vezia 
damens.  Was  soll  damens  bedeuten?  Lies  veziadamens. 
293.  e  sai  dir  oder  e  sai  be:  der  Vers  ist  zu  kurz.  295.  auch 
dieser  Vers  ist  zu  kui-z:  man  lese  für  drecheiramens  drechu- 
reiramens,  wie  362  steht.  301.  lies  ab  tres  peiras,  wol  mir 
Druckfehk'r.  304.  die  zweite  Hälfte  zu  kurz.  Ich  denke 
Tuna  trais  de  sas  dens,  worauf  la  in  305  geht.  311.  lies 
que  non  a  dergu'  el  mon.  318.  vivassamens  ist  zu  lesen: 
vergleiche  mein  Lesebuch  170,  22;  172,  37.  329.  die  erste 
Vershälfto  ist  um  eine  Silbe  zu  kurz.  332.  en.  fo  für  et 
»Ml  fo  wegen  des  Metrums.  335.  lies  forma  für  forsa  mit 
g.  sonhamens  ist  Schreibl'ohlor  der  Handschrift  (oder  des  Her- 
ausgebers?)  für    sonhadanieuis.          .■]52.   zu    lang,    bona    ist  zu 

.Inliil).   f.  rniu.   11.   'Mini.   [.it.     IV.  2.  -[(j 


234  Kiiti.silii'   Anzoigon: 

streichen  mul  zu  schreiben:  e  \a  domna  se  tenc  de  bos  cap- 
teneniens.  358.  a  zu    streiclien:    denn    Daniel    ist    dreisilbig 

und   gueri   keine  Participialibrni.  3G5.   statt  des    unsinnigen 

de  tot  dcmens  issens  ist  wol  zu  lesen :  de  totz  mos  eseiens, 
vergleiche   ]3i.  3G6.  lies  con  für  c'on.  Zu  375  bemerkt 

der  Herausgeber,  dafs  ich  einen  Abschnitt  des  Breviari  d'amor 
„de  diversas  manieiras  de  peccatz"  in  der  Bibliothek  des 
literarischen  Vereins  in  Stuttgart  veröffentlicht.  Das  bedarf 
einer  Berichtigung.  Es  war  allerdings  meine  Absicht,  diesen 
Abschnitt  in  meine  „Denkmäler"  aufzunehmen:  aber  es  sollten 
keine  Fragmente  darin  enthalten  sein  und  darum  unterblieb  es. 
377.  lies  prenia  für  pernia:  die  Handschrift  hat  vermuthlich 
pnia.  378.  lies  en  los  focx :  sieh  zu  163.  379.  statt  co- 
las  ist  offenbar  colps  zu  lesen.  381.  lies  e  gitavals  el  foc, 

383.  das  erste  e  ist  zu  streiclien.  384.  a  Arons,   unrichtig 

für  Aarons,  vergleiche  247.  398.  o  zu  streichen :  feliliM-liaft 
aus  397  eingedrungen.  400.  a  ist  zu  streichen.  403.  es- 
tera    für     essera,    wie    oben     153.  411.    lies    nos    für    ns. 

413.  lies  sus  amon  für  sus  anioi".  428.    nach  premier  fehlt 

ein   einsilbiges  Wort.  440.  nach  infern  ein  Komma  und  eu 

say  wie  464  steht.  442.  lies  prophetas.  Die  zu  451  be- 

merkte Lesart  aus  der  römischen  Handschrift  hat  der  Heraus- 
geber ebensowenig  als  Galvani  verstanden :  un  duous  ist  un 
dijous   ,, einen  Donnerstag"    zu    lesen.  456.    die    Besserung 

des  handschriftlichen  non  in  hom  ist  ungut;  non  ist  das  rich- 
tige. 458.  der  Sinn  scheint  zu  erfordern  sin  breu  no  fos 
trames.  462.  lies  sai  für  soi.  471.  nach  de  fehlt  etwa 
la.  476.  lies  er'  en  lui  crezens;  ebenso  506.  482.  lies 
sobra  seguramens.  486.  lies  planh  für  planhi.  488.  nicn 
kann  nicht  einsilbig  sein:  es  mufs  ein  anderes  negatives  Wort 
da  gestanden  haben  oder  ieu.  491.  ist  vom  Herausgeber 
ganz  entstellt:  offenbar  ist  zu  lesen  et  el  la  issoflet  „und  er  blies 
sie  an":  vergleiche  issuflar  L.  Rom.  V,  246,  wo  aber  diese 
Stelle  auch  fehlt.  498.  lies  li  las  cueychas.  501.  lies 
c'us  peissos  Ten  portet.  •  512.  ist  mit  g  zu  streichen. 
515.  comjat  ist  unrichtig  geschrieben:  es  mufs  dreisilbig  sein, 
demnach  comiat  oder  combiat.  521.  die  zweite  Hälfte  des 
Verses  verstehe  ich  nicht,  ni  en  mens  steht  wol  für  ni  vesti- 
mens.  526.  senher  on  te  vim  nos  nut  ist  zu  lang:  ent- 
weder ist  nos  zu  streichen  oder  senh'  on  zu  lesen:  diese  Form 
begegnet  zuweilen.          533.  lies  auretz.         542.  fehlt  der  ei'sten 


Le  tresor  de  P.  de  Corbiae,   Ausg.  v.   Sachs.  235 

Hälfte  eine  Silbe,   vielleicht  ja  nach  sabretz.  546.    on   for- 

met? es  mufs  gelesen  werden  que  foi-niet,  mit  Beziehung 
auf  dieus.     Vor    cant  fehlt  etwa  e  oder  tot.  Von  540  an 

bis  G64  besitze  ich  zufällig  ebenfalls  Abschrift  nach  dem  Pa- 
riser Codex,  bin  also  im  Stande  die  Genauigkeit  von  Herrn 
S.  zu  controlliren.  548.  liest  R.   (so  bezeichne  ich  die  Pa- 

riser Handschrift)  non    prezi   gaire    mens.  552.    solcecisme 

R.  553.    em  gar  de  barbarasme,   wie  auch  Raynouard  liest 

und   das   Metrum    fordert.  554.   liest    meine    Abschrift    de 

dialetica  say  yeu  tot  razonablaniens,  wobei  nur  yeu  zu  strei- 
chen ist.  556.  lies  e  concluire,  wie  Raynouard.  558.  de 
rethorica  R.  559.  R.  liest  wie  Raynouard.  562.  nach 
puesc  fehlt  etwa  ieu  oder  en  oder  be.  564.  lies  leys  mit 
R.  non  apres  anc.  R.  565.  lies  mais  en  tal  cort  col 
nostra  (Handschrift  dol  nra)  sai  de  plas  jutjamens.  566.  e 
sui  pro  razonatz  R.:  da  auch  g  hier  abweicht,  so  mufs  ich 
den  Text  des  Herrn  S.  für  eine  willkürliche  Entstellung  hal- 
ten. 567.  que  al  partir  R.  sels  qu'icu  soi  captenens  R. 
569.  lies  catre  tos  mit  R.  e  catre  R.  574.  lies  primai- 
rana  mit  R.  576.  lies  descort  mit  R.  579.  lies  per  sest' 
art.  nach  sai  fehlt  ieu,  auch  in  der  Handschrift.  582.  lies 
dem  Gui  mit  der  Handschrift  und  Raynouard,  588.  lies  en 
brevetamens.  592.  lies  e  los  grans  bastimens.  596.  lies 
tals  ses  (Handschrift  VI)  espazis  a  tot  lo  (Handschrift  los) 
coi'renamens,  der  bekannte  mathematische  Satz,  dafs  der  Ra- 
dius sich  sechsmal  in  der  Peripherie  herumtragen  lasse. 
597.  lies  cant  a  dcl  ponh.  598.  d'estrouomia  sui  com  los 
clergues  sabens  R :  folgte  der  Herausgeber  auch  hier  der  rö- 
mischen Handschrift?  602.  en  torn  los  XII.  signes  ab  se 
mescladamens  R.  603.  d'aquels  R.  los  noms]  los  bes 
R.  604.  qui  son  d'omes,  de  bestias  dire  fablozamens  R, 
und  Raynouard  lex.  ronian  III,  246.  605.  lur  calitat,  Fac- 
tor eis  apropriamens  R.  606.  ni  cans  gras  a  cascus  pojans 
ni  dissendens  R.  607.  in  der  zweiten  Halbzeile  fehlt  eine 
Silbe.  608.  quel  son  contracorrens  R.  609.  eis  locx  eis 
cstamens  U.  610.  e  cols  savis  eis  homes  an  lur  pcrfaze- 
meus  R.  611.  tot  enaisi  con»  son  de  motz  desguizamens. 
612.  lies  mit  R  l'us  secs,  l'autre  humens.  613.  lies  l'us  es 
bos.  614.  aquelas  acordansas  nils  ct)ntrariamens  R. 
615.  ab  las  R.  Quey  fan  ajudamens  R:  fon  ist  unrichtig. 
617.  podetz  R.  sieus  (d.  h.  si-us)  es  gratz  R.  (■)19.  Sa- 
IG  =^ 


236  Kritische  Anzeigen: 

turnus  es  cl   som  mal  e  freg  K.  621.  nou  acabat  son  cors 

tro  ca  R.  622.  nozables  R.  623.  lies    frejuros   für   fre- 

miros.  e  malautz  escarsses  e  tenens  R.  625.  d'estranz] 

de  motz  R.  626.  per    cstar   R.  627.    fa    degalliiers   en- 

vios  e  metens  R.  028.  e    cobeitos    d'onors    e    de    senhora- 

mens  R.  630.  ergolhos  de  paraulas  et  es  leu  iraichens  R. 

631.     cest     fai     las     grans     bataüias     eis     ricx     t.     R. 
633.  per  com  conten  ab  lautre   el    fer    iradamens   R.  636. 

cui  nais  besser  als  qui  nais.  638.  de  sotz]  de  jus.    el  fai. 

639.  dels  freitz,  qu'el  es.  640.  d'aquelas.  641.   que  son 

cossebemens.  642.   que  pel  mon  son  naicbens.  646.  bi- 

sexta.  per   dreg  razonamens.  647.    cant    y   es    auinens : 

falsch  R.  Das  Semicolon  nach  venens  mufs  ein  Komma  sein. 
652.  cant  l'es.  653.  si]  sos.  658.    dun   dels   bes   terre- 

nals.  661.  ni  bos.  Zum  mindesten  ergibt  sich,   dafs  von 

einer  Collation  der  Pariser  Handschrift  durch  Herrn  S.  nur 
sehr  unvollkommen  die  Rede  sein  kann.  Und  doch  wäre  eine 
solche  für  Herstellung  des  Textes  unerläfslich  gewesen! 
668.  fehlt  ^)/;<5  vor  negra.  674.  e  ist  zu  streichen.  677.  das 
Komma  gehört  nach  sols.  681.  lies  qu'el  fai  florir.  Nach 
issamens   Komma!  683.  lies   eis  fa.  686.  jedenfalls  ist 

en  niens  zu  lesen.  688.  lies  e  non  es  hom.  694.  wol 

lo    vespres.  697.     der    zweiten    Hälfte    fehlt    eine     Silbe. 

709.  lies  d'amdos,  besser  aber  d' ambedos,  denn  ecli'psis  ist  zu 
betonen.  710.    e  ist   zu    streichen.  713.    lies    clartat. 

719.  der  nach  dieser  Zeile  ausgefallene  Vers  tot  enaissi  defalh 
la  luna  plus  sovens  darf  nicht  fehlen.  721.  wol  enteirada- 

mens,  vergleiche  791.  725.  lies  c'aiso.        727.  gut  ist  Gal- 

vani's  Vermuthung,   es  sei  teorica  für  retorica  zu  lesen.    Aber 
vor   dels   fehlt   e,    das   ich    Lesebuch    149,    63    ergänzte. 
743.  anc  von  mir   ergänzt,    Lesebuch    149,    69,    hätte    durch 
Klammern  bezeichnet  sein  sollen.  739.    lies   e    fai    mit  der 

Handschrift.  743.  lies  XII  für  VII,    mit    der   Handschrift. 

Das  Richtige  stand  schon  Lesebuch  150,  10,  welchen  Text 
ja    auch   Herr    S.    benutzt   hat.  728.    d'aramens    steht    für 

d'auramens,  aguramens,  was  Galvani  hat:  warum  dies  nicht 
aufgenommen,  sehe  ich  nicht  ein.  Meine  Vermuthungen  zu 
Lesebuch    150,   12    fallen  jetzt   natürlich.  753.    lies  poiria 

mit    der   Handschrift    und    wegen    des    Metrums.  754.    lies 

genealogias  wie  Lesebuch  150,  21  steht:  sonst  ist  der  Vers 
zu  kurz.  758.  lies  destruimens.  772.  Herr  S.  hat  die 


Le  tresor  de  P.  de  Curbiac,  Aut^g.  v.   Saclis.  237 

von  Delius  (zu  meinem  Lesebuche  150,  38)  vorgeschlagene 
Besserung  d'aur  bevens  ohne  Bemerkung  aufgenommen. 
779.  per  fols  e  fachamens:  ich  weifs  nicht  wie  Herr  S.  das 
übersetzt:  aber  unrichtig  ist  seine  Bemerkung,  dafs  efachamen 
(wie  ich  Lesebuch  151,  5  las)  in  meinem  Glossar  fehle:  es 
steht  wie  efan  unter  enf-.  802.  warum  arcivesques  unrich- 

tig sein  soll,  sehe  ich  nicht  ein,        804.  lies  qu'er'.        809.  in 
der   zweiten    Hälfte   fehlt    eine   Silbe.  838.    ist  unverständ- 

lich: es  ist  zu  lesen  m'aondon  vestimens   ,,möge  ich  Kleider  in 
Ueberflufs  haben". 

Dem  Texte  hat  der  Herausgeber  Bemerkungen  beigefügt, 
kritische  nicht,  sondern  erklärende,  mit  Parallelstellen  aus 
ähnlichen  Werken:  das  ist  ganz  schätzenswerth,  um  so  mehr 
als  dergleichen  Commentare  selten  gegeben  werden.  Herr  S. 
zeigt  darin  eine  ziemliche  Belesenheit  in  der  altfranzösischen 
und  altenglischen  Literatur,  wenn  auch  die  angeregten  Punkte 
keineswegs  erschöpft  sind.  Die  Sendung  Seths  nach  dem 
Paradiese  (Anmerkung  zu  1G2)  hätte  zunächst  durch  ein  pro- 
venzalisches  Denkmal  belegt  werden  können,  das  ich  im  Lese- 
buche S.  XIX  erwähnt  und  von  dem  Fauriel  I,  263  einen 
Auszug  gegeben.  Aber  schon  viel  früher,  bereits  in  Lambert's 
Floridas  steht  ein  Abschnitt  de  Adamo  et  de  ligno  paradisi, 
der  denselben  Inhalt  hat  (Serapeum  III,  169). — Ich  bedaure 
über  den  Text  nicht  günstiger  urtheilen  zu  können:  die  ein- 
gehende Betrachtung  desselben  möge  dem  Herausgeber,  der 
sich  mit  Liebe  den  provenzalischen  Studien  zugewendet,  zei- 
gen, dafs  ich  mit  Theilnahme  sein  Büchlein  gelesen.  Er  be- 
absichtigt jetzt  zunächst  die  Auzels  cassadors  von  Daude  de 
Pradas  herauszugeben:  eine  nochmalige  Collation  seiner  Ab- 
schi-iften  wäre  ihm  vor  allen  Dingen  zu  rathen,  da  dieselben 
liöchst  ungenau  gefertigt  zu  sein    scheinen. 

Rostock,  September  1859. 

Karl    Bartsch. 


238  Misccllcn. 

Miscellen. 

Wiederherstellung  des  Textes  der  Villon'schen  Ballade 
de  l'honneur  fran9ois. 

In  der  Ballade  de  rhonneur  fi*iuif;ois  von  Villon  (Ausgabe 
von  Jacob  Bibliopbile,  p.  228^231,  welche  aus  drei  elfzeiligen 
Strophen    von    der    Reirastellung   abab     cc    ddede     und 

einem    die    Reime     ddede     wiederholenden    envoi    besteht, 

fehlt  in  der  ersten  Strophe  die  zweite  Zeile  des  Reimes  d, 
und  J.  B.  bemerkt  richtig  (p.  229,  n.  5):  il  manque  ici  un 
vers  masculin  rimant  en  Ins  —  —   — . 

Nun  finde  ich  in  dem  Recueil  de  poesics  fran^oises  des 
XV-'  et  XVI°  siecles  par  Anatole  de  Montaiglon,  t.  V,  p. 
320  —  322,  unter  der,  mir  sonst  noch  nicht  vorgekommenen, 
Ueberschrift  „Ballade  Francisque"  ein  Gedicht,  welches,  vom 
Herausgeber  nicht  erkannt,  die  Ballade  de  l'honneur  franyois 
in  —  offenbar  —  etwas  späterer  Gestalt  ist  und  die  fehlende 
Zeile  mit  dem  vermifsten  Reim  enthält.  Sie  lautet: 
Et  Proserpine  aux  infernaulx  pallus 

und  als  Reim  bietet  die  vorhergehende  Zeile  das  von  J.  B. 
statt  des  nicht  zu  verstehenden  Penthalus  richtig  vermuthete 
Tantalus.  So  ist  das  werthvolle,  von  kräftiger  vaterländi- 
scher Gesinnung  eingegebene  Gedicht  wieder  hergestellt. 

Mülheim  an   der  Ruhr. 

Oberlehrer  Dr.  Nagel. 


Juan  de  los  Tiempos. 

Val.  Schmidt  in  seinem  Buche  über  die  Schauspiele  Cal- 
deron's  S.  152  (Elberfeld  1857)  scheint  Juan  de  los  Tiempos 
für  dieselbe  Person  gehalten  zu  haben  wie  Juan  Espera  en 
Dios  (d.  i.  der  ewige  Jude  ^).  Dies  ist  jedoch  ein  Irrthum, 
denn  jener  Johann  ist  der  bekannte  Jean  des    Temj^s    in    Be- 


')  Vgl.  über  diesen  Ferd.  Wolf  Beiträge  zur  üeschichte  der  spa- 
nischen Volkspoesie  S.  59  f.  Simrock  in  Mannhardt"s  Zeitschrilt  für 
deutsehe  Mythol.  I,  432  fl'. 


Miscellen.  239 

trcff  dessen  Ileiffenl)crg  zu  Pliil.  Mouskes  vol.  II,  p.  LXXXI  f. 
folgendes  anführt:  „Dinterus,  dans  sa  chronique  de  Brabant 
ecrite  au  XV^  siecle  dit  que  ce  dernier  (i.  e.  Jean  des  Temps) 
avait  ete  ecuyer  de  Cliarlemagne ,  qu'il  vecut  Sil  ans  et 
mourut  en  1139  (Ms,  de  la  bibl.  de  Bourgogne  en  5  vol.  in- 
fol.  mod.,  I,  6G4;  Nouv.  archiv.  Iiistor.  des  Pays-Bas,  VI, 
139).  Mais  avant  lui  Guillaume  de  Nangis  avait  donne  cette 
longevite  pour  certaine  (Vita  Philippi.  Du  Chesne,  V,  51G; 
Hist.  litt,  de  la  France  XVI,  133).  De  Longeville  -  Har- 
court,  auteur  de  Vlli-sioire  des  personnes  qni  out  veciP^plu- 
fiieurs  siecles  et  qni  ont  rajeuni  (Paris  1716,  p.  ItS).  recule  la 
mort  de  Jean  des  Temps  jusqu'a  l'annee  1146  et  lui  donne 
pour  contemporain  un  c'ertain  Richard,  qui  avait  ete  Soldat 
sous  Charlemagne  et  que  Guy  Donatus  pretendait  avoir  connu 
en  1223."  S.  auch  J.  Wolf  Niederländische  Sagen  S.  168, 
no.  113  (wo  er  Jan  van  den  Tyden  heisst)  und  Grässe  Der 
Tannhäuser  und  der  ewige  Jude  2.  Aufl.  (Dresden  1861) 
S.  80  und  117.  Wenn  er  bei  letzterm  auch  den  Bei- 
namen d'Estampes  und  a  Stampis  führt,  so  ist  derselbe  oifen- 
bar  aus  dem  andern  des  Temps  entstanden.  —  Der  Aehnlielikeit 
wegen  will  ich  hier  noch  folgende  zwei  Sagen  aus  Albericus 
Trium  Fontium  anführen:  ,,A  partibus  Hispanorum  venit  hoc 
tempore  quidam  senio  valde  confectns  miles  grandaevus,  qui 
se  dicebat  esse  Ogerum  de  Däcia,  de  quo  legitur  in  historia 
Caroli  Magni,  et  quod  mater-ejus  fuit  filia  Theodorici  de  Ar- 
denna.  Hie  itaque  obiit  hoc  anno  in  diocesi  Nivernensi.  vijla 
quae  ad  sanctum  Patritium  dicitur,  prout  illic  tam  clerici  quam 
laici  qui  vidcrunt,  postea  retulerunt."  (Ad  aini.  1211.  vol. 
II,  p.  456  ed.  Leibnitz);  und  ferner:  ,,In  Apulia  mortuus  est 
hoc  tempore  quidam  senex  dierum,  qui  dicebat  se  fiiisse  ar- 
migerum  Rolandi  Theodoriciim,  qui  Dux  Guidonius  dictus  est, 
et  Imperator  ab   oo  multa  didicit."   (Ad  ann.  1234.  il)id.  p.  553). 

Bienenkörbe. 

In  di^r  Keimchronik  Le  Chevalier  an  Cijyne  et  Godefroid 
de  Bouillon  wird  erzählt  wie  die  Stadt  Acre  durch  die  Kreuz- 
fahrer vermittelst  hineingeworfener  Bienenkörbe  erobert  wird 
(s.  vol.  III,  p.  254,  V.  26815  ff.).  Dem  Herausgeber  dieses 
Bandes  der  Chronik,  Prof.  Borgnet,  habe  ich  mehrfache  ent- 
sprechende Sagen   mitgetlieilt;  s.   das.   Introd.    p.   LXXXII   (wo 


240  Miscellcn. 

Anni.  2  statt  Müllendorff  zu  lesen  ist  Miillenhuf)  sowie  die 
letzte  (unpaginirte)  Seite  desselben  Bandes.*)  Der  älteste  Schrift- 
steller unter  den  dort  angeführten,  der  diese  Sage  erwähnt, 
ist  demnach  Widukind;  indess  findet  sie  sich  dem  wesent- 
lichen Inhalte  nach  schon  viel  früher,  nämlich  bei  llesycliius 
lUustrius  der  wahrscheinlich  im  6.  Jahrhundert  unter  den  Kai- 
sern Justin  und  Justinian  seine  'laropLa  "^  Po[J.aüx7]  xai  TcavTO- 
8a7r7]  schrieb.  Er  erzählte  darin  (s.  Müller  Fragmenta  llist. 
Graec.  IV,  149  f.),  dass  Byzas,  der  fabelhafte  Gründer  von 
Byzanz,  die  ihn  angreifenden  Thrazier  besiegte  und  darauf 
verfolgte.  Inzwischen  belagerte  in  seiner  Abwesenheit  der 
skythische  König  Odryses  die  neugebaute  Stadt,  wurde  aber 
durch  die  Gemahlin  des  Byzas,  Namens  4^',5aA£!.a,  vermittelst 
folgender  List  zurückgetrieben;  ,,0^  yap  xo'j^  xaTa  \^'fC>\  ttoX'.v 
09£'-c  «■'-?  £'■'  ~^  X"?''°'''  (J'JAAaßoijaa  £'9po'Jp£c,  d^po«^  xolc,  s'vav- 
"zioic,  £'[j.9avilaa  8''xt,v  ßeXov  xat  dxovTLOv  hzz]}.7:t  TOt  ^7jp''a  xal 
7tXe''c~o'jj  X-j[j.Tjva[j.£VT,  touto  to  TpoTü«  5[.£aoas  T7]v  tcoXiv. 
'EvTSiJj'sv  TO''vjv  dpx,aco^  [J-uj~o^  9£'pöTa!,,  |j.7]  5elv  tou^  y.a.-'x 
T'Jjv  TToXiv  dX!.c>co,a£VO'j^  dTCoXX'jöiv  09Ü.C,  «<;  ca  susp^sra; 
auTTj;:  7£VO[J.svou^."  Es  ist  offenbar,  dass  diese  Sage  mytho- 
logischen Ursprungs  ist  und  mit  dem  uralten  Schlangendienst 
zusammenhängt,  worüber  s.  F.  L.  W.  Schwartz  der  Ursprung 
der  Mythologie,  Berlin  1860,  S.  26  —  159:  „Die  Schlangen- 
und  Drachengottheiten", 


')  Füge  jetzt  noch  hinzu  A.   Kuhn,   Westph.  Sag.  110.   IGT. 

Lüttich. 

Felix    Liebrecht. 


Druck  von  F.   A .   Bi-ocUluiu'!  in  Loipzi;;. 


Ruth.    Der  Satireudicbter  Giuseppe  Giusti.  241 


Der  Satirendichter  Giuseppe  Giusti. 

Giusti  zeigt  sich  uns  in  seinen  Werken  niclit  nur  als 
den  ersten  Satiriker,  sondern  auch  als  einen  der  vorzüg- 
lichsten Menschen  die  Italien  hervorgebracht  hat.  Nie- 
mand war  so  wie  er  zum  Lehrer  seiner  Nation  geeignet, 
denn  Niemand  besafs  in  dem  Grad  die  tiefe  religiöse  Bil- 
dung, die  solide  Rechtlichkeit,  die  Uneigennützigkeit  und 
den  scharfen  Blick  in  die  Gebrechen  der  Gesellschaft- 
Ünd  wie  gut  er  diese  Gebrechen  zeichnete,  bei  aller  phi- 
losophischen Allgemeinheit  der  Züge,  beweist,  dals  die 
Leser  auf  Manche  als  die  Modelle  zu  einigen  Gedichten 
hinwiesen  und  da(s  Manche  sich  selbst  aufs  Haar  getrof- 
fen fühlten. 

Die  Satire  war  den  Italienern  von  jeher  eigen.  Sie 
regte  sich  jedesmal  besonders  in  Zeiten,  wo  die  mensch- 
liche Gesellschaft  an  der  Gränze  einer  überwundenen  Pe- 
riode stand,  wo  sie  nach  einem  Fortschritt,  nach  einer 
höhern  Stufe  dringend  verlangte  und  in  diesem  Streben 
durch  den  Eigennutz  einer  in  Besitz  und  Gewalt  befind- 
lichen ICasse  oder  durch  die  vorherrschenden  Gebrechen 
der  Einzelnen  oder  der  Gesellschaft  verhindert  wurde. 
So  bezeichnen  besonders  die  Satiriker  den  groisen  orei- 
stigen  Kampf  des  15.  und  l(s  Jahrhunderts,  den  die 
hierarchische  Kaste  gegen  das  Erwachen  des  Lichts  und 
der  Freiheit  führte.  Wir  meinen  hier  natürlich  nicht  die 
gelehrten  Satiriker,  die  Scritfori  di  Satire  in  gala,  die 
Giusti  selbst  so  vortrefilich  abfertigt,  sondern  d,ie  A'olks- 
dichter,  die  die  Reaction  mit  den  Waffen  des  Ernstes  und 
Spottes  angriffen.  Zwischen  diesen  und  Giusti  besteht 
ein  grofser  Unterschied.  Man  kannte  damals  nicht  eigent- 
lich die  Religion,  die  über  der  Hierarchie  steht,  man  hatte 
nicht  die  hohe  Geistesgewalt,  um  das  Pfaftenthum  zu  den 
Gesetzen  der  Religion  und  Moral  zurückzuführen  oder 
sich  von  seiner  Herrschaft  losziunachcn.  Mit  dem  faulen 
hierarchischen  System  wurde  auch  der  Glaube  mul  die 
Kirche  niedergerissen,  die  Spötter  stand(Mi  vor  der  ninen 

Jahrl).   f.   roin.  u.  engl.   Lit.     IV.  3.  JJ 


242  1^""' 

Negation  iincl  wufsteii  das  Volk  iiiclit  zu  crhebon.  Daher 
siegte  die  Hierarchie  leicht  und  das  Gespött  wurde  mit 
Scheiterhaufen  znm  Schweioen  gebrac-ht. 

Ueber  zweihundert  Jahre  verharrte  der  italienische 
Geist  unter  diesem  Druck,  bis  der  gänzliche  Stillstand 
des  Geistes ,  die  Auflösung  der  moralischen  imd  nachher 
der  Umsturz  der  socialen  und  politischen  Ordnung  die 
Nothwendigkeit  eines  erneuerten  Kampfes  dringend  zeigte. 
Der  geistliche  und  weltliche  Absolutismus  waren  nach 
der  Restauration  mit  einander  verbündet  um  den  alten 
Zustand  zu  verewigen.  Die  Ideen  und  Principien,  die  im 
andei'n  Lager  standen,  hatten  noch  zu  wenig  Macht,  und 
ein  paar  verunglückte  Revolutionen  und  Befreiungsver- 
suche nutzten  viele  Wohldenkende  ab  und  brachten 
manche  edle  Männer  wie  Leopardi  zur  Verzweiflung.  Dals 
die  Satire  sich  an  dem  ganzen  nun  bald  funfzigjäh.rigen 
Kampf  nicht  stärker  betheiligte,  beweist  dals  der  Kampf 
jetzt  mehr  auf  dem  Feld  der  materiellen  Kräite  geführt 
wird,  dals  man  nicht  blofs  Principien  angreifen  und  Sy- 
steme niederreifsen,  sondern  an  die  Stelle  des  alten  einen 
zeitgemäfsen  Zustand  aufbauen  will,  dafs  man  die  Sy- 
steme nach  dem  Leben,  dessen  Zweck  und  Bedürfnissen 
Ijeurtheilt.  Seit  den  dreifsiger  Jahren  hat  nur  Ein  Sa- 
tiriker, Giusti,  seine  Stimme  erhoben,  aber  dieser  Eine 
wiegt  alle  friihern  auf,  sowol  in  Bezug  auf  die  Behand- 
lung des  Stofies,  die  Art  des  Kampfes,  als  auch  auf  die 
Tüchtigkeit  der  Gesinnung.  Der  Unterschied  in  der  Zeit- 
anschauung  zwischen  dem  1(3.  und  19.  Jahrhundert  tritt 
wol  bei  keinem  Dichter  so  deutlich  hervor  als  bei  diesem 
Satiriker.  Wenn  friiher  der  Spott  der  Dichter  die  Für- 
sten und  ihre  Minister  und  Rathgeber  weniger  berührte, 
weil  diese  ja  als  Mitleidende  unter  dem  allgemeinen  geist- 
lichen Despotismus  betrachtet  wurden,  wenn  nur  die  Alles 
beherrschende.  Alles  gewinnende,  besitzende  und  störende 
Priesterkaste  angegrifien  wurde,  bei  diesem  Kampf  aber 
Relio-ion  und  Moral  mehr  als  die  Kirche  in  Gefahr  «rerie- 
tlien:  so  zeigte  sich  jetzt  der  grofse  Einflufs  der  Bildung 
und  Humanität,  den  die  geistig  frei  gewordenen  Nationen 
auf  die  Italiener  ausübten.    Man  unterschied  Relio-ion  von 


Der  Satirendichter  Giuseppe  Giusti.  243 

Pfiiffenthuni,  Gesetz  und  Ordnung  von  Despotenwillkür, 
man  verlangte  nicht  Nicderreil'sen  und  Zerstörung,  son- 
dern Verbesserung  und  Kückkelir  zu  den  Zwecken  der 
Gesellschaft.  Nicht  atheistischer  Spott  ohne  Gefiihl  und 
Glauben  an  etwas  Besseres,  das  erreicht  werden  könnte 
und  sollte,  sondern  moralische  Entrüstung  über  Verküm- 
merung von  menschlichen  und  göttlichen  Rechten  führte 
Giusti's  Feder.     Questo  che  par  sorriso  ed  e  dolore. 

Giuseppe  Giusti  war  geboren  am  13.  Mai  1809  in 
Monsumano,  einem  Ort  an  der  Stral'se  zwischen  Pescia 
und  Pistoja,  und  stammte  aus  einer  Familie ,  die  viele  an- 
gesehene Männer  aufzuweisen  hat.  Er  machte  hauptsäch- 
lich seine  Schule  in  den  Lyceen  zu  Pistoja  und  Lucca 
durch.  Man  muCs  im  dritten  Kapitel  seiner  Lebensbeschrei- 
bung von  Frassi  seine  eigne  Schilderung  einer  solchen 
Schule  lesen,  um  die  entsetzliche  Vernachlässigung  dieses 
geist-  und  talentvollen  Volks  zu  begreifen.  „Man  lehrte 
das  Lesen  mit  dem  Abc  buch  in  der  einen  und  dem  Och- 
senziemer in  der  andern  Hand,  das  Latein  aus  dem  limen 
grammaticae,  d.  h.  einem  Buch,  das  in  der  Sprache  ge- 
schrieben war,  die  man  erst  lernen  sollte,  die  Poesie  nach 
Frugoni,  die  Prosa  nach  Roberti,  die  Moral  nach  der 
zweiten  Eclogc  Virgils."  Die  Bekanntschaft  mit  einigen 
aufgeweckten  jungen  Leuten  führte  ihn  zum  eigentlichen 
Studiren.  Bei  der  geringen  geistigen  Nahrung  spielte  er 
denn  auch  gleich  schon  im  fünfzehnten  Jahr  mit  Reimen, 
und  machte  unter  andern  ein  Sonett  auf  Italien,  dargestellt 
als  verhüllte  Matrone,  die  über  ihr  Unglück  weint.  Uel>er 
diesen  Versuch  bemerkt  er  selbst:  „In  einem  Colleg, 
unter  gewissen  Priestern,  die  mehr  Chinesen  als  Italiener 
waren,  ohne  zu  wissen,  ob  Italien  rund  oder  viereckig, 
breit  oder  kurz  sei,  weifs  ich  wahrlich  nicht,  wie  mir  in 
den  Kopf  kam  ein  Sonett  auf  Italien  zu  schreiben."  Er 
vcrliels  das  Golleg  ohne  Lateinisch,  Französisch  mid  Ita- 
lienisch viel  anders  als  dem  Namen  nach  zu  keimen,  ob- 
gleich er  im  Lateinischen  einen  Preis,  im  Französischen 
eine  ehrenvolle  Belobiuig  erhalten  halte.  Es  ist  bei  sol- 
cher Erziehungsart  nicht  zu  verwundern,  dafs  so  viele 
Geister  auf  dem  Viertel  des  Wegs  der  Entwickhmg  stehen 

I7:v. 


244  R"il' 

bleiben,  dafs  so  viele  Männer  im  reifen  Alter  trostlos 
über  die  mangelhafte  Ausbildung  vor  den  Werken  andrer 
Nationen  stehen,  wenn  sie  erkennen,  dafs  ihr  angeborner 
Kunstsinn  und  ihr  schönes  Talent  sie  durch  diesen  Man- 
gel nur  auf  die  Hälfte  des  Erreichbaren  und  des  von  der 
Zeit  Geforderten  gebracht  habe,  dafs  sie  immer  von  an- 
dern Nationen  leihen  mi'isseu,  denen  sie  früher  in  der 
Bildung  vorangingen. 

Auf  der  Universität  in  Pisa  schlofs  er  eine  für  das 
ganze  Leben  dauernde  Freundschaft  mit  Montanelli, 
Giorgini,  Frassi  und  andern  spätem  Führern  der  O^ipo- 
sition ,  wovon  sein  Briefwechsel  viele  schöne  Zeugnisse 
gibt.  Das  Studium  der  Jurisprudenz  scheint  aber  seinem 
Geist  nicht  sehr  zugesagt  zu  haben,  denn  sein  Vater  rief 
ihn  nach  drei  Jahren  von  einem  ziemlich  lockern  Leben 
nach  Haus  und  bezahlte  bedeutende  Schulden.  Beim 
zweiten  Aufenthalt  in  Pisa  brachte  die  unglücklich  abge- 
laufene Revolution  in  Modena  und  der  Romagna  und  die 
darauf  folgende  doppelt  furchtbare  Reaktion  eine  grofse 
Umwandlung  in  der  Stimmung  der  jungen  Leute  hervor. 
„Auf  die  sorglose  Fröhlichkeit  folgten  jetzt  die  ernstesten 
Unterhaltungen  über  die  Geschicke  des  Vaterlandes,  an 
die  Stelle  der  fremden  Romane  kam  vaterländische  Ge- 
schichte, die  Gesänge  Berchet's  verdrängten  die  Novellen 
des  Batacchi,  man  studirte  mit  Eifer  Botta's  Geschichte 
von  Italien,  man  dichtete  patriotische  und  kriegerische 
Gesänge. "  Dies  war  der  Anfang  von  Giusti's  Theil- 
nahme  an  den  politischen  und  socialen  Zuständen  seines 
Vaterlandes;  in  die  Zeit  von  1832 — 47  fallen  seine  mei- 
sten Gedichte.  Die  Zeit  der  vollständigsten  Reaktion  und 
des  scheinbaren  politischen  Todtliegens  des  Volks  erlaubte 
nur  Beobachtung,  Sammlung  von  Erfahrungen,  Lehre  und 
Rüge.  Die  Reife  hierzu  erhielt  er  durch  den  Umoang 
mit  den  bedeutendsten  Männern  jener  Zeit  in  Florenz, 
das  nun  abwechselnd  mit  Pescia  sein  bleibender  Aufent- 
halt wurde. 

Giusti  war  ein  politischer  Satiriker  und  der  eigent- 
liche Schöpfer  der  politischen  Satire  in  Italien.  Was 
ihn  aber    aufserordentlich    über  die   Schaar   der    in  jener 


Der  Satirendichter  Giuseppe  Giuöti.  245 

Zeit  so  häufigen  Pamphletisten ,  Verspotter,  Wühler  und 
Unzufriedenen  erhebt,  ist  die  solide  Grundlage  ächter 
Religiosität,  geistiger  und  sittlicher  Freiheit.  Sie  spricht 
sich  in  vielen  Stellen  seiner  Briefe  und  Gedichte  aus, 
und  zeigt  sich  in  seiner  reinen  und  warmen  Menschen- 
liebe. „Der  Glaube  an  Gott",  schreibt  er  an  Capponi, 
„und  der  Glaube  an  den  Menschen  geben  sich  die  Hand, 
und  der  Atheist  (wenn  es,  was  ich  nicht  glaube,  solche 
geben  kann)  ist  nothwendig  der  erste  Feind  des  Men- 
schengeschlechts und  seiner  selbst."  Und  an  Enrico 
Maier :  „  Glaubst  du ,  dafs  der  Sieg  des  Pöbels  ewig  wäh- 
ren wird?  Wenn  du  das  glaubtest,  wärst  du  ein  Atheist, 
und  ich  weifs  ,  dafs  du  alles  andere  eher  bist.  Ich  sage 
dir  gerade  nicht,  dafs  du  durchaus  an  diesen  und  jenen 
glauben  mül'stest,  obgleich  auch  ich  meine  Idole  habe. 
Aber  ich  glaube  an  den  Menschen,  und  um  immer  mehr 
daran  zu  glauben,  suche  ich  ihn  täglich  mehr  von  den 
Engelsflügeln  wie  von  dem  Ziegenfufs  des  Teufels  zu  ent- 
kleiden und  in  seine  eigne  Haut  zu  stecken,  wobei  immer 
noch  etwas  Erträgliches  herauskommt.  Dabei  bedenke, 
dafs  jeder  von  uns  ein  halbes  Dutzend  Ehrenmänner 
kennt,  und  das  genügt."  Dieser  gesunde  Glaube  gab 
ihm  auch  den  bewundernswerthen  moralischen  Muth,  mit 
dem  er  seine  körperlichen  Leiden  standhaft  ertrug,  über 
die  er  sogar  oft  recht  anmuthig  scherzen  konnte.  ,  Er 
steht  hierin  sehr  hoch  über  Leopardi  mit  seiner  Philoso- 
phie der  Verzweiflung.  In  dem  Briefe  an  einen  jungen 
Mann  (Epistolario  1 ,  3i)D.)  gibt  er  goldne  Lehren  der  Zu- 
friedenheit und  geistigen  Erliebung  bei  körperlichen  Ge- 
brechen. Diese  Stinuniing  hielt  ihn  von  dem  nur  zer- 
setzenden und  niederreifsenden  Spott  ab,  in  den  die 
Schriftsteller,  selbst  Geistliche  des  18.  Jahrhunderts  ver- 
fielen. Aber  sie  hielt  ihn  nicht  ab,  sondirn  trieb  ihn 
gerade  vielmehr  an,  die  alles  religiöse  Gefühl  im  \'<>lke 
abstumpfende  Pfaft'enwirthschaft  zu  geiCseln  und  dem 
mönchisch  engherzigen  Papst  Gregor  in  seinem  Gedicht 
//  Papato  di  prefi  Pero  ein  Muster  von  einem  geistlichen 
Überhirten  entueijenzustellen.  In  diesem  Gediclit  wird 
beschrieben,    wie  ein   einfach»  r,    von   allei    llerrschsiuht 


24G  l^"tli 

freiei-  und  wahiliaf't  f'ictuiiuer  Priester  auf  den  Stuhl  Pe- 
tii  erhoben  wird.  Dieser  schatit  die  Sehuldenlast  inid 
die  Kanzlei  ab,  deeiniirt  die  Pf'aften  und  die  Polizeidiener, 
jagt  die  unwissenden  Kardinäle  w^eg,  und  maeht  die  an- 
dern zu  Pfarrern,  läCst  di(^  Gedanken  frei,  den  Index  vom 
Henker  verbrennen,  will  keinen  Engel  und  keinen  Teufel 
in  seiner  ehristliehen  lleerde,  sondern  Menschen.  Alle 
Heuchler  steckt  er  in  ein  katholisches  Ghetto,  die  Un- 
gläubigen unter  die  Invaliden ,  die  Devoten  ins  Narren- 
haus. Er  verbietet  das  sinnlose  Geplapper  und  die  Ge- 
winnsucht. Dies  Alles  sieht  der  Dichter  im  Traum,  im 
Hintergrund  aber  eine  Gruppe  von  Fiu'sten,  die  in  ein 
solches  Treiben  sehr  unmuthig  dreinsehen,  und  unter  sich 
einig  sind,  ein  solcher  Papst  dürfe  nicht  aufkomnen:  ,,dia- 
mogli  l'arsenico."  Nur  ein  engherzin-er  Ultramontane  wie 
Manzoni  konnte  ihm  wegen  diesen  Gedichts  den  Vorwurf 
der  lieligionssjiötterei  machen,  den  er  wahrscheinlich  aus 
Achtung  f  i'ir  den  Dichter  in  seinen  Briefen  (Epistol.  I,  ,'398. 
.'JIM).  415.)  nicht  derber  abgewiesen  hat.  In  dem  schönen 
Gedicht  AI  padre  Bernardo  da  Siena  zeigt  er,  welche 
hohe  Meinung  er  von  einem  ächten  Diener  Gottes  hat. 

Mit  dieser  lieligiosität  und  diesem  festen  Glauben 
verband  sich  in  Giusti  ein  moralischer  Ernst,  feste  un- 
wandelbare Grundsätze  der  Sittlichkeit,  wie  man  sie  in 
diesem  Grad  selten  bei  den  Schriftstellern  findet  und  wie 
sie  viele  Italiener  gar  nicht  in  seinen  Gedichten  suchten 
und  verlangten.  Man  kennt  Giusti  mir  halb,  wenn  man 
nicht  diese  Seite  seines  Charakters  besonders  im  Auge 
behält.  Er  schreibt  dari'iber  an  Kidolti:  „Ich  hoöe,  meine 
Verse  haben  Sie  in  meiner  Seele  gewisse  Gefühle  erken- 
nen lassen,  welche  man  mit  meiner  gewöhnlichen  Schreib- 
weise für  vuiverträglich  hält.  Einige  halten  mich  für 
einen  Skeptiker,  für  einen  Menschen,  der  iiber  Alles 
lacht,  weil  er  nie  über  etwas  weinen  konnte.  Und  doch 
habe  ich  nie  die  Tugend  verlacht,  nie  gewisse  Grundsätze 
der  Ehre,  von  denen  der  edle  Mann  Nahrung  und  Stärke 
nimmt,  zum  Gegenstand  des  Spottes  gemacht.  Der  Ske|i- 
tiker  hält  es  weder  mit  den  Guten  noch  mit  den  Schlech- 
ten; ich  glaube  aber  eine  Partei  festzuhalten,  und  gewifs 


Der  Satircndicliter  Giuseppe  Giusti.  247 

iiiclit  die  schlechteste.  Ich  hofi'te,  clafs  man  die  unter 
den  Augenwimpern  des  Lächehis  verborgene  Thräue  ent- 
deckt hätte,  und  Manche  haben  sie  gesehen.  Ist  es  meine 
Schuld,  dal's  es  nicht  Allen  gegeben  war  sie  zu  finden?" 
Jedes  seiner  Gedichte  hat  eine  moralische  Grundlage, 
und  wenn  er  Fehler  verlacht,  so  blickt  immer  die  ernste 
Entriistung  über  Schlechtigkeiten  und  Gemeinheiten  her- 
vor. Ja  er  hat  sogar  bei  der  Sammlung  seiner  Gedichte 
diejenigen  ganz  iinterdriickt,  welche  durch  den  Mangel 
dieser  Grundlage  in  seinen  Augen  nicht  den  rechten 
Werth  hatten.  In  allen  seinen  Briefen,  in  welchen  er 
über  Menschen  und  Ereignisse  urtheilt,  zeigt  sich  diese 
feste  Richtschnur  der  Moral,  und  er  zieht  daher  am  mei- 
sten gegen  die  politischen  und  kirchlichen  Heuchler, 
Schmeichler  und  Egoisten  zu  Feld.  Seine  gerade  und 
ofiene  Natur  brachte  ihn  nun  freilich  auch  oft  genug  in 
die  Schlingen  der  Heuchler,  wenigstens  so  oft  diese  sei- 
nen Enthusiasmus  fiir  das  Vaterland  benutzten.  Aber, 
wie  er  einmal  auf  die  Rückseite  eines  Briefes  geschrieben 
hat,  obgleich  ihm  die  Erfahrung  zurief  den  Menschen  zu 
mifstrauen,  trieb  ihn  das  Herz  immer  an  sie  aufzusuchen. 

Wenn  wir  nun  seine  politischen  Satiren  betrachten, 
so  müssen  wir  in  kurzen  Umrissen  die  allgemeinen  Zu- 
stände Italiens  darstellen,  auf  die  sie  sich  beziehen. 

Der  Polizeiminister  Ciantelli  in  Florenz  kann  als  der 
vollständigste  Ausdruck  der  Reaktion  gelten.  Mit  der 
Polizei  in  Modena  und  Mailand  eng  verbunden,  war  er 
ein  ergebenes  Werkzeug  des  Sanfedismus,  der  die  Ver- 
einigung des  weltlichen  inid  geistlichen  Despotismus  in  der 
unvernünftigsten  und  drückendsten  Form  war.  Selbst 
das  schlaffe  und  jeder  (jewaltthat  feindliche  Toscana,  das 
selbst  18;>1  gegen  die  Revolution  der  R(»inagna  ganz  kalt 
geblieben  war,  war  dureh  die  verkehrte  K(!gierung,  durch 
polizciliclie  Aiifspürungen,  Untersuchungen,  Verhaftungen, 
Verbanninigen  sclion  IS.'J,'}  so  gut  bearbeitet,  daCs  Maz- 
zini,  der  fiülier  dort  gar  nichts  galt,  jetzt  schon  viele 
Rekruten  unter  seine  Fahnen  erhielt,  dafs  die  geistigen 
Capacitäten  sich  von  der  Regierung  ab-  und  zu  den  Un- 
zufriedenen wandten ,  daCs  schon  die  Ehrgeizigen  sich  eine 


248  R"ti. 

Partei  zum  Umsturz  bilden  konnten,  daCs  sogar  Livorna, 
bisher  die  bestgesinnte  Stadt  und  ganz  in  seinen  Handel 
Tuid  den  GenuCs  seiner  Reiclithünier  versenkt,  nun  der 
eigentliche  Herd  der  niazzinischen  Umtriebe  wurde. 
Wenn  wir  die  elenden  Kegierungen  in  den  italienischen 
Staaten  betrachten,  die  für  sich  allein  ihre  zunehmende 
Schwäche  gegenüber  der  sich  bildenden  öfientlichen  Mei- 
nung fühlten,  aber  im  Vertrauen  auf  Metternich's  Hülfe 
auf  dem  Weg  zur  Revolution  blindlings  hingingen,  ihr 
egoistisches  Sj^stem  fortsetzten,  jeden  Widerspruch  da- 
gegen ärger  als  die  Revolutionäre  verfolgten  und  mit 
Härte  unterdrückten,  einen  gesetzlosen  Willkürzustand 
mit  Gewalt,  und  zwar  mit  fremder  Gewalt,  aufrechthiel- 
ten und  bis  zum  Unerträglichen  steigerten:  so  mufs  unser 
Urtheil  verstummen  über  den  ebenfalls  gesetzlosen  Wider- 
stand, den  dieses  recht-  und  vernunftlose  Verhalten  über- 
müthig  herbeigeführt  hat,  wenn  wir  besonnen  denkende 
Männer  so  weit  gebracht  sehen,  dafs  sie  mit  jedem  Mittel 
zufrieden  sind,  das  sie  aus  dem  elenden  Zustand  befreit, 
dafs  sie  sogar  die  Republik  für  besser  halten  als  den  ge- 
setzlosen Polizeistaat  unter  Metternich's  Befehl  und  Schutz; 
geschweige  denn  wenn  wir  die  Hitzköpfe ,  die  Egoisten, 
Heuchler  und  Ehro-eizigen  den  heimlichen  und  dann  offenen 
Kampf  gegen  ihre  moralischen  Ebenbürtigen  auf  der  reak- 
tionären Seite  führen  sehen. 

Giusti  war  einer  der  redlichsten  und  besonnensten 
Freunde  des  Vaterlandes.  Er  erstrebte  nur  das  Erreich- 
bare und  auf  dem  friedlichen  Wege.  Aber  die  Schmach 
des  fremden  Einflusses,  der  fremden  Herrschaft,  die  die 
kriechende  Dummheit  und  Bosheit  in  die  Höhe  zog,  und 
die  Verzweiflung,  dafs  das  begabteste  und  lebhafteste 
Volk  zum  ewigen  Stillstand  verdammt  sein  solle,  trieb 
seine  wie  vieler  ausgezeichneter  Männer  Wünsche  und 
Hoffnungen  in  die  Bahn  der  extremen  Ungeduldigen.  Er 
fühlte  schmerzlich  die  traurige  Rolle,  zu  der  sein  Vater- 
land zum  Vortheil  einer  fremden  Politik  verdammt  war. 
In  seinem  Gedicht  II  delenda  Cartago  sagt  er  jedem  ita- 
lienischen Minister,  der  durch  seine  geheime  Polizei  doch 
nichts  erfährt,  was  das  italienische  Volk  will,  Menschen- 


Der  Satirtndichter  Giuseppe  Giusti.  249 

rechte,  vernünftige  Regierung,  gute  Gesetze,  aber  alle 
Wünsche  concentrireu  sich  in  dem  Einen:  wir  wollen 
nicht  mehr  Knechte  der  Oesterreicher  sein.  —  Mit  der 
beilsendsten  Lauge  aber  hat  er  in  der  Incoronazione 
die  italienischen  Fiirsten  überschüttet,  dafs  sie  dem  freni» 
den  österreichischen  Herrscher  Ferdinand  bei  seiner  Krö- 
nung in  Mailand  als  ihrem  Herrn  huldigten,  und  beson- 
ders die  Mailänder  Adligen,  dals  sie  diese  Krönung  mit 
so  glänzenden  Festen    feierten. 

Zu  dem  System  der  weltlichen  Reaktion,  verbunden 
mit  der  geistlichen,  gehörte  vor  Allem,  dafs  das  Volk  in 
dem  Kreis  der  nur  materiellen  Bedürfnisse  sorgsam  er- 
halten, vor  allem  Licht  der  Aufklärung,  der  Wissenschaft 
bewahrt  würde.  Giusti  hat  diese  Angst  vor  der  Aufklä- 
rung ganz  vortrefflich  gegeifselt  in  den  Worten ,  die  er 
dem  Herzog  von  Modena  bei  dem  ersten  Gelehrtencon- 
grefs  in  Pisa  in  den  Mund  legt  (Per  il  prinio  Congresso 
dei  Dotti).  Nachdem  dieser  seinen  Zorn  gegen  den  Grofs- 
herzog  ven  Toscana,  der  den  Congrefs  in  sein  Land  ein- 
geladen, ausgeschüttet  hat,  sagt  er:  Wenn  das  Moralische 
derselben  Theorie  folgt  wie  das  Physische  (ich  verwahre 
mich  gegen  alle  Ketzerei),  so  wird  auch  das  Licht  der 
Vernunft  durch  die  Kraft  des  Reflexes  wachsen  und  sich 
vermehren.  Und  da  jedem,  der  regiert,  die  Laterne  des 
Diogenes  feind  ist,  so  habe  ich  beschlossen,  dafs  aus  mei- 
nem glücklichen  Staat,  den  ich  durch  die  Gnade  des 
Höchsten  in  der  Finsternifs  halte,  Jeder  der  nach  dem 
Alphabet  riecht  abgewiesen  werde ,  und  sollen  ihren  Weg 
nur  die  Esel  fortsetzen,  voraus<>;esetzt  dafs  sie  das  Weg- 
geld  bezahlen.  Aber  jener  Grofsherzog  kennt  nicht  das 
Mittel  sein  Volk  dunnn  zu  erhalten,  irgend  ein  Schuft  ist 
sein  Rathgeber  oder  das  Vorwärtsgehen  ist  ein  erbliches 
Familienlaster.  Er  betrachte  mich,  der  ich  das  Handwerk 
verstehe  und  meine  Pflicht  thue  indem  ich  die  Idioten 
vermehre.  Als  Gegengift  gegen  den  Fortschritt  habe  ich 
meinem  Volk  erlaubt  nicht  lesen  zu  können.  In  Unwis- 
senheit erzogen  diene  es  und  bezahle  es;  so  werde  ich 
mit  aller  Requemlichkeit  n-gicren.  —  Noch  beifsender  ist 
die  Satire  auf  einen  künftigen  Gelehrtencongrefs  (Avviso 


250  i^iit,ii 

2jer  Uli  setti'rho  CongresHo)^  wo  ein  Verzeichnifs  aller 
von  der  Besprechung  ausgeschlossenen  AVissenschaftcn, 
worunter  natürlich  die  Statistik,  die  die  Geheimnisse  aus- 
plaudert, die  Physik  und  Chemie,  die  die  Priester  ärgert, 
die  Geologie  obenanstehen,  gegeben  und  dann  die  Preis- 
frage aufgestellt  wird,  ob  im  Fall,  dafs  die  gliickliehe 
Zeit  der  Autodafes  wiederkehrte,  man  nicht  das  wohlfeilere 
Steinkohlenfeuer  anwenden  könnte. 

Das  allertraurigste  und  unzulänglichste  Mittel  die 
Unterthanen  im  Gehorsam  und  die  Throne  sicher  zu  er- 
halten, war  die  Ueberlassung  des  Haupttheils  der  Regie- 
rung an  die  geheime  Polizei.  Dieses  ungliickliche  Institut 
war  ganz  dazu  geeignet  die  allgemeine  Unzufriedenheit 
zum  oflfenen  Hafs  zu  steigern.  Giusti  kannte  die  Machi- 
nationen dieser  Stiitze  des  Despotismus  noch  nicht  ein- 
mal so  genau  wie  tuis  jetzt  der  Blick  in  dieses  infame 
Gewebe  durch  die  Enthüllungen  aus  dem  Jahre  1848  er- 
öffnet ist;  dafs  ihm  aber  dieses  niedrige  Gewerbe  nicht 
unbekannt  war,  beweist  seine  meisterhafte  Istruzio?ie  a 
un''  Emissario  ^  womit  ein  geheimer  Agent  nach  Italien 
geschickt  wird ,  um  sich  die  Hitzköpfe  vertraut  zu  machen 
und  sie  durch  Verführungen  und  Bestechungen  bis  zu 
einer  Revolution  zu  hetzen,  die  nur  bedeutend  genug 
wäre  um  eine  Invasion  zu  rechtfertigen.  In  dem  zu  dra- 
matischer Lebendigkeit  sich  erhebenden  Gedicht  //  Con- 
gresso  dei  Birri  theilt  er  die  Birren,  „diese  Pest  der 
Völker  und  Regierungen",  in  drei  grofse  Klassen  ein,  wie 
die  Abgeordneten  in  einer  Kammer.  Im  Centrum  sitzen 
die  Farblosen,  die  eigentlichen  Maschinen,  die  jedem  Re- 
giment dienen,  das  sie  bezahlt,  keine  Spürhunde  sondern 
Heuschrecken  des  Staats;  zur  Linken  die  wüthcnden 
Handlanger  des  Despotismus,  die  die  Sicherheit  und  das 
Wohl  des  Staats  nur  auf  gewaltsame  Unterdrückung  jedes 
Fortschritts  gründen:  und  zur  Rechten  die  ächten  Birren, 
zu  deren  Vortheil  eigentlich  nur  der  Staat  gegründet  ist, 
die  nicht  für  die  Sicherheit  der  Bürger  sorgen,  sondern 
Volk  und  Fürst  zu  ihrem  Vortheil  beherrschen.  Dieses 
Parlament  von  Birren  hatte  der  Präsident  Aersamnielt. 
Er  sprach    von   den  frühern   glänzenden   Zeiten   und   dem 


Der  Satirendichter  C4iuseppe   Gius^ti.  251 

jetzigen  Verfall  der  Polizei,  und  verlangte  Rath  wie  dem 
abzuhelfen  sei.  Einer  der  Wütlienden  von  der  Linken 
nahm  das  Wort,  er  protestirte  gegen  alle  Concessionen; 
Gesetze,  Reformen,  Gnaden  seien  auf  dem  Thron  eitel 
Narrheiten,  auf  dem  Scharfrichter  beruhe  der  ganze  Staat, 
nur  die  äufserste  Strenge  konnte  ihn  halten,  und  man 
müfste  alle  Liberalen  umbringen. 

Ecco  la  massima 
Spedita  e  vera: 
Galera  e  boia, 
Boia  e  Galera. 

Einer  der  Farblosen  sprach  dagegen:  die  Zeiten  sind 
jetzt  ganz  verändert,  das  Volk  ist  nicht  zu  halten;  lafst 
es  ruhig  gehen,  dann  geht  es  auch  ruhig.  Was  aber  zu- 
letzt kommen  mag,  Monarchie  oder  Republik,  nehmt  im- 
mer das  an,  was  euch  zu  leben  gibt.  Darauf  erhob  sich 
einer  von  den  ächten  Birren  der  Rechten:  die  Plaiiptsache 
ist  nicht,  dem  Staat  oder  Fürsten  zu  dienen,  sondern  für 
uns  selbst  Alles  zu  beherrschen.  Man  mufs  verhindern, 
dafs  Volk  und  Fürst  sich  einigen,  sonst  sind  wir  verloren, 
also  oben  und  unten  Mifstrauen  säen.  Wir  sind  nicht 
für  die  öfi'entliche  Moral  und  zur  Verhütung  der  Ver- 
brechen da,  aber  wenn  der  Staat  gesund  und  in  Harmonie 
ist,  wenn  die  Völker  nicht  in  Aufruhr,  die  Fürsten  nicht 
in  Angst  sind,  dann  können  wir  den  ewigen  Schlaf  schla- 
fen. Einst  waren  wir  Knechte,  und  wurden  nur  gegen 
Räuber  und  Diebe  geschickt,  jetzt  sind  wir  aber  Herren 
der  Minister  und  Fürsten,  und  wollen  es  bleiben.  —  In 
diesem  Augenblick  hörte  der  Redner  den  Jubel  des  Volks, 
das  sich  mit  seinem  Fürsten  geeinigt  hatte,  und  sank  vom 
Schlag  getroflen  zu  Boden. 

Giusti  war  aber  keiner  von  den  neuern  politischen 
Dichtern,  die  sich  nur  in  Bitterkeiten  über  die  Fehler 
der  Regierungen  gefallen  und  mit  wolfeilen  Schmeiehe- 
leien  gegen  das  Volk  sich  einen  berühmten  Namen  machen 
wollen.  Er  wufste,  dafs  despotische  Regierungen  und 
übermütliige  Reaktionsparteien  ihre  Macht  niu'  l)('i  elen- 
den   schwachen    Völkern    mil'sbrauchen   können,    daCs   sie 


252  ii»t»i 

nur  so  weit  gehen  als  ihnen  erlaubt  wird ,  und  wenn  er 
daher  die  mancherlei  Auswiichse  eines  verkehrton  Systems 
mehr  belachte,  so  zeigt  sich  in  den  Gedichten,  in  wel- 
chen er  sich  an  die  Gebrechen  im  Volksleben  und  Volks- 
charakter wendet,  sehr  oft  eine  grofse  Entrüstung  und 
ein  Schmerz,  die  einer  c^ewissen  TIoffnuni>;slosiffkeit  vor 
dem  grol'sen  Werk  der  moralischen  Regeneration  zu  ent- 
springen scheinen.  Hierauf  beziehen  sich  auch  seine  Worte 
in  dem  Gedicht  an  Capponi:  Questo  che  par  sorriso  cd 
e  dolore. 

Er  fand,  was  unter  allen  Nationen  und  zu  allen  Zei- 
ten sehr  zu  beherzigen  ist,  den  Hauptgrund  der  Vcrderb- 
nils  der  Menschen  darin,  daCs  bei  der  Erziehung  nur  der 
Verstand  zum  materiellen  Nutzen  gebildet,  oft  nur  abge- 
richtet wird,  das  Herz  aber  ganz  vernachlässigt,  ohne 
Grundsätze  bleibt,  und  theils  von  den  Begierden,  theils 
von  dem  nach  Vortheil  spekulirenden  Verstand  zu  allen 
Roheiten  und  Gemeinheiten  hingezogen  wird.  Es  ist  die 
aufserordentliche  Bedeutung  Giusti's,  dafs  er  auf  diese 
Flecken  in  der  Geschichte  des  Menschen  mit  allem  Nach- 
druck hingewiesen  hat.  Die  meisten  Handlungen  des 
Eigennutzes,  der  Ungerechtigkeit,  Roheit,  Schamlosigkeit 
kommen  von  dieser  Vernachlässigung  des  Herzens  und 
der  Gefiihle.  Es  ist  nicht  genug  vor  diesem  Versinken 
in  den  Materialismus  zu  warnen,  denn  die  Kraftlosigkeit, 
Verdumpfung  und  Knechtschaft  der  Völker  hat  darin 
ihren  Grund.  Aber  leider  versteht  die  ganze  Erziehung 
der  sogenannten  bessern  Gesellschaft  von  den  Kinder- 
jahren durch  unsere  Schulen  und  durch  die  Universitäten 
nichts  mehr  von  der  wahren  Bildung,  die  in  der  harmo- 
nischen Entwicklung  des  Verstandes  und  Herzens  besteht. 
Wir  sehen  diese  Disharmonie  recht  schroft  an  vielen 
unsrer  Gelehrten,  denen,  wie  Giusti  sagt,  ein  paar  Al- 
phabete mehr  als  andern  Menschen  im  Hirn  hängen  ge- 
blieben sind,  die  aber  bei  jeder  Gelegenheit,  wo  die 
Tugenden  des  Herzens,  wahre  Ehre,  Billigkeit,  Wol- 
wollen  ins  Spiel  kommen,  zeigen,  dafs  sie  sich  nur  mit 
Unrecht  und  nur  vor  einer  einfältigen  Menge  unter  die 
Gebildeten    zählen    können,     und     dafs    sie    ihr    ganzes 


Der  Satirendicliter  Giuseppe  Giusfi.  253 

Leben  nur  Schein  machen.  Diesen  Menschen  von  Namen 
und  Credit  durch  ihren  Verstand  ruft  der  Dichter  zu, 
sie  sollten  vor  Allem  dafür  sorgen,  daf's  sie  beides  nicht 
durch  ihr  Herz  verlieren.  In  diesem  Sinne  schreibt  er 
an  einen  jungen  Mann,  der  sich  zum  Studiren  vorberei- 
tete: „Ein  Anderer  würde  Dir  zuerst  das  Studium  em- 
pfehlen, aber  ich  empfehle  Dir  vor  Allem  die  Herzens- 
güte, imd  bitte  Dich  sie  wie  ein  unschätzbares  Gut  zu 
bewahren.  Die  Gelehrsamkeit  ist  oft  nur  ein  eitles  Ge- 
räth,  das  zum  Gebrauch  des  Lebens  wenig  nutzt  vmd 
womit  man  höchstens  an  Galatagen  Pomp  macht  wie  mit 
Teppichen  und  silbernen  Gefäfsen.  Aber  die  Herzens- 
güte ist  ein  höchst  wesentliches  Werkzeug,  das  wir  immer 
unter  den  Händen  haben  sollten.  Glaube  mir,  ohne  ge- 
lehrte Menschen  könnte  die  Welt  vortrefflich  vorwärts 
gehen,  ohne  gute  Menschen  würde  Alles  zerrüttet." 

Giusti  wufste  wol,  dafs  aus  dieser  elenden  Halb- 
bildung sowohl  die  Kraftlosigkeit,  Kriecherei  und  Träg- 
heit der  Nationen  als  auch  die  ganze  Schaar  der  gemei- 
nen Heuchler  und  Egoisten  hervorgeht,  die  er  die  Pest 
der  menschlichen  Gesellschaft  nennt,  und  gegen  Beides 
zieht  er  hauptsächlich  im  Hinblick  auf  die  politische  Ent- 
wicklung seines  Vaterlands  zu  Felde.  Was  er  wol  zu- 
nächst beklagte,  war  die  Verweichlichung,  Energielosig- 
keit, Charakterschwäche  des  Volks  im  Allgemeinen,  die 
es  nicht  befähigte  seine  Regierungen  auf  die  Bahn  des 
Fortschritts  zu  zwingen,  sondern  nur  immer  über  sie  zu 
klagen,  weil  es  von  ihnen  allen  Anstol's  zur  Thätigkeit, 
alles  Denken,  Einrichten  und  Anordnen  erwartete,  und 
selbst  zu  keiner  Initiative  die  Kraft  hatte.  Dies  hat  er 
in  seinem  Re  Travicello  ausgedriickt,  wo  er  die  Fabel 
von  den  Fröschen  benutzt,  die  einen  König  verlangten 
und  denen  Jupiter  zuerst  einen  Klotz  hinabwarf.  Er  ruft 
seinen  Landsleuten  zu,  mit  einem  solchen  Fürsten  zu- 
frieden zu  sein,  so  lange  sie  selbst  so  verweichlicht  wären: 
Ihr  impotenten  Thiere,  wer  keine  Zähne  hat,  der  kann 
nur  einen  träj^en  Klotz  zum  Könii:;  brauchen.  Hierher 
gehört  seine  vortreÜliehe  Apoloyia  del  Lotto  ^  worin  er 
das  Lottospiel  als  ein  Mittel  preist,  womit  die  Regierungen 


254  lii'tJ' 

das  energielose  Volk  sich  in  niedrer  Thätigkeit  und  klein- 
li(;licn  Leidenschaften  bewegen  und  die  höhern  Interessen 
möglichst  vergessen  lassen  :  „Die  weisen  Gesetzgeber  (Grie- 
chenlands und  Roms  erzogen  mit  harten  Gesetzen  ein 
starkes  Volk,  aber  ein  noch  weiserer  Rath  füttert  jetzt 
den  zehrenden  Sklaven  mit  dem  Kaninchenherzen  die  Ner- 
ven mit  Wolle  aus.  Es  ist  eine  Freude,  dal's  die  ver- 
dorbene Zeit,  die  allen  Glauben  verloren  hat,  doch  noch 
an  das  Lotto  glaubt.  Ein  so  schönes  Spiel  hält  dem 
Evangelium  die  Wage,  und  bringt  die  Hölle  mit  dem 
Himmel  in  Wettstreit.  Denn  wenn  der  Teufel  zerstreut 
ist,  so  erfleht  eine  fromme  Seele  mit  einem  Ave  Maria 
den  Gewinn  im  Lotto.  Tod,  Ungliick,  Strafe  dient  nicht 
mehr  zur  Warnung  oder  Besserung,  sondern  aus  allen 
Vorfällen  werden  in  den  Traumbüchern  die  gewinnenden 
Nummern  gesucht." 

Aus  dieser  Energielosigkeit  erzeugte  sich  zu  Giusti's 
Zeit  l)esonders  bei  der  reichen  Jugend  eine  grämliche  LTn- 
zufriedenheit  mit  dem  Schicksal,  die  sich  in  mfifsigen 
Klagen  über  die  Zustände  in  Italien,  über  Unterdrückung 
des  Geistes,  über  Vereitelung  der  grofsartigsten  Pläne  in 
Prosa  und  Versen  Luft  macht,  während  diese  reichen 
Müfsiggänger  in  sinnlichem  Leben  ihre  letzte  Thatkraft 
verschwenden  und  im  Augenblick  der  wirklichen  That 
nicht  zu  finden  sind.  Diese  Manie  des  wolfeilen  und 
bequemen  Unmuths,  die  mit  der  Verzweiflung  kokettirt, 
hat  Giusti  als  eine  der  traurigsten  Erscheinunoren  der  all- 
gemeinen  Charakterschwäche  erkannt  und  in  dem  Giovi- 
tietto  gebrandniarkt.  Seht  da  den  traurigen  Jüngling,  ruft 
er  aus.  Mit  achtzehn  Jahren  wälzt  er  sich  im  Schmerz 
der  Täuschungen  und  verzieht  unwillig  die  Lippe,  die 
immer  feine  Cigarren  raucht;  weifs  nichts  und  wiegt  sich 
in  einem  anmaisenden  Müfsiggang  ohne  Ruhe.  Impotent 
in  der  Gesellschaft  verdächtiger  Weiber,  macht  er  Reime 
ohne  Saft  und  Kraft.  Krämpfig  matt,  ein  falscher  Freund, 
schreibt  er  Hymnen  und  stottert  den  Namen  Gottes, 
während  das  Licht  des  Glaubens  in  ihm  knistert  wie  ein 
nasser  Docht.  Er  besingt  Italien,  den  Fortschritt,  das 
Volk    und    ist    in   schwelgerische    Nachtessen    und   Bälle 


Der  Satirendicliter  Giuseppe  Gitisti.  255 

versunken,  ein  Märtyrer  in  glacirten  Handschuhen.  Um 
seinen  verstümmelten  Geist  zu  verbergen  klagt  er  über 
die  gestutzten  Flügel  des  Genius,  vergleicht  sich  mit  der 
früh  von  der  Ungunst  getödteten  Blume,  und  hat  nicht 
den  Muth  zu  sagen:  ich  bin  impotent.  Reich  von  Zukunft 
fällt  er  bei  den  ersten  Schritten  hin.  Kraftloser  Ehrgeiz, 
verwirrte  Wünsche,  Fehlgeburten  unmännlicher  Gedanken 
halten  ihn  in  trüber  Anarchie  gefesselt  und  mit  grofsem 
Eifer  sich  ins  Leben  zu  drängen  quält  er  sich  in  dem 
Limbus  todtgeborner  Kinder  ab. 

Dieser  Mangel  an  Thatkraft  verbindet  sich  in  Italien 
gern  mit  dem  bequemen  selbstzufriedenen  Wiegen  in  der 
Erinnerung  an  die  vergangene  Gröfse  und  Weltherrschaft, 
welche  Giusti  in  den  Grilli  energisch  abweist,  indem  er 
die  Nachkommen  der  alten  Helden  daran  erinnert,  dals 
sie  an  der  Halfter  festgebunden  sind,  und  das  souveräne 
Volk  ermahnt  vor  allen  Dingen  Herr  über  sich  selbst 
zu  werden.  Ebenso  kräftig  hält  er  einer  andern  Er- 
scheinung dieser  Verweichlichung,  dem  philosophischen 
Kosmopolitismus,  der  alle  Völker  zu  Einer  grol'sen  ein- 
trächtigen Familie  vereinigen  möchte,  den  Feinden  zu  ver- 
zeihen ermahnt,  Zorn  und  Hafs  für  Sünden  erklärt,  die 
Vaterlandsliebe  entgegen,  die  ein  Volk  seine  Eigenthüm- 
lichkeit  und  seine  Tugenden  entwickeln  und  den  Feind 
aus  dem  Lande  jagen  lehrt,  der  es  aussaugt  und  unter- 
drückt. (Umanitari  und  Rassegnazione.)  In  der  beilsen- 
den Beschreibung  eines  Ballfestes  {il  Ballo)  schildert  er 
den  traurigsten  Auswuchs  dieses  Kosmopolitismus,  die 
Schmeichelei  und  Wegwerfung  gegen  andre  Nationen,  die 
Kriecherei  vor  den  Fremden  mit  ihrem  Hochmuth  und 
ihrer  Roheit.  Er  schämt  sich,  dafs  sein  Vaterland  das 
Stelldichein  aller  Lumpe  von  Europa  ist,  daCs  seine  Lands- 
leute sich  vor  Jedem  erniedrigen,  der  seine  auf  verdäcli- 
tige  Art  gesammelten  Rcichthümer  verschwendet  und  die 
Schande,  die  iim  aus  seinem  Ijand  trieb,  im  Ausland  mit 
seinem  Geld  zudeckt.  Das  Gegenstück  hierzu  ist  in  dem 
Gedicht  La  Vcstizioiie  die;  scharfe  Satii'c  gegen  die  Auf- 
nahuH-  von  gemeinen  Geklbrot/.en  in   den  Stepliansorden, 


256  ruiti. 

welche    ans    dem    niedrigsten    Stand    entsprungen    durch 
Wucher  und  Betrug  reich  geworden  sind. 

Was  aber  Giusti  am  meisten  mit  Bitterkeit  erfüUte, 
was  seine  Iloffinungcu  auf  ein  glückliches  Gedeihen  der 
Pläne  seiner  Freunde  am  meisten  trübte,  was  selbst  seine 
Freunde  bei  der  Erhebung  von  1H4><  mit  bangen  Ahnungen 
niederschlug,  war  der  Egoismus,  den  er  als  zweites 
Grundübel  unter  dem  ganzen  Volk  verbreitet  fand  und  in 
dessen  Gefolge  er  hauptsächlich  die  Lüge  und  Heuchelei 
erblickte.  Auch  in  seinen  Briefen  kommt  er  bei  jeder 
Gelegenheit  auf  die  egoistischen  Heuchler  zu  reden,  die 
für  ihren  Vortheil  Alles  verderben,  die  Menge  bethören, 
alle  Moral  und  alles  Vertrauen  untergraben.  Unsre  Ver- 
einigung, schreibt  er  in  dem  Gedicht  La  Republica^  ist  ein 
babylonischer  Thurmbau,  der  die  Sprachen  verwirrt  und 
die  Völker  aus  einander  treibt.  Jedes  Ländchen  hält 
sich  für  die  Welt,  Jeder  zieht  das  Wasser  nach  seiner 
Mühle.  Eintracht,  Gleichheit,  Brüderlichkeit  sind  schöne 
Redensarten,  aber:  tre  fratelli  tre  castelli,  das  ist  unser 
Italien.  Zwei  Arten  dieses  Erbübels,  die  politischen  und 
socialen  Heuchler  hat  Giusti  meisterhaft  in  den  Satiren 
Brindisi  di  Girella  und  Gingülino  gezeichnet.  Die  erste 
ist  gegen  die  Schurken  gerichtet,  die  mit  Leichtigkeit 
die  Fahne  wechseln,  sobald  es  ihr  Vortheil  verlangt,  die 
Apostaten,  die  mit  den  Republikanern  und  dann  wieder 
mit  den  Monarchen  gehen,  die  mit  jedem  Wechsel  ver- 
rathen  und  unter  jeder  Maske  für  sich  rauben.  Als  der 
Papst  fiel,  war  Herr  Girella  ein  Atheist  vmd  bestahl 
Kirchen  und  Klöster.  Wenn  der  Zopf  oben  war,  errich- 
tete er  als  guter  Christ  Galgen,  ohne  das  Geraubte  her- 
auszugeben. In  der  Kriegszeit  lobte  er  die  Revolution, 
die  Freiheitsbäume,  Robespierre,  Napoleon,  Fra  Diavolo, 
Moskau  und  Marengo.  Dann  in  der  Restaurationszeit 
zündete  er  Freudenfeuer  an,  veränderte  die  Statuen  und 
wufste  sich  durch  doppelte  Kriecherei  ans  Uter  zu  retten. 
Später  war  er  Carbonaro,  dann  lobte  er  die  französische 
Revolution,  den  Muth  in  Modena,  beweinte  Italien  und 
schimpfte  darauf  „Wie  viele  Umstürze  hat  man  gesehen, 
der  Eine  verlor  den  Hals,  der  Andere  den  Staat.   Aber 


Der  Satireudichter  Giuseppe  Giusti.  257 

auf  den  Kopf  fallen  nur  die  Esel,  wir  Kluge  stehen 
immer  aufi-echt  und  verzehren  die  Früchte  des  allgemeinen 
Unglücks." 

Das  zweite  unstreitig  beste  unter  allen  Gedichten 
Giusti's  gibt  uns  die  Lebensbeschreibung  Eines  aus  dem 
grofsen  Haufen  von  Schurken,  denen  für  ihren  Yortheil 
kein  Mittel  zu  schmutzig  ist  und  die  unter  der  Maske 
der  Heuchelei  zu  Ehren  und  Aemtern  gelangen.  Der 
Gingillino  soll,  nach  seinem  eigenen  Anspruch,  mit  all 
ihrer  Schmach  und  Niedrigkeit  diejenigen  malen,  welche 
durch  Koth  und  Schlechtigkeit  zu  Aemtern  aufsteio-en, 
um  nachher  Staat  und  Fürst  zu  bestehlen  imd  zu  ver- 
rathen.  „Wenn  die  Censur  nicht  so  einfältig  wäre, 
schreibt  er  darüber  an  Vannucci,  so  müfste  dieses  Gedicht 
öffentlich  ausgegeben  werden.  Es  könnte  die  Fürsten  be- 
lehren über  den  Unrath  von  Menschen,  den  sie  lun  sich 
sammeln. "  Wir  versuchen  hier  nur  kurz  den  Inhalt  an- 
zudeuten, was  freilich  kaum  eine  Idee  von  diesem  klassi- 
schen Gedicht  geben  kann:  Alle  Laster  der  Jämmerlich- 
keit stehen  an  der  Wiege  des  Gingillino ,  und  geben  ihm 
goldene  Lehren  auf  seinen  Lebensweg:  beuge  dich  unter 
jedes  Joch,  sei  nie  kühn,  fliehe  die  Gefahren  und  Mühen 
des  Ruhms  und  der  Ehre;  die  Dummheit  zu  rechter  Zeit 
gefällt  besser  als  die  bestausgeführte  Pertidie.  P^in  offen 
eingestandener  Fehler  des  ehrlichen  Mannes  ist  immer 
ein  Zeichen  des  Einfältigen;  ahme  den  Schmutzigen  nach, 
der  von  Aufsen  immer  rein  scheint.  Studire  die  Kunst 
zu  heucheln  und  zu  täuschen;  läugne  Gott  und  den  Teu- 
fel, wenn  du  willst,  aber  schmeichle  dem  Priester.  Wirf 
deinen  ganzen  Haufen  Laster  unter  den  Ballast,  aber  öf- 
fentlich zeige  dich  zerknirscht.  Bleibe  immer  im  Realen; 
wer  Lumpen  anhat,  den  halte  nie  für  ehrlich;  beräuchere 
das  Einmaleins,  die  Fabel  der  Vernunft  weiche  immer  der 
wahren  Geschichte  des  Thalers,  und  plage  dich  nie  mit 
Skrupehi.  Zwanzig  Jahre  später  wird  Gingillino  zum 
Doktor  creirt.  Der  Rektor  lobt  in  schwülstiger  Rede 
seine  Gelehrigkeit,  Stille,  Enthaltsamkeit  von  allen  lär- 
menden Vergnügungen ,  dafs  er  nie  etwas  ohne  Erlaub- 
nifs  der  Obern  gethan,   dafs  er   sich  nie  erlaubt  habe  an- 

Jalirb.  f.   roiii.   ii.  engl.   Lit.    IV.    3.  IQ 


258  Ruth 

ders  zu  denken  als  seine  Lehrer,  dafs  er  sich  von  den 
Gottlosen  nie  anstecken  lassen.  Er  ermahnt  ihn  schliel's- 
lich  mit  der  Rechten  den  Altar,  mit  der  Linken  den 
Thron  zu  vertheidigen.  Junge  Studenten  dagegen  ver- 
folgen ihn  bei  der  Rückkehr  von  der  Universität,  und 
singen  Sf>ottlieder  auf  seine  Unwissenheit,  Dieberei,  Krie- 
cherei, ehrlose  Gewinnsucht  und  Heuchelei.  Nvm  folgt 
("ine  geharnischte  Ajjostrophe  an  Florenz  mit  seinen  mat- 
ten Lastern  und  matten  Tugenden,  das  sich  verkauft,  ein 
Grab  einer  glänzenden  Vorzeit,  deren  Monumente  um- 
sonst ein  träges  und  weichliches  Volk  ermahnen.  —  Um 
vorwärts  zu  kommen,  gewinnt  Gingillino  eine  Wittwe  für 
sich,  „früher  die  Köchin  und  die  Speise  eines  Hochge- 
stellten, die  also  die  Welt  kennt  vmd  ein  verdächtiges 
Haus  für  Vornehme  hält.  Sic  weiht  ihn  in  den  Schatz 
ihrer  Erfahrungen  und  in  die  Kunst  zu  steijien  ein :  ver- 
meide  die  Liberalen,  rede  nie  von  Zeitungen  und  Büchern, 
gehe  immer  gebückt,  personificire  in  dir  die  Reverenz. 
Kleide  dich  schlicht  und  nimm  zum  Muster  irgend  'eine 
Excellenz,  denn  das  Kleid  macht  den  Mönch.  Gewöhne 
dir  das  Gesicht  an,  das  sieht  und  nicht  sieht,  das  ja  und 
nein  sagt,  das  glaubt  und  nicht  glaubt.  Kein  Bart,  das 
versteht  sich;  je  mehr  ein  Beamter  das  Aussehen  eines 
Castrirten  hat,  desto  mehr  kommt  er  in  Gunst  bei  seinem 
übern.  Versäume  nie  die  Messe  und  gehe  mit  Geräusch 
in  die  Kirche  und  immer  auf  die  Bank  des  Präsidenten; 
ja  stelle  dich  Schildwache  an  die  Kirchenthür,  und  reiche 
ihm  das  Weihwasser.  Lals  dich  einführen  bei  irgend 
einem  Minister,  unterhalte  ihn  beim  Spiel,  verliere  stand- 
haft; denn  was  er  dir  rupft,  ersetzt  er  dir  wieder  auf  Kosten 
des  Staats.  Sammle  ihm  täglich  Stadtneuigkeiten,  sei  sein 
Krankenwärter;  wenn  er  stirbt,  mache  dich  gleich  davon 
und  zu  einem  andern.  Mit  den  Ministerfrauen  sei  vor- 
sichtig, gegen  die  jungen  zeige  Respekt,  aber  den  Alten 
diene  wie  ein  Sklave,  denn  sie  tragen  den,  der  sie  trägt. 
Mit  dem  Diener  des  Ministers  sei  vertraut.  Fällt  im 
Haus  ein  Skandal  vor,  so  plaudre  nichts  aus,  sondern 
lobe  immer.  Dafür  aber  fordre,  fordre  beharrlich,  und 
lals  dich  nicht  abweisen.  —  Gin<2rillino  befolgte  getreulich 


Der  Satirendichter  Giuseppe  Giusti.  259 

die  Lehren,  und  stieg  in  die  Höhe.  Er  betete  morgens 
und  abends  sein  ganz  besonderes  Credo,  das  den  Inhalt 
seines  verruchten  Lebens  bezeichnet. 

Wir  haben  versucht  Giusti  unsern  Lesern  als  Dichter 
vorzuführen,  und  hoffen  dafs  es  uns  gelungen  ist,  die 
grofse  Bedeutung  desselben  wenigstens  annähernd  aus 
dem  Inhalt  seiner  Gedichte  erkennen  zu  lassen  und  zum 
Lesen  derselben  aufzumuntern.  Diese  Bedeutung  erstreckt 
sich  nicht  allein  auf  Italien,  denn  er  rügt  die  politischen 
und  socialen  Gebrechen,  die  allen  Nationen  ihre  gesunde 
Entwicklung  verderben,  und  thut  dies  bei  aller  Energie 
in  so  allgemeinen  Zügen,  dafs  es  kein  Volk  gibt,  das 
nicht  mit  dieser  Diogenesleuchte  den  wahren  Werth  oder 
Unwerth  seiner  Belehrer,  Redner  und  Leiter  erkennen 
könnte,  die  es  meist  so  einfältiger  Weise  beräuchert. 
Man  kann  mit  Recht  sagen,  dafs  Giusti  auch  für  uns 
Deutsche  gedichtet  hat,  da  unsre  Zustände  leider  mit  den 
italienischen  in  vieler  Hinsicht  grofse  Aehnlichkeit  haben. 
Die  Italiener  haben,  was  bei  ihren  Restaurationen  wohl 
erklärlich  ist,  nur  die  regierungsfeindlichen  Satiren  mit 
besonderm  Eifer  erfafst,  von  den  andern  aber  eio-entlich 
noch  nichts  gelernt.  Sollten  wir  es  nicht  besser  macheu 
und  vor  Allem  unsere  Legion  von  Gingillini  und  Girella 
kennen  lernen  und  sie  zur  Warnung  brandmarken? 

Schliefslich  sei  noch  bemerkt,  dafs  einige  von  Giusti's 
Gedichten,  von  Krafft  und  Heyse  sehr  gut  übersetzt,  in 
den  „Blumen  aus  der  Fremde"  (Stuttgart  1862)  aufge- 
nommen sind. 

E.  Ruth. 


18= 


260  Grein 


Die  historischen  Verhältnisse  des 
Beownlfh'edes.  *) 

Das  älteste  zusammenhängende  Epos,  das  wir  in  deutscher 
Zunge  besitzen,  ist  das  angelsächsische  Bcowulfliod,  dessen 
Abfassungszeit  wol  spätestens  in  den  Anfang  des  8.  Jahrhun- 
derts zu  setzen  ist.  Nach  drei  Seiten  hin  bietet  das  Lied 
reichen  Stoff  für  die  Betrachtung,  je  nachdem  wir  entweder 
die  ihm  zu  Grunde  liegenden  geschichtlichen  Ereignisse  oder 
die  daran  geknüpften  mythischen  Traditionen  oder  endlich  die 
ästhetisch-poetische  Seite  des  Liedes  selbst  ins  Auge  fafsen. 
Ich  beschränke  mich  auf  den  ersten  dieser  drei  Gesichtspunkte, 
dem  man  bisher  am  wenigsten  hat  Gerechtigkeit  widerfahren  las- 
sen, und  beabsichtige  also  die  wichtigsten  historischen  Ver- 
hältnisse des  Beowulfliedes  in  ihrem  Zusammenhange  vorzu- 
führen. 

Wenn  auch  grade  die  Hauptthaten  Beowulfs,  deren  Ver- 
herlicbung  die  Aufgabe  des  Liedes  bildet,  unbestreitbar  rein 
mythischer  Natur  sind,  so  sind  dies  eben  Züge  aus  der  alten 
Göttersage,  welche  die  sagenbildende  Tradition  an  einen  hi- 
storischen Helden  angeknüpft  hat:  denn  dafs  wir  den  Beowulf 
als  einen  solchen  müssen  gelten  lassen,  das  geht  unvei-kenn- 
bar  hervor  aus  allen  Beziehungen,  in  denen  wir  ihn  aufser- 
dem  werden  auftreten  sehen.  Nach  Abzug  dieser  und  sonst 
noch  einer  wenigen  offenbar  mythischen  Anlehnungen  bleibt 
uns  in  unserem  Liede  noch  eine  reiche  Fülle  von  Ueberliefe- 
rungen  aus  der  wirklichen  Geschichte  übrig  und  zwar,  wie 
wir  sehen  werden,  aus  der  Geschichte  einer  Zeit,  die  kaum 
mehr  als  200  Jahre  hinter  der  Abfassungszeit  des  Gedichtes 
selber  liegt.  Einigen  dieser  Punkte  haben  selbst  die  eifrigsten 
Mythenforscher,  bei  denen  sich  sonst  mitunter  nur  zu  leicht 
Alles  in  mythischen  Nebel  zu  verflüchtigen  droht ,  die  rein 
historische  Natur  nicht  abzusprechen  gewagt.  Aber  der  Kreis 
der  geschichtlichen  Ueberlieferungen  ist  in  unserem  Liede  noch 
viel  gröfser,   als  man  gewöhnlich  anzunehmen  geneigt  ist.   Frei- 


1)  Habilitationsvorlesung  gehalten  zu  Marburg    am  20.  Merz 


Die  historischen  Verhältnisse  des  Beowulfliedes.  261 

lieh  sind  die  historischen  Data  abgesehen  von  denen ,  welche 
den  eigentlichen  Rahmen  des  Ganzen  bilden,  sehr  zersplittert 
und  vereinzelt  durch  das  Lied  hin  zerstreut  und  werden  bei 
verschiedenen  Veranlassungen  nur  gelegentlich  erwähnt,  oft 
sogar  nur  kurz  angedeutet:  bald  singt  ein  Sänger  in  der 
Trinkhalle  von  den  Thaten  der  Väter;  bald  werden  Ereignisse, 
die  erst  nach  den  eigentlichen  Scenen  des  Liedes  eintraten, 
als  wahrscheinlich  vorausgesagt;  bald  ist  es  ein  Kleinod  oder 
eine  Waffe,  von  denen  erzählt  wird,  bei  welcher  Gelegenheit 
ein  früherer  Besitzer  sie  getragen;  bald  wird  bei  Erwähnung 
einer  Person  oder  einer  That  ein  damit  in  Beziehung  stehen- 
des früheres  Ereignifs  eingeschaltet;  bald  endlich  wird  auf 
Jemand  übelen  Andenkens  hingedeutet,  um  durch  seinen  Ge- 
gensatz die  ruhmvollen  Thaten  oder  herlichen  Eigenschaften 
eines  Andern  um  so  glänzender  hervorti'eten  zu  lassen.  Ver- 
suchen wir  aber  diese  zerstreuten  Nachrichten  zusammenzu- 
stellen und  chronologisch  zu  ordnen,  so  erhalten  wir  ein  zu- 
sammenhängendes geschichtliches  Bild,  das  über  einen  ziem- 
lich beträchtlichen  Zeitraum  sich  erstreckt;  und  bei  dem  höheren 
Alter  des  Liedes  trage  ich  kein  Bedenken,  demselben  als  Ge- 
schichtsquelle einen  gröfseren  Werth  beizulegen  als  den  spä- 
teren nordischen  Sagen  und  namentlich  als  den  verworrenen 
Berichten  und  oft  willkürlichen  Combinationen  des  gelehrten 
Saxo   Grammaticus. 

Zwei  Völkerschaften  sind  es,  die  vor  allen  in  den  Vorder- 
grund treten,  die  Dänen  und  die  Geäten:  die  übrigen  werden 
nur  erwähnt,  sofern  sie  mit  einem  dieser  beiden  in  Berührung 
kommen. 

Die  Dünen  heifsen  iui  Liede  bald  einfach  Deii(\  Denigea 
leöde  (Dänenleute),  bald  Scedene  (Seedänen),  bald  nach  den 
vier  Himnielsgegendeu  Eäst-,  Vest-,  Süd-  und  Norddene,  ohne 
dafs  damit  eine  Unterscheidung  verschiedener  Dänenstämme 
bezweckt  wäre:  ursprünglich  aber  haben  diese  Namen  gewifs 
auf  einer  entsprechenden  Eintheilung  beruht;  d(M- Name  Seedäneu 
dürfte  vielleicht  die  Inseldänen  bezeichnet  haben  gegenüber 
den  Bewohnern  von  Schonen.,  dem  südlichsten  Theile  der 
scandinavischen  Halbinsel.  Denn  dafs  Schonen  damals  schon 
wie  auch  noch  später  zum  Dänenreiche  g('h<"»rt  habe,  scheint 
aus  zwei  Stellen  des  Liedes  mit  ziemlicher  Sicherheit  liervor- 
zugehen;    von   einem    Dänenkönige    heifsl    es    nämlich    an    der 


262  fi'ein 

einen  Stelle  (v.  1*)):  „er  war  gewaltig,  sein  Glück  delmte 
sich  weit  ans  in  den  Skedelanden'-'' ^  and  an  der  andern  Stelle 
(v.  1686):  ,,er  war  der  beste  der  Könige,  die  in  Skeden-i()ge 
Schätze  austheilten."  Wenn  nun  auch  gleich  der  Dichter  diese 
Namen  hier  für  das  Dänenreich  überhaupt  gebraucht,  so  unter- 
liegt es  doch  keinem  Zweifel ,  dal's  wenigstens  Sceden-ig  wirklich 
der  Name  für  Schonen  ist  und  dafs  dieses  also  mit  zum  Dä- 
nenreiche gehört  haben  muls :  denn  Sceden-u/  ist  wörtlich  das 
ahn.  Skdn-ei/  {Sc6n-eg  in  Aelfreds  Orosius)  und  die  Scandi- 
navia  der  alten  Geographen.  Der  eigentliche  Königssitz  der 
Dänen  aber  war  auf  Seeland.  Aufserdem  werden  sie  von 
ihrer  Waflfenrüstung  noch  Hrivgdene ,  Gdrdene  und  Beorhtdene 
d.  h.  Ring-,  Speer-  und  Glanzdänen ,  und  nach  ihrem  Königs- 
geschlechte  Skildinge  (altn.  Skiöldungar)  genannt.  Zweimal 
kommt  auch  der  Name  Ingvine  (Freunde  des  Ing)  als  Bezeich- 
nung der  Dänen  vor  (v.  1044,  1319)  was  an  die  proximi 
oceano  Tngccvones  des  Tacitus  erinnert  sowie  an  deren  Epo- 
nymus  Ing,  von  dem  es  im  ags.  Runenliede  heifst:  „Tng  ward 
zuerst  bei  den  Ostdünen  gesehen  von  Menschen,  bis  er  später 
wieder  über  die  Wogen  davoneilte. " 

Der  Name  der  Geäten  entspricht  genau  dem  altn.  Gmitar, 
altschwed.  Götar,  und  wir  dürfen  sie  daher  nirgends  anders 
suchen  als  in  dem  Landstriche  Scandinaviens,  der  noch  heute 
den  Namen  Götaland  oder  Götarike  führt,  nicht  aber,  wie 
noch  Grundtvig  annimmt,  auf  der  Insel  Gothland:  denn  deren 
Name  war  Gutaland,  woraus  schwed.  Gotland  und  dänisch 
Gulland  ward.  Am  allerwenigsten  aber  sind  sie  mit  den  Ju- 
ten (Eötan)  zu  vermengen.  Ihren  Königssitz  (v.  1924)  haben 
wir  wol  an  der  Westküste  zu  suchen  in  der  Gegend  vom 
Ausflusse  der  Göta-Elf,  und  wenn  sie  auch  noch  Vederas  und 
Vedergedtas  genannt  werden,  so  erkennen  wir  diesen  Namen 
wieder  in  der  zur  Provinz  Halland  gehörigen  Insel  Väderöe 
oder  Veiröe  (altn.  Vedrey)  nordöstlich  von  Seeland,  sowie 
auch  in  der  weiter  nördlich  gelegenen  und  zu  Vestergötaland 
gehörigen  Inselgruppe    Vüderöarne. 

Nachdem  wir  uns  so  vorläufig  über  die  geographischen 
Verhältnisse  der  beiden  Hauptvölker  im  allgemeinen  orientirt 
haben ,  wenden  wir  uns  nunmehr  zu  deren  Geschichte ,  und 
zwar  zunächst  zu  der  der  Dünen. 

Nach    einem   preisenden   Ausrufe   des   Dichters   über   den 


Die  liistorischen  Veihältuissc  des  Beowulfliedes.  263 

Thatenruhm  der  alten  Dänenkönige  beginnt  das  Lied  mit  einei- 
kurzen  Vorgeschichte  der  dänischen  Dynastie  aus  dem  Ge- 
schlechte der  Skildinge  bis  auf  den  König  Hröögär^  dessen 
Burg  der  Schauplatz  des  ersten  Haupttheils  ist.  Gleich  diesen 
Eingang  hat  man  verdächtigen  und  einem  jüngeren  ungeschick- 
ten Ueberarbeiter  zuschreiben  wollen  i),  der  sich  noch  nicht 
tief  in  das  Gedieht  hineingedacht  habe ,  weil  ja  Beowulf,  des- 
sen Verherlichung  doch  den  Hauptinhalt  des  Liedes  bilde, 
nicht  zum  Volke  der  Dänen,  sondern  zu  dem  der  Geaten  ge- 
höre und  weil  überdies  an  mehr  als  einer  Stelle  ungünstig 
von  den  Dänen  gesprochen  werde.  Allein  dieser  Einwand 
scheint  mir  völlig  nichtig  und  unbegründet:  ihn  kann  nur  er- 
heben, wer  sich  selbst  «och  nicht  gehörig  in  das  Lied  hinein- 
gedacht hat.  Denn  es  tritt  ja  nicht  zuerst  der  Hauptheld  Beo- 
wulf auf  dem  Schauplatze  seiner  Thaten  auf,  sondern  vielmehr 
der  Dänenkönig  Hrö6gär,  indem  erzählt  wird,  wie  dieser  eine 
Hallenburg  erbaute  und  dort  von  der  Grendelplage  heimge- 
sucht ward,  von  der  ihn  dann  erst  der  aus  der  Ferne  kom- 
mende Geatenheld  befreite.  Und  was  ist  da  wol  natürlicher, 
als  dafs  dieser  Dänenkönig  eingeführt  werde  durch  einen  kur- 
zen Ueberblick  über  die  Geschichte  seiner  Ahnen!  Jener  Ein- 
gang bildet  somit  grade  einen  wesentlichen  Bestandtheil  des 
Liedes,  das  ich  überhaupt,  sowie  es  uns  vorliegt,  nur  für  das 
zusammenhängende  Werk  eines  einzigen  Dichters  halten  kann. 
Als  Gründer  der  Skildingdynastie  erscheint  Scyld  Scejhuj 
d.  h.  Skild  der  Sohn  des  Skef  oder  Skeäf.  An  ihn  sehen  wir 
hier  einen  Mythus  angeknüpft,  den  spätere  Chronisten  von 
seinem  Vater  Sceäf  berichten  und  dessen  unverkennbare  Ver- 
wandtschaft mit  der  Schwanrittersage  schon  oft  hervorgehoben 
wurde.  Einsam  auf  einem  steuerlosen  aber  reich  mit  Waffen 
und  Schätzen  beladenen  Schiffe  wird  er  von  den  Wellen  des 
Meeres  als  kleines  Kind  (aber  keineswegs  noch  ungeboreii, 
wie  Simrock  wunderlich  genug  erklärt)  an  die  Küste  der  Dä- 
nen getrieben,  die  damals  gerade  sich  in  grofser  Bodrängnifs 
befanden'^),  iiin  daher  als  einen  (iottgesandten  aufnahmen  und 
später   zu    ihrem    Könige    erhüben.      Und    als    er    nach    einer 


')  So  Ettniiiller  und  Simrock. 

'•')  V.  15:  pät  hi  a-r  dnigon  aliior .  .asc  MS.  Das  letzte  Wort  war  scLoii 
zu  Thorkelins  Zeiten  nicht  mehr  vollständig  zu  lesen,  dürfte  aber  wol 
ahlorceare  gewesen  sein  (vgl.   v.  906)-,  aldorlcdsc  ii<t  Rasks  Conjcctiu'. 


264  Orein 

langen  segensreichen  Regierung,  während  der  er  manche  der 
umwohnenden  Völker  unterjochte  und  die  Dänenherrschaft 
weithin  befestigte,  gestorben  war,  da  legten  die  Seinen,  wie 
er  es  selbst  zuvor  angeordnet  hatte,  seinen  Leichnam  auf  ein 
mit  reichen  Waffen  und  Schätzen  beladenes  Schiff  und  über- 
gaben ihn  so  einsam  wieder,  wie  er  gekommen  war,  den 
Wellen  des  Meeres:  Niemand  weifs  zu  sagen,  in  wessen  Ge- 
walt diese   Schiffsladung  kam! 

Versuchen  wir  diese  Erzählung  ihres  unbezweifelt  mythi- 
schen Gehaltes  zu  entkleiden,  so  läfst  sie  uns  unschwer  ahnen, 
welche  historischen  Verhältnisse  ihr  zu  Grunde  liegen  mögen. 
Zu  den  unter  dem  Drucke  grofser  Bedrängnifs  seufzenden  Dä- 
nen kommt  aus  der  Ferne  Skild  als  Helfer  in  der  Noth  und 
zum  Dank  für  die  gebrachte  Rettung  erheben  sie  ihn  auf  ihren 
erledigten  Königsthron.  Und  wenn  nach  dem  Vidsiüliede  Scedfa 
über  die  Longobarden  herrschte,  während  unser  Lied  selbst 
den  Skild  einen  Skefing  nennt,  so  dürfte  wol  die  Annahme 
nicht  allzu  gewagt  erscheinen,  dafs  unser  Skild  ein  auf  Aben- 
teuer ausziehender  jüngerer  Sohn  eben  jenes  Longobarden- 
königs  gewesen  sei :  gerade  der  Name  des  Vaters  mag  mit 
Veranlassung  gegeben  haben  zur  Anknüpfung  der  Sage  von 
einem  mythischen  Skedf.  Aber  auch  über  die  Art  der  Hülfe, 
welche  Skild  bei  seiner  ersten  Ankunft  den  Dänen  leistete, 
scheint  uns  unser  Lied  nicht  im  Zweifel  zu  lassen.  An  zwei 
Stellen  nemlich  (y.  901—13  und  1709  —  22)  wird  ein  älterer 
Dänenkönig  Heremöd  übelen  Andenkens  erwähnt,  der  nicht 
zur  Dynastie  der  Skildinge  gehörte,  mithin  derselben  voraus- 
gegangen sein  mufs.  Durch  seine  unerhörte  Grausamkeit,  mit 
welcher  er  die  Seinen  tyrannisirte ,  machte  er  sich  ihnen  so 
verhafst,  dafs  sie  zuletzt  des  Druckes  müde  sein  Joch  ab- 
schüttelten und  ihn  vertrieben. ')  Dieser  Heremöd  nun  scheint 
der  unmittelbare  Vorgänger  des  Skild  auf  dem  Dänenthrone 
gewesen  zu  sein  und  bei  seiner  Vertreibung  dürfte  eben  Skild 
den  Dänen  wesentliche  Hülfe  geleistet  haben.  Denn  wenn 
Stammtafeln  der  altn.  Sverris  Saga  (Fornm.  VIH,  2)  und  in 
der    Sachsenchronik    (a.    855)    den    Skild    (Skialdi,    Sceldva) 


')  V.  901  wird  er  keineswegs,  wie  man  gewöhnlich  ivnnimmt,  aber 
nicht  weiter  erklären  zu  können  bekennt,  in  Verbindung  mit  Sigemund, 
sondern  vielmehr  nur  im  Gegensatz  zu  dessen  Ruhme  vom  Dichter  ein- 
geführt (s.   unten   liei  der    Episode   von   Offa  iintl   seiner  Gemahlin). 


Die  historischen  Verhältnisse  des   Beowulfliedes.  265 

zum  Sohne  des  Heremud  machen,  so  kann  dies  leicht  ein  Irr- 
tum sein,  welcher  dadurch  veranlafst  wurde,  dafs  Skild  dem 
Hereniöd  unmittelbar  in  der  Regierung  nachfolgte.  Der  Grün- 
der der  älteren  mit  Heremod  erlöschenden  Dynastie  aber  dürfte 
Ecgvela  gewesen  sein,  da  v.  1709  die  Dänen  eoforan  Ecgve- 
tan  (Nachkommen  des  Ecgvela)  genannt  werden. 

Nach  dem  Tode  des  Skild  bestieg  sein  Sohn  Beowulf  den 
Dänenthron,  ebenso  wie  in  jener  Stammtafel  der  Sverris  Saga 
Biarr  als  Sohn  des  Skialdi  und  in  der  der  Sachsenchronik 
Beäv  als  Sohn  des  Sceldva  erscheint.  Nicht  zu  verwechseln 
ist  dieser  Skilding  Beowulf  mit  dem  gleichnamigen  Geaten,  dem 
Helden  des  Liedes. 

Auf  Beowulf  folgte-  sein  Sohn  Healfdene.  Dieser  hatte 
drei  Söhne  Heorogär  oder  Heregär,  Hruögär  und  Halga^  so- 
wie eine  Tochter ,  die  an  einen  Headoskijlfing  d.  h.  an  einen 
Helden  aus  dem  schwedischen  Geschlechte  der  Skylfinge  ver- 
mählt war:  doch  über  diese  Königstochter  bleiben  wir  ziem- 
lich im  Dunkel;  denn  wenn  es  im  Texte  von  ihr  blofs  heifst 
hyrde  ic,  pät  Elan  cven  Heaöoscyljlnges  healsgebedda,  so  zeigt 
das  Fehlen  der  Alliteration  und  des  Verbums ,  dafs  durch  die 
Schuld  des  Schreibers  ein  Halbvers  ausgefallen  sein  niufs,  und 
wir  können  nicht  einmal  mit  voller  Sicherheit  bestimmen,  ob 
wir  Elan  cven  als  Königin  Elan  oder  als  königliche  Gemah- 
lin eines  Ela  nehmen  sollen;  jedenfalls  aber  fehlt  ein  Name, 
entweder  der  der  Königin  oder  der  ihres  Gemahls.  Wahr- 
scheinlicher dünkt  mir  das  letztere ,  und  wenn  wir  die  im 
Beowulfliede  auftretenden  Glieder  des  Skylfinggeschlechtes  so- 
wie deren  Zusammenstellung  mit  den  übrigen  Ereignissen  be- 
rücksichtigen ,  so  begegnen  wir  als  ungefährem  Zeit-  und 
Altersgenossen  der  Kinder  Healfdenes  dem  Schwedenkönig 
Ovgcntheov.  *)  Wir  könnten  daher  das  Fehlende  etwa  so  er- 
gänzen: hijrde  ic  ^  Jjüt  Elan  cven  [Ongenpeöves  rüs]  Ileaöo- 
scylfinges  healsgebedda  „ich  hörte,  dafs  Königin  Elan  des  Kampf- 
skylfings  Ongentheov  Bettgenossin  war."  In  der  nordischen 
Ilrolfs  Kraka  Saga  heifst  zwar  Signy  die  Tochter  des  Ilalf- 
dan,    Schwester    des    Hroar    und  Helgi ,     und    sie    war    an   den 


')  Auch    (Jrundtvig    liält    den    Ongentheov    l'iir    den  Schwiegersohn 
dos  Healfdene,  nimmt  aber   ohne  Noth    eine  viel  zu   grol'sc   Lücke   an, 

wenn  er    sehreibt   hijrde  iv  päl  [ühthercs  moihr    and    <h)]cl<tii 

f( >n<je>ipc('ivesj  cven  Hcadosci/lfingcf  hcalsi/ebedda. 


266  Grein 

'Jarl  Saivil  vermählt:  aber  bei  den  vielen  sonstigen  Abweichungen 
der  nordischen  von  den  angelsächsischen  Ueberlieferungen  ist 
darauf  kein  besonderes  Gewicht  zu  legen. 

Der  älteste  Sohn  Ileoroydr^  der  zunächst  seinem  Vater 
Healfdene  in  der  Regierung  folgte,  scheint  diese  nicht  gar 
lange  geführt  zu  haben  und  sein  Sohn  Heoroveard  scheint  gar 
nicht  zur  Regierung  gekommen,  sondern  frühzeitig  gestorben 
zu  sein.  Denn  auf  den  Heorogär  folgte  unmittelbar  dessen 
zweiter  Bruder  Hröögdr:  dieser  aber  hatte,  wo  er  im  Liede 
zuerst  auftritt,  bereits  50  Jahre  (100  Halbjahre)  regiert  und 
erzählt  selbst,  er  sei  noch  jung  gewesen,  als  er  beim  Tode 
seines  Bruders  zur  Regierung  kam.  Daher  mag  es  denn  auch 
gekommen  sein,  dafs  die  nordischen  Sagen  den  Heorogär  gar 
nicht  kennen ,  sondern  nur  die  beiden  Brüder  Hrougar  und 
Halga    oder,  wie  sie  dort  heifsen ,  Hroar  und  Helgi. 

In  den  späteren  Jahren  seiner  Regierung  erbaute  Hröö- 
(jär  in  der  Nähe  der  Meeresküste  und  eines  unheimlichen  Land- 
sees eine  Trinkhalle  oder  eine  Burg,  die  er  von  ihren  Zinnen 
Heorot  zu  deutsch  Hirsch  nannte.  Diese  Burg  ist  schwerlich 
mit  Roeskilde  zusammenzustellen,  welches  nach  Saxo  Gram- 
maticus  HröCigär  gleich  in  den  ersten  Jahren  seiner  Regierung 
erbaute ,  sondern  wir  haben  sie  wol  eher  in  dem  heutigen 
Hjortholm  oder  Hirschholm  auf  Seeland  in  der  Nähe  des  Sia?l- 
sees  zu  suchen ,  südlich  von  Helsingör  der  Insel  Hveen  gegen- 
über. —  Königliche  Gabenspenden  und  festliche  Trinkgelage 
wechselten  nun  ab  in  der  neuen  Burg  und  lautschallender  Ju- 
bel der  Helden  erfüllte  weithin  die  Gegend.  Das  ärgerte  den 
Riesen  Grendel^  der  mit  seiner  Mutter  auf  dem  Grunde  des 
benachbarten  Sees  hauste.  Eine  Zeit  lang  sah  er  noch  das 
ihm  ungewohnte  Treiben  der  Menschen  ruhig  mit  an;  doch 
nur  zu  bald  war  seine  Geduld  zu  Ende:  im  Dunkel  der  Mit- 
ternacht, während  die  sorglosen  Helden  im  tiefen  Schlafe  lie- 
gen, bricht  er  ein  in  die  Halle,  frifst  15  der  Mannen  und 
schleppt  noch  15  andere  in  seinem  riesigen  Handschuh  mit 
von  dannen  in  seine  unterseeische  Wohnung.  Allnächtlich 
wiederholt  er  nun  seine  feindlichen  Besuche,  und  wiewohl  die 
Dänen  anfangs  mehr  denn  einmal  versuchten  ihm  mit  bewaffne- 
ter Hand  zu  widerstehen,  so  sahen  sie  doch  bald,  dafs  sie 
nichts  vermochten  gegen  den  riesigen  Unhold,  den  kein  Eisen 
verwundete,  und  es  wagte  fortaji  Niemand  nach  Untergang  der 
Sonne  in  der  Büro  zu  bleiben.  Zwölf  lange  Jahre  stund  so  in 


Die  historischen  Verhältnisse  des  Beowulfliedes.  2(37 

den  Nächten  der  Häuser  bestes  eitel  und  unnutz,  nur  am  hellen 
Tage  bewohnbar.  Da  vernahm  in  der  Ferne  am  Hofe  des 
Geatenkönigs  Hijgeläc  der  jugendliche  Beoiculf  von  Seefahrern 
diese  Kunde  und  selbfunfzehnter  machte  er  sich  auf,  den  greisen 
Dänenkönig  von  der  Plage  zu  befreien.  In  der  ersten  Nacht 
bleibt  er  mit  den  Seinen  in  der  Halle,  kämpft  ohne  Waffen 
blofs  auf  die  gewaltige  Kraft  seiner  Arme  vertrauend  siegreich 
mit  Grendel  und  reifst  diesem,  der  nur  durch  die  Flucht  dem 
unmittelbaren  Tode  entgeht,  den  Arm  von  der  Achsel.  In 
der  folgenden  Nacht  wird  den  Geaten  eine  andere  Ruhestätte 
angewiesen  und  die  Dänen ,  welche  alle  Gefahr  vorüber  wäh- 
nen, bleiben  nun  selbst  wieder  in  der  Halle.  Doch  um  Mit- 
ternacht kommt  GrendeFs  Mutter,  ihren  Sohn  zu  rächen,  reifst 
Hrot^gärs  geheimen  Rath  i)  Äschere  vom  Lager  und  eilt  mit 
ihm  von  dannen.  Am  Morgen  reiten  alle,  Beowulf  in  ihrer 
Mitte,  hin  zum  Grendelsee  und  der  Geatenheld  stürzt  sich  in 
die  Fluten,  kämpft  dort  mit  dem  Riesenweibe  in  ihrer  eigenen 
Wohnung  und  erschlägt  sie  zuletzt  mit  einem  alten  Riesen- 
schwerte ,  das  er  an  der  Wand  hängen  sieht  und  mit  welchem 
er  dann  auch  noch  dem  auf  dem  Lager  liegenden  Grendel  das 
Haupt  abschlägt.  Noch  eine  Nacht  weilt  er  nun  in  Heorot 
und  kehrt  am  nächsten  Tage  reichbeschenkt  in  die  Heimath 
zurück. 

Diese  ganze  Grendelgeschichte,  die  hier  nur  kurz  ange- 
deutet werden  konnte,  hat  mit  den  geschichtlichen  Ereignissen 
natürlich  nichts  zu  schaffen :  sie  ist  ein  alter  Mythus ,  welchen 
erst  die  sagenbildende  Tradition  an  die  Burg  Heorot  und  den 
Geatenhelden  Beowulf  anknüpfte.  Fragen  wir  uns  aber,  wel- 
ches geschichtliche  Factum  eine  solche  Anlehnung  veranlafst 
haben  mag,  so  werden  wir  wol  nicht  fehl  gehen,  wenn  wir 
annehmen,  dafs  es  wiederholte  nächtliche  Ueberfälle  von 
Seeräubern  waren,  welche  die  Dänen  in  Heorot  beunruhigten 
und  denen  der  Geate  Beowulf  ein  Ende  machte. 

König  Hrö^gurs  Gemahlin  war  Vealh])eöv  aus  dem  Ge- 
schlechte der  Helm'mrje:  die  Helminge  aber  sind  identisch  mit 
den  Vylfingen  (altn.  Ylfingar),  da  nach  dem  Vidsi()liede  Helm 
über  die  Vylfmge  herrschte.  Von  dieser  Gemahlin  hatte  er 
zwei  Sühne  Ilreörtc  und  Ilröömund^  und  aufsor  diesen  noch 
eine  Tochter   Fredrare,    die  an   fiii/eld  den   jungen  König  der 

')  runrilan  and  rwdbvran. 

0 


268  f-rcin 

Heaöobearden  vermählt  ward :  diese  Heaöobearden  d.  h.  die 
ki-iegerischen  Barden,  sind  aber  keine  andern  als  die  Longo- 
barden,  die  Bewohner  des  alten  Bardengaues  im  Lüneburgi- 
schen in  der  Gegend  von  Bardewik.  Ingeld's  Vater  Froda  war 
in  einem  Kampfe  mit  den  Dänen  gefallen  und  Ilröögär  hoffte 
durch  jene  Heirath  mit  dem  Sohne  die  Fehde  beizulegen :  doch 
diese  Hoffnung  täuschte  ihn.  Unter  dem  Hofgesinde  der  jun- 
gen Königin,  das  ihr  aus  der  Heimat  folgte,  war  auch  einer, 
an  dessen  Seite  die  Heaöobearden  das  Schwert  blinken  sahen, 
welches  ihr  König  Froda  in  seinem  letzten  Kampfe  mit  den 
Dänen  getragen.  Wenn  nun  auch  Ingeld  selbst  in  der  Liebe 
zu  seiner  jungen  Gemahlin  alle  Rachegedanken  vergessen 
mochte,  so  war  dies  doch  keineswegs  bei  seinen  Getreuen  der 
Fall.  Namentlich  war  es  ein  alter  Krieger,  der  ihn  unab- 
lässig an  die  Blutrache  mahnte:  „Kannst  du  das  Schwert  er- 
kennen, das  dein  Vater  zum  Gefechte  trug  zum  letztenmale, 
da  ihn  die  Dänen  erschlugen?  Nun  geht  hier  der  Sohn  von 
einem  der  Mörder  umher,  der  sich  mit  dem  Morde  brüstet 
und  der  den  Kampfschmuck  trägt,  den  du  nach  Recht  besitzen 
solltest!"  Mit  solchen  Worten  reizt  der  Alte  immer  und  im- 
mer wieder  seinen  jungen  König,  bis  in  diesem  endlich  die 
Frauenliebe  kühler  wird  und  Rachegedanken  weichen  mufs: 
die  Eide  werden  gebrochen  uud  alle  Dänen  an  Ingeld's  Hofe 
(wie  es  scheint)  werden  erschlagen ,  unter  diesen  vielleichl 
seine  eigne  Gemahlin.  Er  aber  zieht,  wie  wir  aus  dem  Vid- 
siöliede  lernen,  mit  einem  Heere  vor  i/eoro^,  um  seines  Vaters 
Tod  an  Hroögdr  selbst  zu  rächen.  Doch  dieser  mit  seinem 
Neffen  Hroöridf  oder  ITroduIf  schlägt  die  Heaöobearden,  und 
zwar  wie  es  scheint  bis  zur  völligen  Vernichtung  ihres  Heeres. 
Diese  Erzählung  ist  offenbar  identisch  mit  der  Sage  von  In- 
gellus  Frotho's  Sohn  und  seinem  Erzieher  Starcatltei .,  welche 
Saxo  Grammaticus  berichtet  und  nur  durch  Misverstäudnifs 
unter  falschen  Beziehungen  in  seinen  Geschichtsrahmen  einge- 
reiht hat. 

Am  Hofe  Hioögärs  treffen  wir  seinen  soeben  erwähnten 
Brudersohn  i)  Hrodulf,  den  Hrolfi'  Kraki  der  nordischen  Sage, 
die  ihn  als  des  Helgi  Sohn  bezeichnet:  dieser  Helgi  aber  ist, 
wie  wir  bereits  sahen,  der  Ilalga  unseres  Liedes,  Hroögars 
Bruder,   wiewohl  das  Lied  aufserdem  von  ihm  nichts  berichtet. 

')    ccvrü/i  suhtoiycfäderan. 


Die  liistüiischen  Verhältnisse  des  Beowiielfieds.  2G9 

Hrddulf  war  als  kleines  Kind,  wahrscheinlich  nach  dem  Tode 
seines  Vaters,  von  seinem  Oheim  Hro^gär  aufgenommen  und 
erzogen  worden  (v.  1181  —  87)  und  so  lebte  er  fortan  an  des- 
sen Hofe.  Sonst  aber  lassen  uns  über  ihn  sowie  über  die 
ganze  spätere  Dänengeschichte  die  angelsächsischen  Ueberlie- 
ferungen  fast  völlig  im  Dunkel.  Wenn  es  jedoch  in  unserem 
Liede  (v.  1164  —  65)  bei  der  Anwesenheit  Beowulfs  in  Heo- 
rot  von  Hröögdr  und  Hrddulf  ausdrücklich  heifst,  dafs  da- 
mals ihre  Freundschaft  noch  ungebrochen  und  jeder  dem  an- 
dern treu  war,  so  müssen  wir  hieraus  schliefsen,  dafs  später 
sich  dies  Verhältnifs  geändert  und  einer  von  beiden  die  Treue 
gebrochen  habe:  wahrscheinlich  stürzte  Hroöulf  seinen  greisen 
Oheim  vom  Throne  oder-  er  vertrieb  erst  nach  Hröögärs  Tode 
dessen  Söhne  HreÖrIc  und  Hröömimd ^  sich  selbst  des  Thrones 
bemächtigend. 

Ehe  wir  jedoch  die  Geschichte  der  Dänen  verlassen  und 
zu  den  Geäten  übergehen,  bleibt  uns  noch  eine  Episode  in  der 
Dänengeschichte  aus  den  Zeiten  des  Königs  HeaJfdene  zu  be- 
trachten übrig  (v.  1063 — 1159),  die  Erzählung  von  den 
Kämpfen 'des  Hnäf  und  Hengest  mit  dem  Friesenkönige  Fiim.^) 
Es  gehört  diese  Erzählung  mit  zu  den  dunkelsten  und  schwie- 
rigsten Theilen  des  ganzen  Beowulfliedes,  da  uns  der  Dichter 
nicht  das  ganze  Ereignifs  in  seinem  vollen  Zusammenhange 
mittheilt.  Zum  Glück  hilft  uns  zwar  das  unter  dem  Namen 
,,  Ueberfall  in  Finnsburg'-'  bekannte  Fragment  eines  beson- 
deren ags.  Gedichtes  hier  eine  wesentliche  Lücke  ausfüllen, 
reicht  aber  gleichwol  nicht  aus  den  vollen  Zusammenhang  her- 
zustellen ,  da  es  leider  zu  früh  abbricht.  Indem  ich  beide  Ei-- 
zählungen  mit  einander  combinire,  denke  ich  mir  nach  sorg- 
fältiger Prüfung  aller  Einzelheiten  die  Sache  in  folgender 
Weise. 

Nach  dem  Vidsiöliede  herrschte  Finn^  des  Folcvalda 
Sohn,  über  die  Friesev ,  während  im    Reowulf liede    seine    Un- 


')  V.  1063  steht /ore  in  der  Bedeutung  von  de  (wie  Pa.  34:  pe  ic 
w.r  fore  sägde  de  quo  antca  dixi)  und  Heal/dencs  hildevisan  geht  auf 
Hnäf.  —  in  Fresväle  v.  1070  ist  unsicher,  da  nach  Grundtvigs  Text 
MS.  in  Fr.. es  rwAe  zu  stellen  scheint.  Wenn  derselbe  aber  das  Frag- 
ment vom  Ueberfall  in  Finnsburg  nach  v.  IIOG  einfügt,  so  kann  ich 
ihm  nicht  beistimmen,  son<lern  setze  die  Ereignisse  des  Fragments  vor 
V.    10G8. 


270  Grein 

terthanen  bald  Friesen  bald  Enten  heifsen;  letzteres  sind  ohne 
Zweifel  die  Jtiti,  die  Bcwoliiior  Jülhinds,  und  unter  den  Frie- 
sen haben  wir  uns  hier  die  benachbarten  Nordfriesen  zu  den- 
ken: über  beide  herrschte  also  Finn.  In  Jütland^)  hatte  er 
eine  Burg,  Finnsbiirg  genannt,  und  hier  weilte  bei  ihm  als 
Gast  Hnüf  aus  dem  Geschlechte  der  Hokinge,  ein  Dienstraann 
des  Dänenkönigs  Healfdene,  mit  60  Mannen  und  unter  diesen 
namentlich  Mengest^  der  auf  keinen  Fall,  wie  uns  Grundtvig 
mit  aller  Macht  einreden  will,  ein  Friesenhäuptling  war,  und 
ebensowenig  dürfen  wir  ihn  mit  dem  freilich  ungefähr  gleich- 
zeitigen Angelfürsten  Hengest  verw^echseln,  der  mit  seinem  Bruder 
Horsa  nach  England  übersiedelte,  da  unser  Hengest,  wie  wir 
sehen  werden,  in  einem  Kampfe  mit  Finn  erschlagen  ward. 

Treulos  wurden  die  Gäste,  die  sich  keiner  Arglist  ver- 
sahen, im  Dunkel  der  Nacht  von  den  Mannen  Finns  über- 
fallen und  es  entspann  sich  ein  heftiger  Kampf.  Fünf  Tage 
lang  vertheidigten  sich  heldenmüthig  die  Dänen  im  Innern  der 
Burg,  ohne  dafs  auch  nur  einer  von  ihnen  fiel,  während  die 
Angreifenden  bis  auf  wenige  erschlagen  wurden.  Am  Ende 
des  fünften  Tages  fiel  Ilnäf^  und  Hengest  übernahm  nun  an 
seiner  Stelle  die  Führung  der  Dänenschaar.  Doch  Finn,  der 
sich  fast  aller  seiner  Mannen  beraubt  sah,  konnte  den  Kampf 
gegen  Hengest  nicht  länger  fortsetzen  und  bot  daher  die  Hand 
zum  Vergleiche.  Er  versprach,  dafs  er  eine  andere  Wohnung 
mit  Halle  und  Hochsitz  den  Dänen  einräumen  und  sie  bei 
den  Gabenspenden  völlig  seinen  eignen  Leuten,  den  Eoten 
und  den  Friesen,  gleich  halten  wollte.  Die  Versöhnung  ward 
auf  beiden  Seiten  mit  Eiden  beschworen  und  Sühngold  von 
Finn  gegeben.  Am  Morgen  aber  ward  ein  Scheiterhaufen  er- 
richtet für  Hnijf  und  alle  Gefallenen,  auf  den  die  jammernde 
Hildeburg ^  die  im  Kampfe  ihre  Söhne  und  Brüder  verloren 
hatte,  auch  ihre  eignen  Söhne  legen  liefs,  und  hoch  loderten 
die  Flammen  zum  Himmel  empor.  Diese  Hildeburg ,  Huke.s 
Tochter,  scheint  die  Schwester  des  Hökings  Hnäf  und  die 
Gemahlin  des  Fimi  gewesen  zu  sein,  so  sehr  sich  auch  Grundt- 
vig gegen  diese  letztere  Annahme  sträubt.  Nun  begeben  sich 
Alle,  die  der  Kampf  noch  übrig  gelassen,  zusammen  nach 
Friesland,  dem  eigentlichen  Wohnsitze  des  Finn,  und  hier 
bleibt  Hengest  den  Winter  über  ,  durch  Eis  und  Avinterliche  Stürme 


')  Dies  scliliefse  ich  aus  v.   1125 — 27. 


Die  historischen  Verhältnisse  des  Beowulfliedes.  271 

an  der  Heimfahrt  verhindert.  „Doch  im  Frühjahr  strebte  der 
Gast  von  dannen,  mehr  an  Rache  als  an  die  Seefahrt  den- 
kend, ob  er  feindliche  Begegnung  wider  die  Eotensöhne  voll- 
bringen möchte.  So  entging  er  nicht  dem  Weltschicksal  (voruld- 
rsedenne) ,  als  Hiinldfmg  ihm  die  Kampfesflamme,  der  Schwer- 
ter bestes,  in  den  Busen  senkte  (on  bearm  dyde):  des  waren 
wolbekannt  bei  den  Boten  die  Schneiden  der  Schwerter!" 
Das  kann  doch  nichts  anders  heifsen,  als  dafs  er  von  der 
Hand  des  Hünläfing  fiel,  und  wir  können  unmöglich  in  Hün- 
läfing  den  Namen  eines  Schwertes  sehen,  das  ihm  geschenkt 
worden  sei.  Dunkel  bleibt  dabei  nur,  ob  Hengest  erst  wirk- 
lich die  Heimfahrt  vollbrachte  und  dann  mit  neuer  Hülfe  zu- 
rückkehrte, oder  ob  er  noch  vor  der  Abfahrt  den  unglückli- 
chen Racheversuch  wagte,  der  ihm  das  Leben  kostete,  sodafs 
dann  erst  nach  seinem  Falle  seine  Gefährten  Güöhif  und  Os- 
hif  aus  der  Heimat  Hülfe  holten:  eher  scheint  jedoch  das  letz- 
tere der  Fall  gewesen  zu  sein.  Güölcif  und  Osldf  rächten  nach 
der  Seefahrt  die  Wehethaten  und  in  dem  Kampfe  ward  die 
Halle  gefüllt  mit  den  Leichen  der  Feinde,  Flnn  selbst  ward 
erschlagen  und  die  Königin  genommen.  Die  Schützen  der 
Skildinge  führten  auf  den  Schiffen  all  die  Schätze,  die  sie  in 
Finns  Wohnsitze  fanden,  sowie  auch  die  edle  Königin  heim 
zu  den  Dänen. 

Wir  wenden  uns  nun  zum  zweiten  Hauptvolke,  zu  den 
Gedten.  Auch  von  ihrem  Königsgeschlechte  überschauen  wir 
in  unserem  Liede  ein  beträchtliches  Stück  Geschichte,  und 
gerade  hier  werden  wir  sogar  einen  sicheren  Anhaltspunkt  für 
die  Zeitbestimmung  der  Ereignisse  finden. 

König  Ilreöel,  der  Enkel  Sveriings^  hatte  drei  Söhne 
Jlerebeald,  Hoeökynn  und  Ilggeldc  sowie  eine  Tochter,  die  an 
Ecgtheöv  aus  dem  Gcschlechte  der  Wa?gmundinge,  den  Vater 
Beowulfs,  des  Haupthclden  unseres  Liedes,  vermählt  war.  Der 
älteste  jener  drei  Söhne  Herebeald  war  noch  bei  Lebzeiten  des 
Vaters  durch  einen  unglücklichen  das  Ziel  missenden  Schufs 
von  der  Hand  seines  Bruders  Ilceökipni  gefallen ,  und  aufge- 
rieben vom  Kununer  über  diese  That,  für  die  er  am  eignen 
Sohne  keine  Blutrache  üben  konnte,  sank  der  Vater  ins  Grab 
(v.  2435 — 69).  Ihm  folgte  auf  dem  Throne  sein  zweiter 
Sohn  Ilcndicynn.  Doch  nur  kurze  Zeit  war  es  diesem  beschie- 
den der  Herrschaft  zu  walten.  Denn  bald  nach  seines  Vaters 
Tode   ward    er  in    einon    liir    ihn    vci  liängnisvollen    Krieg  vor- 


272  Grein 

wickelt  mit  den  Schweden  (Sveön),  den  Bewohnern  der  heuti- 
gen scandiiiavischen  Provinz  Srearike ,  die  im  Liede  Sreönci' 
heifst.  Onela  und  O/itere ,  die  Söiine  des  greisen  Schwodenk(")- 
nigs  Ongentheöv,  machten  nämlich  wiederholt  seeräuberische 
Einfälle  in  das  Land  der  Geäten  bei  dem  Vorgebirge  Ifreo.'i- 
nabeorg  (v.  2472 — 78).  Um  dies  zu  rächen,  unternahm  Hwö- 
kynn  einen  Kriegszug  nach  Srieörike^  während  die  beiden  Kc") 
nigssöhne  noch  abwesend  waren,  und  nahm  deren  Mutter  ge- 
fangen ,  die  Avir  bereits  für  des  Dänenkönigs  Ilealfdene  Tochter 
Elan  zu  erklären  suchten.  Doch  der  greise  Ongentlieoii  ver 
folgte  die  Feinde,  erschlug  im  Kampfe  beim  Rabengehölze 
(Hrefnavudu)  mit  eigner  Hand  den  Ilcedkynn^  befreite  seine 
Gemahlin  wieder  aus  der  Gefangenschaft  (^bryd  äheordc)  und 
bedrängte  die  nun  herrenlosen  Geäten  dergestalt,  dafs  sie  nur 
mit  Mühe  in  jenes  Gehölz  entkamen.  Hier  belagerte  er  sie 
die  ganze  Nacht  durch ,  auf  den  Morgen  ihnen  völlige  Ver- 
nichtung drohend  (v.  2470—83  und  2924-41).  Doch  mit 
Tagesanbruch  nahte  zum  Entsatz  Hseökynns  Bruder  Ili/geläk 
mit  einem  neuen  Geätenheere  und  es  folgte  nun  ein  blutiger 
Kampf.  Ongentheöv  floh  in  die  Veste,  ihm  nach  drangen  die 
Geäten  und  der  Kampf  entbrannte  innerhalb  der  Veste  von 
Neuem.  Der  Geäte  Vulf^  Vonreds  Sohn,  schlug  dem  Ongen- 
theöv eine  Wunde:  doch  ohne  zu  wanken  erwidert  der  greise 
Schwedenkönig  den  Schlag  und  Vulf  wälzt  sich  im  Blute  un- 
fähig zu  fernerem  Kampfe,  wenn  auch  nicht  zum  Tode  ge- 
troffen. Da  gab,  den  Fall  seines  Bruders  zu  rächen,  Hygeläks 
Dienstraann  Eofor  dem  Schwedenkönige  den  Todesstreich  und 
der  Kampf  war  entschieden:  die  Geäten  walteten  der  Wahl- 
statt und  brachten  ihrem  Herrn  Hygeläk  Ongentheoves  Eisen- 
brünne. Hygeläk  lohnte  dem  Bruderpaare  Eofor  und  Vnlf 
mit  reichen  Schätzen  und  gab  überdies  dem  Ersteren  seine 
einzige  Tochter  zur  Gemahlin  zum  Unterpfande  seiner  Huld : 
denn  so  werden  wir  doch  vvol  am  einfachsten  lujldo  to  vedde 
aufzufafsen  und  nicht  mit  Grundtvig  in  hyldo  den  Namen  der 
Tochter  zu  suchen  haben  (v.   2484—89  und  2942—98). 

Hygeläk^  der  dritte  Sohn  Hreöels,  war  nun  nach  dem 
Falle  seines  Bruders  H£eökynn  König  der  Geäten  und  an  sei- 
nem Hofe  lebte,  wie  wir  schon  in  der  Geschichte  des  Dänen- 
königs Hröt^gär  sahen,  als  Dienstmann  sein  Schwestersohn 
Beoivulf.  Uebrigens  scheint  Hygeläk  zweimal  vermählt  gewe- 
sen  zu    sein,    da    er    schon    bei    seiner   Thronbesteigung    eine 


Die  historischen  Verhältnisse  des  Beowult'liedes.  273 

heiratsfähige  Tochter  hatte,  wahrend  seine  Gemahlin  Hygd 
Haereöes  Tochter  zu  der  Zeit,  als  Beowulf  von  Heorot  heim- 
kehrt, ausdrücklich  als  noch  sehr  jung  bezeichnet  wird:  sie 
hatte  noch  nicht  viele  Winter  erlebt  (v.  1926  —  28).  Wir  müs- 
sen also  wol  annehmen ,  dafs  jene  Tochter  aus  einer  früheren 
Ehe  stammte,  während  aus  seiner  Ehe  mit  Hijgd  ein  Sohn 
Heardred  entsprofste ,  der  beim  Tode  des  Vaters  noch  unmün- 
dig war.  Wenn  übrigens  dieser  Heardred  ein  Neffe  oder  En- 
kel des  Hereric  (nefa  Hererices)  genannt  Avird,  so  weifs  ich 
nicht  zu  sagen,  wer  dieser  Hereric  war:  Grundtvig  bemüht 
sich  vergeblich  zu  beweisen,  dafs  Hereric  der  eigentliche  Name 
Beowulfs,   dagegen  Beotvulf  nur  sein  Beiname  gewesen  sei. 

In  der  Geschichte,  des  Geätenkönigs  Hijgeldc  kommen 
wir  nun  an  den  schon  angedeuteten  Punkt,  wo  wir  ein  völlig 
gesichertes  Factum  vor  uns  haben,  von  dem  aus  wir  daher 
auch  auf  die  Zeit  der  übrigen  Ereignisse  schliefsen  können. 
An  vier  verschiedenen  Stellen  des  Liedes  (v.  1202 — 14, 
2354—68,  2501-8  und  2912  —  21)  ist  nemlich  die  Rede  von 
einem  Plünderungszuge,  welchen  Hygeldk  begleitet  von  seinem 
Neffen  Beoifulf  zu  Schiffe  in  das  Land  der  Friesen  unternahm. 
Doch  stellte  sich  ihm  das  vereinte  Heer  der  Friesen,  der  Hu- 
gen  und  der  Hätvare  entgegen  und  in  einem  blutigen  Kampfe 
wurden  die  Gedten  völlig  geschlagen,  Hijgeldk  selbst  fiel  und 
BeowidJ\  von  dessen  Hand  der  Hugenkempe  Düghrüfen  (Tag- 
rabe) gefallen  war,  entkam  nur  mit  Mühe  schwimmend  zu 
den  Schiffen  mit  dem  Reste  der  Geäten:  denn  so  müssen  wir 
die  sagenmäfsige  Erzählung  des  Dichters,  dafs  Beowulf  allein 
schwimmend  die  Heimat  erreicht  habe,  doch  wol  geschicht- 
lich deuten.  Die  Identität  dieses  Ereignisses  mit  dem  Plüu- 
dorungszuge  des  Clwchilaicus  oder  Chochilagus  in  den  Gau 
der  fränkischen  Hattuarier  am  Niederrhein  im  zweiten  Decen- 
nium  des  6.  Jahrhunderts,  welchen  Gregor  von  Tours  und  die 
Gesta  regum  Francorum  berichten,  ist  längst  aiifser  allen 
Zweifel  gesetzt.  Denn  ChocJnlaicus  entspricht  nach  fränkischen 
Lautgesetzen  genau  dem  ags.  Hygeldc  altn.  Hugleikr,  wenn 
wir  auch  nicht,  wie  EttmüUer  und  Haupt  thun,  unsern  Hy- 
gelae  mit  dem  Schwedenkönige  Ilugleikr  der  Ynglinga  Saga 
verwechseln  dürfen.  Die  Hütvare^  die  in  unserm  Liede  auch 
Franken  und  Mererioingas  d.  h.  Merowinge  genannt  werden, 
sind  nichts  anders  als  die  Hattuarier  und  die  hier  in  Verbin- 
dung mit  ihnen  genannten    Friesen    sind    die    Bewolinor    West- 

Jahrl).   r.  rom.  ii.  011«!.  Lit.  IV.    3.  1  ( j 


274  ^^''^'f" 

frieslands,  das  südwärts  sich  bis  an  die  Mündung  der  Maas 
erstreckte.  Die  Htu/en  dagegen  sind  schwer  nachzuweisen, 
wenn  man  dabei  nicht  etwa  an  den  älteren  Namen  der  (Graf- 
schaft Iloi/a  an  der  Weser  denken  will,  welcher  Ifaof/a  oder 
ITofjen  lautete.  Oder  sind  es  etwa  die  Hünen  (Hünar)  der 
Thidrekssaga,  die  dort  gleichfalls  in  Verbindung  mit  den  Fran- 
ken und  Friesen  vorkommen  und  die  ihren  Hauptsitz  in  Susat 
dem  heutigen  Soest  hatten?  I/i'/nar  würde  dann  aus  /fvf/nar 
zu  deuten  sein.  Dafs  aber  der  Kampf  selbst  an  der  Mündung 
des  Rheines  vorfiel,  geht  wol  mit  ziemlicher  Sicherheit  aus 
einer  im  10.  Jahrhundert  aufgezeichneten  Sage  (II.  Z.  V,  10) 
hervor,  nach  welcher  auf  einer  Insel  des  Rheines  an  dessen 
Mündung  die  ungeheuren  Knochen  des  dort  von  den  Franken 
erschlagenen  Getenk'önlgs  Ihilglaucus  den  Fremden  gezeigt  wur- 
den (rex  Huiglaucus,  qui  imperavit  Getis  et  a  Francis  occi- 
sus  est).  Diese  Geti  sind  eben  unsere  Gedten,  und  wenn  die 
fränkischen  Chronisten  dagegen  den  Chochilaicus  zu  einem 
Dänen  machen,  so  ist  dies  durchaus  von  keinem  Gewichte, 
da  sie  die  nordischen  Seeräuber  ganz  nach  Gutdünken  bald 
Dani,  bald  Marcomanni^  bald  Nordmanni  nennen. 

Als  nun  Beowulf  nach  dem  Falle  seines  Oheims  Ilygeläk 
von  diesem  Kriegszuge  heimkehrte,  bot  ihm  die  königliche 
Wittwe  Hijgd  Schatz  und  Herschaft  an ,  da  sie  nicht  glaubte, 
dafs  ihr  unmündiger  Sohn  Heardred  das  Reich  gegen  die 
Feinde  schützen  könnte.  Doch  Beowulf  schlug  das  Anerbieten 
aus  und  führte  die  Regierung  nur  als  Vormund  seines  jungen 
Vetters ,  bis  dieser  herangewachsen  war  und  sie  selbst  über- 
nehmen konnte. 

,,Zu  Heai'dred  kamen  über  die  See  als  Verbannte  die 
Söhne  Ohteres;  sie  hatten  sich  empört^)  gegen  den  Schirm- 
herrn der  Skylfinge,  den  besten  der  Seekönige,  die  im  Sveö- 
rike  den  Schatz  verwalteten.  Ihm  (dem  Heardred)  ward  dies 
zum  Ziele  (d.  h.  zum  Lebensende,  to  mearce).  Er  emptieng 
da  beim  Gastmahl  (?)  die  Todeswunde  durch  Schwertes  Schläge, 
der  Sohn  des  Hygeläk,  und  Ongentheöv  kehrte  heim,  als 
Heardred  todt  lag,  liefs  den  Beowulf  den  Königsstuhl  halten 
und  über  die  Geäten  herschen.  Der  gedachte  des  Falles  der 
Leute  in  späteren  Tagen:  dem  Eädgils  ward  er  dem  freundlo- 
sen ein  Freund,  unterstützte  mit   einem    Heere    über    die    weite 


')  häfdon  hy  forlieulden  heim   Seylfinya  v.   2381. 


Die  historischen  Verhältnisse  des  Beowulfliedes.  21  ö 

See  den  Sohn  des  Öhtere,  mit  Kriegern  und  Waffen.  Er 
rächte  darauf  die  kalten  Kummerfahrten,  nahm  dem  König 
das  Leben.'- 

So  lautet  eine  ziemlich  dunkle  Erzählung  des  Dichters, 
(v.  2379 — 96),  bei  der  wir  mehr  denn  irgendwo  genötigt 
sind  zwischen  den  Zeilen  zu  lesen.  Unter  Berücksichtigung 
einzelner  Andeutungen  an  andern  Stellen  des  Liedes  (v.  2202 — 7 
und  2611 — 19)   denke  ich  mir  den  Zusammenhang  so: 

Auf  dem  Sehwedenthrone  war  nach  dem  Falle  Ongen- 
theövs  dessen  älterer  Sohn  Onela  gefolgt  und  dieser  regierte 
noch,  als  Heardred  den  Geatenthron  bestiegen  hatte.  Gegen 
ihn  empörten  sich  nun  um  diese  Zeit  seines  jüngeren  Bruders 
Ohtere  Söhne  Ednmund  und  Eddgils  ^  musten  aber  fliehen  und 
kamen  als  Verbannte  an  Heardred' s  Hof,  der  sie  gastfrei  auf- 
nahm, wiewol  ihm  dies  zum  Tode  gereichte.  Denn  König 
Onela  überfiel  die  Geätenburg  und  im  Kampfe  empfieng  dei' 
junge  Geatenkönig  den  Todesstreich.  Onela  aber,  Ongen- 
theövs  Sohn,  kehrte  darauf  wieder  heim  und  liefs  den  Beo- 
wulf  des  Geätenthrones  walten.  Dafs  übrigens  der  Ueberfall 
wirklich  bei  einem  Gastmahle  stattgefunden  habe,  beruht  nur 
auf  einer  noch  dazu  ziemlich  unsicheren  Conjectur,  da  in 
V.  2385  die  Lesart  nicht  fest  steht.  ^)  Wenn  aber  an  einer 
andern  Stelle  (v.  2611  — 19)  erzählt  wird,  Ednmund  sei  als 
freundloser  Verbannter  durch  die  Hand  des  Yihstdn  Vaegmun- 
ding  gefallen  und  Onela  habe  diesem  seines  Neifen  Helm, 
Schwert  und  Brünne  gegeben  statt  Blutrache  für  die  That  zu 
üben,  so  können  wir  wol  nicht  umhin  anzunehmen,  dafs  dies 
eben  bei  jenem  Ueberfall  in  der  Geätenburg  geschehen  und 
Vihstän  im  Gefolge  des  Onela  gewesen  sei,  zumal  da  an  un- 
serer Stelle  nach  dem  Falle  Heardreds  und  nach  der  Heim- 
kehr des  Oni'la  nur  von  Eädgils  erzählt  wird,  er  sei  am 
Hofe  Beowulfs  zurückgeblieben,  während  seines  mit  ihm  dort- 
hin gekommenen  Bruders  Ednmund  weiter  keine  Erwähnung 
mehr  geschieht.  Beoivulf  aber  ward  des  Eädgils  Freund  und 
unterstützte  ihn  später,    um  zugleich  den    Tod    seines    Vetters 


1)  Da  V.  2385  das  jetzt  gar  nicht  mehr  lesbare  pa-r  schon  zu  Tlior- 
kelin's  Zeiten  unsicher  gewesen  scheint,  indem  die  erste  seiner  heiden 
Abschriften  Jner ,  die  andere  fxer  bietet,  so  möchte  icli  fast  /irr  als 
die  ursprüngliche  richtige  Lesart  vermuten  und  daher  unter  Beibclial- 
tung  des  adj.  oder  adv.  orfeorme  lesen:  he  fcer  orfeorme  feorh-viinde 
hledt. 

19* 


27G  Grein 

Heardred  zu  rächen,  mit  einem  Heere  gegen  den  König  Onela. 
Mit  diesem  Hülfsheer  der  Geäten  rächte  Eädgils  seine  Ver- 
bannung und  nahm  seinem  Oheim   07iela  das  Leben. 

Beovmlf  war  also  nunmehr,  nachdem  der  letzte  Spröfs- 
ling  aus  dem  Mannesstamme  der  IlreMinge  gefallen  war,  Kö- 
nig der  Geäten.  Er  selbst  war,  wie  wir  bereits  gesehen  ha- 
ben, nur  mütterlicher  Seits  ein  Geäte  als  Tochtersohn  des 
Geätcnkönigs  Ilredel;  von  Seilen  seines  Vaters  Ee[/tfieöv  da- 
gegen gehörte  er  dem  Geschlechtc  der  Wcßfjmund'mfje  an,  aus 
welchem  aufserdem  in  unsreni  Licde  nur  noch  Vihstän  oder 
Veohstän  und  dessen  Sohn  Vigläf  vorkommen:  denn  wenn 
letzterer  ein  mce{/  Alf Ji eres ,  ein  Verwandter  des  sonst  unbe- 
kannten Älfhere  genannt  wird,  so  können  wir  hieraus  die 
Art  der  verwandtschaftlichen  Beziehungen  dieses  Älfhere  zu 
den  Wjegmundingen  durchaus  nicht  näher  bestimmen,  da  er 
ebenso  gut  auch  ein  mütterlicher  Verwandter  Viglafs  gewesen 
sein  kann.  Aber  auch  über  die  Stellung  der  Wa'g7nundi7i(/f 
selbst  läfst  sich  nicht  mit  Sicherheit  entscheiden;  doch  scheinen 
sie  in  naher  Beziehung  zur  schwedischen  Königsfamilie  gestau 
den  zu  haben:  denn  nicht  blofs  sahen  wir  den  Vihstdn  im 
Gefolge  des  Königs  Onela ^  sondern  sein  Sohn  Vi(/lä/\  wel- 
chem Beowulf  die  Besitzungen  der  Wsegmundinge  überliefs, 
auf  die  er  selbst  nähere  Ansprüche  gehabt  zu  haben  scheint, 
wird  einmal  auch  geradezu  ein  Fürst  der  Skylfinge  (leöd  Sci/l- 
Jinga)  genannt;  Skylfinge  aber  ist  sonst  im  Liede  der  Name 
für  die  Schweden  und  deren  Königsgeschlecht.  Auf  ein 
näheres  Eindringen  in  diese  dunkelen  Verhältnisse  verzichte 
ich,  und  ebenso  deute  ich  nur  kurz  an,  wie  Beowulfs  Vater 
Ecgtheöv  einst  bei  den  Wylßngen  den  Heaöoläf  erschlug  und 
sich  von  da  zum  Dänenkönig  Hi-ödgär  begab,  der  für  ihn  die 
Fehde  mit  Gold  sühnte ,  ein  Ereignifs ,  das  in  die  ersten  Re- 
gierungsjahre Hroögärs  fällt  (v.  459  —  67).  Ich  kehre  viel- 
mehr zu  unsrem  Beowidf  selbst  zurück. 

Als  siebenjährigen  Knaben  hatte  ihn  sein  Grofsvater  Hre- 
Oel  aus  dem  elterlichen  Hause  an  seinen  Hof  genommen  und 
ihn  fortan  seinen  eigenen  Söhnen  völlig  gleich  gehalten.  Hier 
blieb  Beowulf  auch  nach  dem  Tode  des  Grofsvaters,  bis  er 
zuletzt  selbst  den  Geatenthron  bestieg.  Daher  kommt  es,  dafs 
er  selbst  in  unserm  Liede  durchweg  als  Geäte  bezeichnet  wird. 
In  seiner  Jugend  erschien  er  als  unbeholfner  Dümmling  und  war 
wenig  geachtet ;  wie  ähnliches  auch  sonst  von  der  ersten  Jugend 


Die  historischen   Verhältnisse  des  Beovvulfliedes.  277 

grolser  Heiden  erzählt  wird:  doch  Wendung  kam  dem  ruhm- 
reichen Manne  jeglicher  Kränkung!  und  die  Feier  seines  glän- 
zenden Heldenlebens  bildet  eben  den  Hauptinhalt  unseres  Lie- 
des. In  seinen  Armen  hatte  er  die  Kraft  von  30  Männern. 
Als  kaum  herangewachsener  Jüngling  unternahm  er  ein  Wett- 
schwimmen mit  Breca  durch  die  Fluten  des  Oceans  und  auf 
dieser  Schwimmfahrt,  welche  ununterbrochen  7  Tage  dauerte, 
kämpfte  »er  zugleich  siegreich  mit  den  Ungeheuern  der  Tiefe. 
Dann  kommt  sein  Kampf  mit  Grendel  und  dessen  Mutter,  von 
dem  schon  in  der  Dänengeschichte  die  Rede  war.  Ebenso 
haben  wir  bereits  gesehen,  wie  er  seinen  Oheim  Hygeläc  auf  dem 
unglücklichen  Friesenzuge  begleitete  und  wie  er  selbst  später,  als 
auch  Heardred  todt  war,  den  Geatenthron  bestieg.  Seine 
50jährige  ruhmreiche  Regierung  aber  beschlofs  der  greise  Held 
im  Kampfe  mit  einem  Feuerdrachen,  der  sein  Land  verwüstete. 
In  diesem  Kampfe,  bei  dem  ihn  alle  seine  Gefährten  aufser 
dem  jungen  Vigläf  feige  verliefsen ,  erschlug  er  den  Drachen, 
gab  aber  selbst  in  Folge  einer  giftigen  Wunde,  die  er  vom 
Drachen  empfangen ,  bald  nachher  den  Geist  auf,  nachdem  er 
zuvor  noch  seine  eigne  Bestattung  angeordnet  und  seinen 
Vetter  Vigläf,  den  Letzten  aus  dem  Geschlechte  der  Wseg- 
mundinge ,  zu  seinem  Nachfolger  auf  dem  Geatenthrone  er- 
nannt hatte.  Die  königliche  Leiche  ward  auf  einem  Scheiter- 
haufen verbrannt  und  zur  Aufnahme  der  Asche  sowie  des 
ganzen  unermefslichen  Drachenhortes  ward  auf  dem  Vorge- 
birge Hronefi  nüs.s  ein  ungeheurer  weithin  sichtbarer  Grabhügel 
errichtet,  sodafs  Seefahrer  fortan  es  Beoioulfes  Berg  nannten. 
Freilich  müssen  wir,  wenn  es  sich  um  den  historischen 
Beowulf  handelt,  gerade  die  gefeiertsten  dieser  Thaten,  das 
ganze  Wettschwimmen  mit  Breca,  den  Kampf  mit  Grendel 
und  dessen  Mutter  und  den  Drachenkampf,  sowie  nicht  minder 
auch  die  30  Männerstärke  als  mythische  Anwüchse  bezeich- 
nen. Alles  dies  reicht  weit  über  die  Zeit  des  Geatenkönigs 
Beowulf  hinaus:  es  sind  Züge,  die  von  einem  rein  mythischen 
Beöv  oder  Beäv  (lat.  Bous),  dem  Sohne  des  Gottes  Wöden  oder 
OMtni ,  durch  die  Tradition  wegen  Aehnliehkeit  der  Namen 
auf  den  Beowulf  übertragen  wurden.  Doch  die  Aehnlichkeit  der 
Namen  kann  es  niciil  allein  gewesen  sein ,  was  eine  solche 
Anlehnung  veranlafste,  sondern  zum  Theil  wenigstens  müssen 
auch  entsprechende  Thaten  aus  dem  Leben  Beowulfs  dabei 
mitgewirkt  haben.    Wie   wir  daher  schon  bei  der  Grcndelplagc 


278  Grein 

Ueberfälle  von  Seeräubern  als  geschichtlichen  Hintergrund  ver 
mutheten,  so  liegt  es  nahe  ein  Gleiches  auch  bei  der  Verwü- 
stung des  Landes  durch  den  Drachen  anzunehmen,  sodais 
also  der  hochbejahrte  Geatenkönig  Seeräuber,  welche  sein 
Land  sengend  und  plündernd  überfielen,  zwar  siegreich  zurück- 
schlug, selbst  aber  an  einer  dabei  empfangenen  Wunde  starb. 
Beachtung  verdient  hierbei,  was  Saxo  Grammaticus  von  des 
Ööinn  und  der  Rinda  Sohn  Bous  und  dessen  berühmtem  Grab- 
hügel erzählt. 

Den  Grabhügel  unseres  Beowulf  aber  dürften  wir  wol  an 
der  Westküste  von  Götaland  bei  der  Mündung  der  Göta-Elf 
zu  suchen  haben.  Auf  einem  Felsen  in  diesem  Flusse,  da 
wo  er  sich  vor  seiner  Mündung  in  zwei  Arme  theilt,  erbaute 
im  Jahr  1308  der  norwegische  König  Haken  IV.  das  noch 
in  Ruinen  vorhandene  Schlofs  Böhtis,  von  welchem  die  ganze 
Statthalterschaft  den  Namen  Bohushen  führt.  Bulms  bedeutet 
wol  domus  Boi  und  die  Annahme  liegt  nahe,  dafs  dieser  Name 
sich  an  die  damals  in  jener  Gegend  wol  noch  lebendige  Tra- 
dition vom  Tode  Beowulfs  anknüpfte  und  dafs  also  |der  Beo- 
ivulfes  Berg  unseres  Liedes  in  der  Nähe  auf  einem  Vorgebirge 
der  Küste  zu  suchen  sei.  Vielleicht  dürften  Nachforschungen 
in  jener  Gegend  noch  heute  Reste  der  alten  Sage  im  Munde 
des  Volkes  und  in  Ortsbezeichnungen  auffinden  lassen.  Bei 
den  Norwegern  hiefs  jenes  Schlofs  Baggahüs  oder  Bagle-hüs 
(Erich  Tuneid  Geogr.  von  Schweden  S.  279):  sollte  hier  etwa 
gar  in  der  Silbe  U  das  goth.  hlaiv  ags.  hlcev  Grabhügel  stecken 
und  also  BagU  geradezu  tumulus  Bagii  oder  Bagvii  bedeuten? 
Bagvius  (altn.  Bögl)  würde  gerade  der  für  Bedv  zu  erwar- 
tenden Grundform  entsprechen.  Nicht  unerwähnt  bleibe  übri- 
gens, dafs  in  der  Nähe  der  Meeresküste  auf  der  von  den  bei- 
den Armen  der  Göta-Elf  gebildeten  Insel  auch  ein  Biörlanda 
liegt,  welches  an  die  altn.  Namensform  Biarr  erinnern  könnte, 
der  wir  bei  dem  Skilding  Beowulf  begegneten. 

Dies  ist  der  PLiuptsache  nach  alles,  was  wir  in  unserem 
Liede  über  die  Geäteii  und  deren  Verhältnisse  erfahren.  Man- 
cher vielleicht  wird  es  mir  zum  schweren  Vorwurf  machen, 
dafs  ich  dabei  gar  nicht  erwähnt  habe,  wie  Hygeläks  jugend- 
liche Wittwe  Hygd  nachmals  die  Gemahlin  des  Königs  Offn 
und  die  Mutter  des  Eomcer  geworden  sei.  Allein  die  ganze 
Episode  von  König  Offa  und  seiner  Gemahlin  (v.  1931—62), 
deren    Zusammenhang   meiner    Ueberzeugung    nach    unter  allen 


Die  historischen  Verhältnisse  des  Beowulfliedes.  270 

Tlieileu  des  Liedes  bisher  am  meisten  misverstanden  worden 
ist,  habe  ich  mit  wolbedachter  Absicht  bei  der  Darstellung 
der  Geatengeschichte  mit  Stillschweigen  übergangen,  um  ihr 
jetzt  am  Schlüsse  eine  besondere  Betrachtung  zu  widmen. 

Bei  Beowulf  s  Heimkehr  von  seinem  Grendelkampfe  heiftt 
es  in  unserem  Liede  also :  ,,  Hygeläk  wohnte  dort  dem  Seewalle 
nahe.  Der  Bau  war  trefflich,  der  Gebieter  ein  thatkräftiger 
König,  hoch  die  Hallen,  i/?/f/rf  sehr  jung,  weise,  wolgediegen, 
obgleich  sie  wenige  Winter  erlebt  hatte,  die  Tochter  HaereCs  : 
sie  war  doch  nicht  niedriger  Gesinnung  noch  zu  gabenkarg 
den  Geatenleuten.  Mudpri/do  vär/  fremu  folces  cren  ßren  on- 
drysne  (d.  h.  nach  der  bisherigen  Auffassung:  « Gemütsstolz 
oder  Grausamkeit  hegte  die  treffliche  Volkskönigin,  furcht- 
baren Frevel").  Keiner  der  trauten  Gefährten  wenn  nicht  der 
Eheherr  (nefne  sinfred)  war  so  kühn  (cleör) ,  dafs  er  es  wagte 
sie  bei  Tage  mit  den  Augen  anzustarren,  da  er  wul'ste  dafs 
solches  Wagnis  sofort  mit  dem  Tode  durchs  Schwert  bestraft 
ward.  Solches  ist  keine  weibliche  Sitte ,  die  einer  Frau  zu 
üben  anstünde ,  wenn  sie  auch  einzig  sei  an  Schönheit,  dafs 
die  Friedensweberin  aus  grundlosem  Zorne  einem  lieben  Manne 
nach  dem  Leben  trachte!  wol  vertrieb  (oder  tadelte,  verach- 
tete) das  Hemings  Verwandter:  Aletrinkende  sagten  anders, 
dafs  sie  Leuteverderben  weniger  anstiftete,  seit  zuerst  sie  gold- 
geschmückt,  die  adeltheuere,  dem  jungen  Kempen  vermählt 
ward,  nachdem  sie  auf  ihres  Vaters  Rath  über  die  fahle  Fluth 
zu  Offa's  Wohnung  gekommen,  wo  sie  seitdem  wol  auf 
dem  Throne  hehr  an  Güte  ihre  Lebensgeschicke  zeitlebens 
(lißgende)  brauchte  und  Hochliebe  hielt  wider  den  Heldenkönig, 
den  besten  alles  Männervolkes  zwischen  den  Seen;  denn  Offa 
war  durch  Gabenmilde  und  durch  Kämpfe,  der  speerkühne 
Mann,  weitliin  berühmt  und  hielt  sein  Erbland  mit  Weisheit: 
davon  entsprang  Eomor  den  Helden  zur  Hülfe ,  Hemings 
Verwandter,  der  Enkel  Garmunds  (nefa  Gärmundes)  kampfes- 
kräftig." 

Die  Hauptschwierigkeit,  welche  bisher  dem  richtigen  Ver- 
ständnis dieser  Stelle  im  Woge  stand,  liegt  meines  Bedün- 
kens  darin,  dafs  man  allgemein  annahm,  sie  beziehe  sich  durch- 
weg auf  Ilygd,  llygeläk.s  Gemahlin,  sodafs  diese  also  früher 
oder  später  auch  dem  König  Offa  vermählt  gewesen  sei.  Diese 
Schwierigkeit    und    damit   alles,    was   man   auf  jene  Annahme 


280  (^'«"i 

gebaut  hat,  fällt,  sobald  es    darzutbun    gelingt,    dafs    hier  von 
zwei  ganz  verschiedenen  Frauen  die  Rede  sein  müsse. 

Offa  war  nach  dem  Vidsidliede  König  der  Angeln  und 
ist  identisch  mit  dem  älteren  der  beiden  Offa,  deren  Leben 
der  englische  Mönch  Matthjeus  Parisiensis  im  13.  Jahrhundert 
beschreibt:  bei  diesem  erscheint  OJf'a  als  der  Sohn  Warmunds^ 
des  Königs  der  Westangeln;  wenn  aber  dieser  Warmund  von 
dem  Autor  nach  England  versetzt  und  der  Gründer  von  War- 
wick  genannt  wird,  so  können  wir  dies  als  ein  Misverständ- 
nis  oder  als  eine  willkührliche  Fiction  füglich  auf  sich  beruhen 
lassen,  da  wir  den  Warmund  und  seinen  Sohn  Offa  uothwen- 
dig  noch  im  alten  Stammlande  der  Angeln  auf  der  cymbri- 
schen  Halbinsel  zu  suchen  haben.  Was  dagegen  Matthseus 
von  der  Jugend  des  Offa  Warmunds  Sohn  erzählt,  stimmt 
überein  mit  dem  Berichte  des  Saxo  Grammaticus  von  der  Ju- 
gend des  Uffo  Wermunds  Sohn ,  und  wenn  das  VidsiOS'lied 
meldet,  Offa  habe  in  seiner  frühen  Jugend  mit  seinem  Schwerte 
allein  bei  Fifeldor  ein  grofses  Reich  erkämpft  und  die  Grenze 
der  Angeln  gegen  die  Myrginge  erweitert,  so  ist  dies  nichts 
anders  als  was  Saxo  von  den  beiden  Zweikämpfen  des  Uffo 
auf  einer  Insel  der  Egidora  berichtet:  denn  Fifeldor  und  Egi- 
dora  bezeichnen  beide  den  Eiderflufs.  Des  Matthseus  Pari- 
siensis zweiter  Offa  aber,  Sohn  des  Grafen  Tuwfredus ,  ist 
jener  Off'a  Thingferö's  Sohn,  welcher  im  Jahre  755  den  Kö- 
nigsthron von  Mercia  usurpierte  und  dessen  Ahnentafel  die 
Sachsenchronik  unter  diesem  Jahre  anführt.  Unter  diesen 
Ahnen  erscheint  als  der  zwölfte  von  Thingferc)  an  aufwärts 
eben  jener  ältere  Off'a  Wärmunds  Sohn  und  zwar  als  Vater 
des  Angelfheöv  und  als  Grofsvater  des  Eomcer,  sodafs  die 
Identität  dieses  Offa  Wärmunds  Sohn  mit  unserm  Offa  des 
Beowulfliedes  dort  wohl  aufser  allem  Zweifel  steht;  denn  dafs 
in  unserm  Liede  Offa's  Vater  nicht  Wärmund  sondern  Gai'- 
mund  heifst,  ist  von  keinem  Gewicht,  da  beide  Namensformen 
sich  durch  die  bei  Nennius  voi-kommende  Zwischenform  Guar- 
mund  leicht  vermitteln  lassen:  da  übrigens  v.  461  Gara  ci/nn, 
wie  dort  die  Alliteration  zeigt,  geradezu  für  Vara  cynn  ver- 
schrieben ist,  so  könnte  ein  ähnlicher  Schreibfehler  auch  an 
unserer    Stelle    einfach    vorliegen.  ^)      Völlig    übereinstimmend 

1)  Dafs  Eouiier  im  Liede  als  Enkel  des  Garmund  erscheint,  wäh- 
rend   er    nach    der    Sachsenchronik    der    Urenkel    des    Wärmund  war, 


Die  historischen  Verhältnisse  des  Beowiilfliedes.  281 

mit  obiger  Stammtafel  aber  ist  die  von  König  Penda  Pybba's 
Sohn  in  der  Sachsenchronik  unter  dem  Jahr  626,  nur  dafs  hier 
Penda  und  nicht  wie  in  der  andern  Edva,  der  Urgrofsvater 
Thingferös ,  als  Sohn  des  Pybba  erscheint,  worin  kein  Wider- 
spruch liegt,  da  wir  uns  unter  Edva  als  dem  Staramherrn 
eines  Grafengeschlechtes  nur  einen  jüngeren  Sohn  des  Pybba 
zu  denken  haben.  In  dieser  zweiten  Stammtafel  ist  Offa  Wär- 
munds Sohn  ebenso  wie  in  der  andern  von  Pybba  an  auf- 
wärts der  achte  der  Ahnen.  Beide  Ahnentafeln  führen  uns  daher, 
wenn  wir  mit  P.  E.  Müller  vier  Generationen  zu  130  Jahren 
annehmen,  für  den  älteren  Offa  etwa  in  die  Mitte  des  4. 
Jahrhunderts ,  während  Hygeldk\  wie  wir  bereits  früher  sahen, 
zu  Anfang  des  6.  Jahrhunderts  lebte.  Hygd  kann  also  un- 
möglich Gemahlin  beider  Könige  gewesen  sein,  sodafs  an  der 
erwähnten  Stelle  unseres  Liedes  wirklich  von  zwei  verschie- 
denen Frauen  die  Rede  sein  mufs.  Ist  dies  aber  der  Fall,  so 
erwartet  man  natürlich,  dafs  die  zweite  dieser  Frauen,  die 
Gemahlin  des  Offa,  auch  mit  Namen  genannt  sei.  Dieser 
Name  nun  kann,  wenn  er  wirklich  im  Texte  steht,  nirgends 
anders  gesucht  werden  als  eben  in  jenem  M6dl)ryöo^  womit 
die  ganze  Episode  beginnt,  wie  auch  Gruudtvig  neuerdings  in 
seiner  Ausgabe  des  Beowulfliedes  richtig  erkannte:  nur  dürfen 
wir  nicht  mit  ihm  trennen  Mod  Pri/do  rüg  (Hochmuth  oder 
Jähzorn  hegte  ThryCo),  weil  dann  der  Name  Thryöo  aufser- 
halb  der  Alliteration  stehen  würde,  was  hier  um  so  weniger 
zulässig  ist,  da  derselbe  geradezu  im  schroffsten  Gegensatz 
zu  dem  der  jungen  Geatenkönigin  Hygd  genannt  wird.  Nein! 
Mödthrydo  selbst,  d.  h.  die  zorngemuthe  Thryc'o,  ist  der  ge- 
suchte Name  und  bezeichnet  in  seiner  Zusammensetzung  gerade 
aufs  treffendste  die  hier  geschilderte  unweibliche  Natur  der 
Jungfrau.  ')  An  dem  völlig  unvermittelten  Ueberspringen  des 
Dichters  von  der  Königin  Hygd  auf  die  Mödthrydo ,  die  nur 
deshalb  eingeführt  wird,  um  der  milden  Weiblichkeit  der  jun- 
gen Geatenkönigin  durch  ihren  Gegensatz  zur  Folie  zu  dienen, 
dürfen  wir  um  so  weniger  Anstofs  nehmen,  da  auch  an  einer 
andern  Stelle  des  Liedes  (v.   901),   nachdem   von   den    Tiiatcti 

dürfte  sich  Iciclit  dadurch  eiklären,  dals  von  seinem  Vater  Ani^eltlieov 
die  S^g^'  nichts  mehr  zu  erzählen  wufste  und  daher  den  Eoniier  un- 
mittelbar an  Offa  rüci<te. 

')  Männer-  und  Frauennanien    mit    Maut-    /.usammengesetzt    linden 
sich  auch  im   Althochdeutschen. 


282  <^'«i'n 

und  dem  Ruhme  des  Wiilsings  Sif/emund  die  Rede  gewesen, 
ganz  in  derselben  unvermittelten  AVeise  plötzlich  auf  Ilereinod 
übergesprungen  ■\Anrd,  um  durch  dessen  unrühmliches  Ende  den 
Ruhm  des  Sigemund  in  um  so  glänzenderem  Lichte  hervortre- 
ten zu  lassen. i) 

Die  Hauptstütze  für  unsre  Modthryöo  liefert  uns  aber, 
denke  ich,  Matthaeus  Farisiensis.  Dieser  berichtet  uns  nämlich, 
wie  eine  Jungfrau  Namens  Ihida  von  wunderbarer  Schönheit 
aber  unweiblicher  Gesinnung  wegen  eines  schmachvollen  Ver- 
brechens in  der  Heimath  zum  Tode  verurtheilt,  aber  begnadigt 
und  einsam  mit  nur  dürftigen  Lebensmitteln  versehen  auf  einem 
unbemannten  Schiffe  ausgesetzt  Wind  und  Wellen  preisgegeben 
ward.  Nach  langer  Fahrt  abgezehrt  durch  Hunger  und  Kum- 
mer wird  sie  an  die  Küste  des  Landes  getrieben,  in  welchem 
König  Offa  herrschte.  Vor  den  König  geführt  erzählt  sie  diesem, 
durch  die  Grausamkeit  einiger  Unedlen,  deren  Bewerbung  um 
ihre  Hand  sie  als  unter  ihrem  Stande  zurückgewiesen,  sei  sie 
solchen  Gefahren  auf  den  Fluthen  des  Meeres  ausgesetzt  wor- 
den. Bewegt  von  ihrem  Geschicke,  von  ihrer  jungfräulichen 
Anmuth  und  von  der  Eleganz  ihrer  Rede  übergiebt  sie  der 
König  seiner  eigenen  Mutter  zur  Pflege ,  wo  sie  binnen  weniger 
Tage  von  den  Folgen  der  unseligen  Fahrt  sich  erholte,  nun 
wieder  strahlend  im  vollen  Glänze  ihrer  früheren  Schönheit, 
sodafs  sie  für  die  schönste  aller  Frauen  galt.  Aber  damit 
kehrte  zugleich  auch  die  volle  Unbändigkeit  ihres  Gemüthes 
zurück  und  nur  zu  bald  beginnt  sie  nach  ihrer  früheren  hei- 
mathlichen  Gewohnheit  die  liebevolle  Sorgfalt  ihrer  Pflegerin 
mit  stolzen  und  übermüthigen  Worten  zu  vergelten.  Als  aber 
der  König,  der  hiervon  nichts  erfährt,  die  Jungfrau  zu  trösten 
kommt,  wird  er  so  von  ihrer  wunderbaren  Schönheit  ergriffen, 
dafs  er  in  heifser  Liebe  zu  ihr  entbrennt  und  sie  alsbald  zu 
seiner  Gemahlin  erhebt. 

Dafs  der  Verfasser  diese  Drida  zur  Gemahlin  des  jüngern 
statt  des  älteren  Offa  und  zu  einer  Zeitgenossin  und  Verwand- 
ten des  Frankenkönigs  Karl  macht,  mül'sen  wir  unbedingt  als 
eine  Verwirrung  bezeichnen:  denn  der  Kern  der  obigen  Er- 
zählung hat  bei  aller  Abweichung  in  einzelnen  Punkten  doch 
zu  unverkennbare  Aehnlichkeit  mit  dem ,  was  unser  Dichter  von 


-)  Vgl.  V.   1709,  wo  nur  die  Antithese  durch  die    \yorte  ne  vearc 
Hcrimüd  svü . ...  vermittelt  ist.  '    -' 


Die  historisclien   Verhältnisse  des  Beowulfliedes.  283 

der  unweiblichen  Natur  vor  ihrer  Vermählung  luit  Offa  erzählt, 
als  dafs  wir  nicht  von  der  Identität  beider  Jungfrauen  über- 
zeugt sein  sollten,  und  der  Name  jener  Drida  ist  offenbar 
nichts  anderes  als  Thrybo  (ahd.  Druda,  altn.  Thruör)^  der 
zweite  Theil  des  Namens  unsrer  Mödthrydo:  eine  Frankentochter 
mag  dieselbe  immerhin  gewesen  sein.  Ebensowenig  ist  auf 
den  Umstand  Gewicht  zu  legen,  dafs  bei  Matthaeus  die  Drida 
auch  nach  ihrer  Vermählung  mit  Offa  ihre  frühere  Grausam- 
keit beibehalten  habe,  während  der  Dichter  sagt,  ihr  Gemahl 
habe  ihr  dieselbe  bald  vertrieben  und  sie  sei  fortan  untadelhaft 
gewesen.  Bei  dieser  neuen  Verwirrung  des  gelehrten  Mönchs 
ist  wol  nicht  aufser  Acht  zu  lafsen,  dafs  er  ausdrücklich  sagt, 
nach  ihrer  Vermählung  habe  Drida  den  Namen  Cvendrida  er- 
halten: so  mag  vielleicht  wirklich  die  Gemahlin  des  jüngeren 
Offa  geheifsen  haben  und  durch  die  Aehnlichkeit  beider  Namen 
kann  eben  gerade  der  Verfafser  veranlafst  worden  sein,  das, 
was  die  Sage  von  der  Jugend  der  Gemahlin  des  älteren  Ofta 
berichtete,  auf  die  Gemahlin  des  jüngeren  zu  übertragen. 

Dafs  übrigens,  um  nach  dieser  Abschweifung  wieder  zu 
unserm  Liede  selbst  zurückzukehren,  alles,  was  hier  von  der 
unweiblichen  und  hochmüthigen  Natur  der  Mödthryöo  erzählt 
wird,  wirklich  nur  auf  ihre  Jungfrauenzeit  bezogen  werden 
kann,  das  geht  aus  dem  ganzen  Zusammenhange  doch  wol 
klar  genug  hervor,  und  wenn  es  gleichwol  heifst  'kein  Mann 
wenn  nicht  der  Eheherr,  wagte  sie  anzustarren',  so  ist  der 
hierin  liegende  Widerspruch  wie  mir  dünkt  nur  ein  schein- 
barer: es  soll  damit  wol  nur  allgemein  gesagt  sein,  dafs  Kei- 
ner, der  nicht  ihr  Gemahl  war,  sie  ansehen  durfte,  worin 
noch  keineswegs  nothwendig  zu  liegen  braucht,  dafs  sie  wirk- 
lich sclion  vermählt  war.  Nicht  umhin  kann  ich  hierbei  auf 
die  grosse  Aehnlichkeit  dieser  Sage  mit  dem  Anfang  eines  böh- 
mischen Märchens  ^ )  hinzudeuten ,  wo  gleichfalls  von  einer 
wunderschönen  aber  grausamen  Prinzessin  erzählt  wird,  dafs 
sie  jeden  hinrichten  liefs ,  der  sie  anzulächeln  oder  scharf  an- 
zusehen wagte.  Denn  dafs  unsere  Erzählung  von  der  Jugend 
der  Modthryf'^o  ein  rein  mythisch  sagenhafter  Zug,  ein  Stück 
unheimlicher  AValkürennatur  sei,  überti-agen  auf  die  Gemahlin 
des  Königs  Offa,  das  braucht  wol  kaum  ausdrücklich  hervor- 
gehoben zu  werden,   wie  denn  auch   wirklich   im  Altnordischen 


')  Benfcy's  Oricnf  mi'l   Ocri.leiir   I,    \-2\\. 


284  Grein. 

eine  Thrudr,  die  Tochter  des  Gottes  Thor,  unter  den  Walküren 
Ouins  erscheint. 

Wenn  man  aber  in  den  Worten  unseres  Dichters  liat 
finden  wollen,  die  Königin  habe  ihren  eigenen  Gemahl  ums 
Leben  gebracht,  so  gesteheich  offen,  nicht  begreifen  zu  kön- 
nen, wie  man  dies  rechfertigen  will.  Und  ebenso  wenig  kann 
ich  zugeben,  dafs  erzählt  werde,  Eomcer  habe  seine  Mutter 
gescholten,  worauf  Bachlechner  ^)  seine  Anknüpfung  an  die 
Hamletsage  gründet.  Denn  das  geht  aus  dem  ganzen  Zusammen- 
hange unzweideutig  hervor,  dafs  der  Ausdruck  Heiuinges  ina;//, 
Hemings  Verw^andter,  an  der  ersten  Stelle  (v.  1944)  nicht 
wie  am  Ende  der  Episode  den  Eomcer,  sondern  nur  den  Offa 
bezeichnen  kann:  dieser  machte  der  früheren  un weiblichen  Sitte 
seiner  Gemahlin  bald  nach  der  Vermählung  ein  Ende,  sei  es 
nun,  dafs  man  die  Worte  J)üt  on  höh  snöd  Heminges  mcBg  bei- 
zubehalten oder  wirklich  /jw<  onhohsnode  zu  ändern  habe.  Den 
Einwand,  dafs  der  Ausdruck  Hemings  Verwandter  nur  dann 
den  Hörern  verständlich  gewesen  sein  könne ,  wenn  er  als 
hergebrachte  Formel  an  beiden  Stellen  dieselbe  Person  d.  h. 
den  Eommr  bezeichnete ,  kann  ich  nicht  gelten  lassen ;  denn  es 
genügte  vollkommen,  dafs  überhaupt  nur  Ileming  mit  seinen 
Verwandtschaftsbeziehungen  den  Hörern  bekannt  war,  um  so- 
fort an  der  ersten  Stelle  aus  den  unmittelbar  folgenden  Worten 
des  Dichters  zu  wifsen,  welcher  Heminges  mceg  hier  gemeint 
sei:  xoir  freilich  wifsen  jetzt  durchaus  nicht  mehr,  wer  jener 
Heming  war,  da  uns  sonst  keine  Nachricht  über  ihn  erhalten  ist. 

Dafs  übrigens  sowohl  bei  Saxo  Grammaticus  als  auch  in 
dänischen  Stammtafeln  ^VQrrnund  und  sein  Sohn  Uffo  in  der 
Reihe  der  Dänenkönige  und  zwar  nach  Hrolf  Kraki  und  R'örik 
(Hrööulf  und  Hreörik)  auftreten,  ist  mir  wol  bekannt.  Allein 
ich  erkläre  dies  einfach  für  eine  der  vielen  Verwirrungen ,  die 
sich  auch  sonst  dort  nicht  verkennen  lassen,  und  schreibe  un- 
bedenklich gegenüber  diesen  Nachrichten  den  Stammtafeln  der 
Sachsenchronik  eine  gröfsere  Autorität  zu,  da  sie  nicht  blofs 
älter  sind,  sondern  offenbar  auch  auf  der  Familientradition 
der  Nachkommen  eben  jener  Angeln  selbst  beruhen,  über 
welche   Ojj'a  auch  nach  dem  Vidsiöliede  herschte. 

Nachdem  wir  so  die  wichtigsten  historischen  Ereignisse 
des   Beowulfliedes    in    ihrem   Zusammenhange    kennen    gelernt 


')  Pfeiffers  Germania  I,  298  ft', 


Die  historischen  Verhältnisse  des  Beowulfiiedes.  285 

haben,  bliebe  nun  eigentlich  noch  die  hohe  kulturgeschichtliche 
Bedeutung  des  Liedes ,  welche  in  der  Schilderung  der  deutschen 
Lebensverhältnisse  einer  so  frühen  Zeit  liegt,  zu  besprechen 
übrig.  Allein  ich  verzichte  für  diesmal,  auch  noch  auf  diesen 
Punkt  einzugehen. 


C.  W.  M.  Grein. 


2gG  Orlaudini 


Antonio  degli  Albizzi/) 

Aus  der  Ehe  des  florentinischeu  Patrieiers  Luea 
degli  Albizzi  mit  einem  Edelfräiilein  aus  dem  Geschlecht 
der  Acciajoli^)  deren  Name  nicht  auf  uns  gekommen  ist, 
wurde  am  25-  November  1047  Antonio  in  einem  unfern 
von  Florenz  gelegenen  Landhause  seines  Vaters  geboren^), 
nach  welchem  sich  seine  Vorfahren  wegen  der  politischen 
Unruhen  in  ihrer  Vaterstadt  gegen  Ende  des  vorherge- 
henden Jahrhunderts  zurückgezogen  hatten.  liier  brachte 
er  unter  den  Augen  der  Mutter,  und  durch  ihr  Beispiel 
zur  Tugend  angeleitet,  die  Jahre  der  Kindheit  zu.  Um 
das  Jahr  1553  aber  war  ganz  Toscana  wegen  des  Krie- 
ges gegen  die  Republik  Siena  voll  Waffen  und  Soldaten, 
und  das  Leben  auf  dem  Lande  in  Folge  dessen  unsicher; 
da  auch  Antonio's  Vater  um  diese  Zeit  von  Venedig, 
wo  er  sich  als  Kaufmann  aufzuhalten  pflegte ,  nach  Flo- 
renz zurückgekehrt  war,  übersiedelten  auf  seinen  Wunsch 
auch  seine  Gattin  und  seine  Kinder,  ein  erwachsenes 
Mädchen  und  zwei  lüiaben,  deren  erstgeborener  Antonio 


•)  Als  Gewährsmännern  folgen  wir  dem  Grafen  Mazzucchelli  (Scrit- 
tori  d'Italia,  t.  1 ,  p.  1 ,  S.  337  ffg.) ,  dem  Canonicus  Salvino  Salvini 
( Fasti  Consulari),  vornehmlich  aber  dem  anonymen  Verfasser  der  Le- 
bensbeschreibung unseres  Antonio,  die  des  letzteren  Werke:  Principum 
christianontm  stemmata  (Argentorati ,  aere  et  typis  Christophori  ab  Hen- 
den,  1627)  vorangeht,  da  diese  Biographie  aus  autographen  Denkwür- 
digkeiten und  andern  glaubwürdigen  Berichten  zusammengetragen  ist. 
Wer  der  Verfasser  derselben  gewesen  sei,  haben  wir  nicht  zu  ent- 
decken vermocht. 

2)  Mazzucchelli  nennt  sie  Ginevra,  Tochter  des  Pier  Francesco  del 
Benino ,  aber  wir  folgen  auch  hier  der  oben  erwähnten  Biographie 
Antonio's,  um  so  mehr,  da  ihre  Behauptung  von  P.  Giulio  Negri  in 
seiner  Storia  degli  scrittori  fiorentini  (Ferrara,  1722)  bestätigt  wird. 

")  Mazzucchelli  nennt  als  seinen  Geburtsort  Venedig. 


Antonio  degli  Albizzi.  287 

war,  ebeu  dahin.  Antonio  wurde  nun  einem  nicht  näher 
bekannten  Cleriker  übergeben,  um  von  ihm  in  den  An- 
fangsgründen der  Grammatik  und  Musik  unterrichtet  zu 
werden.  Nach  einiger  Zeit  jedoch  wurde  er  von  dem 
Vater,  dem  dieser  Lehrer  nicht  genügte,  nach  Venedig 
gebracht,  imi  da  einen  bessern  Unterricht  zu  empfangen, 
den  er  auch  in  der  That  erhielt  und  fjehörio;  benutzte; 
denn  unter  der  Leitung  des  Carlo  Sigonio  machte  er  so 
tüchtige  Fortschritte  im  Lateinischen  und  Griechischen, 
dals  er  in  weniger  als  drei  Jahren  die  nöthijj^e  Vorbilduno- 
zu  den  höhern  Studien  erlangte.  Um  15(31  wurde  Sigonio 
an  die  Universität  Padua  berufen;  Antonio  folgte  ihm 
nach,  nahm  seine  Wohnung  im  Hause  des  geliebten 
Lehrers ' )  und  widmete  sich  länger  als  ein  Triennium 
unter  den  berühmten  Professoren  Bottoni,  Giambattista 
Montagnani,  Tiberio  Deciani  und  Guido  Panciroli  dem 
Studium  der  Philosophie  und  Kechtsgelehrsamkeit.  —  So 
hatte  Antonio  sein  achtzehntes  Jahr  erreicht,  als  er  gewisser 
Streitigkeiten  wiegen,  die  an  der  Universität  Padua  aus 
Anlafs  der  Kectorswahl  entstanden  waren,  nach  Bologna 
ging,  um  sich  daselbst  in  dem  Studium  der  Rechtswis- 
senschaften zu  vervollkommnen.-)  —  Um  jene  Zeit  hatte 
aber  das  Glück  und  der  Stolz  der  Despoten  aus  dem 
Hause  Medici  eine  solche  Höhe  erreicht,  dafs  sie  nicht 
mehr  damit  zufrieden  waren,  die  natürlichen  Töchter  der 
Könige  als  Gattinnen  heimzuführen;  so  wurden  in  der 
Hauptstadt  des  unterjochten  Toscana  jetzt  glänzende  Feste 
veranstaltet,  um  das  Beilager  der  Erzherzogin  Johanna, 
Tochter  des  Kaisers  Ferdinand  I.,  zu  feiern,  die  mit  dem 
Prinzen  Francesco,  dem  Erben  des  toscanischcn  Throns, 
vermählt  worden  war.  Dem  Messer  Luca,  der  schon 
unter  Cosimo  I.  Senator  (einer  der  Achtundvierzig)  gewor- 
den war,  schien  die  Gelegenheit  günstig  seinen  Sohn 
kommen  zu  lassen,    um   die  Verwandten,  die   nach  ihm 


')  Er  verlebte  blofs  das  erste  Jabr  im   Hause  des  Sigonio. 
'^)  In  Bologna  hörte  er  ilie  Vurlesimgen  des    berübnitcn  Recbtsge- 
lelirten  Giambattista  P:ipi. 


288  Urlaiulini 

verlangten,  wiederzusehen  und  sich  an  den  Hof  festen  zu 
ergötzen.  Antonio  war  es  zufrieden  und  verliefs  Bologna, 
nachdem  noch  kein  Jahr  verflossen  war,  seit  er  dahin 
gekommen.  Er  entrifs  sich  aber  bald  wieder  den  Freu- 
den des  väterlichen  Hauses  und  zoi»;  um  den  Beginn  des 
Jahres  l^GG  nach  Pisa,  wo  er  neben  Vollendvmg  seiner 
juridischen  Studien  noch  Vorlesungen  über  Physik') 
hörte;  nach  18  Monaten  kehrte  er  nach  Florenz  zurück. 
Auch  hier  versäiuute  er  keinen  Augenblick  seinen  Geist 
mit  nützlichen  Kenntnissen  zu  bereichern  und  studirte 
mit  unermiidlichem  Eifer  Ethik  unter  Pier  Vettori  und 
Physik  unter  Angelo  Segni.  —  Bei  den  öffentlichen 
Uebungen  und  in  den  Versammlungen  der  Gelehrten  legte 
er  solche  Proben  seines  Werthes  ab  und  erlangte  einen 
so  grofsen  Ruf  der  Gelehrsamkeit  und  des  Verstandes'-^), 
dals  sechs  junge  florentinische  Edelleute,  an  deren  Spitze 
Tommaso  del  Nero  stand,  sich  an  ihn  um  Rath  und  An- 
leitung wandten,  als  sie  eine  literarische  Akademie  — 
ein  kühnes  Unternehmen  unter  einer  despotischen  Herr- 
schaft —  stiften  wollten.  So  entstand  1567  ^)  die  nicht  un- 
bekannte Accademia  degli  Alter ati^  was  soviel  sagen  wollte, 
als  der  Trunkenen^  welcher  Name  uns  lächerlich  klingt, 
der  aber  vielleicht  im  Sinne  dessen,  der  ihn  erfand,  in- 
dem er  auf  eine  Zeit  des  Schmerzes  und  der  Schwäche 
anspielt,  nicht  ganz  unpassend  war.  In  dieser  Akademie 
nahm  Antonio  den  Namen   Vario  an,  und  war  später  ihr 


')  In  der  Rechtswissenschaft  hatte  er  Ciofi  zum  Lehrer,  in  der 
Physik  Francesco    Bnonamici. 

^)  Der  Römer  Antonio  Mario  Colonna  sagt,  dafs  man  in  Floren: 
Niemand  finden  konnte,  der  verständiger  und  einsichtsvoller  gewesen  wäre, 
als  unser  Antonio.     Dies  bestätigt  Cieco  Strozzi. 

2)  Eine  am  Hause  des  Tommaso  del  Nero  befindliche  Inschrift 
trägt  deutlich  die  Zahl  1568,  worauf  sich  Manni,  Tiraboschi  und  La- 
stri  stützen,  aber  diese  Zahl  bezieht  sich  wahrscheinlich  auf  die  Zeit, 
in  der  die  Akademie  ihren  Sitz  in  diesem  Hause  hatte,  und,  so  zu 
sagen,  zum  zweiten  Male  gegründet  wurde.  Quadrio  verlegt  die  Stif- 
tung der  Accademia  degli  Alterati  offenbar  irrig,  wenn  anders  der 
Irrthum  nicht  Verschuldung  des  Druckers  ist,  in    das  Jahr  1570. 


Antonio  degli  Albizzi.  '  289 

vierter  Regent.  —  Um  dieselbe  Zeit  verfafste  er  das  erste 
Werk,  von  dem  vdr  Kenntnils  haben,  die  ^^Difesa  di 
Dante"  ^)  gegen  eine  Abhandlung  des  Ridolfo  Castrovilla, 
welches  Werk  er,  wenn  wir  dem  Jüngern  Luigi  Alamanni 
Glauben  schenken  dürfen,  gemeinschaftlich  mit  seinem 
Freunde  Filippo  Sassetti  ausarbeitete.  Er  versuchte  sich 
auch  in  der  Dichtkunst,  und  schrieb  nach  dem  Zeugnisse 
des  Giorgio  Bartoli^)  einige  Yerse  für  ein  in  Florenz 
gefeiertes  Maskenfest,  das  zum  Gegenstande  das  Ver- 
gnügen und  die  Reue  hatte  und  4000  Scudi  (23520,00  Fr.) 
kostete.  Die  Poesie  verschmähte  den  albernen  Stoff', 
und  Antonio  stand  auch  wahrscheinlich  mehr  in  dem 
Rufe,  ein  Dichter  zu  sein,  als  dafs  er  wirklich  dichterische 
Begabung  besessen  hätte. 

In  demselben  Jahre  folgte  er  dem  Vater,  der  zum 
Commissario  in  Pisa  ernannt  worden  war,  in  diese  Stadt, 
und  wurde  Viceregent  einer  daselbst  gegründeten  Colonie 
der  Accademia  degli  Alterati.  Im  folgenden  Jahre  kehrte 
er  nach  Florenz  zurück,  wurde  im  noch  jugendlichen  Alter 
von  27  Jahren  ^)  zum  Consul  der  berühmten  Accademia 
Fiorentina  gewählt  (er  war  der  47.)  und  trat  diese  Würde 
am  25.  März  an.  Siebenundzwanzig  Tage  später  starb 
der  Grofsherzog  Cosimo  I.,  und  Antonio  gab,  wozu  ilm 
sein  Amt  verpflichtete,    dem  Akademiker   Baccio  Baldini 


'•)  Der  Canonicus  Salvini  gibt  diesem  Werke  einen  andern  Titel, 
er  nennt  es:  Avvertimenti  contro  alcune  annotazioni  dei  forestieri  sopra 
la  pnefica. 

')  Brief  des  Bartoli  vom  27.  Februar  1573  an  Antonio  Giaco- 
mini.  Dem  obenerwähnten  Maskenfest  war  ein  anderes  vorangegangiMi, 
dessen  Inhalt  die  Leidenschaften  gewesen  waren. 

2)  Nach  dem  anonymen  Biographen,  dem  wir  bei  unserer  Dar- 
stellung hauptsächlich  folgten,  zählte  Antonio,  als  er  Consolo  der  Ac- 
cademia Fiorentina  wurde,  erst  2-i  Jahre.  Er  fügt  sogar  noch  hinzu, 
dafs  Antonio,  da  er  noch  nicht  das  von  dem  akademischen  Statut  für 
diese  Würde  vorgeschriebene  Alter  besafs,  durch  Hescript  des  Fürsten 
zu  derselben  fähig  erklärt  wurde.  Wir  halten  aber  diese  Angabe  ge- 
stützt auf  das,  was  Salviui  darüber  in  den  Fdsti  connolnri  schreibt, 
für  irrig. 

Jahrb.  f.  loiii.   ii.  ongl.   Lit.     IV.    3.  20 


290  Orlaiuliiii 

den  Auftrag,  seine  Leichenrede  zu  halten.*)  Da  dieser 
furchtbare  Intrigant,  der  jeden  liest  von  Freiheit  zerstört 
hatte,  nun  nicht  mein- unter  den  Lebenden  wandelte,  hielt 
Antonio  es  an  der  Zeit  und  fiir  unbedenklich ,  die  greisen 
Thaten  und  noch  gröfseren  Unglücksfälle  des  letzten 
Freiheitskämpfers  zu  erzählen,  und  so  schrieb  er  löTö 
das  Leben  des  Piero  Strozzi.  Er  war  aber  damals  aus 
Gründen,  die  wir  gleich  angeben  werden,  auf  dem  Punkte 
nach  Deutschland  zu  reisen,  und  legte  daher  seine  Schrift 
in  die  Hände  des  Giambattista  Strozzi,  des  Blinden,  nie- 
der, welcher  ausgezeichnete  Gelehrte  ihn  zu  dieser  Arbeit 
aufgefordert  und  bei  derselben  unterstützt  hatte.  Obwohl 
dieser  gelehrte  Mann  nicht  anstand,  sie  als  hella,  veritiera 
e  pura  zu  bezeichnen,  so  dünkte  sie  dem  Verfasser  selbst 
doch  keineswegs  vollendet ,  so  dafs  er  die  Absicht  hatte, 
sie  bei  Gelegenheit  auszubessern  und  zu  vervollständigen-), 
wozvi  er  aber,  wie  Strozzi  selbst  bezeugt,  nie  mehr  kam. 

Die  wohlmeinenden  Bemühungen  seines  Vetters,  Ca- 
millo  degli  Albizzi,  und,  wie  es  scheint,  ein  edles  Mit- 
gefühl mit  den  häuslichen  Leiden  der  Grofsherzogin 
Johanna^)  bewogen  Antonio,  die  Stelle  eines  Mundschen- 
ken an  ihrem  Hofe  anzunehmen.  Diese  Fürstin,  die  seine 
literarischen  Verdienste  zu  würdigen  verstand,  enthob  ihn 
der  gewöhnlichen  Verpflichtungen  des  Hofdienstes  und 
oab  ihm  den  Auftrag,  die  Rhetorik  des  Aristoteles  nach 
der  von  Annibal  Caro  unlängst  besorgten  Uebersetzung 
zu  commentiren.  Wahrscheinlich  gebrach  es  ihm  aber  an 
Zeit,  eine  solche  Arbeit  zu  beginnen,  denn  bald  darauf 
wurde    er   auf  Betrieb    der    Grofsherzogin  als    Gesandter 


')  Baldini  war  Leibarzt  des  Grofsherzogs  Cosimo  I.  Seine  Rede 
wurde  im  nämlichen  Jahr  gedruckt. 

^)  Strozzi  sagt  in  dem  oben  citirten  Briefe :  „Lasciu  a  me  la  defta 
Vita  con  dirml  che  io  ne  dessi  Icttura  a  qualcxino  e  copia  a  nessuno,  pen- 
sando  egji  di  migliorarla  cd  sito  rimpatriarsi  qui,  dove  e  stato  non  man- 
co  desiderato  che  asjjettaio."  Wir  wissen  nicht,  woher  Mazzucclielli 
die  Notiz  genommen  hat,  dafs  Antonio  das  Leben  des  Piero  Strozzi 
dem  Cardinal  Andreas  von  Oesterreich  gewidmet  habe. 

^)  Francesco  I.  war  auf  das  Heftigste  in  Bianca   Capello  verliebt. 


Antoniü  degli  Albizzi.  291 

ZU  Kaiser  Maximilian  II.  geschickt,  und  begab  sich,  noch 
nicht  dreifsig  Jahre  alt,  nach  Innsbruck  und  von  da  zum 
Reichstage  nach  Regensburg.  —  Nachdem  Maximilian  II. 
daselbst  uuvermuthet  gestorben  war  (12.  October  1570), 
kehrte  Antonio  nach  Innsbruck  zurück,  wo  er  auf  die 
Empfehlungen  Johanna's  das  ansehnliche  Amt  eines  Fiih- 
rers  des  jungen  Erzherzogs  und  Cardinais  Andreas,  ihres 
Neffen,  erhielt  luid  sich  mit  ihm  nach  Rom  begab. 

Zu  wiederholten  Malen  wurden  ihm  von  diesem  Car- 
dinal und  dessen  Vater,  dem  Erzherzog  Ferdinand,  sehr 
wichtige  Gesandtschaftsposten  übertragen,  so  an  Kaiser 
Rudolf  II.  ^),  an  mehrere  Päpste,  von  denen  einer,  Cle- 
mens VIII.  Aldobrandini,  sein  Verwandter  war,  an  den 
Grofsherzog  von  Toscana,  an  die  Herzoge  von  Mantua 
und  Ferrara  und  mehrere  deutsche  Fiirsten;  er  verdiente 
sich  dabei  durch  die  Besorgung  vieler  wichtiger  und  ver- 
trauter Aufträge  grofses  Lob  und  gewann  die  Achtung 
und  Gnade  hochstehender  Personen.  Die  Mufsestunden, 
die  ihm  diese  Geschäfte  liefseu,  widmete  er,  indem  ihm 
die  mannichfaltigen  Kenntnisse,  die  er  sich  bei  dem  Be- 
suche so  vieler  Länder  und  Höfe  erworben  hatte,  treff- 
lich zu  Statten  kamen  —  mit  Hülfe  des  Archives  und 
der  Bibliothek  vom  Schlosse  Ambras  bei  Innsbruck 2)  der 
Ausarbeitung  seines  lateinischen  Werkes  „  Principum  chri- 
stianorum  stem7nata"^  das  er  dann  mit  ausgezeichneten 
Kupferstichen  ausgestattet  in  Augsburg  erscheinen  liefs.  ^) 

Diesen  gelehrten  Arbeiten  entzogen  ihn  aber  damals 
die  obengenannten  Fürsten,  die  ihm  zum  Zeichen  der 
huldvollen  Gesinnung  und  des  Vertrauens,  das  sie  ver- 
dientermafsen  in  ihn  setzten,  zuerst  den  Posten  eines 
Gouverneurs  von  Clausen,  einer  wichtigen  Stadt  und  Fe- 
stung in  Tirol,  dann  zu  verschiedenen  Zeiten  die   Stelle 


')  Man  behauptet,  dafs  dieser  Monarch  Antonio  als  Rath  in  seine 
Dienste  nelimen  wollte. 

*)  Diese  Bibliothek  wurde  1745  der  Universität  von  Innsbruck 
geschenkt. 

^)  Dieses  Werk  erlebte  vier  Auflagen  bei  Lebzeiten  des  Verfas- 
sers ,  und  eine  fünfte  erschien  ein  .Jahr  nach  seinem  Tode. 

20* 


292  Orlandini 

eines  Gouverneurs  von  Mersburg,  Veldcs  und  andern 
Plätzen  übertrugen.  Endlich  kam  er  1595  als  Anführer 
einer  Deputation  nach  Krain,  die  beauftragt  war,  sehr 
schwere  Milshelligkeiten  beizulegen,  die  zwischen  den 
Bewohnern  dieser  Provinz  und  dem  Präsidenten  dersel- 
l)en,  Sigismund  Turriano,  ausgebrochen  waren;  binnen 
Kurzem  wurden  die  andern  Mitglieder  der  Deputation 
zurückberufen  und  er  allein  blieb  als  Statthalter  zurück. 
Im  Jahre  1(>(M)  starb  der  Cardinal  Andreas'),  imd  bald 
darauf  kehrte  Antonio  nach  Innsbruck  zurück,  nachdem 
er  seine  durch  fünf  Jahre  in  Krain  bekleidete  Würde  in 
die  Hände  des  Barons  Spaur  niedergelegt  hatte.  Obwohl 
es  an  documentirten  Nachrichten  darüber  gebricht ,  so 
können  wir  doch  aus  dem,  was  später  geschah,  entneh- 
men, dal's  der  Neid,  Vantica  meretrice  delle  corti^  auch 
sein  Leben  zu  verbittern  suchte.  Seine  ganze  Verwal- 
tuns:  der  ihm  anvertrauten  Provinz  wurde  einer  sehr  streu- 
gen  Prüfung  unterzogen,  das  Resultat  war  aber  für  ihn 
so  günstig,  dafs  er  (ein  äufserst  seltener  Uuhm!)  von  einem 
ihm  nicht  wohlgesinnten  Fürsten  einige  Jahre  später 
dafür  ein  sehr  lobendes  Decret  erhielt'-^),  womit  das  auf- 
richtige und  schönere  Lob  des  von  ihm  regierten  Volkes 
übereinstimmte. 


1)  Er  starb  in  Korn,  kaum  aus  Flandeiu  zurückgekehrt,  wo  er 
Statthalter  des  Königs  von  Spanien  gewesen  war.  (S.  Muratori  und 
Bentivoglio,  Storia  delle  guerre  di  Fiandra.) 

-)  Der  durchlauchtigste  Markgraf  Carl  von  Burgau ,  Landgraf  von 
Nellemburg,  Graf  und  Herr  von  Hohenberg,  Feldkirch,  Bregenz  und 
Hohenegg  sagt  in  einem  Schreiben  d.  d.  Ambras,  I.September  1G05: 
„Testamur  his  litteris  nostris  et  aiinexo  sigillo  nobilem  et  fidelem  nosirum 
Antoniiim  Albitium  frafri  nostro  reverendissimo  D.  D.  Ändreae  Archi- 
dtici  et  CardinuU  Ejjiscopo  Constantiensi  et  Brixiensi  sacrae  memoriae 
per  i'iginti  et  quatuor  integros  annos ,  donec  ad  ipsitis  dicti  fratris  nostri 
obitum,  primo  quideni  ut  Cubicularium  i7iser risse,  deinde  vero  Dicasterii 
praesidem  a  consilüs  intlmioribus  f wisse ,  gravissimas  quasque  commissiones 
et  negotia  nonnunqitam  Cancellarii  vices  summo  fructu  et  fide  substinuisse, 
et  talem  se  praestifisse  vt  Rererendiss:  Cardinalis  singulari  amore  et 
dementia  eum  fuerit  prosecutus,  Albitiumque  ob  eruditionevi  et  in  rebus 
gerendis  felicifafem  et  candorem  maxima  laude,  qua  dignissimiis  erat, 
rommendarit." 


Antonio  degli   Albizzi.  293 

Von  allen  Fesseln  des    Fürstendienstes  also    befreit 
wollte  Antonio  sich  auch  von  andern  Banden  unabhängig 
machen.      Mazzucchelli   schreibt,    er   kenne    die    Grinide 
nicht  aus  welchen  er  ein  Anhänger  des   Protestantismus 
geworden   sei;    diese  Worte  müfsten  Jeden  zum   Lachen 
reizen,    der  nicht   bedächte,    in   welcher   Zeit   und   unter 
welchen  Einfliissen  der  gute  Gelehrte  schrieb.    Wir  sagen 
dagegen,    dafs   Antonio    schon  1585   begonnen   hatte,  die 
Lehren  der  Keformation  zu   prüfen,    dal's  er  aber,    bevor 
er  sich  zu  einem  Glaabenswechsel  entschied,  theologische 
Studien  trieb,  die  er  dann  in  Clausen  und  in  Krain  fort- 
setzte.    Als  er  sich  über  alle  Zweifel  vollständig  beruhigt 
fühlte,  ging  er  nach  Florenz,  wo  er,   da  der  Schein  der 
Scheiterhaufen   des    Carnesecchi   und   Aonio  Paleario    die 
Hauptstadt  der  Mediceer  noch  immer  blutig  färbte,  seine 
Familienangelegenheiten  in  Ordnung  zu   bringen  sich  be- 
eilte, und  einen  Theil  seiner  Güter  unter  der  Bedingung  ver- 
kaufte ,  dafs  der  Preis  ihm  durch  Vermittlung  der  venetiani- 
schen  Bank  in  Lmsbruck  ratenweise  ausbezahlt  würde.  — 
Während  er  sich  aber  zu  diesem  Zweck  in  Italien  aufhielt, 
schloi's  er  mit  einem  adeligen  Landsmanne   Freundschaft, 
der  gleichfalls  den  religiösen   Neuei'ungen    zugethan   war, 
vmd  kam  dadurch  in  die   grölste    Gefahr.     Beide   wurden 
durch  aufgefangene  Briefe  der  Inquisition  verdächtig,  der 
Freund  ins  Gefängnil's    geworfen,    und    er   selbst  entkam 
nur  mit  genauer   Noth   nach   Innsbruck.    —    Nachdem   er 
aber  wahrgenommen,    dafs    der   neue   liegent  Tirols   und 
Vorderösterreichs,  Erzherzog  Maximilian,  den  Reformirteii 
abgeneigt  sei,  begab  sich  Antonio   zwei   Jahre   später  in 
die  freie  Iveichsstadt   Augsburg,   wozu   ihn   alte   Freund- 
schaft   mit    Marcus    Welser,    dem    Bürgermeister    jener 
Stadt,  und  der  Wiuisch   bewog,   sein   schon    angefiihrtes 
Werk  über  die  Wappen  zu  veröffentlichen.    Da  ihm  aber 
schien,    dals   die    alte   Freundschaft   Weiseres    durch    den 
Argwohn    seiner    Religionsänderung    erschüttert    worden 
sei,    so   zog    er   sieben    Monate  später   nach   Kempten  in 
Schwaben,  wo  er  am   12.  April   KjOO  in  der  IloHhung  an- 
kam, dafs  seine  florentinischen  Anveiwandten  ihm  wenig- 


294  Oikiiidiiii 

stens  einen  Theil  seines  väterlichen  Vermögens  würden 
zukommen  lassen.  Aber  Aberglaube  und  Fanatismus 
hatten  ihr  Her/  gegen  jedes  Gefühl  der  Gerechtigkeit 
und  Menschlichkeit  verhärtet;  Antonio,  in  seinen  Hofi- 
nungen  getäuscht,  ergab  sich  in  seine  Armuth  mit  hohem 
und  starkem  Geiste,  und  verlebte  so  in  würdevoller 
Dürftigkeit,  einsam,  ruhig  und  mit  seinen  Studien  be- 
schäftigt bei  Johann  Greiter  17  Jahre,  den  Rest  seiner 
Tage  aber  bei  Joseph  König,  Bibliothekar  und  Professor 
in  obengenannter  Stadt.  Er  ergab  sich  während  dieser 
ganzen  Zeit  fast  auschliefslich  dem  Studium  der  Theologie 
und  schrieb  auf  Anmahnen  des  Johannes  Cappelius  An- 
merkungen zu  den  theologischen  Werken  des  Luther, 
Brentius  und  Ilunnius,  so  wie  eine  lateinische  Abhand- 
lung: ,-)Dß  principiis  religionis  christianae"^  welche  Ar- 
beiten er  IGIO  und  1617  veröffentlichte.  ^)  Er  war  nicht 
zu  bewegen,  in  den  Dienst  anderer,  selbst  protestantischer, 
Fürsten  zu  treten,  um  nicht  in  den  Verdacht  zu  kommen, 
dafs  er,  sei  es  aus  Rache  oder  aus  Gewinnsucht,  fähig 
sei,  an  irgend  Jemand  die  vielen  und  wichtigen  Geheim- 
nisse zu  verrathen,  die  ihm  über  das  Haus  Oesterreich 
zur  Kenntnifs  gekommen  v/aren.  Er  war  in  diesem  Punkte 
so  zartfühlend  oder  strenge,  dafs  er  kurze  Zeit  vor  sei- 
nem Tode  eine  grofse  Anzahl  von  Briefen  und  andern 
Schriften,  die  sich  auf  wichtige  Geschäfte  bezogen,  bei 
denen  er  betheiligt  gewiesen  war,  den  Flammen  übergab 
und  so  viele  für  die  Geschichte  sehr  bedeutende  Docu- 
mente    vernichtete,    damit  seine    früheren   Herren  nichts 

')  Mazzucchelli  behauptet,  dafs  das  Werk,  „De principiis  religionin 
fhristiaiiue"  1612  erschienen  sei.  —  Derselbe  führt  im  Verzeichnifs 
der  Werke  des  Antonio  nocli  „Sermones  in  Matthaeum"  Augiistae,  1C09. 
8^*.  an.  —  Einige  wollten  dem  Antonio  auch  das  berühmte  Werk: 
.,Squif/iino  ilel/d  Li/jcrtä  Vene/a"  zuschreiben,  für  dessen  Verfasser  An- 
dere den  M.  Welser  halten  ,  nach  Mazzucchelli  rührt  es  aber  von  Al- 
fonso  della  Cueva  her.  —  Der  Jesuit  Negri  hält  Antonio  auch  für  den 
Verfasser  der  Lebensbeschreibung  des  l'iero  degli  Albizzi,  die  als 
Manuscript  von  Jacopo  Gaddi  citirt  wird,  es  scheint  aber,  dafs  sie 
von  dem  blinden  Strozzi  nach  Quellen ,  die  er  von  unserm  Antonio 
erhielt ,  zusammengetragen  wurde. 


Antonio  degli  Albizzi.  295 

Anderes  ihm  gegenüber  bereuen  müfsten,  als  dals  sie 
seine  Dienste  so  schlecht  belohnt  hätten. 

So  war  nunmehr  das  Jahr  1G2(J  herangekommen.  Bis 
jetzt  hatte  ihn  seine  Beständigkeit  davor  bewahrt,  den 
Liebkosungen,  Drohungen  und  Quälereien  seiner  erzürn- 
ten Verwandten  nachzugeben,  die  alles  Mögliche  airfbo- 
ten,  um  ihn  zimi  alten  Glauben  zurückzuführen;  zur 
rechten  Zeit  befreite  ihn  nun  der  Tod  von  schwereren 
Drangsalen.  Am  4.  Juni  des  genannten  Jahres  wurde 
unter  bewaffneter  Bedeckung  au  die  Thore  des  Klosters 
von  Kempten  eine  Vorladung  der  Inquisition  angeschla- 
gen, in  welcher  Antonio  aufgefordert  wurde,  sich  binnen 
drei  Monaten  in  Rom-  zu  stellen,  um  sich  über  seine  re- 
ligiösen Ansichten  zu  verantworten.  Er  war  aber  schon 
seit  sechs  Tagen  tödtlich  erkrankt  und  erfuhr  nichts 
mehr  davon :  fast  sein  ganzes  kleines  Vermögen  vermachte 
er  der  Schule  von  St.  Anna  in  Kempten  und  starb 
treu  den  Grundsätzen  der  Augsburgischen  Confession 
am  17.  Juli  im  Alter  von  78  Jahren,  (3  Monaten  und  22 
Tascen.  Am  folgenden  Tage  wurde  er  auf  dem  Kirch- 
hofe  von  Kempten  begraben,  seiner  Leiche  folgten  der 
Rath  und  die  angesehensten  Bürger  dieser  Stadt,  so  wie 
alle  Lehrer  und  Schüler  der  oben  erwähnten  Schule. 
Der  Stadtpfarrer  Jacob  Zermann  hielt  ihm  die  Leichen- 
predigt. ') 

Antonio  war  ein  Mann  von  grofsem  Verstände  und 
in  den  AVelthändeln  sehr  erfahren,  zugleich  von  hohem 
und  edlem  Geiste,  der  sich  nie  zu  etwas  Gemeinem  er- 
niedrigte. Er  besafs  bis  zuletzt  ein  aulserordentlich  gu- 
tes und  sicheres  Gedächtnifs ,  und  auserlesene  und  man- 
nichfaltige  gelehrte  Kenntnisse.  Aulser  der  Muttersprache 
verstand  er  Griechisch,  Lateinisch,  Spanisch,  Deutsch 
und  Vandalisch.2")     Au<-h   Musik    liebte    und    tricl»   er   in 


')  Diese  Lt-iclii-nredo  scheint  nie  vuUständi}^  verölVentliclii  wor- 
den zn  sein. 

'-)  Vdiulalicu!  walirsclieinlicli  ist  Wendisch  oder  Sloveniseh  ge- 
meint, da  er  längere  Zeit  in  Krain  Statthalter  war.    Anm.  d.    Ueh^. 


29G  ürlandini.     Aiitouiu   dt-gli   Albi/.zi. 

ausgezeichneter  Weise,  eine  Kunst,  die  damals  eine  Zierde 
und  ein  Trost,  heutzutage  häufig  nur  ein  Aergernils  und 
eine  Modethorheit  ist.  Er  sah  wohlwollend  aus ,  aber  zu- 
gleich würdevoll  und  hcldenmäisig.  ^)  Arm  verliels  er 
seine  Aemter,  ehrlich  die  Höfe. 


1)  Ein  schönes  Porträt  von  ihm  befindet  sich  in  dem  mehr  er- 
wähnten Werke:  Principum  etc.  Es  stellt  ihn  im  Alter  von  beiläiilig 
00  Jahren  dar,  in  bürgerlicher  Kleidung,  kahl  mit  langem,  dichtem 
Barte,  und  hat  folgende  Umschrift:  Antonius  Albitius  nobilis  Floren- 
tinus  -{■.  Unter  dem  Bilde  befindet  sich  nachstehender  Lobspriich  auf 
ihn,  der  unterschrieben  ist:  J.  P.  Crusius  P.  L.  C. 

Ingemite  o  Reges,  Procerumque  illustria  corda: 

Desiit  hie  vestrum  continuare  geiAs. 
Quaerite  nunc  alium.  Sed  pol!  mirabor  in  aevum 
Albitio  similis  si  super  orbe  datur. 

Orlandini. 
Florenz,  am  25.  September  1801. 

(Aus  der  italienischen  Handschrift  übertragen.) 


Lemcke.     Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  297 


Ueber  eimVebei  der  Kritik  der  traditionellen 

schottischen  Balladen  zu  beobachtende 

Grundsätze. 

(Schlufs.) 

Wenden  wir  die  obigen  allgemeinen  Betrachtungen 
auf  die  epische  Volksdichtung  Schottlands  an ,  so  läl'st 
sich  die  romantische  oder  aristokratische  Periode  derselben 
mit  ziemlicher  Sicherheit  abgrenzen.  Sie  beginnt  etwa 
o-leichzeitior  mit  den  ersten  Denkmälern  der  Kunstdichtung 
und  endet  mit  dem  Verfall  der  feudal-ritterlichen  Institu- 
tionen, die  sich  bekanntlich  in  Schottland  etwas  länger 
erhielten,  als  in  den  übrigen  westeuropäischen  Ländern. 
Man  wird  wohl  so  ziemlich  das  Richtige  treffen,  wenn 
man  die  Einführung  der  Reformation  als  die  äufserste 
Grenze  bezeichnet ,  bis  zu  welcher  eine  Volksdichtung 
im  Sinne  der  zweiten  natürlichen  Periode  in  Schottland 
noch  möglich  war. 

Hier  drängt  sich  nun  aber  unabweislich  eine  ernste 
Frage  auf.  Bekanntlich  nämlich  werden  insgemein  die 
brittischen  Balladen,  speciell  die  schottischen,  als  Erzeug- 
nisse eines  besondern,  professionellen  Sängerstandes,  der 
sogenannten  Minstrels^  betrachtet,  einer  Menschenklasse, 
deren  Existenz  historisch  erwiesen,  deren  gesellschaft- 
liche Stellung  und  poetische  Wii-ksamkeit  jedoch  in  Folge 
von  groben  Verwechselungen  und  ungehörigen  Verglei- 
chungen  mit  ähnlichen  Klassen  anderer  Perioden  und  Na- 
tionalitäten, seit  hundert  Jahren  zu  einer  auch  heutzutage 
noch  nicht  völlig  entschiedenen   Streitfrage  geworden  ist. 

Eine  Erörterung  derselben  in  ihrem  ganzen  Umfange 
liegt  aufserhalb  der  Grenzen  unserer  Aufgabe.  Es  fragt 
sich  hier  nur,  wie  die  Annahme,  dafs  die  Balladen  insge- 
mein Producte  solcher  Minstrels  seien,  mit  dem,  auf  einem 
literarhistorischen  Gesetze  beruhenden  Ursprünge  der  ro- 
mantischen Balladen  in  den  höhern  Kreisen  der  Gesell- 
schaft, in  Einklang  zu    bringen   ist,   mit   andern  Worten, 


298  Lenicke 

was  für  Leute   wir   uns   unter   den   schottischen   Minstrels 
dieser  Periode  der  Volksdichtung  zu    denken  haben. 

Denn  auch  über  diese  Minstrels,  namentlich  über  ihre 
sociale  Stellung,  lauten  die  historischen  Nachrichten  so 
widersprechend,  dals  daraus  sehr  verschiedene,  wo  nicht 
entgegengesetzte  Schlüsse  bezüglich  ihres  Antheils  au  der 
Balladendichtung  gezogen  werden  können  und  auch  wirk- 
lich gezogen  worden  sind.  Die  deutsche  Forschung,  fest- 
haltend an  der  ursprünglichen  Bedeutung  des  Wortes 
(ministerialis)  sieht  nämlich  auch  in  diesen  Minstrels  aus- 
schliefslich  Dienstmannen  der  Edlen,  deren  Obliegenheit 
in  dem  Vortrage  von  Gesängen  mit  Instrumentalbegleitung 
bestand,  also  die  directen  Nachfolger  der  normannischen 
menetriers.  Der  Minstrel  dagegen ,  welchem  die  englischen 
und  schottischen  Literarhistoriker  die  Balladen  zuschrei- 
ben, erscheint  in  ihrer  Schilderung  lediglich  als  ein  pro- 
fessioneller fahrender  Sänger ,  der  von  Ort  zu  Ort  ziehend 
seine  Kunst  als  Mittel  zum  Broderwerb  übte.  Beide  An- 
sichten können,  wie  gesagt,  mit  gleicher  Leichtigkeit 
aus  den  spärlichen  historischen  Nachrichten  über  die 
Minstrels  dieser  Periode  gewonnen  werden.  Die  erstere 
würde  dem  Ursprünge  der  romantischen  Balladen  in  den 
aristokratischen  Kreisen  nur  zur  Bestätigung  dienen,  wie 
denn  F.  Wolf)  auch  der  Meinung  ist,  ,,dars  diese  Er- 
zeugnisse edler  Ritter  und  adliger  Frauen  von  ihren 
Dienstmannen  (Minstrels)  in  den  Hallen  der  Burgen  und 
Schlösser  gesungen  wurden",  und  diese  Minstrels  gleich 
darauf  ausdrücklich  den  fahrenden  Sängern  entgegenstellt. 
Die  englische  Ansicht  dagegen  Heise  sich  niitjenem  Ur- 
sprünge nur  vereinigen,  wenn  man  sich  auch  diese  wandern- 
den Minstrels  als  Männer  von  ritterlicher  Herkunft  denken 
dürfte,  wozu  jedoch  die  Nachrichten  keineswegs  berech- 
tigen, oder  aber  wenn  man  den  Antheil  der  herrschenden 
Klassen  an  der  Volksdichtung  dieser  Periode  auf  das 
bescheidene  Maal's  einer  blofsen  Pflege  und  Begünstigung 


')  In  welchen  Kreisen  etc.  S.  XVII.  Vgl.  auch,  was  A.  WoH'  in 
der  Anzeige  von  Aytoun's  Ballads  of  Scotland  in  diesem  Jahrb.  Bd.  II. 
S.  213  über  dessen  Ansiebt  von  den  verschiedenen  Versionen  der 
Balladen  sagt. 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  209 

derselben,  wodurch  sie  ihren  Charakter  und  ihre  Färbung 
erhalten,  zurückführen  könnte. 

Wie   lassen    sich   diese    Widersprüche    mit    einander 
reimen  ? 

Es  scheint  mir,  als  sei  auch  bei  dieser  Untersuchung, 
wie  bei  manchen  ähnlichen,  der  Irrthum  im  Spiele  gewe- 
sen, die  Verhältnisse  unseres  modernen,  winkelrecht  zu- 
geschnittenen und  einfarbigen  Lebens  in  das  vielgestal- 
tige, färben-  und  nuancenreiche  des  Mittelalters  zu  über- 
tragen. Man  glaubt  unter  dem  Namen  Minstrel  eine  be- 
stimmt abgegrenzte,  genau  zu  charakterisirende  Menschen- 
klasse verstehen  und  ihr  daher  auch  eine  bestimmte,  entwe- 
der hohe  oder  niedrige,  Stellung,  eine  bestimmte,  ehren- 
volle oder  verachtete  Wirksamkeit  beilegen  zu  müssen. 
Man  vergifst  dabei,  dafs  die  Nuancen  der  mittelalterlichen 
Verhältnisse  viel  zu  zahlreich  waren,  als  dafs  die  Sprache 
ihnen  immer  hätte  folgen  können  und  dafs  daher  ein  und 
derselbe  Ausdruck  eine  grolse  Mannichfaltigkeit  von  Ver- 
hältnissen bezeichnen  kann.  Nach  den  vorhandenen  Nach- 
richten über  die  Minstrels  kann  ich  mich  nun  nicht  iiber- 
zeugen,  daCs  dieses  Wort  in  der  Periode,  von  welcher 
hier  die  Rede  ist,  in  Schottland  irgend  etwas  Anderes 
bezeichnet  habe,  als  einen  volksthümlichen  Sänger  im 
Allgemeinen  und  ohne  Rücksicht  auf  irgend  ein  dienst- 
liches Verhältnifs.  Die  Erinnerung  an  den  Ursprung  des 
Wortes,  das  Gefühl  seiner  ursprünglichen  Bedeutung, 
war,  wenn  nicht  vollständig  geschwunden,  doch  im  raschen 
Schwinden  begrifien.  Der  Name  Minstrel  scheint  somit 
keinen  Schlufs  auf  ein  dienstliches  Verhältnifs  mehr  zu 
rechtfertigen.  Dagegen  lassen  die  nicht  selten  sehr  von  ein- 
ander abweichenden  Andeutungen  der  gesellschaftlichen 
Stellung  der  Minstrels  auch  dieser  Periode,  schlieCsen, 
dafs  der  Name  die  generelle  Bezeichnung  für  mehrere, 
mehr  oder  weniger  geachtete  Klassen  von  Sängern  war, 
nämlich  die  eigentlichen  Minstrels,  welche  in  dienstlic^lien 
Vcrliiiltnissen  zu  den  Etilen  standen  und  wenigstens  zum 
Theil  ritterlicher  Abkunft  gewesen  sein  mögen,  und  die 
ivandernden  Minstrels,  die  frei  von  Ort  zu  Ort  ziehend, 
ihre  Kunst  als  Brotcrwerl)  trieben.     Diese  letzteren  waren 


3(X)  Lcincke 

wohl  duich<5ängig  auch  schon  in  dieser  Periode  Männer 
aus  dem  Volke,  zerfielen  aber  wahrscheinlich  wieder  in 
eine  höhere  Gattung,  welche  vorzugsweise,  wenn  nicht 
ausschlielslich,  die  Burgen  der  Edlen  frequentirte  und  in 
eine  niedere,  welche  die  Kunst  vor  dem  gemeinen  Volke 
übte.  Ich  zweifle  nicht,  daCs  die  in  den  Zeugnissen  häufig 
neben  einander  vorkommenden  Bezeichnungen  menestrel 
und  haiyer  sich  auf"  diesen  Unterschied  beziehen,  daJs 
sie   aber  gewifs  auch  oft  promiscue   gebraucht  wurden. 

Diese  fast  unzweifelhafte  Herkunft  der  wandei-nden 
Minstrels  aus  dem  niederen  Volke,  so  wie  ihr  ganz  berufs- 
mäfsiges  Verfahren  scheinen  vorzugsweise  Grund  zu  sein, 
dafs  die  aufserenglische  Kritik  sich  scheut,  ihnen  einen 
productiven  Antheil  an  der  Volksdichtung  dieser  Periode, 
speciell  an  den  romantischen  Balladen,  zuzuerkennen  und 
sie  höchstens  als  Absinger  und  Verbreiter  derselben  gel- 
ten lassen  will.  Dieses  Bedenken  scheint  jedoch  nicht 
gerechtfertigt.  Denn  in  dieser  Periode  war  ja  der  Adel 
noch  durchaus  volksthümlich ,  er  galt  noch  als  die  Nation 
par  excellence ,  seine  Dichtung  war  Nationaldichtung.  Ein 
vollständiger  Gegensatz  zwischen  ihm  und  dem  Gliederen 
Volke  bestand  in  der  Dichtung  nur  für  diejenigen  Gat- 
tungen, welche  bereits  Kunstformen  angenommen  hatten. 
Das  gemeine  Volk  nahm  an  den  Geschicken  der  höheren 
Klassen  kaum  geringeren  Antheil  als  diese  selbst.  Es 
freute  sich  nicht  minder  der  poetischen  Darstellung  sol- 
cher Thaten  und  Ereignisse,  deren  Helden  jenen  Klassen 
angehörten,  es  war  nicht  minder  befähigt  dieselben  poe- 
tisch aufzufassen,  und  in  der  Färbung  welche  die  ganze 
Gesellschaft  trug,  darzustellen.  Die  Volksdichtung  der  gan- 
zen Periode  trug  daher,  auch  wenn  sie  von  Männern  aus 
dem  niederen  Volke  geübt  wurde,  ganz  natiirlich  das 
Costüm  derjenigen  Schicht,  welche  das  Volk  par  excel- 
lence war.  Erst  nachdem  das  organische  Band  zwischen 
beiden  Schichten  vollständig  zerrissen  war,  als  jede  der- 
selben sich  ausschlielslich  in  ihrem  eigenen  Kreise  von 
Ideen  und  Anschauungen  bewegte ,  erst  da  trat  für  beide 
die  Unmöglichkeit  ein,  in  der  objectiven  Darstellung  des 
Lebens  diese  Kreise  zu  verlassen,   erst    da   wurden  Her- 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  301 

kunft  und  Lebensstellung  des  Sängers  entscheidend  für 
den  Charakter  seiner  Erzeugnisse,  erst  da  konnte  ein 
Minstrel  aus  dem  niederen  Volke  keine  aristokratische 
Ballade  mehr  schaöen. 

Es  scheint  daher  den  überlieferten  Thatsachen  so- 
Avohl  wie  der  Natur  der  Dinge  entsj^rechend ,  nicht  einer 
einzigen  der  genannten  Klassen  von  Volkssängern,  son- 
dern allen  diesen  Klassen  einen  productiven  Antheil  an 
der  Balladendichtung  dieser  Periode  zuzuschreiben,  ''so 
zwar,  dafs  dieselben  sich  in  deren  Pflege  ablösten.  Kann 
man  also  nach  den  natürlichen  Gesetzen  der  Volksdich- 
tung nicht  umhin,  sich  Männer  aus  dem  Kreise  der  Ed- 
len selbst  als  die  ers-ten  Sänger  romantischer  Balladen, 
gewissermalsen  als  die  Schöpfer  der  Gattung,  vorzustellen, 
so  darf  auch  ohne  Bedenken  angenommen  werden,  dafs 
von  ihnen  diese  Dichtung  zuerst  auf  ihre  Hausminstrels 
und  von  diesen  auf  die  wandernden  Sänger,  gleichviel 
welcher  Herkimft,  überging,  so  dafs  die  beiden  letzteren 
Klassen  aus  blofs  vortraf/enden  Sängern,  die  sie  anfangs 
waren,  successiv  zu  selbst  producirenden  Sängern  wurden. 

Dieses  Bild  des  Vorganges  löst  nicht  nur  den  schein- 
baren Widerspruch  der  geschichtlichen  Thatsachen  unter 
sich  und  mit  den  natürlichen  Gesetzen  der  Volksdichtuno-, 
sondern  es  scheint  gerade  dem,  wie  wir  gesehen  haben, 
abwärts  steigenden  Laufe  der  letzteren  vollkommen  zu 
entsprechen.  In  dem  Maafse,  wie  die  gesellschaftliche 
Entwickelung  ihren  Fortgang  nahm,  wurde  der  anfimgs 
productive  Antheil  der  Edlen  an  dem  volksthümlichen 
Gesänge  zu  einem  blofs  passiven  Wohlgefallen,  einer 
blofsen  Protection,  und  war  "vielleicht  schon  zu  Ende  der 
Periode  zu  einer  reinen  Dulduno"  herab<resunkcn. 

Wenn  nun  aber  auch,  wie  wir  oben  gesehen,  der 
allgemeine  Charakter  der  romantischen  Ballade,  wie  er 
Folge  ihres  ersten  Ursprungs  und  des  allgemeinen  Cha- 
rakters der  Periode  ist,  durch  den  oben  angedeuteten 
Gang  nicht  alterirt  wurde,  so  konnte  letzterer  doch  im 
Einzelnen,  sowohl  was  den  Inhalt,  wie  die  Form  der 
Balladen  betrifft,  nicht  ganz  ohne  Einfluls  bleiben.  Ein 
gewisses  Gepräge  muCste  die  Balhulf  von  dem  bestiimuten 


302  Lemcke 

Sängerkreise  in  welchem  sie  entstand  erhalten.  Es  ist 
nun  kein(>ni  Zweifel  untcrworlen,  dals  ein  groi'scr  Theil 
der  Verschiedenheiten  in  Stoü'  und  Form,  welche  wir  in 
den  romantischen  Balladen  wahrnehmen,  sich  auf  jenen 
Entwickelungsgang  zurückfiihrcn  lälst  und  hiermit  ist, 
wie  mir  scheint,  ein  sichererer  Anhaltspunkt  für  die 
Kritik  gewonnen,  als  die  bisherige  Annahme   ihn  darbot. 

Eine  auf  die  obigen  Voraussetzungen  gestützte  Ein 
zelkritik  durch  den  ganzen  Balladenschatz  durchführen 
zu  wollen,  würde  nun,  wo  nicht  ganz  unmöglich  sein, 
doch  jedenfalls  die  Kräfte  eines  Einzelnen,  auch  wenn 
er  der  Aufgabe  einen  guten  Theil  seines  Lebens  widmen 
könnte,  übersteigen.  Indessen  zwischen  einem  solchen 
Ideal  einer  Kritik  und  der  in  vagen  Conjecturen  herum- 
tappenden bisherigen  Kritik  der  Engländer  liegen  noch 
mehrere  Stufen  der  Vollkommenheit,  welche  zu  erreichen 
nicht  mühsamer,  wohl  aber  verdienstlicher  ist,  als  das 
sogenannte  Collationiren.  Obige  auf  die  Geschichte  und 
die  Natur  der  Dinge  gestützten  Voraussetzungen  sollen 
daher  nur  als  im  Allgemeinen  mafsgebend  und  wegweisend 
bei  der  ungefähren  Bestimmung  des  Alters  und  bei  der 
Erklärung  der  verschiedenen  Formen,  in  welchen  die  Bal- 
laden uns  erhalten  sind,  empfohlen  werden,  anstatt  der 
bisherigen  weder  durch  geschichtliche  Thatsachen  noch 
durch  Vernunftgründe  gestützten  Vernuithungen,  zu  wel 
chen  die  englische  Kritik  durch  die  Annahme  einer  Min- 
strelklasse,  über  deren  eigentliche  Stellung  sie  gar  nicht 
vollkommen  klar  war,  fast  unausbleiblich  geführt  werden 
mufste. 

Mit  Rücksicht  auf  unsere  Aimahmen  hat  nun  die 
wissenschaftliche  Kritik  zunächst  die  Aufgabe,  bei  der 
Bestimmung  des  Alters  einer  Ballade  nicht,  wie  bisher 
vorzugsweise  geschehen,  die  Form^  in  welcher  sie  erhal- 
ten ist,  sondern  auch  den  Stof  zu  berücksichtigen.  Unter 
dem  Stoffe  aber  verstehen  wir  hier  nur  den  Charakter 
der  erzählten  Begebenheit  im  Allgemeinen  und  ohne 
Rücksicht  auf  einzelne  Züge.  Dieser  Stoif  ist  nämlich 
l)is  jetzt  bei  den  romantischen  Balladen,  auch  selbst  in 
denjenigen  Sammlungen,  welche  schwache   Versuche  zur 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  303 

chronologischen  Anordnung  gemacht  haben,  fast  gar  nicht 
heran  gezogen  worden.  In  den  meisten  Sammkmgen 
stehen  die  Balladen  bunt  durch  einander  und  nur  Child 
hat  einen  nicht  sehr  glücklichen  Versuch  gemacht,  sie 
unter  gewisse  Kategorien  zu  bringen,  welche  jedoch  für 
den  hier  in  Rede  stellenden  Zweck  ganz  bedeutungs- 
los sind. 

Wie  alt  eine  Ballade  ihrem  Stof  nach  ist,  d.  h.  auf 
welche  Zeit  der  Charakter  der  erzählten  Begebenheit  hin- 
weist, ob  daher  die,  wenn  auch  relativ  alte  Form,  in 
welcher  sie  vorliegt,  wirklich  die  älteste  ist  und  nicht 
vielmehr  auf  eine  noch  ältere  schliefsen  lä(st,  das  sind 
Fragen,  welche  sich  die  bisherige  englische  Balladenkritik 
selten  oder  nie  vorgelegt  hat.  Trägt  eine  Ballade  über- 
haupt nur  das  feudal -ritterliche  Costüm,  ist  sie  einiger- 
maCsen  frei  von  augenscheinlichen  modernen  Interpola- 
tionen und  besitzt  sie  vor  allen  Dingen  „  merit",  so  meint 
der  Kritiker  nichts  weiter  mit  ihr  zu  thun  zu  haben.  Sie 
kommt  mit  andern  von  denen  sich  ein  o;leiches  Saiden 
läfst  auf  gleiche  Linie  zu  stehen.  Kein  Wunder  daher, 
wenn  wir  in  den  Sammlungen  Stücke  dicht  neben 
einander  gestellt  finden  oder  doch  als  gleichwerthig 
behandelt  sehen,  zwischen  welchen  wissenschaftlich  be- 
trachtet, eine  weite  Kluft  besteht,  weil  ihre  erste  Ent- 
stehung zu  einer  und  derselben  Zeit  eine  absolute  Un- 
möglichkeit ist,  wenn  sie  überhaupt  noch  als  ächte  Volks- 
dichtung^ d.  h.  als  rein  objective  poetische  Darstellungen 
des  Lebens  gelten  sollen.  Keinem  einigermafsen  aufmerk- 
samen Beobachter  kann  es  entgehen,  daCs  ein  Theil 
der  vorhandenen  Balladen,  dem  Charakter  der  erzählten 
Begebenheit  nach,  in  der  ältesten  Zeit  der  Periode, 
wahrscheinlich  also  in  den  ritterlichen  Kreisen  selbst,  hat 
entstehen  müssen,  während  andere  wiederum  schon  durch 
den  Stoft'  vermuthen  lassen,  daCs  sie  erst  in  den  Kreisen 
der  wandernden  Minstrcls  ihren  Ursprung  genommen 
haben.  Das  Alter  des  Stoftes  und  das  Alter  der  Form 
sind  also  zwei  stets  von  einander  getrennt  zu  haltende 
Dinge.  Dafs  freilich  eine  Scheidung  der  Balladen ,  welche 
von    den   Minstrels    nur    nachgesungen    und    ül)erarl)eitet 


304  Lenicke 

wurden,  von  denen,  als  deren  erste  Bearbeiter  sie  gelten 
können,  zu  den  allerschwierigsten  Operationen  gehört, 
die  nicht  allein  das  feinste  Gefühl  des  Kritikers,  sondern 
auch  in  grofsem  Mafse  die  Zuhiilfenahme  der  Kulturge- 
schichte erfordern,  liegl  auf  der  Iland. 

Würde  nun  eine  solche  Scheidung,  wenn  ihre  Durch- 
führung durch  den  ganzen  Balladenschatz  möglich  wäre, 
vuizweifelhaft  einen  sehr  grofscn  Theil  der  romantischen 
Balladen,  ihrem  ersten  Ursprünge  nach  auf  die  ritterlichen 
Kreise  selbst  zurückführen,  so  mufs  dagegen  leider  auch 
anerkannt  werden,  dafs  wir  nur  einen  sehr  kleinen  Theil 
der  Balladen,  ich  will  nicht  einmal  sagen  in  ihrer  aller- 
ersten Gestalt,  sondern  nur  in  einer  der  allerersten  nahe 
kommenden  Gestalt  besitzen.  Diese  letzteren  herauszu- 
finden ist  schon  für  ein  einigermafsen  geübtes  Ohr  durch- 
aus nicht  so  schwierig  und  die  englischen  Kritiker  sind 
daher  in  diesem  Punkte  noch  am  glücklichsten  gewesen, 
obwohl  auch  hier  derjenige  am  sichersten  zu  gehen 
scheint,  der  sich  der  natürlichen  Gründe  der  Erscheinung 
bewufst  ist. 

Als  unmittelbare  Nachfolgerin  des  alten  historischen 
Liedes  hatte  die  romantische  Ballade  unstreitig  zu  An- 
fang ganz  den  Charakter  desselben,  d.  h.  sie  war  die 
rein  ohjective  poetische  Darstellung  eines  das  Gemüth  des 
Volkes  ergreifenden  Ereignisses,  welches  sich  von  dem 
dem  historischen  Liede  zum  Grunde  liegenden  durch 
nichts  als  durch  seine,  so  zu  sagen  mehr  jjn'vaiö  Natur 
unterschied.  Sie  wendete  sich  daher  zunächst  und  ur- 
spriinglich  an  solche  Hörer,  die  mit  dem  Ereignisse  selbst, 
gleich  viel  ob  ein  wirkliches  oder  eine  gangbare  Tradi- 
tion, der  Haui^tsache  nach  bereits  bekannt  waren.  Der 
Sänger  will  nichts  weiter,  als  das  Geschehene  vor  der 
Phantasie  seiner  Hörer  wiederholt  lebendig  voriiberfiihren. 
Er  bedarf  daher  keiner  detaillirten  Darstellung,  er  kann 
manche  Einzelheiten  als  bekannt  voraussetzen ,  ihm  genügt 
es,  die  schlagendsten  Züge,  diejenigen,  welchen  die  gröfste 
poetische  Wirksamkeit  inne  wohnt,  zum  Bewulstsein  zu 
bringen,  während  er  alles  Unwesentliche,  Selbstverständ- 
liche oder  weniger  Wirksame  verschweigt.     Ihm  genügen 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  3Q5 

die  stärkeren  Linien,  deren  Anschauung  er  es  überläfst, 
die  feineren  Umrisse  und  Schattirungen  im  Gemüthe  des 
Hörers  sofort  hervorzuzaubern  und  so  das  ausgeführte 
Bild  des  Vorganges  wieder  vor  ihre  Seele  zu  fi'ihren. 
Daher  jene  treffende  Kürze,  jene  scharfen  Uebergäno-e, 
jene  dramatische  Lebendigkeit,  welche,  im  Verein  mit 
einander,  der  ältesten  Volksdichtung,  für  das  gegenwär- 
tige Geschlecht,  nicht  selten  den  Charakter  des  Prao-^ 
mentarischen  geben,  einen  Charakter,  der  zuweilen  so 
stark  hervortritt,  dafs  schon  manches  ausgezeichnete 
Stück  von  weniger  gewiegten  Herausgebern  für  ein  Frao^- 
ment  gehalten  worden  ist.  Bezüglich  der  schottischen 
Balladen  dieser  älteren  Form  haben  nun  neuere  Kritiker 
die  Hypothese  aufgestellt,  dafs  der  Sänger  seinem  Ge- 
sänge eine  erzählende  Einleitung  in  Prosa  voraufgeschickt 
und  auch  zwischen  den  einzelnen  Strophen  solche  Er- 
gä,nzungen  der  Erzählung  hinzugefügt  habe.  Li  einigen 
Gegenden  der  schottischen  Tieflande  soll  dieser  Gebrauch 
noch  heutzutage  fortbestehen.  Ich  glaube  nun  aber  kei- 
neswegs ,  dafs  derselbe  uranfänglich  war.  Für.  die  älteste 
Zeit  der  Balladendichtung  erscheint  die  Hypothese,  wenn 
man  das  Wesen  der  Volkspoesie  richtig  fafst,  mindestens 
überflüssig.  Aechte  Volksdichtungen  anderer  Nationen, 
beispielsweise  die  ältesten  traditionellen  Romanzen  der 
Spanier,  fiir  welche  eine  solche  Annahme  nicht  zu- 
lässig erscheint,  zeigen  einen  ganz  ähnlichen  Charakter, 
Freilich  sprechen  diejenigen,  welche  die  Hypothese  auf- 
stellen, immer  von  professionellen  Minstrels  und  dafs  bei 
diesen ,  wenigstens  in  vielen  Fällen ,  ein  solcher  Gebrauch 
schon  früh  geherrscht  hat,  mag  angenommen  werden. 
Denn  der  wandernde  Minstrel  wandte  sich  mit  seinem 
Gesänge  an  Hörer,  bei  welchen  er  nur  zum  Theil  und 
in  unvollkommenem  Mafse,  oder  gar  nicht,  auf  Kenntnifs 
der  vorzutragenden  Geschichte  rechnen  konnte.  Für 
solche  Hörer  wäre  daher  schon  in  manchen  Fällen  der 
Zusammenhang  schwer  verständlich  gewesen,  wenn  der 
Sänger  ihn  nicht  zwischendurch  erläutert  hätte.  Sehr 
wahrscheinlich  daher,  dals  die  wandernden  Minstrels 
sich  anfangs  eines  solchen  Commentars  in  Prosa  bedien- 


Jalirl).   f.   rom.   u.  engl.  Lit.    IV.    3. 


21 


;](){]  Lemcke 

teil  und  vielleicht  haben  wir  diese  Form  des  Vortrages 
als  die  erste  jener  Phasen  des  Balladengcsanges  zu  be- 
trachten, welche  im  Laufe  der  Zeit  solch  einen  Ein- 
llufs   auf    die  Gestalt  dieser  Dichtungen  übten. 

Als  nun  aber  der  Minstrel  aus  einem  blofsen  Balladen- 
sänger allmälig  zum  selbst  producirenden  Dichter  wurde 
und  seinen  Bildungsgang  ohne  Zweifel  mit  der  Bearbei- 
tung und  Zustutzung  überkommener  Balladen  begann, 
lag  es  ihm  am  nächsten,  durch  leichte  Veränderungen 
und  Ziisätze,  die  Ballade  auch  fi\r  einen  ihrem  Ursprünge 
ferner  stehenden  Zuhörerkreis  verständlich  und  so  den 
Prosacommentar  iiberfliissig  zu  machen.  So  ging  letzterer, 
wenigstens  in  den  Händen  der  begabteren  Minstrels,  in 
der  Ballade  auf  und  es  entstand  die  erste  von  der  Ur- 
form abweichende,  jedoch  derselben  noch  sehr  nahe  ste- 
hende Fassung.  Da  aber  mehrere  dieser  Minstrels  gleich- 
zeitig ein  und  dieselbe  Ballade  aus  derselben  Quelle  er- 
hielten und  mit  ihnen  auf  ähnliche  Weise  verfuhren,  so 
entstanden  schon  früh  verschiedene  solcher  Redactionen, 
welche  sich  von  der  Urform  nur  durch  die  nöthig  gewor- 
denen kleinen  Erweiterungen  unterschieden,  daher  im 
literarhistorischen  Sinne  einander  gleich  stehen.  Von  dem 
Gange,  welchen  von  da  an  die  Abweichungen  von  der 
Urform  in  den  Händen  der  Minstrels  nahmen  in  dem 
Mafse  wie  diese  von  Generation  zu  Generation  willkiir- 
licher  mit  den  Balladen  verfuhren,  die  mehr  und  mehr 
ihr  alleiniges  Eigenthum  wurden,  wie  sie  aus  Absicht, 
Zufall  oder  Mifsverständnifs  mehr  und  mehr  von  dem 
Ihrigen  hinzuthaten ,  wie  sie  Trümmerstück  auf  Trümmer- 
stück älterer  oder  gleichzeitiger  Traditionen  in  ihre  Neu- 
bauten einfügten,  davon  liegt  die  Geschichte  vor  in  den 
noch  vorhandenen  Versionen,  welche,  obwohl  doch  ge- 
wifs  nur  ein  dürftiger  Ueberrest,  durch  ihre  Anzahl  und 
Verschiedenheit  den  Balladenkritiker  zur  Verzweiflung 
bringen. 

Ich  habe  nur  ein  Weniijes  hinzuzufüo-en  über  die 
dritte  natürliche  Periode  der  Volksdichtung,  welche  für 
Schottland  mit  dem  Verfall  der  feudal-ritterlichen  Institu- 
tionen d.  i.    etwa    mit   der   Zeit   der  Reformation    eintrat. 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  307 

Jener  Verfall  bezeichnete,  wie  überall,  das  Aufhören  des 
organischen  Zusammenhanges  zwischen  beiden  socialen 
Schichten  der  Nation.  Das  Gefühl  der  höheren  Schicht, 
die  Nation  par  excellence  zu  sein,  erlosch.  Wie  überall 
hörten  die  Begriffe  Volk  und  Nation  mehr  und  mehr  auf, 
zusammengedacht  zu  werden,  verlor  das  Wort  „Volk" 
mehr  und  mehr  seine  natiojiale  Bedeutung  und  erhielt 
eine  vorherrschend  sociale .,  diejenige  Schicht  bezeichnend, 
welche  im  Gegensatz  zu  den,  ausländischen  Sitten  und 
Mustern  folgenden  höheren  Klassen,  die  alte  National- 
eigenthümlichkeit  am  treuesten  bewahrt  hatten,  das  nie- 
dere Volk. 

Im  genauesten  Zusammenhange  mit  diesem  histori- 
schen Processe  stand  in  Schottland,  wie  überall,  der 
literarhistorische.  Die  Begriffe  Volksdichtung  und  Na- 
tionaldichtung scheiden  sich  vollständig.  Die  nationale 
Dichtung  tritt  in  allen  Gattungen  als  Kunstdichtung  auf, 
der  sich  nunmehr  die  höheren  Klassen  ganz  zuwenden, 
während  die  Naturdichtung  ausschliefsliches  Eigenthum 
des  niederen  Volkes  bleibt,  das  Wort  Volksdichtung 
also  gleichfalls  eine  vorwiegend  sociale  Bedeutunof  erhält. 

Dieser  Uebersransf  der  Volksdichtung  auf  die  niederen 
Klassen  ist  von  einer  wichtigen  Veränderung  begleitet. 

Nachdem  das  niedere  Volk  losgerissen  ist  aus  seinem 
Zusammenhange  mit  den  höheren  Ständen,  mit  welchen 
es  sich  früher  lebhaft  bewufst  gewesen  war,  wenigstens 
im  nationalen  Sinne  eins  zu  sein,  nachdem  es  angefangen 
hat,  sich  ausschliefslich  in  seinem  eigenen  Ideen-  und 
Anschauungskreise  zu  bewegen,  treten  in  diesen  Ideen 
und  Anschauungen,  mithin  auch  in  semer  Poesie,  zwei 
eigenthümliche  Ziige  hervor,  ein  lyrischer  Zug  und  ein 
humoristischer  Zug.  Der  erstere  hat  zur  Folge,  dafs  in 
der  Poesie  des  niederen  Volkes  die  epische  Gattung  weit 
zurücktritt  hinter  die  Lyrik,  die  nunmehr  das  eigent- 
liche Gebiet  seiner  Naturdichtung  wird.  Der  Rest  von 
epischer  Productions-  und  Gestaltungskraft,  der  ihm  ge- 
blieben ist,  tritt  in  Verbindung  mit  dem  humoristischen 
Zuge  in  Darstellungen  aus  seinem  eigenen  Lebenskreise 
auf.     Es  entsteht,   als  letzte   Form   der  epischen   Volksr 

21* 


308  Lemcke 

dichtung,  tlie  hvmor istische  Ballade,  die  also  immer  der 
dritten  iiatiirlichen  Periode  angehört.  Dafs  ein  grofser 
Reiclithum  an  hnmoristischcn  lialladen  im  Munde  des 
schottischen  Volkes  lebt,  wird  von  allen  Balladensamm- 
lern bestätigt,  leider  aber  ist  das  bis  jetzt  veröffentlichte 
Material  noch  sehr  dürftig,  wie  es  scheint  in  Folge  einer 
übel  angebrachten  Prüderie  der  Sammler,  welche  mehr 
für  den  Theetisch  der  Damen  als  für  den  Studirtisch 
des  Forschers  gearbeitet  haben. 

Wenn  aber  auch  die  eigene  Productionskraft  des 
Volkes  in  der  epischen  Gattung  nur  gering  ist,  so  ist 
es  doch  nicht  seine  Neigung  für  dieselbe.  Es  nährt 
diese  Neigung  daher  mit  dem  ihm  jetzt  als  ausschliefs- 
liches  Eigenthum  zugefallenen  epischen  Liedern  der  vori- 
gen Periode.  Die  Ballade  der  romantischen  Periode  macht 
im  Munde  des  niedern  Volkes  eine  letzte  Formwandlung 
durch,  für  deren  richtige  Erkenntnifs  die  beiden  oben- 
genannten Charakterzüge  in  Betracht  kommen. 

Der  lyrische  Zug  zeigt  sich  in  dem  Hinüberziehen  der 
Ballade  in  das  lyrische  Gebiet,  welches  im  besten  Falle 
sich  auf  eine  blofse  Veränderung  des  Tones  beschränkt, 
nicht  selten  jedoch  bis  zur  förmlichen  Verschmelzung 
eines  älteren  epischen  Liedes  mit  einem  lyrischen  gehen 
kann.  Für  Kenner  des  Stoffes  braucht  man  nur  an  die 
Verbindvmg  zu  erinnern,  welche  das  mit  Recht  hochbe- 
riihmte  Lied  Waly !  Waly!^  eine  der  schönsten  Perlen 
der  lyrischen  Volksdichtung  Schottlands,  mit  mehreren 
romantischen  Balladen  eingegangen  ist,  eine  Verbindung, 
deren  heterogene  Natur  manchen  friiheren  englischen  Kri- 
tikern nicht  einmal  aufgefallen  ist.  Dafs  die  Verbindung 
erst  in  der  dritten  Periode  Statt  gefunden  hat,  leidet  für 
denjenigen,  welcher  die  natürliche  Entwickelung  der 
Volksdichtuno[  nicht  aus  den  Augen  verliert,  gar  keinen 
Zweifel.  Für  andere,  wenn  auch  weniger  eclatante  Bei- 
spiele ist  hier  kein  Raum. 

Der  humoristische  Zug  tritt  hervor  in  dem  Hiuabziehen 
der  Ballade  aus  den  ursprünglichen  höheren  Kreisen  in  die 
niederen,  ja  niedrigsten,  bis  zur  völligen  Verwandlung  des 
tragischen  Charakters  der  ursprünglichen  Ballade  in  den  ho- 


Die  traditionellen  schottischen  Balladen.  309 

mischen.^')  Ein  Theil  der  humoristischen  Balladen  sind 
eben  nichts  anderes  als  solche  Umwandlungen ,  in  welchen 
die  Urballade  oft  nur  dem  scharfen  Blicke  erkennbar  ist. 
Wahrscheinlich  ist  die  Zahl  dieser  Balladen  sehr  grofs  und 
sie  verdienten  als  interessante  Denkmäler  des  wahrhaft  wun- 
derbaren Metamorphosirungsprocesses  der  Volksdichtung 
vor  allen  gesammelt  und  bekannt  gemacht  zu  werden. 

Vorzuo'sweise  dieser  Periode  scheint  endlich  anzuofc- 
hören  die  Verbindung  mancher  besonders  populären  Bal- 
laden mit  anderen,  denen  sie  einigermafsen  als  Schluls 
dienen  können.  So  hat  die  Ballade  Sweet  William'' s  Ghost 
das  Schicksal  gehabt,  mehreren  mit  dem  Tode  des  Lie- 
benden endigenden  Balladen  als  Anhängsel  beigegeben 
zu  werden  und  auch  dabei  hat  das  kritische  Gewissen 
mancher  Herausgeber  sich  nicht  weiter  empört.  Als 
einen  eclatanten  Fall  dieser  Art  kann  ich  nicht  umhin 
die  Ballade  The  tioo  brothers  (Ohild  II,  221)  zu  betrach- 
ten, bei  welcher  Jamieson  sich  wohl  seine  Emendatiou 
in  der  dritten  Strophe,  und  seine  Gegner  den  Zorn  dar- 
über erspart  haben  würden,  wenn  sie  hätten  bemerken 
wollen,  dafs  die  sechs  letzten  Strophen  nichts  sind  als 
die  hochberühmte  Ballade,  welche  mit  dem  Refrain  Ed- 
ward! Edward!  zuerst  von  Percy  bekannt  gemacht,  in 
ihrer  offenbar  ältesten  schottischen  Form  aber  zuerst 
von  Motherwell  (Minstrelsy,  p.  339.)  mitgetheilt  wurde. 
Der  erste  Theil  des  Gedichtes  ist  offenbar  nur  die  (übri- 
gens sehr  schöne)  poetische  Darstellung  einer  wahren 
Begebenheit,  weist  aber,  ihrem  Inhalte  nach,  dem  der 
eigentlich  tragische  Charakter  fehlt,  uns  erst  auf  den  Aus- 
gang der  zweiten  Periode   hin. 

Wenn  sich  nun  selbst  aus  dieser  skizzenhaften  Dar- 
stellung des  EntAvickelungsganges  der  epischen  Volks- 
dichtung Schottlands  ergibt,  dafs  der  Kritiker  sich  aller- 
dings mit  Recht  gegen  die  Zumuthung  wehren  darf,  in 
das  ganze  chaotische  Material  eine  streng  systematische 
Ordnung  zu  bringen,  so  glaube  ich,  ergiebt  sich  doch 
auch  daraus,  dafs  er  nicht  von  der  Verj)flichtung  frei  zu 

')  Kin  hübsches  Beispiel  bei  Wulf  a.  a.  Orte  S.  XXXV. 


310  Lemcke     Die  traditionellen   schottischen  Balladen. 

sprechen  ist,  wenigstens  dem  deutlicher  siebtbaren  Faden 
der  Entwickeliing  zu  folgen,  biernach  immer  das  im 
literarhiatorisclien  Sinne  Gleichartige  und  Gleichberech- 
tigte mit  sorgfältiger  Auswahl  des  Charakteristischen  und 
strenger  Achtung  der  ächten  Ueberlieferung,  zusammen- 
zustellen, und  so  ein  Balladenbuch  zu  schaffen,  an  wel- 
chem der  Kultur-  wie  der  Literarhistoriker  dieses  Gebiet 
fiir  seine  Zwecke  studiren  kann. 


Ludwiy;  Lemcke. 


Paris     Epitre  farcie  pour  le  jour  de  Saint-Etienue.  311 


Epitre  farcie  pour  le  jour  de  Saint -Etienne. 

Dom  Marlene,  dans  son  grand  ouvrage  de  antiquis 
Ecclesiae  ritibus,  1.  I,  c.  ;>,  art.  2,  cite  les  premiers  vers 
d'ime  epitre  farcie  de  Saint-Etieune  qu'il  avait  vue  dans 
im  missel  de  Saint -Gatien  de  Tours.  D'apres  lui,  ce 
missel  etait  äge  de  six  cents  ans  (a6  atmis  circiter  sex- 
centis  exarato),  c'est-a-dire  qn'il  l'attribuait  a  la  fin  du 
XT^  siecle  ou  au  commencement  du  XII^  siecle,  puis- 
que  le  livre  de  D.  Martene  parut  en  1700.  Les  conti- 
uuateurs  de  Du  Gange  ont  reproduit  ces  vers  d'apres  le 
premier  editeur,  mais  ont  commis  une  singuliere  erreur 
sur  le  sens  des  paroles  que  je  viens  de  citer:  ils  ont  cru 
que  le  savant  benedictin  faisait  remonter  le  missel  de 
Tours  au  Vi''  siecle  (a/mi  circiter  600,  Du  Gange,  s.  v. 
Frasici) ;  ils  ont  du  reste  rendu  plus  fautif  encore ,  s'il  etait 
possible,  le  texte  donne  par  D.  Martene.  L'abbe  Lebeuf, 
dans  un  travail  presente  ä  TAcademie  des  Inscriptions ,  et 
qui  se  trouve  au  tome  XVII  de  ses  Memoires,  a  public 
de  nouveau  ces  memes  vers  (les  treize  premiers)  avec 
beaucoup  plus  de  correction,  et  on  peut  les  lire  aussi, 
tels  ä  peu  pres  que  ci-dessous,  ä  la  note  3  de  la  page 
272  des  Melanges  Archeologiques  et  Litteraires  de  M. 
S.  du  Meril.  L'ensemble  de  ce  texte  n'avait  Jamals  ete 
public,  et  il  meritait  cependant  de  Fetre  sous  plusieurs 
rapports.  J'en  dois  vuie  copie  a  l'obligeance  de  M.  Paul 
Viollet,  archiviste-paleographe,  qui  a  retrouve  dans  la 
bibliotheque  du  pctit  Seminaire  de  Tours  le  missel  qui 
appartenait  avant  1780  a  Tabbaye  de  Saint- Gatien.  Ge 
missel  lui  parait  etre  du  X''  siecle;  mais  Tepitre  farcie 
est  posterieure  au  reste  du  volume,  et  date  sans  doute 
du  XIP;  le  fac-simile  de  quelques  lignes  que  j'ai  vu  me 
semble  permettre  de  la  rcporter  aux  premieres  annees  de 
ce  siecle :  c'est  aussi  Tepoque  approximative  qu'indiquent 
la  langue  et  la  forme.  Ou  peut  voir  sur  los  epitres  far- 
cies  le  livre  deja  cite  de  M.  du  Meril,  p.  269-274;  jo 
nc  m'attacherai   pas   ici   a    relever  Tinteret   de    ces  monu- 


312  l'aris 

inents,  doiit  quelques-uns  tres-anciens  sont  encorc  inedits. 
On  sait  que  la  fete  de  Saint-Eticnne  etait  specialement  ce- 
lebree  par  des  epitres  farcies;  aussi  en  reste-t-il  un  grand 
nombre  pour  ce  jour;  il  y  cn  a  principalement  ime,  en 
vers  de  huit  syllabes,  qui  a  ete  tres-souvent  publice, 
entre  autres  dans  FHistoire  Litteraire,  dans  Fappendice 
de  TEssai  sur  la  Vie  et  les  Ouvrages  du  P.  Daire  par  M. 
de  Cayrol  (Amiens,  1838),  et  par  M.  ßandeville  dans  les 
Memoires  de  TAcademie  de  Reims  (1840).  Elle  debute 
ainsi : 

Entendes  tuit  a  ehest  sermon. 
Et  clerc  et  lay  tout  environ; 
Conter  vous  veul  la  passion 
De  Saint  Estene  le  baron; 
Comment  et  par  quel  mesprison 
Le  lapiderent  li  felon 
Pour  Jhesucrist  et  pour  son  nom, 
Ja  l'orres  bien  en  la  leclion. 

Cette  epitre  est  evidemment  posterieure  a  celle  de 
Dom  Martene,  bien  qu'elle  date  encore  du  XII°  siecle: 
au  reste  eile  en  differe  beaucoup. 

L'epitre  farcie  que  je  publie  se  compose  de  douze 
strophes  de  cinq  vers,  cbacune  sur  la  meme  assonance 
(le  ö"  vers  de  la  7®  stropbe  manque).  C'est  la  meme 
forme  que  Celle  de  la  Chanson  de  Saint- Alexis ,  qui  d'a- 
pres  le  prologue  se  lisait  aussi  dans  l'Eglise  le  jour  de 
la  fete  du  Saint.  Le  vers  est  le  vers  heroique  de  dix 
pieds,  tel  qu'on  le  trouve  dans  Saint- Alexis ,  dans  la 
chanson  de  Roland  et  dans  le  poeme  sur  Boece;  la  2"  stroj)he 
oifre  seule  trois  vers  qui  sont  irreguliers.  Le  scribe 
etait  tres-ignorant;  son  orthographe  est  souvent  fautive, 
et  dans  certains  cas  meme  (p.  ex.  Jhesum  pour  Jhesus 
dern.  Strophe,  v.  2)  il  peche  contre  les  regles  de  la  lan- 
gue.  Son  ecriture  est  aussi  defectueuse,  et  on  verra 
quelques  ,mots  qui  n'ont  pas  donne  ä  la  lecture  un  sens 
satisfaisant.  La  langue  est,  comme  je  Tai  dit,  du  com- 
mencement  du  XII*^  siecle;  eile  est  posterieure  a  celle  du 
Saint- Alexis,    qui    vaut    mieux    sous    tous    les    rapports: 


Epitre  farcie  pour  le  jour  de  Saint-Etienae.  313 

Celle  de  l'epitre  de  Saint-Etienne  estlourde,  embarrassee, 
pleine  de  repetitions  maladroites  et  de  toiirnures  genees. 
Comme  dialecte,  je  crois  qu'on  doit  la  rapporter  a  la  Tou- 
raine;  eUe  offre  certaines  particularites  que  je  releverai 
dans  les  observations  qiü  suivent.     Voici  le  texte: 

Leccio  actuum  apostolorum. 

Par  amor  De  vos  prie ,  saignos  barun , 
Seet  vos  tuit,  escotet  la  leQun 
De  Saint  Estevre  lo  glorius  barun, 
Qui  a  ce  jor  re^at  la  passiun  : 
Escotet  la  par  banne  entenciun. 

In  diehus  Ulis  Stephanus 

Saint  Estevres  fut  plains  de  grant  bonte, 
Emma  tot  cels  qui  creinent  en  Deu; 
Feseit  miracles  o  nom  de  Deu  mende ; 
As  cuntrat  e  an  ces,  a  tot  dona  sante; 
P'or  ce  haierent  autant  li  Jue. 

Surrexeruut 

Encontre  lui  s'esdrecerent  trestui , 
Distrent  ensenble  mauveis  mos  (de)  cetui: 
„II  a  deable  qui  parole  en  lui; 
Jocun  ensenble  por  deputer  o  lui , 
Et  si  arrun  la  science  de  lui." 

Et  non  poterant 

Au  deputer  furent  eil  de  Libie , 
E  eil  de  Sire,   e  eil  d'Alesandrie , 
E  de  la  terre  qu'est  emme  Celicie , 
Tuit  11  Juef  11  plus  save  d'Asye ; 
S'il  le  concluent,  ja  11  toldrunt  la  vie. 

Audientes 

Mes  au  barun  nc  pornmt  contrester 
Ne  de  cience  ne  de  clergil  mester; 
II  fut  bons  elercs,  bien  se  sot  deraisner, 
Unques  vers  lui  ne  porent  mot  soner; 
Entr'os  porpensent  con  le  porrunt  danner. 

Commoverunt 

Molt  sunt  ire  li  Jue,  li  felun , 
Croisent  les  dent  encontre  lo  barun, 
Con  fait  li  chiens  encontre  lo  larun; 
Molt  volentiers  dannassent  le  barun, 
Se  il  en  lui  trovassent  l'achisun. 


314  I'aris 

Ecce  Video  

Unques  por  eis  ne  se  volt  desmentir, 
Por  nule  chose  que  ncgunt  li  deit; 
Esgarde  el  cel,  si  (i)  vit  Jhesu  Christ, 
Pois  as  Jues,  a  feluns,  si  lor  dit: 


Exclamantes 


Quant  ce  oi'rent  cnsenble  s'ecrierent; 
Tarn  dolent  furunt,  por  por  ne  s'esragerent ; 
Lo  barun  pristrent,  ledement  le  baterent, 
Fors  de  la  vile  ledement  le  giterent, 
Pois  le  barun  entr'os  si  lapiderent. 


Et  festes 


Mes  ce  trovun  que  as  piet  d'un  enfant 
Mistrent  lor  dras  eil  qui  le  segueient; 
Saul  avot  nom  d'Adamassa  la  grant; 
Pois  fut  apotres,  si  con  trovun  lesant 
Saint  Pol  l'apellent  la  erestiane  gent. 

Lapidahant 

Lo  barun  seguent  molt  graut  torbe  de  gent, 
Plaient  lo  for,  lo  scant  vet  espandant; 
Li  cours  li  faut,  vait  sei  afebleant, 
Dame  De  prie  o  ben  cor  docement: 
,,Sire,  fet  il,  mon  esperite  prent." 

Positis  autem 

Quant  volt  fenir,  si  s'est  ajenolet; 
Notre  Seignor  derechief  a  prie : 
„Sire,  fet  il,  par  la  meie  amite, 
Perdone  a  cet  qui  ei  m'unt  lapie, 
Que  ja  por  mei  ne  perdent  t'amiste. " 

Et  cum  hoc  dixisset 

A  icest  mot  li  sen  de(us)  fu  feni; 

S'erme  re^ut  Jhesum  que  il  a  servi. 

Oi  est  laste  si  cun  avet  o'i. 

Priun  li  tuit,    nos  qui  summes  ici, 

Que  il  prie  Den  que  il  ait  de  nos  merci. 

Leccio  actmmi).  Les  rubriques  latines  et  les  vers  fran^ais 
sollt  ecrits  dans  le  ms.  sans  Interruption  ni  alinea.  Le  tout 
lient  28  lignes. 

Par  amor  De).  On  a  imprime  jusqu'ici  iJor  amor  De. 
M.   Viollet  a  lu  Par. 


Epitre  farcie  pour  le  jour  de  Saint-Etienne.  315 

Saignos).  Sic.  La  suppression  de  Vr  final  est  frequente 
dans  les  dialectes  de  l'ouest  de  la  France. 

Seet).  De  meme  plus  loin  escotet.  Cette  desinence  en 
et ,  au  lieu  de  es  ou  ez,  a  la  3'^  pers.  du  pluriel  m'est  incon- 
nue;  eile  pourrait  servir  d'un  caractere  important  pour  fixer 
le  dialecte  auquel  appartient  ce  texte. 

Benne).  On  a  imprime  jusqu'ici  bonne;  mais  la  Substitu- 
tion de  Ve  ä  Vo  se  retrouve  deux  ou  trois  fois  dans  cette 
epitre.   —  Le  4^  et  le  5®  vers  sont  intervertis  dans  le  ms. 

Saint  Estevres).  Ce  vers  et  le  suivant  pechent  contre  la 
mesure. 

Emma).  On  a  imprime  jusqu'ici  emmen.  Aucune  de  ces 
deux  formes  ne  m'offre  de  sens;  je  crois  que  le  mot  est 
altere. 

Creinent  en  Deu).  Creinent  me  semble  etre  un  adoucisse- 
ment  de  creident,  credunt ,  plutot  que  la  B^  pers.  ind.  piur. 
de  eraindre ,  qui  n'admettrait  pas  la  preposition  en. 

Feseit).     Imparfait  normand. 

0  north  de  Deu  mende).  C. -ä-d.  en  invoquant  le  nom 
de  Dieu,  m.  ä.  m.  avec  le  nom  de  Dien  invoque. 

As  cuntrat).  Ce  vers  est  un  alexandrin  au  milieu  de  de- 
casyllabes;  il  est  Sans  deute  altere. 

Haierent).  Cf.  Strophe  8,  v.  3,  baterent.  Cette  termi- 
naison  en  erent  des  verbes  de  la  2®  ou  3''  conjugaison  est 
aussi  particuliere  ä  ce  texte.   —   Ce  vers  est  defectueux. 

Mauveis  mos  de  cetui).  Le  ms.  porte  mauveis  nies  cetui, 
qui  ne  donne  pas  de  sens;  la  correction  de  l'abbe  Lebeuf, 
mauveis  m'est  cetui.,  ne  convient  pas  bien  k  la  marche  du  dis- 
cours  et  laisse  le  vers  incomplet. 

Jocun).  Ce  mot  que  je  n'ai  reneontre  nulle  part  me  pa- 
rait  douteux. 

Furunt).  Cf.  Str.  5,  v.  1,  porrunt,  str.  8,  v.  2,  furunt. 
Cette  orthographe  se  retrouve  dans  le  Poeme  sur  Saint  Leger : 

Rei  volunt  fair  estre  so  gred. 

Ce  n'est  pas  un  vrai  deplaccment  de  l'accent,  mais  une  simple 
diversite  d'orthographe;  en  efFet  notre  texte  donne  aussi  str.  5, 
v.  4  porent.,  et  au  vers  cite  de  la  str.  8,  la  terininaison  unt 
est  nmette: 

Tarn  dolent  furunt,  por  poi  ne  s'esragerent. 
Sire).     C'est  la  plus  ancienne  forme   du   mot    Si/rie;   eile 


31()  Paris 

est  confornic  ä  raccentuatiou  latine  SjTia,  taudis  que  Syrie 
s'est  fait  sur  Taccentuation  grecque  2JvQia. 

Emme).     Je  crois  ce  mot  altere. 

S'il  le  concluent).  S'ils  le  reduisent  au  silence,  s'ils 
triomphent.     Voy.  Renart,  t.  III,  p.   51. 

ContresterJ.     Le  ms.  porte  contenttrester. 

Negunt).  La  forme  negun  est  attribuee  li  la  Touraine 
par  M.  Burgriy,  t.  I,  p.   182. 

Enfant).  Ce  mot  traduit  le  latin  adolescens,  et  c'est  le 
sens  qu'il  a  le  plus  souvent  au  moyen-äge.  En  voiei  un 
exemple  frappant: 

Par  le  mien  ensient,  LX  ans  ay  passe, 
Et  vous  estes  •!•  enfes  d'entour  XXX  ans  d'ae. 

Gaufrey,  v.   5762. 

Segueient) .  Ce  mot  est  tres-curieux  en  ce  qu'il  öftre  un 
deplacement  de  l'accent  tonique  dont  il  n'y  a  pas  dautre 
exemple.  Ce  deplacement  provient  k  mon  avis  d'une  assimi- 
lation  erronee  de  la  3®  pers.  du  pluriel  ä  la  premiere.  On 
disait  nous  segueiens,  et  on  a  dit  de  meme  ils  segueient  au  lieu 
de  ils  segueient,  qui  est  regulier.  C'est  par  une  confusion  ana- 
logue  qu'on  a  dit  fussient  ou  fussant  au  lieu  de  füssent  (vo- 
yez  des  exemples  dans  Burguy,  t.  I,  p.  266)  et  que  le  peuple, 
surtout  dans  les  provinces  du  centre  et  de  I'ouest,  dit  encore 
ils  marchont,  ils  voulont  au  lieu  de  ils  marchent,  ils  veulent, 
ä  cause  de  nous  marchons ,  nous  voulons.  —  Les  terminaisons 
en  iens  ä  Fimparfait  sont  propres  au  dialecte  bourguignon 
(Burguy,  t.  I,  p.   224). 

Saul).  Le  ms.  porte  Saulus ,  qui  rendrait  le  vers 
trop  long. 

Avot).  Voilä  un  iinparfait  bourguignon;  l'imparfait  nor- 
mand  est  aveit.  On  remarque,  dans  toute  cette  piece  le  me- 
lange  des  deux  dialectes;  il  indique  evidemment  une  province 
ou  ils  se  reucontraient;  cette  province  doit  etre  la  Touraine; 
en  efi"et  les  formes  signalees  plus  haut  qui  ne  sont  ni  norman- 
des  ni  bourguignonnes  se  retrouvent  dans  des  textes  angevins 
ou  poitevins,  ce  qui  designe  une  des  provinces  de  I'ouest;  la 
forme  negunt  est  particuliers  a  la  Touraine;  enfin  le  manuscrit 
provient  de  Tours. 

Ajenolet).     Le  ms.   semble  plutöt  donner  aionelet. 


Epitre  farcie  pour  le  jour  de  Saint-Etienne.  317 

Li  sen  cleus).  Le  ms.  porte  li  se  de.  On  aura  oublie 
le  signe  de  rabreviation  au-dessus  de  de. 

Jhesum).     Le  ms.  porte  ihm.     II  faudrait  Jhesus. 

Laste  .  Ce  mot  ne  parait  pas  douteux;  je  ne  sais  ce 
qu'il  signifie.     Le  sens  demanderait  feste. 

Je  remarquerai  encore  quil  faut  probablement  intervertir 
les  stances  5  ef  6,  pour  suivre  Fordre  des  versets  dont  elles 
sont  le  developpement  et  dont  les  premiers  mots  sont  ecrits 
au  debut  de   chacune  d'elles. 


G  a  s  1 0  n    Paris. 


318  March 


Jahresberichte. 

II.  Die  Nationalliteratur  der   Vereinigten- Staaten?  von 
Nord -Amerika  in  den  Jahren  1860 — 61. 

Our  summary  of  tlie  national  literatarc  of  the  Uni- 
ted States  of  America  Ibr  the  years  1858 — 59 ,  seeking  to 
find  the  source  of  the  peculiar  features  of  the  Htcratnre 
of  those  years  in  the  peculiar  circumstauces  of  the  nation- 
al lifo,  mentioned  a  general  occupation  of  the  public  at- 
tention in  religious  books.  The  great  currents  of  thought 
and  feeling  were  setting  towards  a  higher  Christian  life. 
It  cannot  therefore  be  surprising  to  those  who  understand 
our  republican  institutions  to  find  the  same  spirit  dis- 
playing  itself  during  the  years  ISGO  — 61  in  our  political 
life,  and  the  nation  struQ-glino;  towards  the  ideal  of  a 
Christian  State.  Nor  could  it  surprise  those  intimately 
acquainted  with  our  literature,  or  even  those  who  have 
taken  note  of  the  character  of  our  most  successful  works 
of  fiction,  such  as  Uncle  Tom's  Cabin,  that  we  should 
have  a  battle  about  slavery.  The  people  of  the  north, 
writing  and  reading  a  literature  which  brands  slavery  as 
a  crime,  when  they  pledged  themselves  to  live  a  Christ- 
ian life,  would  naturally  refuse  to  sustain  the  slave  Sys- 
tem. On  the  other  band  it  is  worthy  of  note  that  the 
churchly  people  of  the  south  have  more  earnestly  claim- 
ed  the  protection  of  slavery  on  the  ground  of  a  religious 
conviction  of  its  divine  sanction.  The  attempt  to  live  up 
to  such  dififerent  Standards  of  right  brought  on  civil  war. 

The  history  of  the  literature  of  ISGO — 61,  so  far  as 
it  is  an  expression  of  the  national  life,  has  few  books 
to  mention;  there  is  too  much  action.  Our  summary  will 
contain  little  that  had  not  been  written  before  the  tem- 
pest  arose. 

Early  in  the  year  1860  Hawthorne  gave  us  a  growth 
of  his  European  life  in  the  Romance  of  Monte  Beni.  This 
has  been  called  even  in  England  the  romance  of  the 
year.     It   has   a   distinctly   two-fold   merit.     Some    critics 


Jahresberichte  II.     Nordamerikanischc  Literatur   1860 — 61.     319 

have  justly  looked  at  it  as  a  descrij)tion  of  Italy  and  its 
works  of  art.  From  this  point  of  view  it  may  be  com- 
pared  with  Corinne  or  Anderson's  Improvisatore.  „For 
real  instruction,  not  to  sjDeak  of  pleasure,  it  is  a 
thoiisandfold  preferable  to  classical-tours^  diaries,  and 
all  such  guide-book  dulness."  But  thougb  it  contains 
much  delicate  and  snbtle  remarks  on  art,  and  even  con- 
siderable  note-worthy  criticism  on  particular  works  of 
art,  and  on  the  glorious  external  nature  in  whicli  Italian 
art  lives  and  rejoices,  and  on  tbe  manners  and  spirit  of 
the  people,  yet,  after  all,  it  is  from  another  point  of 
view  that  the  book  is  most  eminently  a  work  of  art.  It 
is  a  modern  mythus,  —  a  story  of  the  Faun  of  Praxite- 
les living  in  modern  Italy,  credible  to  modern  thouf>-ht, 
and  working  out  the  illustration  of  a  religions  idea.  A 
person  is  shown  us  not  wholly  man,  but  iuheritino"  the 
blood  of  the  Arcadian  forests.  We  are  shown  how  he 
is  transformed  into  a  wholly  intelligent  man  by  tlie  com- 
mission  of  a  great  crime  and  the  working  of  a  great  love. 
This  character  the  critics  declare  to  be  ,,one  of  the 
subtlest  conceptions  of  modern  genius."  It  is  a  work  of 
the  same  kind  as  the  Greek  poets  did,  when  they  wrouo-ht 
the  stories  of  their  mythology  from  some  unexplained  sta- 
tue  or  painting,  or  from  some  fancied  etymology  of  the 
name  of  a  deity.  But  the  peculiarity  of  Hawthorne's  o-e- 
nius  dictates  the  whole,  and  it  is  just  about  as  much  a 
product  of  New-England  life  and  thought,  as  though  the 
story  had  been  told  of  some  New  England  lad  whose 
cars  had  grown  among  the  peaks  of  the  white  mountains. 
It  has  indeed  been  called  a  reproduction  of  „The  scarlet 
Letter".  The  disposition  to  brood  over  the  workino-  of 
sin,  to  experience  not  only  religion,  but  the  subtlest  theo- 
ries  of  sin  and  redemption,  and  analyse  them  to  the 
finest  über,  descends  duly  in  the  puritan  blood.  It  gives 
rise  to  a  profound  philosophy  in  a  man  in  whom  reason 
is  predominant  as  in  Jonathan  Edwards,  and  to  meta- 
physical  romances  with  one  in  whom  the  artistic  imagi- 
nation  predominates  as  in  Hawthorne.  How  the  expe- 
rience of  sin  can  be  part  of  the   best    possible   sy&tem   is 


320  March 

artistically  depicted  in  tlie  Marble  Faun.  „The  story 
of  the  fall  of  man",  says  Ilawthorne,  „is  it  not  repeated 
in  our  romance  of  Monte  Beni?"  Tliis  romance  has  a 
solemn  earnestness  and  rcality  wliich  give  it  a  deeper 
hold  on  all  serious  thinkers  than  any  of  its  beautiful  de- 
corations.  It  has  been  described  as  „a  poem  in  prose", 
,,a  fascinating  story",  „an  art-novel";  „his  style  is  dis- 
tinguished  for  simplicity,  purity  and  beauty".  „Mclan- 
choly  —  a  quiet  pensiveness  like  the  faint  light  of  an 
autiimn  afternoon  is  the  atmosphere  of  Ilawthorne";  ,,he 
is  the  Tennison  of  prose". ') 

Hardly  inferior  to  the  Marble  Faun  in  its  success  is 
Elsie  Venner '^^^  and  they  are  somewhat  similar.  The  he- 
roine  in  Elsie  Venner  combines  the  nature  of  a  snake 
with  that  of  a  woman.  But  the  lialo  of  imagination  which 
surrounds  the  hero  of  the  Marble  Faun,  which  robes  him 
in  mystery  and  niakes  a  creature  of  romance,  is  wanting, 
in  Elise  A'enner.  She  is  presented  rather  as  a  physi- 
cian's  study  —  a  problem  in  natural  history,  than  a  crea- 
ture of  mythic  race.  The  mother  of  Elsie  was  bitten  by 
a  rattlesnake  not  long  before  her  birth,  the  poison  „tainted 
all  her  blood",  and  the  nature  of  the  reptile  was  trans- 
mitted to  the  child.  The  story  is  so  well  told  that  an 
air  of  credibility  is  given  to  it;  but  we  hope  we  may 
not  be  visited  by  a  brood  of  heroiues  of  this  unnatural 
mixture  of  races.  From  another  point  of  view  Elsie  Ven- 
ner is  a  novel  of  social  life;  it  gives  a  picture  of  a  New 
England  village  and  its  people,  as  they  appear  to  the 
eyes  of  Dr.  Holmes,  —  the  eyes  of  a  city  wit.  The 
picture  is  not  flattering,  and  its  accuracy  has  been  stoutly 
denied.  Like  almost  all  New  England  literature,  it  has 
a  marked  religious  element.  Dr.  Holmes  is  a  ,, liberal 
Christian",  and  makes  his  characters  and  story  illustrate 


1)  The  Marble  Faun:  or,  The  Romance  of  Monte  Beni.  By  A'a- 
thaniel  Haicthorne.  2  vols.  Boston,  Ticknor  &  Fields.  1860  published 
in  London  as  ,, Transformation";  New  Englander,  May  1860,  Christ- 
ian Examiuer,  May,  1860. 

2)  Elsie  Venner:  A  Romance  of  Destiny.  By  Olivier  Wendell 
Holmes.  Boston,  Ticknor  &  Fields.  1861.  Independent,  March,  28,  1861. 


Jahresberichte  II.     Nordamerikanische  Literatur   18G0— 61.     321 

the  iuhumanity  of  puritan  godliness.  He  adds  a  good 
deal  of  direct  preaching  to  the  same  purpose.  We  cha- 
racterised  liis  style  in  our  summary  of  1858'- 59.  —  We 
have  another  wierd  romauce^),  which  might  have  beeii 
written  by  some  Faun,  or  other  inhabitant  of  air  or 
flood  not  yet  made  wholly  human,  —  a  ghost  story 
with  little  story,  au  ocean  of  words,  but  a  tropical 
ocean  glaring  with  the  most  splendid  colors,  and  giving 
glimpses  of  wonderful  flowers  and  gems,  and  of  indistinct 
beautiful  figures  which  may  be  living  nymphs,  or  may 
be  rocking  corpses,  —  a  salt  ocean  on  which  one  may 
die  of  thirst  for  one  trait  of  tenderness.  The  youug  au- 
thor  is  writiug  with  wonderful  facility  for  the  Monthhes, 
and  she  attracts  and  deseryes  admiration.  No  writer  has 
shown  such  a  power  of  reporting  in  musical  words  those 
most  gorgeous  sights  with  which  nature  and  art  allure, 
dazzle,  and  intoxicate  the  eye.  The  lustre  of  gems,  of 
silks,  ofvelvets,  of  flowers,  of  water,  air,  and  fire  glows 
through  her  pages  with  a  gleam  that  never  was  on  sea  or 
land.  It  is  the  power  of  Ruskin  used  by  an  elfin  ima- 
gination  reveling  at  will.  —  ,,The  unquestionable  ima- 
ginative power  evinced  in  the  high-wrought  romance  of 
the  Household  of  Bouverie-)  can  scarcely  be  regarded 
as  a  compensation  for  the  incredible  horrors  which  inter- 
weave  a  tissue  of  poisoned  and  bloody  threads  throu<j-h 
the  whole  texture  of  the  narrative." 

Theodore  Winthrop,  who  met  a  glorious  death  at 
Great  Bethel  fighting  for  his  country,  left  literary  re- 
mains  unpublished,  which  have  attracted  great  attention. 
Cecil  Dreeme  is  one  of  these ,  and  is  certainly  one  of  tho 
most  brilliant  and  charming  stories  of  the  year.  ^) 


')  Sir  Rohan's  Ghost.  A  Romance.  By  Miss  Harritt  E.  Presvott. 
Boston,  J.  E.  Tilton  &.  Co.   Christian  Examiner,  May,   1860. 

2)  The  Household  of  Bouverie;  or,  The  Elixir  of  Gold.  A  Uoiuance 
by  a  Southern  Lady.  New  York,  Derby  &  Jackson.  2  vols.  IS{!0. 
Harpers  Monthly,  November,   1860. 

*)  Cecil  Dreeme.  By  Theodore  Winthrop.  Boston,  Ticknor  &  Fields, 
1861.     The  National  Quarterly  Review.     Deceraber,  1861. 

Jalirb.  i.  roia.   u.   engl.   Lit.     IV.  i.  9^^ 


322  March 

Mrs.  Stowe  has  been  contributing  a  story  called  the 
Pearl  of  Orr's  Island  iu  weekly  uuiubers  to  the  Inde- 
pendeut,  and  anotber,  Ac/nes  of  Sorrento,  to  the  Atlantic 
Mouthly,  both  of  which  will  doubtless  be  ready  for  re- 
view  in   book-fonn  with  the  literature  of  18(52. 

We  have  mentioued  Elsic  Venner  among  our  roman- 
ces.  It  has  some  claim  to  the  first  place  among  novels 
of  Society  ,  but  we  give  the  place  to  Trumps.  * )  The  au- 
thor  has  long  been  a  favorite.  His  sketches  of  eastern 
travel,  or  rather  his  dreams  in  the  East,  as  given  us  in 
his  Iloivadji,  were  füll  of  melancholy  music,  and  fasci- 
nated  our  young  readers,  as  his  face  and  tone  have  since 
the  thousands  of  hearers  of  his  lectures  on  poetry  art  and 
morals.  Trumps  is  a  story  of  life  in  New  York.  It 
takes  for  its  theme  the  career  of  a  brilliant  young  man 
starting  in  life  with  great  advantages,  and  shows  how  a 
want  of  moral  purpose  leads  him  at  last  to  profligacy 
and  crime.  It  depends  for  its  interest  almost  wholly  on 
the  portraiture  of  churacter.  It  is  thoroughly  labored 
both  in  matter  and  style.  It  has  been  criticised  however 
for  its  sameness  of  tone,  its  pervading  sadness,  and  the 
want  of  relief  in  the  character  of  the  hero.  We  cannot 
help  regretting  most  of  all  that  Mr.  Curtis  seems  so 
much  to  have  forgotten  nature  whose  genial  influences 
nourished  his  youth,  and  lives  so  wholly  in  the  Circean 
air  of  cities  and  artificial  society.  But  if  the  critics  have 
praised  Curtis  more,  the  people  have  read  more  a  new 
story  by  the  Misses  Warner.-)  It  is  said  that  30,000 
copies  of  it  were  sold  in  England  alone  before  it  w^as 
pubiished.  The  critics  geuerally  have  passed  over  in 
silence,  or  damned  with  faint  praise  the  writings  of  these 
authors;  but  the  good  boys  and  girls  and  their  mothers 
read    them,    and    grow  better   for   it.     They  are  like  the 


1)  Trumps.  A  Novel.  By  George  William  Curtis.  Illustrated  bv 
A.  Hoppin.  New  York,  Harper  &  Bro.,  1861.  Independent,  April  18, 
1861. 

2)  Say  and  Seal.  By  the  authors  of  „Wide  Wide  World"  and 
„Dollars  and  Cents".  Philadelphia,  G.  B.  Lippiacott  &,  Co.,  1860. 
Independent,  April  19,   1860. 


Jahresberichte.  II.     Nordamerikanische  Literatur  1860 — 61.     323 

Heir  of  Redclyffe ;  they  depict  the  world  as  it  appears  to 
young  ladies  who  think  all  wisdom,  power  aijd  greatness 
are  embodied  iu  a  studeiit  of  theology,  just  about  to  fall 
in  love  and  begiü  to  preach.  Wise  old  critics  smile  con- 
descendingly  or  contemptuously ,  but  after  all  there  is 
no  truer  or  wiser  view  of  man  than  tbat  taken  by  a  pure 
minded  and  cheerful  young  Christian;  and  it  speaks  well 
for  cur  Gountry  that  whüe  the  knowing  oües  are  sneer- 
ing  with  Holmes  or  desponding  with  Curtis  over  our 
American  society,  the  great  masses  of  our  readers  are 
rejoicing  or  weeping  with  the  good  little  girls  and  boys 
who  live  happy  Christian  lives  in  our  American  country 
towns.  Say  and  Seal  is  a  story  of  the  eastern  shore 
of  Connecticut,  and  gives  a  pleasing,  minute  and  gener- 
ally  accurate  picture  of  the  people  and  the  scenery. 

Miss  Cummins  some  years  ago  found  herseif  famous 
from  the  wonderful  sale  of  a  not  very  wonderftil  tale,  the 
Lamplighter  ^  one  of  those  pleasant  stories  which  every 
body  read,  since  every  body  must  read  something,  but 
without  being  very  much  delighted  or  excited  in  any  way. 
She  this  year  gives  us  a  novel  whose  scenes  are  laid  in 
Syria.  ^)  Our  critics  say  it  will  give  her  a  higher  place 
than  either  of  her  previous  volumes.  Bedouins,  Turks, 
Missionaries  and  Monks  are  presented  iu  strong,  clear  and 
distinct  lines,  with  a  power  that  cannot  be  questioned. 
Lo88  and  Gain  gives  us  an  opportunity  to  mention  an- 
other  of  those  whom  good-natured  critics  call  „favorite 
writers  for  the  domestic  circle^',  we  are  pleased  to  learn 
that  „her  high  reputation  will  receive  no  diminution  by 
this  fresh  production  of  her  jjen". -)  The  auonymous 
author  of  Rutledge  must  also  be  meutioned  among  the 
authoresses  who  have  given   us  a   new   Sensation^).     Dr. 


')  El  Fureidis.  By  the  Author  of  „The  Lamplighter"  and  „M.i- 
bel  Vaughan".  Boston,  Ticknor  &.  Fields.  Christian  Examiner,  July 
1860. 

*)  Loss  and  Gain.  By  Mrs.  Alice  B.  Baten.  New  York,  D.  Ap.- 
pleton  &  Co.  Harpers  Magazine,  November,  1860. 

5)  Rutledge.     New  York ,  Derby  &  Jaokson  ,   1860. 


324  March 

Holland  presents  us  this  year  with  a  story.  ')  It  sliows 
thc:  saiue  hout'st  j)iirpose,  shrewd  sense,  and  pithy  specch 
whicli  we  foiuid  in  his  Essays  of  two  ycars  since.  Turn- 
inü'  i'vom  New  Ens;land  to  New  York  we  find  a  vivid 
pieture  oi  the  selfish  and  scnsual  side  of  high  life  in 
the  great  city.*)  The  author  is  a  catholic  priest,  and 
has  been  severely  criticized  as  reveling  in  pictures  of 
physical  beanty,  of  dress  and  carnal  passions,  and  as 
worshiping  wealth,  rank,  show,  cunning  and  snccess. 
The  book  purports  to  be  a  religious  novel.  It  is  not 
hüwever  the  expression  of  any  religious  life  indigcnous 
in  American  soil;  but  it  niay  serve  to  illustrate  the  tliink- 
ing  and  feeling  of  a  fraginent  of  our  young  men  whom 
love  of  the  beautiful  has  driven  away  from  puritan  bare- 
ness  to  seek  an  aesthetic  religion.  And  now,  since  re- 
ligious novels  have  fallen  in  the  way,  and  since  mon- 
strosities  may  serve  to  illustrate  the  literary  history  of 
the  tinies,  we  record  at  the  bottom  of  the  page  the  title 
of  a  Biblical  Extravaganza  which  is  part  of  a  series  said 
to  be  intended  to  invest  the  Jews  of  the  Bible  with  an 
interest  like  that  which  belongs  to  the  „Wandering  Jew" 
of  Eugene  Sue,  and  to  present  them  to  the  reader's  ima- 
gination  in  the  style  of  Lalla  Rookh  and  the  Arabian 
Nights,  —  and  which  are  said  to  seil  aniong  the  Ame- 
rican people.  ^) 


1)  Miss  Gilbert's  Career.  An  American  Story.  By  J.  C.  Holland. 
(Timothy  Titcomb.)  New  York,  Charles  Scribner. 

2)  Bosemary,  or  Life  and  Death.  By  J.  Vincent  Huntington.,  Au- 
thor of  „Lady  Alice",  „The  Forest»  etc.  New  York,  D.  &  G.  Sad- 
lier.    Christian  Examiner,  March    1861. 

^)  The  Throne  of  David,  from  the  Consecration  of  the  Shepherd 
t)f  Bethlehem  to  the  Rebellion  of  Piince  Absalom.  ßeing  aa  Illustra- 
tion of  the  Splendor,  Power  and  Dominion  of  the  Reign  of  the  War- 
rior,  Shepherd,  Poet,  King  and  Prophet,  Ancestor  and  Type  of  Jesus: 
in  a  series  of  Letters  addressed  by  an  Assyrian  Ambassador,  resident 
at  the  Court  of  Saul  and  David ,  to  hls  Lord  and  King  on  the  Throne 
of  Nineveh:  wherein  the  Glory  of  Assyria,  as  well  as  the  Magnificence 
of  Judea ,  is  presented  to  the  Reader  by  an  Eye-witness.  By  the  Rev. 
J.  H.  Ingrahuin  LL.D. ,  Author  of  ,,  The  Prince  of  the  House  of  Da- 
vid", and  of  „The  Biliar  of  Fire  ".  Philadelphia,  G.  G.  Evans,  1860. 
Christian  Examiner,  Sept.   1860. 


Jahresberichte  II.     Noi'damerikanische  Literatur   18C0 — 61.     325 

Pictures  of  social  life  in  the  slave  states  have  been 
favorites  in  our  newspapers  and  periodicals.  A  few  are 
mentioned  below  not  so  much  for  their  literary  merit,  as 
expressions  of  the  spirit  of  the  times. ')  Mr.  Ohnstead's 
is  a  book  of  great  merit  and  of  permanent  vahie.  The 
Sable  Cloud  has  been  called  „a  libel  on  the  instincts  of 
human  heart,  on  the  Scriptures,  and  on  the  spirit  of 
the  Saviour". 

The  air  of  a  Republic  seems  to  be  especially  favor- 
able  to  the  writing  of  history.  We  mention  some  of  the 
historical  works  whose  admirable  literary  merit  seems  to 
bring  them  within  our  beat.  Motley's  History  of  the 
Netherlands  had  the  success  of  a  novel.  The  New  York 
Mercantile  Library  took  250  copies  of  it,  and  Mudie's 
Circulating  Library  in  England  1500  copies.  The  critics 
have  not  failed  to  recognize  those  merits  of  style  which 
charm  the  people,  —  the  perspicuity,  ease,  and  vivacity 
which  trip  without  flagging  through  the  results  of  the 
most  laborious  research,  and  the  occasional  highly  wrought 
passages  descriptive  of  persons  and  scenes  which  deserve 
a  deliberate  depth  of  infamy,  or  which  the  heart  of  the 
World  exalts  over,  —  while  the  arrangement  and  deve- 
lopment  of  the  narrative  make  the  history  worthy  a  high 
place  among  works  of  art.-)  Not  inferior  in  elaboration 
of  story,  character,  and  manners,  more  elevated  in  style, 
and    hardly    inferior    in    popularity    is    Bancroft's    great 


')  A  Journey  in  the  Back  Country.  By  Frederick  Law  Olmstead. 
New  York,  Mason  &  Bro.,  1860.  —  The  Sunny  South;  or,  The  South- 
enier  at  Home.  Philadelphia,  G.  G.  Evans,  1860.  —  The  Ebouy 
Idol.  New  York:"D.  Appleton  &  Co.,  1860.  —  The  Sable  Cloud.  A 
Southern  Tale,  with  northcrn  Comments.  By  the  Author  of  „A  south- 
side  view  of  Slavery".  Boston,  Ticknor  &  Fields ,  1861.  Christian 
Examiner,  May  1861.  South  and  North;  or,  Impression  received  dur- 
ing  a  Trip  to  Cuba  and  the  South.  By  John  S.  C.  Abholt.  New 
York,  Abbey  &  Abbott,  1860,  pp.  352.  A  Trip  to  Cuba.  By  Mrs. 
Julia    Ward  Hotce.     Boston,  Ticknor  &  Fields,  1860,  pp.  251. 

^)  HLstory  of  the  United  Netherlands.  By  J.  L.  Motley.  New 
York,  Harper  &  Brothers.  2  vols.  From  the  Assassination  of  William 
the  Silent  to  the  Synod  of  Dort.  New  Englander,  April  1860.  North 
American  Review,  April   1861. 


■526  MarcU 

prose-epic  iu  houor  of  Frecdoiu,  in  which  he  is  too 
slowly  giving  to  the  world  tbe  reaulta  of  tho  labor  of  a 
lifo,')  A  third  of  our  well  known  authors  is  occupied 
with  tho  history  of  New  Kngland'^),  and  a  fourth  with 
that  of  France.  ^) 

The  number  of  Biographies  of  distinguished  Americ- 
ans  is  a  märked  feature  of  thesc  two  last  years.  The 
Coming  revolution  is  forebodcd  by  the  study  ofthetimes 
iu  which  the  Constitution  was  formed,  and  of  its  frainers 
and  defenderg.  Parton's  Life  of  Andrew  Jackson  is  not 
unworthy  of  comparison  with  Carlyle's  Frederick  the 
Great.  The  original  research  is  greater.  The  story  has 
more  flow.  The  style  combines  simplicity  and  directness 
with  humor  and  a  touch  of  quaiutness;  and  he  depicts 
the  bero  and  th,e  scenes  in  which  he  figured  with  a  vi- 
vacity  in  mmiy  places  worthy  of  Coöper.  Those  who 
wish  to  learn  the  history  and  manners  of  the  West  should 
read  Parton.*)  We  have  otber  accounts  of  that  wild  and 
adventurous  region,  such  as  the  story  of  Adams  •^),  and 
the  more  comprehensive  book  of  Milburn');  the  plans 
and  character  of  the  secessioüists  appear  in  the  life  of 
John  A,  Quitman,  one  of  their  leaders''),  while  Washing- 


^)  History  of  the  United  States  from  the  Discovery  of  the  Ame- 
rican Continent.  By  George  Bancroft.  Vol.  VIII.  Bostor>,  Little, 
Bi-owu  &  Co.,  1S60.  pp.  475.  Nojrtb  American  Review.  Qetober  1860. 

2)  History  of  New  England.  By  John  G.  Palfrey.  Vol.  II,  Boston, 
Little,  Brown  &  Co.,  1860.  pp.  XX,  640.  North  American  Review, 
October  1860. 

3)  The  History  of  France.  By  Parke  Godwin.  Vol.  I.  New  York, 
Harper  &  Brother,  1860.     pp.  495.     North  American,  July  1861. 

*)  Life  of  Andresw  Jackson.  3  vols.  By  James  Parton.  New  York, 
Mason  Brothers,  1860.  New  Engländer,  May  1860,  January  1861. 

")  The  Adventures  of  James  Capen  Adams,  Mountaineer  and 
Grizzly  Bear  Hunter  of  California..  By  T.  H.  Hittell.  Boston,  Crosby, 
Nicbols.,  Lee  &  Co.,  1860. 

'')  The  Pioneers,  Preachers,,  aüd  PeopJQ  of  the  Mississippi  Valley. 
By    William  Henry  Milbiirn.    New  York,  I>erby  &  Jackson,  1860. 

")  Life  aod  Correspondenee.  of  John  A.  Quitman,  Major  General 
etc.  etc.  By  J.  F.  ff.  ClaiboKne.  2  vols.  New  York,  Harper  &  BrotherSj 
1660.  New  Englander,  January  1861. 


Jahresberichte  II.     Nordamerikaiiische  Literatur  1860— Ol.    327 

ton  is  celebrated  anew  in  Recollections  by  Custis*),  and 
lives  by  Irving^)  and  Everett.  ^) 

We  have  had  our  usual  number  of  books  of  travel 
and  adventure.  Chaillu's  lively  account  of  bis  adventures 
in  Africa  has  made  most  Sensation  at  home  and  abroad.*) 
Others  are  more  characteristically  American ,  and  of  more 
literary  merit.  Such  are  Mr.  Noble's  description  of  hunt- 
ing  Icebergs  on  the  coast  of  Labrador  with  Mr.  Church, 
the  painter  of  Niagara  and  the  Andes-^),  ■ —  „a  refreshing 
book";  and  the  works  on  Italy  and  Switzerhmd  which 
we  put  below.'') 

Ralph  Waldo  Emerson  has  shared  the  literary  honors 
of  the  time.  Ilis  last  volume  oi Essays'')  has  been  prai- 
sed  and  blamed  with  earnestness,  if  not  extravagance  at 
home  and  abroad.  „Wherever",  says  one  of  his  admirers, 
„within  the  ränge  of  the  English  tongue,  there  is  sym- 
pathy  with  profouud  and  original  thought,  with  just  views 
of  men  and  things,  with  absolute  sincerity,  with  the  poe- 
try  of  a  heart  in   vmison   with   nature,   with   delicate    wit 


1)  Recollections  and  Private  Memoirs  of  Washington.  By  his 
adopted  son  George  Washington  Parke  Ciistis,  with  a  Memoir  of  the 
Author  etc.     New  York,  Derby  &  Jackson,  1860. 

2)  Life  of  Washington.  By  Washington  Irving.  5  vols.  New  York, 
G.  P.  Putnam. 

^  The  Life  of  George  Washington.  By  Edward  Eoerett.  Boston, 
Gould  &  Lincoln,  1860. 

*)  Explorations  and  Adventures  in  Equatorial  Africa.  With  Ac- 
counts  of  the  Manners  and  Customs  of  the  People,  and  of  the  Chase 
of  the  Gorilla,  Crocodile,  etc.  etc.  By  Paul  B.  Du  Chaillu,  cor.  mem- 
ber  of  American  Ethnological  Society  etc.  etc.  New  York,  Harper  & 
Brothers,  1861.  pp.  531. 

*)  After  Icebergs  with  a  Painter.  A  Summer  voyage  to  Labra- 
dor and  around  Newfoundland.  By  Rev.  Louis  L.  Noble  ^  Author  of 
the  ,,Life  of  Cole"  etc.    New  York,  Appleton  &  Co.,  1861.    pp.  336. 

ß)  Notes  of  Travel  and  Study  in  Italy.  By  Charles  Eliot  Norton. 
Boston:  Ticknor  &  Fields,  1860.  The  Cottages  of  the  Alps.  By  the 
author  of  „Peasant  life  in  Germany".  New  York,  Charles  Scribner, 
1860.  Letters  from  Switzerland.  By  Samuel  Irenaeus  Prime.  New 
York,  Sheldon  &  Co.,  1860. 

7)  The  Conduct  of  Life.  By  /{.  W.  Emerson.  Boston,  Ticknor  & 
Fields,  1860.  Christian  Examiner,  January  1861.  p.  149.  New  Englan- 
der, April   1861.  p.  496. 


328  Marcli 

and  the  highest  style  of  litcrary  art,  these  nine  essays 
will  find  cordial  welcome".  „That  such  a  writer",  says 
another,  „should  mold  the  opinions  and  form  the  crced 
of  so  many  scores  of  thoughtful  spirits ,  and  be  accepted 
as  one  of  the  profoundest  philosophers  of  America,  exci- 
tes  both  grief  and  shauie  for  our  generation  and  our  coun- 
try.  It  argues  either  lack  of  knowledge ,  or  lack  of  indi- 
vidual  independence,  deficiency  in  moral  earnestness,  or 
an  excess  of  literary  toadyism  which  is  anything  but  hon- 
orable  to  our  couutrymen".  —  As  to  literary  merit, 
this  last  volume  seems  to  us  to  lack  much  of  the  care- 
ful  finish  of  Ins  early  writing.  The  first  volume  of  his 
essays  was  wonderfully  perspicuous  so  far  as  diction 
and  Syntax  could  make  it  so.  He  has  been  growing 
more  careless  in  his  later  books,  and  in  this  last  there 
is  plenty  of  loose  and  broken  talk  through  M'hich  no  easy 
current  of  thought  can  flow.  Our  magazines  teem  as 
usual  with  essays  from  our  best  writers;  but  less  than 
the  usual  number  have  arrived  at  the  dignity  of  being 
republished  in  book-form. 

One  populär  book  on  philology  deserves  mention, 
Marsh^s  Lectures  on  the  Englisli  Languagc.  ')  All  the  lead- 
ing  papers  and  periodicals  reviewed  and  praised  it, 
many  of  them  in  such  a  manner  as  to  show  scholarly  in- 
vestigation  of  the  subject.  It  is  a  rieh  fund  of  original 
Observation,  expressed  in  classic  English,  and  adapted  as 
far  as  may  be  for  populär  reading. 

The  narrative  poem  which  has  perhaj^s  received  most 
commendation  during  the  period  over  which  our  survey 
extends,  is  by  Mrs.  George  R.  Marsh.-)  It  recites  the 
fortunes  of  a  youth,  who  leaves  his  home  in  one  of  the 
Islands  of  the  North   sea,   and   is   taken    captive   and   be- 


1)  Lectures  ön  the  Kiiglish  Language.  By  George  P.  Marsh.  New 
York,  Charles  Scribner,  1860.  pp.  697.  Christian  Examiner.  July  1860. 
North  American,  October  1860.  New  Englander,  May  1860.  The 
American  Theological  Review,  February  1860. 

2)  Wolfe  of  the  Knolle,  and  other  Poeras.  By  Mrs.  George  P. 
Marsh.  New  York,  Charles  Scribner,  1860.  pp.  327.  New  Englander, 
May  1860. 


Jahresberichte  II.     Nordanierikanische  Literatur   IS60 — 61.     329 

comes  the  slave  of  the  Bey  of  Tunis.  The  story  is  told 
with  simplicity:  the  meter  varies  with  the  subject;  the 
descriptions  of  both  northern  and  sotithern  character, 
manners  and  scenery  are  eqnally  just  and  striking.  It 
is  an  indication  of  growing  familiarity  with  the  lauguages 
and  legends  of  the  north,  that  we  have  another  story  from 
that  abundant  source,  a  love  story  of  the  earhest  period 
of  the  history  of  Iceland.  ^)  It  is  in  blank  verse,  and 
tries  to  catch  and  repeat  the  spirit  of  the  old  norse 
Sagas.  Coming  home  to  America  we  have  ballads  of  the 
South ■•^),  a  poem  of  Virginia^),  the  story  of  Concord 
fight^),  and  some  grand  ballads  by  Whittier.  ^) 

There  is  generally  so  little  to  be  said  of  the  drama 
in  the  United  States,  that  we  must  record  the  appearance 
of  a  patriotic  tragedy  in  the  far  West.  It  takes  the  coun- 
try  through  a  revolution  which  enthrones  a  monarch  for 
a  time,  but  finally  brings  out  the  peoj)le  triumphant.  It 
was  written  prophetically  before  the  presidential  election 
and  will  bear  study.  ^) 

The  poems  of  Simms  and  Whittier  before  referred 
to,  contain  many  fine  lyrics.  The  poetical  works  of  the 
Author  of  „The  old  Oaken  Bücket"  —  a  lyric  known  to 
all  Americans,  have  been  collected  tor  the  first  time.') 
With  the  outbreak  of  re\olution,  there  was  an  outpouring 
of  lyric  poetry  in  all  the   papers  and  magazines.   Sowell, 

1)  Kormak,  an  Icelaiulic  Romance  of  the  tenth  Century.  In  six 
Cantos.     Boston,  Walker,   Wise  &  Co.,  1860. 

2)  Areytos;  er,  Ballads  and  Songs  of  the  South.  By  H^.  Gil- 
more  Simms.     Rüssel  &  Jones,  1861. 

')  Ida  Randolph ,  of  Virginia.  A  Poem  in  three  Cantos.  Phila- 
delphia, Willis  &  Hazard,   1861.  pp.  60. 

4)  Concord  Fight.  By  S.  R.  Burtkü.  Boston,  A.  Williams  &  Co., 
1861.  pp.  32. 

5)  Ilome  Ballads  and  Poems.  By  John  Greenleaf  Whittier.  Boston, 
Ticknor  &  Fields,  1860.  pp.  236.  New  Englander,  January  1861. 

*)  Amor  Patriae,  or,  The  Disruption  and  Fall  of  these  States. 
A  Tragedy  in  live  Acts.  St.  Louis,  George  Knapp  &  Co.,  18B0.  Na- 
tional Review,  Dec.   1860. 

')  The  Poetical  works  of  Samuel  Woodworth.  Edited  by  his  son. 
2  vols.  New  York,  Charles  Scribncr,   1861. 


330  Marcli  Jahicbberichte  II.     Nordanierikanische  Literatur   ISGO — Gl. 

Whittier,  Holmes,  Bryant,  Boker,  and  all  the  rest  burst 
forth  i»  song.  But  nothing  seemed  quite  to  satisfy  us, 
and  sonie  of  the  literati  at  last  offered  a  prizc  ot'  5<)0 
dollars  for  the  best  national  hynin.  A  committee  of  thir- 
teen  of  the  most  weighty  nanies  for  the  purpose  agrecd 
to  decide  the  merits  of  the  competitors.  Twelve  hundred 
came  forward:  the  committee  decided  that  no  one  was 
entitled  to  the  prize.  National  hyinns  are  not  to  l>e  had 
in  this  way.  A  good  account  of  the  affair  may  be  found 
in  a  neat  little  essay  by  one  of  the  committee.  *) 

The  writing  still  goes  on.  One  may  see  something 
of  the  rcsults  in  the  „Rccord  of  llebellion"'^),  which  ga- 
thers  up  for  permanent  preservation ,  the  most  remarkable 
newspaper  contributions  of  the  day.  After  all  perhaps 
the  historian  may  find  that  the  critics  of  the  day  have 
not  seized  the  tridy  characteristic  productions  of  the  time. 
We  hear  that  while  our  learncd  Committee  was  weighing 
elegant  lyrics  in  New  York  parlours,  the  tramp  of  arm- 
ed  regiments  of  the  sons  of  the  puritans  passed  along 
the  streets  keeping  time  to  a  stränge  tune,  and  the  con- 
servative  proprieties  of  the  city  were  startled  by  their 
rüde  chant  abovit  an  abolitionist  Malefactor  lately  put  to 
death  for  exciting  slaves  to  insurrection  in  the  old  com- 
monwealth  of  Virginia. 

„Old  John  Brown  lies  a  mouldering 

But  his  soul  is  marching  on". 


1)  National  Hymns.  How  tbey  are  written  and  how  they  are  not 
written.  By  Richard  Grant    White.  New  York,  Rudd  &  Carleton,  1861. 

2)  The  Rebellion  Record:  A  Diary  of  Aniericaa  Events.  Edited 
by  Frank  Aloare,  Aiithor  of  „Diary  of  the  American  Revolution". 
New  York,  G.  P.  Putnam.  8». 

Easton  Penn*. 

F.   A.   March. 


ICrit.  Anz. :  Mail.  Milä  y  Fontanals ,  De  los  Trovadores  en  Espafla.     331 


Kritische  Anzeigen. 

De  los  Trovadores  en  Espana.  Estudio  de  lengua  y  poesia  provenzal 
por  D.  Manuel  Mild  y  Fontanals,  Catedrätico  de  la  universidad  de 
Barcelona.  Barcelona,  Libren'a  de  Joaquin  Verdaguer.  1861. 
(Paris,  C.  "Reinwald,  Rue  de  Saints-Peres  15.)  531    pp.  8. 

In  dem  ersten  der  vier  Abschnitte,  in  die  das  Buch  des 
um  die  catalanische  Literatur  mehrfach  verdienten  Verfassers 
zerfällt,  gibt  derselbe  zunächst  eine  kurze  Geschichte  der  Bil- 
dung der  romanischen  Sprachen  überhaupt,  dann  insonderheit 
des  Pr-ovenzalischen,  handelt  von  der  geographischen  Aus- 
dehnung dieses  Sprachzweiges  sowie  den  verschiedenen  Be- 
nennungen im  Mittelalter  (j)roven:ol  oder  j'^^^^^''^^*^^-)  lemozina, 
hei  Raimon  Vidal  von  Bezaudun,  wahrscheinlich  im  Hinblick 
ättf  die  beiden  berühmten  Dichter  Guiraut  von  Bornelh  und 
Bertran  von  Born,  die  beide  aus  Limousin  stammten,  cata- 
kines,  m  einer  Tenzone  zwischen  Albert  von  Sisteron  und 
einem  Mönche,  und  endlich  lengua  cVoc  im  Gegensatz  der 
langue  d'o'il,  unter  andern  bei  Dante);  weiterhin  über  die  äl- 
teste provenzaliscbe  Poesie  und  deren  Charakter,  der  Avie  bei 
allen  modernen  Völkern  aus  naheliegenden  Ursachen  kirchlich 
ist;  denn  wenn  neben  dieser  geistlichen  Dichtung,  deren  äl- 
testes Denkmal  bei  den  Provenzalen  der  Boethius  ist,  auch 
ohne  Zweifel  eine  epische  Volksdichtung  bestand,  so  hat  sich 
von  derselben  doch  nichts  erhalten.  Wir  sind  daher  bei  den 
epärlicheu  Ueberresten  epischer  provenzalischer  Poesie,  die 
auf  uns  gekommen  sind,  und  die  nur  zum  kleinern  Theile  den 
finihesten  Denkmälern  derselben  angehören ,  hauptsächlich  auf 
die  Vergleichung  der  nordfranzösischen  ungleich  reichern  Epik 
hingewiesen.  AVas  die  ursprüngliche  Form  des  epischen  Ver- 
ses betrifft,  so  nimmt  der  Verfasser  an,  dafs  derselbe  aus 
zwei  Hemistichien,  entweder  von  5  und  7,  oder  7  und  5  Sil- 
ben bestanden  habe;  als  eine  jüngere  Form  betrachtet  er  den 
Alexandriner ,  der  aus  2  Hälften  von  je  7  Silben  bestehe. 
Diese  Zählung  ist  doch  aber  nur  richtig  wenn  wir  weibliche 
Cäsuren  sowohl  wie  weibliche  Reime  annehmen,  z.  B.  Girart 
von  Rossillon  1886: 

lor  escalas  van  joindre  senes  doptansa 

oder:     en  domn'  escarsa         nos  deuri'  om  entendre. 


332  Kritische  Anzeigen: 

Da  jedoch  der  weibliche  Endreim  niclit  das  ursprüngliche  ist, 
sondern  vielmehr  der  einsilbige  männliche  stumpfe,  und  eben- 
so die  Cäsur  metrisch  gerechnet  nach  der  vierten ,  nicht  nach 
der  (überzähligen)  fünften  Silbe  fällt,  so  ergibt  sich,  dafs  jene 
Zählung  falsch  und  der  epische  Vers  richtiger  aus  4  +  fi, 
oder  6  +  4  (letzteres  im  Girart  von  Rossillon),  der  jüngere 
Alexandriner  aber  aus  6  +  6  Silben  besteht.  Unter  den 
Stoffen,  die  historische  Grundlage  haben,  auf  Stamm-  und  Ge- 
schleclitsüberlieferungen,  auf  geschichtlichen  Ereignissen  ruhen, 
und  das  ist  bei  allen  sogenannten  Chansons  de  geste  der  Fall, 
steht  wegen  ihrer  Bedeutung  für  Südfrankreich  die  Rolands- 
sage voran,  die  demnach  auch  wohl  nicht  zufällig  von  Guiraut 
von  Cabreira  in  seinem  Lehrgedichte  „Cabra  juglar"  an  die 
Spitze  der  epischen  Stoffe  gestellt  wird,  und  demnächst  Guil- 
lem  von  Aquitanien  (au  court  nez) ,  der  bereits  im  9.  Jahr- 
hundert Gegenstand  der  epischen  Poesie  geworden  war.  Wenn 
nun  auch  der  Verfasser  beide  Stoffe  ihrem  Ursprünge  und 
ihrer  Entwickelung  nach  dem  Süden  Frankreichs  zutheilt,  so 
behauptet  er  damit  noch  nicht,  dafs  es  wirklich  provenzalisch 
geschriebene  Gedichte,  die  uns  verloren  gegangen  seien,  über 
diese  Gegenstände  gegeben  habe.  Vielmehr  tritt  er  mit  Recht 
gegen  Fauriel  auf,  der  aus  den  zahlreichen  Anspielungen 
auf  epische  Stoffe  in  den  Liedern  der  Troubadours  auf  das 
Vorhandensein  einer  umfassenden  und  reichhaltigen  provenza- 
lischen  Epik  geschlossen  hatte,  und  stützt  sich  dabei  sowohl 
auf  das  Zeugniss  des  Raimon  Vidal ,  wie  auf  die  Beschaf- 
fenheit mehrerer  in  provenzalischer  Sprache  erhaltener  epischer 
Gedichte ,  von  denen  z.  B.  der  Fierabras  seinen  französischen 
Ursprung  deutlich  zur  Schau  trägt.  Wie  der  Fierabras  in  die- 
ser uns  überlieferten  Form  in  Südfrankreich  mag  vorgetragen 
worden  sein,  in  ihr  allgemein  verständlich  war,  ohne  damit 
ein  provenzalisches  Gedicht  zu  werden,  so  mögen  auch  andere 
nordfranzösische  Epen  in  ähnlicher  Weise  umgeschrieben  wor- 
den sein,  wie  wir  umgekehrt  den  echt  provenzalischen  Girart 
von  Rossillon  ins  Französische  übertragen  finden  (in  der  Hand- 
schrift des  Britischen  Museums)  und  wie  provenzalische  lyri- 
sche Gedichte  in  französische  Liederbücher  aufgenommen  wur- 
den und  dabei  eine  Art  Uebersetzung  erfuhren  (so  in  der 
Pariser  Handschrift  7222).  Nicht  nur  an  den  grofsen  Epen, 
wie  am  Fierabras,  läföt  sich  ein  solcher  nordfranzösischer 
Einflufs  wahrnehmen  ,    sondern  auch  an   den   wenigen   uns  er- 


Manuel  Mila  y  Funtanal.s,  De  los  Trovadores  en  Espafia.      3'].'5 

haltenen  provenzalischen  kleineren  Erzählungen,  Novellen,  ist 
es  merkwürdig  zu  beobachten  wie  sie  französische  Wort-  und 
Sprachformen  ins  Provenzaliscbe  mischen,  so  dafs  wir  viel- 
leicht auch  hier  zum  Theil  auf  nordfranzösische  Originale,  die 
wenn  auch  nicht  übersetzt  doch  mitbenutzt  wurden,  hingewie- 
sen werden.  Die  Form  dieser  erzählenden  Poesie  unterschei- 
det sich  von  der  altepischen  Form  des  Verses  durch  Zahl  der 
Silben,  durch  Mangel  an  Cäsur,  und  durch  die  paarweise 
Keimbindung  statt  der  epischen  Tirade  auf  einen  Reim.  Es 
ist  das  die  Form ,  die  ein  ganzer  Kreis  epischer  Dichtungen, 
die  celtisch-bretonischen  nämlich,  hat;  und  es  liegt  daher  nahe, 
zu  vermuthen,  so  einfach  auch  die  Form  der  Reimpaare  an  sich 
ist,  dafs  dieselben  bei  den  Provenzalen  erst  durch  Vermittelung 
der  Nordfranzosen  eingeführt  wurde.  Dem  Verse,  der  zu 
den  Reimpaaren  verwendet  wurde,  legt  der  Verfasser  wieder- 
um 9  Silben  bei,  was  wie  bei  dem  altepischen  aber  nur  bei 
weiblichem  Reime  richtig  ist;  die  ursprüngliche  Silbenzahl  ist 
ohne  Frage  8.  Ueber  die  Entstehung  dieser  Versform  spricht 
der  Verfasser  (S.  25,  Anm.  16)  eine  Vermuthung  aus:  er 
habe  ursprünglich  aus  zwei  Ilemistichieri  von  je  5  Silben  be- 
standen,  also  diese  Form  gehabt: 

was  durch  einige  Beispiele  wahrscheinlich  zu  machen  gesucht 
wird.  An  diese  verschiedenen  Gattungen  epischer  Poesie 
schliefst  sich  noch  die  Reimchronik  an,  die  bei  den  Proven- 
zalen nur  durch  ein  Werk,  die  Albigenserchronik  von  Guillem 
von  Tudela,  vertreten  ist,  während  wir  von  einem  andern, 
das  den  Gregor  von  Bechada  (um  1400)  zum  Verfasser  hatte 
und  wegen  seines  Alters  von  grofser  Wichtigkeit  wäre,  nur 
Nachricht,  aber  nichts  übrig  haben.  Die  lyrische  Poesie,  die 
als  Kunstdichtung  nicht  über  den  Beginn  des  12.  Jalu-hunderts 
zurückgeht,  bildet  den  eigentlichen  Kern  der  provenzalischen 
Poesie;  der  Verfasser  gibt  uns  eine  Schilderung  des  Charak- 
ters der  höfischen  Lyrik,  von  der  er  drei  Perioden  annimmt, 
1.  vom  Ende  des  11.  Jahrhunderts  bis  1150,  2.  1150 — 1210, 
3.  1210  — 1323.  Die  bedeutendsten  Troubadours  werden 
namhaft  gemacht,  so  wie  die  Dichtungsgattungen  kurz  be- 
sprochen; unter  ihnen  wird  der  tresor,  wohl  mit  Hinblick  auf 
den  tezaur  von  Peire  von  Corbiac,  mit  Unrecht  aufgeführt, 
denn  das  ist  nicht  der  Name  einer  Gattung,  sondern  eines 
einzelnen     Gedichtes     und     nur     zufällig    und     aus    der    Aehn- 


334  Kritische  Anzeigen : 

liclikeit  des  Gegenstandes  erklärlich  ist  es,  dafs  mehrere  Dich- 
ter und  Schriftsteller  (aber  liicht  bei  den  Provenzalen )  Sam- 
melwerken denselben  Namen  gegeben  haben.  Wo  über  die 
Versmafse  gesprochen  wird,  da  linden  wir  wieder  denselben 
Irrthum  in  Bezug  auf  die  Silbenzählung,  11  statt  10,  9  statt 
8  u.  s.  w.  Silben.  —  Mit  1323  beginnt  die  academische  Dich- 
terschule in  Toulouse,  die  ihren  ersten  Wettkampf  1324  hielt, 
wobei  der  erste  Preis  dem  Meister  Arnaut  Vidal  de  Castelnou 
Darri,  fälschlieh  mit  dem  ein  Jahrhundert  älteren  Raimon  Vi- 
dal von  Bezaudun  verwechselt,  zu  Theil  ward.  Dafs  diese 
jüngere  Kunstschule  die  älteren  Troubadours  nicht  fleifsig 
studirt  habe,  wie  S.  45,  Anm.  22,  behauptet  wird,  ist  kaum 
glaublich,  wenn  auch  die  Belege  in  den  Leys  d'amors  aus 
alten  Schriftstellern  äufserst  sj^arsam  sind.  Die  üebereinstini- 
mung  in  den  poetischen  Formen  ist  doch  viel  gröfser  als  der 
Verfasser  annimmt.  Für  die  provenzalische  Poesie  ist  diese 
ganze  academische  Richtung  bedeutungslos ,  es  ist  eine  gelehrte 
dem  Leben  entfremdete  Dichtung,  die  in  ihr  vertreten  wird; 
dagegen  hat  sie  für  die  spanische  Lyrik  eine  grofse  Bedeu- 
tung, und  darum  hat  sie  ihre  volle  Berechtigung  in  einem 
Werke,  das  sich  zur  Aufgabe  gemacht  hat,  den  Einflufs  pro- 
venzalischer  Dichtung  in   Spanien  nachzuweisen. 

Die  Berührungen  provenzalischer  Dichter  mit  Spanien, 
den  Aufenthalt  derselben  an  den  spanischen  Höfen ,  die  Be- 
günstigung durch  spanische  Fürsten  und  Herren  darzuthun  ist 
der  Zweck  des  zweiten  umfangreichen  Abschnittes.  Der  Ver- 
fasser geht  dabei  von  der  Chronologie  der  catalonischen  und 
aragonischen  Herrscher  aus  und  knüpft  an  die  Regierungszeit 
derselben  diejenigen  provenzalischen  Dichter,  die  sich  ent- 
weder in  Spanien  aufhielten  oder  in  ihrer  Heimat  mit  den  be- 
treifenden Regenten  in  Berührung  kamen.  Die  Vermählung 
von  Raimund  Berengar  HI.,  Grafen  von  Barcelona,  mit  Dulce, 
der  Erbin  der  Grafschaft  Provence  (1112),  war  der  erste  An- 
lafs,  die  provenzalische  Lyrik,  die  damals  sich  zu  entwickeln 
anfing,  in  unmittelbare  Berühi-ung  mit  Spanien  zu  bringen. 
Das  älteste  Denkmal  solcher  Beziehungen  ist  wohl  die  i-ida 
de  Santa  Fe  de  Agen,  die  dem  Beginne  des  12.  Jahrhunderts 
angehört.  Mit  der  Lyrik  dagegen  berührt  sich  der  Sohn  des 
Genannten,  Raimund  Berengar  IV,  Graf  von  Barcelona  und 
Fürst  von  Aragon  (1131—02),  an  dessen  Hofe  oder  in 
dessen  Umgebung  die  Dichter  Marcabrun,   Peire  von  Auvergne 


Manuel  Milä  y  Fontanals,  De  los  Trovadores     en  Espaßa.     335 

und  Raimbaut  von  Orange  verweilten.  Gleichzeitig  mit  Rai- 
mund Berengar  IV.  wurde  auch  am  Hofe  von  Alfons  VII. 
von  Castilien  (1126 — ^1157),  der  mit  Raimund  Berengars 
Schwester,  Berengueira,  vermählt  war,  die  provenzalische 
Poesie  begünstigt;  seine  Kämpfe  mit  den  Mauren  von  Spanien 
erregten  auch  in  Südfrankreich  die  Theilnahme,  wovon  Mar- 
cabrun's  auf  diesen  Gegenstand  bezügliches  Lied  Fax  in  no- 
mine domini  (S.  75)  Zeugnifs  ablegt,  wenngleich  der  Erfolg 
der  darin  enthaltenen  Aufforderung  zum  Kreuzzuge  gegen  die 
Mauren  gering  war.  Aufser  Marcabrun,  der  noch  ein  zwei- 
tes Sirventes  im  Interesse  des  spanischen  Kreuzzuges  dichtete, 
hielt  sich  auch  Peire  von  Auvergne  in  Castilien  auf.  Wich- 
tiger noch  für  die  Entwickelung  und  den  Einflufs  der  pro- 
venzalischen  Poesie  in  Spanien  ist  die  Regierung  Alfons  II. 
von  Aragon  (1162 — 96),  der  Sohn  von  Raimund  Berengar  IV., 
zugleich  Graf  von  Provence,  und  selbst  als  provenzalischer 
Dichter  auftretend.  Sein  vielbewegtes  und  politisch  in  An- 
spruch genommenes  Leben  brachte  ihn  mit  den  südfranzösi- 
schen Fürsten  und  Herren,  mithin  auch  mit  den  Dichtern,  die 
an  deren  Höfen  lebten,  in  nahe  Berührung,  daher  wir  auch 
eine  ziemliche  Anzahl  von  Troubadours  finden,  die  seiner 
theils  lobend,  theils  tadelnd  erwähnen.  Hauptsächlich  spielt 
er  in  dem  Leben  und  den  Gedichten  Bertrans  von  Born  eine 
grofse  Rolle ,  auch  Peii-e  Vidal  hatte  vielfache  Beziehungen 
zu  ihm.  Nicht  so  bedeutend,  und  von  provenzalischen  Dich- 
tern weniger  aufgesucht,  weil  auch  sein  Leben  ihn  weniger 
mit  Frankreich  in  Berührung  brachte ,  ist  Alfons  VIII.  von  Ca- 
stilien (1158  — 1214),  doch  haben  wir  provenzalische  Belege 
für  die  Schlacht  bei  Alarcos  gegen  die  Mauren  in  einem  Ge- 
dichte Folquets  von  Marseille  [Hueimais  noi  conosc  razo)  1195, 
für  den  Tod  seines  Sohnes  Ferdinand  1211,  in  einem  Klage- 
liede  von  Guiraut  von  Calanson;  das  Gedicht  Gavaudans  des 
Alten  (Senhors  per  los  vostres  pecatz)  S.  129,  welches  der 
Verfasser  ins  Jahr  1212  setzt,  bezieht  Diez  (Leben  und 
Werke  S.  524)  auf  die  Schlacht  bei  Alarcos  1195.  Aufsei 
den  erwähnten  Dichtern  lebte  auch  Peire  Vidal  (S.  131)  zeit- 
weise am  castilischen  Hofe.  Wie  sein  Vater  Alfons  II.  war 
auch  Peter  II.  von  Aragon  (1196 — 1213)  ein  Förderer  der 
provenzalischen  Poesie  und  selbst  Dichter  wie  jener.  Die 
auf  ihn  bezüglichen  Stellen  der  poetischen  Albigenserchronik, 
namentlich    den    langen    Bericht     über   seinen    Fall    bei    Muret, 


336  Kritische  Anzeigen: 

theilt  der  Verfasser  mit,  der  im  dritten  Tbeile  seines  Buches 
nochmals  auf  Peter  II.  zurückkommt.  Die  lange  Regierung 
Jacobs  I.  von  Aragon  (1213 — 7G),  die  schon  dem  beginnen- 
den Verfall  der  provenzalischen  Dichtkunst  augehört,  brachte 
ebenfalls  vielfache  Beziehungen  zu  einzelnen  Dichtern  mit  sich, 
wiewohl  Jacob  nicht  in  dem  Mafse  wie  seine  Vorgänger  ihnen 
seine  Neigung  zuwandte.  Charakteristisch  ist,  dafs  er,  wie 
uns  ausdrücklich  bezeugt  wird,  dem  Peire  Cardinal,  der  un- 
bestritten der  erste  Dichter  in  Bezug  auf  das  moralische  Straf- 
lied ist,  seine  besondere  Gunst  zuwendete;  doch  fanden  auch 
andere  Sänger  bei  ihm  Unterhalt;  auf  seinen  Tod  dichtete 
Mathäus  von  Quercy  ein  lobreiches  Klagelied.  Alfons  X.  von 
Castilien  (1252 — 84)  nahm,  wie  schon  aus  der  von  Guiraut 
Riquier  an  ihn  gerichteten  Supplik  in  Bezug  auf  den  Unter- 
schied zwischen  Troubadours  und  Jongleurs  und  der  Antwort 
des  Königs,  die,  wenn  von  ihm  verfafst,  ihn  auch  in  die 
Reihe  der  provenzalischen  Dichter  stellen  würde,  hervorgeht, 
lebhaften  Antheil  an  der  ihrem  Verfalle  unaufhaltsam  zueilen- 
den Poesie.  Besonders  war  Bonifaci  Calvo,  ein  Italiener,  eng 
mit  ihm  verbunden,  und  eine  Anzahl  Gedichte  geben  Zeugnifs 
von  der  Gunst,  die  er  bei  dem  Könige  genofs.  Zahlreich  sind 
auch  Alfons'  Beziehungen  zu  Guiraut  Riquier,  dem  ,, letzten 
Troubadour",  der  aufser  jener  Bittschrift  mehrere  Gedichte  an 
ihn  als  seinen  Gönner  richtet.  Alfons  X.  ist  der  letzte  casti- 
lische  Fürst,  der  die  Dichtkunst,  die  von  den  Fürsten  mehr 
und  mehr  vernachlässigt  wui'de,  noch  wie  seine  Vorgänger 
beschützte;  in  Aragonien  war  dies  Peter  III.  (1276  —  85),  der 
selbst  noch  als  Dichter  auftrat.  —  Ein  kurzer  Abschnitt  über 
die  Betheiligung  Navarras  an  der  provenzalischen  Poesie  be- 
schäftigt sich  hauptsächlich  mit  dem  Verfasser  der  Albigenser- 
chronik,  "Guillem  von  Tudela,  wahrscheinlich  derselbe  wie  der 
als   Sirventesdichter  bekannte  Guillem  Anelier  von  Toulouse. 

Der  dritte  Abschnitt  betrachtet  nun  im  Einzelnen  in  chro- 
nologischer Folge  diejenigen  provenzalisch  schreibenden  Dich- 
ter, die  geborne  Spanier  sind.  Zuerst  wird  im  Allgemeinen 
von  der  Stellung  der  waadei-nden  Sänger,  von  den  Jongleurs, 
gesprochen,  in  Bezug  auf  welche  besonders  ein  Decret  Al- 
fons II.  von  Aragon  aus  dem  Jahre  1180  wichtig  ist  (S.  258), 
worin  der  König  bestimmt,  es  sei  in  Zukunft  niemand  ver- 
pflichtet, bei  Hochzeiten  einer  ccvUatrix  oder  einem  jocidator 
etwas  zu  geben.      Der  älteste    naclnveislich    spanische  Dichter, 


Manuel  Milä  y  Fontanals ,  De  los  Trovadores  en  Espaiia.      337 

der  provenzalisch  dichtete,  ist  kein  geringerer  als  Alfons  II. 
von  Aragon;  gleichzeitig  mit  ihm  lebte  Guiraut  von  Cabrera, 
dem  Geschlechte  der  Vizgrafen  von  Cabrera  angehörend;  er 
ist  nur  durch  das  in  meinen  Denkmälern  veröffentlichte  Lehr- 
gedicht für  den  Jongleur  Cabra  bekannt,  welches  der  Ver- 
fasser mit  Bemerkungen  über  die  darin  aufgezählten  epischen 
Stoffe  wiederholt.  Des  Dichters  historischer  Vorname  ist 
eigentlich  Pons,  indessen  finden  sich,  wie  der  Verfasser  Seite 
266  bemerkt,  beide  Namen  in  dem  Geschlecbte  oft  neben 
einander,  Pons  Giraldus  oder  Giraldus  Pons;  das  Gedicht 
mufs  um  1170  verfafst  sein.  Richtig  hat  der  Verfasser  Saine 
(Denkm.  89,  ^Q)  durch  die  Beziehung  auf  die  Chanson  des 
Saines  d.  h.  Sachsen,  Karl's  Kämpfe  mit  Wittekind,  gedeutet 
Marcon  90,  1  ist  doch' wohl  Marcolf  oder  Morolf  der  deut- 
schen Sage,  von  Avelchem  Stoffe  es  vielleicht  schon  im  12. 
Jahrhundert  eine  französische  Bearbeitung  gab ;  eine  solche 
des  dreizehnten  hat  K.  Hofmann  bekannt  gemacht.  Für  Rat 
90,  33  vermuthet  der  Verfasser  Ä'ai,  den  bekannten  Sene- 
schall  Arthur's,  wogegen  nur  einzuwenden  wäre,  dafs  diese 
Form  des  Namens  bei  den  Franzosen  nicht  üblich  ist.  Für 
OUtia  91,  3  ist  ohne  Zweifel  Oliva  mit  Ferd.  Wolf  zu  le- 
sen, und  vielleicht  hat  auch  die  Handschrift,  die  ich  nicht 
selbst  benutzen  konnte,  OUua.  92,  16  qvlestors  de  man  de 
Perizon  für  dejjerizon  ist  doch  wohl  nur  Druckfehler  und  nicht 
absichtliche  Veränderung,  die  ich  nicht  verstehe.  Caumus  92, 
28  ist  aber  nicht  Cadmus,  sondern  steht  für  Caunus  d.  h.  der 
Bruder  der  BibUs ,  die  unmittelbar  vorher  genannt  ist.  Bai- 
noal  ab  lo  tival  93,  1,  wo  der  Verfasser  cfiival  für  tival  le- 
sen will,  mit  Bezug  auf  Reynald  und  sein  Ross  Bayard,  ist 
vielmehr,  wie  Paul  Meyer  in  seiner  dankenswerthen  Recen- 
sion  meiner  Denkmäler  nachgewiesen  hat,  Raynouart  au  tinel 
der  im  Guillaume  au  court  nez  eine  Rolle  spielt ,  daher  ab  lo 
tinal  zu  lesen.  93,  26  Arselot  erklärt  der  Verfasser  wohl  mit 
Recht  für  Anseht  =  Lanselot.  Noch  immer  bleiben  in  die- 
sem literarisch  wichtigen  Gedichte  wie  in  der  Nachahmung 
des  Guiraut  von  Calanson  eine  Anzahl  Anspielungen  dunkel 
und  unerklärt.  —  Demnächst  folgt  Guillem  von  Berguedan, 
über  dessen  Geschlecht  der  Verfasser  Material  fleifsig  zusam- 
mengetragen,  sowie  eine  Anzahl  Urkunden,  in  denen  der 
Dichter  vorkommt,  nachgewiesen  hat.  Nach  der  Zusammen- 
stellung der  historischen  und  biographischen   Nachrichten   und 

Jahrb.  f.  rom.  u.  engl.  Lit.    IV.  3.  O'-J 


33g  Kritische  Anzeigen: 

einer  Inhaltsübersicht  seiner  Gedichte  folgen  diese  selbst,  Irei- 
lich  ohne  für  die  Kritik  der  vielfach  entstellten  Texte  wesent- 
lich Neues  zu  bringen.  Die  Autorschaft  des  einen  Gedichtes 
ist  noch  zweifelhaft,  nämlich  des  ersten:  AI  temps  dCestiu  quan 
s^aletjron  Vauzel,  welches  in  zwei  Handschriften  anonym  über- 
liefert, in  einer  andern  Daude  vonPradas,  und  ebenfalls  nur 
in  einer  Guillem  von  Berguedan  beigelegt  wird.  Es  ist  von 
so  allgemeinem  Charakter,  dafs  man  eher  geneigt  ist,  es  dem 
wenig  hervorti'etenden  Daude,  als  dem  originellen  Guillem 
zuzuschreiben.  Ein  paar  fehlen:  ein  noch  ungedrucktes  Ar 
volh  un  sirventes  far  in  D,  und  Us  trichaire,  das  schon  bei 
Keller  steht,  freilich  ziemlich  entstellt  ist.  —  Hugo  von  Ma- 
taplana,  ebenfalls  aus  einem  berühmten  Geschlechte,  über  das 
der  Verfasser  historische  Daten  beibringt,  spielt  in  der  Er- 
zählung Raimon  Vidal's :  En  aquel  temps  c'om  era  jais  eine 
Hauptrolle  und  erscheint  darin  als  Gönner  des  genannten 
Dichters,  Seine  eigenen  Dichtungen  beschränken  sich  auf  ein 
Sirventes  gegen  Raimon  von  Miraval,  und  eine  Tenzone  mit 
Blacasset;  möglich,  ja  wahrscheinlich  ist  sein  Antheil  auch 
au  einer  andern  Tenzone  mit  dem  Jongleur  Reculaire ,  die 
der  Verfasser  ihm  beilegt,  wiewohl  die  Handschriften  ihn  nur 
als  N  Uc  bezeichnen.  Der  obenerwähnte  Raimon  Vidal,  als 
erzählender  Dichter  und  als  Grammatiker  bekannt,  gehört 
ebenfalls  Spanien  an;  beide  gleichzeitig  mit  Peter  II.  von 
Aragonien ,  der  insofern  auch  unter  die  provenzalischen  Dich- 
ter gehört,  als  er  zwei  Tenzonen  mitgedichtet  hat,  die  eine 
mit  Guiraut  von  Bornelh,  die  andere  mit  einem  aragonischen 
Ritter.  Er  führt  uns  mitten  in  den  unglücklichen  Albigenser- 
krieg  hinein,  in  dem  er  selbst  das  Leben  verlor  und  den 
Guillem  von  Tudela,  ebenfalls  ein  Spanier,  als  Augenzeuge 
in  einer  poetischen  Chronik  beschrieb.  Was  die  Identifizirung 
dieses  Dichters  mit  Guillem  Anelier  von  Toulouse  betrifft,  von 
der  schon  oben  die  Rede  war,  so  sind  dem  Verfasser  die 
Bedenken  nicht  entgangen,  die  ihr  entgegenstehen.  Er  ver- 
sucht einen  Vermittelungsweg  einzuschlagen,  indem  er  annimmt, 
dafs  Guillem  ein  herumziehender  Troubadour  war,  aus  ursprüng- 
lich gascognischer ,  aber  in  Navarra  (Tudela)  ansässiger  Fa- 
milie, dafs  er  selbst  in  Toulouse  lebte  und  dort  sein  Werk 
schrieb,  früher  aber  die  spanischen  Höfe  öfter  besucht  hatte, 
woraus  sich  seine  Bekanntschaft  und  Vertrautheit  mit  spani- 
schen   Verhältnissen    erklärt.     Es   ist    dies   aber   freilich   eine 


Manuel  Milä  y  Fontanals  ,  De  los  Trovadores  en  Espaila.     339 

Hypothese,  die  richtig  sein  kann,  die  aber  für  ihre  Wahr- 
scheinlichkeit ebenso  wenig  Gründe  beibringen  kann,  als  es 
leicht  ist  sie  zu  widerlegen.  Bei  dem  nun  folgenden  Arnaut 
dem  Catalanen ,  wie  ihn  die  Handschriften  ausdrücklich  be- 
zeichnen, sind  die  Ansprüche  auf  manche  der  ihm  beigelegten 
Gedichte  zweifelhaft,  wie  der  Verfasser  selbst  zugesteht;  von 
den  dreien,  die  er  unter  seinem  Namen  gibt,  sind  zwei  (2  —  3) 
entschieden  nicht  von  ihm,  das  dritte  (1)  wahrscheinlich  auch 
nicht,  sondern  von  Geneys,  einem  sonst  unbekannten  Dichter. 
Dagegen  sind  folgende  Lieder  dem  Arnaut  Catalas  mit  Sicher- 
heit beizulegen: 

Als  entendens  de  chantar,  in  C. 
Amors,  rics  fora  sius  vis,  CE. 
Anc  per  nul  temps  nom  donet  jai,  O. 
Dregz  fora  qui  ben  chantes,  E. 
Lan  quan  vinc  en  Lombardia,   Oe. 

so  wie  eine  Tenzone  mit  Aimeric  von  Belenoi:  Aimeric  eil 
queus  fai  aman  languir.  —  Guillem  von  Cervera,  Verfasser 
eines  von  Paul  Heyse  aufgefundenen  und  herausgegebenen 
Lehrgedichtes,  gehört  einem  adeligen  Geschlechte  an,  das 
bereits  im  11.  Jahrhundert  urkundlich  nachweisbar  ist;  der 
Vorname  Guillem  begegnet  im  12.  und  13.  Jahrhundert  nicht 
weniger  als  fünfmal ,  so  dafs  es  schwer  wäre  zu  entscheiden, 
in  welchem  wir  den  Dichter  zu  suchen  haben,  wenn  nicht  der 
Inhalt  und  die  Art  und  Weise  seines  Lehrgedichtes  wahrschein- 
lich machten,  dafs  er  kein  Dichter  des  12.,  sondern  erst  aus 
der  zweiten  Hälfte  des  13.  Jahrhunderts,  also  wahrscheinlich 
der  1269  nachgewiesene  Guillem  dieser  Familie  ist.  Schon 
der  Verfallzeit  der  provenzalischen  Poesie ,  die  durch  diese 
didaktische  Richtung  ganz  analog  dem  Entwicklungsgange  der 
deutschen  Poesie  bezeichnet  wird,  gehören  Guillem  de  Mur 
und  Olivier  der  Templer  an;  jener  stammt,  wie  der  Verfasser 
nachweist,  aus  einer  catalanischen  Familie,  die  einen  Zweig 
der  Grafen  von  Pallars  bildete,  und  ist  ein  Zeitgenosse  und 
Freund  von  Guiraut  Riquier,  mit  dem  er  mehrere  Tenzonen 
dichtete;  in  der  einen,  die  ich  ihm  auch  beilegen  möchte 
(4,  243  Guiraut  Riquier,  pus  qu'es  sabens),  wird  er  nur 
Guillem  genannt.  Weniger  sicher  ist  die  spanische  Herkunft 
bei  dem  Templer  Olivier;  wahrscheinlich  bei  Serveri  de  Ge- 
rona,    der    von    einem    späteren    Schriftsteller    als    Catalane 

23* 


g^  Kritische  Anzeigen : 

bezeichnet  wird,  worauf  in  der  That  alle  Namensbeziehungen 
hinzuweisen  scheinen.  Auch  er  gehört  der  zweiten  Hälfte  des 
13.  Jahrhunderts  an,  es  haben  sich  von  ihm  16  Gedichte 
und  das  Fragment  eines  Lehrgedichtes  erhalten,  in  welchem 
letzteren  (oder  vielmehr  in  der  Handschrift  die  es  enthält) 
schon  eine  Menge  catalanischer  Sprachformen  vorkommen. 
Im  ersten  Geleite  des  ersten  Gedichtes  (S.  374)  ist  offenbar 
Sobrepretz  statt  Sejyrepretz  zu  lesen;  es  ist  ein  allegorischer 
Name,  der  im  Geleite  fast  aller  Gedichte  des  Dichters  vor- 
kommt, ebenso  wie  ein  anderer,  den  der  Verfasser  auch  nicht 
erkannt  zu  haben  scheint,  Cart:,  gewöhnlich  in  der  Verbindung 
la  don'  als  Cartz.  Im  fünften  Gedichte  sind  die  ganz  kurzen 
Zeilen  als  Binnenreime  zu  fassen  und  zu  vereinigen: 

Tans         afans         pezans         e  dans 

tan  grans         d'amor; 
oder  man  kann  auch  schreiben: 

Tans        afans       pezans        e  dans  tan  grans  d'amor, 

mit  der  eigentlichen  Cäsur  nach  der  siebenten  Silbe,  ein  Vers, 
den  wir  bei  dem  ältesten  provenzalischen  Dichter,  Guillem 
von  Poitiers,  finden.  —  Es  folgen  Peter  III.  und  Peire  Sal- 
vatge,  mit  einer  Tenzone,  an  welcher  auch  der  Graf  von 
Foix  und  Bernart  von  Auriac  Antheil  nehmen;  so  dann  der 
Lehrdichter  Amanieu  des  Escas.  So  schreibt  der  Verfasser 
übereinstimmend  mit  Raynouard,  aber  gegen  die  Handschrift 
(vgl.  zum  Lesebuch  140,  71),  und  weist  Escas  als  einen  Ort 
im  Bisthum  Urgel  (Catalonien)  nach.  Ich  will  nach  diesem 
Nachweise  auf  meiner  Deutung  nicht  bestehen,  w^iewohl  sie 
die  Handschrift  für  sich  hat.  Die  Reime  Escas:  ofars  oder 
parlars  können  aber  nicht  beweisen,  dafs  die  ursprüngliche 
Namenform  Escars  gewesen,  denn  solche  Reime,  in  denen 
auf  ein  r  nicht  Rücksicht  genommen  wird ,  finden  sich  öfter 
(Anm.  zum  Lesebuche  41 ,  9).  Eine  adelige  Familie  —  und 
einer  solchen  scheint  der  Dichter  nach  der  Schilderung,  die 
er  von  seinem  Hausstand  macht,  anzugehören  —  dieses  Na- 
mens ist  auch  jetzt  noch  nicht  nachgewiesen.  Es  reihen  nun 
noch  einige  unbedeutendere  Dichter  sich  an ,  Friedrich  von 
Sicilien  (1295 — 1338)  und  der  Graf  von  Empurias,  nämlich 
Pons  Hugo  rv.  Graf  von  Empurias,  mit  einer  Tenzone;  Pons 
Barba,  der  den  Catalanen  ohne  genügende  Sicherheit  beige- 
zählt wird,  hat  noch  ein  zweites  Gedicht  Non  a  tan  poder  en  se 


Manuel  Milä  y  Fontanals,  De  los  Trovadores  en  Espafia.     341 

verfafst,  von  dem  Rayn.  5,  352  ein  Fragment  mittheilt.  Mo- 
leta der  Catalane ,  den  wir  aus  der  Satire  des  Mönchs  von 
Montaüdon  kennen  ,  ist  nach  der  Meinung  des  Verfassers  der- 
selbe wie  Mola,  von  dem  eine  Tenzone  erhalten  ist.  Einen 
Anhang  bilden  die  Troubadours  der  Grafschaft  Roussillon,  unter 
denen  als  ältester  Berengar  von  Palasol  vorausgeht.  Wenn 
der  von  ihm  erwähnte  Graf  Gottfried  der  dritte  dieses 
Namens  ist  (1113 — 63),  wie  der  Verfasser  glaubt,  so  ist  er 
allerdings  der  älteste  spanische  Troubadour,  noch  älter  als 
König  Alfons  II.  Die  Einfachheit  seiner  Strophenbildungen 
scheint  nicht  dagegen  zu  sprechen ;  aber  dann  kann  in  dem 
vom  Verfasser  mitgetheilten  Gedichte  (S.  437)  es  nicht  heifsen: 
Aissi  fenira  ma  canso,  sondern  fenirai.  Das  eine  der  ihm 
beigelegten  Gedichte  Tot  francamen ,  domna,  venh  denan  vos 
ist  ihm  nicht  mit  Sicherheit  zuzusprechen ,  vielmehr  scheint  es 
Peire  von  Barjac  anzugehören;  ein  anderes  Aissi  com  hom  que 
senher  occaizona  wird  zwar  auch  andern  beigelegt,  aber  doch 
mit  gröfserem  Rechte  Berengar  von  Palasol.  In  dem  Ver- 
zeichnifs  das  der  Verfasser  gibt,  ist  ein  Gedicht  Dovina  la 
fjenser  qiCom  veja  doppelt  aufgeführt,  mithin  ist  die  Zahl  von 
15  auf  13  zu  beschränken.  Aehnliche  und  wohl  noch  gröfsere 
Unsicherheit  in  Bezug  auf  das  literarische  Eigenthum  herrscht 
bei  einem  berühmten  Dichter,  Guillem  von  Cabestanh,  be- 
rühmt durch  die  Zartheit  seiner  Lieder  wie  durch  sein  roman- 
tisches Schicksal.     Echt  sind  von   ihm  nur  folgende  Gedichte: 

Aissi  cum  cel  que  laissal  folh. 

AI  plus  leu  qu'eu  sai  far  chansos. 

Ancmais  nom  fo  semblan. 

Ar  vei  qu'em  vengut  als  jorns  loncs. 

En  pensamen  mi  fai  estar  amors. 

Lo  dous  consire. 

Lo  jorn  queus  vi,  domna,  premeiramen. 

Mout  m'alegra  doussa  votz  per  boscatge. 

Dagegen  gehört  ihm  nicht  das  im  dunklen  Stil  gehaltene  Lied 
Chanso  den  sol  mot  plan  e  lyrim,  das  vielmehr  Arnaut  Daniel 
zum  Verfasser  hat;  ferner  die  Canzone  Mon  cor  e  mi  e  mas 
bonas  chanaos,  welche  mit  gröfserem  Rechte  Gaucelm  Faidit 
beigelegt  wird,  nur  R,  wo  das  Gedicht  einmal  mit  dem  rich- 
tigen Namen  steht,  gibt  das  zweitemal    es    unter    dem  Namen 


342  Kritische  Anzeigen: 

Guillems.  Noch  ein  unechtes  ist  Assatz  es  dreitz  pos  jois  7iu)ii 
pot  venir,  nach  DLM  allerdings  von  Guillem,  dagegen  in 
CDOR  Ozil  von  Cadarz,  im  Register  von  C  aufserdeiii  Pi- 
stoleta beigelegt.  Drei  andere  Dichter  von  Roussillon  werden 
kürzer  behandelt,  Pens  d'Ortafas,  von  dem  zwei  Lieder  übrig 
sind;  dagegen  haben  sich  von  Raimon  Bistors  von  Roussillon 
mehr  erhalten  als  eine  einzige  Strophe,  wie  der  Verfasser  an- 
gibt, nämlich   die  Lieder: 

Aissi  col  fortz   castels  ben  establitz. 

Aissi  com  arditz  entendens. 

Ar  agues  eu,   domna,  vostras  beutatz.      j 

A  vos  melhs  de  melh  qu'om  ve. 

Qui  vol  vezer  bei  cors  e  benestan. 

Die  drei  letzten  stehen  in  F  unter  dem  Namen  Raimon  Bi- 
stors d'Arle,  doch  ist  es  wohl  derselbe  Dichter,  und  die 
Handschrift  ii-rte  in  der  Bezeichnung  der  Heimat;  das  erste  der 
drei  steht  namenlos  auch  in  P.  Bei  Gelegenheit  des  Fromit 
von  Perpignan ,  von  dem  sich  ein  Lied  erhalten  hat,  theilt 
der  Verfasser  eine  von  D.  Juan  Manuel  aufbewahrte  Nach- 
richt über  einen  ungenannten  Troubadour  aus  Perpignan  mit, 
die  wahrscheinlich  auf  einer  provenzalischen  Lebensnachricht 
beruht.  Die  Aufzählung  schliefst  mit  dem  Grafen  von  Pro- 
vence, Raimund  Berengar  V  (oder  IV),  der  dem  Hause  der 
Grafen  von  Barcelona  entstammte  (1209  — 1245)  und  von 
Aimeric  von  Pegulhan  in  einem  innigen  Klageliede  beklagt 
wurde.  Ich  kenne  die  Gründe  nicht,  die  den  Verfasser  be- 
stimmen, in  dem  „Grafen  von  Provence",  wie  ihn  die  Hand- 
schriften schlechtweg  bezeichnen,  gerade  diesen  Raimund  Be- 
rengar zu  erblicken,  da  die  betreffenden  Gedichte  keine  histo- 
rischen Beziehungen  enthalten;  doch  habe  ich  auch  keine 
Gründe  dem  entgegenzusetzen.  Nur  bemerke  ich,  dafs  die 
Handschriften  zum  Theil  auch  den  Grafen  von  Rodez  als 
Verfasser  angeben  (AB),  so  die  Tenzone  Amtes  N  Arnautz 
cen  domnas  d'aut  paratge.  In  dem  für  einen  Dichter  gehal- 
tenen (z.  B.  von  Raynouard,  nicht  von  Diez)  Garn  et  Ongla, 
mit  dem  der  Graf  eine  Tenzone  gedichtet  haben  soll ,  erblickt 
der  Verfasser  mit  Recht  nichts  anderes  als  —  des  Grafen 
Pferd  (vgl.  tan  hon  caval  no  sai  ni  tan  espert).  Eine  andere 
Tenzone  mit  Bertran  von  Alamon,  der  wirklich  am  Hofe 
des  Grafen  Raimund    Berengar  lebte,   beginnend  Sevhor  coms 


Manuel  Milä  y  Fontanals,  De  los  Trovadores  en  Espafia.      343 

ieus  j/rec  quem  digatz,    in  H    (Strophe  2  Bertran,   be  cre   que 
conoscatz)  hat  der  Verfasser  nicht  gekannt. 

Der  letzte  Abschnitt,  der  von  dem  provenzalischen  Ein- 
flufs  in  Spanien  handelt,  bespricht  zuerst  die  Verschiedenhei- 
ten der  catalanischen  und  provenzalischen  Sprache;  in  Bezug 
auf  letztere  sind  manche  grammatische  Unrichtigkeiten  zu  be- 
merken, 80  die  Pronominalformen  ill,  ellei  (dellei  ist  nicht 
d'ellei,  sondern  ==  de  lei) ,  die  in  der  That  nicht  existiren; 
vingue  S.  456  steht  wohl  dem  provenzalischen  vengui  gleich. 
Die  orthographische  Abweichung  in  Bezug  auf  yl  =  proven- 
zalisch  Ih  ist  nicht  so  grofs  als  sie  aussieht,  denn  die  meisten 
provenzalischen  Handschriften  haben  z7,  iZ/,  was  jenem  ?/Z  ganz 
nahe  kommt;  jjerillos  z.  B.  wird  auch  in  den  meisten  proven- 
zalischen Handschriften  ebenso  geschrieben.  Mehr  abweichend 
ist  ny  =  provenzalisch  nh ,  indess  dem  alten  ni  (z.  B.  im 
Boethius)  gleichkommend.  Die  Auswerfung  des  n  in  Wörtern 
wie  cove  (convenit),  iffan  (infans)  provenzalisch  cove  und  effan 
oder  efan  neben  evfan,  cossi  :^  consi  ist  ebenso  provenzalisch; 
ferner  ist  ts  statt  tz  am  Schlufse  von  Worten  im  Provenzali- 
schen das  ursprüngliche,  das  erst  im  13.  Jahrhundert  durch 
tz  verdrängt  wurde;  auch  p  für  z  ist  in  provenzalischen  Hand- 
schriften nicht  ungewöhnlich,  e  für  ey  in  manera,  carrera  etc. 
ist  auch  im  Provenzalischen  nicht  selten,  in  manchen  Hand- 
schriften sogar  das  Regelmäfsige ,  ohne  dafs  deswegen  ange- 
nommen werden  dürfte ,  dieselben  seien  in  Catalonien  geschrie- 
ben. Montesquiu  ist  auch  die  provenzalische  Form  (Montes- 
quiu:  senhoriu  reimt  Peire  Vidal  14,  14),  und  Montesquieu 
ist  eine  dem  Schlufse  des  13.  Jahrhunderts  angehörige.  Dafs 
die  Substantiva  in  o  im  Provenzalischen  gewöhnlich  die  En- 
dung 011  hätten,  ist  unrichtig;  vielmehr  wechseln  hierin  die 
Handschriften,  ebenso  in  Bezug  auf  ä,  e,  z,  m,  z.  B.  certäii 
und  certä,  ten  und  te,  fin  und  //,  brun  und  bru.  Von  ecclesia 
lautet  die  gewöhnliche  provenzalische  Form  nicht  glezia^  son- 
dern gleiza;  das  catalanische  esgleia  (wie  es^iaa  =  provenza- 
lisch espaza)  steht  also  ganz  nahe.  —  Nach  diesem  grammati- 
schen Abschnitt  kommt  der  Verfasser  auf  die  catalanisch-lemo- 
sinischen  Troubadours,  d.  h.  solche,  die  wirklich  in  catala- 
nischer  Sprache  dichteten.  Das  älteste  catalanische  poetische 
Denkmal  ist  ein  Planctus  S.  Mariae  virginis,  aus  einer  Hand- 
schrift, die  wohl  noch  dem  12.  Jahrhundert  angehört;  so  dann 
lo  plant    de   sant    Exteve   aus    dem    13.   Jahrhundert,   und   ein 


344  Kritische  Anzeigen: 

Marienlied  aus  einer  Haadschrift  des  14/15.  Jahrhundert,  das 
aber  nach  des  Verfassers  Ansicht  noch  dem  13.  angehört  (das 
dabei  wegen  seiner  ähnlichen  Form  angeführte  Marienlied 
Dona  dels  angels  regina  ist  aber  nicht  von  Guiraut  von  Ca- 
lanson,  sondern  von  Pcire  von  Corbiac,  vgl.  mein  provenza- 
lisches  Lesebuch  92,  20);  endlich  eine  Marienklage  0  fjran 
dolor  cruzel  ab  mortal  pena.  Der  älteste  namhafte  Dichter  ist 
Ramon  Lull  (1235  —  1315),  dessen  poetische  Werke  allerdings 
hinter  seinem  prosaischen  an  Bedeutung  zurückstellen.  Der 
Verfasser  gibt  ein  vollständiges  Verzeichniss  der  Gedichte  und 
theilt  zwei  derselben  mit.  Aufser  einer  Anzahl  anderer  Ge- 
dichte des  14.  Jahrhunderts,  worunter  eine  Canzone,  die  der 
Infant  Pedro  (1304  —  80)  bei  der  Krönung  seines  Bruders 
Alfons  1327  dichtete  und  die  von  Jongleurs  gesungen  wurde, 
mehrere  Gedichte  Königs  Pedro  IV  (1335—87),  die  Nach- 
ahmung Petraca's  verrathen,  sind  im  14.  Jahrhundert  eine 
Reihe  wissenschaftlicher  Werke  in  poetischer  Form  zu  nennen, 
die  sich  an  die  toulousanische  Dichterschule  anreihen  und  sich 
mit  der  Theorie  der  Dichtkunst  beschäftigen,  so  eine  cata- 
lanische  Bearbeitung  der  leys  d'amors,  ein  Corapendium  der- 
selben von  Joan  Castellnou,  eine  Glosa  desselben  zum  Doctri- 
nal  des  Ramon  de  Cornet,  die  poetische  Ausstellungen  ent- 
hält; von  welcher  Art,  mögen  folgende  Verse  beweisen: 

Quar  sabers   m'o  permet   (veus   frevol    comensament,    car  a 

lauzor  de  si ,  e  no  de  Dieu  comensa), 
Yeu  Ramons  de  Cornet, 
Capelas  ordonatz 
De  San  Antoninatz  ( veus    aqui    replicacio    can    dits    ninats 

e  es  grans  vicis), 
Faray  un  doctrinal 
Ab  rethorica  tal 
Que  bo  romans  demostre    (mal  ditz,  car  rethorica  non  en- 

senha  bos  romans  parlar  mas  bei  parlar). 

Ferner  Mirall  de  trobar  von  Berenguer  de  Noya;  Reglas  de 
trovar  von  Ramon  Vidal  de  Besalu,  erklärt  von  Jofre  Foxä; 
Doctrina  de  cort  de  T.  de  Pisa;  Comensamens  de  la  doctrina 
provincial  vera  e  de  rahonable  locuciö  y  flors  del  gay  sa- 
ber  de  Guillermo  Molinier;  Erklärung  des  Gay  Saber  von 
Luis  de  Aversö  —  alles  Werke ,  die  den  Einflufs  der  provenza- 
lischen  Poesie  auf  die  catalanische  begünstigen  mufsten.    Von 


Manuel  Mila  y  Fontanals,  De  los  Trovadores  en  Espafia.     345 

der  Beschäftigung  mit  dem  Provenzalischen  und  der  Anlehnung 
der  sich  im  14.  Jahrhundert  entwickelnden  catalanischen  Li- 
teratur an  die  provenzalische  zeugen  aufserdem  eine  Reihe  von 
Uebersetzungen,  wie  der  Auzels  cassadors  von  Daude  von 
Pradas ,  des  Breviari  d'amor  u.  s.  w.  Die  Anzahl  der  lyri- 
schen Dichter  in  catalanischer  Sprache  im  14.  und  15.  Jahr- 
hundert ist  bedeutend,  wie  die  erhaltenen  Liederbücher  dar- 
thun,  aber  der  poetische  Werth  gering,  die  Anlehnung  theils 
an  die  italienische,  theils  an  die  provenzalische  Poesie  nicht 
zu  verkennen,  worauf  in  diesem  Jahrbuche  von  Ebert  und  mir 
hingewiesen  worden.  Auf  die  Auszüge,  die  ich  aus  dem  Pariser 
Canyoner  gegeben,  bezieht  sich  auch  was  S.  485  if.  gesagt  ist, 
und  dafs  irrthümlich  das  Lied  Q,uan  vei  la  lauzeta  mover  (S.486, 
Anm.  20)  Rambaut  von  Vaqueiras  statt  Bernart  von  Ven- 
tadorn  beigelegt  wird.  Auch  von  dem  (geringen)  französischen 
Einflufs  handelt  der  Verfasser,  und  gibt,  um  den  Umfang  der 
in  Catalonien  getriebenen  Studien  anschaulich  zu  machen,  das 
Verzeichnifs  zweier  fürstlichen  Bibliotheken  des  15.  Jahrhun- 
derts. —  Der  Einflufs  der  Provenzalen  auf  Spanien  ist  aber  mit 
den  catalanischen  Dichtern  nicht  erschöpft,  er  läfst  sich  auch 
an  den  galizisch- portugiesischen  einerseits,  an  den  castilischen 
andererseits  nachweisen.  Die  ältesten  portugiesischen  Trou- 
badours reichen  ins  13.  Jahrhundert  hinauf  und  gehören  der 
Regierung  Alfons  III.  von  Portugal  (1245 — 79)  an,  der  ein 
Zeitgenosse  des  Königs  Alfons  X.  von  Castilien  war.  Diesen 
haben  wir  als  Beschützer  provenzalischer  Dichter  schon  ken- 
nen gelernt,  er  dichtete  aber  auch,  und  zwar  in  galizischer 
Mundart.  Die  castilische  Dichtung  wurde  nicht  unmittelbar 
von  dem  Einflufse  der  provenzalischen  berührt,  wie  man  nach 
den  vielfachen  Beziehungen  provenzalischer  Dichter  zu  Casti- 
liens  Hofe  im  12.  und  13.  Jahrhundert  hätte  erwarten  kön- 
nen, sondern  durch  Vermittelung  der  portugiesischen.  Seit 
dem  16.  Jahrhundert  begann  der  Einflufs  des  Alterthums, 
hauptsächlich  durch  Italien  vermittelt,  doch  blieben  nament- 
lich in  der  Form  manche  Reste  der  alten  provenzalischen 
Poesie ,  wie  der  Gebrauch  des  Geleites  und  anderes.  Und 
auch  im  Geiste  der  castilischen  Poesie  erkennt  der  Verfasser 
trotz  alles  antiken  Einflufses  auf  die  Bildung  noch  immer  eine 
Nachwirkung  des  höfischen  Liebesdienstes  wie  ihn  die  Pro- 
venzalen entwickelt  hatten. 

Wir  schliefsen  mit  wohlmeinendem  Danke  für  den  werth- 


346  Kritische  Anzeigen : 

vollen  Beitrag  zur  Geschichte  der  provenzalischen  Poesie. 
Die  zahlreichen  mitgetheilten ,  noch  ungedruckten  Texte,  na- 
mentlich aber  die  urkundlichen  und  historischen  Nachweise  aus 
Archiven  seiner  Heimat,  tragen  nicht  wenig  dazu  bei,  den 
Werth  zu  erhöhen.  Was  die  Texte  anbelangt,  so  hiefse  es 
von  einem  literarhistorischen  Werke  zu  viel  verlangt,  wenn 
man  kritische  Bearbeitung  derselben  beanspruchen  wollte;  je- 
doch mufs  anerkannt  werden,  dafs  der  Verfasser  zur  Lesbar- 
keit derselben  manches  beigetragen  hat.  Nur  das  möchten 
wir  bemerken,  dafs  eine  so  ausgedehnte  Mittheilung  von  schon 
bekannten  Texten  um  so  weniger  nöthig  gewesen  wäre,  als 
der  Verfasser  fast  immer  vollständige  Uebersetzungen  gibt. 
So  werden  uns  von  Amanieu  des  Escas  nicht  weniger  als  20 
Seiten  Text  nach  einander  gegeben,  die  alle  schon  bekanntes 
enthalten,  dazu  kommen  noch  sechs  Seiten  Inhaltsangabe! 
Das  scheint  in  der  That  des  Guten  zu  viel  und  dient  nur  da- 
zu, das  Buch  unnöthig  theuer  zu  machen. 

Rostock,  im  Juni  1862. 

Karl   Bartsch. 


Dante  Alighieri's  lyrische  Gedichte  und  poetischer  Briefwechsel.  Text, 
Uebersetzung  und  Erklärung.  Von  Karl  Krafft.  Regensburg,  1859. 
(Verlag  der  Montag  und  Weifs'schen  Buchhandlung.)  8°.  (XII  u. 
521  S.  12.) 

Wir  besitzen  von  Dante's  lyi'ischen  Gedichten  bereits  eine 
Uebersetzung  von  Witte  und  Kannegiefser.  Von  dieser  ihrer 
Vorgängerin  unterscheidet  sich  die  Kratft'sche  zunächst  in 
zwei  Punkten.  Erstlich  nämlich  ist  sie  reimlos,  ein  Umstand, 
der  ihr  vielleicht  in  manchen  Augen  von  vorn  herein  zum 
Nachtheil  gereichen  wird,  obwohl,  wie  uns  scheint,  mit  Un- 
recht. Die  Leichtigkeit,  mit  welcher  sich  unsere  Sprache  im 
Allgemeinen  fremden  Formen  anschliefst,  hat  bei  uns  die  An- 
forderungen an  den  Uebersetzer  poetischer  Werke,  bezüglich 
des  genauen  Festhaltens  an  der  Form  seines  Originals,  über- 
trieben streng  gemacht.  Jene  Schraiegsamkeit  des  Deutschen 
mag  vergleichsweise  immerhin  grofs  sein,  dennoch  aber  scheint 


Krafft,  Dante  Alighieri's  lyrische  Gedichte  u.  poet.  Briefwechsel.     347 

sie  uns  in  manchen  Beziehungen  überschätzt  zu  werden  und 
zwar  ganz  besonders,  wo  es  sich  um  Uebertragungen  poeti- 
scher Werke  der  südlichen  romanischen  Literaturen  handelt, 
deren  Formen  dem  Uebersetzer  ganz  besondere  Schwierigkei- 
ten in  den  Weg  legen.  Kein  Unparteiischer  wird  läugnen 
können ,  dafs  selbst  unsere  mit  Recht  berühmtesten  Ueber- 
setzungen  italienischer,  spanischer  und  portugiesischer  Dich- 
terwerke der  Form  und  ganz  besonders  dem  Eeime  nicht  sel- 
ten grofse  und  bedenkliche  Opfer  an  Treue  gegen  ihr  Original 
wie  an  Klarheit  und  Reinheit  des  Ausdrucks  haben  bringen 
müssen  und  wir  möchten  fast  die  Behauptung  wagen ,  dafs 
ohne  jenen  Umstand  manche  der  südlichen  Dichter  bei  uns 
populärer  sein  würden,  als  sie  es  jetzt  sind.  Wir  halten  es  daher 
geradezu  für  einen  Gewinn,  wenn  neben  der  strengeren  Praxis 
auch  die  mildere  Platz  greift  und  wenn  neben  denjenigen 
Uebersetzungen ,  die  sich  streng  an  die  Form  ihres  Originals 
halten,  auch  solche  auftauchen,  welclie  dieselbe  um  höherer 
Rücksichten  willen  zum  Theil  über  Bord  werfen.  Philalethes 
hat  zuerst  durch  seine  Uebersetzung  der  Commedia  des  Dante 
in  ausgezeichneter  Art  den  Beweis  geliefert,  wie  viel  durch 
Aufopferung  des  Reims  gewonnen  werden  kann  und  wie  ge- 
ring im  Vergleich  die  Einbufse  ist.  In  gleicher  Weise  hat 
Herr  von  Schack  durch  sein  ,, Spanisches  Theater"  gezeigt, 
mit  welchem  Glücke  für  das  spanische  Drama  (wenigstens  für 
das  Genre  der  Comedia  heröica)  von  unserm  fünffüfsigen 
Jambus,  anstatt  der  assonirenden  Romanzenform,  Gebrauch 
gemacht  werden  kann.  Es  wäre  sehr  wünschenswerth ,  dafs 
diese  Beispiele  (natürlich  mit  steter  tactvoller  Rücksicht  auf 
den  Charakter  des  Originals  und  gewissenhafter  Berechnung 
dessen,  was  von  seiner  Form  geopfert  werden  kann)  mehr 
Nachahmung  gefunden  hätten,  als  bisher,  und  wir  wür- 
den es  geradezu  für  eine  Bereicherung  unserer  Literatur  hal- 
ten wenn  z.  B.  für  die  romantischen  Epiker  Italiens  einmal 
anstatt  der  strengen  Form  der  Octave  die  von  Wieland  bei 
uns  eingeführte  und  von  ihm  so  meisterhaft  behandelte  freiere 
gewählt  würde.  Dergleichen  Bearbeitungen  Avürden  auch  neben 
den  formgetreueren  stets  ihren  besondern   Werth  behalten. 

Nun  ist  allerdings  nicht  zu  leugnen ,  dafs  in  der  lyrinchen 
Gattung  der  Verzicht  auf  den  Reim  mit  Beibehaltung  des 
Rythmus  einigermafsen  bedenklich  erscheint  und  nur  in  den 
seltenen    Fällen    gerechtfertigt    werden   kann,    wo    der    Werth 


348  Kritische  Anzeigen: 

des  ursprünglichen  Gedankens  und  Ausdrucks  im  Vergleich 
zum  Werthe  der  Form  so  bedeutend  ist,  dafs  letztere  beinahe 
als  indifferent  erscheint,  wo  aber  auch  zugleich  ein  Kreis  von 
Lesern  vorausgesetzt  werden  darf,  die  dieses  Werthverhältnifs 
nicht  blofs  mit  dem  Verstände  zu  messen  verstehen,  sondern 
unmittelbar  mit  dem  Herzen  empfinden.  Dafs  ein  solcher 
Fall  vorliegt,  wo  es  sich  um  eine  Uebertragung  von  Dante's 
lyrischen  Gedichten  handelt,  scheint  uns  keinem  Zweifel  un- 
terworfen und  in  so  fern  können  wir  es  nur  gutheifsen,  wenn 
Herr  Krafft  seinen  Lesern  lieber  den  Gleichklang  vorenthielt, 
um  ihnen  Gedanken  und  Ausdruck  des  Dichters  desto  treuer 
wiedergeben  zu  können. 

Er  war  aber  hierzu  um  so  mehr  berechtigt,  als  er  (und 
dies  ist  der  zweite  Punkt,  in  welchem  sich  seine  Uebersetzung 
von  der  Witte-Kaunegiefser'schen  unterscheidet)  nur  diejenigen 
Gedichte  Dante's,  „welche  durch  das  Urtheil  bewährter  Kunst- 
richter als  wirklich  oder  doch  wahrscheinlich  echt  anerkannt 
worden  sind",  in  seine  Sammlung  aufgenommen,  dagegen  alle 
von  der  bisherigen  Kritik  für  apocryph  erklärten,  oder  ihrer 
Gehaltlosigkeit  wegen  einer  Uebersetzung  unwürdigen  (mithin 
auch  die  Rime  spirituali)  ausgeschlossen  hat. 

So  zerfällt  nun  die  Sammlung  in  vier  Bücher,  deren 
erstes  die  Gedichte  aus  der  Vita  nuova,  das  zweite  die  Can- 
zonen  nach  Witte's  Anordnung,  das  dritte  die  Sonette  nebst 
einigen  Gedichten  von  noch  nicht  ganz  unbestrittener  Echt- 
heit und  das  vierte  endlich  den  allerliebsten  und  für  die  Ge- 
schichte der  letzten  Lebensjahre  des  Dichters  wichtigen  Brief- 
wechsel (mit  Giovanni  di  Virgilio),  der  hier  zum  ersten  Male 
im  Vei'smafs  des  Originals  erscheint,  enthält.  Das  letzte  Viertheil 
des  Bandes  füllt  der  Commentar,  für  welchen  der  Verfasser 
die  vorhandenen  Hülfsmittel  gewissenhaft  benutzt  hat,  ohne 
sich  gleichwolü  in  seinem  selbstständigen  Urtheile  beirren 
zu  lassen.  Ein  Anhang  von  wenigen  Seiten  enthält  einige 
der  vorzüglichsten  Gedichte  in  deutschen  und  englischen  ge- 
reimten Uebersetzungen ,  unter  ersteren  auch  einige  recht  ge- 
lungene von  Herrn  Krafft  selbst. 

Auf  die  Uebertragung  im  Einzelnen  einzugehen  verbietet 
der  uns  zugemessene  Raum.  Wir  wollen  daher  nur  bemerken, 
dafs  sie  im  Allgemeinen  das  Original  sehr  getreu  wiedergibt. 
Hin  und  wieder  sind  uns  kleine  Mängel  im  Ausdrucke  aufge- 
stofsen,  die  jedoch  Niemand    streng   richten    wird,    der  weifs, 


Kraflft,  Dante  Alighieri's  lyrische  Gedichte  u.  poet.  Briefwechsel.     349 

welche  ungemeinen  Schwierigkeiten  gerade  die  lyrischen  Ge- 
dichte Dante's  in  dieser  Beziehung  dem  Uebersetzer  in  den 
Weg  legen.  Wir  brauchen  nur  an  das  von  Dante  so  oft 
gebrauchte  ,,  gentilezza"  zu  erinnern,  welches  Herr  Krafft 
durch  „Adeligkeit"  übersetzt,  wobei  er  jedoch  selbst  aner- 
kennt, dafs  dieser  Ausdruck  den  Begriff  nur  höchst  unvoll- 
kommen wiedergibt.  In  dem  schönen  12.  Sonette  hätten  wir 
das  „sosph-a"  doch  lieber  wörtlich  durch  ,, seufze",  als  durch 
das  gar  zu  sehr  an  die  Siegwartperiode  erinnernde  ,, schmachte" 
wiedergegeben  gesehen,  wäre  es  auch  nur,  um  den  deutschen 
Leser,  der  durch  die  Uebersetzung  erst  Bekanntschaft  mit 
dem  Dichter  machen  will,  auch  nicht  durch  einen  einzigen  un- 
vorsichtigen Ausdruck  auf  die  falsche  Idee  zu  bringen,  Dante's 
feurige,  tiefe  und  echte  Liebe  habe  auch  nur  die  leiseste 
Aehnlichkeit  mit  den  krankhaften  Empfindungen  einer  unge- 
sunden Generation  gehabt.  Aus  ähnlichen  Gründen  hätten 
wir  auch  das  Wort  „Galanterie"  für  „leggiadria"  (S.  185) 
lieber  vermieden  gesehen.  Weshalb  Herr  Krafft  in  der  2. 
lateinischen  Epistel  (S.  343)  „duris  crustis"  durch  ,,  harte 
Krume'-'-  anstatt  wörtlich  durch  „harte  ^inden'-^  übersetzt, 
sehen  wir  um  so  weniger  ein,  da  gerade  der  letztere  Aus- 
druck im  Deutschen  auch  metaphorisch  gebraucht  wird.  Ist 
es  blofs  dem  Wohlklange  zu  Liebe  geschehen,  so  scheint  uns 
dies  zu  weit  gegangen. 

Dafs  Herr  Krafft  die  allegorische  Deutung  der  Canzonen 
in  seinem  Commentar  ganz  unberücksichtigt  gelassen  hat ,  können 
wir  nur  billigen  und  stimmen  im  Allgemeinen  vollkommen 
mit  dem  überein,  was  er  S.  488  ff.  über  diesen  Gegenstand 
sagt.  Wir  wünschten  sehr,  dafs  seine  Gründe  etwas  da- 
zu beitragen  möchten,  dafs  dieser  Gegenstand  endlich  allge- 
gemein  von  der  Seite  angesehen  würde,  auf  welchen  ein  ge- 
sunder Geschmack  und  eine  unbefangene  Prüfung  aller  Werke 
des  Dichters,  wie  uns  scheint,  gebieterisch  hinweisen.  Da- 
gegen scheint  uns  Herr  Krafft  die  Abneigung  gegen  alle  alle- 
gorische Deutung  weiter  zu  treiben,  als  nöthig  ist,  wenn  er 
der  hübschen  Stelle  der  zweiten  lateinischen  Epistel 

Est  niecum   quam  noscis  ovis  gratissima,    etc. 
gegen  den  Scholiasten  und  Witte  jeden  allegorischen  Sinn  ab- 
sprechen und  dieselbe  blofs  für  einen  bucolischen   Scherz  hal- 
ten will.     Hierin  können    wir  ihm  nicht   beipflichten ;    nament- 
lich scheinen  uns  die    Worte 


350  Miscellen. 

Nulli  juncta  gregi,  nullis  assuetaque  caulis 
auf    irgend    einen   versteckten   Sinn    zu  deuten,    wobei    wir  es 
übrigens  dahin    gestellt  sein    lassen    wollen,    ob    der    Scholiast 
und  Witte  die  richtige  Auslegung  getroffen  haben. 

Alles  in  Allem  genommen  können  wir  unsere  Ansicht 
nur  dahin  aussprechen,  dafs  Herrn  Krafft's  Arbeit  auch  nach 
der  ausgezeichneten,  aber  in  ihrer  Tendenz  verschiedenen 
Witte-Kannegiefser'schen  Uebersetzung  ihr  besonderes  Verdienst 
hat  und  schliefsen  mit  dem  Wunsche ,  dafs  sie  dazu  beitragen 
möge,  die  richtige  Kenntnifs  des  göttlichen  Dichters  auch  in 
weiteren  Kreisen  zu  fördern. 

Ludwig   Lemcke. 


Miscellen. 

Ein  neues  Zeugniss  für  den  historischen  Cid. 

Bekanntlich  galt  das  Schweigen  der  gleichzeitigen  Quellen- 
schriftsteller über  den  Cid  als  ein  Hauptgrund  an  seiner 
historischen  Existenz  zu  zweifeln.  Seit  Dozy  vollgiltige  ara- 
bische Quellenberichte  über  den  Campeador  bekannt  gemacht 
hat,  kann  allerdings  von  solchen  Zweifeln  keine  Rede  mehr 
sein.  Aber  die  auffallend  wenigen  und  dürftigen  Nachrichten 
über  den  spanischen  Nationalhelden  bei  seinen  christlichen 
Landsleuten ,  die  als  quellenmäfsige  Zeugnisse  gelten  können  ^), 
war  es  bis  auf  die  neueste  Zeit  nicht  gelungen  zu  ver- 
mehren. Wir  beeilen  uns  daher  mitzutheilen ,  dafs  nun  ein 
solches  Zeugnifs  aufgefunden  und  bekannt  gemacht  worden  ist.*) 

In  der  von  Juan  Tejada  zu  Madrid  herausgegebenen 
„Coleccion   de  cänones   y  concilios    de   la   Iglesia   de   Espana 

1)  S.  Aschbach,  De  Cidi  historiae  fontibus  dissertatio.  Bonnae, 
1843.  40.;  nnd  Dozy,  Recherches  sur  l'hist.  et  la  litt,  de  l'Espagne  pen- 
dant  le  moyen-äge.  2^.  ed.  Leyde,  1860.  Tome  ü.  p.  3. 

2)  Wir  theilen  die  folgende  Notiz  nach  einem  in  der  Zeitschrift: 
„La  Andalucia"  (1862,  23  März,  Nr.  1,321)  abgedruckten  Artikel  von 
Juan  de  Quiroga  mit,  der  uns  von  der  Frau  von  Arrom  (Fernan  Ca- 
ballero) gütigst  zugesendet  wurde. 


Miscelleu.  351 

y  de  America"  finden  sich  in  dem  1859  erschienenen  fünften 
Bande  (p.  659)  die  Acten  eines  im  Jahre  der  Aera  1198,  d. 
i.  1160,  zu  Hermedes,  einem  Flecken  (villa)  in  der  Diöcese 
von  Palencia,  abgehahenen  Concils  nebst  der  päpstlichen  Be- 
stätigungsbulle vom  Jahre  1162  zum  ersten  Male  nach  zwei 
Handschriften  der  Madrider  Nationalbibliothek  abgedruckt. 
Dieses  Concil  wurde  gehalten  zur  Schlichtung  der  Streitigkei- 
ten und  Regelung  der  Prärogativen  und  Güter  des  Domca- 
pitels  von  San  Antonio  und  des  Capitels  von  Santiago  (capi- 
tulo  de  los  veinticuatro  del  colegio  de  Santiago)  in  Palencia. 
Die  Urkunde  ist  unterzeichnet  von  Alfons  VIII.  König  von 
CastUien  und  Toledo,  vom  Erzbischof- Primas  von  Spanien, 
vom  Bischof  von  Palencia  und  sechs  anderen  Prälaten ,  vom 
Abt  und  Prior  des  Capitels  von  Santiago  und  mehreren  an- 
deren Aebten ,  deren  Güter  ebenda  geregelt  wurden ,  endlich 
von  sechs  Grafen  und  einigen  anderen  Weltlichen,  so  Avie  vom 
Notar  des  Königs.  In  diesem  Documente  voll  interessanter 
Daten  ist  wohl  eines  der  interessantesten  folgende  Stelle : 
„Sexto.  Quia  Mirus  episcopus  fecit  ecclesiam  S.  Michaelis, 
divisitque  decimas  civitatis,  et  magnus  Boyz  Didaz,  cogno- 
mento  Cith  Camj^eator ,  fecit  ecclesiam  juxta  fortalitium  portae 
de  Burgis  in  fosso  et  pizzina  ubi  in  peregrinatione  et  voto  de 
Sancto  Jacobo  cum  aliis  magnatibus  invenit  Sanctum  Lazarum, 
in  forma  pauperis  lacerati,  etc.  etc."  Hier  haben  wir  ein 
Zeugnifs  über  den  Helden  von  Bivar  aus  dem  12.  Jahrhundert, 
61  Jahre  nach  dessen  Tod ,  und  zwar  in  einer  so  wichtigen 
von  den  höchsten  geistlichen  und  weltlichen  Würdenträgern 
Spaniens  beglaubigten  Urkunde,  das  nicht  nur  seine  Existenz 
bestätigt,  sondern  auch,  wiewohl  seiner  nur  beiläufig  erwähnt 
wird ,  ein  paar  merkwürdige  Anspielungea  auf  seine  Lebens- 
umstände enthält. 

So  wird  Ruy  Diaz  darin  als  Rico  home,  magnus  aufge- 
führt, und  als  bekannt  unter  dem  Beinamen:  Cith  Campeator 
(nicht  Campidoctus  ,wie  bei  Späteren;  s.  darüber  Dozy ,  1.  c. 
p.  60  if.).  So  wird,  was  noch  merkwürdiger,  das  Zusammen- 
treffen des  Cid  mit  einem  Aussätzigen  (gafo;  —  s.  Dozij ,  1. 
c.  p.  244 — 54)  erwähnt,  zwar  auch  schon  mit  legendenartiger 
Färbung,  aber  doch  so,  dafs  man  darin  das  Factische  der 
Sage  noch  erkennen  kann,  wie  nämlich  der  auf  einer  Wall- 
fahrt nach  Santiago  begriffene  und  daher  gewifs  sehr  wunder- 
gläubig gestimmte  Ritter  durch  dieses  Zusammentreffen  voran- 


352  Miscellen. 

lafst  wurde,  eine  Kirche  zum  Andenken  daran  und  zu  Ehren 
des  heil.  Lazarus  zu  stiften.  ') 

Wir  wollen  übrigens  nicht  verschweigen,  duls  in  dieser 
Urkunde,  und  besonders  in  der  sie  bestätigenden  päpstlichen 
Bulle  Einiges  vorkommt,  was  Bedenken  erregt  und  an  ihrer 
Echtheit  zweifeln  machen  könnte.  In  der  Datirung  beider 
Documente  ist  nämlich  auffallenderweise  blofs  das  Jahr  ange- 
geben, Monat  und  Tag  fehlen.  In  der  Bulle  ist  der  Jahrzahl 
1162  beigefügt:  dem  ziceiten  Papst  Alexander's  III.,  der  aber 
bekanntlich  im  Jahre  1159  zum  Papste  erwählt  wurde.  Ferner 
ist  die  Bulle  gerichtet  an:  ,,Ildefonsus  imperator  catholicus 
Hispaniae";  nun  nahm  aber  im  Jahre  11G2  Alfons  VIII., 
der  minderjährige  Sohn  Sancho's  el  Deseado  und  Enkel  Al- 
fons'  VII.  den  Thron  von  Castilien  ein,  der  keineswegs,  wie 
sein  im  Jahre  1157  gestorbener  Grofsvater,  den  Titel:  Impe- 
rator führte  und  noch  ein  Kind  war,  daher  auch  bei  seinem 
Namen  nur  ein  Kreuzeszeichen  steht.  Auch  wird  in  der 
Bulle  nur  im  Allgemeinen  der  Verdienste  Spaniens  um  den 
Katholicismus  gedacht,  ohne  dem  Monarchen  besondere  Lob- 
sprüche zu  zollen,  wiewohl  auch  nichts  vorkommt,  was  auf 
dessen  kindliches  Alter  Bezug  hätte.  Die  Bulle  beschäftigt 
sich  ausführlich  mit  den  Ansprüchen  und  Rechten  der  genann- 
ten geistlichen  Körperschaften  und  schaltet  den  Inhalt  der  Ori- 
ginalurkunde grofsentheils  ein. 

Allein  gerade  diese  verdächtigen  Umstände  sind  so  in  die 
Augen  fallend,  dafs  sie  bei  einer  Fälschung  gewifs  vermieden 
•worden  wären;  überdies  sind  die  beiden  Madrider  Handschrif- 
ten, welche  diese  Urkunden  enthalten,  nur  spätere  Abschrif- 
ten*), und  daher  die  erwähnten  Auslassungen  und  Ungenauig- 
keiten  wohl  schon  dadurch  erklärlich.  Auf  keinen  Fall  sind 
diese  Urkunden  in  Bezug  auf  den  Cid  erfunden  worden,  des- 
sen sie  nur  nebenbei  gedenken. 

1)  Diese  Kirche  besteht  noch  in  Palencia  unter  demselben  Namen. 
Es  ist  auch  beachtenswerth ,  dafs  die  Legende  vom  Cid  dieser  Stiftung 
nicht  erwähnt  und  daher  nicht  in  deren  Folge  erfunden  ward. 

1)  In  dem  uns  vorliegenden  Artikel  wird  nichts  Näheres  über  diese 
Handschriften  angegeben  und  nur  gesagt,  dafs  sie  „traslados"  sind.  — 
Das  Werk  von  Tejada  ist  uns  nicht  zugänglich  gewesen. 

Ferd.   Wolf. 


Druck  von  F.  A..  Brockhaus  in  Leipzig. 


Paris.    Jahresberi('lite  III.    Franzüsisihe  Literatur   IStJl.  353 


Jahresberichte. 
III.  Die  französische  NufUwaJJltcratur  im  Jahre  1861. 

Mousieur  le  Kedactcur.  En  verite  je  vouclrais  bien 
iie  pas  repeter  tous  les  ans  la  meme  chose  en  commen- 
9ant  cette  revue  et  me  dispenser  de  mes  plaintes  perio- 
diques  sur  la  sterilite  de  la  moisson  que  j'ai  k  faire.  Mais 
Jen  suis  toujours  tellement  frappe  au  moment  de  la  re- 
colte  que  je  ne  puis  m'einpecher  de  la  deplorer  et  de 
vous  en  prevenir  a  l'avance.  Ce  qui  m'afflige  surtout, 
c'est  de  la  trouver  toujours  croissante,  c'est  d'etre  oblige 
d"aggraver  chaque  fois  mes  accusations,  c'est  enfin  de 
devoir  reconnaitre  que  cette  annee  est  encore  inferieure 
k  Celle  qui  l'a  precedee. 

La  poesie  surtout  est  vraiment  dans  un  etat  d'aban- 
don  qui  semble  donner  raison,  momentanement  je  Tes- 
pere,  a  ceux  qui  annoncent  sa  fin  complete  dans  un  ave- 
nir  plus  ou  moins  prochain.  II  en  sera  d'elle,  dit-on, 
comme  de  la  philosophic.  La  philosophie  en  effet  tend 
evidemment  k  cesser  d'etre  une  science  independante; 
toutes  les  autres  deviennent  de  plus  en  plus  philosophi- 
ques,  mais  la  metaphysique  pure,  malgre  les  louables 
efibrts  de  quelques  adorateurs  perseverants,  sVfface  de 
plus  en  plus  et  n'est  en  Allemagne  raeme  l'objet  que 
d'un  culte  bien  festreiut.  Le  meme  sort  attend-il  la 
poesie?  Doit-elle  k  la  fin  s'etendre  davantage  comme  In- 
spiration de  toute  oeuvre  grande  et  perir  comme  art  distinct? 
Je  suis  loin  de  le  pensor  pour  ma  part  et  je  crois  la 
poesie  immortelle;  mais  il  faut  convenir  qu'elle  subit  en 
ce  moment  une  eclipse  pres(pie  totale:  puisse-t-elle  en 
sortir  plus  brillante! 

Les  poetes  de  cette  annee  qui  ni(''rit<'nt  une  meution 
vous  ont  presque  tous  ete  nommes  dans  mes  precedents 
compte-rendus,  et  leurs  nouvelles  a-uvres  ne  sont  pas 
leurs  plus  importantes.  Ainsi  M.  Edouard  Grenier,  dont 
je  vous  ai  signale   le   talent  eleve    (annee   1859),    nous   a 

.lahrli.   f.   roiii.   n.  cii,;!.   Lit.    [V.    i.  91 


354  P^'i« 

donne  un  volume  intitule:  Poemes  dramatiques'^).  Le  mor- 
ceau  capital  du  recueil  est  le  Promethee  delivre  dont  j'ai 
dejä  parle ^);  les  autres  pieces  sont  moins  importantes  et 
comme  diraensions  et  comme  merite.  11  y  a  toutefois, 
outre  les  deux  beaux  sonnets  qui  ouvrent  et  fermeut  le 
livre ,  des  pieces  qui  sont  a  la  hauteur  des  meilleures  pro- 
ductions  de  ce  poete  distingue:  on  en  rencontre  suitout 
de  reraarquables  dans  le  gracieux  poeme  qui  a  pour  titre: 
Le  premier  jour  de  VEden. 

Je  vous  ai  indique  aussi  les  qualites  et  les  defauts 
de  M.  Autran  dans  la  premiere  de  ces  rapides  revues^); 
son  nouveau  volume,  les  EpUres  rustiques'^)  merite 
a  peu  pres  la  meme  appreciation,  en  faisant  nean- 
moins  une  part  plus  large  ä  l'eloge.  II  y  a  des  tira- 
des  entieres  auxquelles  on  ne  peut  rien  reprocher,  et 
qui  montrent  de  la  vigueur  et  de  la  vraie  poesie;  mais 
il  est  regrettable  /[u'en  general  le  style  soit  neglige  et 
qu'un  ton  trop  academique  ait  valu  ä  cet  ecrivain  esti- 
mable  le  renom  d'ecrivain  ennuyeux.  Le  nom  de  Lacaus- 
sade  ne  vous  est  pas  nouveau  non  plus;  et  je  dois  vous 
signaler  son  recueil  intitule  Epaves^')  comme  l'une  des 
moins  faibles  productions  de  nos  poetes  de  second  ordre. 

Parmi  les  noms  nouveaux,  il  en  est  un  que  la  mort 
seule  de  celui  qui  le  portait  a  fait  connaitre,  au  moins 
comme  celui  d'un  poete.  M.  Edouard  Arnould,  profes- 
seur  de  litterature  etrangere  a  la  Sorbonne,  n'avait  pas 
laisse  soup^onner  durant  sa  vie  qu'il  düt  laisser  ä  ses 
amis  un  recueil  de  vers  ä  publier.  Dans  ce  recueil, 
Sonnets  et  poemes^),  on  a  trouve  avec  plaisir  l'image 
sympathique  et  poetique  quelquefois  d'un  esprit  delicat 
et  d'un  noble  cceur;  les  vers  de  M.  Arnould  jettent  sur 
sa  memoire  un  doux  reflet  qui  lui  survivra  quelque 
temps.  C'est  une  tout  autre  Impression  que  produit  le 
recueil,  posthume  aussi,  des  vers  d'un  ecrivain  connu  de- 
puis  longtemps,  Henri  Mürger.  L'auteur  est  une  des 
figures   originales    de  notre    epoque,    et   il    en   represente 

1)  1  vol.  in-18,  Hetzel.  -)  Jahrbuch  III,  p.   13. 

3]Annee  1858  (I,  p.  397).  On  a  imprime  par  erreur,  ainsi  que 
dans  la  table,  Anteau.  *)  1  vol.  in-18,  Michel  Levy. 

S)  1  vol.  in-18,  Dentii.  ')   1   vol.  in-18,  Charpentier. 


Jahresberichte  III.    Französisclie  Literatur   1861  355 

bien  qiielques-uns  des  meilleurs  et  des  plus  mauvais  c6- 
tes.  L'absence  de  priucipes  s'est  fait  vivement  sentir 
dans  sa  conduite  comme  dans  sa  carriere  littertiire  et  a 
nni  a  la  fois  ä  son  bonheur  et  au  talent  quUl  posse- 
dait.  Son  premier  ouvrage,  la  Vie  de  Boheme^  roman 
essentiellement  parisien,  plein  d'entrain  et  de  jeunesse, 
eut  un  succes  ä  la  hauteur  duquel  Mürger  ne  sut  pas  se 
maintenir.  A  mesure  que  son  goüt  s'epurait  et  que  son 
style  s'ameliorait,  il  semblait  perdre  la  verve  et  Vkumem^ 
qui  caracterisaient  ses  premiers  ecrits,  et  ses  ouvrages, 
de  meme  que  sa  vie,  allaient  s'assombrissant  de  plus  en 
plus.  Quand  il  niourut,  en  proie  a  une  maladie  morale 
autant  que  physique,  il  preparait  l'edition  de  ses  poesies, 
les  Nuits  d'Hiver,  qui  parurent  peu  de  tenips  apres.  ^) 
Kien  de  plus  triste  que  ce  livre,  oü  tout  parle  de  desen- 
chantement  et  de  niort,  depuis  le  Requiem  jusqu'a  la 
Ballade  du  DesesperL  Parmi  tous  ces  accords  poignants, 
qui  rappellent  parfois  les  plus  lamentables  Lieder  d'Henri 
Heine,  il  y  en  a  qui  vont  au  coeur,  mais  la  forme  s'eleve 
rarement  a  la  perfection.  Le  meiileur  morceau  du  volume 
est  certainement  un  petit  conte  en  prose,  les  Amours  d'un 
Grillon  et  dhine  Etincelle.  On  sent  un  peu  de  l'origine 
allemande  de  Mürger,  bien  que  sous  une  forme  tres-fran- 
9aise,  dans  cette  charmante  fantaisie,  digne  de  prendre 
place  non  loin  des  Confes  d'Alfred  de  Musset. 

Je  ne  veux  pas  manquer  l'occasion  si  rare  de  citer  un 
debutant  qui  donne  quelques  esperances  en  oubliant  la 
Flute  de  Pan'^)^  recueil  de  poesies  presque  toutes  dans 
le  goüt  antique,  par  M.  Andre  Lefevre.  Le  genre  choisi 
par  le  jeune  auteur  a  besoin  d'une  perfection  de  forme 
qu'il  n'a  pas  cncore  atteinte  et  d'nne  sobriete  dans  l'em- 
ploi  de  la  couleur  locale  dont  Andre  Clienier  seul  a  pos- 
sede  completement  le  secret.  II  y  a  toutefois  dans  ce 
volume  assez  de  talent  pour  qu'on  puisse  encouragcr  M. 
Lefevre  ä  ne  pas  abandonner  la  poesie  et  a  travailler  a 
se  perfectionner.  Je  crois  d'ailieurs  qu'il  ferait  bien  de 
suivre   le   conseil  de  son  maitrc   Chenier,    et,    au  lii'u  de 


')    1    vol.   in- 18,    Michel   J.evy.  ^   ^    ^"l-    i"-!'*^,   Deiitu. 

24* 


350  Paris 

faire  des  vers  nouveaux  siir  des  pensers  antiques,  d'essayer 
de  faire  „des  vers  antiques  sur  des  pensers  nouveaux". 

J'en  -ai  fini  avec  la  poesie,  et  je  passe  au  roiunn, 
qui  ne  ra'arretera  pas  bien  longtemps  non  plus.  Madanic 
Sand  ne  s'est  pas  maintenue ,  dans  son  ronian  de  l^al- 
vi'dre^),  a  la  liauteur  de  Jean  de  la  Roche  et  du  Marquis 
de  Villeiner:  on  comnience  a  craindre  que  la  renaissance 
de  talent  qu'anuonpaient  ces  deux  romans  n'ait  ete  passa- 
gere.  M.  Edmond  About,  pour  sa  pari,  ne  va  plus 
qu'a  reculons.  II  depense  son  style  et  son  esprit  ä  nous 
conter  de  billevesees  qui  seraient  amüsantes  en  dix  pa- 
ges  et  qu'il  delaie  en  deux  cents.  J'anticipe  sur  Fannee 
1862  povir  grouper  ses  trois  derniers  romans,  VHomme 
ä  VOreille  cassee,  le  Nez  d^un  Notaire  et  le  Gas  de  M. 
Guerin'^').  C'est  une  serie  d'etudes  de  medecins  fanta- 
stique  oü  une  physiologie  parfois  aussi  peu  agreable  que 
Celle  de  M.  Michelet  est  egayee  par  des  plaisanteries 
souvent  bien  froides.  Les  lauriers  d'Edgar  Poe,  le  ce- 
lebre  hallucine  americain,  ont  tente  M.  About;  mais  son 
esprit  positif  et  railleur  n'a  pas  la  profondeur  et  Teton- 
nante  logique  qui  donnent  une  si  singuliere  puissance 
aux  Ilistoires  extraordinaires.  On  deplore  de  voir  si  mal 
employer  un  des  talents  les  plus  francs  de  ce  temps-ci; 
malheureusement  ces  romans  se  vendent  et  se  lisent,  et 
la  trop  grande  facilite  du  succes  maintieudra  peut-etre 
M.  About  daus  cette  facheuse  voie  jusqu'au  moment  oü 
il  sera  trop  tard  pour  rentrer  dans  celle  qu'il  pourrait 
si  bien  suivre. 

Parmi  les  romanciers  que  vous  connaissez  deja,  nous 
retrouvons  cette  annee  M.  Francis  Wey.  Son  nouveau 
livre ,  Gildas  ^)  est  con^u  dans  le  meme  esprit  que  Chri- 
stian  (voy.  annee  185'.))-  M.  Wey  veut  toujours  ,,exploi- 
ter  des  idees  et  non  des  sensations".  Mais  en  se  preoc- 
cupant  exclusivement  des  idees,  il  en  vient  peut-etre  a 
se  soucier  trop  peu  de  la  realite  des  faits,  et  en  soignant 
trop  son  style   il  lui  enleve  du   naturel;    Gildas   n'en   est 

1)  1  To).  in- 18,  Michel  Levy. 

2)  3  Yols.  in- 18,  Hachette  et  Michel  Levy. 
=*)   1  vol.  in -18,  Hachette. 


Jahresberichte   III.    Fi'anzösische  Literatur    1861.  357 

pas  moins  un  des  livres  de  cette  annee  qui  meriteiit 
d'etre  lus;  on  doit  y  louer  Tetude  curieux  des  caracteres 
et  la  justesse  de  plusieurs  observations ;  il  offre  aussi  plus 
d'une  page  dont  la  forme  est  completement  i-eussie.  Le 
roman  de  M.  Assollant,  Marcomir^)  est  une  de  ses  meil- 
leures  productions;  il  y  a  deploye  en  liberte  son  esprit 
de  saillies,  sa  verve  un  peu  aventureuse  et  son  style  net 
et  franc.  Des  restrictions  peu  justifiees  que  le  pouvoir  a 
apportees  ä  la  publicite  de  ce  livre  lui  ont  procure  plus 
de  lecteurs  qu'il  n'en  aurait  eu  sans  doute  et  ont  jilus 
servi  que  nui  a  M.  Assollant,  comme  presque  toutes  les 
inesures  de  ce  genre.  M.  Eugene  Müller,  Tauteur  de  la 
Mionette  (voy.  annee  1858),  a  public  cette  annee  Madame 
Claude'^).,  oü  les  defauts  de  sa  maniere,  qui  sont  la  pre- 
tention  et  la  lourdeur,  se  fönt  jour  plus  vivement  et  doi- 
vent  etre  releves  avec  plus  de  severite  qu'ä  son  debut. 
M.  Ernest  Feydeau ,  dans  son  roman  de  Sylvie  ^) ,  a  acheve 
de  desabuser  ceux  qui  comme  moi  avaient  vii  dans  Fanny 
(voy.  annee  1858)  la  promesse  d'un  talent  remarquable. 
jyfmes  Charles  Reybaud  et  Louis  Figuier  ont  maintenu 
par  leurs  livres  de  cette  annee,  Deux  ä  Deux^")  et  les 
Sa;iirs  de  lait^)  la  reputatiou  de  talent  honnete  et  deli- 
cat  qu'elles  se  sont  toutes  deux  acquise. 

Uu  seul  nom  nouveau  se  recommande  ä  mon  atten- 
tion, et  ce  n'est  pas  par  le  talent,  mais  bien  par  la  haute 
Position  de  celui  qui  le  porte.  Jessie^')^  roman  de  M. 
Mocquard,  secretaire  intime  de  l'Empereur,  ne  justifie 
guere  la  reputation  d'esprit  que  s'est  faite  ce  personnage 
important.  C'est  une  histoire  peu  interessante  racontee 
avec  une  na'ivete  pas  trop  denoue  d'art  dans  un  style 
mediocre.  Je  ne  vovis  en  parle  que  pour  vous  expliquer 
par  la  Situation  de  son  auteur  la  notoriete  qu'il  a  ob- 
tenue. 

Ce  nV'st  qu'au  theätre  cette  annee  que  nous  trouveroiis 
un  ouvragc  vraiment  digne  de  nous  arreter  quelque  tcmj)s. 


')   1   vol.  in-18,  Hachette  -)   1   vol.  in- 18,  Het/.el. 

•^)  1    vol.  in-18,  Dentii.  ')   1   vol.   in-18,   Hachette. 

•'*)   1   vol.  iu-18,  Haehett  '■)    1   vol.   in-18,   Dontii. 


358  l'aiis 

C'est  aussi  lu  que  s'est  refugie  cette  activite  litteraire 
qui  s'est  retiree  peu  h  peii  des  autres  domaines  qu'elle 
fecondait  il  y  a  treute  ans.  Elle  n'y  est  j^as  tout-a-fait 
sterile,  et  sans  noiis  j^laindre  outre  mesure  du  nombre 
des  essais  manques,  nous  devons  etre  beureux,  surtout 
dans  Tetat  actuel  de  notre  litterature,  de  pouvoir  nomraer 
au  moins  un  poete  qui  doive  faire  dans  Tavenir  quelque 
bonneur  ä  notre  epoque.  Vous  devinez  que  je  parle  de 
M.  Emile  Augier,  dont  je  vous  ai  deja  Signale  dans  nies 
precedentes  revues  les  succes  merites.  La  piece  des 
Efrontes'^)  qu'il  nous  a  donnee  cette  annee,  est  une 
jjreuve  de  plus  de  la  vigueur  et  de  la  francbise  de  son 
talent.  Accueillie  d'abord  avec  une  certaine  froideur, 
qu'expliquaient  sans  la  justifier  les  defauts  dont  je  devrai 
vous  entretenir  tout-a-riieure ,  eile  n'a  pas  tarde  a  se  re- 
lever  dans  l'estime  du  public  et  ä  prendre  le  premier 
rang  parmi  les  productious  dramatiques  de  cette  annee. 
Cependant  la  presse  cpii  s'etait  montree  des  le  lendemain 
ä  peu  pres  unanime  ä  blämer  et  meme  severement  cette 
comedie,  ne  parait  pas  encore,  d' apres  de  recents  articles, 
etre  revenue  de  ses  ressentiments.  On  a  droit  de  s'en 
etonner;  car  les  journalistes  qu'a  fletris  M.  Augier  sont 
des  modeles  de  bassesse,  d'impudence  et  de  venalite 
assez  acbeves  pour  que  les  gens  merae  ä  demi  bonnetes 
aient  pu  sans  mensonge  ne  pas  se  reconnaitre  a  ces  por- 
traits.  On  a  reprocbe  a  l'auteur  d'avoir  vilipende  la 
presse  dans  un  moment  oü  eile  a  besoin  au  contraire 
d'etre  defendue  et  louee;  celle  qu'il  a  attaquee  n'est  janiais 
bonne  ä  encourager,  et  malbeureusement  eile  ne  manque 
pas  plus  aujourd'hui  qu'en  un  autre  temps.  D'ailleurs 
l'auteur  a  place  aupres  de  ses  deux  condottieri  de  la 
j^lume  un  journaliste  lionnete,  loyal  et  digne,  ei  ce  n'est 
certes  pas  insulter  la  presse  que  d'y  reconnaitre  des  gens 
comnie  Sergine. 

Le  sujet  de  la  comedie  de  M.  Augier  est  celui-ci: 
d'un  cöte  stigmatiser  ces  liommes,  qui  ayant  fait  fortune 
par  de  bonteuses  speculations,  arrivent  a  force  d'eflronterie 


1)  Repr.   le   10  janvier,  au  'rheatre-Frant-ais. 


Jahresberichte  III.    Französische  Literatur  1861.  359 

et  d'audace  ä  usurper  meme  le  rang  et  la  consideration 
appai-ente  que  la  societe  devrait  leur  refuser;  de  l'autre 
a  faire  toucher  une  des  plaies  vives  de  notre  epoque, 
la  creation,  grace  a  Tegalite  des  droits  et  a  Fextension 
de  Feducation,  d'une  classe  entiere  de  declasses,  si  Ton 
peut  ainsi  dire,  de  gens  qui,  etant  trop  iutelligents  et 
trop  instruits  pour  rester  dans  le  peuple  oü  ils  sont  nes, 
n'ayant  ni  assez  de  talent  ni  surtout  assez  de  conduite 
et  d'energie  morale  pour  conquerir  leur  place  dans  les 
rangs  eleves  de  la  societe,  restent  entre  deux,  au  Ser- 
vice de  qui  les  paie,  domines  par  la  paresse  et  les  vices 
auxquels  ils  demandent  l'oubli,  employant  leur  esprit  a 
des  paradoxes  dangereux  et  endurcissant  leur  coeur  contre 
tous  les  bons  sentiments,  meprises  de  tout  le  monde  et 
se  meprisant  eux-memes  encore  plus.  Tel  est  Giboyer, 
le  factotum  de  Vernouillet,  de  Teffronte  capitaliste  qui  a 
achete  le  Journal  la  Coiiscience  publique.  Voici  le  triste 
tableau  de  sa  vie,  tel  qu'il  le  trace  lui-meme  en  abrege: 
„Tour  a  tour  courtier  d'assurances ,  commis  voyageur  en 
librairie,  secretaire  d'un  depute  du  centre  dont  je  faisais 
les  discours,  d'un  duc  ecrivassier  dont  je  bällais  les 
ouvrages,  preparateur  au  baccalaureat,  redacteur  en  chef 
de  la  Bamhoche^  Journal  hebdomadaire,  vivant  d'expe- 
dients,  empruntant  Taumöne,  laissant  une  Illusion  et  un 
prejuge  ä  chaque  piece  de  cent  sous,  je  suis  arrive  a 
Tage  de  quarante  ans,  le  gousset  vide  et  le  corps  use 
jusqu'a  Fäme."  ^)  Ce  caractere  est,  a  mon  sens,  le 
mieux  con^u  et  le  plus  fortement  execute  de  la  piece, 
dont  il  ne  forme  d'ailleurs  qu'un  personnage  episodique. 
Le  plus  bei  eflFort  de  M.  Augier,  c'est  d'avoir  fait  sentir 
encore  sous  cette  abjection  la  grandeur  de  TintelHgence, 
ie  sens  au  moins  tlieorique  du  beau  et  meme  du  bon, 
resiiltats  de  Feducation  moderne;  ce  boheme  qui  ferait 
des  vilenies  pour  vingt  francs  a  une  foi  vive  dans  Fave- 
nement  plus  ou  moins  procliain  du  regne  de  Fesprit  et 
de  la  verite;  ce  miserable  que  ceux  qui  Fecoutent  mepri- 
sent  avec  raison  les  domine  tout-a-coup  de  toute  sa  hau- 


'")  Les  Kfl'tontcti.  acte  IIl,  scene  4. 


360  l'nis 

teur  eil  leiii'  tiniiüiuuiut,  daus  uii  nioinent  d'entbousiasnie, 
ce  qu'il  entrevoit  et  ce  qii'il  devine  dans  lavenir.  Puis, 
pour  completer  cc  portrait  si  cruellement  exact,  Fauteur 
lui  fait  aj outer,  apres  cet  acte  de  foi:  „Au  reste,  vous 
savez?  tout  ^'a  m'est  bien  egal!"  De  pareilies  scenes  in- 
diquent  plus  qu'un  liomme  de  taleiit,  elles  permettent  de 
saluer  dans  Emile  Augier  le  preinier  auteur  comique  de 
notre  temps,  le  second  peut-etre  qiie  nous  ayons  eu  de- 
puis  Moliere. 

Tout  ee  qui  touclie  aux  caracteres  et  aux  mocurs  est 
digne  d'eloges  dans  Us  Efrontes.  Le  jeune  homme  est 
bien  de  son  temps,  trop  indifferent  a  tout,  sans  autres 
prineipes  que  riionneur,  mais  en  portant  tres-loiii  le  sen- 
timent,  spirituel  d'ailleurs,  brave,  et  en  somme  sympa- 
tliique.  La  Marquise  est  le  portrait,  plutöt  esquisse 
qu'etudie,  d\ine  femme  du  monde  fragile,  coupable  meine; 
mais  qui  a  garde  duns  les  sentiments  de  la  delicatesse, 
et  de  Televation  dans  l'esprit.  Son  mari  est  un  type  ori- 
ginal, trop  original  peut-etre,  ä  notre  epoque  surtout, 
oü  Ton  iie  rencontre  plus  guere  de  partisans  aussi  entiers 
de  rancien  regime,  oü  ceux  meme  qui  le  regrettent  ue 
voudraient  pas  le  voir  renaitre  absoliunent  comme  il  etait 
et  s'efforcent  d'accouimoder  leurs  souhaits  aux  exigences 
de  notre  societe.  A  part  cet  anachronisnie,  le  caractere 
de  ce  vieux  gentilliomme,  qui  est  Ibonneur  incarne,  et 
qui  se  gaudit  de  toutes  les  infamies  quil  observe,  iDarce 
qu'elles  vengent  Fancien  ordre  de  cboses,  est  finement 
comjjris  et  spirituellement  dessine.  Les  personnages  se- 
condaires  sout  en  general  bien  poses.  Tels  sont  le  jour- 
naliste  Sergine,  le  banquier  Cbarrier,  le  vicomte  dTsigny, 
candidat  jieiyetucl  ä  V Academie  fran^aise ,  etc. 

Si  des  caracteres  nous  passons  a  la  conduite  de  la 
pieee,  nous  serons  obliges  de  faire  succeder  ä  Feloge  la 
critique,  et  parfois  une  critique  severe.  Les  invraisem- 
blances  y  sont  nombreuses  et  quelques-unes  choquantes  ^); 


^)  II  y  en  a  une  que  je  ne  jiuis  m'empeeher  de  relever,  parce 
qu'elle  contient  une  singuliere  exageration.  La  marquise  d'Auberive, 
separee  de  son  mari,  a  depuis  cinq  ans  pour  amant  le  joiirnaliste  Ser- 


Jaliresborii'lite  III.    Französische  Literatur  1S61.  361 

mais  on  pourrait  encore  pardouner  ce  defaiit,  s'il  servait 
ä  payer  iin  peu  dinieret  et  d'admiratiou.  Malheur euse- 
ment  il  n'en  est  pas  ainsi:  aucun  des  personnages  ne 
captive  notre  Sympathie,  aucune  des  situations  u'excite 
vivement  notre  curiosite.  On  regardait  autrefois  une 
piece  comme  essentiellement  composee  de  trois  parties: 
l'exposition,  le  noeud  et  le  denouement:  a  celle-ci  il  man- 
que  la  principale ,  le  noeitd.  II  n"y  a  pour  ainsi  dire  pas 
d'action;  les  conservations  brillantes  ou  profondes  sont 
le  seul  element  dinteret,  et  il  ne  faut  pas  trop  setonner 
si  le  public  des  premiers  jours  a  temoigne  peu  d'enthou- 
siasme  pour  cette  belle  satire  dialoguee,  qui  a  regagne 
largement  panni  les  lecteurs  les  suti'rages  que  lui  refu- 
saient  d'abord  les  spectateurs. 

Apres  M.  Emile  Augier,  l'auteur  dramatique  qui  a 
eu  le  plus  grand  succes  de  cette  annee  est  ]\I.  Victorien 
Sardou,  dont  les  trois  pieces  nouvelles,  Piccolino^)^  les 
Feynmes  Fortes-')  et  Nos  Intimes^)  ont  toutefois  rencontre 
uu  accueil  inegal.  La  premierc,  qui  n'etait  qu'une  fan- 
taisie  spirituelle  et  gaie,  a  ete  bien  re^ue,  mais  sans 
pouvoir,  par  sa  nature  meme,  etre  l'occasion  d'un 
triomphe;  la  seconde  a  ete  froidement  accueillie;  enfiu  ia 
troisieme  a  excite  un  tel  enthousiasme  qu'on  u'a  pas 
craint  dans  le  premier  moment  de  rappeler  a  son  occasion 
les  noms  les  plus  glorieux  de  notre  passe  theätral.  Je 
vous  ai  deja'*)  fait  part  de  mon  opinion  sur  la  valeur 
reelle  de  M.  Sardou,  et  cette  appreciation  me  dispeuse 
de  m'etendre  aujourd"hui  sur  le  meme  sujet.    Sa  deruiere 


gine;  le  monde,  oü  eile  va,  le  sait,  lui  tieiit  compte  des  menagements 
qu'elle  garde,  et  la  re^oit  toujours.  Farce  que  Vernouillet  public  daus 
dans  son  Journal  un  article  oü,  sous  des  noms  volles,  on  croit  recon- 
naitre  une  allusion  mordante  a  cette  Situation,  toute  la  haute  societe 
de  Paris  renic  la  marquise,  et  quand  eile  entre  dans  un  salon,  tout  le 
monde  s'ecarte  sur  son  passage.  Les  anecdotes  des  journaux  meprises 
n'ont  lieureusement  pas  encore  cette  puissance,  et  je  m'etonne  que  M. 
Augier  n'Cut  pas  pu  se  priver  de  ce  ressort  viainieut   trof)  uiauvais. 

')  Kepr.  au  Gyninase,  le  6  juillet. 

-)  llepr.  au  Vaudeville,   le   16  novembre. 

•*)  Kepr.  au  theätre  de  lOdeon,  le  12  decenilire. 

')  Vov.  Ia  Revue  de   18Ü0. 


;-562  Paris 

cotnedie  a  presente,  comme  succes,  Tinverse  de  l'histoire 
des  Eßrontes:  eile  a  commence  par  Fenthousiasrae  et 
a  continue  avec  moins  d'eclat,  bien  qu'avec  beaucoup 
de  profit,  le  cours  de  ses  representations  nombreuses. 
Le  public  a  meme  semble  un  nionient  vouloir  prendre 
une  trop  forte  revanche,  et  on  a  refnse  tonte  espece  de 
qualite  a  cette  piece  dont  on  avait  i'ait  nn  chef-d'a*uvre. 
Le  jngement  beauconp  trop  severe  s'expliqne  par  la  dis- 
position  d'esprit  oü  des  eloges  exageres  avaient  mis  les 
spectatenrs,  qni  entendaient,  an  lieu  d'nne  oenvre  magi- 
strale  qn'on  lenr  avait  promise,  une  comedie  tournant 
un  peu  an  vaudeville,  bien  menee,  spiritnellement  com- 
pliquee,  et  ofFrant  des  caricatnres  amüsantes  ä  cöte  de 
types  bien  renssis.  En  somme,  une  critique  impartiale 
doit  rendre  justice  au  talent  de  Tauteur  de  Nos  Intimes^ 
tont  en  continuant  ä  le  maintenir  parmi  les  auteurs  de 
second  ordre  et  les  ecrivains  de  troisieme. 

L'annee  derniere  deja  j'avais  eu  occasion  de  vous 
nomnier  M.  Pailleron,  l'anteur  du  Parasite:  ce  jeune 
poete  a  decidement  conquis  la  reputation  cette  annee  par 
sa  comedie  du  Mur  Mitogen '^'),  qui  a  remporte  un  des 
vrais  succes  de  la  saison.  Des  caracteres  orimnaux  et 
rendus  avec  verve  qui  se  meuvent  dans  une  action  simple 
et  cependant  interessante,  de  la  gaiete,  de  l'esprit,  du 
sentiment  et  de  tres-jolis  vers  le  justifient  et  fönt  esperer 
que  M.  Edouard  Pailleron  pourra  joindre  par  la  suite  les 
qualites  de  l'auteur  dramatique  ä  Celles  de  l'ecrivain  et 
du  poete. 

C'est  aussi  une  esperance  que  nous  donne  M.  Ame- 
dee  Rolland,  qui,  un  peu  avant  M.  Pailleron,  afaitjouer 
au  meme  theätre  que  lui  les  Vacances  du  Docteur-')^  drame 
en  quatre  actes  et  en  vers.  La  poesie  y  est  mieux  represen- 
tee  peut-etre  que  l'art  dramatique,  et,  malgre  la  passion, 
l'ardeur  et  la  vie  que  M.  Rolland  a  jetees  dans  son  oeuvre, 
eile  laisse  bien  ä  desirer,  surtout  a  la  lecture,  sous  le 
rapport  des  caracteres,  des  situations  et  du  dialogue. 
Somme   toute,   ce   n'est  peut-etre   pas   une    bonne   piece, 

•)  Repr.  au  theätre  de  l'Odeon ,  le  12  decembre. 
'■')  Repr.  a  l'Odeon,  le   18  octobre. 


Jahresberichte  III.    Französische  Literatur  1861.  36o 

mais  ce  n'est  pas  a  coiip  sür  Toeuvre  d'un  homme  sans 
talent  et  sans  style. ') 

Si  je  n'etais  oblige  dans  cette  revue  de  me  restreiudre 
a  ce  qvie  chaque  genre  oöre  de  meilleur,  j'aurais  encore 
un  assez  grand  nombre  de  pieces  ä  vous  citer,  mais  je 
crois  vous  avoir  indique  les  plus  dignes  d'attention,  et 
je  puls  passer  ä  l'examen  des  oeuvres  qui  ne  sont  pas 
purement  litteraires,  apres  avoir  toutefois  rendu  compte 
d\ine  de  ces  oeuvres  mixtes  comme  M.  Michelet  a  pro- 
duit  depuis  quelques  annees,  la  Mer.-^ 

On  retrouve  dans  ce  nouveau  livre ,  sous  une  autre 
forme,  les  brillants  defauts  que  je  vous  ai  signales  dans 
les  precedents:  c'est  Iß  meme  patbos,  la  meme  seusiblei'ie, 
le  meme  style  bizarre  et  heurte,  les  memes  puerilites 
didee  et  d'expression.  Sous  pretexte  de  decrire  et  d'admi- 
rer  les  beautes  de  tous  genres  qu'ofire  FOcean  soit  par 
lui-meme,  soit  par  ses  nombreux  habitants,  l'auteur  de 
VAmour  epancbe  encore,  mais  cette  fois  sur  la  nature 
entiere,  au  lieu  de  la  restreindre  ä  la  femme,  cet  eiivie  de 
tendresse  que  son  coeur  ne  peut  contenir.  Les  amours  des 
limaces,  des  huitres  et  des  zoophytes  le  penetrent  d'une 
poetique  emotion;  la  mort  cruelle  et  prematuree  des  balei- 
nes,  qu'on  fait  souvent  perir,  helas!  avant  quelles  aient 
aime,  lui  arrache  des  pleurs.  „Gräce  pour  les  ampliibies! 
pitie  pour  les  poissoiis!"  s'ecrie-t-il  en  gemissant.  De  pa- 
reilles  fantaisies  provoquent  malheureusement  plutöt  le 
rire  que  les  larmes.  Je  dois  toutefois  ajouter,  comme  je 
Tai  deja  fait  en  parlant  de  VAmour^  qu'il  y  a  de  fort 
bellcs  pages  ä  cote  de  ces  plaisanteries  d'un  goüt  dou- 
teux;  les  descriptions  sont   souvent  admirablement   reus- 


')  Outre  ces  pieces  representees  sur  les  differents  theätres ,  je  dois 
mentionner  le  tres-spirit\iel  volume  public  par  M.  Edouard  About  sous 
le  noni  de  Theätre  impossible.  C'est  un  recueil  de  comedies  non  jouees, 
a  l'exception  de  Giiilleri/,  qui  essuya  uu  terrible  eöhec  il  y  a  quelques 
annees,  et  non  jouables.  L'Educution  d'un  Fritice  et  GuUlenj  se  fönt 
reraarquer  par  la  verve ,  Tentrain  et  le  style  qui  n'abandonnent  jamais 
l'auteur;  mais  aucune  <1''  ces  pieces  n'offre  dv  qualites  dramatiquos 
serieuses. 

■^)    1    vol.   in-  18,   Ha.hette. 


364  l'aris 

sies;  je  citerai  entrc  auties  la  peinture  criiue  tempete,  qiii 
est  de  tout  point  magniüque.  L'emotion  de  Fauteur,  quand 
eile  n'est  pas  placee  a  faux,  est  faciJement  commnnicative, 
et    le    style    atteiiit   parfois    Teffet  quil  eherche  toujours. 

Piiisque  les  oiivrages  qui  ne  soiit  j)as  du  pur  ressort 
de  Part  ne  doiveiit  rentrer  dans  le  cadre  de  cette  revuc  qiu', 
s'ils  se  sont  neanmoins  preocciq^es  du  cote  litteraire, 
s'ils  ont  aspire  a  etre  des  auvres  d^irt  en  nieme  temps 
que  des  ecrits  historiques  ou  didactiques,  il  reste  peu 
d'ecrivains  a  vous  citer  cette  annee.  Je  crois  devoir  par- 
ier avec  plus  de  detail  de  deux  livres  qui  traiteut  le 
meme  sujet,  Tun,  dont  le  dernier  volume,  paru  en  1861, 
me  permct  de  Tapprecier  dans  son  ensemble,  l'autre  qui, 
deja  ancien  dans  une  premiere  edition,  a  reparu  cette 
annee  tellement  augmente  et  modifie  qu'on  jjeut  consi- 
derer  cette  seconde  forme  comme  une  a'uvre  nouvelle:  ce 
sont  les  deux  liistoires  de  la  Lttterature  fran^aise  de  MM. 
Desire  Nisard  et  Eugene  Geruzez. 

Les  quatre  volumes  de  M.  Nisard^),  membre  de 
FAcademie  fran^aise,  embrassent  toute  notre  litterature 
depuis  les  origines  jusqu'ä  la  Revolution;  je  devrais  dire 
ont  la  pretention  d'cmbrasser,  car  tout  ce  qui  touche  au 
moyen-äge  est  d\ine  teile  insuffisance  qu'on  peut  le  con- 
siderer  comme  n'existant  pas,  et  que  M.  Nisard  aurait 
certainement  mieux  fait  de  le  supprimer.  Vous  serez  sans 
doute  etonne,  Monsieur,  vous  qui  connaissez  a  fond  notre 
riebe  passe  litteraire,  vous  qui  savez  qu'entre  autres 
branches  de  la  poesie,  l'epopee  fran^aise  a  efface  au 
moyen-äge  en  renommee  comme  en  originalite  Celles  de 
tous  les  autres  peuples  et  qu'elle  a  feconde  autour  d'elle 
presque  toutes  les  litteratures  europeennes,  vous  serez 
etonne  qu'a  notre  epoque  un  homme  aussi  celebre  que 
M.  Nisard  ecrivant  Tbistoire  de  la  litterature  fran^aise 
traite  toute  la  poesie  epique  du  moyen-äge  en  deux  pa- 
ges,  dont  tous  les  mots  presque  sont  des  erieurs,  et  qui 
se  terminent  dignement  par  ces  lignes,  oü  sont  mentionnes 
les  seuls  poemes  connus  de  Tauteur:    .,Le  geni'e   le   plus 


')  Didut,   1854  et  1861,  in -8. 


Jahvesbericlite  III.    Französische  Literatur  1861.  365 

populaire  etait  celui  des  romaus.  L'erudition  estime  le 
roman  de  Berthe  aux  longs  pieds^  par  Adenes,  et  Pav- 
thenopex  de  Blois^  dont  l'auteur  est  inconnu.  Les  tours 
que  joue  maitre  Renard  a  son  compere  le  Loup,  daus 
le  roman  de  Renard,  ont  anuise  nos  peres.  Les  peiutres 
en  tiraient  leurs  sujets."  ^) 

Ce  dedain  digne  des  plus  beaux  temps  du  classicisme 
officiel  n'est  pas  seulement  le  fruit  de  l'ignorance  oü  M. 
Nisard  est  reste  sur  le  moyen-äge;  il  tient  ä  tout  uu 
Systeme  qu'il  nous  expose  lui-meme.  L'esprit  franpais, 
suivant  lui,  s'etant  reconnu  ä  certaius  ouvrages,  il  est 
inutile  de  connaitre  les  autres;  la  condamnation  dont  les 
a  f'rappes  la  conscience  du  pays  est  juste,  sans  qu'il  soit 
besoin  de  verifier  ä  nouveau  le  fait;  toute  rehabilitation 
est  insensee  et  impossible;  M.  Nisard  s'en  rapporte  ä  la 
France;  il  accepte  sa  liste,  ne  rehabilitant  personue  et 
laissant  les  morts  dans  le  repos  de  leiir  tonibe.-)  C'est-ä- 
dire  que  les  ecrivains  qui  ne  sont  pas  connus,  au  milieu 
du  XIX®  siecle,  de  la  masse  du  public,  doiveut  etre 
rayes  de  Tbistoire  litteraire.  Ce  procede  est  assurement 
commode  pour  s'eviter  la  peine  de  se  faire  ä  soi-meme 
une  liste ;  mais  M.  Nisard  est-il  sür  qu'en  1750  on  lui 
aurait  soumis  la  meme,  et  croit-il  qn'en  1950  on  n'aura 
pas  modifie  la  sienne?  Et  a  qui  donc  appartient-il  d'e- 
clairer  la  conscience  d'une  nation  sur  son  passe,  si  ce 
n'est  ä  l'histoire  et  a  la  critique? 

Je  n'ai  pas  le  temps  ici  de  refuter  en  detail  l'ecba- 
faudage  de  sophismes  dont  M.  Nisard  a  fait  un  Systeme 
auquel  il  a  sü  donner  un  certain  air  de  grandeur;  je  ne 
m'attacberai  qu'ä  la  pierre  angulnire  de  ledifice,  a  la  de- 
finition  de  Fart  et  de  Tesprit  fran^^ais.  Pour  M.  Nisard 
Fesprit  fran^ais  est  le  type  le  plus  pure  et  le  plus  par- 
fait  de  Fesprit  bumain;  les  cbefs-d'anivre  de  la  France  sont 
les  monuments  les  plus  acbeves  de  Fart;  les  grauds 
bommes  de  la  France  sont  les  vrais  corypbees  de  Fbu- 
manite.  Je  ne  veux  pas  attaquer  des  couvictions  si  pa- 
triotiques;  mais  cberchous  sur  quoi  M.  Nisard  les  fonde. 

')  T.  I,  li.   IOC.  •-')  T.   1,  ],.   A^). 


366  P«ris 

Qu'est-ce  d'abord  que  l'artV  „L'art  est  l'expression  de 
verites  generales  dans  un  langage  parfait,  c'est-ä-dire 
parfaitement  conforme  au  genie  du  pays  qui  le  parle  et 
ä  l'esprit  buniain."^)  A  merveille!  si  bien  que  le  geo- 
metre  qui  dit :  Deux  et  denx  fönt  quatre ,  atteint  la  per- 
fection  de  l'art;  car  je  defie  M.  Kisard  de  me  dire  en  quoi 
cette  verite  generale  exprimee  dans  un  excellent  fran^ais  ne 
remplit  pas  completement  sa  formnle.  Quant  a  Fesprit 
fran^ais,  c'est  „Fesprit  pratique  par  exoellence." -)  Tou- 
jours  deux  et  deux  fönt  quatre:  voila  ä  quoi  doit  se  bor- 
ner notre  litterature.  Enfin,  quel  est  le  caraetere  de  nos 
grands  hommes?  Sont-ce  de  ces  puissantes  originalites 
qvii,  joignant  ä  une  riebe  imagination  une  sensibilite  pro- 
foude  et  une  raison  elevee,  savent  rendre  visibles  pour 
tous,  sous  une  forme  esthetiquement  belle,  les  types  sous 
lesquels  le  vrai  se  presente  ä  leur  esprit?  Nullement- 
„Les  hommes  de  genie,  dans  notre  pays,  sont  ceux  aux- 
quels  le  plus  de  gens  ressemblent."^)  Retouruez  la 
phrase;  les  hommes  de  genie  sont  ceux  qui  ressemblent 
le  plus  a  tout  le  monde.  Ce  n'est  vraiment  pas  la  peine 
d'etre  un  homme  de  genie!  J'aurais  cru  que  cette  defi- 
nition  etait  la  plus  exacte  qui  se  put  donner  de  Thomme 
mediocre.  Dans  cette  maniere  de  concevoir  l'art  et  le 
genie  litteraire,  M.  Nisard  n'oublie  que  ce  qui  les  con- 
stitue  esscntiellement  tous  les  deux:  le  sentiment  et  la 
reproduction,  non~seiüement  du  vrai,  mais  du  beaxt^  mot 
qui  parait  etranger  a  la  langue  de  M.  Nisard,  et  dont 
rabsence  se  fait  sentir  dans  toutes  ses  definitions.  De 
meme,  en  voulant  caracteriser  Fesprit  franyais,  il  n'a  rien 
indiqvie  de  ce  qu'il  est  dans  la  litterature;  car  ,, Fesprit 
pratique  par  excellence",  c'est  Fexclusion  de  l'art  et  de 
tout  ce  qui  est  inutile  a  la  vie  pratique.  II  y  a  plus  et 
mieux  que  cela  dans  Fesprit  fran^ais,  et  s'il  ne  depassait 
pas  la  formnle  qu'en  donne  M.  iSJisard,  il  meriterait  peu 
le  culte  dont  il  est  Fobjet  de  la  part  de  cet  auteur  et 
Finfluence  singuliere  quil  exerce  depuis  bien  des  siecles 
sur  le  monde  civilise. 

')  T.  I,  p.   5.  2)  T.  I,  p.   lö.  •^)  T.  T,  p.    15. 


Jahresberichte  III.    Französische  Literatur  1861.  367 

Tels  sont  cependant  les  piüncipes  auxquels  M.  Nisard 
est  reste  fidele  dans  le  coiirs  de  tout  son  ouvi-age  et  qui 
dominent  et  dirigent  toutes  ses  appreciations  particulieres. 
Voici  comment,  dans  repilogue,  il  caracterise  sacritique: 
„Elle  s'est  fait  un  ideal  de  Tesprit  humain  dans  les  livres ; 
eile  s'en  est  fait  un  du  genie  particiilier  de  la  France, 
un  autre  de  sa  langue:  eile  met  cbaque  auteur  et  cliaque 
livre  en  regard  de  ce  triple  ideal.  Elle  note  ce  qui  s'en 
rapproche:  voila  le  bon:  ce  qui  s'en  eloigne:  voila  le 
mauvais."  ^)  En  sorte  que  si  M.  Nisard  s'est  trouipe 
seulement  d'une  ligne  (et  nous  avons  vu  qu'il  s'etait 
trompe  bien  davantage)  dans  la  confectiou  de  ce  triple 
ideal,  voila  tous  ses  j-ugements  frappes  du  ineme  coup 
d'iniquite.  II  est  evident  que  si  sou  triple  ideal  n'est 
pas  exactement  le  bon,  il  se  trorapera  toutes  les  fois  qu'il 
dira  en  en  rapprocbant  un  ouvrage :  voila  le  bo?i,  voila 
Je  mauvais.  Au  reste,  cette  metliode  est  bien  pedantesque; 
il  semble  voir  un  professeur  de  quatrieme  notant  les 
fautes  d'un  tbeme  en  le  comparant  au  Corrige  qu'il  a  sous 
les  yeux;  le  malheureux  ecolier  attend  en  tremblant  le 
Tres-bien  ou  le  Pensum  que  lui  infligera  le  magister  inexo- 
rable.  Ainsi  passent  sous  la  docte  ferule  tous  nos  chefs- 
d'oeuvre,  tous  nos  ecrivains,  les  uns  couronnes  et  em- 
brasses  par  AI.  Nisard,  les  autres  renvoyes  avec  une  se- 
vere reprimaude.  A  d'autres  moments,  il  confond  Ihi- 
stoire  litteraire  avec  un  grand-livre  de  commerce,  et 
releve  scrupuleusement  pendant  un  siecle  le  compte  des 
projits  et  pertes.'^)  Eufin,  comme  les  quelques  citations 
que  j'ai  crues  necessaires  pour  motiver  mon  opinion 
vous  Tont  deja  demontre  eans  doute,  M.  Nisard  est  d'un 
bout  a  l'autre  de  son  livre  exclusif,  etroit  et  raide. 

II  u'est  pas  du  moins  banal,  et  c'est  un  eloge  qu"il 
n'est  pas  facile  de  meriter  en  traitant  un  sujet  comme 
celui-lä,  quand  on  ne  veut  pas  le  rajeunir  par  une  eru- 
dition  solide  et  une  critique  large  et  independante.  8'il 
consacre  toutes  les  admirations  re^ues,  il  donne  toujours 


')  T.  IV,  p.  570. 

'')   Voyez  les   soirmiaircs  «les   chapitres  4. — 11    du   tome   IV. 


368  l'ai-is 

ä  ses  jugemeuts  des  motifs  tres-personnels,  souveut  justes 
et  neufs;  habile  ä  faire  ressortir  les  beautes  ou  les  de- 
ümts  (ju'il  coustate,  il  nous  fait  souvcnt  saisir  avec  iinessc 
la  vraie  raison  du  succes  inegal  des  divers  ecrivains;  11 
sait  niettre  en  relief  avec  art  des  faces  souveut  pcu  con- 
nues  du  talent  des  niaitres  qu'il  venere.  Ajoutons  que 
la  rigidite  meme  de  ses  theories  leur  donne  une  graudeur 
qui  n'est  pas  toujours  bornee  ä  Tapparence,  et  entin  que 
son  style  tres-etudie,  trop  souvent  lourd  et  compasse ,  a 
quelquefois  une  fermete,  une  sobriete  et  une  vigueur  des 
plus  remarquables. 

Mais  si  ce  livre  contient  d'excellentes  pages,  il  est 
utile  de  repeter  que  ce  n'est  pas  un  bon  livre.  Ce  n'est 
pas  ainsi  qu'il  convient  d'ecrire  l'histoire  des  lettres  a  une 
epoque  comme  la  nötre;  il  faut  renoncer  a  ces  abstrac- 
tions  Sans  fondement,  ä  ces  partis  pris  d'admiration  exa- 
geree,  a  ces  dedains  systematiques,  a  cette  niethode 
hautaine  et  superficielle.  Peut-etre ,  comme  l'a  dit  un  cri- 
tique^),  Touvrage  de  M.  Nisard  manquerait  -  il  ä  la  litte- 
rature  fran9aise,  s'il  n'existait  pas;  mais  a  coup  sür  il  ne 
peut  pretendre  ä  etre  autre  chose  qu'une  ocuvre  incom- 
plete  et  partiale;  il  ne  peut  aspirer  ä  passer  pour  uue 
veritable  Histoire  de  notre  Litterature. 

Les  etroites  limites  que  s'est  imposees  M.  Geruzez 
ne  lui  permettent  pas  non  plus  de  pretendre  a  cet  hon- 
neur.  Son  livre '■^)  n'est  qu'un  abrege,  une  sorte  de  plan 
de  ce  que  pourrait  etre  une  vraie  histoire  de  notre  litte- 
rature; lui -meme  le  sent  et  regrette  de  n'avoir  pas  ose" 
entreprendre  le  inonument  qu'il  conput.  II  aurait  sans 
doute  ete  capable  de  l'executer,  ä  eu  juger  par  plus  d'un 
chapitre  de  son  livre ,  et  nous  devons  regretter  qu'il  se  soit 
trop  mefie  de  ses  forces.  Tel  qu'il  est,  l'ouvrage  de  M. 
Geruzez  est  encore  le  meilleur  que  nous  possedions  sur 
Tensemble  de  notre  histoire  litteraire;  il  compreud  le 
meme  espace  de  temps  que  celui  de  M.  Nisard,  mais  il 
a  mieux  rempli  le  cadre  qu'il  s'etait  trace :  le  moyen-äge 


')  M.  J.  J.   Weiss,    dans   le  Journal   des   Debats    (septembre    1862). 
2)  2  Yols.  in- 8,  Di(iier. 


Jahresberiolite  III.    Französische  Literatur  1861.  369 

a  trouve  en  lui  uu  juge  impartial,  aiiquel  il  a  peut-etre 
manque,  pour  prouoncer  la  sentence  definitive,  une  con- 
naissance  un  peu  plus  approfondie  de  la  cause.  Cest  le 
seul  reproche  que  je  doive  adresser  ä  M.  Geruzez:  dans 
tout  le  reste ,  il  a  parfaitement  atteint  le  but  qu'il  se  pro- 
posait:  resumer,  sous  une  forme  ä  la  fois  concise  et  in- 
teressante ,  les  notious  que  nous  possedons  et  les  appre- 
ciations  les  plus  certaines  sur  le  developpement  de  la 
litterature  fran^aise  et  ses  principales  productions.  Sans 
jamais  recourir,  pour  rendre  attrayants  des  sujets  en 
apparence  uses,  a  des  paradoxes  qui  auraieut  ete  dans 
ce  livre  moins  a  leur  place  que  partout  ailleurs,  il  a  su 
conserver  Foriginalite  .de  son  goüt  et  de  ses  jugements 
en  restant  fidele  aux  traditions  confirmees  par  le  temps 
et  Tapprobation  publique.  Sans  se  bätir  comme  M.  Ni- 
sard  Uli  Systeme  oü  l'amour  exagere  du  vrai  aboutit  aux 
resultats  les  plus  faux,  il  se  laisse  guider  par  cette  con- 
science  litteraire  qui,  dans  un  homme  comme  lui,  est 
toujours  d'accord  avec  le  goüt,  comme  la  conscience  de 
l'honnete  homme  est  d'accord  avec  la  morale.  II  nous  a 
raconte  avec  esprit,  dans  un  style  fin,  net  et  plein  de 
gräces  discretes,  l'histoire  de  nos  ecrivains  celebres  et  de 
leurs  meilleurs  ouvrages,  en  les  appreciant  avec  une  in- 
dulgente  justice  d'apres  les  regles  simples  que  fournis- 
sait  a  son  intelligence  et  a  son  äme  le  sentiment  exquis 
du  beau  et  du  bon.  Son  ouvrage  ne  nous  empeclie  pas 
d'attendre  encore  FHistoire  de  la  Litterature  Franpaise, 
mais  il  nous  fait  patienter. 

Je  ne  puis  donner  qu'une  mention  ä  trois  ou  quatre  ecri- 
vains que  je  me  reprocherais  d'oubliev,  et  qui  meriteraient 
davantage:  tels  sont  M.  Victor  de  Laprade,  dout  les 
Questions  cVart  et  de  moi^ale  i)  honorent  le  talent  eleve  et 
le  noble  caractere;  Jules  Simon,  qui  par  son  beau  livre 
de  rOuvrüre-)^  oü  il  signale  la  plus  cruelle  plaie  de 
notre  temps  et  en  cherche  courageusement  le  remede,  a 
merite  mieux  que  des  eloges  litteraires ;  J.  Mace,  qui  a 
obtenu  un  grand    succes   bien   au   dela   du  public  auquel 


1)  1   vol.   in- 8,  Didier.  «)   1   vol.   in- 18,  Ilachette. 

Jahrb.  f.  rom.  u.  engl.  Lit.    IV.    4.  oe 


370  l'^'i'^ 

il  s'adressait  avec  un  livrc  d'enfants,  VlJistoire  dune  bou- 
chee  de  pain ') ;  Moitinier-Ternaux  cnfiu ,  qui  a  commence 
avec  autaiit  de  talent  quo  de  conscience  im  ouvrage  bien 
utile  et  qui,  refait  cent  fois,  restait  encore  ä  faire,  Vlli- 
stoire  de  la  Terreur.  '^') 

Je  crois  devoir  imiter  M.  Vapereau,  Tauteur  d'un  ex- 
celleiit  voluinc  periodique,  VAnnee  Litter aire^  en  rappe- 
lant  a  la  fin  de  cette  revue  les  pertes  les  plus  cruelles 
que  cette  annee  nous  a  causees.  La  mort  des  ecrivains 
celebres,  en  ramenant  Fattention  de  leur  cöte,  donue  bien 
souvent  aussi  le  signal  d'un  jugement  inipartial  sur  leur 
personne  et  leurs  a-uvres,  jugement  fausse  de  leur  vivant 
parfois  par  Tenvie  et  bien  plus  frequemment  par  Fexces- 
sive  indulgence  de  la  critique.  Je  vous  ai  deja  nomme 
M.  Arnould  et  Henry  Mürger;  je  u'ai  plus  a  vous  par- 
ier que  de  deux  morts,  tous  deux  illustres  a  differents 
titres,  Eugene  Scribe  et  le  Pere  Lacordaire. 

La  critique  n'a  pas  attendu  le  dernier  jour  de  Scribe 
pour  s'accorder  ä  peu  pres  sur  son  compte  et  confirmer 
le  jugement  porte  il  y  a  longtemps  dejä  par  le  severe 
Gustave  Planche.  Scribe  ne  fut  ni  un  auteur  comique  ni 
un  ecrivain  de  premier  ordre:  il  n'eut  aucune  des  qualites 
de  fond  ou  de  forme  qui  fönt  vivre  un  uom  dans  la  poste- 
rite.  Sans  profondeur  d'observation,  sans  conception 
j)uissante  des  caracteres,  surtout  sans  style,  il  n'a  jamais 
fait  une  oeuvre  vraiment  litteraire.  En  revanche,  il  a 
merveilleusement  saisi  le  moyen  d'amuser  les  liommes  de 
son  epoque;  et  cette  intelligence  du  goüt  present,  servie 
par  beaucoup  d'esprit  et  une  grande  fertilite  jointe  ä  une 
prodigieuse  entente  des  effets  et  des  combinations  sce- 
niques,  ont  suffi  pour  lui  assurer  pendant  trente  ans  une 
reputation  europecnne  et  le  sceptre  de  la  litterature  facile 
et  lucrative.  Chaque  generation  ä  son  tour  produit  un 
liomme  comme  Scribe ,  qu'oublie  bien  vite  la  generation 
suivante;  mais  il  en  est  peu  qui  seront  arrives  a  ce 
comble  de  renommee  et  de  bonheur;  il  en  est  peu  aussi, 
il  faut  le  dirc ,  qui  auront  eu  autant  de  talent  et  d'habilite. 


')  1   vol.   inlS,  Hely.el.  2)  ijj.g  ^  Midiel  Levy. 


Jaliresbericlite  III.    Französische  Literatur  1861.  371 

Le  P.  Lacordaire  est  une  perte  autrement  sensible; 
c'etait  iin  des  liommes  superieiirs  de  notre  epoque,  im 
de  ces  nobles  caracteres  comme  un  pays  a  besoin  d'en 
posseder  toujours.  Son  eloquence  brülante  n'etait  que 
l'expression  natmelle  de  ses  pensees  genereuses  et  en- 
thousiastes,  de  ses  sentiments  ardents,  de  son  amoiir 
exclusif  ponr  la  beante  morale,  la  verite  et  la  liberte. 
Ses  Leftres^)  le  fönt  cncorc  phis  admirer  et  clierir: 
toute  son  äme  respire  dans  ces  admirables  pages  exemp- 
tes  des  defauts  justement  reproches  a  sa  maniere  ora- 
toire.  11  est  impossible  de  voir  un  esprit  plus  eleve, 
un  coeur  plus  cliaud  et  plus  ouvert  a  toutes  ies  aspi- 
rations  sublimes,  qvi'il  confondait  avec  sa  foi  vive  dans 
le  catholicisme  comme  il  le  comprenait.  Malgre  Ies 
tristes  defaites  essuyees  depuis  dix  ans  par  tout  ce  qu'il 
aimait,  malgre  Ies  desillusions  sans  nombre  qu'il  avait 
subies,  malgre  Ies  dementis  que  semblaient  recevoir  ses 
plus  oberes  convictions,  il  n'a  jamais  renonce  a  ses  es- 
perances;  il  n'a  jamais  laisse  le  decouragement  s'emparer 
de  lui,  et,  quelques  difierences  qui  puissent  le  separer 
de  nous,  il  nous  est-reste,  au  milieu  des  lüttes  que  nous 
devons  livrer  sans  cesse  pour  nos  divinites  communes, 
un  exemple  et  une  consolation. 

1)  M.  de  Montalembert  en  a  doiiiie  des  fraguieiits  dans  son  ou- 
vrage  sur  le  P.  Lacordaire  (Paris,  Daniiol ,  1862);  on  en  annonce  une 
cdition. 

Paris,  octobre   1802. 

Gaston    Paris. 


25- 


372  (iriizuiaclier 


Die  waldensisclie  Bibel. 

Die  Thatsache  der  ersten  Uebertragung  des  lateinischen 
Neuen  Testaments  (nebst  Theilen  des  Alten)  in  romanische 
Vulgärsprache  knüpft  sich  an  den  Namen  des  Petrus  Waldus. 
Zeitgenossen  bezeugen,  dafs  in  seinem  Beisein  die  Waldenser 
auf  dem  Lateranensischen  Concil  von  1179  dem  Papste 
Alexander  III.  ein  Exemplar  dieser  Uebersetzung  überreicht 
haben,  und  der  Umstand,  dafs  J199  Innocenz  III.  bei  dem 
Bischof  von  Metz  nähere  Erkundigungen  über  die  Beschaffen- 
heit dieser  Uebersetzung  einzog,  so  wie  dafs  das  Concil  von 
Toulouse  1229  den  Gebrauch  derselben  untersagte,  beweist, 
dafs  diese  Uebersetzung  nicht  nur  vorhanden,  sondern  auch 
verbreitet  und  in  Gebrauch  gewesen  ist.  Ja  Stephan  von 
Bourbon  erzählt  sogar,  er  habe  die  Personen  gekannt  mit  deren 
Hülfe  Waldus  die  Uebersetzung  angefertigt,  und  gibt  die 
näheren  Umstände  die  dabei  obgewaltet  haben  mit  solcher 
Genauigkeit  an ,  dafs  an  der  Richtigkeit  der  Thatsache  nicht 
gezweifelt  werden  kann. 

Stephen  Gilly  in  Norham  ist  es  der  diesem  Gegenstande 
zuerst  eine  gründliche  Untersuchung  gewidmet  hat.  Derselbe 
berichtet  in  der  Einleitung  seines  sogleich  zu  erwähnenden 
Buches  weiter,  dafs  von  dieser  waldensischen  Bibel  noch  sechs 
Handschriften  vorhanden  sind,  von  denen  sich  je  eine  in 
Dublin,  Zürich,  Grenoble,  Lyon  und  zwei  in  Paris  befinden, 
und  theilt  von  jeder  Handschrift  das  erste  Capitel  des  Johan- 
nes vollständig  mit.  Aus  diesen  Texten  ergibt  sich  jedoch, 
dafs  nur  die  drei  erstgenannten  Handschriften,  welche  unter 
sich  im  Wesentlichen  übereinstimmen,  in  sprachlichem  Sinne 
waldensische  genannt  werden  können;  denn  nur  diese  zeigen 
diejenige  Sprachform,  welche  uns  in  den  bisher  bekannt  ge- 
wesenen Documenten  der  waldensischen  Sprache,  den  poetischen 
Stücken ,  die  schon  Raynouard  mittheilt,  und  den  religiösen 
Tractaten,  die  neuerdings  Hahn  (Geschichte  der  Ketzer  im 
Mittelalter,  Bd.  2)  und  Herzog  (Die  romanischen  Waldenser) 
aus  den  Geschichtsschreibern  der  Secte  besonders  Loger  aus- 
gezogen haben,  entgegentritt,  während  die  Lyoner  imd  die 
eine    Pariser    Version     eine     entschieden    provenzalische,    die 


Die  waldensisehe  Bibel.  373 

andere  aber  eine  nordfranzösische  Färbung  trägt.  Auch  Gilly 
ist  wol  dieser  Ansicht  gewesen;  denn  nach  der  Dubliner 
Handschrift  hat  er,  mit  Gegenüberstellung  des  französischen 
Textes,  London  1848  das  Evangelium  Johannis  vollständig 
herausgegeben  unter  dem  Titel:  The  Romaunt  Version  of  the 
Gospel  according  to  St.  John  etc.,  gewifs  ein  um  so  schätzens- 
wertherer  Beitrag  für  die  Kenntnifs  der  älteren  romanischen 
Literatur ,  wenn  wir  darin  jene  älteste  romanische  Version  der 
Vulgata  besitzen,  deren  die  ältesten  Vorläufer  unserer  Refor- 
mation sich  bedient  haben. 

Vor  einigen  Jahren  hat  nun  der  oben  genannte  Herzog 
von  derselben  Dubliner  Handschrift,  aus  welcher  Gilly  das 
Evangelium  Johannis  herausgegeben,  eine  vollständige  Ab- 
schrift des  Neuen  Testaments  genommen  und  auf  der  Kgl. 
Bibliothek  in  Berlin  niedergelegt,  wo  ich  dieselbe  einer  ge- 
naueren Betrachtung  unterzogen  habe.  Da  das  Buch  von 
Gilly  nicht  Jedem  zur  Hand  sein  dürfte,  so  sei  mir  erlaubt 
durch  Mittheilung  der  Fabel  vom  verlorenen  Sohne  (Lucas 
XV,  11 — .32)  die  Zahl  der  norditalischen  Versionen  dieses 
Capitels,  Avelche  Biondelli  in  seinem  Saggio  sui  dialetti  gallo- 
italici  zusammenstellt,  um  eine  allerdings   ältere  zu  vermehren. 

Un  home  havia  duy  filh ;  e  lo  plus  jove  dis  al  payre: 
0  payre ,  dona  a  mi  la  partia  de  la  substancia  que  se  coven 
a  mi.  E  departic  a  lor  la  substancia.  E  enapres  non  moti 
dia  lo  plus  jove  filh,  ajosta  totas  cosas,  anne  en  pelegrinage 
en  lognana  region,  e  degaste  aqui  la  soa  substancia  vivent 
luxuriosament.  E  pois  qu'el  hac  cunsumä  totas  cosas,  grant 
fam  fo  faita  en  aquella  region,  e  el  comence  [a]  haver  besogna. 
E  anne  e  s'ajoste  a  un  citadin  d'aquella  region,  e  trames  luy 
en  la  soa  villa,  qu'el  pagues  li  porc.  E  cubitava  cunplir  lo 
seo  ventre  de  las  silicas  que  manian  li  porc,  e  alcun  non  do- 
nava  a  luy.  Mas  retornä  en  si  dis :  Quanti  mercenar  habun- 
dian  de  pans  en  la  meison  del  meo  payre,  mas  yo  periso 
aici  de  fam.  Yo  me  levarey  e  annarey  al  meo  payre  e  direv 
a  luy:  o  payre,  yo  pecchey  al  cel  e  devant  tu,  e  ja  non  soy 
degne  esser  appella  lo  teo  filh,  fay  a  mi  enaynia  a  un  de  li 
teo  mercenar.  E  levant  venc  al  seo  paire;  mas  cum  el  fos 
encara  de  long,  lo  seo  payre  vec  luy,  e  fo  mogü  de  miseri- 
cordia,  e  corrent  cagic  sobre  lo  coi  de  luy  e  bayse  luy.  E 
lo  filh  dis  a  hiy:  O  payre,  yo  pecchey  al  eel  e  devant  tu; 
ja  non  soy  degne  esser  appella  lo  teo  filh.     Mas  lo  paire   dis 


374  Grüzmacher 

a  li  seo  serf:  Viaczanienl  porlii  la  j)rumit'ra  vestimeiita  e  viste 
luy,  e  dona  aiiel  en  la  man  de  luy  e  cauczamentas  en  li  pe; 
e  aiiieiia  vcdel  gras  e  lo  aucie  e  maiigen  e  alegren;  car 
aqiicst  nieo  lilh  era  uiort  e  es  rcviscolä,  cl  era  perdü  e  es 
Irobä.  E  c'onienczeron  a  nianiar.  Mas  lo  filh  de  luy  plus 
velh  era  al  camp;  e  cum  el  vengues  e  s'apropies  a  la  meison, 
auvic  la  calamella  e  la  cumpagnia,  e  appelle  un  de  li  serf  c 
demande  quäl  fossan  aquestas  cosas.  E  el  dis  a  luy :  Lo  teo 
frayre  venc,  e  lo  teo  payre  aucis  vedel  gras,  e  el  receop 
luy  salf.  Mas  el  fo  endegnii  e  non  volha  ^)  intrar;  mas  lo 
payre  de  luy  issi  comencze  a  pregar  luy.  E  el  respondent  dis 
al  seo  paire:  Vete ,  yo  servo  a  tu  per  tanti  an,  e  unca  non 
trappassey  lo  teo  comandament;  e  non  donies  unca  a  ml  cabri 
que  yo  manies  cum  li  meo  amic.  Mas  poys  que  aquest  teo 
lilh,  loqual  devore  la  soa  substancia  cum  las  meretricz,  es 
vengü,  tu  aucisies  a  luy  vedel  gras.  Mas  el  dis  a  luy:  O 
filh ,  tu  sies  tota  via  cum  mi ,  e  totas  las  mias  cosas  son  toas. 
Mas  la  coventa  maniar  e  alegrar;  car  aquest  teo  frayre  era 
mort  e  reviscole,   era  perdü  e  es  atrobä. 

So  ähnlich  diese  Sprachform  auf  den  ersten  Blick  derje- 
nigen zu  sein  scheint,  in  welcher  die  oben  bezeichneten  wal- 
densischen  Schriften  abgefafst  sind,  so  bietet  und  belohnt  doch 
ihre  nähere  Untersuchung  mehr  als  Ein  Interesse.  Zunächst 
läfst  sich  die  Darstellung  der  waldensischen  Sprache,  welche 
ich  zuerst  in  Herrig's  Archiv,  Bd.  XVI,  S.  369  —  407  aus  den 
genannten  Quellen  gegeben  habe,  erst  aus  dieser  ursprüng- 
lichsten, reichsten  und  durchsichtigsten  zu  einem  vollständigen 
grammatischen  Bilde  abrunden.  Andrerseits  aber  bietet  sich 
die  Aussicht,  dafs  vielleicht  die  Erforschung  der  verhältnifs- 
mäfsig  ältesten  Form  der  Sprache  selbst  einiges  Licht  über 
die  bis  jetzt  weder  von  theologischem  noch  von  historischem 
Standpunkte  genügend  gelöste  Frage  nach  Alter  und  Ursprung 
der  Bibel ,  der  Sprache  und  ihrer  ganzen  Literatur  verbreiten 
werde.  Zu  diesem  Zwecke  dürfen  wir  die  etwas  trockenen 
Untersuchungen  nicht  scheuen,  die  ich  im  Folgenden  möglichst 
kurz  zusammenfassen  Averde,  indem  ich  zuerst  die  Lautver- 
hältnisse in  Betracht  ziehe. 

Im  Auslaute  hat  sich  als  besonders  charakteristisch  gezeigt 


1)  so  V.  a.  Lolia  1  dessen  Accent  sich  verschoben  hat,  eine  Schrei- 
img, die  in  den  ältesten  portugiesischen  Texten  häufig  begegnet. 


Die  waldensische  Bibel.  375 

die  Abwerfung  des  t,  wie  in  trinita ,  eretä ,  amistä.  Weitere 
Beispiele  dafür  sind:  scu  (scutum),  par'e  (paries),  ni  (nidus), 
cahfi  (wie  frz.),  principä  (principatus) ,  vescoä  (episcopatns). 
Wo  vor  dem  t  ein  a  steht,  ist  natürlich  wie  im  Particip 
(donä)  das  F'emininum  vom  Masculin  nicht  zu  unterscheiden; 
ich  halte  daher  für  Feminina  mit  dem  Ton  auf  der  letzten 
Silbe:  contra  Job.  IV,  44  (pr.  contrada),  gautä  XVIII,  24 
(pr.  gautada  Backenstreich,  von  gauta),  colä  Mc.  XIV,  5 
(pr.  colada  Schlag),  embaysä  Luc.  XIV,  32  (pr.  ambaissada). 
Doch  bleibt  das  t  erstens  in  unbetonter  Silbe:  sperit,  debit, 
Iiabit;  und  zweitens,  wie  in  der  Dauphinee  (Diez  Gr.  I,  S.  111), 
überall  statt  des  prov.  </  oder  cJi :  dit,  fait.  trait,  agait,  streit, 
teit,  |?e«V,  dreit,  voit,  eissuit  (Prol.  ad  Rom.,  nicht  eissiut,  wie 
in  der  Abschrift  steht,  pr.  eissiig,  it.  asciutto).  Tz  wird  ebenfalls 
abgeworfen  in  der  2.  Flur,  aller  Verba,  so  wie  in  der  3.  Sg.  und 
dem  Imperativ  vieler  starken  Verba,  die  aber  zum  Ersatz  dem 
Vocal  häufig  ein  i  anhängen:  di,  pö,  scr) ,  fay ,  jay ^  l^lay, 
chay,  ley,  j^oy ,  so  wie  in  asey  (satis).  Sonst  steht  für  tz  cz : 
bracz  (hrachium) ,  ^acc  (latus) ,  precz,  vicz,  recz,  pocz;  dasselbe 
auch  für  lat.  c:  lucz,  voucz,  crocz ,  vicz,  ^jac^;,  faucz  (falx), 
meretricz,  incheiricz  u.  s.  w. ,  nie  aber  für  s:  ras,  jires,  pertus, 
OS,  auch  7nas  (nicht  ?ho).  Zu  domesti  Matth.  X,  25  stellen 
sich  noch  porti  (porticus)  Joh.  V,  1  Stoma  1.  Tim.  V,  23, 
und  vesco  (episcopus).  Die  Beibehaltung  des  n  ist  durch- 
gängige Regel:  san,  can,  man,  pa7i,  don,  lin,  jin,  fen  (foenum), 
sen  (sinus),  plen  u.  s.  w. ;  auch  entsteht  es  aus  dem  Flexions-Wi 
(nos  deren)',  nur  in  unbetonter  Silbe  (wo  t  beibehalten  wird) 
fällt  es  regelmäfsig  ab:  or/e  (orphanus),  jove  (juvenis),  terme 
(terminus),  orde  (ordo),  ase  (asinus),  hoine  (homo),  diaque 
(diaconus),  Steve  (Stephanus).  Auch  nt  bleibt  durchgängig: 
rjent,  cent ,  point,  rent  (reddit  u.  redde),  ve7it  u.  s.  w.,  und  so 
andere  Doppelconsonanten,  deren  erster  Liquida  oder  s  ist; 
andernfalls  wird  der  zweite  abgeworfen,  wie  in  temp,  corp, 
fruc,  sot  (pr.  sotz),  us  (ostium).  Für  nh  steht  in  der  Mitte 
des  Wortes  gn,  am  Ende  aber  ng:  sträng,  long,  ong .  gang, 
leng,  stang,  peng ,  was  unmöglich  wie  gn  oder  nh  ausgospio- 
chen  worden  sein  kann.  Man  könnte  an  den  Nascnihuit 
denken,  den  auch  die  nrdfrz.  Dialekte  anfangs  mit  ?///  l)ezcicli- 
neten,  besonders  wenn  man  sich  der  Wechselwirkung  erinnert, 
die  zwi.'icheu  inlautendem  gn  und  auslautendem  Nasal  statt- 
iindet   (Diez   (rr.  I,   S.  439);    aber  allerdings  ist  der  Laut  vc 


376  Grüzmacher 

glaublicher,  zumal  da  auch  statt  long  lonc  und  statt  sanc  sang 
gefunden  wird. 

Ebenso  wie  der  Auslaut  zeigt  auch  der  Inlaut  eine  grö- 
fsere  "Weichheit  der  Consonanz,  zunächst  in  häufiger  Elision 
oder  Assimilation  des  einen  Consonanten.  So  heifst  es  citä 
(oder  ctj^iä,  civitas) ,  malatia  (pr.  malaptia  oder  malautia), 
ratilias  (reptilia),  5e?a(secta),  dramc  (drachma),  noczas  (nup- 
tiae),  .spala  (pr,  espatla),  forment  (pr.  fortmen),  son  (somnus), 
penre,  j^ropio ,  mot ,  fenna,  veva  u.  dgl.  Daher  bleiben  auch 
die  Formen  crepia,  sapia,  apropiar ,  repropiar  und  repropi, 
prov.  crepcha  u.  s.  w.  Daher  ist  ferner  in  den  Verben  die 
prov.  auf  -jar ,  frz.  -ger,  it.  -giare  ausgehen,  die  regelmäfsige 
Form  noch  -iar:  vendiar,  maniar,  straniar,  meczotiiar,  fameiar, 
seteiar  u.  s.  w.,  ebenso  iorn,  meie  (medicus),  viaie ,  peaie,  co- 
raie  und  Aehnliche;  —  dafs  wirklich  i  gesprochen  worden  ist, 
beweist  der  Plural  von  iolh,  H  olh  Mtth.  XIII,  25,  26,  36 
statt  li  iolh',  —  doch  befindet  sich  das  i  hier  schon  auf  dem 
Uebergange  zum  Palatallaute,  da  namentlich  in  dem  späteren 
Theile  des  Neuen  Testaments,  und  zwar  besonders  vor  e, 
häufig  die  Schreibung  meje,  viage,  corage ,  testimonige  u.  s.  w. 
begegnet.  Die  Entwicklung  zeigt  aber,  dafs  dieser  Palatal- 
laut nicht  aus  di  sondern  aus  blofsem  i  enstanden  und  also 
nicht  wie  das  ital.  gi  sondern  wie  das  frz.  j  zu  sprechen  ist, 
worin  sich  eine  bedeutende  Abweichung  vom  Provenzalischen 
und  Annäherung  an  das  Nordfranzösische  kund  gibt.  —  Der 
zweite  häufige  Fall  von  Consonanzvereinfachung  ist  die  Auf- 
lösung des  ersten  Consonanten  in  einen  Yocal ,  und  zwar  des 
c.  t,  s  in  2,  des  l  in  u.  So  löst  sich  c  vor  t  auf  in  fait,  leit, 
teit ,  noit ,  jeitar  u.  dgl.,  plaint,  point,  teint ,  steint,  ceint,  fraint 
(nicht  cenit  und  franit,  wie  geschrieben  steht),  u.  A.;  t  vor  r 
in  payre,  preyre ,  reyre .  oyre  (uter  Mtth.  IX,  17),  eayre 
(quadrum  Ap.  XXI,  16)  und  in  der  Endung  -eiricz  (-atrix); 
s  vor  s  in  laisar .  naiser,  deisendre,  eisautar  (exaltare),  eydu- 
livi  (pr.  esdiluvi),  und  andere  Compositen  mit  ex  und  dis 
(diese  Silben  scheinen  durch  ei-  und  dei-  in  die  Formen  e-  und 
de-  übergegangen,  welche  in  den  späteren  Tractaten  die  ge- 
wöhnlichen sind,  im  Neuen  Testamente  aber  erst  zweimal 
vorkommen,  efforczar  Luc.  XIII,  24  und  depolhar  2.  Cor. 
IV,  16);  aufserdem  vor  m  in  meseyme ,  proyme,  enayma  (wohl 
einer  Superlativbildung  aus  en  aysi,  was  Mtth.  XX,  26  und 
Joh.   XXI,    1    vorkommt),  judayme  (Judaismus   Gal.  I,   13), 


Die  waldeiisische  Bibel.  377 

ayn^a  (ätvfia  Marc.  XIV,  1),  u.  A.,  denen  das  ohne  Zweifel 
aus  almoina  (Diez  Gr.  I ,  S.  223)  entstandene  almona  (pr.  al- 
mosna)  anzureihen  ist.  Endlich  steht  statt  It  ut  in  tout^  vout 
(vultus,  volutus),  voutar,  sautar ,  ontra  (ultra),  mout,  aut,  caut 
(calidus),  saudar  (it.  saldare),  gastaut  (gastaldus  i.  e.  villicus, 
s.  Du  Gange)  nebst  gastaudeiar  und  gastaudaria  u.  A.  Alle 
diese  Erweichungen  finden  sich  auch  im  Proven^alischen,  aber 
keine  so  durchgängig,  da  für  et  auch  ch  steht  und  s  und  l 
häufig  bewahrt  werden.  —  Der  dritte  Fall  ist  die  Unbestän- 
digkeit der  Muten  zwischen  Vocalen.  Und  zwar  ist  hier  das 
Herabsteigen  der  Tenuis  zur  Media  weniger  häufig  (man  fin- 
det soffogar,  offogar^  iiersegucion,  fornigacion,  dominigal,  se- 
gret  und  se  dementigar)  als  der  Wegfall  besonders  der  Media, 
der  zahlreiche  neue  Beispiele  bietet.  So  gueina  (vagina),  siyia 
(pr.  espiga),  fia  (pr.  figa),  dion,  dia  u.  s.  w. ,  joo  (jugum), 
dee  (digitus),  maisträ  (magistratus),  fua7i  (fugiant  Mc.  XIII,  14), 
poreia  (porrigebat  Luc.  XXIV,  30),  wiial  (unicalis  i.  e.  uni- 
cus  Luc.  VII,  12,  IX,  38),  wozu  die  Verben  auf  -iar  kom- 
men, von  denen  oben  die  Rede  war;  in  einigen  Fällen  ist 
das  c  in  i  erweicht,  wie  vor  einem  Consonanten,  nämlich  in 
loiar  (pr.  logar,  locare),  co iar  (collocare,  durch  die  Zwischen- 
formen colgar,  coogar,  cogar)  und  7ioiü  (nicht  noui  A.  A. 
XXV,  10  und  Phil.  28,  aus  nogü  von  noyre).  Ferner:  monea 
(moneta),  roa  (rota),  fea  Q)r.  feda),  2'>'''^(i'  (praeda),  sea  (seta), 
glay ^  goy,  mey  (medium),  reicz  (radix),  beneide  und  maleicic 
(benedixit,  maledixit)  j^^'^^''^^^  (?!'•  pezonier,  pedes) ,  gravia, 
candia,  poestä,  guiar,  fiar ,  reguiardonar,  lampea  (lampas), 
aurar  (ador.),  eyrar  (adir.),  creyre,  seyre  u.  A.  nebst  allen 
Part.  Pass.  Fem.,  wie  donä,  teisua,  cumplia,  und  den  Sub- 
stantiven derselben  Endung,  wie  contra  (s.  ot)en),  rendua  oder 
rendoa  (it.  rendita),  culhia  (collectio),  partia;  Erweichung  des 
d  (t)  in  s  findet  sich  in  seser ,  creser,  caner ,  lausor ,  mesitar, 
possesir ,  exaucir  (Luc.  I,  13,  frz.  exaucer  1.  Conj.),  tarcza 
und  tarczar ^  ferner  meseyme  (pr.  meteisme)  und  frecza  (it. 
fretta).  Endlich  mit  Labialen:  taulier  (tabularium?  Mtth. 
IX,  9),  faula  (fabula),  scri(v)o,  u(v)a..  Zur  Tilgung  des  durch 
die  Elision  entstandenen  Hiatus  findet  sich  nach  o  und  u  ein  v 
eingeschoben  in  avouteri  (adulterium)  und  avoutrar ,  auvir, 
laicvar,  sotjoval  (subjugalis  Mtth.  XXI,  3),  clauve  (dauditis 
XXIII,  13).  Ebenso  steht  nach  e  und  i  ein  /  (welches  all- 
mählich   den    Palatallaut    angenommen   hat.    s.    oben)    in    den 


378  Griizmacher 

Verbalbildungen  auf  -eiar  und  -iiar,  fameiar ,  seteiar,  fahreiar^ 
scandaleiar  ^  bapteiar ,  segnoriiar  u.  s.  w.,  von  denen  unten  noch 
die  Rede  sein  wird.  Analog  ist  cagir  (cadere)  nebst.  Fut.  ca- 
gire,  Imper.  cage,  Prs.  cnjon,  Cj.  caju,  Perf.  cagic ,  Part. 
cagent  und  cagi^  das  ich  schon  früher  in  diesem  Sinne  erklärt 
habe.  Andere  Consonanzverhältnisse  beruhen  freilich  auf 
blofser  Verdrehung  und  Verunstaltung,  die  aber  in  einem 
Volksdialekte  nichts  Auffallendes  hat  und  auch  eine  gcM'isse 
Analogie  nicht  verkennen  läfst.  So  liest  man  hie  und  da: 
babron  (baro) ,  empocrit  (hypocrit) ,  esgalecza  (pr.  engaleza), 
resitciptar  oder  rexueitar ,  ciptä,  scripvia,  primpci  (st.  princi), 
sompn,  domptiar,  troment,  entrepetrar,  trempancza  (temperantia), 
iidolar  (ululare),  ancolla  (ancora) ') ,  nomble  (umbilicus) ,  cun- 
vili  (convivium),  lectras  (litterae),  roctas  (ruptae) ,  vestre  (ves- 
per),  eumpliclian  st.  cump)lissan ,  cadieron  st.  casseron  u.  dgl. 
Am  wichtigsten  ist  hier  die  häufige  Vertauschung  des  ca  mit 
cha  in  pechä,  secchar ,  superchh,  spanchar ,  chamba.  (frz.  jambe), 
chelgues  (caluisset),  blancha ,  cheitio ,  chascun,  chaupessan 
(capuissent  i.  e.  cepissent),  charc,  cheyson,  cäoZ  (caulis),  esser 
cheuta  (cecidisse  Ap.  IX,  1,  wohl  eher  durch  capitata  als 
durch  caduta  zu  erklären,  also  cheuta)^  weil  sich  hierin  eine 
abermalige  starke  Hinneigung  zu  den  nordfranzösischen  For- 
men verräth. 

Was  die  inlautenden  Vocalc  betriift,  so  ist  bereits  klar 
geworden,  dafs  unter  diesen  die  Diphthonge  einen  gi-öfsern 
Raum  einnehmen  als  im  Provenzalischen,  aber  weniger  die 
welche  aus  einzelnen  Vocalen  entstanden  den  Ton  auf  den 
zweiten  Buchstaben  nehmen  (von  denen- ich  als  neue  Beispiele 
aufser  huehre  und  cuehre  fuoc,  luoc  und  muor  [moritur],  ieys 
[exit],  viest.  rieston,  fier,  fiera  [ferire],  maniera  und  cadiera 
[cathedra]  gefunden  habe),  als  diejenigen,  deren  zweiter  Vo- 
cal  durch  Auflösung  eines  Consonanten  oder  durch  Anticipa- 
tion  entstanden  ist,  wie  sich  bereits  mehrfach  bei  ei  und  o?/ 
gezeigt  hat.  Das  ei  entsteht  nun  auch  häufig  durch  Schwächung 
des  a  in  ^ ,  welche ,  schon  im  Neuen  Testamente,  sowohl  vor 
der  Tonsilbe  als  in  den  Endungen  sehr  weit  um  sich  gegrif- 
fen hat:  eital^  eilay ,  eiczo,  eici  u.  dgl.,  meison,  peiron^  jeitar. 
eirar,    teiser  u.   s.  w^  ,   ja  sogar  fey^    facit   und  rey  vadit  Joli. 


1)  So  ist  vielleicht  auch  enpelmua  vesenda  mutuam  vicem    1.  Tim. 
V,  4  mit  impermutatam  zu  erklären  und  also  enpelmua  zu  betonen. 


Die  waldensische  Bibel.  '  379 

XIV,  10  uud  Mtth.  XVIII,  12;  ebenso  durch  Anticipation 
eines  ursprünglichen  i  (nicht  eines  erweichten  -wie  bei  oins 
u.  dgl.):  vieisson,  queison,  preisen  w.  s.  w.,  wie  soyme  (som- 
nium)  und  Utit  (toti).  Häufig  aber  tritt  es  auch  besonders  im 
Anlaut  aus  blofsem  e  hervor:  eilevar,  eihit ,  eimagena  (imago), 
eitä,  eigal  u.  dgl.,  wie  oysel  pr.  auzel;  wenn  nicht,  wie  be- 
sonders vor  r  geschieht,  das  e  zu  a  gesteigert  worden,  z.  B. 
in  marcä  (mercatus),  aram  (aeramen) ,  ensarrar  (pr.  encerrar), 
darier,  arror,  marci ,  spavantar  u.  A.,  ebenso  in  den  Futuren 
der  2.  Conj.  (temarey)  und  den  Substantivbildungen  auf  -clor 
und  -ment  [acreysador ,  premament).  In  dieser  Bevorzugung 
des  ei,  welche  sich  auch  im  Delphinatischen  findet,  ist  wie- 
derum ein  Zug  zum  Nordfranzösischen,  besonders  dem  Bur- 
gundischen, nicht  zu  verkennen.  —  Weniger  üblich  sind  die 
Diphthonge  auf  w,  da  von  den  provenzalischen  hier  nur  au 
und  ou  vorkommen,  statt  eu  und  in  aber  eo  und  io  eintreten, 
welche  sehr  häufig  begegnen:  meo,  teo,  seo ,  greo,  hreo.  leo- 
gier, heore,  neo ,  receop.  rio,  viore ,  Bio,  liorar,  tardio ,  chei- 
tio  u.  s.  w.,  auch  trao,  nao,  noo,  buo ,  vaoc^  wie  wohl  für 
trav,  nav  u.  s.  w.,  wie  meistens  geschrieben  steht,  überall  zu 
lesen  sein  dürfte.  Umgekehrt  wird  o  vor  der  Tonsilbe  meist 
in  u  vergröbert:  cumpenre,  cunfessar,  cumpagiiia,  cumplir. 
cunselh ,  ctim  (quoniodo  i.  e.  com),  furbir,  fimdar  u.  s.  w.,  und 
das  u  beibehalten  in  umbra,  unda,  numbrar ;  ja  sogar  e  und  / 
verdumpfen  sich  dergestalt  in  ubriart  (ebriosus) ,  prumler  (al. 
primier')  ^  umpUr  (implere),  urern  (hibernum  i.  e.  hiems).  So 
tritt  denn  auch  oii  zum  öftern  für  au  und  o  ein;  man 
findet  voiicz  (vox),  pouczar  (aber  ^)oc~  puteus),  oudor,  ourient, 
ourar ,  oucios ,  lousor,  oucire  neben  occii-e  und  aucire  in  allen 
Formen  u.  dgl.,  so  dafs  das  ou  unter  den  dumpfen  Diph- 
thongen ungefähr  dieselbe  Stelle  einnimmt,  wie  ei  unter  den 
hellen.  Ucbrigens  sind  die  Vocale  besonders  in  unbetonter 
Silbe  fast  noch  schwankender  als  die  Consonanten;  nicht  ohne 
Analogie  sind  cinu  (coena),  aci  (acetum,  nicht  acidum,  wie 
Raynouard  will),  marci  (wie  nordfrz.),  ganz  willkürlich  aber 
soayvecza,  soyvecza  und  soevecza  (suavitas),  -stabussir  (stupes- 
cere,  pr.  estobezir),  eydulivi  (esdiluvi),  muniment  (monumen- 
tum),  ubriota  (ebrietas),  riotor  (volutare)  und  viele  andere. 
Dies  geht  so  Aveit,  dafs  verwandte  Wortstänunc  sich  ver- 
mischen; so  circumdare  mit  circuire  in  circnmliant  circuiens 
AA.   XIII,    11,    sV-mbrivar    (von   brio.    Kraft)    mit    irruere    in 


380  Grüzmacher 

embruieron  irruerunt  u.  dgl.  Mtth.  VII,  25;  VIII,  32;  Luc.  I, 
12;  VI,  48;  Mc.  V,  13;  recointar  (non  cognitus),  mit  recon- 
tar  (von  computare),  dessen  Bedeutung  'es  angenommen  hat 
(sogar  die  ursprüngliche:  non  sia  recoytä  a  lor  ne  iis  impu- 
tetur  2.  Tim.  IV,  16);  frz.  repos  und  repas  in  repaus,  das 
gewöhnlich  für  das  erstere,  Mc.  XIV,  14,  und  Lucas  XI,  43 
aber  für  das  letztere  steht;  ebenso  somnus  und  somnium 
Rom.  XIII,  11,  sit  und  sedeat  2.  Thess.  I,  4,  exaltare  und 
exsultare  Luc.  I,  41. 

Endlich  im  Anlaut  findet  sich  Nichts  weiter  zu  bemerken 
als  das  s  impurum,  welches  nicht  nur  geduldet  {ßioirar ,  scarnir, 
Stella  u.  dgl.),  sondern  durch  Apokope  erzeugt  wird:  scampar, 
scusa,  sclarcir ,  stendre,  stier,  sterior,  stremetä,  sträng  (extra- 
neus),  steint,  sponre,  spirar  (exspir.  Mc.  XV,  37),  speitar, 
sfaczar,  squivar,  slegir,  sootar  (auscultare),  scuro ,  stimar, 
stenir  (abstinere);  ja  es  erscheint  sogar  ganz  überflüssiger 
Weise  zugesetzt  in  scomoc  (coramovit),  scunjurar  Mc.  V,  7, 
sperjurar  Mtth.  V,  33.  Nur  statt  des  Vocals  des  Artikels 
steht  e:  Vestreita  porta,  Vestang ,  l'estella,  Vescii  u.  s.  f.,  was 
mit  den  oben  erwähnten  Formen  eita  u.  s.  w.  übereinstimmt. 
Ein  unetymologisches  h  wie  in  ha  (ad),  hi  (ibi,  oder  hie?), 
horde  (ordo),  hoins  (unxit)  ist  wenig  auffallend. 

So  viel  über  die  Lautverhältnisse  im  Allgemeinen.  Was 
die  Flexion  zunächst  des  Nomens  betrifft,  so  ist  auch  hier  in 
meiner  früheren  Darstellung  Mehreres  zu  berichtigen.  Die- 
selbe hat  sich  nämlich  in  Vergleich  zum  Provenzalischen 
aufserordentlich  vereinfacht:  nicht  nur  dafs  die  Unterscheidung 
der  Casus  fast  ganz  aufgegeben  worden  (nur  die  Nom.  nomz, 
und  lai7-e  statt  lairon  finden  sich,  andere  Spuren  in  den  Ge- 
dichten), sondern  es  ist  auch  in  Folge  dessen  eine  fast  voll- 
ständige Verschmelzung  der  2.  und  3.  Declination  eingetreten. 
Die  Feminina  der  3.  aber  haben  sich  meistens  durch  An- 
nahme von  a  zur  1.  geschlagen:  fiora  (febris),  vergena,  ser- 
venta ,  imagena,  lampea,  calomella  u.  s.  w.,  zu  denen  noch 
durch  Motion  fantina,  sogra  (socrus),  u.  dgl.  treten,  so  dafs  man 
mit  ziemlicher  Genauigkeit  eine  weibliche  und  eine  männliche  De- 
clination unterscheiden  kann.  Der  Plural  des  Feminins  nimmt 
s  an,  der  des  Masculins  nicht,  wie  beim  Artikel  (lo,  la  — 
li,  las;  del,  al);  nur  bei  fehlendem  Artikel  bedarf  auch  das 
Masculinum  des  Zahlabzeichens.  Also  sagt  man :  un  de  li 
desciple ,     li    Judio .     li    rostre     olh ,     auch     eine    pav ,     nquilh 


Die  waldensische  Bibel.  381 

home  u.  s.  \v. ,  aber  receopron  rams  de  palmas ,  paures  aur'e 
tota  via  cum  vos  u.  dgl. ;  dagegen  immer  cent  lioras,  motas 
vertucz,  motas  gencz ,  las  mans  e  li  pe  (Job.  XI,  44).  — 
Ganz  äbnlich  verbält  sieb"  das  Adjectiv  und  Particip.  Auch 
hier  nimmt  das  Femininum  fast  immer  die  Endung  a  an,  gleich- 
viel ob  der  männlichen  Endung  ein  -us  zu  Grunde  liegt  oder 
nicht:  salf  salva,  viecz  mecza,  veray  veraya,  degne  degna  — 
trist  trista,  piaure,  paura  und  so  sterila,  fidela,  nobla,  amabla, 
fortament  u.  dgl.  ^j,  mit  fast  alleiniger  Ausnahme  der  Compara- 
tive  auf  or;  melhor ,  pejor ,  maior,  plusor,  sterior  (die  Adverbia 
sind  melh  Job.  IV,  52,  peys  Mc.  V,  26,  mencz  Luc.  VII,  47, 
aber  maiormeni,  mehr),  der  Positive  auf  -ivol,  von  denen 
später ,  und  der  vom  Lateinischen  auf  -ns  stammenden,  ob- 
wohl sich  die  Adverbien"  semilhantament ,  scientament ,  patien- 
tament  finden.  Das  männliche  Particip  und  Adjectiv  unter- 
scheidet nun  ebenfalls  die  Numeri  nicht,  das  weibliche  aber 
bezeichnet,  wie  das  Substantiv,  den  Plural  durch  ein  s:  de- 
ciple  ajostä,  aber  portas  clausas,  plusors  ensegnas  u.  dgl.; 
daher  acertas  {sc.  raczones? ,  oder  acerta,  später  acer,  gewifs), 
en  blancas  (sc.  vestimentas^  und  Aehnliches.  Ausnahmen  er- 
klären sich  meist  aus  besonderen  Gründen. 

Das  Personalpronomen  lautet  in  der  absoluten  Form: 

Siug.  Plur. 

Subj.       Obj.  Subj.         Obj. 

1.  yo           >ni  nos           7tos 

2.  tu  tu  vos  POS 
M.  el  lutj  ilh  lor 
F.     ilh           ley  elas           lor 

Die  Präpositionen  verbinden  sich  natürlich  mit  der  Form  des 
Objects:  de  mi,  a  mi,  cum  tu  u.  s.  w.  Die  conjunctiven  For- 
men lauten:  1.  Sg.  we?  PI.  «oä?  2.  Sg.  te7  PI.  vos;  3.  Sg. 
Dat.  li  (luy),  Acc.  lo,  la,  PI.  Dat.  lor,  Acc.  li,  las.  Dazu 
kommt  en,  ne,  das  an  einigen  Stellen  begegnet  (quäl  marci 
v!aure  Mtth.  V,  46,  que  yo  en  gagneso  plusors  1.  Cor.  IX,  20, 
ilh  en  son  degne  Ap.  III,  4).  Die  absolute  Form  des  Re- 
flexivs ist  ,s«,  die  conjunctive  se.  —  Die  possessiven  Pronomina 
sind  meo  viia,  teo  toa,  seo  soa,  nostre  nostra ,  vostre  vostra, 
lor,  mit  vorangehendem  Artikel;  die  verkürzte  Form  findet 
sich  noch  nicht.   —  Als  Demonstrativa  sind  fast  nur  Zusammen- 


')  Wie  im   Churwälschen. 


332  (Jriizmac-her 

Setzungen  üblich:  aquest  (aqui.st)  -a,  PI.  aquisti  -as;  aquel -a, 
PI.  aquilh  -elas;  in  neutralem  Sinne  czo  oder  aiczo;  das  ein- 
fache (7>)o  (hoc)  wird  als  Neutrum  des  dritten  Personalprono- 
mens gebraucht.  Die  Casus  werden  mit  de  und  a  gebildet, 
wobei  nicht  nur  der  Vocal  des  de  wegfällt  {daquest  u.  s.  w.), 
sondern  häufig  auch  das  a ,  so  dafs  aquest  oder  aquilh  als 
Dativ  betrachtet  werden  mufs  (Joh.  XIII,  24;  Luc.  XIV,  31; 
Job.  IV,  28;  VI,  13;  VIII,  31  und  sonst),  wie  man  auch  liest 
es  amar  st.  es  et  amar  Joh.  VII,  35;  Luc.  XIV,  31,  encontra 
Vespos  St.  encontra  a  Ves}).  Mtth.  XXV ,  1  u.  dgl.  —  Das  In- 
terrogativum  lautet  immer  qual^  das  Relativum  loqual  (del- 
qual  u.  s.  \v.);  für  das  letztere  findet  sich  qne  nach  dem  De- 
monstrativum ,  qui  als  substantives  Fragepronomen  einige  Mal, 
que  in  perque.  —  Die  übrigen  Pronomina,  aufser  taut  und 
quant,  sind  ebenfalls  Composita:  alcun  {neun  Mc.  Y,  43;  Luc. 
XI,  46?)  und  non- alcun,  alquant,  ajjtant? ,  (un)  aijtal,  (un) 
chascun,  qualquequal  (quicunque) ;  die  substantivischen  Neutra 
meist  Umschreibungen  mit  cosa:  alcuna  cosa,  qualquequal 
cosa  u.  s.  w.  —  Die  Pluralendung  /,  welche  sich,  aufser  beim 
Artikel  Z/ ,  auch  in  aquisti,  tanti,  quantl ,  alquanti  und  moti 
(multi)  findet,  ist  aus  dem  Lateinischen  beibehalten  worden, 
um  das  sprachlich  unmögliche  tz  zu  vermeiden ,  welches ,  wie 
wir  oben  gesehen  haben,  auch  in  andern  Fällen  auf  ähnliche 
Weise  ersetzt  wurde.  Eine  starke  Annäherung  an  das  Italie- 
nische ist  gleichwohl  hierin  nicht  zu  verkennen. 

Das  Verbum  liegt  im  Neuen  Testamente  in  Aveit  vollstän- 
diger Form  vor  als  in  den  spätem  Gedichten  und  Tractaten,  so 
dafs  sich  eine  ziemlich  ausreichende  Darstellung  desselben  geben 
läfst.  Die  Endungen  sind  allerdings  bereits  nicht  minder  abge- 
stumpft: das  t  der  3.  Sg.  und  PI.  ist  abgeworfen,  ebenso  die 
Silben  tis  und  te  der  2.  PI.,  und  wni^  der  1.  PI.  zu  ??  zusam- 
mengeschmolzen; da  indefs  das  o  als  Zeichen  der  1.  Sg.  vom 
Präsens  auch  auf  die  andern  Zeiten  (aufser  Perfect  und  Fu- 
tur) übertragen  worden ,  so  sind  die  Endungen  zur  Unterschei- 
dung der  Personen  immer  noch  hinreichend:  o,  as,  a,  en, 
a,  an  u.  s.  w.  In  der  1.  PI.  ist  bisweilen  ??«,  in  der  2.  v  bei- 
behalten (annar'em  Joh.  VI,  68,  non  volhäs  annar  Luc.  XXI,  8, 
sapiäs  öfterj;  ja  das  n  der  1.  findet  sich  einige  Mal  in  der  2. 
(vos  errän  Mc.  XII,  27,  vos  diren  Luc.  IV,  23);  ein  allerdings 
etwas  grobes  Zeichen  des  Volksdialekts.  Der  Vocal  der  3. 
Sg.,    der   in    der     1.     Conj.     beibehalten     wird,     bleibt    in    den 


Die  waldeusische  Bibel.  383 

andern  Conjugationeu  nur  nach  mehreren  Consonanteu  (wie  in 
umple  u.  dgl.,  doch  auch  rccehe  Mc.  IX ,  36  und  sonst).  Grö- 
fsere  Einbufse  hat  das  Perfect  erlitten,  wo  nach  Ausstofsung 
des  V  und  Abwerfung  des  t  die  Unterscheidung  der  1.  Sg.  von 
der  3.  Sg. ,  und  der  2.  Sg.  von  der  2.  PI.  nur  dadurch  hat 
gerettet  werden  können  dafs  das  i  am  Schlufse  bewahrt  (im 
zweiten  Falle  mit  Anticipation ,  wie  in  tuif)^  das  i  aber,  dem 
noch  ein  Consonant  folgt,  mit  demselben  abgeworfen  wurde: 
ey,  ies,  e^),  en,  es,  eron.  Doch  werden  die  Endungen  ies 
und  es  der  2.  Person  häufig  verwechselt.  In  der  Conjugation 
ist  die  Endung  der  2.  Sg.  is  (doch  findet  sich  inenties  A.  A. 
V,  4,  defalhies  Ap.  II,  3,  eagies  5),  die  der  1.  und  3.  t'c, 
aus  dem  lateinischen  it  (vgl.  lectras  u.  dgl.  oben),  das  sich 
selbst  noch  einige  Mal  findet  (luczit  Joh.  I,  5,  in  der  Gre- 
uobler  Handschi-ift  hiczic  ^  vgl.  unten  ubert ,  vent ,  ceint);  die 
3.  PI.  geht  auf  iron  aus,  wofür  sich,  dem  ic  entsprechend, 
nicht  selten  igron  findet  {cagigron  Mtth.  XIII,  7,  auvigron  17, 
perigron  XV,  24  Prol.  ad  Rom.,  vestigron  Mc.  XV,  20,  issi- 
gron  Hebr.  XI,  15,  cumpligron  A.  A.  XIV,  25).  Im  Futurum 
endlich  ist  die  durchgängige  Abschwächung  des  a  zu  e  be- 
merkenswerth :  areg ,  ares,  are,  aren,  are,  aren.  Das  üebiüge 
weicht  vom  Provenzalischen  nicht  ab,  aufser  soweit  die  allge- 
meinen Lautgesetze  es  fordern. 

Wenn  so  die  Persoualflexion  zwar  mangelhafter  als  im 
Provenzalischen  war,  aber  doch  im  Ganzen  noch  hinreichend, 
wenn  nur  die  betonten  Endsilben  nicht  übersehen  werden 
(deren  Bezeichnung  bei  einer  Ausgabe  des  Neuen  Testaments 
nicht  zu  versäumen  Aväre) ,  so  hat  ein  viel  gröfserer  Verlust 
die  Conjugationen  betroffen,  deren  Unterschiede  bereits  deut- 
lich ihrem  Verschwindeu  entgegengehen.  Nur  die  Infinitive 
nämlich  und  die  passiven  Participien  der  drei  Conjugationeu 
sind  noch  vollständig  getrennt;  in  den  übrigen  Modis  sind 
bereits  zwei  oder  schon  alle  drei  zu  Einer  Form  zusammen- 
geschmolzen. Da  eine  vollständige  Tabelle  der  Conjugationen 
folgt,  so  kann  ich  mich  der  Aufzählung  der  betreffenden  Ver- 
änderungen überheben;  der  Grund  derselben  ist  überall  die 
schon  oben  erörterte  Unbeständigkeit    der   Vocale.    namentlich 


')  Die  Endung  i'e  ist  nicht  anzunehmen,  da  die  Infinitive  der  da- 
für angeführten  Beispiele,  abweichend  vom  Provenzalischen,  aboiiJiar 
und  despreciar  lauten. 


384 


Grüzmacher 


des  «,  aber  auch  des  •<,  welche  vielfach,  wie  in  französischen 
Dialekten,  in  e  übergegangen  sind  und  dadurch  die  Conjuga- 
tionsunterschiede  verwischt  haben.  Umgekehrt  ist  im  Futurum 
durch  die  Steigerung  des  unbetonten  e,  besonders  vor  ?•,  zu  a, 
von  der  ebenfalls  oben  die  Rede  war,  in  vielen  Fällen  der 
Unterschied  zwischen  der  1.  und  2.,  durch  die  Ausstofsung 
des  t  der  dritten  Conjugation  nach  r  aber  in  andern  Fällen 
der  Unterschied  zwischen  der  2.  und  3.  Conjugation  aufge- 
hoben worden.  Ebenso  entsteht  dadurch  dafs  die  Endung  en 
der  3.  PI.  Präs.  2.  Conjugation  den  volleren  Laut  on  ange- 
nommen hat,  eine  Vermischung  mit  der  3.  und  mehr  derglei- 
chen, was  sich  aus  der  Tabelle  selbst  ergibt.  Eine  kleine 
Unterstützung  haben  zwar  die  alten  Conjugationsunterschiede 
durch  die  Inchoativform  der  3.  Conjugation  erfahren,  welche 
auch  possesir,  leglr,  roubir,  exaucir ,  luczir  u.  A.  ganz  oder 
theilweis,  eine  viel  gröfsere  Zahl  von  Verben  aber  später  an- 
genommen haben.  Für  die  feineren  Unterschiede  ist  aber,  wie 
bei  einem  ungebildeten  Volke  nicht  Wunder  nehmen  kann, 
wenig  Gefühl  vorhanden  gewesen;  ja  wenn  man  liest:  que  li 
oysel  del  cel  vegnan  e  liahitan  Mtth.  XIII,  32,  voles  que  nos 
annän  e  colhän  28,  non  entende  ni  vos  recorde  XVI,  9,  teisis 
e  amutis  Mc.  IV,  39,  und  Unzähliges  der  Art,  so  mufs  man 
sogar  sagen,  dafs  das  Bestreben  vorhanden  gewesen  ist  diese 
Unterschiede  auszugleichen,  was  ja  wohl  auch  der  naturge- 
mäfse  Gang  in  der  Entwickelung  aller  Sprachen  ist. 

Das  Schema  der  schAvachen  Conjugation  ist  nun  folgendes: 


II. 


III. 


Ind.  Präs. 


Couj. 


Ind.  Impf. 


gardo 

perdo 

parto  periso 

gardus 

perdes 

partes  perises 

gar  da 

pert 

pari  perls 

gar  den 

per  den 

p  arten 

gar  da 

per  de 

parte 

gardan 

perdon 

parton  perison 

gar  de 

per  da 

parta  perisa''! 

gar  des 

perdas 

partas  perisas 

garde 

per  da 

parta  perisa 

gard'en 

perdän 

p)artan  perisan 

garde 

per  da 

parta  perisa'^! 

gardon 

perdan 

partan  perisan 

gardavo 

perdio 

partio 

gardavas 

perdias 

partius? 

gardava 

per  diu 

partia 

gardavän 

perdian 

partiän  ? 

gardava 

perdiä 

partia 

gardavän  (on) 

perdian 

partian 

Die  waldensisohe  Bibel. 


385 


In<l.  Perf. 


Conj.  Prät. 


Fiit. 


Fiit.  impf. 


Imperat. 
Infin. 


(jardey 

fjardi'es 

garde 

(/arden 

gardes 

garderon 

gardes  {so) 

gardessas 

gardesi  (so  A  A. 

XI,  26) 
gurdesshn 
gardessä 
gardesf^fin 
gardareg 

(gardereg) 
gnrdaren 
gardare 
gardaren 
gardare 
gardaren 
gar  dar  in"^ 

{yarder.) 
gardarias 
gardaria 
gardariän? 
gardaria 
gardarian 
gar  da 
gar  da 
gardar 


perdey 

parlic 

perdies 

partis 

perde 

jjartic 

perden 

parthn 

perdes 

partes 

perderon 

partiron 

perdesso  ? 

parfesso  ? 

perdessasf 

partessas 

perdes 

partes 

perdessan  'i 

partessan? 

perdessä  ? 

parte  ssa 

perdessan 

partessan 

ptrdrey 

partirey 

(temarey) 

(morrey) 

perdres 

partires 

perdre 

partir'e 

perdr'en 

partir'en 

perdre 

partire 

perdre  n 

partiren 

perdrio? 

jHirtirio?  ') 

(temar.) 

(morr.) 

2)erdrias  ? 

partirias  ? 

perdria 

jtartiria 

perdrian  f 

partiriän  ? 

perdriä 

partirid  ? 

perdrian 

jKirtirian 

perl 

part ,     peris 

perde 

parte 

perdre 

partir 

{temer) 

perdent 

partent 

perdu,  na 

parti,  ia 

Partie,     gardant 
gardä 

Spuren  des  andern ,  vom  Perfect  abgeleiteten ,  Futuri  impf, 
sind  amera  Job.  XV,  19,  manieran ,  hegran  AA.  XXIII,  12, 
degrä  Hebr.  5,  12,  pogra  Job.  IX,  .33,  Mtth.  XXII,  9  (auch 
Job.  XI,  37  statt  poyra  zu  lesen,  wie  statt  heijran,  begron 
1.  Cor.  X,  4),  nebst  foro  und  agro  von  esser  und  avor, 
die  des   1.  Fut.  impf,   fast  vollständig  entbehren. 

Die  einzelnen  Abweichungen  sind  gröfstentheils  den  pro- 
ven^aliscben  entsprechend.  In  der  1.  Conjugation  ist  annar 
mit  vadere  gemischt:  Prs.  vauc,  vas,  vay,  annen,  annä,  van; 
Imper.  vay,  annä^  Impf,  annavo  u.  s.  w.  In  der  2.  schwan- 
ken einige  Verba  zwischen  -er  und  -re,  je  nachdem  das  vor- 
hergehende d  entweder  erweicht  oder  ausgefallen  ist:  creser 
und  creyre,  fieser  und  seyre.  Von  jenem  findet  sich  das  Fut. 
creirey  u.  s.  w.  (2.  PI.  cresere  Job.   V,  38),    Imper.   cre,  crese., 


•)  Die  Endung  ist  beim  starken  Verb  naebweisbar. 
Jahrl).  f.  roni.  u.   Piigl.  Lit.    IV.  4.  Oß 


386  Giiizmacher 

Part,  cresent,  cresu ,  Prs.  creo ,  eres  (^creses  Joh.  I,  50  nach 
der  Züriclicr  Ihindschrift),  cre,  cresen,  crese  (eres  Joh.  XIV, 
10,  11  wie  oben  voUias  und  saj^iä.^',  creon^  Conj.  crea,  creas, 
crea,  cre(f<)an,  cre(s)ä,  crean .,  2.  Impf.  cre(s)ias  u.  s.  f.,  Pf.  cre- 
sey ,  cresiea  u.  s.  w. ,  2.  PI.  Conj.  cresessä  u.  s.  w.  Von  seser 
oder  seyre:  Fut.  seirey  u.  s.  f. ,  Imper.  se,  ficfti',  Part,  -le.vent. 
3.  Präs.  See  oder  ap,  seon,  Conj.  ,o.  Sg.  fr'<7,  2.  PI.  .«f?.«"«?, 
3.  Impf.  se(s)ia^  sesiari ,  ?,.  Pf.  sesic  ^  PI.  seserov ,  3.  Conj.  ,sr.sr.<r. 
Verblieben  ist  in  dieser  Conjugation  sef/re  (sequi),  prov.  seguir. 
Das  Perfectum  auf  -/c,  wie  in  der  dritten  Conjugation,  begeg- 
net aulser  sesic  auch  in  temic,  3.  PI.  iemimv  {temigron  Mtlh. 
XVII,  G),  und  ieisiron;  ebenso  der  Iniinitiv  auf  -ir  in  taissir 
(und  taisshrn),  appreviir  (und  apprenüsson),  jyermanir  und  ?r- 
manir;  von  rr/Ä^r  oder  C(rr//r  ist  schon  oben  die  Rede  gewesen. 
Dazu  kommt  noch  von  Jiaisser  die  3.  Pf.  nasque,  Conj.  nas- 
qnes,  Part,  nä;  von  viore:  Pf.  visquey  (3.  rer.isque  Rom.  VII,  9), 
Conj.  visques.,  Part.  r/«e«,  und  von  rompi'e,  rescondre,  respondre 
die  Participien  ro^  (auch  ropf,  roct),  rescos  in  en  rescos  (clam), 
respost.  Die  starken  Participien  der  3.  Conj.  sind  dieselben 
wie  im  Provenzalischen;  statt  Intberc,  das  einmal  vorkommt, 
steht  dreimal  Imbert.     Die  Inehoativform  ist  schon  erörtert. 

Die    Hülfsverben,    welche   zur    Bildung  der    zusammenge 
setzten  Zeiten  dienen  ,   haben  folgende  Flexion. 
Esser: 

Präs.  soy ,  sies,  es,  sen,  se,  süju 

Conj.  sia,  Sias,  sia  u.  s.  w. 

Impf,   ero,  eras,  era  u.  s.  w. 

Perf.  fuy,  fossies,  fo,  fossen ,   foss'es ,   fornv. 

Conj.    Prät.    fos(so) ,    fossas,    fos(sa) ,    fossan  .  (fossessän 
Rom.  V,   6),  fossä,  fossan. 

Fut.  serey  u.  s.  w. 

Fut.  impf,  foro ,  foras,  forn  u.  s.  w.    (Vom  andern  kommen 
serias,  seria  und  seriän  vor.) 

Inf.  esser.     Part,  istä  (v.   istar)  oder  agü  ( ! )  ^) 
(HJaver: 

Präs.  (Ii)^y }  00'^^ i  (h)(f }  (h)aven,  (Ji)ave ,  fhjan. 

Conj.  (h)aya,   (h)ayas,  (h)aya  u.  s.  w. 


1)  Nämlich  mit  dem  Auxiliar  essen  l'ome  loqual  era  agu  cee  Joh. 
IX,  24;  si  tu  fossas  agh  aici  XI,  32;  alqual  algun  non  era  encara  agu 
pcnifta  XIX,  41   und  so  mizähhge  Mal. 


Die  waklensisclie  Bibel.  387 

Impf,   avio ,  avias,  ovia   u.  s.  w. 

Perf.  hac,   aguies,  Jiac,  aguen,   agues ,   agron. 

Conj.  Prät.  agues(so) ,  aguessas,  agues(sa)  u.  s.  w. 

Fut.   2.  PI.  aure. 

Fnt.  impf,  agro ,  agras ,  agra^  agrän,  agrä,  agran. 
Inf.    'h^aver.     Part,   (h)avent,  agü. 

Die  starke  Conjugation,  zu  welcher  diese  beiden  Verben 
schon  gehören ,  bildet  das  Perfectum  entweder  ohne  Conso- 
nanten,  oder  mit  .<?,  oder  mit  c.  Von  den  drei  provenzalischen 
Perfecten  der  1.  Klasse  sind  hier  fvy  und  fi  geblieben;  veser 
hat  sich  zur  3.  geschlagen;  es  müssen  aber  saup  und  ccmp 
mit  ihren  Compositen  hinzugerechnet  werden,  da  der  Bildungs- 
buchstabe dieser  Perfecta  das  von  dem  vorhergehenden  Vocal 
angezogene  u  ist.  Von  der  zweiten  Klasse  sind  einige  Verba 
mit  Ausnahme  des  Particips  zur  schwachen  Flexion  überge- 
gangen, nämlich  rescondre  und  respondre^  vielleicht  auch 
destrüire,  cegner  u.  a. ,  deren  Perfecta  zweifelhaft  sind;  temer 
schwankt.  Diejenigen  Verba,  welche  von  lateinischen  auf  -ngere 
stammen ,  behalten  ihr  n  nach  nordfranzösischer  Weise  auch 
im  Perfect  und  Particip:  ogner ,  oins  ^  oint  u.  s.  w. ,  was  sich 
•aus  dem  oben  über  den  Buchstaben  n  Gesagten  zur  Genüge 
erklärt.  Der  Conjunctiv  Präteriti  und  selbst  der  Indicativ  Pf. 
gehen  zuweilen  in  die  schwache  Conjugation  über:  man  findet 
ognies ,  ognesan;  cegnles;  destrues  ^  destruesan;  auciesan ;  que- 
ressan;  trametes,  faczes ,  ubres,  decorreron  und  sogar  remagne- 
sas,  remagnesan  ^  obwohl  das  Präsens  das  c,  welches  jenem 
g  zu  Grunde  liegt,  verloren  hat.  Auch  aus  der  Conjugation 
in  c,  zu  der  wir  der  Kürze  wegen  alle  Verba  rechnen,  deren 
Perfectum  auf  c  ausgeht,  sind  einige  verschwunden,  ca>ier  oder 
cagir  und  seser;  aber  hinzugekommen  ist  veser.  Nanientlicli 
in  dieser  letzteren  Conjugation  kommt  es  einige  Mal  vor,  dais 
sich  die  Personalllexion,  die  sonst  nichts  Eigenthümliches  bietet, 
auch  auf  den  Stammvocal  erstreckt,  indem  dieser  bei  fort- 
schreitendem Accent  sich  abschwächt:  vinc ,  vengules;  tinc, 
tenguies ;  vic,  veguie-s ;  ß ,  fecies;  conoc,  conegtiies  (vgl.  correr); 
ein  Gebrauch,  der  wegen  des  Wechsels  zwischen  /  und  e 
mehr  an  das  Französische  als  an  das  Italienische  erinnert.  — 
In  den  Infinitiven,  soweit  wir  sie  kennc'n,  verursacht  die  üb- 
liche Elision  der  Muten  oft  starke  Contrüction :  far,  dire,  an- 
dre.  devire ,  scrire ,  reimer;  eine  noch  gröl'serc  bisweilen  im 
Futurum  das   Fortschreiten   des  Acccnts:    placer  plaircy ,    veser 


^-{g^  Cri'itzma(^lier 

reircij,  pner  poirrij.  Auch  im  Perfect  und  den  abgeleiteten 
Zeiten  finden  sich  einzehio  Zusammenziehungen  als  Nebeu- 
formen  bei  fai-,  aucire,  penre ,  reimer.  In  der  3.  Sg.  Präs. 
und  dem  Imperativ  fällt  mit  dem  Vocal  auch  der  Consonant 
ab  in  di ,  pb ,  ve ,  scri ,  auc),  oder  weicht  einem  i  in  faij,  play. 
ja//,  trai/,  vay,  ley  (licet),  fuy  (fugit),  noy ,  ruy  (rugit).  Die 
2.  Sg.  Präs.  schwankt:  fos  faces^  dis  dices ^  sas  sahes.  eres 
creses,  res,  po.«;  die  1.  bewahrt  die  Endung  o  in  veno^  teno?^ 
ivano ,  reo ,  wirft  sie  aber  zu  Gunsten  des  vorhergehenden  e 
oder  i  ab  in  ^;o/// ,  say ,  ay,  der  Conjunctiv  bewahrt  beide.s: 
vol/ia,  oya,  veyna ,  tegna ,  maqiia,  am  reinsten  in  .^apia  und 
recejria,  decepia  und  vereinzelt  in  auvian  (audiant  Rom.  XI,  8) 
und  havla  (habeat  AA.  XXV,  16).  Denn  je  seltener  eine 
Form  gebraucht  wird,  desto  unversehrter  pflegt  sie  sich  zu 
erhalten. 

Die  im  Neuen  Testamente  vorkommenden  Formen  der 
starken  Verba  sind  nun  folgende. 

a)  Perf.   oline    Consoitant. 

Caher ^  recehre  concehre  decebre.  Präs.  receho  u.  s.  w.  Conj. 
recepia  decepia  u.  s.  w\  Impf.  3.  PI.  rec.ehian.  Perf.  receop  con- 
ceop,  receopi'es ,  receop^  receopen,  receopes ,  reeeopron.  Conj.  2. 
receopessas  u.  s.  w.,  3.  PI.  chaupessan  Mc.  II,  2.  Fut.  rece- 
brey  u.  s.  w.  Part,  recehent,  receopu  conceopu. 

Esser  s.  oben. 

Far.  Präs.  fauc  {perfac  Luc.  XIII,  32),  fas  (faces)^  fay, 
facen,  face,  fan.  Conj.  facza  u.  s.  w.  2.  Impf,  facias  u.  s.  w. 
Perf.  ,//  {fey  AA.  XXV,  11),  fecies  oder  feces,  fey,  fecen 
Cfac'ev),  fec'es  (faces),  feron.  Conj.  3.  feces  (/es),  fecessan  (fa- 
cesson ,  fessan).  Fut.  farey  u.  s.  w.  ß.  faire  Mtth.  XVIII,  35). 
Imper.  fay  (fac),face.    Part,   facent,  fait. 

Saher.  Präs.  say ,  sahes  {sas  Ap.  VII,  14),  sap ,  sa- 
hen u.  s.  w.  Conj.  sapia.  Impf,  sabio ,  sabias  u.  s.  w.  Pf  3.  saup^ 
saupron.  2.  Conj.  saupesas,  saiipi^s  u.  s.  w.  Fut.  sabrey  u.  s.  w. 
Part,  sabent,  saitpii. 

b)  Perf.   auf  s. 

Aucire  ( oder  oncire,  occire,  in  allen  Formen),  circoncir 
AA.  XXI,  21.  Präs.  2.  aucies ,  3.  auc),  aucion.  Conj.  au- 
cia  u.  s.  w.  Perf.  ccucis?,  aiicisies,  aticis,  aucisen,  aucises,  au- 
ciseron.  Conj.  3.  PI.  aucisesan  {aucissan  AA.  IX,  24,  aticiesan 
XXVII,  42).  Fut.  oucirey  u.  s.  w.  Part,  chicient ,  aucis  cir- 
cancis. 


Die  waldeiidische  Bibel.  389 

Cegner.  Imp.  cetiß.  2.  Pf.  cegni'es  Joh.  XXI,  18,  3.  ceint 
(nicht  ceiiit,  wie  im  Manuscripte  steht)  statt  celns  (s.  oben). 
Part,  ceiut.  Fut    3.  cegnare  u.  s.  w. 

Claure.  Präs.  2.  PI.  clauv'e.  Part,  clauvent.  Perf.  3.  PI. 
clauseron.    Part,   clan.s. 

Desträire.  Perf.  1.  und  3.  de-struis.  (Conj.  3.  destrue.s,  de- 
struesaii).  Part,  destrüit.  Fut.  destraireij  u.  s.  w. 

Z)/r«.  Präs.  die  (diczo^  dis),  dis  (dlces),  dt  (di,^)  ^  con- 
tradi,  dicen,  dice ^  dioii  (diczon).  Conj.  di^czja  u.  s.  w.  Impf. 
dicio,  dicias  u.  s.  w.  Imper.  cH,  dice.  Perf.  dis,  dissies ,  dis, 
dissenl ,  disses,  disseron.  Conj.  3.  diss'es,  dissessan.  Fut.  direg 
ibeneiciregj  u.  s.  w.  Part,  dicent  (heneicent)^  dit  dicta  oder  dita 
(beneAt\ 

Devire  (dividere).  Part,  devis  dici.s. 

(Ex.stinguere.)  Perf.  3.  PI.  estenseron  Rüni.  XI,  34.  Part. 
steint. 

Fivgere.)  Perf.  3.  enfeins.  Part,  enfeint. 

Fragner.  Perf.  3.  frains  (nicht  franis).  Part,  fraint  (nicht 
franit)  cov/raint. 

Metre.  Präs.  meto  u.  s.  w.  Perf.  trames,  »lesies,  ines^  ira- 
mesen^  meses,  meseron.  Conj.  3.  somes'es  Hebr.  II,  8  (trajnetes 
Mo.  III,  14).  Fut.  metreg  u.  s.  w.  Part.  Perf.  mes  comes 
trames. 

Ogner.  Perf.  2.  tinsi'es  AA.  IV,  2  {ogni'es  Luc.  VII,  46), 
3.  oins.  Conj.  3.  PI.  ognesan  (nicht  oguesan  Mc.  XVf,  1). 
Part.  Perf.  oint. 

Penre  (prehendere).  Präs.  iireno  u.  s.  w.  Perf.  pres,  pre- 
sies^  pres,  pres'en,  pres'es ,  preseron.  Conj.  3.  jtrcses,  presesan 
(jjressan  Mtth.  XXII,  1.'^).  Fut.  penng  u.  s.  w.  Part.  Perf.  pres 
empres. 

Permanre,  remanre  (penmaiir,  reiiKutir!.  fräs.  2>ei'>iiano  u.s.  w. 
Conj.  peninigna  u.  .s.  \v.  Pei'f.  permus ,  3.  pennas  reiiias,  per- 
ma(7ijsen,  'd.  perma[nseroH.  Conj.  (2.  remagnesas  1.  Tim.  I,  3). 
3.  permafnjses  (3.  PI.  remagnesan  Joh.  XIX,  di-,  permmiesa» 
AA.  XIII,  43).     3.  Fut.  permanre  u.  s.  w.    Part.  Perf.  pennas. 

Plaguer.  Impf.  3.  PI.  plagniaii.  Perf.  2.  PI.  p/aiises  j\ltth. 
XI,   17.    Fut.  phtgnareg  u.  s.  \v. 

ß'unere.)  Perf.  3.  compos.  Prol.  ad  Ilebr. 

Pungere.  Perf.  3.  PI.  ponserou  Ap.   I,   7. 

Querre ,  eiiquerre.  Präs.  quero  u.  s.  w.  Perf.  3.  (jnes  2.  Tim. 
1,   13,    qiiesen    (uiclit    que    s'cn    AA.   XVI,    10),    3.   (iiqueseruii 


390  Grützmacher 

1.  Petr.  I,  10.  (Conj.  3.  PI.  queressan.)  Fut.  qxierreij  u.  s.  w. 
Part.  Perf.  qnist    enquist  requist. 

(Rädere.)  Präs.  Conj.  3.  PI.  reian  AA.  XXI,  24. 

Reimer  (redimere).  Perf.  2.  rensies  Ap.  V,  0;  3.  rens 
Gal.  III,   13.  Conj,  3.  renses  Tit.  II,   14.   Part,  re'tment  (reimu 

1.  Petr.  I,   18). 

Scrire  {scripre  Phil.  III,  1).  Präs.  scri  v'o,  3.  scr),  scriren. 
Conj.  scriva.  Perf.  1.  und  3.  scri^pjs^  scrishi ,  scrip.ses,  scr'ip- 
seron.  Fut.  scrirey  u.  s.  w.  (ftcriprey  Hebr.  X,  16).  Part. 
Perf.   ficript. 

Secodre.  Part.   Perf.   Fem.  secosa  AA.  XIII,   51. 

(Solvere.)   Part.  Perf^   asoot  AA.  XVIII,   39. 

(Spargere.)  Perf.   3.   ftpars.  Part.  Perf.   spjars. 

(Stringere.)  Präs.  2.  costregnes,  costreng  u.  s.  w.  Conj. 
costregna.  Impf,  co.stregnio  ^  3.  PI.  stregnian.  Perf.  3.  streins 
costreins  (nicht  strenis  costrenis  AA.  XVI.  15,  24),  (3.  PI.  costre- 
xeron  Luc.  XXIV,  29.)  Part.  Perf.   streit  costreit. 

(Tangere.)  Präs.  3.  taug  (nicht  taug)   1.  Cor.   XI,    13. 

Temer.  Perf.  3.  PI.  temseron  oder  tenseron;  sonst  schwach. 

j  Tinguere.>  Präs.  3.  ^er?^.  Part,  ^«i/wf  (nicht  tenit)  Joh. 
XIII.  26. 

Traire.     Präs.   3.  '^öy,    detraion.      Conj.    2.    PI.    sostrayä 

2.  Thess.  III,  16.  Impf.  3.  sostrayä  (statt  sostraia,  mit  ver- 
rücktem Accent).  Perf.  1.  sostrais  AA.  XX,  20,  3.  PI.  trai- 
seron  XIX,  33.  Imp.  tray.  Fut.  trairey  u.  s.  w.  Part..  Pass.  (rait. 

(Volvere.'  Part.  Perf.  vout  voot. 
c)  P^r/.  fl«/  c. 

(Aparescere,  apparere).  Präs.  apareyso  u.  s.  w.  Perf.  1. 
und  3.   aparec,  3.  PI.   aparegroii. 

Aver  s.  oben. 

i>eore  (bibere).  Präs.  bevo,  beves,  beo  u.  s.  w.  Conj. 
beva  u.  s.  w.  Imp.  beo,  beve.  Perf.  3.  hec,  begron.  Fut.  be- 
orey  u.  s.  w.  F'ut.  impf.  II.   3.  PI.  begran. 

Caler.  Conj.  Prät.  3.  chelgxCes  (wie  statt  chelg'es  Joh. 
XII,  6  zu  schreiben  sein   dürfte.) 

Colre.  Perf.  3.  PI.  colgron  Rom.  I,   25. 

Conoyser.  Präs.  conoyso  u.  s.  w.  Perf.  conoc ,  coneguies 
[conog.] .,  conoc,  coneguen  [Conog.\  conegiCes  ^conog.  ,  conogron. 
Conj.  2.   coneguesas.  Fut.  conoyserey  u.  s.  w.  Part,   conegii. 

Correr.  Perf.  1.  und  3.  corroc,  3.  PI.  corrogron  (decorre- 
ron   Hebr.   IV,   6).   Conj.   corregues.  Part,   corregii. 


Di(j  waldoiibischo  Uibcl.  391 

Creiser,  acreiser.  Präs.  crei/s  acreij^  u.  s.  w.  Pf.  3.  crec, 
cre(jron.  Part.  Perf.  cregü  acregit. 

Derer  (AA.  XV,  38).  Präs.  devo^  deces,  deo  u.  s.  w. 
(Conj.  2.  PI.  deä  Rom.  XIII,  8,  dean.)  Perf.  1.  PI.  deguen. 
Fut.  impf.   2.  PI.  rfeorm    1.  Cor.  V,  10  und  degrä  Hebr.  V,  12. 

Jaczer.  Präs.  3.  jay.  Impf.  3.  jacia.  Part,  jacent.  Perf. 
2.  FL  jo gutes  Rom.  prol.  (  ;=  jauguies,  genauer  als  pr.  jac). 
Conj.  3.  jogues  AA.  XXVIII,  8. 

(Licere.)  Präs.  3.   leg,  hon  (1.  Cor.  VI,   11). 

ilifoüre,  scomovre.  Präs.  scumovo,  3.  scomoo.  Perf.  scomoc^ 
scomoguies,  moc  sconioc^  3.  PI.   mogron  scomogron.  Part,  wo^/i 

Noire.  Präs.  3.  «o?/,  2.  PI.  Mo//e,  noion.  Conj.  3.  no/w. 
Perf.  1.  und  3.  «oc.  Fut.  3.  «oi/-e.  Part.  Perf.  Jioiu  (s.  oben, 
oder  schwach?). 

Paiser.  Präs.  3-  ^jö?/^.  Conj.  3.  PI.  itaisan.  Perf.  1.  PI. 
'paguen.  Conj.  3.  pagues. 

Placer.  Präs.  -placzo,  3-  j^^^Ui  plac^on.  Conj.  3.  placza. 
Perf.  1.  und  3.  j?^ac,  3.  PI.  plagron.  Conj.  1.  und  3.  plagues. 
Fut.  3.  plagre.  Part.  Pass.  plagü. 

(Pluere.)  Präs.  pZoi/.  Conj.  plova.  Perf.  j^^oc.  Conj.  j>Zo- 
guessa. 

Poer.  Präs.  poi«  {l)og^ ,  2'^os^  })b,  poen^  V^^  i  P^''^  {poyon 
Hebr.  IX,  9).  Conj.  poisa  u,  s.  w.  Impf.  3.  poia  u.  s.  w.  Perf. 
I.  und  3.  poc  ^  poguen,  j)egues,  pogron.  Conj.  1.  u.  3.  pogties, 
poguessän,  ^.  poguessan.  Fut.  impf.  3.  por/?-a.  ¥ui.  poirey  ü.s.w. 
(poeren  Mtth.  XVI,  18). 

Tenir.  Präs.  sosteno  (2.  Tim.  II,  10),  tenes^  teil  u.  s.  w. 
Conj.  3.  tegria,  te(g}nän,  steg'nä  (abstineatis),  stegnan.  Impf.  3. 
sostenia.  Perf.  tinc  (2.  Tim.  III,  11),  sostenguies  (Ap.  II,  3), 
tenc  (teni)  sostenc,  sostenguen,  iengueft  (ftostenguies  Hebr.  X,  32), 
tengron  sostengron.  Conj.  3.  tcngnes.,  tenguesav.  Fut.  teiireg  u. s.w. 
Fut.  impf.   1.  sostenria.  Part,  iengü  sostengu. 

Tolre.  Präs.  3.  toi.  Conj.  Prät.  3.  tolgues.  V\it.toireg  u.  s.  \v. 
Part.  Perf.  tolgii. 

Venir.  Präs.  veno  u.  s.  w.  Conj.  vegna  u.  s.  w.  Perf.  vinc 
oder  venc,  vcvguieSy  vinc  oder  vevc  devend,  vengaen.,  revgues., 
vengron.  Conj.  vevgues-,  venguessas  u.  s.  \\.  Fut.  veinry  u.  s.  w. 
Part.   Perf.  vengh. 

Veser.  Pias,  reo  [Vey\  ves,  re,  rcsr»,  rte ,  ccon.  Conj. 
re(i)('  u.  s.w.  Impf.  3.  ceia  u.  s.  w.   l'art.  rcscvt    Inip.  (mit  Pron.) 


392  Grüzmacher 

vete^  revos.  Perf.  r/c,  veyuies,  vic  oder  vec .  veguen^  vegues, 
vhjron  oder  vegroti.  Conj.  reguhs  u.  s.  w.  Fat.  veirey  u.  s.  w. 
Part.  Perf.  vist. 

Voler.  Präs.  rolh.,  voles ,  vol  u.  s.  w.  Conj.  rolfia.  linpf. 
foZiy,  voUas  u.  s.  w.  Perf.  volc,  volguies,  rolc,  volguen  ^  vol- 
gues^  volgron.  Conj.  3.  volgues(sa'.  Fut.  rolrey  u.  s.  w.  Fut. 
impf,   colrio  n.   s.  w.   Part.  Perf.  volgu. 

Auch  c^c  Wortbildung  bietet  einige  eigenthümliche  Züge, 
Was  zunächst  die  Ableitung  betrifft,  so  werden  weibliche  Sub- 
stantiva  durch  Anfügung  eines  a  an  den  Verbalstamm  in  ge- 
ringerer Anzahl,  häufiger  aus  dem  Plural  von  Neutren  ge- 
wonnen: pensa^  nsa,  torca  (res  torta,  en  torcas  de  cavelh 
1.  Tiiu.  II,  9,  pr.  torcha) ;  cauczamenta^  restimenta,  iwlatUhas, 
similacrn^  scripta.,  do7m,  laria,  vela  (aber  männlich  semeiicz 
und  respost) ;  weibliche  Abstracta  aus  Adjectiven  durch  -^o, 
-ecza.,  -uro,  aus  Verben  durch  -ancza  (-encza  und  -adura,  wie 
convenihk'tä ,  qiieytivetä,  noveletä,  simpletä^  peironeta;  matecza 
(stultitia),  solecza ,  sobeyranecza  (altitudo);  tortura  (injuria), 
fortura  (de  vent  Mc.  IV,  .37,  nicht  fortuna);  parloncza ,  nome- 
naticza  ,  recordcmcza,  dementigancza ,  amonestancza ,  castigancza, 
recoint ancza,  speitancza,  abastancza,  2'^^<^~<^^*^"'^^~^-  (partici- 
patio;  so  auch,  wo  perczojteianeza  geschrieben  ist),  mescre- 
sencza,  requerencza ,  departencza,  longavesencza  u.  a.;  mescla- 
dura ,  ßcadnra ,  scarczadura  ,  faczadwa;  mit  andern  Endungen 
enfantilliania  (infantia)  Mc.  IX,  20,  placentaria  (adulatio) 
1.  Thess.  II,  .5,  dereirta  (en  la  d.,  in  reliquo)  2.  Tim.  IV,  8, 
mavjaria  (crapula)  Rom.  XIII,  13.  Die  meisten  Abstracta 
aber  werden  von  Verben  durch  das  Suffix  -ment  gebildet,  wo- 
bei die  Steigerung  des  e  der  2.  Conjugation  zu  a  zu  bemer- 
ken ist:  comenczomeiit ,  irament ,  calament,  moratnent ,  stregna- 
ment,  vesamenti  premament ,  encreisament ,  delsendament ,  contra- 
diczament ,  destruiment ,  auviment ,  dormiment,  apremiment,  sta- 
busiment  und  viele  andere.  Concreta  männlichen  sowohl  als 
weiblichen  Geschlechts  entstehen  aus  Substantiven  durch  die 
Diminutivendungen  -et,  -eta,  -da:  fayxet  (fascis),  ßlholet,  lei- 
tet (lectulus),  asenet  (auch  alcantet  aliquantulum  Hebr.  X,  37); 
naveta ,  caseta,  mes'oneta,  faisela  (fax);  die  Endung  )nus  lin- 
det  sich  in  polhen  (pullus  Mtth.  XXI,  2  und  sonst),  iceus  in 
■savicza  (sepes  ib.  33  und  sonst).  Zur  Bezeichnung  handeln- 
der Personen  dient  die  Endung  -ador ,  in  der  sich  lat.  -tor 
und   -turus  gemischt   haben:    calomellador  (non   ralomella   cala- 


Die  waldcnsitjche  Bibt-l.  393 

uius  iMtth.  IX,  23),  departador  (divisor),  renemilhador  (imita- 
tor  1.  Cor.  IV,  16),  aucisador ,  acreysador^  reymador  (v.  rey- 
nier,  redemptor,  nicht  reyniador  AA.  VII,  35)  und  die  meisten 
andern  sind  natürlich  Substantiva,  .siä  recordador  de  (memores 
este  Luc.  XVII,  32)  vielleicht  auch  noch;  aber  vos  ser'e  auvi- 
dor  batalhas  (audituri  estis  Mtth.  XXIV,  6),  suffradors  tribu- 
lacions  (passuri  1.  Thess.  III,  4),  avenador  (futurus  Mc.  X,  30, 
Luc.  XVIII,  30)  sind  deutliche  Participien  Futuri,  welche 
sunst  mit  esser  a,  wie  passivisch  mit  exaer  de  umschrieben 
werden.  Das  Femininum  von  -ador  ist  -eiricz  (atrix),  wie  /;e- 
cheiricz^  coutiveiric: ,  (imoneaielric: ,  perfecelricz.  An  Nominal- 
stämme fügt  sich  zu  ähnlichem  Zwecke  -ier:  nauloiüei\  por- 
tonier  ^  fiomecidier,  golencier  (rubus,  v.  caulis  colis  s.  Diez 
Gr.  I,  S.  158;  Mc.  XII;  26  und  sonst);  perczonier  (particeps, 
V.  portio,  Rom.  XV,  27;  1.  Cor.  IX,  12),  megencier  (medius, 
mediator,  v.  medians,  Joh.  VII,  14  und  sonst),  viacier  (vivax 
Rom.  II,  15);  ebenso  -an:  maritiman .,  proyniian,  foran  (exter- 
nus  Mtth.  XXII,  13),  logiiaii ,  uncian;  ebenso  -evc,  das  bei 
Substantiven  die  Nationalität,  bei  Adjectiven  den  Stoff  be- 
zeichnet: Jsraelitienc ,  Sadomienc  e  Gamorienc^  Ciriidejic  u.  s.  w.', 
awienc ,  argentienc ,  j^'^^P^^^^'^^  (purpureus),  p)eirievc  (lapideus), 
ordienc  (hoxdaceus),  .spinienc  (ex  Spina  factus),  tericnc  (tictilis), 
foguienc  (igneus),  reirienc  (vitreus),  sogar  diablenc  (Jac.  III,  15). 
Sonst  ist  bei  Ableitung  der  Adjectiva  von  Substantiven  die 
Endung  -05,  wie  im  Provenzalischen,  bei  Ableitung  von  Ver- 
ben aber  -ivol  (-ibilis)  üblich,  das  sich  in  cnsegnivol^  perdo- 
idcol ,  recebirol,  rcprendivol^  cojivevivol,  perfeitivol,  abundlvol- 
ment  (barona-olmcnit'  und  vielen  andern,  weit  häutiger  aber, 
wie  bereits  auseinandergesetzt,  in  der  spätem  Sprache  findet. 
Zur  Derivation  von  Verben  endlich  wird  fast  ausschliefslich 
-icare  gebraucht,  welches  am  deutlichsten  in  nutrigar  vorliegt, 
meist  aber  nach  Ausstofsung  des  c ,  wie  in  abundiar,  zur  Auf- 
hebung des  Hiatus  ein  /  eingeschoben  hat,  das  später  in  den 
Palatallaut  übergeht  (s.  oben).  Der  Art  sind  fameiar ,  seteiar, 
febreJar  ^  ■scandaleiar,  bopteiar ,  jirup/ieteiar ,  citareiur^  caitiveior 
(captivare),  cavalareiar  (militare),  perczoneiar  (participare), 
fZüpeiar  (claudicare),  gd.staudciar  Cgastaldum  esse),  tresorii(ii\ 
segnoriUtr ^  cicioriiar  und  zahlreiche  andere.  Von  andern  Ab- 
leitungen habe  ich  keine  Beispiele  gefunden  als  reviavolar 
(revivisccrt-  Luc.  XV,  24)  und  d"ruii//uir  (obdormiscere  Mtth. 
XXV,  5). 


394  (irützinai'lii'i- 

Zusammensetzung  geschieht  überhaupt  nur  durch  Partikehi. 
Bei  Nominen  ist  an  die  Stolle  des  lat.  in-  durchgängig  iwn 
getreten:  la  non  sapiencza  (insipientia),  non  jmticia,  non  nmn- 
dicia,  non  cresencza,  non  savi.^  las  non  vesihlas  cosas  u.  dgl. 
Zur  Zusammensetzung  von  Vorben  dienen  seltener  Präposi- 
tionen, als  Adverbia:  sehr  häufig  sind  Bildungen  wie  fora 
menar ,  dinire  portar ,  reire  oppellar ,  contra  oHer  contre  correr^ 
cerque  oder  encerque  istar^  sotintrar  ( sot  ser/it,  subsecutus), 
sobre  paiisar^  sus  regardar,  outra  menar,  ensemp  afegurar  u.  dgl., 
wovon  dann  wieder  Substantiva  abgeleitet  werden  wie  devant 
appareUiament  (Eph.  VI,  15),  devant  finiment  (pracfinitio  II,  21), 
entrelaisament  (Rom.  I,  10),  sotmeiament  (Gal.  init. ),  ensemp 
obrler  e  ensemp  cavaUer  (Phil.  II,  25).  Neue  Zusammen- 
setzungen mit  lateinischen  Präpositionen  sind  nur  s''emhrivar 
(prov.  abrivar,  von  brio,  s.  oben),  eiigrandecir ,  s''encesprecir, 
recointar  (prov.  accointar,  s.  oben),  s'acoitar  (festinare,  Luc. 
VIII,  1,  XIX,  3,  prov.  coitar),  agravar,  abeorar  und  viel- 
leicht noch  einige  andere  mit  ad.  Dagegen  ist  die  Anwen- 
dung der  Präpositionen  zur  Zusammensetzung  von  Adverbien 
so  gewöhnlich,  dafs  einfache  Adverbien  überhaupt  nur  sehr 
wenige  vorkommen.  Die  vorhandenen  Präpositionen  sind: 
de ,  <7 ,  en  (dies  fast  durch  a  verdrängt) ,  cum  (au ,  das  später 
an  dessen  Stelle  getreten  ist,  nur  2.  Cor.  XI,  3  und  Ap. 
II,  16;  0  Rom.  XII,  21),  par  oder  per  (per),  per  (pro,  auch 
in  Zusammensetzungen  perpansar,  proponere  u.  dgl.),  entre, 
sobi-e ,  josta,  sencza,  segont,  contre,  outra;  sot,  devant,  apres, 
fora,  stier;  encontra,  encerque,  enapres,  pres  a,  entro  a.  Von 
Ortsadverbien  weist  das  Neue  Testament  auf:  sus,  de  sus,  de 
sot,  de  sobre,  de  josta,  en  sus,  en  sobre,  de  dincz ,  de  fora-, 
de  contra,  ensemp;  ayci ,  aqui  oder  efjlay,  dayci,  daqui,  czay, 
Iciy  (Imc,  illuc),  de  czay,  de  lay ,  out,  dont.  Von  Zeitadver- 
bien: quant,  cora,  deyci  enant ,  daqui  enant ,  depois ,  entre 
tanto,  entro  cora,  donca,  adonca,  ara  (nunc),  encara  (adhuc), 
ja,  jaczay  (jam  olini  2.  Petr.  II,  3),  encoy ,  unca  oder  unquam, 
a  la  via  (aliquando),  tota  via  (semper),  en  aquella  via  (tunc),  per 
una  via  (semel).  Die  übrigen  Orts-  und  Zeitadverbien  werden  mit 
luoc  und  temp  umschrieben,  wie  die  Pronomina  mit  cosa.  Zur  Be- 
jahung und  Verneinung,  wie  zur  Vergleichung  dienen:  s),  non, 
acerta,  enaysi,  cnayma  (sie,  quoiuodo,  quasi,  aus  dem  Superlativ 
des  vorhergehenden  s.  oben ;  oder  aus  dem  pr.  en  aysi  conia  ?  ), 
neis,  tant  solament ,  si  mni  que  non  (saltem  \A.  V,  15  und  sonst). 


Die  waldensischc  Bibel.  395 

Dazu  kommen  noch  präpositionale  Casusadveibien  wie  de  ma- 
tin,  de  parti  {de  part'^  Joh.  XX,  7),  de  lon(j  (procul),  de  gra 
(i.  e.  gratis),  derecb  (rursus  pr.  de  rescap),  a  pari,  al  postot 
{a  mit  dem  Superlativ  von  tut  ^  totus,  omnino ,  non  al  pjostot 
minime),  en  aviron,  en  dereire,  en  rescos  (clam),  en  pales  (pa- 
lam),  en  calament  (nicht  encalament,  wie  gewöhnlich  geschrie- 
ben steht,  silentio),  en  eterna,  per  aventura  und  viele  andere. 
Die  üblichen  Conjanctionen  endlich  sind :  e,  o,  ni  (nee),  mas, 
donca,  emperczo;  car  (quia,  quod,  ut) ,  que  besonders  in  Zu- 
sammensetzungen wie  devant  que,  premlerawent  que,  p)ois  que, 
dementre  que,  entro  que,  o  sia  que  —  o  sia  que  u.  a. ,  so- 
dann si  nebst  si  von  und  si  non  que  und  cu7n  (quum). 

Syntaktische  Eigenthümlichkeiten ,  von  denen  schon  in 
der  spätem  Sprache  wenig  zu  bemerken  war,  werden  hier 
um  so  weniger  anzuführen  sein ,  als  wir  nicht  aus  Original- 
schriften sondern  aus  einer  Üebersetzung  schöpfen,  und  zwar 
aus  einer,  bei  der  ein  möglichst  enger  Anschlufs  an  den  Text 
geboten  war.  In  der  That  ist  was  in  syntaktischer  Beziehung 
am  auffallendsten  hervortritt ,  die  Beibehaltung  lateinischer 
Wendungen,  welche  sonst  in  den  romanischen  Sprachen  meist 
aufgegeben  worden  sind.  Dahin  gehört  die  Auslassung  des 
unbestimmten  Artikels  (vic  home  cec  Joh.  IX,  2;  appel- 
lant  petit  Mtth.  XVIII,  2;  el  a  socz  sperit  Mc.  III,  31),  aufser 
vor  dem  Pronomen  {un  aytal ,  un  chascunj ,  oder  im  Sinne 
von  quidam;  der  Genitiv  nach  dem  Comparativ  als  Ersatz  für 
den  lateinischen  Ablativ  {maior  obras  daquestas,  plusor  de  li 
prumier  u.  dgl.);  das  absolute  Personalpronomen  beim  Verbum, 
so  dafs  das  conjunctive  fast  nur  in  reflexivem  Sinne  gebraucht 
wird  (Jtoqual  trames  mi,  qucmt  veguen  nos  tu  famelant  e  non 
paguen  tu,  quel  üores  lug  a  lor  u,  s.  w.);  der  Accusativ  mit 
dem  Infinitiv  in  Fällen  wo  ihn  keine  andere  romanische 
Sprache  setzen  Avürde  (ilh  auviron  lug  haver  fait  aquesta  en- 
segna  Joh.  XII,  18;  plus  legieret  cosa  es  lo  camel  trapassar 
Mtth.  XIX,  24;  pejisavan  sl  reser  sperit  Luc.  XXIV,  37  und 
so  fast  überall  wo  er  im  Lateinischen  steht);  das  absolute 
Particip  ebenfalls  fast  in  allen  lateinischen  Fällen  {ensemp 
ajostä  tiüt  li  princi  demandava  Mtth.  II,  4,  apellä  ä  savi 
en  rescos  empres  de  lor  7,  hubert  li  lor  tresor  presenteron  a 
luy  11,  receopii  respost  retorneron  lor  issi  vecos  presenteron 
a  lui  IX,  32  u.  s.  w.);  der  Conjunctiv  nach  cum  {cum  el  agues- 
sa  fait  Jlagels  Joh.  II,  1,^);  cum  el  Jos  en  Jerusalem  23;  cum 
el  aya  appclUi   Koni.  prol.  und   so   iinnin);   der  ('(nijiuu-liv    nach 


39Ö  Grüzmacher 

qiie  {comence  a  predicar  la  parolla  enaijma  quel  non  pogues 
intrar  en  la  citä,  ita  ut  Mc.  I,  45,  quäl  pechä  [a]  aquest 
(pCel  nasques  cec ,  ut  nasceretur  Joh.  IX,  2;  devientre  que 
ellas  aimessan  Vespos  veno  Mtth.  XXV,  JO  u.  s.  w.),  und  eine 
Menge  anderei-  Latinismen,  wie  tuit  avian  Joan  enaymi  pro- 
pheta  habebant  J.  sicut  pr.  Mtth.  XXI,  26 ;  cerconde  a  ley  sa- 
vicza  sepera  circumdedit  ei  3o,  alcun.  ß  an-sä  ausus  fuit 
XXII,  46,  portar  non  dec/nament  (nicht  deguamant)  indigne 
ferre  Mc.  X,  14;  XIV,  4;  nias  el  pres  sänne  lug  apprehensuni 
sanavit   Luc.    XIV,    4;    l(i   parolla   del    Segnor  fo  faita  sobre 

Johan Poncz   Filath  j^i'ocvraiü  Juden  ^  mus  Ilerode  quart 

princi  de  Galilea,  procurante  etc.  Luc.  III,  1;  en  cant  el  co- 
mandava  a  Ivr,  en?j  tant  majorment  plus  predicavan  quanto  eis 
praecipiebat,  tanto  magis  plus  predicabant  Mc.  VII,  37,  remanir 
Athenas  Athenis  1.  Thess.  III,  1,  siän  visti  las  urmaduras  de  la 
lucz  induamur  arma  lucis  Rom.  XIII,  12;  ensemp  pogro7i  de  Cen- 
fermetä  convaluerunt  1  Ilebr.  XI,  34  u.  dgl.;  in  solcher  Fülle, 
dafs,  wollte  man  Alles  aufzählen,  fast  das  ganze  Neue  Testament 
abzuschreiben  sein  würde.  Bei  einer  so  sclavischen  Uebersetzung 
kann  von  einer  freien  Entwickelung  des  Satzbaues  natürlich 
keine  Rede  sein.  Zu  erwähnen  wäre  in  dieser  Beziehung, 
aufser  dem  was  schon  gelegentlich  bemerkt  ist,  nur  noch  die 
Vertretung  eines  fehlenden  Subjects  durch  /o,  /o,  wie  im 
Deutschen  durch  „es"'  (/o  es  lo  Segnor^  lo  es  diu,  la  covenla 
aquestas  cosas  esser  faitas,  la  non  es  hon  penre  lo  pan  de  li 
füll  u.  s.  w.) ,  so  dafs  lo  sich  meist  auf  ein  folgendes  Substan- 
tivuni, auf  das  Verbum  aber  la  bezieht,  was  daher  aus  illä 
im  Sinne  von  ibi,  pr.  i,  entstanden  zu  sein  scheint.  Ferner 
der  transitive  Gebrauch  von  egrar  (odisse) ,  retornar  (reducere), 
ploure  Rom.  prol. ,  envanecir  1.  Cor.  XIII,  11,  der  intransi- 
tive von  levar  (surgere)  und  rexucitar  (resurgere),  plombar 
(mergi)  Luc.  V,  7;  sobre  versar  (redundare)  VI,  38;  alegrar 
XIX,  6;  circundar  (circuire,  mit  dem  es  sich  mischt),  u.  a. 
hin  und  wieder.  Statt  des  verneinten  Imperativs  im  Singular 
findet  sich  nach  italienischer  und  auch  provenzalischer  Weise  der 
Infinitiv  in  7ion  te  meravilhar  Joh.  III,  7 ;  non  nos  menar  en  tenta- 
cion  Mtth.  VI,  13;  non  las  requerre  Luc.  VI,  30  und  sonst,  doch 
seltener  als  der  Imperativ.  Manche  Redensarten,  welche  von  dem 
Gemein-Provenzalischen  abweichen,  sind  theils  nicht  durchgängig 
beobachtet,  iheils  sind  sie  als  blofse  Fehler  der  Volkssprache  zu 
betrachten,  so  dafs  wir  hier  von  ihrer  Aufzählung  absehen  können. 


Die   waldensisehe  Bibel.  ,'}97 

Fassen  wir  nun  die  ganze  Besonderheit  unsers  Dialekts, 
Avie  sie  im  Vorstehenden  dargelegt  worden  ist,  in  Ein  Bild 
zusammen,  so  werden  wir  einen  Augenblick  im  Zweifel  sein 
können,  ob  das  was  vom  Gemein -Provenzalischen  abweicht, 
mehr  auf  Nordfrankreich  hinweist  oder  sich  mehr  den  italieni- 
schen Mundarten  zuneigt.  Bei  näherer  Betrachtung  wird  sich 
indefs  dieser  Zweifel  vollständig  lösen.  Mehr  französisch  als 
italienisch  waren  nämlich  hauptsächlich  die  Vocalverhältnisse, 
namentlich  die  gewöhnliche  Abschwächung  des  a  in  e,  das 
Ueberwiegen  der  Diphthonge  ei  und  o/,  die  Verdumpfung  des 
au  und  o  zu  ou;  ferner  die  Einfachheit  und  häufige  Elision 
der  Consonanten,  die  nicht  seltene  Anwendung  des  cÄ ,  die 
Entstehung  des  .;'  aus  blofsem  i,  des  it  aus  et;  endlich  beim 
starken  Verbum  gewisse  Vocalwechsel  und  ns  ^  rii  statt  pr.  5,  t. 
Mehr  italienisch  als  französisch  war  in  den  Lautverhältnissen 
nichts  weiter  als  ebenfalls  gewisse  Vereinfachungen  der  Con- 
sonanz,  die  häufigeren  vocalischen  Ausgänge  besonders  der 
Feminina  (auch  tortora^  passera,  wie  im  Italienischen),  und 
die  Zulassung  des  «  impurum  im  Anlaut;  aufserdem  aber 
die  Umschreibung  durch  rosa,  die  Adjectivendung  -irol,  das 
Diminutivum  alcaiitct,  und  lo  und  la  bei  unpersönlichen  Ver- 
ben (ein  piemontesischer  Gebrauch).  Dazu  kommt  ferner 
eine  grofse  Anzahl  nicht  provenzalischer  Worte,  die  das  Wal- 
densisclie  nicht  mit  dem  Französisclien,  wohl  aber  mit  Italie- 
nischen gemein  hat:  czop,  socz  und  soczar,  istar  und  tstage  {nie 
est.),  scampar,  scalqneiar ,  soperchar,  via  st.  vecz^  facia ,  Dio, 
sencza,  encreyser  (taedere)  nebst  encreisit^ol  und  encreisament,  em- 
pprczo  que  und  ja  ,sia  czo  que^  scarczar  (it.  squarciare),  gilh  (giglio 
pr.  lili)  und  jolh  (gioglio  pr,  juelh),  deme)itii/ar  (dimenticarsi),  cii- 
hilar  (pr.  cobeitar),  .vf^rcor«  Luc.  XIII,  8;  Vestraqueta  (vgl.  it. 
straccare,  fatigare)  1.  Thess.  II,  9,  vexcncla  (vicenda)  I.Tini.  V,  4; 
naudar  (saldare)  AA.  III,  7;  -lerroJcza  (cerevogia)  Luc.  I,  15; 
])ii))a  (mannna,  piemont.  ebenso,  wohl  nicht  von  pupa,  puella, 
sondern  von  pulpa,  caro,  abzuleiten)  und  piij)ar  XI,  27;  fmra 
(pr.  bera)  VII,  14;  rauiola  (tinea,  piemont.  ebenso)  Jac.  V,  2, 
Mtth.  VI.  19;  encloNtre  (inchiostro)  2.  Joh.  12  oder  enrostre 
'S.,  1,3  (wie  venetianisch)  u.a.,  deren  Menge,  wie  die  spätem 
Schriften  zeigen,  noch  in  stetem  Wachsen  begi'iffen  ist,  wäli- 
rend  sich  von  französischer  Seite  derselben  nichts  gegen- 
überstellen läfst,  als  etwa  spanchar  (epancher),  chamba  (jambe, 
pr.  gamba),    marci    (merci,    pr.    merce),    nautovier    und    ciliar 


398  Giü/.macher. 

(enter,  insororo)  Rom.  XI,  17-  Wenn  wir  nun  das  \v<is  un- 
sorm  Dialekte  mit  jeder  von  Ijeiden  Sprachen  gemeinsam  ist 
mit  einander  vergleichen ,  so  fällt  in  die  Augen ,  dal's  Alles 
w^as  auf  Noi-dfrankreich  hinweist,  die  Laute  selbst,  die  Grund- 
lage der  Sprache,  betriff't,  was  an.  das  Italienische  erinnert, 
sich  auf  einzelne  Formen,  Wendungen  und  Wörter  bezieht. 
Die  gröfsere  Anzahl  und  weniger  veränderte  Gestalt,  in  der 
diese  letzteren  in  den  spätem  Schriften  vorliegen,  hat  mir  schon 
in  meinem  frühern  Aufsatze  das  Ilesultat  ergeben,  das  aus 
dem  Neuen  Testament  schwerer  zu  gewinnen  sein  würde,  dafs 
dieses  italienische  Element  piemontesisch  ist,  und  dafs  aufser 
Formen  und  Wörtern  auch  sogar  die  den  Piemontesen  als 
Bergvolk  eigenthümliche  harte  und  kurze  Aussprache  auf  das 
Waldensische  übergegangen  ist,  worauf  ich  mich  hier  zu  ver- 
weisen begnügen  mufs.  Andrerseits  aber  geht  aus  den  halb 
französischen  Lautverhältnissen  unwidersprechlich  hervor,  dafs 
die  Heimat  der  Sprache  ein  an  Nordfrankreich  grenzender 
Theil  der  Provence  sein  mufs,  und  zwar  ein  in  der  Gegend 
der  Dauphinee  und  Burgunds  gelegener,  an  deren  Laute  wir 
den  gröfsten  Anklang  gefunden  haben;  diese  bereits  fertige, 
halb  provenzalische ,  halb  nordfranzösische  Sprache  mufs  dann 
erst  italienischem,  und  zwar  piemontesischem  Einflüsse  ausge- 
setzt worden  sein ,  welcher  allmählich  immer  mehr  auf  sie  ein- 
gewirkt und  ihr  zuletzt  sogar  den  Stempel  der  eignen  Natur- 
verhältnisse aufgedrückt  hat.  Kein  Theil  der  Provence  hat 
aber  diese  sowohl  dem  Norden  benachbarte,  als  nach  Piemont 
offene  Lage,  als  Lyonnais,  das  wir  daher  mit  Zuversicht  als 
die  Heimat  der  waldensischen  Sprache  werden  betrachten  dür- 
fen. Herzog  sagt,  wo  er  von  der  Herkunft  der  Sprache 
redet,  ohne  weiteren  Beweis,  an  Lyon  und  Umgegend  sei 
nicht  zu  denken;  für  uns  steht  im  Gegentheil  die  Thatsache 
der  lyonesischen  Herkunft  schon  aus  sprachlichen  Gründen 
so  unzweifelhaft  fest,  dafs  wir  kaum  der  Bestätigungen  bedür- 
fen, die  in  den  Umständen  liegen,  dafs  Waldus  ein  Kaufmann 
in  Lyon  gewesen  sein  und  auch  dort  seine  Uebersetzung  an- 
gefertigt haben  soll,  dafs  die  Waldenser  selbst  sich  i^au- 
2^eres  da  Luyduno  genannt  und  aus  Lyon  vertrieben  in  die 
piemontesischeo  Thäler  gekommeu  sein  wollen.  Die  walden- 
sische Sprache  ist  der  Dialekt  von  Lyon,  wie  er  zur  Zeit  des 
Waldus,  also  gegen  Ende  des  12.  Jahrhunderts,  geredet  wor- 
den ist,   umgestaltet    durch    piemontesischen    Einflufs ,     welcher 


Die  waldensisclic  Bil)el.  399 

das  ursprüngliche  Element  im  Laufe  der  Zeit  immer  mehr 
überwuchert,  aber  selbst  bis  heute  noch  nicht  so  vollständig 
unterdrückt  hat,  dafs  sich  nicht  noch  in  einzelnen  Zügen  (wie 
z.  B.  dem  Futurum  auf  -ei)  der  ausländische  Ursprung  vcrriethe. 
Auch  über  die  Zeit,  in  welche  unser  Dialekt  zu  setzen 
sein  möchte,  wird  uns  dieser  selbst  nicht  ohne  allen  Aufschlufs 
lassen,  und  hier  sind  es  besonders  die  Flexionen  und  die 
Wortbildung,  welche  uns  darauf  einen  ziemlich  sichern  Schlufs 
erlauben.  Wenn  wir  diese  abgestumpften  Formen,  den  Ver- 
lust der  Casus,  die  Beschränkung  auf  zwei  Declinationen,  den 
nur  noch  in  geringem  Grade  festgehaltenen  Conjugationsunter- 
schied,  die  Vermischung  und  VerNvilderung  aller  Formen,  die 
Weitschweifigkeiten  und  Ungeschicktheit  fast  aller  Ableitungen 
und  Zusammensetzungen,'  kurz  die  Gesammtheit  der  oben  dar- 
gelegten Bcugungs-  und  Bildlingsverhältnisse  uns  vergegenwär- 
tigen, so  werden  wir  keinen  Augenblick  darüber  in  Zweifel 
sein,  dafs  dieselbe  einer  Zeit  angehören  mufs,  die  bedeutend 
hinter  der  Blüthezeit  der  provenzalischen  Sprache  liegt.  Ein 
strenger  Beweis  ist  hier  freilich  nicht  zu  führen;  auch  müssen 
wir  erwägen,  dafs  wir  es  mit  einer  Volkssprache  und  dafs 
wir  es  mit  einer  Mischsprache  zu  tbun  haben,  von  denen  bei- 
den ein  Festhalten  der  Formen  nicht  zu  erwarten  ist.  Be- 
denken wir  indefs ,  dafs  die  waldensischen  Tractate,  wie  Her- 
zog nachweist,  ihres  Inhalts  wegen  zum  Theil  nicht  vor  der 
Hussitenbewegung  entstanden  sein  können,  zum  Theil  ersicht- 
lich noch  späteren  Ursprungs  sind,  dafs  aber  die  Sprache  des 
Neuen  Testamentes  eine  nur  wenig  ältere  Form  ^)  aufweist 
(wobei  noch  in  Anschlag  zu  bringen  ist,  dafs  man  dieselbe 
gewifs  verhältnifsmäföig  rein  und  würdig,  also  archaistischer 
zu  halten  suchte),  während  sich  das  Waldensische  seit  jener 
Zeit  dergestalt  verändert  hat,  dafs  nur  noch  wenige  von  den 
ursprünglichen  Zügen  darin  zu  entdecken  sind,  so  werden  wir 
nicht  umliin  können,  uns  die  Zeit  der  Abfassung  des  Neuen 
Testaments  als  der  der  Tractate  möglichst  nahe  liegend  zu 
denken,  zumal  die  Gilly,  wie  es  scheint,  ganz  unverständlich 
gewesene  Zahl  1522  am  Schlüsse  des  einen  der  drei  gleich- 
lautenden  Manuscripte   zwar    nicht    beweist,    dafs    die    Ueber- 

')  Ztinial  in  ihren  späteren  Theilen ,  wo  sich  schon  rein  italienische 
Formen  und  Schreibungen,  wie  diache  (diaconus),  modo,  t'icü,  ja  so- 
«ar  die  Präposition  dn  lindet  {aqtiilh  qne  son   da  la  fh  Gal.  III,  7). 


400  (iriizaiaolier 

Setzung  erst  im  Jahre  1522  angefertigt,  wohl  aber  dafs  sie  in 
diesem  Jahre  noch  verstanden  und  gebraucht  wurde.  Wenn 
sich  also  auch  die  Frage  welcher  Zeit  die  Entstehung  unsrer 
Uebersetzung  zuzuweisen  sei,  nicht  mit  vollständiger  (Genauig- 
keit beantworten  läfst,  so  leitet  doch  das  keinen  Zweifel,  dafs 
sie  dem  12.  Jahrhundert  nicht  angehören,  also  auch  nicht  die- 
jenige sein  kann,  welche  der  Stifter  der  waldensischen  Secte 
veranstaltet  haben  soll.  Auch  sind  die  Gründe,  welche  Gilly 
(p.  XCV  sqq.)  zur  Unterstützung  seiner  Ansicht,  dafs  es  in  der 
That  diese  sei,  anführt,  mit  Leichtigkeit  zu  widerlegen.  AYal- 
dus,  sagt  er,  habe,  wie  Stephan  von  Bourbon  berichte,  auch 
auctorit (tieft  Sanctorum,  per  titidos  congregata-s^  quas  sententias 
appellabcmt ,  in  der  Volkssprache  gesammelt,  welche  noch  vor- 
handen und  in  derselben  Sprache  abgefafst  seien  wie  das 
Neue  Testament.  Es  liegt  aber  auf  der  Hand,  dafs  die  Trac- 
tate,  die  er  damit  meint,  eine  noch  jüngere  Sprachform  auf- 
weisen und  noch  weniger  aus  dem  12.  Jahrhundert  herrühren 
können  als  die  Bibel;  auch  ist  durch  Nichts  bewiesen,  dafs 
nicht  Waldus  ähnliche  Tractate  abgefafst  haben  könne,  die 
dann,  als  sie  der  Sprache  wegen  unverständlich  geworden 
waren ,  übersetzt  oder  umgearbeitet  wurden.  Ferner,  sagt  er, 
trage  unsere  Uebersetzung  Spuren  der  von  der  Vulgata  des 
Hieronymus  hie  und  da  abweichenden  versio  Itala,  wefshalb 
anzunehmen  sei  dafs  sie  unter  Mitwirkung  italienischer  Ge- 
lehrter entstanden  sein  möge;  nun  erwähne  aber  Stephan  von 
Bourbon ,  dafs  Waldus  bei  seiner  Arbeit  italienische  Gehülfen 
gehabt;  daraus  ergebe  sich  ebenfalls  die  Identität  beider.  Es 
liegt  aber  wiederum  am  Tage,  dafs  darum  unser  Text  sehr 
wohl  eine  Uebersetzung  des  von  Waldus  gelieferten  sein  könne. 
Ganz  am  Schlüsse  seiner  Abhandlung  (p.  CT)  fühlt  endlich 
Gilly  selbst  sowohl  das  Naheliegende  dieser  Einwände  als  die 
sprachlichen  Bedenken  und  sagt:  ,,The  dialect  is  less  purely 
Proven^al  than  that  of  the  Paris  and  Lyons  copies,  and  par- 
takes  more  of  the  Italian  than  of  the  Gallic  Romaunt  .... 
The  Paris  Ms.  8086  is  not  improbably  a  transcript  of  the 
earliest  copy  produced  by  Waldo  ....  The  Dublin,  Zürich, 
and  Grenoble  Mss.  display,  in  my  opinion,  marks  of  a  re- 
vised  and  improved  edition,  which  ....  may  have  been  put 
forth  alter  Waldo's  journey  to  Italy ,  and  when  he  mixed,  as 
Stephen  of  Borbon  teils  us  he  did ,  with  the  Lombard  sepa- 
ratists  from   Rome"   etc.,   womit  er  freilich  der  Wahrheit  noch 


Die  waldensi^tlie  Bibel.  401 

nicht  viel  näher  rückt.  Nicht  einmal  soviel  kann  zugegeben 
werden,  dafs  unser  waldensischer  Text  eine  neue  Ausgabe 
oder  sprachliche  Umschrift  des  allerdings  wohl  älteren  Pari- 
ser oder  Lyoner  sei ,  wenn  er  auch  vielleicht  von  diesem 
durch  eben  so  viele  Jahrhunderte  geschieden  wäre,  als  nach 
Gilly's  Meinung  Jahre  oder  Jahrzehnte  zwischen  ihnen  liegen. 
Vielmehr  reicht  schon  eine  flüchtige  Vergleichung  des  1.  Cap. 
Johannes  in  den  beiden  Versionen  hin  zu  beweisen  ,  dafs  die 
waldensische  nicht  auf  einer  der  beiden  andern  beruht,  sondern 
von  Neuem  aus  der  Vulgata  geschöpft  ist;  und  mehr  noch  als 
die  zahlreichen  Verbesserungen  einer  oder  beider,  deren  Aus- 
einandersetzung hier  zu  weit  führen  würde,  beweisen  die  in  den 
älteren  Versionen  vermiedenen ,  in  der  waldensischen  aber  be- 
gangenen Fehler  (wie  V.  1.  Lo  filh  etc.  Aiczo  era^  nämlich 
Verbum ;  5.  la  Incz  luczit  oder  luczic,  statt  lucz;  12.  creseron 
statt  crezoti  u.  dgl.),  beweisen  ferner  die  unaufhörlichen  Ab- 
weichungen in  unbedeutenden  Einzelheiten,  die  zu  verändern 
gar  nicht  nöthig  gewesen  wäre ,  dafs  die  älteren  Versionen 
bei  Abfassung  der  waldensischen  gar  nicht  einmal  zu  Rathe 
gezogen,  wenigstens  nicht  benutzt  worden  sind.  Es  bleibt 
eben  Nichts  übrig,  als  unsere  waldensische  Üebersetzung  von 
allen  uns  bekannten  früheren  vollständig  zu  trennen  und  sie 
als  eine  zu  betrachten  ,  die  unmittelbar  nach  dem  lateinischen 
Original,  zum  Gebrauche  der  piemontesischen  Waldenser,  ge- 
gen Ende  des  Mittelalters  verfafst  worden  ist. 

Was  aber  die  Üebersetzung  betrifft,  welche  auf  dein  La- 
teranensischen  Concil  von  1179  dem  Papste  vorgelegt  worden 
ist  und  welche  den  Berichten  der  Geschichtsschreiber  nach 
den  Petrus  Waldus  zum  Verfasser  haben  soll,  so  kann  es  zu- 
nächst für  ausgemacht  gelten,  dafs  dieselbe  gar  nicht  in  wal- 
densischer Sprache  abgefafst  gewesen  ist.  Was  wir  walden- 
sische Sprache  nennen,  hat  ja  zu  jener  Zeit  noch  gar  nicht 
existirt,  sondern  sich  erst  nach  dem  Uebergange  der  Wal- 
denser nach  Italien  und  ihrer  Verbindung  mit  den  Piemonte- 
sen  allmählich  entwickelt.  Wollen  wir  aber  das  damalige 
Lyonesisch,  welches  allerdings,  wie  wir  gesehen  haben,  die 
Grundlage  des  Waldensischen  ist,  mit  diesem  Namen  bezeich- 
nen, so  ist  es  weit  weniger  glaublich,  dafs  Waldus,  um  die 
heilige  Schrift  den  Laien  zugänglich  zu  machen,  sich  dieses 
wenig    bekannten ,    eng    bt^grenzten     und     wahrscheinlich    ganz 

J.ilirb.  f.   loiii.   u.   cii;.'!.    Ml.     IV.    4.  97 


402  Grüzmacher.  Die  waldensische  Bibel. 

rohen  ^)  Volksdialekts  bedient  habe,  als  vielmehr  der  reichen, 
schönen  und  literarisch  ausgebildeten  provenzalischen  Sprache, 
welche  gerade  damals  auf  der  Höhe  ihrer  Entwicklung  stand 
und  nicht  allein  in  Südfrankreich  von  Hoch  und  Niedrig,  son- 
dern weit  über  ihre  Heimat  allgemein  verstanden  wurde.  Die 
Sprache  Bertran's  de  Born  konnte  hier  allenfalls  die  lateinische 
vertreten;  die  Anwendung  des  lyonesischen  Patois  wäre  eine 
Entweihung  der  Bibel  gewesen.  Anders  verhielt  sich  die 
Sache  einige  Jahrhunderte  später,  wo  das  Provenzalische  un- 
tergegangen war,  das  Waldensische  dagegen  unter  der  Secte 
durch  fortwährenden,  wohl  auch  literarischen,  Gebrauch  an 
Autorität  gewonnen  hatte,  und  eine  Uebersetzung  nur  für  ihre 
eigenen  Zwecke  berechnet  sein  konnte,  nicht  wie  damals  für 
das  Yerständnife  des  Volks  überhaupt ;  diese  Uebersetzung 
konnte  natürlich  nur  in  waldensischer  Sprache  abgefafst  wer- 
den, jene  erste  aber  war  provenzalisch.  Ob  diese  erste  Ueber- 
setzung uns  noch  in  einer  der  beiden  provenzalischen  Ver- 
sionen, der  Pariser  Handschrift  8086  und  der  Lyoner  60, 
erhalten  sein  möge,  ist  eine  Frage,  die  sich  aus  dem  Abdruck 
je  eines  Capitels  nicht  wohl  beantworten  lälst.  Jedenfalls 
würde  es  nicht  die  Pariser  sondern  die  Lyoner  sein,  deren 
Sprache  älter  und  im  Ganzen  so  beschaffen  ist,  dafs  sie  dem 
Ende  des  12.  Jahrhunderts  zugewiesen  werden  könnte,  obwohl 
sie  in  einzelnen  Punkten  von  dem  klassischen  Provenzahsch 
abweicht.  Dafs  diese  die  in  der  unsrigen  vermuihete  L'eber- 
setzung  enthalten  möge ,  ist  sehr  glaublich .  und  um  so  mehr 
zu  wünschen,  dals  sich  lur  dieselbe  bald  ein  Herausgeber  fin- 
den möge,  als  sie  in  diesem  Falle  zugleich  eine  der  ergiebig- 
sten und  zuverläfsigsteu  Quellen  für  die  weitere  Erforschung 
der  provenzalischen   Sprache  eröffnen  würde. 


')  Es  isr  mir  aller  angewandten  Mühe  ongeachtet  nicht  gelungen, 
eine  Spur  von  literarischer  Ausbildung  dieser  Mundart,  ja  auch  nur 
eine  nähere  Nachricht  über  ihre  Beschaffenheit  aufzufinden. 

Berlin. 

Gr  ii  z  m  acher. 


Caniljouliu.    Konians  snr  l'ei)iprisoniiment  du  priiice  de  Viane.     403 

Romans  (Elegie)  .snr  remprisoiinement 

du  princc  de  Viane  —  tire   du  Ms.    7699  de  la  bibl. 

imp.  intitule  Can^oner  d'obras  enamoradas. 

La   piece   qu'on  va  lire   se   rapporte   a  la   longue    et 
sanglante   iiisurrection    qui  eclata  en  Catalogne   contre  le 
roi  Jean  II  (14ul)  et  dont  la  mort   du  prince   de  Viana 
fut  la   principale   cause.      Issu   d'un   premier  marlage   de 
Jean  II   avec   Blanche   de   Navarre,   fille   et  heritiere   de 
Charles  le  Noble,  ce  mallieureux  jeune  homme,  ä  qui  sa 
mere   avait  legue  en   mourant    ses   droits    ä   la   couronne 
sous  la  reserve  de   n'en  user  qu'avec  le  consentement  de 
son  pere,   se    vit  contraint  plusieurs    fois    de  prendre  les 
armes  pour  se  defendre  contre  les  intrigues  de   sa  belle- 
mere,  la  hlle  de  l'amirante  de  Castille.   Jeune,  belle,  am- 
bitieuse,  cette  princesse    s'etait  d'abord  emparee   de   l'es- 
prit   de    son  mari    qu'elle   avait   anime    d'un   ressentiment 
implacable   pour  le  fils  de  Blanche.     Battu    en   plusieurs 
rencontres   celui-ci  s'etait  retire   en  Italic,    ä  la   cour   de 
son  oncle  Alphonse  V,    emportant   dans   son  exil   les  vi- 
ves  sympathies  de  la  nation  et  surtout  des  Catalans  dont 
il    etait    Tidole.      En    montant    sur    le    tröne    d' Aragon, 
Jean   II  craignit   que  son  tils  ne  fut  tente  d'abuser  de  la 
popularite  dont  il  jouissait.     II  l'invita  en  consequence  a 
venir  se  fixer  ä  Majorque  alin  d'etre  ä  portee  de  surveiller 
ses  deniarches.    Le  jiriuce  quitta  ritalie  et  vint  debarquer 
non    pas   a  Majorque,    mais   ä   Barcelone,    oü  il  n'aurait 
tenu  qu'a  lui   de   faire    une   entree  triomphale.     Irrite    de 
cet  acte  de  desobeissance,  le  roi  qui  etait  alors  ä  Lerida, 
manda  le  jeune  homrae  aupres  de  lui.    Celui-ci  eut  l'im- 
prudence  d'obeir.     A   peine  arrive,    il  fut  arrete,  jete  en 
prison,    mis   sur    le   champ  en  jugement  et  declare    cou- 
pable  de  complot.     C'est  la  que  commence  notre  Romans. 
A  part  la  figure  allegorique  qui  porte  brode  sur  sa  robe 
«je  m'appi'lle  la  renommee »  et  qui  jctte  un  peu  de  froideur 
sur  le   debut,    on  ne  saurait   peindre   en  traits   plus   vifs 
rc'inotion  profonde  que  cet  evencnient  causa  dans  tout  le 

27* 


404  Cainlxniliii 

pays.  Puis  vient  le  lecit  d'une  ambassade  envoyee  par 
Barcelone  et  beaucoup  d'autres  villes  (universitats)  vers 
le  roi  Jeau  pour  reclainor  la  liberte  du  princc  Je  trouve 
chez  plusieurs  historiens  inoderues  au  sujet  de  cette  am- 
bassade que  le  roi  se  montra  tout  d'abord  inflexible  et 
que  les  deputes  s'en  retournerent  sans  avoir  rien  obtenu. 
Notre  Romans  indiqiie  iine  niarche  un  peii  difierente  et 
plus  conforme  a  la  Situation  des  personnages.  En  premier 
lieu  ce  n'est  pas  de  Ijerida,  que  le  roi  avait  deja  sans 
doute  quitte,  mais  de  Hitona  que  les  deputes  expedient 
leur  premier  courrier  a  Barcelone  (fou  rebut  un  correu  — 
prest  e  volant  despatxat  en  Hitona).  Puis  les  nouvelles 
que  ce  courrier  apporte  ne  sont  rien  nioins  qu'alarnian- 
tes.  Le  prince  se  porte  bien;  Tambassade  a  ete  accueil- 
lie  avec  une  grande  bienveillance  (no  niostrada  rigor) 
par  le  roi  et  la  reine  qui  Tont  ajournee  a  la  mesfre  ciu- 
tut  ^  a  la  capitale.  La  reine  a  meme  offert  genereusenient 
aux  deputes  ses  bons  offices.  Ce  nVst  qu'a  Saragosse 
que  les  choses  changent  de  face.  C'est  la  que  le  roi 
ayant  autour  le  lui  tot  so/i  estut^  et  se  sentant  d'ailleurs 
hors  de  la  portee  des  Catalans,  declare  sans  detour  que 
son  lils  est  un  grand  coupable,  qu'il  nierite  dcshonneur^ 
et  quMl  ne  doit  point  esperer  de  pardou.  Les  Catalans 
se  retirent  pleins  d'indignation,  et  le  poete,  qui  pressent 
quelque  catastrophe,  termine  par  des  voeux  ardents  ä 
Notre  dame. 

Cette  tin  indique  claireinent  que  la  pieee,  bien  que 
datee  de  Bruxelles,  est  contemporaine  de  l'evenenient. 
Du  reste,  je  n'ai  pu  me  procurer  aucun  renseignenient 
sur  Tauteur,  et  je  ne  saurais  dire  s'il  residait  ä  Bruxel- 
les ou  s'il  s'y  trouvait  par  hasard  en  ce  moment.  Quant 
aux  suites  de  Taffaire,  on  aait  que  la  Catalogne  se  sovi- 
leva  tout  entiere  avec  un  entrainenient  inoui;  que  le  voi 
contraint  de  ceder  relächa  son  prisonnier  et  se  reconci- 
lia  avec  lui;  niais  que  le  jeune  prince  etant  mort  subite- 
ment  trois  jours  apres,  les  Catalans,  qui,  a  tort  ou  a  rai- 
son, accuserent  la  reine  de  Tavoir  fiiit  empoisonner, 
reprirent  les  armes  pour  le  venger  et  lutterent  en  deses- 
peres  pendant  plus  de  dix  ans. 


Romans  snr  l'eniprisonnenient  du  prince  de  Viane.  405 

Fogassot  etait  contemporain  d'Ausias  March;  sa  langue, 
a  part  quelques  incertitudes  d'orthographe  que  nous  avons 
cru  devoir  reproduire,  est  celle  du  celebre  poete,  c'est- 
a-dire  le  vrai  et  pur  catalan  de  la  belle  epoque.  Le 
Manuscrit  se  lit  tres  courammeut.  Nous  n'avons  ete  ar- 
retes  que  par  le  dernier  vers  de  la  neuvieme  Strophe  qui 
est  evidemment  corrompu  et  auquel  il  nous  parait  bien 
difficile  de  donner  un  sens. 


Romans  fet  per  Johan  Fogassot,  Notari,  sobre  la 
preso  e  detencio  del  illustrissim  senyor  don  Karies 
princep  de  Viana  e  "primogenit  d'Arago,  loqiial  fou 
fet  en  la  vila  de  Bruxelles,  de!  ducat  de  Brabaiit 
en  lo  mes  de  fabrer  any  1461. 

Ab  gcmechs  grans ,  plors  e  sospirs  mortals 
senti  las  gents  dolres  per  las  carreres, 
plasses,  cantons,  en  diverses  maneres, 
los  ulls  prostrats,  estan  com  bestials. 
Dones  d'  estat  viu  esser  desfressades, 
lagremeiant  e  batense  los  pits; 
los  infants  pochs  eriden  a  cruels  crits, 
vehents  estar  llurs  mares  alterades. 
O  trist  de  mi!     Quin  fet  pot  ser  aquest? 
De  quant  en(;a  estaxi  Barsalona? 
L'arm'  ab  lo  cors  de  cascu  se  rahona; 
acte  semblan  no  crech  may  sia  lest. 
Car  de  llurs  ulls  diluvi  gran  despara 
d'aygua  tan  fort  que  per  terra  'Is  decau. 
Ay!     Ques  axo,  germans,  dir  me  vullau! 
Tots  estan  muts  e  guardan  me  'n  la  cara. 
Creix  ma  dolor  per  tal  capteniment, 
e  de  plorar  los  flu  prest  companya. 
Molts  esfor^ats  perden  la  honienia, 
e  cascu   diu  gemegant  e  planyent : 

0  ras  omnes  qui  transitis  per  riam ,    lütenditc  et  i-ideit  si  est 
dolur  siciit  dolor  meus. 


Eötant  axi  ab  desitg  molt  extrem 

d'  esser  fet  ccrt  d'  una  feyna  axi   trista, 

una  galant  ab  iinimosa  vista, 

lo   pas  cnytat,   per  lo    Ixuii   veinr   vcm. 


406  Canibouliu 

L'  abit  seu  es   una  corta  merlota 

cusida  mal  d'  uii  negre  drap  e  gros ; 

de  bells  cabells  per  espatUus  e  cos 

tots  escampats  portava  molt  grau  flota. 

Del  drap  ja  dit  per  son  habillament 

sens  null  perfil  portava  la  gonella 

hon  brodat  viu:  «Lo  mon  Fama  m'  apella/. 

de  fil  tenat  ab  Uetres ,  rudament. 

Sonaba  fort  una  soberga  trompa 

que  de  molt  lluny  sc  podia  scoltar, 

pronunciant  ^o  qu'ella  deya  dar, 

cridant,  plorant:  «A  part,  a  part,  la  pompa! 

pöble  devot  de  gran  fidelitat, 

pres  es  aquell  qui  feye  per  empresa 

llebrers  humils  apartats  d'altivesa 

ab  lo  sant  mot  qui  tant  es  divulgat: 

qui  se  humiliabit,  exaltabltur.  » 


Hoyt  a<jo ,  perdi  lo  sentiment 

per  mes  espay  que  dir  un  pare  nostre, 

puys  digui  los :  « del  princep  ho  diu  nostre 

tant  desi^at  per  infinides  gents.» 

Apres  pensi  que  no  era  possible 

scmblant  senyor  esser  desllibertat. 

Mas  esser  ver  per  tots  ra' es  affirmat, 

dihent  que  molts  n'  an  avis  infallible 

per  alguns  seus  afiectats  curials 

qui  narren  com  en  Lleyda  feu  la  prcsa 

lo  senyor  rey  ab  furor  molt  encesa 

qui  certament  es  informat  de  fals; 

e  que  no  te  lo  princep  esperan^a 

sino  en  Deu  e  'n  lo  gran  principat, 

en  r  excellent  Barsalona  ciutat 

per  fer  tornar  la  tempesta  boiian^a; 

e  qu'  axi  ells ,  deserts  e  desviats , 

van  despergits  e  cerquen  mediciua 

ans  que  lo  cors  l'arma  lexe  mesqiüna 

coma  perduts  e  del  tot  desperats, 

quo/iiam,  relicto   illu  ,  omnes  fugerunt. 


E  per  sentir  lo  fet  com  es  passat 
sobres  dolor  mon  espirit  s'enflama, 
e,  congoxos,  segui  la  dita  Fama 
coses  dihent  d'extrema  pietat: 
Com  al  exint  de  Lleyda  a  certa  liora 
molt  fort  guardat  lo  princep  dessus  dit 
nol  es  permes  s'  acost  gran  ne  petit 
sens  esperans'  ab  la  Reyna  senyora ; 


Romans  sur  remprisoiinemeut  du  prince  de  Viane.  407 

mas  entrels  peus  de  mules  e  rossins 

molts  servidors ,  ab  voluntats  excesses , 

lexen,  planyent,  de  plors  fetes  gran  messes,  « 

alterats  tots  conia  perduts  mesquins; 

als  quals  voltat,  dix:  «servidors  e  frares, 

fet  es  de  mi!»  degotants  los  uUs  seus. 

«James  nous  puch  mantenir,  devots  meus; 

tornau  vos  ne  a  case  vostres  pares. » 

Don  ploren  tots,  homes,  doues ,  infants; 

nes'  te  cruel,  si  'n  raho  comunica,  • 

per  tal  parlar  qui  breu  vida  1'  indica, 

no  li  rompes  lo  cor  vists  los  cridants : 

Domine,  die  nobis  qui  sequuti  sumus  te  quid  nobis  erit? 


Ah!  quin  novell  a  tots  los  servidors 

ffoix  lo  donar  axi  'margua  licencia! 

Pensau  ab  quäl  trist  gest  e  contiuen^a 

se  parten  d'  eil,  los  faels  serguidors! 

Uns  d' una  part,  altres  d' altre  s' en  tornen, 

plurant,  planyent  llur  princep  e  senyor, 

molt  consternats,  plens  d'extreme  dolor, 

que  sol  un  punt  no  folguen  ne  sojornen. 

Esta  pensant  cascu  incessantment 

lo  cas  cruel,  congoxos,  molt  orrible, 

la  gran  furor,  rigorosa,  terrible 

ab  que  era  fet  tal  apresonament; 

hon  ja  tot  hom  lleva  balan^a  e  suuui 

qu'  el  dit  senyor  es  molt  prop  de  la    mort. 

Defall  lo  seny,  lo  saber  e  conort, 

dira  lo  foch  per  totes  parts  tal  fuma. 

Mas  nol  lexa  en  tots  aquests  aöers 

lo  tant  privat  et  volgut  Vilarassa, 

que  per  carrers ,  plassas ,  camins  e  casa 

semprel  segui,  cullint  tot  lo  proces. 

lUe  autem  »equebatur  etim  a  longe. 


De  continent  rebut  aquest  avis 
lo  principat  fael  de  Cathalunya, 
qui  satisfer  al  degiit  may  se  Uunya, 
hach  provehit  promptament.     Sens  divis, 
al  senyor  Rey  tramet  grans  ambaxades 
per  subvenir  a  tal  necessitat; 
e  semblant  fa  cada  Universität. 
Cavalquen  prest,  tiren  a  grans  jornada." 
los  reverents,  cgregis ,  magnifichs 
ambaxadors  nobles  e  honorables 
de  tots  estats  hon  van  molt  ooncordabb's . 
<r  esforv  viril   no   nio.'-transe   'noinichs. 


408  Cambouliii 

Hoyren  donchs  a  una  von  lo  pöble 
plorant   cridar:  ((No  niuyr'  el  bon  senyor; 
no  y  plangani  res,  conegua  nostre  anior!» 
axo  dihent  ab  cor  devot,  immoble. 
uSupplicau  ne  la  Real  Majestät, 
offcrint  vos  estar  ne  a  la   sniena. 
Purguem  ho  tots  e  non'  port  eil   la  pena 
se  de  null  fet  pot  esser  inculpat. 

Hie  enim  est  salus  et  resurrectio  nostra  per  quem  sn/rati  et 
liberati  sumus.» 


Dir  so  constret  un  tan  extrem  voler 

ences  en  tots  habitants  de  la  terra 

vers  dit  senyor  (e  no  crecli  que  m'  en  erra) 

divinal  do  esser  molt  vertader. 

Los  monastirs  e  las  esgleyes  totes 

ffan  professons  molt  be  devotament, 

lagrameian,   deu  pregan  humilment 

que  les  presons  del  princep  sien  rotes. 

Homes  d'  onor  e  tot  lo  populär, 

dames  galants  e  les  altres  comunes, 

qui  'n  aquest  fet  se  mostren  totes  unes, 

lexen  a  part  1'  uflanos  habillar; 

cessen  tots  jochs,  cessen  les  alegries, 

cessen  danpars,  cessen  tots  los  delits; 

de  planys  e  plors  tots  estam  molt  fornits , 

deu  suplicants ,  dihents  grans  litanies. 

Semblant  tristor  nos  viu  en  negun  tenips: 

encortinats  veig  estar  los  retaules. 

O  mala  sort!     E  quin  jocb  nos  entaules? 

Tristor  e  dol  han  vuy   favor  ensenips. 

Et  ex  illa  hora  tenebro'  fact(v  sunt  suprr  (inirersam  (erram. 


No  passa  molt  fou  rebut  un  correu 
prest  e  volant,  despatxat  en  Hitona 
dels  legats  dits,  remes  a  Barsalona 
als  deputats  —  don  fem  Hahors  a  deu 
Uetres  portant  ab  lasquals  avis  feren  : 
«Viu  e  despos  es  dit  princep  senyor, 
e  que  molt  be,  no  mostrada  rigor, 
lo  senyor  Rey  e  'a  Reyna  als  reberen , 
e  qu'  era  ver.     Apres  fonch  supplicat 
per  ells  del  fet  a  la  real  presen^a ; 
los  fou  respost  ab  plasent  continen(^a, 
remetent  los  a  la  mestre  ciutat: 


Romans  sur  riiuprisonncüient  du  prince  de  Viane.  409 

e,  mes  anant,  com  la  senyora  reyna 

molt  decentment  ha  pres  lo  llur  veiiir 

offerint  se  de  bon  cor  subvenir 

ab  ells  essenis  a  la  predita   feyna: 

e  visitat  per  ells  lo  princep  dit, 

confortants  lo  en  manera  deguda, 

mes  s'  en  llurs  mans,  demanant  Hur  ajuda, 

cascu  li  diu  aqui  en  son  espirit: 

Etiamsi  opportuerlt  me  mori  lecum,  tion  te  negnbo. 


Apres  que  l'ou  lo  rey  ab  son  cstat 
junt  en  la  gran  ciutat  de  Saragossa , 
los  Cathalans  fan  llur  deguda  cossa 
per  obtenir  del  princep  llibertat, 
supplicant  ne  la  real  Excellenpa, 
com  se  pertany  cle  bons  e  fels   vassalls, 
molt  humilment  de  paraules,  ab  talls 
apuntats  be ,  composts  en  pr(>viden<;'a; 
deduhints  hi  l'escampanient  de  sanch 
gran  e  soberch  per  la  gent  cathalana 
seguint  los  reys  per  tota  part  mundana 
fet,  no  duptant  morir  ab  cor  molt  franch. 
Houen  respost  de  1'  alta  senyoria, 
com  lo  seu  fiU  es  trobat  en  error 
molt   gran  e  fort,  den  mereix  desonor, 
e  qu'  a  merce  pendre  ia  nol  poria. 
Repliquen  li,  supplicant  virilment: 
per  gran  que  fos  la  liiial  ofensa, 
maior  es  molt  l'alta  reyal  clemencja. 
(De  quens  fas  vot  se  diu  palesament) 

In   omnem  terram  exivit  sonus  eorum  et  in  fiiies  orbis  terrae 

verba  eorum. 


Recors  a  nostra  dona. 

Uecorregani  donchs  ab  devocio 

a  la  gran  fönt  de  pietat  e  smena. 

Prech  son  fill  car  presthara  fi  la  pena 

que  soportam  de  la  stranya  preso. 

E  (jue  no  guard  la  nostra  gran  somada 

de  pccats  lleigs  comesos  en  passat, 

Merce,  merce  olamam  e  pietat, 

Reyna  dels  cels ,  pus  sou  nostra  avocada 

e  per  nos   trists  vos  pres  per  mare  Deu. 

Girau,    ^'irau    vostr' amorosa  vista, 

mirau  dulur  de  pöble  axi  trista, 

dau  nos   soc«rs,  vorgc ,  nous  sia  lircul 


410     CambouHu  Romans  sur  l'imprisonnement  de  Prince  de  Viane. 

No  permitan  perir  talment  la  terra 

qu'  esta  sperant  1'  excellent  presoner; 

sera  senyor  de  pau,  justicier; 

Santa  dels  sants,  tal  dan  nous  fassa  giierra 

Ffeu  haiam  prest  de  goig  un  tal  novell 

quäl  esperani    verge  de  vos  Maria, 

c  puxam  dir  ab  solemne  alegria 

lo  cantich  sant,  molt  singular  e  bell: 

H<KC  est  dies  quam  fecit  dominus,   exultemus  et  lasteviur  in  ea. 

FINIS. 

F.  R.   Cambouliii. 


Le  bestiaire  d'amour  p.  ß.  de  Fournival,  publ.  p.  Hippeau.     411 

Kritische  Anzeigen. 

1.  Le  bestiaire  d'amour  par  Richard  de  Fournival,  suivi  de  la  repoiise 

de  la  dame,  enrichi  de  48  dessins  graves  sur  bois ,  publies  pour  la 
premiere  fois  d'apres  le  manuscrit  de  la  bibliotheque  imperiale 
par  C.  Hippeau.    Paris,  Auguste  Aubry.    18G0.    8".    (XLIII,  159.) 

2.  Le  bei  inconnu  ou  Giglain  fils  de  messire  Gauvain  et  de  la  fee  aux 

blanches  maiiis ,  poeme  de  la  table  ronde  par  Rcnauld  de  Beaujeu 
poete  du  XIII  siecle,  public  d'apres  le  manuscrit  unique  de  Lon- 
dres  avec  une  introductiou  et  un  glossaire  par  C.  Hippeau.  Paris, 
Auguste  Aubry,   1860.  8".  (XXXIX,  330.) 

Bekanntlich  hat  es  Hr.  C.  Hippeau .  Pi-ofessor  zu  Caen, 
seit  einigen  Jahren  unternommen,  eine  Sammhmg  von  Werken 
der  altfranzösischen  Literatur  in  schön  ausgestatteten  Bänden 
herauszugeben.  Die  erste  Veröffentlichung  ,,la  vie  de  Saint 
Thomas"  hat  im  Jahrbuche  schon  eine  Besprechung  gefunden; 
ich  will  hier  über  die  zwei  anderen,  die  oben  angezeichneten, 
einiges  bemerken, 

1.  Der  von  Paulin  Paris  (Hist.  litt.  23,  73.3)  ausgedrückte 
Wunsch  ist  nun  zum  Theile  schon  erfüllt  worden,  denn  wenn 
auch  nicht  alle  AVerke  Richard  de  Fournival's  zum  Abdrucke 
gelangten,  so  ist  uns  doch  dasjenige  zugänglich  gemacht 
worden,  welches,  nach  der  Zahl  der  Handschriften  zu  ur- 
theilen,  sich  bei  den  Zeitgenossen  einer  besonderen  Beliebtheit 
zu  erfreuen  hatte;  ich  meine  nämlich  den  ,, Bestiaire  d'amour." 
Acht  Handschriften  fand  davon  P.  Paris  in  der  grofsen  Pariser 
Bibliothek,  und  zwei  beschrieb  er  mit  ziemlicher  Ausführlich- 
keit; 7019^,  die  von  Hippeau  benützte  (H),  im  4.  Bande  der 
Mss.  fran^.  (S.  20 — 30)  und  La  Vall.  81  im  obenerwähnten 
Aufsatze  der  Hist.  litteraire.  Er  führt  auch  einige  Stellen  aus 
beiden,  und  zwar  fast  durchgehends  dieselben,  an:  der  Ver- 
gleich zeigt  manche,  wenn  auch  kaum  bedeutende,  Abwcicliungen 
im  Ausdrucke.  Ueber  die  anderen  Handschriften  erfahren  wir 
von  Hrn.  Hippeau  nichts  weiter,  ein  Versäumnifs,  welches  be- 
dauernswerth  erscheint.  Bei  Veröffentlichungen,  wie  die  vor- 
liegende, sollte  man  nie  aufser  Acht  lassen,  dafs  eine  neue 
Herausgabe  weder  leicht  zu  erwarten  noch  überhaupt  zu  wün- 
schen ist;  man  nmfs  also  den  Gegenstand,  welchen  man  auf- 
nimmt, erschöpfend  bearbeiten,  um  die  Nothwendigkeit  einer 
neuen  Untersucliuiig  zu  beseitigen.  Es  gibt  noch  zu  viel  zu 
thun  auf  dem  Gebiete  der  mittelalterlichen  Literatur  und  die 
Bearbeiter    derselben    sind    eine    zu    geringe   Anzahl,    als    dafs 


412  Kritische  Anzeigen: 

iiiclit  joder  trachten  sollte,  seiner  gestellten  Aufgabe  voll- 
ständig gerecht  zu  werden.  Mit  dem  Abdrucke  einer  einzigen 
Handschrift,  und  wäre  sie  auch  die  beste,  wird  aber  dieser 
Zweck  nicht  erreicht.  Keinem  Herausgeber  kann  daher  die 
Pflicht  erlassen  werden,  alles  bezügliche  Material  zu  erforschen, 
dasselbe,  so  weit  es  ihm  zugänglich  ist,  zu  prüfen  und  den 
Gang  oder  wenigstens  die  Ergebnisse  seiner  Untersuchung  dem 
Leser  möglichst  vollständig  mitzutheilen.  In  unserem  Falle 
aber  wäre  diese  Vergleichung  um  so  gebotener  gewesen,  als 
der  Bestiaire  d'amour  zu  jenen  Werken  zu  gehören  scheint, 
welche  durch  ihre  Popularität  mannichfache  Bearbeitungen  zu 
erleiden  hatten.  AVenigstens  bietet  die  Handschrift  der  Wiener 
k.  k.  Ilofbibliothek  No.  2609  (Pergament,  fol.,  13.  Jahrhun- 
dert mit  Miniaturen)  1)  eine  Redaction,  Avelche  von  dem  ge- 
druckten Texte  sehr  bedeutend  abweicht.  Dieselben  Gedan- 
ken werden  mit  grofser,  häufig  ermüdender,  Ausführlichkeit 
breitgeschlagen;  es  finden  sich  auch  hie  und  da  manche  um- 
fangreiche Zusätze.  Ich  will,  Fournival  zur  Ehre,  gerne  glau- 
ben, dafs  der  Text  von  H  das  Original  und  nicht  der  Auszug 
eines  verständigen  Epitomators  sei;  vollkommen  aufgeklärt 
kann  aber  das  Verhältnifs  nur  durch  die  Vergleichung  aller 
Handschriften  werden.  Vielleicht  trägt  Hr.  Hippeau  diese  Ar- 
beit nach ,  oder  es  entschliefst  sich  irgend  einer  der  Pariser 
Mitarbeiter  des  Jahrbuchs  dazu.  Selbst  in  dem  sehr  wahr- 
scheinlichen Falle,  dafs  diese  Vergleichung  die  Wahl  der  Hand- 
schrift II  vollständig  rechtfertigt,  so  wird  die  Benützung 
der  anderen  doch  die  Emendation  des  Textes  wesentlich 
fördern.  Denn  es  gibt  im  vorliegenden  Drucke  Manches,  was 
nothwendig  der  Berichtigung  bedarf.  Und  zwar  trägt  nicht 
immer  die  einzige  gebrauchte  Handschrift  daran  Schuld,  son- 
dern hie  und  da  auch  Mangel  an  der  nöthigen  Aufmerksamkeit. 
So  findet  sich  gleich  auf  der  ersten  Seite  eine  sinnstörende 
Auslassung:  ,,Et  par  ce  que  nus  ne  puet  tot  savoir,  ja  seit 
ce  que  chascune  chose  puist  estre  seue,  [si  convient  qe  chas- 
cuns  sace  aueune  chose]  et  ce  que  li  un  ne  seit  qe  li  autres 
le  sace'-  etc.  Die  eingeklammerten  Wörter  fehlen  im  Drucke, 
stehen  aber  nach  Mss.  fry.   4,   21   in  H. 


^)  ]''iner  umständlichen  Beschreibung  enthalte  ich  mich  mit  Ab- 
sicht, da  eine  solche  recht  bald  von  anderer  Seite  wird  veröffentlicht 
■werden. 


Le  bestiaire  d'ainour  p.  R.  de  Fournival,   publ.  p.  Hippeau.     413 

Ich  will  nun  hier  zur  Bequemlichkeit  derjenigen,  welche 
nur  den  Druck  benutzen  können,  einige  der  Stellen  anführen, 
welche  sieh  mit  Hilfe  der  Wiener  Handschrift  (V)  verbessern 
lassen.  Darunter  nehme  ich  ein  paar  auf,  bei  welchen  die 
irrige  Interpunction  das  Yerständnifs  mehr  oder  weniger  er- 
schwert. 

S.  2.  Dex  qi  taut  aime  honie  qu'il  le  riiit  porveoir;  lies 
viut.     V  voh. 

Ibid.  Et  jou  de  cui  memoire  vous  ne  poes  issir,  que  la 
trace  de  Tamor  que  j'ai  en  vous  empire  adies.  V  ni  perie 
(lat.  pareat)  ,.  ihr  könnet  aus  meinem  Gedächtnisse  nicht  so 
weichen ,  dafs  nicht  immerwährend  eine  Spur  davon  dort  er- 
scheine". Die  folgenden  Worte:  jou  n'en  porroie  estre  si  garris 
que  du  mains  ii'i  parust  la  sorsaneure  de  la  plaie  bestätigen  so- 
Avol  die  Lesart  als  die  Interpretation. 

S.  3.  -  Der  Verfasser  will  sagen,  dafs  in  der  Schrift 
Wort  und  Malerei  (Laut  und  Zeichen)  auf  gleiche  Weise  ent- 
halten sind.  Das  Wort,  denn  wenn  man  das  Geschriebene 
liest,  so  hört  man  den  Laut;  die  Malerei,  pour  ce  que  li  let- 
tre n'est  mie  ■lon  ,  7ie  le  paint.  Die  ganz  unverständliche  Stelle 
erhält  Licht,  sobald  man  ,,mie,  s'on  ne  le  paint''  schreibt: 
,,der  Buchstab  ist  nicht  vorhanden,  wenn  man  ihn  nicht   malt."' 

S.  3 — A.  Die  Stelle  über  den  Hahn  ist  etwas  verderbt. 
Im  Anfange  ist  wol  statt  plus  pies  de  la  jornee  mit  V  de  la 
viespree  et  de  la  jornee  zu  lesen.  In  der  Stelle  ,,LavesprL'e 
et  la  jornee,  qui  a  nature  de  jor  et  de  nuit  est  melle  (Y  mel- 
lee)  ensemble.  Si  seneiie  Taniür  etc.''  ist  das  Wort  e.st, 
welches  bei  V  fehlt,  gewils  zu  streichen,  und  an  die  Stelle 
des  Schlufspunktes  nach  ensemble  ein  Comma  zu  setzen.  Wei- 
ter unten  ,,et  quant  je  ?<'ai  (V  oc)  aucune  esperance,  si  sui 
(V  fui)  aussi  com  ii  vespree,  si  chante  (V  cantai)  plus  efforcie- 
ment'*  ist  feii  zu  schreiben.  [Die  Perfecta  bei  V  passen  auch 
dem  Sinne  nach  weit  besser  als  die  Präsentia  bei  IL]  Endlich 
vermuthe  ich  in  ejj'orciemerit,  welches  sich  übrigens  auch  in  V 
iindet,  einen  Schreibfehler  statt  souvent^  denn  letzteres  W^ort 
Avird  von  dem  Zusannuenhange  mit  dem  Vorhergehenden  gefordert. 

S.   6.      Et   puis   que  je   fui  premeraiiis   renu-^-.    —    V    rcns-. 

S.  7.  laissai-je  le  chanter  ii  cest  arriere  i)an  faire  et  le 
vous  envoiai  en  maniere  de  cmitre  escrit.  —  V   eovte. 

S.  10.  La  nouvele  acointance  si  est  comparee  ii  Tome 
(iiu  et   l'amor.s  confi-emee  a  riiome|   vestu.    Die  eingeklammcr- 


414  Kritische  Anzeigen: 

ten  Worte  sind  aus  V.  Die  Stelle,  wie  sie  im  Druck  vor- 
liegt, steht  im  offenem  Widerspruche  mit  demVorangehenden 
und  Nachfolgenden. 

S.   11.     nen  est  il  pris    —   ne  n'  est. 

S.  13.     ceste  nature  prueve  que  cs'autre  nature  —  Z'autre. 

S.  21.  en  totes  les  choses  n'a  si  parfaite  ordenance  com- 
me  en  chant  ne  s'i  esquise  —  si. 

Ibid.  Li  anciens  avoient  uns  chans  propres  a  chanter, 
por  ce  que  nus  ne  les  oist  qui  ne  fust  entalantez  de  les  oir'' 
et  uns  autres  ä  chanter  as  Services  des  morz ,  qui  estoit  si 
piteus  que  nus  ne  les  o'i'st  qui  se  tenist  de  plorer.  V  bietet 
„a  chanter  a  noces'-'-  und  ,, entalantez  de  juer  et  de  lui  esjoir." 
H  hat  wahrscheinlich  fesioir  =  s'  esjoir  und  f  wurde  für  1, 
wie   auch  anderswo,  verlesen. 

S.  22.  mes  atant  vos  en  soffisse  ore  solonc  nostre  na- 
ture.    Das  Wort  pafst  nicht  hieher.     Besser  mit  V  matere. 

Ibid.  ains  fu  voiz  de  la  plus  bele  riens  que  je  onqucs 
eusse  ouu.  Die  Form  des  letzteren  Wortes  —  statt  ou  oder 
besser  oue  —  Hesse  sich  als  Schreibfehler  hinnehmen;  der 
Zusammenhang  scheint  mir  aber  nicht  „gehört"  sondern  „ge- 
sehen "  zu  erfordern.  Der  Verfasser  erzählt  wie  er  von  der 
Liebe  überwältigt  wurde :  „mich  besiegte  die  Stimme  und  noch 
dazu  jene  des  schönsten  Wesens."  M'aida  dont  la  veue  ä 
prendre?  oil.   —   V  hat  in  der  That  veue. 

S.  25.  quant  grues  vont  ensamble  adies ,  en  veille  une 
quant  les  autres  dorment.     Der  Beistrich    gehört   vor   adies. 

S.  33.  merci  crie  que,  se  ce  ne  me  deust  valoir,  vos 
coste  fut  pie^a  overs.     Die   sinnstörende    Negation  fehlt  in  V. 

Ibid.  Coument  en  porroie-jou  estre  vengiez?  Je  ne  sai 
se  ele  amait  aussi  qui  que  soit  qui  de  li  n'eust  eure.  Ich 
zöge  vor  nach  sai  ein  Comma  und  vor  aimait  die  von  V  ge- 
botene Negations- Partikel  n'  zu  setzen:  „ich  weifs  nicht,  es 
sei  denn  dafs  sie  einen  Undankbaren  lieben  sollte."  Vgl.  S.  35 
je  ne  sai,  se  ce  n'estoit  por  90U  etc. 

Zwischen  S.  37  und  38  iindet  sich  eine  Lücke.  Es  ist 
die  Kede  von  der  Hydra,  welcher  für  jeden  Kopf,  den  man 
ihr  abhaut,  mehrere  nachwachsen,  ähnlich  denen,  die  ein- 
mal betrogen,  dafür  sieben  betrügen.  Und  so  verhält  es  sich 
mit  der  Aeffin,  welche  den  geliebten  Sohn  preisgibt,  den  ge- 
hafsten    dagegen   rettet.      Man    fühlt    sogleich    den    Mangel    an 


Le  bestiaire  d'amour  p.  R.  de  Fournival,  publ.  p.  Hippeau.     415 

Zusammenhang.  Es  fehlt  in  der  That  ein  Zwischenglied,  das 
ich,  zugleich  als  Probe  von  V ,   hieher  setzen  will. 

f^.  26  b.  De  cest  ydre  me  doute  je  niolt  et  niolt  vau- 
roie  que  me  dame  s'en  gardast.  Et  nomeement  de  ceus  qui 
plus  li  fönt  humeliance  ^)  et  qui  plus  se  fönt  creables.  Car 
eil  qui  plus  li  dira  „dame  aidies  moi  a  valoir"  et  qui  dira 
„dame  souffres  que  je  soie  vos  cuers  vostre  cevaliers  u  vostre 
clers"  c'est  eil  de  cui  il  li  couvient  plus  garder  s'ele  veut  celer 
sen  covine.  Car  il  ne  quidera  mie  iestre  ses  cuers  se  il  ne 
le  souhaide  a  ses  cauces  lacer  et  a  s'en  aler  jouster  voiant 
tant  de  gent  que  qui  ke  soit  li  redie  ne  ne  quidera'^)  mie 
k'ele  li  ait  aidiet  a  valoir  s'elle  ne  li  crie  au  ferir  des  espou- 
rons  si  que  tout  l'oient.  Mais  ce  ke  pis  est  il  li  samble  que 
il  li  couviengne  avoir  un  menestrel  qui  crie  ce  a  la  breteske 
que  (26  c)  ses  sires  ne  fait  ne  prouece  ne  larguece  fors  pour 
Tamour  a  celle  belle  dame  ke  tous  li  mens  doit  amer  et  hou- 
nerer.  De  cest  maniere  de  gens  vauroie  molt  que  uia  dame 
se  gardast  car  miex  ne  li  feroient  il  mie  que  la  wivre  fait  a 
ceaus  de  cui  eile  naist  et  vous  dirai  coument.  •*) 

Voirs  est  que  la  wivre  est  de  tele  nature  qu'ele  ne  naist 
onques  devant  cou  k'elle  ait  ocit  sa  mere  et  maisment  son 
pere.  Car  li  fumielle  le  concoit  par  le  bouce  de  le  tieste  dou 
malle,  en  tel  maniere  que  li  malles  li  beute  sa  tieste  en  la 
bouce  et  eile  le  mort  et  trescaupe  tout  as  dens  de  la  grant 
caleur  de  li  et  l'englout  et  le  mangue  et  de  cou  concoit  eile 
et  li  malles  denieure  mors.  Et  quant  ce  vient  a  Fenfanter  si 
faoune  par  le  coste  en  tel  maniere  qu'il  le  couvient  crever  et 
morir. 

Pour  cou  di  jou  que  ceste  maniere  de  gens  doi  jou  par 
droit  apieler  wivre.  Car  ausi  come  la  wivre  aucois  qu'ele 
soit  parnee  ocist  ceaus  dont  eile  naist  ausi  di  je  bielle  et  (26  d) 
tres  douce  amee  que  eil  ne  pueent  a  celle  valour  qu'il  dient 
parvenir  fors  de  poi  plaire  (?)  Celles  qui  les  aident  a  valoir 
et  d'autre  part  qui  (qu'il  ?)  les  fönt  crever  se  point  i  a  de  va- 
lour cou  les  aide  a  valoir.  De  ceste  wivre  nie  doute  je 
molt   et   vauroie    molt  volontiers    que    ma    dame    s'en    gardast. 


^)  Miniatur.   La  nature  de  rydre  a  pluisors  tiestes. 
2)  Miniatur.  Li  maistres  parlans  a  genous  en  humeliant  a  la  dame. 
^)  Miniatur.    La   nature    de    la  wivre    qui    mangue    la    tieste    de  sa 
iiiore  pour  concoivre. 


41()  Kritbflic  Anzeigen: 

Et  si  ne  sai  je  niic  a  droit  li  quol  sunt  wivre  niais  qui  k"il 
soioiit  se  nia  ilaiiH?  en  a  iiiil  aquelli  jou  vauroie  qii'il  li  ave- 
nist  de  uioi  et  de  lui  aussi  conie  il  avient  de  la  siiigesse  et 
de  ses  faons.     Car  la  singesse  etc. 

S.  38.  Quant  ele  a  taut  fui  qu'ele  est  lassee  d'aller  h 
deus  pies  et  qu'il  li  covient  k  force  aler  k  un  piez  —  iiij. 

S.  40.  Si  tost  come  la  nef  le  trespasse,  ne  tant  ne 
quant  si  met  jus  ses  eles.  Der  Beistrich  ist  nach  quant  zu 
setzen. 

Ibid.  Mes  encor  ne  [nie]  tiegniez  vos  niie.  Das  Prono- 
men scheint   unentbehrlich. 

Auch  S.  42  verniil'st  man  den  Zusammenhang  zwischen 
den  zwei  auf  einander  folgenden  Abschnitten.  Die  Liebe  wird 
mit  dem  Legen  und  Ausbrüten  der  Eier  verglichen:  li  prendre 
est  le  ponres  et  li  retenir  est  li  Covers.  Eben  so  wie  es  der 
Straufs  zu  thun  pflegt,  der  um  die  gelegten  Eier  sich  nicht 
kümmert  und  die  Sorge  des  Ausbrütens  der  Sonne  überläfst. 
\Vie  verbinden  sich  nun  diese  zwei  Gedanken?  Ich  werde 
auch  hier  das  Fehlende  ergänzen. 

28  0.  Et  pour  cou  di  jou  que  puisque  vous  m'avez  pris 
c'est  a  dire  puisqu'il  n'est  fenie  s'ele  me  couvoit  c'est  a  dire 
retenist  k'elle  ne  nie  perdist  au  eri  de  ma  vraie  mere  et  cjue 
jou  tous  jours  ne  vous  sivisse  quel  part  que  je  vous  saroie. 
Pour  quoi  jou  di  bielle  et  tres  douce  amee  que  puisque  je  ne 
vous  lairoie  por  autre  et  que  je  ne  laisseroie  vo  cors  pour 
nul  autre  et  que  je  lairoie  toutes  autres  pour  vous  car  je  me 
tieng  a  vous  encore  ne  me  tingnies  vous  mie  et  me  sanle  que 
jou  soie  li  singes  que  vous  aves  giete  derriere  vos  espaules 
et  que  vous  ne  me  poes  perdre.  ^) 

28  d.  Et  pour  cou  ma  tres  douce  eiere  amee  selonc  les 
raizons  desus  dites  ai  jou  encore  aucune  espei-ance  com  pau 
que  ce  soit  que  je  [a]  vous  demorrai  en  la  fin.  Mais  la  de- 
moree  si  fait  a  douter  car  li  oes  que  vous  aves  puns  puet 
bien  tant  demorer  a  iestre  couves  qu'il  n'ara  jamais  mestier. 
Car  sacies  de  voir  encore  ai  jou  dit  que  aucune  pietris  emble 
les  oes  a  Tautre  et  les  keuve  si  ne  trouveroie  je  qui  cest  oef 
couvast  non  por  quant  ne  di  je  mie  que  jou  le  vausisse  tro- 
ver  ains  le  di  pour  cou  que  j'ai  aucune  fois  trouvet  qui  m'a 
dit    „folle    seroit    ore  la  ferne   qui  en    vous    meteroit  son   euer 

')  Miniatur.  Des  pietrizos  d'aniours  qui  sivent  lor  vraie  mere. 


Le  bei  inconnu  p.  Renauld  de  Beaujeu  publ.  p.  Hippeau.      417 

et  s'amor  car  vous  iestes  pris  aillors  de  si  vraie  [amor?]  que 
eile  perderoit  quanques  eile  meteroit  en  vous."  Et  par  aven- 
ture  ceste  parolle  u  ausi  sam[b]lable  bielle  et  tres  douce  amee 
m'ont  dit  molt  de  vaillans  dames  et  me  retenissent  volentiers 
se  elles  ne  quidaissent  que  jou  les  deusse  deguerpir  a  la  vois 
de  ma  vraie  mere.  Mais  puisqu'ensi  est  que  vous  ne  autres  ne 
voles  cest  oef  couver  il  puest  bien  iestre  perdus  por  longe 
demoree.  Et  pierdu  fust  il  pieca  se  ne  fust  un  poi  de  resto- 
rement  de  solas  et  de  jolivetet  de  corage  qui  de  nature  de  euer 
me  vient  en  quoi  jou  me  reconforte  ensi  qu'il  avient  de  l'oef 
a  l'ostrisse  etc. 

S.  45  teil  se  fönt  molt  loial  qui  niordent  en  trai'sson  . .  . 
tieus  n'a  talent  de  raisson  faire  qui  etc.  —  1.  traisson  V. 

S.  49.  Es  wird  unterschieden  zwischen  denen,  welche  zum 
Heere  ziehen,  um  sich  die  Zeit  zu  vertreiben,  und  denen,  die 
hinziehen ,  um  ihrem  Herrn  zu  dienen :  nur  letztere  sind  als 
treue  Freunde  zu  bezeichnen.  So  auch  in  der  Liebe.  Ich 
meinestheils  (sagt  der  Verfasser)  gehöre  zu  den  letzteren:  je 
vous  sui  por  la  besoigne  de  trCaide  faire.  Es  ist  daraus  kein 
Sinn  zu  entnehmen.     V  hat  por  le    besoingne    ma  dame   faire. 

Dem  Werke  Fournival's  fügte  H.  Hippeau  die  ,, Response 
de  la  dame"  hinzu,  über  deren  Verfasser  man  im  Zweifel 
sein  kann.  Von  den  acht  Pariser  Handschriften  des  Bestiaire 
ist  sie  nur  in  den  zwei  oben  angeführten  enthalten.  Sie  fin- 
det sich  auch  in  V.  V  und  H  stimmen  hier  mit  einander, 
und  wo  sie  abweichen,  findet  sich  das  umgekehrte  Verhältnifs 
wie  beim  Bestiaire :  H  ist  nämlich  etwas  ausführlicher.  Emen- 
dationen  liefsen  sich  in  ziemlich  grofser  Anzahl  auch  für  die- 
sen zweiten  Theil  des  Buches  vorschlagen:  ich  glaube  indes- 
sen, dafs  die  bisher  probeweise  angeführten  dem  Zwecke  voll- 
kommen genügen  werden,  die  Nothwendigkeit  einer  gründlichen 
Revision  des  uns  gebotenen  Textes  darzulegen. 

2.  Dafs  Giglain,  der  Sohn  des  Herrn  Gawain,  auch 
„der  schöne  Unbekannte"  genannt,  ein  Held,  dessen  Namen 
in  den  Gedichten  der  Tafelrunde  häufig  wiederkehrt  (so  z.  B. 
im  Perceval,  bei  Holland,  Chr.  de  Tr.  S.  203  und  Rochat, 
über  Perch.  S.  .34  und  136)  auch  in  eigenen  französi- 
schen Dichtungen  besungen  worden  sei,  konnte  man  nicht 
blofs  vermuthen,  sondern  mit  ziemlicher  Bestimmtheit  anneh- 
men: dafür  sprachen  ausser  dem  deutschen  offenbar  aus  fran- 
zösischer   Quelle     geflossenen     Wigalois     noch    das     englische 

.lahrli.  f.   roiii.   ii.  fiip;!.   Lit.    IV.    4.  OQ 


418  Kritische  Anzeigen: 

Gedicht  Ly  beau  desconu,  bei  Ilitson  (Metrical  romances,  Bd.  2) 
abgedruckt,  und  der  angeblich  aus  dem  Spanischen  übersetzte 
Prosaroman  Histoire  de  Giglan.  Das  französische  Gedicht 
selbst  zu  finden,  war  jedoch  nicht  gelungen,  bis  ein  glücklicher 
Zufall  Herrn  Hippeau  dasselbe  in  einer  dem  Herzoge  von  Au- 
male  gehörenden  Handschrift  entdecken  liefs.  Man  mufs  ihm 
zu  wahrem  Danke  verpflichtet  sein  für  die  schnelle  Mitthei- 
lung seines  wichtigen  Fundes.  Wir  lernen  darin  eine  sehr  an- 
ziehende Dichtung  kennen ,  welche,  vom  Inhalte  abgesehen,  in 
formeller  Hinsicht  durch  manche  Vorzüge  glänzt.  Feinheit  der 
Charakterisirung,  Wahrheit  der  Schilderung,  Lebhaftigkeit  der 
Sprache,  besonders  im  Dialoge,  sichern  der  neuentdeckten 
Dichtung  einen  ehrenvollen  Platz  unter  den  besten  ihrer 
(Tattung. 

Im  Inhalte  stimmt  sie  genau  mit  der  englischen  Redac- 
tion  ^)  überin:  nur  ist  die  Reihenfolge  der  Abenteuer,  welche 
Giglain  während  seines  Zuges  nach  der  cite  gaste  zu  bestehen 
hat,  etwas  verschieden  und  am  Ende  enthält  das  französische 
Gedicht  eine  Episode ,  welche  im  englischen  fehlt.  Denn  wäh- 
rend im  letzteren  Giglain  das  vom  Zauber  befreite  Mädchen 
sogleich  heirathet,  trennt  er  sich  im  ersteren  von  demselben: 
das  Mädchen  begibt  sich  an  Artus  Hof,  und  Giglain  kehrt 
zur  Dame  mit  den  weifsen  Händen  zurück,  von  welcher  er 
nach  langem  Flehen  und  Leiden  Verzeihung  und  Gewährung 
seiner  Wünsche  erhält.  Nach  einiger  Zeit  aber  sehnt  er  sich 
nach  seinen  Gefährten,  nach  Ritterübungen  und  Turnieren:  er 
verspricht  zwar  bald  zurückzukommen,  die  Fee  aber  weifs  nur 
zu  gut  was  sie  von  solchen  Vorsätzen  zu  halten  hat;  sie  fügt 
sich  in  ihr  Schicksal  und  läfst  ihn  ziehen.  Giglain  erhält  im 
Turniere  den  Siegespreis,  gibt  sich  zu  erkennen  und  heirathet 
das  von  ihm  befreite  Mädchen.  Zur  Feststellung  des  Verhält- 
nifses  des  Gedichtes  Wirnt's  zu  seiner  Quelle  bietet  also,  wie 
man  sieht,  diese  Veröffentlichung  keine  neuen  Anhaltspunkte: 
indessen  wollen  wir  mit  Spannung  der  Untersuchung  über  den 
Gegenstand  entgegensehen,  welche  uns  das  Jahrbuch  ver- 
spricht. Hier  nur  noch  einige  wenige  Bemerkungen  über  die 
Arbeit   des  Herrn  Herausgebers. 

Ueber  den  Verfasser,  welcher  sich  selbst  am  Ende  Renals 


1)  Und  folglich  auch  mit  dem   Prosaromane ,   da   dieser  nach   Bc- 
neke  (Wigal.  S.  XXVII)  mit  dem   englischen   Gedichte  übereinstimmt. 


Le  bei  inconnu  p.  Renaukl  de  Beaujeu  publ.  p.  Hippeaii.      419 

de  Biauju  nennt,  wird  nichts  näheres  mitgetheilt;  er  wird  blofs 
auf  dem  Titelblatte  als  poete  du  treizihiie  siede  bezeichnet, 
ohne  dafs  irgend  ein  Grund  für  diese  übrigens  sehr  vage  Zeit- 
bestimmung angegeben  wird.  Auch  ist  die  Beschreibung  der 
Handschrift  keineswegs  so  vollständig,  wie  man  sie  gerade  von 
solchen  wünscht,  die,  weil  im  Privatbesitze ,  nicht  leicht  zugäng- 
lich sind:  wir  erfahren  nicht  einmal  welcher  Zeit  sie  angehört. 
Der  Mangel  an  Genauigkeit  gibt  sich  schon  in  dem  Umstände 
kund,  dafs  in  der  Angabe  der  Stücke,  welche  die  Handschrift 
enthält  (S.  XXX)  es  vom  Beau  Desconneus  heifst,  das  Gedicht 
bestehe  aus  5958  Versen,  während  der  Abdruck  in  der 
That  6122  aufweist.  Aber  selbst  letztere  Angabe  ist  unrich- 
tig, denn  es  ist  sehr  häufig  schlecht  gezählt  worden.  Das 
erste  Versehen  findet  sich  bei  Vs.  820  (richtig  819j,  so  dafs 
von  hier  an  alle  Citate  als  ungenau  zu  bezeichnen  sind.  Frei- 
lich ein  Uebelstand  von  sehr  geringem  Belange,  welcher  viel- 
leicht nur  dem  Corrector  zur  Last  fällt;  aber  eben  deshalb 
wäre  er  sehr  leicht  zu  vermeiden  gewesen.  Nur  an  zwei 
Stellen  (V.  2216,  4664),  wo  zwischen  Reimpaaren  ein  ein- 
zelner Vers  vorkommt,  nimmt  der  Herr  Herausgeber  eine 
Lücke  an;  das  Gleiche  findet  sich  aber  auch  V.  2553,  2917, 
2944,  3323,  3704,  3773,  4140,  4649,  4664,  5141,  5154: 
dazu  kommen  die  Fälle ,  wo  derselbe  Reim  in  einer  ungeraden 
Zahl  von  Versen  (3,  5)  wiederkehrt:  V.  1567 — 9,  1921 — 3, 
2074-6,  2716-8;  1716—20.  Soll  man  hier  überall  Nach- 
lässigkeiten des  Abschreibers  oder  des  Dichters  selbst  anneh- 
men?    Glaubwürdiger  ist  das  erste. 

Es  begegnen  manche  Inconsequenzen  in  der  Abtheilung 
der  Wörter:  sen  1351  gegen  s'en  1385;  746  la  feru  statt  l'a 
feru;  2415  not  für  n'ot;  4951  cest  für  c'est:  ne  1'  vor  Con- 
sonante  oder  n'es  ^)  ( =  non  illos  z.  B.  1049 )  scheint  mir 
durchaus  nicht  gestattet. 

Die  Interpunctionszeichen  sind  jedenfalls  zu  zahlreich, 
nicht  selten  unrichtig:  z.  B.  153  ensemble  ii,  aloit  un  nain; 
713—4  faisoit,  covnr  le  feu;  nach  1582,  1940  ist  der  Schlufs- 
punkt  zu  tilgen  u.  s.  w. 

An  mehr  als  einer  Stelle  entstehen  Zweifel  über  die  Rich- 
tigkeit der  gebotenen  Lesart:  hier  nur  einige  mit  allem  Rück- 
halte vorgeschlagene  Conjecturen. 

')  Bekker  schlug  in  der  Vie  St.  Thomas  (z.  B.  *  1 ,  22,  24)  einen 
Mittelwcfi;  ein  und  schrieb  nes. 

28* 


420  Kritisclie  Anzeigen : 

ir)ll  -   12.   Encontre  ont  une  pucele  <?w^o?' voie     -    eu  lor. 

1854  ff.  Or  nienoit  autre  lien  tirant 
Del  Bei  Desconnen  dirai 
L'istoire  etc. 
Der  Sinn  des  ersten  Verses  ist  wol  der,  dafs  der  Dichter  von 
einem  Gegenstande  zum   anderen  übergehen  will.    Daher  scheint 
menoit   in   me  roil   (oder  nach   dem  Gebrauche  der  Ilandsclisrift 
vait)  und   lien  in  Heu  zu  ändern. 

1989  mufs  vij  in  v  gebessert  werden. 

2319  Le  ceval  mais  atornera   —   main   (mane). 

2,548  Les  Jus  qui  en   la  vile  sont   —    fjens. 

2592 — 3  La  sale  en  bas  vers  terre  estoit 

Que  lonc  qn'ele  moult  porprendoit. 
Vielleicht    que    lonc    que    le    .,  sowol     in  der  Länge    als  in   der 
Breite". 

3927   Por  ricn   que   vos   ainoieft  diro   —   or  nfoies. 

4680  Onques  cuis  hom  plus  bei  ne  vit  —  mis. 
Wg\.  4791   onques  nus  hom   n'ot  sa  parelle. 

4845  ff-     Que  les  vij  mos  me  fist  aprendre 
Tant  que  totes  les  soc  entendre 
Arimetiche,  dyometrie  etc.  —  ars^  im  afr.  natür- 
lich fem.,  vgl.  Phil.  Mouskes   9700. 

5219.  Artus  läfst  das  Turnier  ankündigen  ,,par  les  niar- 
ces  et  par  VEjnre'-'',    Etwa  empire? 

5373  s'armoit  soi-  ij   arbres  grans.  —     Wol  sos. 

Der  Mangel  an  Bekanntschaft  mit  der  Literatur  des  her- 
ausgegebenen Gedichtes  (der  Wigalois  wird  z.  B.  mit  keiner 
Silbe  erwähnt)  spielte  Herrn  Hippeau  einen  unangenehmen 
Streich.  Er  unterzog  sich  nämlich  der  gewifs  nicht  erfreulichen 
Mühe ,  das  englische  Gedicht  aus  der  Handschrift  im  Britti- 
schen Museum,  also  aus  der  nämlichen,  die  schon  von  Ritson 
benutzt  worden  war*),  vollständig  abzuschreiben,  und  verwen- 
dete gegen  hundert  Seiten  seines  Buches  zum  Abdrucke  des- 
selben. In  der  Vorrede  heifst  es  dann :  les  savants  anglais 
.  .  .  ne  nous  en  voudront  pas  de  les  avoir  devances  dans  la 
publication  etc.  ^) 


1)  Eine  andere,  etwas  abweichende,  Handschrift  findet  sich  in  der 
k.  Bibliothek  in  Neapel.  Vgl.  Wright  and  Halliwell,  Reliquiae  antiquae 
2,  65-67. 

'^)  Dieses  Versäumnifs  ist  übrigens  um  so  leichter  zu  entschul- 
digen, wenn  man  bedenkt,  dafs  eine  englische  Anzeige    in   The   reader 


Le  bieviari  damor  de  Matfre  Ermengaud.  421 

Das  Glossar  kann  in  keiner  Hinsicht  befriedigen.  Manche 
Wörter  fehlen,  die  man  gerne  verzeichnet  fände,  und  viele 
sind  vorhanden ,  welche  selbst  ein  Anfänger  nicht  nachschlagen 
wird.  Die  Etymologien  zeigen  nur  zu  deutlich,  Avie  schwer 
es  den  Resultaten  gewissenhafter  Forschung  wird,  überall  die 
verdiente  Geltung  zu  erlangen. 

Wien. 

Adolf  Mussafia. 


Le  Breviari  d'Amor  de  Matfre  Ermengaud  suivi  de  sa  lettre  k  sa  soeur 
publie  par  la  Societe  Archeologique,  Scientifique  et  Litteraire  de 
Beziers.  Tome  Premier,  prämiere  livraison.  Beziers  (1862).  Paris, 
A.  Franck.   Gr.  8°.    XX,  176  p. 

Aus  der  Einleitung  erfahren  wir,  dafs  die  archäologische 
Gesellschaft  zu  Beziers  schon  mehrere  provenzalische  Dichter 
und  Dichtungen  herausgegeben  hat,  die  dem  Bezirke  ange- 
hören, auf  welchen  die  Gesellschaft  ihre  Thätigkeit  beschränkt, 
nämlich  die  Lieder  von  Raimond  Gaucelm,  Bernard  d'Auriac, 
Jean  Esteve ,  Guillem  dem  Mönche ,  Azalais  de  Porcairagues 
(Bulletin,  Tome  1%  deuxieme  livraison  de  la  seconde  Serie, 
1859),  Publicationen,  die  in  Deutschland  noch  wenig  oder 
gar  nicht  bekannt  zu  sein  scheinen,  dem  Unterzeichneten  we- 
nigstens nicht  zu  Gesichte  gekommen  sind.  Auch  das  einzige 
uns  erhaltene  Lied  von  Matfre  Ermengau,  beginneud  Dregz 
de  natura  comanda,  ist  in  dieser  Sammlung  gedruckt,  der 
schon  früher  (1856)  von  mir  veranstaltete  Abdruck  desselben 
in  meinen  provenzalischen  Denkmälern  79,  22  —  81,  10 
scheint  demnach  nicht  bekannt  gewesen  zu  sein,  da  bemerkt 
wird,  dafs  jener  Druck  der- erste  vollständige  sei.  Aufser  dem 
Breviari    und   diesem    Liede   besitzen    wir    noch    den    auf  dem 


a  review  of  current  literature,  January  3,  1863,  uuterschrieben  F.  J. 
F(urnivar:')  ebenfalls  von  Ritson's  Abdrucke  nichts  weifs  und  der 
Verfasser  sich  demnach  veranlafst  findet  zu  sagen:  ,,It  is  .  .  .  a  reproach 
to  English  mcn  of  letters  tliat  we  should  have  to  wait  for  a  French  profes- 
sor,  to  print  for  thc  first  time,  and  that  in  Paris,  an  English  M.S. 
from  the  British  Museum,  relating  to  oiir  great  national  hcro;  but  s<> 
it  is." 


422  Kritische  Anzeigen : 

Titel  bezeichneten  Brief  Matfre's  an  seine  Schwester,  in  zehn- 
silbigen  Reimpaaren,  gedruckt  nach  zwei  Hands(?hriften  in 
meinen  Denkmälern  81,  11  —  85,  17;  dieser  soll  am  Schlufs 
des  Breviari   beigefügt  werden. 

Eine  vollständige  kritische  Ausgabe  des  Breviari  d'amor 
mufs  im  Interesse  des  Inhaltes  sowohl  wie  der  provenzalischen 
Grammatik  und  Lexicographie  als  ein  erwünschtes  Unterneh- 
men bezeichnet  werden,  und  wir  haben  alle  Ursache,  der  ar- 
chäologischen Gesellschaft  zu  danken,  dafs  sie  auf  diese  Weise 
das  sehr  umfängliche  Werk  der  gelehrten  Welt  zugänglich 
macht.  Die  Beliebtheit  desselben  im  Mittelalter  geht  schon 
aus  den  zahlreichen  Handschriften  hervor,  die  sich  davon  er- 
halten haben;  kein  provenzalisches  Werk,  wenn  wir  die  Lie- 
derhandschriften ausnehmen,  ist  in  so  vielen  Manuscripten  auf 
uns  gekommen.  Bis  jetzt  sind  über  zwölf  bekannt,  die  S.  X  ff. 
aufgezählt  und  besprochen  werden.  Davon  fünf  in  Paris,  zwei 
in  London,  zwei  in  Wien,  je  eine  in  Sanct  Petersburg,  Lyon 
und  Carpentras.  Nicht  erwähnt  ist  eine  dreizehnte  Handschrift 
in  der  Bibliothek  des  Escorial  (S.  I,  3),  vgl.  Ebert,  oben 
Seite  54;  und  so  mögen  vielleicht  in  Spanien  (Catalonien 
namentlich)  noch  ein  paar  Handschriften  stecken.  Mit  A  be- 
zeichnet die  Aufzählung,  die  nach  S.  IX  von  dem  Marquis  de 
Seguins-Vassieux  herrührt,  die  Pariser  Handschrift,  fonds  fran- 
^ais  857  (sonst  7226.  3.  3.),  die  auch  den  Brief  Matfre's  ent- 
hält. Sie  hat  ein  paar  Lücken;  die  erste  umfafst  Vers  529  —  GIO; 
in  der  Anmerkung  auf  S.  23  ist  bemerkt,  dafs  statt  dieses 
Abschnittes  leerer  Raum  in  A  sei;  es  sind  80  Verse  die  feh- 
len, in  B  und  D  sind  die  betreffenden  Blätter  ausgerissen,  so 
dafs  der  Abschnitt  nur  nach  C  gegeben  werden  konnte.  Es 
fehlte  also,  was  dem  Herausgeber  entgangen  zu  sein  scheint, 
ein  Blatt  der  Vorlage  von  A ,  welches  80  Verse  umfafste,  denn 
ebenso  grofs  ist  die  Lücke  3576  —  3656,  wiederum  80  Verse; 
nach  3961  fehlten  zwei  Blätter  der  "Vorlage  (Vers  3962  —  4124), 
was  der  Schreiber  von  A  hier  und  wohl  auch  bei  der  zwei- 
ten Lücke  nicht  bemerkte,  sondern  ruhig  im  Texte  fortfuhr. 
Wenigstens  mufs  man  dies  aus  der  Bemerkung  zu  3962 
schliefsen:  tout  ce  passage  jusqu'au  vers  4125  est  omis  dans 
A.  Aeufserlich  also  ist  die  Handschrift  vollständig;  sie  hat 
aber  aufser  diesen  drei  gröfseren  Lücken  eine  Menge  kleinerer, 
namentlich  indem  der  Schreiber  oft,  durch  gleichen  Reim 
verleitet,   ein    paar   Verse    überspringt.      Wenn    dies    nun    auch 


Le  breviari  d'amor  de  Matfre  Ermengaud.  423 

auf  besondere  Sorgfalt  nicht  schliefsen  läfst,  so  ist  nach  der 
Ansicht  des  Herausgebers  der  Text  von  A  doch  der  relativ 
beste  und  darum  bei  der  Ausgabe  zu  Grunde  gelegt  worden. 
Wo  die  Ausgabe  von  A  abweicht  ist  in  den  Noten  unter  dem 
Texte  bemerkt,  wie  auch  daselbst  die  abweichenden  Lesarten 
von  drei  andern  Pariser  Handschriften  (B,  C,  D)  angegeben 
sind.  Mit  A  stimmt  ziemlich  genau  überein  B,  die  Pariser 
Handschrift  Supplement  fran^ais  2001 ,  die  noch  lückenhafter 
ist  als  A,  aber  durch  Fehlen  vieler  BLätter  (Bl.  1  u.  2,  5  —  22, 
29 — 32);  aufserdem  mangelt  der  Schlufs.  Beide  Handschrif- 
ten A  und  B  lassen  zuweilen  dieselben  Verse  aus,  so  dafs  die 
Vermuthung  des  Herausgebers  Avahrscheinlich  wird,  dafs  sie 
aus  derselben  Quelle  stammen,  die  schon  diese  Auslassungen 
hatte.  Unrichtig  ist  die  von  Sachs  (Herrig's  Archiv  25,  415) 
ausgesprochene  Behauptung,  dafs  B  Abschrift  von  A  sei,  da, 
wie  die  Lesarten  ausweisen,  B  viele  Fehler  vermeidet,  die 
sich  in  A  finden.  C,  die  Pariser  Handschrift  fonds  frangais 
858  (früher  7227),  ist  die  einzig  vollständige  Handschrift,  die 
aber  einen  sehr  verderbten  Text  enthält.  Sie  mufste  auschliefs- 
lich  zu  Grunde  gelegt  werden  bei  der  Lücke  in  A  (529  —  610), 
da  auch  B  und  D  durch  Ausreifsen  von  Blättern  hier  nicht 
halfen.  Freilich  hätte  hier  der  Gleichmäfsigkeit  wegen  die  in 
dem  übrigen  Texte  herrschende  Schreibart  statt  der  Jüngern 
und  rohern  in  C  durchgeführt  werden  sollen.  Die  Eigen- 
thümlichkeit  von  D,  fonds  fran9ais  IGOl  (sonst  7619),  den 
Versen  mit  weiblichem  Reime  in  der  üblichen  Weise  neun 
Silben  zu  geben ,  während  sie  bei  Matfre  nur  acht  haben,  wird 
S.  XIV  fg.  hervorgehoben,  wo  auch  auf  die  Anmerkung  in 
meinem  Lesebuche  (zu  151,  36)  verwiesen  ist,  in  der  ich 
diese  Eigenheit  zuerst  aussprach.  Ihre  Erklärung  durch  den 
Herausgeber  ,, Matfre  donne  une  valeur  i-eelle  aux  finales  a  et 
e,  comme  aux  autres;  autreraent  dit,  il  n'y  a  pas  dans  son 
texte  des  rimes  feminines",  scheint  mir  nicht  ganz  das  Rich- 
tige zu  treffen.  Vielmehr  verfährt  hier  Matfre  nach  Analogie 
der  Lyriker,  denn  der  Vers  mit  weiblichem  Reime,  der  in 
der  Lyrik  dem  achtsilbigen  mit  männlichem  Reime  entspricht, 
ist  der  achtsilbige,  nicht  wie  in  der  Epik  der  neunsilbige.  Der 
neunsilbige  ist  in  der  Lyrik  selten.  Vgl.  Pfeiffer's  Germania 
2,  274 — 275.  Dem  Texte  von  D  folgte,  wie  der  Heraus- 
geber S.  XV  bemerkt,  Sachs  in  seineu  Auszügen  mit  Unrecht. 
Die  fünfte  Pariser  Handschrift   (8.  Gormain,   fran^ais  nr.   137) 


424  Kritische  Anzeigen: 

enthält  eine  prosaische  Auflösung,  hat  daher  für  die  Textkri- 
tik keinen  Werth.  Diese  Prosa  ist  aber  nicht  provenzalisch, 
sondern  altcatalanisch,  wie  auch  der  in  derselben  Handschrift 
enthaltene  Liber  consolationis  et  consilii  von  Albertanus  de 
Brescia  (vom  Jahre  1246),  den  der  Herausgeber  (S.  XV)  mit 
Unrecht  als  provenzalisch  bezeichnet.  Nachricht  von  der 
Lyoner  Handschrift  (S.  XVII I)  findet  sich  auch  im  Scrapeum 
von  Naumann  3,   122. 

Bruchstücke  des  Breviari  d'amor  waren  bisher  mehrfach 
bekannt  gemacht  j  zuerst  von  Raynouard  im  ersten  Bande  des 
Lexiqae  Roman,  von  Mahn  in  seinen  Gedichten  der  Trouba- 
dours (Band  I),  von  mir  im  provenzalischen  Lesebuche,  und 
von  Sachs  theils  in  Herrig's  Archiv  25,  413—426,  26,  49—70, 
theils  in  dieser  Zeitschrift  2,  325  —  357.  Letzterer  scheint 
mit  einer  vollständigen  Ausgabe  des  Werkes  umgegangen  zu 
sein,  die  nun  freilich  wohl  unterbleiben  wird,  um  so  mehr  als 
wir  nicht  nur  die  Veröffentlichung  des  Ganzen  an  sich ,  son- 
dern auch  die  Art  und  Weise  derselben  zu  rühmen  haben. 
Zur  Beförderung  des  Verständnisses  wird  am  Schlüsse  eii. 
Glossar,  die  weniger  üblichen  Worte  umfassend,  beigefügt 
werden.  Unerwähnt  wollen  wir  endlich  auch  nicht  lassen,  dafs 
eine  Anzahl  der  in  den  Manuscripten  enthaltenen  Miniaturbilder 
veröffentlicht  werden  wird,  die  nicht  nur  manches  interessante 
Detail  enthalten ,  wie  Referent  aus  Anschauung  der  Pariser 
und  Londoner  Manuscripte  weifs,  sondern  auch  für  die  Er- 
leichterung des  Verständnifses  wesentlich  sind.  So  namentlich 
die  Abbildung  des  Baumes  der  Liebe  (albre  d'amor),  auf  welche 
der  Dichter  in  der  folgenden  Beschreibung  und  Auslegung  sich 
oft  bezieht  (ansdrücklich  penchura  oder  figura),  und  ohne  die 
in   der  That  manches  unklar  bleibt. 

Schon  in  der  Bezeichnung  seines  Werkes,  das  er  im  Mai 
1288  begann,  durch  Breviari  d'Amor  gibt  der  Dichter  den 
Standpunkt  zu  erkennen ,  von  welchem  aus  er  die  Welt  be- 
trachtet. Dem  Inhalte  nach  stimmt  sein  Werk  zu  andern  en- 
cyclopädischen  des  Mittelalters ;  deren  der  Herausgeber  auf 
S.  VH  mehrere  erwähnt;  und  doch  steht  es  eigenthümlich  da 
durch  die  zu  Grunde  liegende  Anschauung.  Der  Dichter 
knüpft  durch  dieselbe  an  die  höfische  Liebespoesie  der  Pro- 
venzalen  an ,  die  zu  seiner  Zeit  ihre  letzten  Blüthen  trieb.  Den 
„Baum  der  Liebe"  zu  erklären  und  zu  deuten  bezeichnet  er 
selbst  als    den  Zweck    seines    umfangreichen    Gedichtes:    dieser 


Le  breviari  d'amor  de  Matfre  Ermengaud.  425 

Baum  umfafst  aber  nicht  weniger  als  das  ganze  Weltall.  Die 
göttliche  Liebe  ist  der  Ursprung  alles  Erschaffenen,  und  von 
ihr  ist  die  menschliche  Liebe  nur  der  irdische  Wiederschein. 
Von  ähnlicher  Anschauung,  die  die  Liebe  zum  Mittelpunkt  des 
Weltalls  macht,  alles  auf  sie  bezieht,  alles  von  ihr  herleitet, 
gehen  auch  die  Verfasser  der  Leys  d'amors  aus,  die  sogar 
ihrem  rein  wissenschaftlichen  Werke  den  Namen  von  der 
Liebe  entlehnten.  Zu  Nutz  und  Frommen  der  treu  liebenden 
Herzen  will  der  Dichter  seinen  Gegenstand  in  romanischer, 
nicht  in  lateinischer  Sprache,  behandeln,  wiewohl  ihm,  bemerkt 
er,  letzteres  leichter  sein  würde;  und  er  hat  damit  nicht  Un- 
recht. Denn  für  die  scholastische  Art  und  Weise  seiner  Be- 
weisführung war  der  Ausdruck  der  mittelalterlichen  Latinität 
geübter  und  ausgebildeter  als  die  Volkssprachen,  und  von  die- 
ser Seite  her  ist  Matfre's  Verdienst  nicht  gering  anzuschlagen, 
indem  er  der  erste  Provenzale  war,  der  streng  wissenschaft- 
lichen Stoff  in  provenzalischer  Sprache  behandelte.  Er  hat 
also  zur  Bereicherung  der  Sprache  nicht  wenig  beigetragen, 
indem  er  die  philosophischen  Kunstausdrücke  in  sie  einführte, 
freilich  kein  so  schwieriges  Unternehmen,  weil  er  bei  dem 
Verhältnifs  des  Lateinischen  zum  Provenzalischen  meist  nur 
die  Endung  zu  romanisiren  brauchte.  Die  vorliegende  erste 
Lieferung  umfafst  V.   1 — 5205  seines  Gedichtes. 

Nach  einer  allgemeinen  Einleitung  über  die  Veranlassung 
seines  Werkes  und  über  seine  eigene  Unzulänglichkeit  betrach- 
tet der  Dichter  das  Wesen  der  Liebe,  deren  doppelte  Art, 
und  gibt  folgende  Definition  von  ihr  (294 — 285): 
amors  es  bona  voluntatz , 
plazers,  affectios  de  be. 
Diese  Definition  wird,  nachdem  er  von  dem  Baum  der  Liebe 
im  allgemeinen  gehandelt  und  eine  prosaische  Deutung  dessel- 
ben im  Anschlufs  an  die  Abbildung  (die  also  von  dem  Dich- 
ter selbst  herrührte)  gegeben  hat,  näher  erläutert  und  begrün- 
det (573  ff.).  Dann  folgt  die  Erläuterung  des  Baumes,  auf 
dessen  Spitze  eine  weibliche  Gestalt  steht,  die  als  die  Perso- 
nification  der  Liebe  gedeutet  wird  (G14  ff.).  Auf  ihrem 
Haupte  trägt  sie  die  Krone  der  Gottes-  und  Nächstenliebe ; 
auf  dem  Herzen  die  Liebe  zu  den  Kindern;  und  am  einen 
Fufse  die  Liebe  zwischen  Mann  und  Weib,  die  (ieschlechts- 
liebe.  Damit  bezeichnet  der  Dichter  in  richtiger  Weise  sym- 
bolisch die  Abstufungen   von   der  höchsten  und  edelsten  Liebe 


426  Kritische  Anzeigen: 

zu  der  immer  mehr  und  mehr  irdischen  und  sinnlichen.  Am 
andern  Fufse  endlich  die  Liebe  zu  irdischen  und  zeitlichen 
Gütern.  Dieser  allgemeinen  Eintheilung  folgt  die  breitere  Er- 
klärung der  einzelnen  Arten  von  Liebe.  Der  Dichter  beginnt 
mit  dem  AVesen  Gottes,  dem  Gehcimnifs  der  Dreieinigkeit,  die  er 
unter  Beziehung  auf  die  heilige  Schrift  und  Kirchenväter  dem 
Laien  durch  mehrere  auch  sonst  im  Mittelalter  übliche  liilder 
und  Vergleiche  begreiflich  und  -deutlich  zu  machen  sucht. 
Dann  von  den  Eigenschaften  Gottes;  bei  Gelegenheit  der  All- 
wissenheit wird  die  Prädestination  behandelt,  die  er  durch  die 
Allwissenheit  zu  rechtfertigen  sucht,  indem  er  diejenigen  wider- 
legt, die  in  der  Prädestination  einen  Anstofs  ei^Dlicken,  nach 
Willkür  und  ohne  Rücksicht  auf  Sitte  und  Gesetz  zu  handeln, 
da  sie,  wenn  zur  Seligkeit  bestimmt,  doch  selig,  und  wenn 
von  Anfang  an  verdammt,  doch  der  Verdammung  niclit  ent- 
rinnen würden.  Die  Güte  Gottes  führt  auf  den  Begriff  von 
Böse  und  Gut;  der  Verfasser  erklärt,  in  v,äefern  auch  das 
Böse  von  Gott,  der  doch  der  Quell  alles  Guten  ist,  ausgehen 
könne.  Gottes  Allmacht  leitet  zu  der  Schöpfung  hinüber. 
Unter  den  geschaffenen  Wesen  betrachtet  er  zuerst  die  Engel 
(2804  S.) ,  deren  er  nach  der  allgemeinen  mittelalterlichen 
Tradition  neun  Orden  oder  Klassen  unterscheidet  (2888  ff.). 
Sie  sind  ihrem  Namen  nach  (car  angel  vol  dir  messatgier  2998) 
Boten- Gottes,  deren  Wirkungskreis  und  Thätigkeit  näher  be- 
leuchtet wird  (.3068  ff.).  Jeder  erwählte,  zur  Seligkeit  be- 
stimmte Mensch  kommt  nach  seinem  Tode  in  einen  der  neun 
Engelchöre  (3153  ff.);  wie  beschajffen  der  Mensch  sein  müfse, 
um  in  den  einen  oder  den  andern  Chor  aufgenommen  zu  wer- 
den, weifs  der  Verfasser  genau  anzugeben.  Den  Engeln  gegen- 
über stehen  die  Teufel  (3283  ff.),  die  verschiedene  Namen, 
Diables,  Satans,  Belials,  haben  (3308)  und  ursprünglich  auch 
Engel  waren  f3330  ff.),  die  der  Hochmuth  zu  Falle  brachte. 
Nachdem  auch  die  Wirksamkeit  des  Teufels  näher  bezeichnet 
worden,  und  noch  die  Frage  erörtert  ist,  warum  Gott  den 
Teufel  überhaupt  zulasse,  geht  Matfre  auf  die  Beschreibung 
des  Himmels  und  der  Welt  über  (3576  ff.);  die  Entfernung  des 
Himmels  von  der  Erde  wird  unter  Berufung  auf  verschiedene 
Gelehrte  (Aristoteles,  der  wohl  unter  dem  Philosophos  3629 
gemeint  ist,  Ptolemäus,  Alniagest  u.  s.  w.)  angegeben  (3622  ff.), 
dann  die  zwölf  Himmelszeichen  erst  im  allgemeinen  ('3656  ff.) 
und  dann  jedes   im   besondern    betrachtet   (3714  ff.)-     Hierauf 


Le  breviari  d'amor  de  Matfre  Ermengaud.  427 

folgen  die  Sterne  (3944  ff.),  und  insbesondere  die  sieben  Pla- 
neten, nämlich  Sonne,  Mond,  Mars,  Mercur,  Jupiter,  Venus, 
Saturn  (3998  ff.).  Der  Einflufs  auf  Kinder,  welche  unter  jedem 
dieser  Planeten  geboren  sind,  wird  eingehend  nach  mittelalter- 
licher Weise  erörtert.  Mit  diesem  Einflufse  hängt  zusammen 
der  Abschnitt  über  ,, Stern  und  Unstern"  (d'astre  et  de  desastre 
5109  ff.),  mit  welchem  diese  Lieferung  abschliefst.  Der  gün- 
stige oder  ungünstige  Stand  der  Gestirne  bei  der  Geburt  übt 
allerdings  einen  bestimmten  Einflufs  auf  die  Naturanlage  des 
Menschen;  allein  dieser  Einflufs  ist  nicht  so  stark,  dafs  ihn 
der  Mensch  nicht  besiegen  könnte.  Daher  ist  für  den  Men- 
schen, der  Böses  thut,  keine  Entschuldigung,  wenn  er  sagt, 
er  sei  unter  dem  Einflufs  eines  bösen  Gestirns  geboren. 

Ich  habe  diesen  freilich  nur  das  bedeutendste  berühren- 
den Auszug  aus  dem  reichen  Inhalt  hier  einzufügen  für  nütz- 
lich geachtet,  um  dadurch  die  Aufmerksamkeit  auch  derjenigen, 
die  die  provenzalische  Sprache  und  Literatur  nicht  zum  Gegen- 
stande besonderer  Forschung  machen,  auf  Matfre's  Werk  hin- 
zulenken. Für  das  Verständnifs  mittelalterlicher  Geistesbildung 
und  Cultur  sind  solche  Werke  wie  das  Breviari  d'amor  eine 
ergiebige  und  wichtige  Quelle. 

Der  Art  und  Weise  der  Veröffentlichung  haben  wir  schon 
oben  das  gebühi-ende  Lob  zu  Theil  werden  lassen.  Die  Ge- 
staltung des  Textes  rührt,  wie  A\ir  aus  Andeutungen  der  Vor- 
rede zu  entnehmen  glauben ,  hauptsächlich  von  Paul  Meyer 
her,  der  sich  cils  tüchtigen  wissenschaftlich  gebildeten  Philo- 
logen schon  durch  mehrere  Arbeiten  bewährt  hat.  Was 
grammatische  und  orthographische  Einzelheiten  betrifft,  so  ist 
zunächst  die  Behandlung  der  Affixe  zu  erwähnen.  Mit  Recht 
ist  der  Herausgeber  nicht  der  Weise  von  Raynouard  gefolgt, 
der  sich  in  Deutschland  bis  jetzt  die  meisten  Herausgeber 
(Mahn,  K.  Hofmann,  Keller,  Sachs)  angeschlossen  haben, 
die  Affixe,  die  doch  meist  einzelne  Buchstaben,  Consonanten 
ohne  Vocal,  sind,  getrennt  zu  schreiben  (aissi  m ,  no  1  u.  s.  w.), 
was  offenbar  der  Natur  des  Wortes  und  der  Silbe  widerspricht. 
Einen  Mittelweg  schlug  Diez  ein,  indem  er  das  Affix  mit  dem 
vorhergehenden  Worte  durch  einen  Bindestrich  verband  (aissi-ni, 
no-l),welcher  Weise  ich  in  meinem  Lesebuche  auch  folgte.  In 
den  Denkmälern  und  im  Peire  Vidal  aber  lührte  ich  die  allein 
richtige  Verbindung  durch,  und  dieses  Verfahren  hat  auch  der 
Herausgeber  des    Breviari    angenommen.     Die    Apostrophe    hat 


428  Kritische  Anzeigen: 

er  beibehalten,  hierin  dem  allgemeinen  modernen  Gebrauche 
folgend.  Nur  in  einem  Punkte  weicht  er  von  der  in  meinen 
Ausgaben  beobachteten  Schreibweise  ab,  nämlich  in  ai  ei 
oi  u.  s.  w.  vor  folgendem  Vocale ,  wo  ich  aj  ej  oj  u.  s.  w. 
schreibe.  Bekanntlich  war  der  erste,  der  die  Schreibung  mit 
j  durchführte,  Kochegude  im  Parnasse  Occitanien;  Raynouard's 
Vorgang,  der  sich  für  i  entschied,  hat  auch  hier  auf  alle 
nachfolgenden  Herausgeber  eingewirkt.  Immanuel  Bokker 
schreibt  beides  ohne  festen  Grundsatz,  aja  und  aia,  auiatz  und 
aujatz  u.  s.  w.  Während  Diez  in  der  ersten  Ausgabe  der 
Grammatik  (1,  102)  sich  mehr  für  i  entscheidet,  neigt  er  in 
der  zweiten  (1,  402)  zu  j ,  läfst  jedoch  unentschieden,  was 
das  definitiv  richtige  sei.  Die  Vergleichung  mit  u  und  v,  die 
in  jeder  Hinsicht  i  und  j  parallel  stehen,  weist  ganz  entschie- 
den auf  j.  Ich  kann  mich  auf  diesen  Gegenstand  hier  nicht 
weiter  einlassen,  und  mufs  ihn  einer  Darstellung  der  proven- 
zalischen  Grammatik  aufbehalten.  Im  Üebrigen  ist  der  Her- 
ausgeber der  Schreibweise  der  Handschriften  gefolgt,  die  im 
allgemeinen  wohl  die  des  Dichters  ist.  Eine  sorgfältige  Be- 
trachtung der  Reime  müfste  ausweisen,  ob  nicht  jedoch  man- 
ches auf  Rechnung  der  Schreiber  kommt.  Das  Nominativ-s 
scheint  Matfre  noch  ziemlich  genau  zu  setzen,  mir  ist  wenig- 
stens aus  dem  jetzt  gedruckten  Theile  kein  Reim  aufgefallen, 
der  das  Gegentheil  bewiese.  Die  Substantiva  in  aire  bildet 
er  jedoch  schon  in  ors,  so  steht  Creators  als  Nom,  sing.  (280, 
1672)  im  Reime  auf  amors,  majors,  ebenfalls  nomin.  für  ma- 
jer.  Im  Einzelnen  hätte  ich  von  den  ersten  2000  Versen,  die 
ich  bis  jetzt  näher  betrachtet  habe ,  noch  etwa  Folgendes  zu 
bemerken. 

16.  LXXXVIII  ses  may  ses  mens;  A  hat  ses  may  e,  ses 
mens ;  e  ist  nicht  zu  streichen ,  denn  löst  man  die  Zahl  in 
Worte  auf,  so  ergibt  sich  uchant'  ueit  ses  may  e  ses  mens ;  uchant' 
et  ueit  ist  nicht  uöthig.  —  31.  lies  a  riqueza  gran;  der  Her- 
ausgeber schreibt  a  riqueza,  gran,  ich  weifs  nicht  warum ;  denn 
gran  ist  auch  Femininum.  —  61.  zu  qu'ieu  fehlt  das  Verbum; 
ich  vermuthe 

qu'ieu  de  lur  dubitacio, 

ab  vera  declaracio, 

do  doctrina  vertadieira; 
der  Text   de  doctrina.     —   97   en  ver  amor;  ebenso   steht  d'est 
amor77,  pur  amors   775,  dagegen  est' amors,    mit    dem  sonst 


Le  breviari  d'amor  de  Matfre  Ermengaud.  429 

immer  gesetzten  Apostrophe.  Sollte  der  Herausgeber  an  den 
bemerkten  Stellen  amors  als  Masculinura  genommen  haben?  — 
155.  Das  Komma  nach  mi  ist  zu  tilgen,  und  so  häufig,  vgl. 
209,  335,  433,  645,  766,  784,  888.  —  163.  don  sapchatz 
que,  ieu  se  die  be,  aquo  ven  de  dieu ,  non  de  me;  der  Sinn 
ist  ,,wenn  ich  etwas  gutes  sage,  so  kommt  es  von  Gott,  nicht 
von  mir";  daher  wohl  si  ieu  die  be;  allerdings  steht  si  ieu 
165  einsilbig,  aber  daraus  folgt  nicht,  dafs  es  nicht  auch  für 
zwei  Silben  gelten  könnte.  —  189.  et  en  s'amor  nos  avia 
(:  abriva);  C  aviva,  und  so  ist  des  Reimes  wegen  zu  lesen, 
wenngleich  ungenaue  Reime  bei  Matfre  vorkommen.  —  213.  la 
gran  bontat  sua  (:  envia);  offenbar  gebrauchte  der  Dichter 
die  Nebenform  sia,  die  auch  228  im  Reime  steht,  sia:  mia.  — 
296.  sius  cove  „wenn"  es  euch  pafst";  A  hat  nach  der  An- 
merkung siens  oder  sieus,  wohl  das  letztere  und  dies  ist  das 
richtige:  B  C  schreiben  sius.  Beide  Worte  verwachsen  zu 
einem,  dessen  Vocal  iu  wie  ein  ursprünglicher  behandelt  wird. 
Nun  hat  Matfre  kein  iu  mehr,  sondern  ieu.  Das  beweisen  die 
Reime  ieu:  vieu  (=  ieu:  vieu)  495,  brieu :  vieu  1401.  Auch 
schreiben  die  Handschriften  sonst  immer  ieu,  vgl.  escrieu  231, 
estieu:  vieu  413,  rieus:  brieus  1223.  Dieselbe  Aussprache 
und  Schreibung  hat  Amanieu  des  Escas  (Anm.  zu  meinem 
Lesebuche  147,  14).  —  297-  hier  und  301  schreibt  der  Her- 
ausgeber d'on  für  don,  während  sonst  immer  letzteres,  und  dies 
mit  Recht,  denn  ein  de  on  kommt  nicht  vor.  —  353.  triar 
deu  quasqus  persona;  auffallend  ist  persona  als  mascul.  ge- 
braucht, die  Handschriften  scheinen  übereinzustimmen.  Viel- 
leicht ist  triar  einsilbig  gebraucht,  und  dann  wäre  quascuna 
erlaubt.  Den  Laut  ia,  den  ältere  Dichter  zweisilbig  sprachen, 
braucht  Matfre  bald  ein-  bald  zweisilbig,  vgl.  prenian  (zwei- 
silbig) 424.  mermaria  (viersilbig)  426,  ebenso  remanria  (427); 
poyria  (zweisilbig)  877,  vielleicht  pogra  zu' schreiben;  sia  (ein- 
silbig) 885,  1121,  1274;  dagegen  zweisilbig  1146;  poyria 
(dreisilbig)  1240;  avia  (zweisilbig)  1392  u.  s.  w.  —  363.  reimt 
amic:  vi  (ich  sah):  vielleicht  ist  vic  zu  schreiben;  oder  ami: 
vi;  über  erstere  Form  vergleiche  Anm.  zum  Lesebuche  132, 
39.  —  502.  est  albres,  quar  devas  un  latz  der  Herausgeber; 
A  hat  quar  daus  la  un  latz;  C  daus  latz;  B  und  D  fehlt  die 
Stelle.  Die  Lesart  von  A  ist  nicht  anzutasten,  weder  la  un 
noch  die  zweisilbige  Aussprache  ist  auffallend;  im  Non)in.  la 
US    que    l'autre    de    totz    tres    274,    wo    auch    auf    la    iis    zwei 


430  Kritische  Anzeigen: 

Silben  kommen.  Vgl.  auch  mein  Lesebuch  179,  24.  —  509 
(jiiom  mais  y  a  de  culhidors;  lies  qu'om  niais;  om  steht 
durch  Assimilation  für  on,  wie  noni  für  non  bei  Matfre  u.  a. ; 
auf  on  mais  im  Vordersätze  ,,je  mehr",  folgt  im  Nachsatze 
mais  ,, desto  mehr',  vgl.  511;  Lesebuch  G8,  49  on  mais  — 
pieitz,  „je  mehr  —  desto  schlimmer".  —  561.  quar  desus  la 
vos  ay  tocada;  um  eine  Silbe  zu  lang,  daher  laus  ay  tocada. 
—  5G3.  der  Punkt  nach  aver  ist  zu  tilgen.  —  578.  lies  per 
son  cabal;  allerdings  hat  C  und  andere  Handschriften  des 
Breviari  oft  die  Form  pe.  —  583.  lies  bona  per  que? 
yeu  o  diray;  der  Sinn :  „warum  ich  sie  gut  nannte?  ich  will 
es  euch  sagen."  —  603.  um  eine  Silbe  zu  kurz;  es  fehlt 
einmal  gaug,  also  quez  om  d'autrui  gaug  gaug  aja,  ,,dass  man 
Freude  an  des  andern  Freude  habe."  —  605.  e  si  a  son  vezi 
mal  atray  asalh  (wozu  in  der  Anmerkung  steht:  A  asalh; 
aber  in  A  fehlt  ja  die  Stelle)  zu  lang;  der  Schreiber  verschrieb 
sich,  und  vergass  dann  atray  auszustreichen,  das  zu  tilgen 
ist.  —  620.  sius  avetz  entendut  „wenn  ihr  es  verstanden,  dar- 
auf geachtet  habt";  die  Handschriften  haben  sus  oder  [C]  si  o 
für  sius;  die  Hinzufügung  des  Dativ,  commodi  bei  entendut  ist 
auffallend.  Ich  möchte  die  Lesart  von  C  vorziehen.  —  668. 
warum  nicht  estay  en  dieu  e  dieus  en  luy;  der  Text  setzt  für 
en  beidemal  ab;  C  hat  am,  diese  Form  zu  entfernen  war  nicht 
nöthig,  sie  steht  auch  sonst,  z.  B.  1666-  —  860.  aiss'ieu  trop 
„so  finde  ich"  darf  man  nicht  schreiben,  denn  der  Schlufsvo- 
cal  von  aissi  kann  nicht  elidiert  werden;  vielmehr  aissieu  in 
einem  Worte,  was  sich  mit  sieus  (zu  296)  vergleicht.  —  890. 
memoria  viersilbig  gebraucht  ist  gewifs  unrichtig,  denn  schon 
die  altern  Dichter  gebrauchen  es  dreisilbig,  weil  i  nicht  be- 
tont ist;  daher  ist  wohl  der  Vers  um  eine  Silbe  zu  kurz; 
vgl.  885.  —  920.  per  tant  nois  devo  Ihi  veray  filh,  um  eine 
Silbe  zu  lang,  daher  zu  lesen  Ihi  ver  filh.  —  937.  tilge  den 
Punkt  nach  sabria.  —  998.  ligian  wäre  Präteritum  ;  der  Con- 
juuct.  Präs.  wird  erfordert,  daher  wohl  lejan.  —  1013.  li  pair 
elh  filh  el  s.  esperitz;  es  mufs  die  Nebenform  espritz  ange- 
nommen werden,  die  auch  1119  (doch  wohl  nach  den  Hand- 
schriften?) wirklich  steht.  Ebenso  ist  der  ganz  gleichlautende 
Vers  1195  zu  bessern.  —  1101.  reimt  signitica:  lia;  offenbar 
ist  signifia  zu  lesen ;  die  Form  signifiar  führt  das  Lex.  Rom.  5, 
232  aus  dem  Breviari  d'amor  an.  —  1213.  autres  mit  dem 
Ton  auf  der  ersten  Silbe,  reimt  auf  res ;   ebenso    commensen  : 


Le  breviari  d'amor  de  Matfre  Ermengaud.  431 

yssamen  1840;  über  solche  Verschiebung  des  Tones  siehe  die 
Anmerkung  zu  meinen  Denkmälern  1,  2.  —  1307.  que  Thu- 
manals  entendemens ,  gegen  die  Handschriften;  A  hat  que  lunhs 
h.,  C  que  lunhs  humana;  beide  also  lunhs,  was  zu  entfernen 
ungut  war.  Lies  que  lunhs  humas  entendemens.  —  1336. 
mala  Ventura  schreibt  der  Herausgeber;  ebenso  per  nulha 
Ventura  1474;  wenn  auch  die  Handschriften  so  abtheilen,  was 
ich  nicht  bezweifeln  will ,  so  folgt  aus  der  häufig  vorkommen- 
den Auseinanderreifsung  auch  bei  andern  Wörtern  nicht,  dafs 
es  ein  provenz.  Ventura  gibt.  Daher  lese  man  mal'  aventura 
oder  malaveutura,  und  nulh'  aventura.  —  1399.  entr'  eis  quals 
,, unter  welchen";  schreibe  entrels  quals,  denn  einen  Artikel 
eis  gibt  es  nicht;  er  steht  für  entre  los  quals.  —  1405.  sol 
dieus  es  doncx  veramen,  um  eine  Silbe  zu  kurz,  auch  dem 
Sinne  nach  unvollständig;  beidem  wird  abgeholfen,  wenn  man 
schreibt  sol  dieus  es  doncx  dieus  veramen.  —  1428.  que  dei- 
tatz  pura  der  Text  nach  C;  A  hat  quel  deitatz;  die  ange- 
lehnte Pronominalform  des  Femininums  kann  auch  1  lauten, 
daher  A  nicht  unrichtig.  —  1555.  e  pren  semblan  del  diable 
A;  dann  ist  diable  nach  älterer  Mefsung  dreisilbig;  C  sem- 
blansa,  dann  nur  mit  zwei  Silben.  Die  jüngere  Mefsung  hat 
Matfre  1403  que  non  es  vieures  dels  diables.  Vielleicht 
schwankt  der  Dichter  auch  hier  wie  bei  ia  überhaupt  (vg\.  zu 
353).  —  1590-91.  quez  uei  non  es  creatura  ni  eria  ni  es 
estada;  offenbar  ist  für  eria  zu  lesen  er  ja  ,,wird  niemals 
sein".  —  1597.  ayssi  qu'o  sab;  besser  ayssi  quo  sab.  — 
1G16.  no  creet  malvestat  dieus  ni  folias  ni  peccat;  C  hat  fo- 
lia,  die  richige  Lesart,  denn  es  ist  der  Begriff  „Thorheit" 
gemeint.  —  16G1.  si  non  Fama  d'aquel  (1.  aquel')  amor  qu'om 
deu  amar  son  creator;  besser  c^uom  deu.  —  1753.  reimt 
moltz  (viele)  auf  motz  ,, Worte";  daraus  geht  hervor,  dafs 
Matfre  mot  schrieb  und  sprach;  die  sonst  vorkommenden 
(älteren)  Formen  molt  und  mout  sind  daher  zu  beseitigen, 
auch  wenn  sie  sich  in  den  Handschriften  finden.  —  1909.  plus 
que  dieus  sal  certanamen;  lies  pus  que;  die  Handschriften 
mögen  plus  haben,  zu  Matfre's  Zeit  schrieb  man  wohl  schon 
pus  für  plus  (wie  z.  B.  die  Handschrift  la  Valliere  14  meist 
hat) ,  daher  hielten  die  Schreiber  dies  pus  und  das  andere 
(für  pois  pueis  stehende)  für  gleichbedeutend  und  verwechseln 
es  wie  hier. 

Zu    eingehender    Erwägung  mancher    Stellen    würden    wir 


432     Kritisclie  Anzeigen:  Lo  hroviari  iVamor  de  Matfre  Ermengaud. 

uns  nicht  veranhifst  gesehen  haben,  wenn  die  Ausgabe  mit 
weniger  Sorgfalt  und  kritischem  Bestreben  gemacht  wäre. 
Der  Herausgeber  möge  daher  in  diesen  Bemerkungen  gerade 
ein  Zeugnifs  freudiger  Anerkennung  über  die  schöne  und  ver- 
dienstliche Arbeit  erblicken.  Dürften  wir  ihm  schliefslich 
einen  Rath  geben,  so  wäre  es  der,  auf  den  wir  schon  oben 
hinwiesen ,  den  Reimgebrauch  bei  Matfre  einer  sorgfältigen 
Untersuchung  zu  unterziehen.  Nicht  mit  Unrecht  betrachtet 
man  in  der  deutschen  Philologie  die  Reime  der  mittelhoch- 
deutschen Dichter  als  ein  werthvolles  Kriterium.  Zu  ähnlich 
sichern  Resultaten  mufs  auch  die  Untersuchung  der  nicht 
minder  genau  reimenden  provenzalischen  Dichter  führen. 

Rostock,  im  December  1862. 

Karl    Bartsch. 


Bibliographie.    Zur  französischen  Literaturgeschichte.  433 


Bibliographie  des  Jahres  1861. 


I.    Zur  französischen  Literaturgeschichte. 

A. 

1.  Annuaire  du  bibliophile,  du  bibliothecaire  et  de  l'ar- 
chiviste,  pour  l'annee  1861,  public  par  L.  Lacour.  2®  annee. 
18°.  299  p.  3  Fr. 

Enthält  u.  a.  folgende  Artikel:  F.  Denis,  Notice  sur  la  biblioth. 
d'Evora;  P.  Malassis,  sur  la  l^  ed.  des  poesies  de  Marguer.  de  Na- 
varre;  Berty ,  Recherches  sur  la  demeure  des  principaux  imprinieurs 
et  libraires  de  Paris  au  16^  s.;  Souvenirs  de  l'ann.  1859 — 1860,  worin 
die  interessantesten  die  Bibliotheken  betreffenden  Facta  aufgezeich- 
net sind. 

2.  Bibliographie  Gantoise.  Recherches  etc.  par  F.  Van 
der  Haeghen.    [s.  J.   60,  Nr.  3b.]    Partie  III.    482  p.    8  Fr. 

S.  darüber  ferner  Serapeum,  Nr.   17. 

3.  Bibliographie  du  Perigord.  Seizieme  siecle.  Par  le 
comte  E.  de  Malletille.  8".  65  p.  4  Fr. 

In  100  Expl. 

4.  Etudes  bibliographiques  sur  les  periodiques  publies  a 
Dijon,  depuis  leur  origine  jusqu'au  31  decembre  1860.  Jour- 
naux  politiques,  litteraires,  scientifiques,  de  jurisprudence  et 
d'administration;  almanachs  et  annuaires,  memoires  de  I'Aca- 
demie  et  de  la  Commission  des  antiquites,  par  P.  M.  Dijon. 
8^  92  p. 

In  100  Expl. 

5.  Marques  typographiques ,  ou  Recueil  des  monogram- 
mes  etc.  [s.  J.  59,  Nr.  6.]  10^  et  11*^  livr. 

6.  Histoire  du  livre  en  France  depuis  les  temps  les  plus 
recules  jusqu'en  1789,  par  Edm.  Werdet,  ancien  libraire-edi- 
teur.  V^  Partie.  Origines  du  livre  manuscrit.  1275  — 1470. 
2<=  Partie.  Transformation  du  livre.  1470—1789.  18".  XXI, 
372  p.;  XXXII,  376  p.     10  Fr. 

7.  Histoire  de  rimprimerie  imperiale  de  France,  suivie  des 
spccimens  des  types  etrangers  et  fran^ais  de  cet  etablissemeut; 
par  F.  A.  Duprat.    8".  IV,   584  p.    (Mit  einer  Tafel.)     12  Fr. 

Das  Buch  zerfällt  in  drei  Abtheilungen,  deren  erste  der  Geschichte 
der  Buchdruckerkunst  im  Allgemeinen,  die  zweite  erst  der  Geschichte 
der  kaiserlichen  Druckerei  gewidmet  ist,  während  die  dritte  die  Kämpfe, 
welche  dies  Etablissement  gegen  Neider  und  Concurrenten  zu  bestehen 
hatte,  besonders  behandelt.  Da  der  Verfasser  ,,chef  du  service  de  l'ad- 
ministration"  der  kaiserlichen  Druckerei  ist,  so  läfst  sich  schon  erwar- 
ten,   dafs    manches   Neue    von    Interesse   in    den  beiden    letzten  Abthei- 

Jahrl).  f.  roiii.  u.  ciij;!.  I-it.    IV.  i.  29 


434  *  Bibliographie. 

langen  dargeboten  wird.  Im  übrigen  urtheilt  das  Bull,  du  bibliopk. 
belije,  Avril ,  über  das  Werk  nngünstig;  vgl.  dagegen  Journ.  des  Sui\, 
Mars. 

8.  Recherches  historiques  sur  rimprimerie  et  la  librairie 
k  Amiens,  avec  une  description  de  livres  divers  imprimes  dans 
cette  ville;  par  F.  Pouy.  Amiens.  8".  VII,  205  p. 

Ein  von  dem  Bullet,  du  biblioph.  beige,  Aout,  recht  empfohlenes 
Buch.  Der  Verfasser  weist  u.  a.  nach,  dafs  das  älteste  typographische 
Denkmal  Amiens'  v.  J.  1507  ist,  obgleich  von  da  an  bis  1591  eine 
vollkommene  Lücke  wieder  eintritt.  —  In  der  zweiten  Abtheilung  wer- 
den 600  Werke  und  periodische  Schriften  in  chronologischer  Ordnung 
aufgeführt,  wobei  der  Verfasser  solche  auswählte,  welche  das  meiste 
Interesse  darboten,  oder  selten  geworden  sind. 


9.  Histoire  de  la  litterature  fran^aise  depuis  ses  origines 
jusqu'a  ]a  revolution;  par  E.  Geruzez.  Noiiv.  ed.  2  Vol.  8". 
496,  508  p.  14  Fr.    (Auch  in  18,  2  Vol.  l^j.-^  Fr.) 

Die  vorstehende  Ausgabe  ist  nach  Vapereau ,  Ann.  Uff.  p.  280  ff., 
eine  vollständig  umgearbeitete,  die  Gleichmäfsigkeit  der  Behandlung 
sowie  die  Unbefangenheit  des  Urtheils  wird  besonders  gerühmt.  Diese 
Aiisgabe  erhielt  auch  den  Preis  Gobert.  Vgl.  auch  den  franz.  Jahres- 
bericht oben  p.  368  ff. 

10.  Histoire  de  la  litterature  fran9äise;  par  D.  Nisard. 
Tome  IV  (dernier).  8°.  VII,  584  p.  7^^  Fr. 

S.  den  franz.  Jahresbericht  oben  p.  364  ff.,  und  Vapereau ,  Ann. 
Uff.  p.  264  ff. 

11.  Notices  litteraires  sur  le  dix-septieme  siecle;  par 
L.  Aubineau.  8". 

12.  Le  dix-huitieme  siecle  ä  Telranger,  histoire  de  la 
litterature  fran^aise  dans  les  divers  pays  de  l'Europe,  depuis 
la  mort  de  Louis  XIV  jusqu'a  la  revolution  fran9aise;  par 
A.  SayQus.  2  Vol.  8°.  VIII,  1008  p.     15  Fr. 

Dieses  Werk  ist  die  Fortsetzung  des  bekannten  desselben  Verfassers 
über  das  17.  Jahrhundert,  welches  auch  in  zwei  Bänden  erschien.  Es 
werden  auch  in  dem  vorliegenden  sowohl  die  Werke  von  Franzosen 
die  im  Ausland  lebten,  als  von  Ausländern  die  sich  der  französischen 
Sprache  bedienten,  behandelt.  Das  erste  Buch  ist  der  französischen 
Literatur  in  England,  Holland  und  der  Schweiz  von  1715  bis  zur  Mitte 
des  18.  Jahrhunderts,  namentlich  Rousseau  und  Voltaire  gewidmet,  das 
ganze  dritte  Buch  aber  Friedrieh  dem  Grofsen ,  das  vierte  und  letzte 
endlich  den  Schriftstellern  der  zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts. 
Ausführlich  besprochen  ist  dies  rühmliche  Werk  in  einem  längeren 
Aufsatze  von  A.  de  Circourt  in  der  Bibl.   univ.  de   Genepe,  Aout. 

13.  Zur  Geschichte  und  Literatur  der  französischen  Re- 
volution von  1791 — 93.  Aus  einer  Handschrift  des  Olden- 
burgischen Archivs  von  Tycho  Mommsen.  Progr.  der  höhern 
Töchterschule  von  Oldenburg.   Oldenburg.  8".  49  p. 

Nachrieht  und  Proben  von  einer  auf  dem  Oldenburgischen  Archiv 
befindlichen  Handschrift  aus  dem  Nachlasse  des  Herzogs  Peter  Friedr. 
Ludwig,  welche  monatliche  Berichte  aus   den  angegebenen  Jahren  ent- 


Zur  franzüsiseheu  Literaturgeschichte.  435 

hält,  über  Theater,  Bücher  etc.;  zugleich  Anekdoten,  Gedichte,  Auf- 
sätze mittheilt;  letztere  haben  verschiedene  Verfasser  und  kamen,  zum 
Theil  wenigstens,  erst  später  im  Druck  heraus ,  so  dafs  das  ganze  Un- 
ternehmen als  eine  für  hohe  Personen  bestimmte  handschriftliche  Zeit- 
schrift erscheint.  Die  Proben  sind  interessant,  u.  a.  ein  Bericht  über 
die  französische  Bearbeitung  der  Räuber  Schiller's  (,, Robert,  chef  des 
brigands")  und  ihre  Aufführung. 

14.  Etudes  sur  la  litterature  du  second  empire  fran9ais 
depuis  le  coup   d'etat  du  2  decembre;  par    W.  Re)jmond.  Ber- 

'lin.   8".  VIII,   227  p.   1   Thlr. 

Resume  einer  Reihe  in  Berlin  gehaltener  Vorlesungen. 

15.  L'annee  litteraire  et  dramatique  etc.;  par  G.  Vqpe- 
reau  [s.  J.  60,  Nr.  18].  Troisieme  annee,  1860.  18".  537  p. 
3V2  Fr.  

16.  De  los  trovadpres  en  Espana.  Estudio  de  lengua  y 
poesia  provenzal,  por  Ma7i.  Mild  y  Fontanals.  Barcelona. 
Gr.  8°.  IV,  5.31  p.     44  r. 

In  320  Exemplaren.    S.  oben  p.  331  ff.    die  Anzeige  von    Bartsch. 

17.  Les  Italiens  prosateurs  franfais,  etude  sur  les  emi- 
grations  italiennes  depuis  Brünette  Latini  jusqu'ä  nos  jours; 
par   Jos.  Arnmid.  Milan  (Salvi).    8°.   131  p. 

18.  Histoire  du  Velay.  Ecrivains,  poetes  et  artistes, 
etudes  litteraires ,  par  F.  Mandet.  Le  Puy.  Gr.  18°.  488  p- 
2V,  Fr. 

Tome  7  der  Histoire  du  Velay. 

19.  Tournay  litteraire  ou  recherches  sur  la  vie  et  les  tra- 
vaux  d'ecrivains  appartenant  par  leur  naissance  ou  leur  se- 
jour  a  l'ancienne  province  de  Tournai-Tournesis,  par  F.  F. 
J.  Lecouvet.    Partie  I.    Gand.  8".  VI,  384  p. 

In  diesem,  nur  in  100  Exemplaren  gedruckten  Werke,  vereinigt 
der  Verfasser  eine  Reihe  von  Artikeln ,  welche  in  dem  Messager  des 
Sciences  historiques  von  Gent  einzeln  erschienen  sind,  und  nach  dem 
Bullet,  du  hiblloph.  behje^  Ocf.  sowohl  durch  die  Ausdehnung  der  Un- 
tersuchungen, als  durch  Gründlichkeit  des  Urtheils  sich  auszeichnen. 
Namentlich  sei  die  bibliographische  Partie  mit  minutiöser  Sorgfalt  aus- 
gearbeitet. Der  vorliegende  Band  umfafst  10  Nofices,  den  folgenden 
Schriftstellern  gewidmet:  Louis  des  Masures  (geb.  um  1515,  bekannt 
als  Dramatiker);  L.  F.  J.  de  la  Barre;  J.  Rosier;  P.  et  M.  Brisseau; 
P.  Stellart;  P.  du  Chastel  (Grofsalmosenier  von  Frankreich  1547,  über 
welchen  manche  unbekannte  Details  hier  mitgetheilt  sind  —  ein  Ar- 
tikel von  besonderm  Interesse  zugleich  für  die  Kulturgeschichte  der 
Epoche  Franz  I.,  vgl.  J.  59,  Nr.  49);  C.  d'Ausque;  J.  Boucher;  F. 
d' Etinetieres ;  L.   lAindtmeter. 


20.  Etudes  Listoriques  et  litteraires  sur  les  ancietines  so- 
cietes  academiques  de  la  ville  d'Aniiens;  par  Ferd.  Pouij. 
Amiens.  8".  43  p. 

99* 


436  Bibliographie. 

Auf  einen  Gerde ^  f^enannt  Cabinet  des  lettres,  (1702 — 40)  folgte 
in  Amiens  1746  eine  „Societe  litterairo",  welche  1750  durch  lettres 
patentes  des  Königs  in  eine  „Acadeniie  des  sciences ,  des  belles-lettres 
et  des  arts  d' Amiens"  sieb  verwandelte.  Der  Verfasser  verbreitet  sich 
nicht  über  die  Arbeiten  dieser  Akademie ,  vielmehr  beschränkt  er  sich 
auf  die  Erzählung  ihrer  Gründung,  und  namentlich  der  Kämpfe,  welche 
in  ihr  die  octroyirte  Präsidentschaft  des  bekannten  Dichters  Gresset 
erregte,  und  die  erst  dessen  Entsetzung  beendigte.  Bullet,  du  öiölioph. 
Oelye,  Janv.   1862. 


21.  Charlemagne  li  Constantinople  et  k  Jerusalem;  par 
L.  Moland. 

In:  Revue  arclu'oL,  Janv. 

22.  Le  roman  de  Renart  le  contrefait  (nach  der  Hand- 
schrift der  k.  k.  Ilofbibliotliek  Nr.  2562,  früher  Ilohendorf; 
Fol.  39.),  von  Fercl   Wolf.  Wien.  4°.  16  p.    9  Sgr. 

Ans  den  Denkschriften  der  phil.  bist.  Klasse  der  Wiener  Akad. 
Bd.  XII.  Der  Verfasser  weist  nach,  dafs  die  Wiener  Handschrift  der 
erste  Theil  oder  Band  der  Handschrift  6985 — 3  fonds  de  Lancelot  der 
Pariser  Bibl.  ist,  indem  beide  Handschriften  sogar  zu  demselben  P^xem- 
plar  gehörten;  ferner,  was  nicht  minder  wichtig,  dafs  beide  genannte 
Handschriften  nur  eine  Bearbeitung  der  Pariser  7630 — 4  fonds  de  la 
Marc  und  zwar  durch  denselben  Autor  sind.  Manche  interessante  Aus- 
züge werden  zugleich  hier  mitgetheilt. 


23.  Note  sur  la    metrique    du    chant    de    Sainte   Eulalie; 
par  P.   Meyer. 

In :  Biblioth.  de  FEcole  des  Charles,  Janv.  et  Fevr. 

Der  Verfasser  bekämpft  hier  vornehmlich  die  von  Littre  in  seiner 
Etüde  du  chant  d'Eulalie  (s.  J.  58,  Nr.  337  und  J.  59,  Nr.  325)  auf- 
gestellte Ansicht  und  dessen  daran  sich  schliefsende  Textänderungen, 
indem  er  —  gleich  Ferd.  Wolf  in  den  Lais  —  das  Versmafs  als  eine 
Art  Prose  auffassen  möchte,  und  darzulegen  sucht,  dafs  das  Lied  aus 
Couplets  von  je  2  Versen,  die  im  Mafs  wie  der  Assonanz  überein- 
stimmen, besteht. 

24.  Notes  pour  l'histoire  de  la  Chanson;  par   T^.  Lesjjy. 
Pau.  8".   115  p.     3  Fr. 

25.  Note  sur  le  Cabinet  des  Muses  (1619);  par  Ed.  T. 

In:  Bull,   du  biblioph.   et  du  biblioth.    p.   192  ff. 
Trotz  des  Datums  enthält  die  Sammlung  mit  wenigen  Ausnahmen 
nur  Werke    von   Dichtern    der   Zeit  Heinrich's  IV.;    ist   daher   für    die 
Geschichte    der    Poesie   dieser    Zeit   von    besonderm    Interesse.      Einige 
Auszüge  sowie  die  Namen  der  Dichter  werden  hier  mitgetheilt. 

26.  La  poesie  franpaise  en  1861;  par  Arm.  de  Pontmartiv. 

In:  Revue  des  deux  Mondes,  Aoüt. 


Zur  französischen  Literaturgeschichte.  437 

27.     La  sätira  provenzal;  por  Jose  Coli  ij  Vehi,  (Doctor- 
dissert.)     Madrid.  4°.   200  p.      10  r. 


28.  Corneille,    Racine    et    Moliere    par   Eug.    Rambert. 
Lausanne.  8°. 

Der  Verfasser  gibt  in  dieser  Schrift  das  Resume  von  an  der  poly- 
technischen Schule  in  Zürich  gehaltenen  Vorträgen,  worin  er  die  drei 
Dichter  namentlich  gegen  die  strengen  Urtheile  der  älteren  deutschen 
Kritik  vertheidigt.     Revue  des  deux  Mondes.  Fevr.   1862. 

29.  La  Comedie  fran^aise  au  19'^  siede,  par  /.  A.  Vereitere. 

In:  Bibl.   univ.  de  Geneve,  Juni  und  Juillet. 
Der  erste  Artikel    ist   ScriOe,   der   zweite    den   heutigen    Lustspiel- 
dichtern, Dumas,  Ponsard,  Feuillet  etc.  gewidmet. 


30.  Le  Roman  et  les  Romanciei-s  de  l'annee   1861;  par 
A.  de  Pontmartin. 

In:  Revue  des  deux  Mondes,   Dec. 

31.  La  litterature  nouvelle.     Des  caracteres  du  nouveau 
Roman;  par  E.  Montegut. 

In:  Revue  des  deux  Mondes,  Avi'il. 
Bezieht    sich    insbesondere    auf    H.  liun'ere's    l'ierrot  et  Cain ,   und 
Erckmann   Ghatrians  Contes  fantastiques. 


32.  Histoire  politique  et  litteraire  de  la  Fresse  en 
France  etc.;  par  Exig.  Hatin  [s.  J.  60,  Nr.  31].  Tom.  VI — VIII. 
550,  606,  644  p.     18  Fr. 

33.  French  women  of  letters,  biographical  sketches  by 
Julia  Kavanagh.  London.  8".  2  Vol.     21  s. 

Folgende  Schriftstellerinnen  werden  nach  dem  Athen.  Nov.  darin 
behandelt:  Mlle  de  Gournay ,  Mlle  de  Sender i/,  Mad.  de  Genlis ,  Mad. 
de  Charriere ,  Mad.  de  Krüdener,  Mad.  de  Sta'el.  —  Die  Verfasserin  ist 
die  bekannte  Romanschriftstellerin. 

34.  Le  realisme  et  la  fantaisie  dans  la  litterature,  par 
F.  Merlet.  18".  430  p.     37^  Fr. 

„C'est  une  suite  d'etudes  qui  ont  paru  pour  la  plupart ,  sinou 
toutes,  dans  la  Revue  europeenne ,  et  qui,  a  propos  de  quelques  ouvra- 
ges  particulicrs,  s'elevent  ä  la  consideration  generale  de  nutre  mouve- 
ment  litteraire.  M.  G.  Merlet  prend  un  certain  nombre  d'autcurs  comme 
representant  les  deux  tendances  qui  lui  seniblent  le  plus  funestes  de 
nos  jours."  Als  die  Vertreter  des  Realisme  werden  Champjleuri/,  Ftau- 
bert,  Feijdeau  und  Munjer  behandelt,  als  die  der  Fantaisie  auf  Gebieten 
die  iiir  fremd  bleiben  sollten:  der  Geschichte,  der  Philosophie,  der 
Moral,  Arsenc  Iluussai/e  und  Capeß(ju(\  iliiv  Fere  Enfantin  und  Miehelet. 
Diese  Etudes  zeigen  zugleich  den  Höhepunkt  der  Publicationen  jener 
Nebenbuhlerin  der  Revue  des  deux  Mondes  an.  —  Vopcn-att,  L'ann. 
litt.  p.  22-i  iV. 

35.  Litte  ratin '■  et  n)orale.  i)ar  /'.'.  L'er.<int.  18".  .^73  p. 
3%  Fr. 


438  Bibliographie. 

Zwölf,  gröfstentheils  im  Jotirnnl  des  Debats  veröffentlichte  FJudes 
über  sehr  manichfaltige  Gegenstände:  so  die  Correspondenz  Voltalre's 
und  die  Beranger's,  den  Realismua,  den  P.  Ventura,  den  Abbe  Bautn'm, 
Renan  und  Michelet.  ,,Ce  livre  est  de  nature  a  nous  reconcilier  avec 
les  recueils  de  fragments.  Tout  y  est  choisi  avec  ce  goüt  qai  prefere 
la  qualite  a  la  qnantite  des  ecrits."      Vapereau,  L'ann.  litt.  p.  '228  ft". 


36.  Bdranger.   —  Beranger  litterateur  et  critique,  d'aprcs 
sa  correspondance;  par  J.   Travers.  Caen.   %^.  72  p.    1  Fr. 

Auszug  aus  den  Memoiren  der  Acadeniie  von  Caen. 

37.  Brizeuz.    —   Auguste  Brizeuz;   par  //.  Blauvalet. 

In;   Biblioth.   univ.   de  Geneve,    Sept. 
Buffon.  —    S.  weiter  unten  Nr.   47. 


38.  Charles  d'Orläans.  —  Etüde  sur  la  vie  et  les  poesies 
de  Charles  d'Orleans ;    par    Covst.  Beaufds.    8*^.    242  p.     3  Fr. 

Eine  Doctor-Dissertation.  Die  Biblioth.  de  VEc.  des  Charles^  Nov. 
und  Dec,  urtheilt  darüber  nicht  sehr  günstig;  neue  Thatsachen  habe 
der  Verfasser  nicht  niitgetheilt;  er  habe  sich  auf  die  Beurtheiluug  be- 
schränkt, seinen  Helden  aber  idealisirt. 

Cochon.  —  S.  weiter  unten  Nr.  41. 

39.  CoUetet.  —  Un  Gazetier  au  17®  siecle.  Franpois 
CoUetet.  Par  E.  Hat  in. 

In:  Bullet,  du  biblioph.  et  du  biblioth.,  p.  609  ff. 
Fr.  CoUetet,  eine  der  Zielscheiben  ßoileau's,  unternahm  1676  die 
Veröffentlichung  eines  ,, Journal  de  la  ville  de  Paris,  contenant  ce  qui 
se  passe  de  plus  memorable  pour  la  curiosite  et  avantage  du  public." 
Ueber  dasselbe,  oder  vielmehr  seine  Fortsetzung,  das  Journal  des  aris 
et  affaires  de  Paris  gibt  der  Verfasser,  seine  Geschichte  der  Presse  er- 
gänzend, hier  nähere  Auskunft. 

40.  Corneille.  —  Le  grand  Corneille  historien ;  par  E.  Des- 
jardins.  8°.  356  p.     6  Fr. 

Der  Verfasser,  ■welcher  mit  dieser  Schrift  dem  Empire  eine  Hul- 
digung bringen  zu  wollen  scheint,  betrachtet  die  historischen  Tragö- 
dien Corueille's  als  Geschichtswerke,  um  zu  finden ,  dafs  sie  eine  Ver- 
herrlichung des  Kaiserthums  auf  Kosten  der  Republik  enthielten.  Siehe 
Journ.  d.   Sar.,  Avril,  und  Journ.   d.   deux  Mond.,  Fevr. 

41.  Cousinot.  —  Chronique  de  la  Pucelle  ou  Chronique 
de  Cousinot  suivi  de  la  Chronique  normande  de  F.  Cochon, 
ed.  de  Vall.  de  Viriville  [s.  J.  59,  Nr.  97]:  Artikel  darüber 
von  E.  Littre  im  Journ.  d.  Sav.,  Dec. 

Der  Verfasser  tritt  den  Ansichten  des  Herausgebers  rücksichtlich 
des  Cousinot  beigelegten  Werkes  entgegen.  —  Auch  von  der  Chronik 
Cochon' s  handelt  der  Verfasser,  insbesondere  von  der  Sprache,  wobei 
einzelne  Stellen  des  Textes  verbessert  werden. 

42.  Du  Lorens.  —  Les  satires  de  Du  Lorens;  par  le 
Marquis  de  Ga'dlon. 

In:  Bullet,  du  biblioph.  et  du  biblioth.,  p.  413  ff. 


Zur  französischen  Literaturgeschichte.  439 

Dieser  Artikel  untersucht  namentlich  das  Verhältnifs  der  Satiren- 
sammlung V.  J.  1624  zu  der  v.  J.  1646;  und  kommt  zu  dem  Resultat, 
dafs  die  letztere  keine  neue  Auflage  der  ersteren,  wie  man  gewöhn- 
lich annahm ,  sondern  in  der  Tiiat  mit  wenigen  Ausnahmen  eine  neue 
Sammlung  ist. 

43.  Fauriel.  —  Notice  historique  sur  la  vie  et  les  tra- 
vaux  de  C.  Fauriel,  lue  dans  la  seance  publique  annuelle  de 
rAcademie  des  inscriptions  et  heiles  -  lettres  le  9  aoüt  1861, 
par  Guigniaut. 

In:  L'Institut,   Sept. 

44.  Gudrin.  —  Portraits  poetiques.  Maurice  de  Guerin; 
par  E.  de  Moritegut. 

In:  Revue  des  deux  Mondes,  Mars. 
Veranlafst  durch  die  „Reliquiae  de  G.  publ.  p.  Trebutien,  avec  une 
etude  biogr.  et  litter.  p.  Sainte-Beuve,  Paris  1861."  Guerin,  der  1839 
starb ,  hat  blofse  Fragmente  hinterlassen,  die  fast  alle  gar  nicht  für  die 
Oeffentlichkeit  bestimmt  waren,  in  welchen  er  sich  aber  namentlich  als 
Landschaftsmaler  in  Prosa  sehr  auszeichnet.  Auf  ihn  hatte  schon  1840 
ein  Artikel  der  Sand  in  der  Rev.  d.  deux  Mond.,  Mai  aufmerksam 
gemacht.  —  Vgl.  auch  Bullet,  du  biblioph.   et  du  biblioth.  p.  46  ff. 

45.  Henri  de  Valenciennes.  —  Henri  de  Valenciennes, 
precurseur  de  Froissart,  par  //.  Ilelbig.  Liege.  8°.  15  p.  (Aus 
dem  Annuaire  de  la  Societe  libre  d'emulation  de  Liege.) 

46.  La  Fontaine.  —  La  Fontaine  et  ses  devanciers,  ou 
histoire  de  l'apologue  jusqu'k  La  Fontaine  inclusivement,  par 
P.   SoulUL  Angers.  S*».  XV,  334  p.    3  Fr. 

Doctordissertation. 

47.  La  Fontaine.  —  La  Fontaine  et  BuiFon;  par  Damas- 
Hinard.  12".  143  p.     2  Fr. 

,,Sous  le  poete  incomparable,  sous  l'artiste  merveilleux,  je  voudrais 
faire  voir  le  philosophe  au  regard  etendu  et  penetrant,  l'observateur  de 
la  nature  humaine,  et,  en  particulier,  Tobservateur  des  animaux."  So 
hezeichnet  der  Verfasser  selbst  im  Eingange  die  Aufgabe  seines  Buchs. 
Hervorzuheben  ist  die  ausführliche  Besprechung  des  Discours  ä  Mme  de 
la  Sahliere ,  worin  La  Fontaine  das  System  des  Descartes  über  die 
„betes-7nachines"  bekämpft.  Nur  scheint  der  Verfasser  seine  Bewun- 
derung La  Fontaine's  mitunter  zu  weit  getrieben  zu  haben.  Journ.  d. 
Sav.,  Hai. 

48.  La  Mure,  J.  M.  de.  —  Notes  pour  servir  a  la  bio- 
grapliie  de  Jean  Marie  de  la  Mure,  historien  du  Forez,  sui- 
vies  de  son  testanient  et  de  deux  lettres  ä  sa  famille,  le  tout 
inedit;  par  A.    Chaverondier.  Roanne.   8'.  32  p. 

In  100  Exemplaren. 

49.  L'Hospital.  —  Nouvellcs  rechcrches  historiques  sur 
la  vie  et  les  ouvrages  du  cliancelier  de  l'IIospital;  par  A.  II. 
Taillandier.  8".  IV,   368  p.  (Mit  Portrait.) 

Der  Verfasser,  Rath  am  Cassationshofe,  hat  auf  (.iruud  neuer  sehr 
gewissenhafter  Quellenforschungen,  die  Folge  der  Lebensereignissc  des 
berühmten  Mannes  zuerst  genau   und  j^iclicr    festgestellt,     Mehrere    un- 


440  Bibliographie. 

cdirte   Briefe    L'llospitars    sind    zugleich    mitgetheilt.      S.    Her.  d.  deux 
Mund.,   Nor.   und  Journ.   d.   Sdr.,    />l'c. 

50.  Marguärite  d'Angoulöme.  —  Les  femmes  de  la  Re- 
forme.  —   Marguerite  d'Angoulc'me ;  par   Taxile  Delord. 

In:  Revue  nationale  et  etrangere,    Fevr.  und  Mars. 

51.  Moliöre.  —  A  propos  d'un  exemplaire  du  Tartuffe 
de  Moliere;  par  P.  L.  Jacoh ,  bibliophile. 

In:  Bullet,   du  biblioph.   et  du  biblioth.,  p.   95  ff. 
Es  ist  ein  Exemplar  der  Originalausgabe,    v.  J.   16G9,    Paris  12", 
Jean  Ribou;  einige  Verglcichungen  in  Betreff  der    iiidications   du  jeu  et. 
de  la  jyanf.omime  des  acteurs  zeigen,  wie  viele,    und    unpassende  Verän- 
derungen darin  die  spätem  Herausgeber  vorgenommen  haben. 

52.  Murger.  —  Un  jeune  ecrivain;  etude  morale.  Henri 
Murger  et  ses  oeuvres.     Par  A.  de  Pontmartin. 

In:  Revue  d.  deux  Mondes,  Oct. 

Aus  Anlafs  der  hinterlassenen  Nulls  d'hiver  (s.  darüber  den  fran- 
zösischen Jahresbericht  oben  p.  355)  gibt  der  Verfasser  eiue  Charak- 
teristik des  Dichters,  vornehmlich  von  dem  moralischen  Standpunkt, 
wozu  das  Leben  und  Ende  Murger 's  freilich  die  Auiforderung  gab.  Ein- 
zeln werden  die  Werke  nur  wenig  ins  Auge  gefafst. 

53.  Musset.  —  Alfred  de  Musset,  ses  oeuvres  poetiques; 
par  E.  Poitou. 

In:  Revue  nationale  et  etrangere,  Fevr. 

54.  Nostredarae.  —  Etudes  sur  Nostradamus;  par  F. 
Buuet. 

In:  Bullet,  du  biblioph.  et  du  biblioth.  1860  u.  1861. 
Eine  sehr  umfangreiche  Arbeit  mit  vielen  Auszügen  aus  N's,  theil- 
vveise  auch  noch  unedirten,  Werken. 

*55.  Pontus  de  Tyard.  —  Pontus  de  Tyard,  seigneur  de 
Bissy,  depuis  eveque  de  Chalon;  par  /.  P.  Abel  Jeandet.  Lyon. 

1860.  8°.  240  p. 

Den  Verfasser  leitete  das  heimathliehe  Interesse ,  den  Antheil  der 
Bourgogne  an  der  Renaissance  darzulegen;  sein  Buch  wurde  von  der 
Academie  von  Mäcon  gedruckt,  erhielt  aber  auch  eine  „mention  hono- 
rable"  vom  Institut.  Der  Verfasser  sucht  u.  a.  nachzuweisen,  dafs 
Pontus  zuerst  unter  den  Dichtern    der  Plejade  das  Sonett  cultivirte. 

56.  Eabelais.  —  Catalogue  de  la  bibliotheque  de  l'ab- 
baye  de  Saint- Victor  au  seizieme  siecle,  redige  par  Fran^ois 
Rabelais ,  commente  par  le  bibliophile  Jacob  et  suivi  d'un  Essai 
sur  les  bibliotheques  iraaginaires,  par  Gustave  Brunei.  8^. 
XVI,  411   p.    71/2  Fr. 

Der  Verfasser  ist  davon  ausgegangen ,  dafs  Rabelais  in  seiner  Be- 
schreibung der  Bibliothek  von  St.  Victor  (II,  c.  7)  bei  den  von  ihm 
aufgeführten  Büchertiteln  die  Titel  zeitgenössischer  Werke  vor  Augen 
oder  in  Gedanken  hatte,  die  er  denn  hier  travestirte  —  eine  Ansicht  die 
durchaus  zu  billigen  ist  und  hier  mit  vieler  bibliographischen  Gelehrsam- 
keit begründet  wird.  —  Herr  Lacroix  macht  zugleich  ausführliche  Mit- 
theilungen über  die  Sammlung  von  Manuscripten  und  Büchern,  welche 
die  Abtei  von  St.  Victor  zu  Paris  in  der  That  besafs,  auf  Gruod  der 
noch  erhaltenen  Kataloge.    Vgl.  Bullet,  du  biblioph.  beUje,  Janv.  u.  Mar.s 


Zur  franzüsischeu  Literaturgeschichte.  441 

1862.  —  Das  interessante  Essai  von  Brunet,  worin  eine  Uebersicht  der 
livres  imacjinairps  der  französ.  Literatur  vom  16.  bis  zum  19.  Jahrhun- 
dert gegeben  wird ,  hat  von  Herrn  Lacroi.K  eine  Ergänzung  erhalten  in 
dem  Bullet,  du  biblioph.  et  du  biblioth.  p.  6-15  ff. 

57.  Rabelais.  —  Les  aventures  drolatiques  de  Gargantua, 
Panurge  et  Pantagruel,  mises  en  vers  par  Th.  Frafjonard  et 
J.  de  Lamarque.  Avec  une  notice  sur  Rabelais,  par  P.  Rol- 
let.   12°. 

58.  Reybaud.  —  Romanciers  et  ecrivains  contemporains. 
Mme.  Ch.  Reybaud;  par  E.  Montegut. 

In :  Revue  des  deux  Mondes,   Oct. 

59.  Somaize.   —  Somaize.   Von  G.  Büchmann. 

In:  Herrig's  Arcbiv  f.  d.  Stud.  d.  neueren  Spr.  XXIX,  1. 
Der  Verfasser  des  grand  dictionnaire  des  precieuses  wird  hier  als 
literarischer  Freibeuter  namentlich  gegen  iloliere ,  charakterisirt,  aus 
dessen  berühmter  Komödie  er  einen  grolsen  Theil  seines  Dictionnaire  ge- 
schöpft habe.  Bei  dieser  G&legenheit  gibt  der  Verfasser  reichliche  Bei- 
spiele der  preciösen  Sprache. 

60.  Tocqueville,  Alexis  de.  —  Remains  of  Alexis  de 
Tocqueville. 

In:  Edinburgh  Review,  April. 
Eine  Lebensskizze  Tocqueville's  namentlich  auf  Grund  des  von 
G.  de  Beaumont  herausgegebenen  Werks  (s.  unten  Nr.  84.),  so*  wie  der 
Akademischen  Reden  Lacordaire's,  Tocqueville's  Nachfolgers,  und  Gut- 
zofs  des  Directors  der  Academie  franpaise  (beide  Paris  1861).  Doch 
hat  der  Verfasser  auch  noch  unedirte  an  einen  englischen  Freund  Toc- 
queville's gerichtete  Briefe  benutzt. 

B. 

61.  Les  Poetes  fran^ais,  recueil  des  chefs  -  d'oeuvre  de 
la  poesie  fran9aise  depuis  les  origines  jusqu'a  nos  jours  avec 
une  notice  litteraire  sur  chaque  poete  par  M.  M.  Asselineau, 
Babou  etc.  etc.,  precede  d'une  introduction  par  Sainte-Beuve; 
publie  sous  la  direction  de  Eug.   Crepet.    Gr.  8°.    Tom.  I-II. 

XXXIX,  682;  779  p.     Der  Band  7 V2  Fr- 
Auf  diese    interessante   Anthologie   werden   wir   im   Jahrbuch    zu- 
rückkommen,  da  die  literarischen  Notizen,  namentlich    über    die    Dich- 
ter des  15.  und  16.  Jahrhunderts  von  besonderm  Werth,  eine  eingehen- 
dere Besprechung  verdienen. 


62.  Roland ,  poeme  heroique  de  Theroulde,  trouvere  du 
onzieme  sieclc,  traduit  en  vers  fran^ais  par  F.  Jönain,  sur 
le  texte  et  la  version  en  prose  de  F.  Genin.  Bordeaux.  12". 
XIV,  89  p.     2  Fr. 

6,3.  Das  Rolandslicd.  Das  älteste  französische  Epos, 
übersetzt  von  IT.  Hertz.  Stuttgart.  8".  XIV,  163  p.  28  Sgr. 
.S.  die  Anzeige  von  A.    Ho//'  oben  p.  '201)  ff. 

64.  Les  Anciens  Poetes  de  la  France  [s.  J.  60,  Nr.  64]. 
Aye  d'Avignon,  chanson  de  geste ,  publice  pour  ki  premiere  Ibis 


442  Bibliographie. 

d'apres  le  raanuscrit  unique  de  Paris,  par  F.  Guessard  et  P.  Meyer. 
LXXV,  140  p.  5  Fr.  —  Gui  de  Nanteuil,  chanson  de  geste, 
publice  pour  la  premiere  fois  d'apres  les  deux  manuscrits  de 
Montpellier  et  de  Venise,  par  F.  Meyer.  LXVIII,  107  p.   5  Fr. 

65.  Le  Roman  des  quatre  lils  Aymon,  princes  des  Ar- 
dennes.  Reims.  8".  XXIV,  137  p.  8  Fr.  (Collect,  d.  poetes  de 
Champagne  anter.  au   11*^  s.)    8  Fr. 

66.  Les  Aventures  de  maitre  Renart  et  d'Ysengrin  son 
compere,  mises  en  nouveau  langage,  racontees  dans  un  nou- 
vel  ordre  et  suivies  de  nouvelles  recherches  sur  le  ronian  de 
Renart,  par  Paulin  Paris.  Gr.   18".  XI,   376  p.     4  Fr. 

Vgl.  J.  60,  Nr.  23.  —  Die  vorstehende  Bearbeitung  des  Romans 
ist  natürlich  für  das  grofse  Publikum  bestimmt.  S.  darüber  Bullet,  du 
biblioph.   et  du  biblioth.   p.  449  ff. 


67.  Le  Mystere  de  Saint-Clement,  public  par  Ch.  übel 
d'apres  un  manuscrit  de  la  bibliotheque  de  Metz.  Metz.  4"  ä 
2  col.     XXYII,    192  p.    15  Fr. 

In  136  Exemplaren. 

68.  Lo  libre  de  Ester  la  reyna  com  fe  desliurar  de 
mort  los  Juzieus,  publ.  par  J.   W. 

In :  Herrig's  Archiv  f.  d.  Stud.  d.  neuern   Spr.  XXX, 
1.  u.  2.  Hft. 

Aus  Ms.  8086.  3.  f.  309r— 317^.  der  kais.  Bibl.  in  Paris.  (Vgl.  J. 
60,  Nr.  63.)  Dieses  Stück  einer  (Jebersetzung  des  alten  Testaments  ist 
zum  Theil  ziemlich  frei  übertragen.  Der  Herausgeber  hat  den  Text 
an  einigen  Stelleu  gebessert,  alsdann  aber  die  Lesart  der  Handschrift 
in  einer  Anmerkung  beigefügt. 


69.  Gresset.  —  Vers  inedits  de  J.  B.  L.  Gresset;  publ. 
par   C.    Eaelens. 

In:  Bullet,  du  biblioph.  et  du  biblioth.,  p.  333  ff. 

Eine  Epttre  sur  la  paresse ,  handschriftlich  aus  der  Bibliothek  des 
Grafen  von  Hompesch. 

70.  Guiot  de  Provins.  —  Des  Guiot  von  Provins  bis 
jetzt  bekannte  Dichtungen,  altfranzösisch  und  in  deutscher 
metrischer  Uebersetzung  mit  Einleitung,  Anmerkungen  und 
vollständigem  erklärenden  Wörterbuche  herausgegeben  von 
J.  F.  Wolfart  und  San-Marte.  (Parcivalstudien  von  San-Marte. 
1.   Heft.)  Halle.  Gr.   8°.  XII,  402  p.     3  Thlr. 

Die  Bible  und  die  Guiot  beigelegten  Lieder  —  der  Text  der  er- 
steren  auf  Meon's  Ausgabe  in  dessen  Fabliaux  et  contes  gegründet. 
Einen  Haupttheil  bildet  das  Wörterbuch,  verfafst  von  Wolfart,  welches 
nur  zu  weitschweifig  angelegt  ist.  In  der  Einleitung  werden  Leben  und 
Zeit  des  Dichters,  sowie  verwandte  Dichtungen  besprochen.  S.  Liferar. 
Gentralblatt,  Nr.  27. 


Zur  französischen  Literaturgeschichte.  443 

71.  Lambert  le  Court.  —  Alexandriade,  ou  ehanson  de 
geste  d' Alexandre  le  Grand,  epopee  romane  du  XIP  siecle, 
de  Lambert  le  Court  et  Alexandre  de  Bernay,  publice  pour 
la  premiere  fois  en  France  par  F.  Le  Court  de  la  Villethas- 
setz  et  Eug.    Talbot.   12°.  XXII.  528  p.     5  Fr. 

Nach  dem  Joiirn.  d.  Sav.,  Aout,  haben  die  Herausgeber  zur  Grund- 
lage ihrer  Arbeit  die  Ausgabe  Michelant's  genommen ,  welcher  zuerst 
die  Dichtung  1846  in  den  Publicationen  des  literarischen  Vereins  von 
Stuttgart  vollständig  veröflentlichte.  Die  Herausgeber  haben  aber  den 
Text  anders  geordnet  und  zahlreiche  Ausscheidungen  vorgenommen. 
Was  die  Ordnung  (classement)  der  verschiedenen  Theile  angeht,  so  sind 
die  Herausgeber  dem  Gang  des  Pseudo-Callisthenes  gefolgt,  von  wel- 
chem die  Alexandriade  nur  eine  versificirte  Nachahmung  ist.  —  Eine 
Einleitung,  ein  Glossaire,  und  Anmerkungen  über  die  Namen  der  Orte 
und  Personen  —  welche  meist  der  Bretagne  angehören  —  erhöhen  den 
Werth  der  Ausgabe. 

72.  Le  Koy.  —  Traitte  de  la  venerie ,  par  feu  M.  Bude, 
conseiller  du  Roy  Fran9ois  I",  et  maistre  des  requestes  ordi- 
naires  de  son  hostel.  Traduit  du  latin  en  fran^ois  par  Loys 
Le  Roy  dict  Regius,  suyvant  le  comniandement  qui  lui  en  a 
este  faict  ä  Blois  par  le  Roy  Charles  IX;  public  pour  la  pre- 
miere fois,  d'apres  Ic  manuscrit  de  l'Institut,  par  H.  Chevreul. 
Kl.   8°.  XXXII,  48  p.     5  Fr. 

In  230  Exemplaren.  —  Die  Schrift  des  Bude  bildet  das  zweite 
Buch  seines  Werks:  De  philologia ;  und  behandelt  hauptsächlich  die 
Hirschjagd  in  der  Form  eines  Dialogs  zwischen  dem  Verfasser  und 
Franz  I.  Der  "üebersetzer,  der  auch  ein  Leben  Bude's  herausgab  (1540), 
gehört  zu  den  besten  Prosaikern  seiner  Zeit;  er  wurde  mit  der  Ueber- 
setzung  1572  beauftragt,  als  Karl  IX.  die  Abfassung  seines  Jagdwerks 
vorbereitete  (vgl.  J.  59,  Nr.  94).  Die  Publication  hat  daher  als  Sprach- 
denkmal Interesse.  In  der  Einleitung  hat  der  Herausgeber  interessante 
Einzelheiten  über  das  Leben  und  die  Schriften  Biide's  wie  Le  Roy's 
mitgetheilt.     Jouni.  d.   Sav.,   Oct. 

73.  Monstrelet.  —  Chronique  [s.  J.  60,  Nr.  86].  Tome 
V.  IX,  494  p.    9  Fr, 

Dieser  Band  umfafst  die  Jahre  1431—40. 

74.  Piron.  —  Oeuvres  de  Piron,  precedees  d'une  notice 
d'apres  des  documents  nouveaux  par  E.  Fournier.  18".  CIV, 
327  p.    2V2  Fr. 

Enthält:  La  Metromanie;  Arlequin  Deucalion;  Epitres;  Ödes; 
Contes;  Fables ;  Poesies  diverses;  Cantates;  Chansons;  Epigrammes; 
Esprit  de  Piron. 

75.  Ronsard.  —  Oeuvres  completes  [s.  J.  58,  Nr.  137 1. 
Tome  IV,  412  p.     5  Fr. 

76.  Rousseau.  —  Oeuvres  et  correspondance  inedites  de 
J.  J.  Rousseau,  publiees  par  G.  Streckeisen-Moultou.  8 '.  XX, 
484  p.    7V2  Fr. 

Der  Band  enthält  die  folgenden  Stücke:  Projet  de  Constitution 
pour  la  Corse;  Lcttres  snr  la  vertu  et  le  bonheur;  Morceau  sur  la  re- 
velation;  Traite  de  sphere;  Fragment  d'un  Essai  sur  les  langues;  Frag- 


444  Bibliographie. 

uients  dos  Institiitions  politiques  ;  Kecueil  de  pcnsees  diverses;  Lcs  a- 
nioiirs  de  Ciaire  et  de  Marcelliu ;  La  vie  de  Claude  Nuyer  (noiivelle 
iiiaclievee) ;  Mon  portrait;  Preface  d'une  lettre  ä  M.  Bordes;  AUocution 
ecrite  potir  la  lecture  des  Confessions ;  Divers  autres  fragments  ou  va- 
riantes  d'ouvrages  conniis  de  Rousseau ;  70  Icttres  inedites.  Am  wich- 
tigsten sind  nach  Vaperau,  L'attn.  litt.,  p.  293  ff.  die  drei  ersten  Stücke, 
sowie  j1/o/i  portrait;  die  Novellen  sind  nur  Skizzen  in  der  Art  der  Er- 
zählungen Diderot's.  Der  Herausgeber  ist  Enkel  und  Sohn  der  beiden 
Rlonltou,  welche  die  Confessions  herausgaben;  der  Grofsvater  war  einer 
der  besten  Freunde  Rousseau's.  —  Vgl.  über  diese  Publieation  den  Ar- 
tikel Taillandier's  in  der  Revue  des  deux  Mondes,  Mars  iS62:  „La 
Suisse  chretienne  et  le  18'"  siecle.  Pages  inedites  de  Voltaire  et  de 
Rousseau." 

77._  Rousseau,  J.  B.  —  Oeuvres  lyriques  de  J.  B.  Rous- 
seau. Ed.  classique,  precedee  d'une  iiotice  par  F.  Estienne. 
18^  XVI,  182  p.     80  C. 

78.  Saint-Pavin.  —  Recueil  complet  des  poesies  de  Saint- 
Pavin,  comprenaut  toutes  les  pieces  jusqu'a  present  connues 
et  un  plus  grand  nombre  de  pieces  inedites,  les  unes  revues 
sur  les  editions  precedentes,  les  autres  publiees  pour  la  pre- 
niiere  fois  d'apres  les  manuscrits  conteiuporains,  par  Paulin 
Paris.  8".   123  p.     4  Fr. 

Die  Sammlung  enthält  Sonette,  Madrigale,  Stanzen ,  Chansons  des 
vornehmlich  als  Sonettisten  bekannten  Dichters  des  Zeitalters  Ludwig's 
XIV.  Erklärende  Anmerkungen  fehlen  leider  der  Ausgabe.  S.  Bullet, 
du  biblioph.  et  du  biblioth. ,  p.  631  ff. 

79.  Sevigne,  Mme  de.  —  Lettres  de  Mme  de  Sevigne, 
de  sa  famille  et  de  ses  amis,  recueillies  et  annotees  par  Mon- 
•merque.  Nouv.  ed..,  revue  sur  les  autographes,  les  copies  les 
plus  authentiques  et  les  plus  anciennes  impressious,  et  aug- 
mentees  de  lettres  inedites,  d'une  nouvelle  notice,  d'un  lexique 
des  mots  et  des  locutious  remarquables ,  de  portraits ,  vues  et 
facsiniile.    Tomes  I  u.  IL  8°.  XXIV,  568,  554  p.  77^  Fr. 

Wird  12  Bände  bilden,  und  macht  einen  Theil  der  „Collection  des 
grands  ecrivains  de  la  France,  nouvelles  editions  publ.  sous  la  dir.  de 
M.  A.  Regnier'-'-  aus.  —  In  seiner  ersten  Ausgabe  (1818)  hatte  sich  Mon- 
merqne  noch  an  den  Text  von  Perrin  (Ausg.  v.  173-1  imd  1754)  gehalten, 
welcher  die  von  ihm  benutzten  Originalbriefe  vernichtet  hatte;  aber  man 
besafs  noch  einzelne  von  solchen,  sowie  auch  authentische  Kopien,  auf 
Grund  derselben  ist  nun  so  viel  als  möglich  in  vorliegender  Ausgabe 
zuerst  die  ursprüngliche  Physionomie  der  Briefe  hergestellt,  so  dafs  das 
Journ.  d.  Sav.,  Dec,  dieselbe  ein  wahres  literarisches  Ereignifs  nennt. 
Die  biographische  Notice,  verfafst  von  Mesnard,  wird  dort  auch  sehr 
gerühmt ,    indem  sie  in  alle  Geheimnisse  der  Correspondenz  einführe. 

80.  Sevigne,  Mme  de.  —  Lettres  de  Marie  de  Rabutin- 
Chantal  a  sa  famille  et  a  ses  amis.  Ed.  revue  et  publiee  par 
ü.   Silvestre  de  Sacj.   Tomes  I— IV.   Gr.   18^  2016  p.   20  Fr. 

81.  Sylvain  de  Flandre.  —  Oeuvres  choisies  d' Alexandre 
Sylvain  de  Flandre,  poete  ä  la  cour  de  Charles  IX  et  de 
Henri  III,  precedees  d'une  etude  sur  l'auteur  et  ses  oeuvres, 
par  //.  Ilelbiff,  et  aecompagnees  d'une  notice  inedite  par  G.  Col- 
letet.  Liege.  Gr.   18°.  LXXXI,   121  p. 


Ziir  englischen  Literaturgeschichte.  445 

Der  Herausgeber  hat  sich  in  seiner  Auswahl  der  Gedichte  nach 
der  vom  Dichter  selbst  getroffenen,  welche  er  am  Ende  seiner  Cent 
histoires  tragiques  1581  veröffentlichte,  gerichtet.  Dieser  Auswahl  hat 
er  2  Proben  der  Enigmes  franfoises  v.  J.  1582,  und  ein  paar  der  Cent 
hist.  beigefügt.  Bullet,  du  biblioph.  beige,  Oct.  —  Die  Etüde  ist  auch 
selbstständig  erschienen:  „Alex.  Sylvain  de  Flandre,  sa  vie  et  ses  oeu- 
vres."  Sie  ist  namentlich  durch  eine  sorgfältige  Bibliographie  von  Werth. 

82.  Tallemant  des  Reaux.  —  Les  Historiettes  de  Talle- 
mant  des  Reaux.  3^  ed.,  entierement  revue  sur  le  manuscrit 
original ,  et  dispose  dans  un  nouvel  ordre  par  Monmerque  et 
Paulin  Paris.  8°.  Tom.  YIII-IX.  CCCXLIII,  800  p.    71/2  Fr. 

83.  Theophile.  —  Le  Parnasse  satyrique  du  sieur  Theo- 
phile, avec  le  recueil  des  plus  excellents  vers  de  ce  temps. 
Nouv.  edition  complete,  revue  et  corrigee.  Avec  glossaire, 
notices  bibliographiques  etc.  Gand,  12°.  2  Vol.  448  p.  (Theil 
der  Nouv.  biblioth.  curieuse.) 

84.  Tocqueville,  Alexis  de.  —  Oeuvres  et  correspoii- 
dance  inedites  d'Alexis  de  Tocqueville,  publiees  et  precedees 
d'nne  notice  par  G.  de  Beaumont.  8°.  2  Vol.  III,  986  p.    15  Fr. 


IL    Zur  eno^lischen  Literatiimeschichte. 

A. 

85.  The  Bibliographer's  Manual  of  English  Literatiire  etc. 
By  W.  Th.  Loicndes.  New  ed.  [s.  J.  60,  Nr.  97].  Vol.  IV, 
parts  1  u.  2.    p.   1757  —  2400.     7  s. 

86.  A  Catalogue  of  the  Manuscripts  preserved  in  the 
Library  of  the  üniversity  of  Cambridge  [s.  J.  58 ,  Nr.  145]. 
Vol.  IV.     20  s. 

87.  Collectanea  Anglo-Poetica;  or  a  bibliographical  and 
descriptive  Catalogue  of  a  portion  of  a  Collection  of  early 
English  poetry ,  with  occasional  Extracts  and  Remarks  bio^ 
graphical  and  critical ;  by  Th.  Corser.  Part  I.  (Printed  for  the 
Chetham  Society.) 

Nach  dem  Athenaeum,  March,  zu  weitschweifig  ausgeführt.  Der  vor- 
liegende Theil  umfafst  blofs  A  und  B  bis  Bas. 

88.  The  Registers  of  the  Stationers'  Company;  by  J. 
Payne   Collier. 

In :  Notes  and  Queries,  Vol.  XII,  p.  3,  22,  62  etc  etc. 
Fortsetzung  der  für  die  Shakespeare  Society  18-18  und  49  heraus- 
gegebenen Extracts  from  the  Registers  of  the  Stationers'  Company,  welche 
dort  bis  Juli  158"  von  Collier  gegeben  waren.  Die  neuen  Auszüge  be- 
ginnen mit  dem  7.  Aug.  1587.  Der  Herausgeber  bevorwortet:  „As  be- 
fore,  I  shall  generally  confine  myself  to  productions  in  the  lighter  de- 
partments,    not  prctending  to  touch ,  excepting  orcasionally  and  briefly, 


446  Bibliogi-aphie. 

works  üf  mere  science,  or  those  devoted    to  questions  of  polemical  di- 
vinity." 

89.  The  Life  and  Typography  of  William  Caxton,  Eng- 
land's  iirst  Printer,  with  evidence  of  bis  typographical  con- 
nexion  willi  Colard  Mansion.  Conipiled  from  original  sources 
by   W.  Blades.  Vol.  I.  4".  XVI,  298  p. 

Ein  Werk  selbständiger  Untersuchung  enthält  es  manche  neue 
Tliatsaehen  und  Ansichten.  Der  Verfasser  ist  selbst  Buchdrucker.  Nach 
ihm  wurde  Caxton  1422  oder  23  geboren,  und  zwar,  wie  Caxton  selbst 
sagt,  in  ,,the  Weald  of  Kent".  1438  trat  er  als  Lehrling  in  das  an- 
gesehene Handlungshaus  von  Robert  Large  in  London.  Drei  Jahre 
später  ging  C.  nach  Brügge,  wo  er  zu  grofsem  Ansehen  gelangend  seit 
1464  an  der  Spitze  der  Company  of  Merchant  Adventurers  stand. 
Seine  erste  literarische  Arbeit  war  eine  Uebersetzung  des  Recueil  des 
hifitoires  de  Troye  von  Raoul  Le  Fevre,  14G9 — 71  von  Caxton  verfafst 
und  seiner  Gönnerin  Margarethe,  Gemahlin  Karl's  des  Kühnen,  gewid- 
met. Dieses  Buch  bequemer  weiter  verbreiten,  namentlich  es  Freun- 
den und  Gönnern  geben  zu  können,  liefs  Caxton  es  drucken  und  zwar 
von  Colard  Mansion  in  Brügge,  wie  der  Verfasser  der  herkömmlichen 
Ansicht  entgegen  nachweist.  Bei  ihm  lernte  Caxton  selbst  diese  Kunst 
dann.  Fünf  Jahre  später,  1476 — 77,  erscheint  Caxton  in  England 
und  zwar  in  Westminster  als  der  erste  Eigenthümer  und  Arbeiter  der 
ersten  Buchdruckerpresse.  Das  erste  Buch,  das  dort  von  ihm  gedruckt 
ward,  war:  The  Dicfes  or  Sai/enf/is  of  the  Philosophers  1417,  von  Lord 
Anton  Earl  of  Rivers  aus  dem  Französischen  übersetzt  (denn  nach  dem 
Verfasser  wurde  ,,The  Game  and  Playe  of  the  Chesse-'  in  Brügge  ge- 
druckt). Caxton  starb  1491,  nachdem  er  18000  Folioseiten  gedruckt 
hatte,  wovon  4500  Uebersetzungen  von  ihm  selbst  verfafst.  —  Athe- 
naeum ,  Aug.;  Liter.    Gaz.,  Aug. 


90.  A  compeudious  History  of  English  Literature  and 
of  the  English  Language ,  from  the  Norman  Conquest.  With 
numerous  Specimens.  By  G.  L.  Craik.  2  Vol.   8".  1200  p.   24  s. 

Das  Athenaeum,  Nor.  urtheilt  darüber  sehr  günstig;  u.  a. :  „Dr.  Craik 
has  already  written  on  this  subject  in  a  smaller  work  known  to  many 
of  our  readers.  This  augmented  eflbrt  will  be ,  we  doubt  not,  receiv- 
ed  with  decided  approbation  by  those  who  are  entitled  to  judge,  and 
studied  with  much  profit  by  those  who  want  to  learn."  Das  bier  er- 
wähnte kürzere  Werk  sind  offenbar  die  Sketches  of  the  Hist.  of  Litera- 
ture and  Learning  in  England,  1844  —  45  erschienen;  von  ihnen  ist  das 
neue  Werk  eine  Umarbeitung  und  Erweiterung.  In  den  ,, Specimens" 
sind  namentlich  die  heute  weniger  allgemein  gelesenen  Schriftsteller 
reichlich  bedacht,  als  Spenser,  Swift  etc.  Notes  Sf  Q.,  XII,  p.  360. 

91.  History  of  English  Literature  in  a  series  of  bio- 
graphical  sketches,  by   W.  F.   Collier.  8".     540  p.      3  s.  6  d. 

92.  The  Literary  Women  of  England;  including  a  bio- 
graphical  Epitome  of  all  the  most  eminent  to  the  year  1700, 
and  Sketches  of  the  Poetesses  to  the  year  1850;  with  Extracts 
of    their    works    and    critical     Remarks;    by    Jane     Williams. 

8°.    570  p.    18  s. 

Die  Verfasserin  geht  bis  auf  die  ältesten  Zeiten  zurück.  Das  biogra- 
phische Moment  ist  besser  als  das  ästhetische  behandelt  nach  der  Liter. 
Gaz.,  Aug. 


Zur  englischen  Literaturgeschichte.  447 

93.  Die  Räthsel  des  Exeterbuchs,  von  E.  Müller.  (Pro- 
gramm des  Gymnasiums  zu  Köthen). 

94.  Euphuism. 

In:  Quarterly  Review,  April. 
Veranlafst  durch  Fairholt's  Ausgabe  von  Lilly's  Werken  (s.  J.  58, 
Nr.  193).  Der  Verfasser  geht  davon  aus,  dafs  Lilly,  statt  den  Ge- 
schmack seiner  Zeit  bestimmt  zu  liaben,  vielmehr  von  ihm  bestimmt 
wurde,  als  er  seinen  Euphues  schrieb,  der  eben  deshalb  alsbald  eine 
solche  Popularität  gewann.  Der  Ursprung  des  „Euphuismus'-  sei  viel- 
mehr in  Italien  zu  suchen,  und  zwar  bei  den  Commentatoren  sowie 
den  Nachahmern  Petrarca's.  Der  Einfliifs  Italiens  auf  die  englische 
Literatur  und  Bildung  wird  hier  eingehend  erörtert.  —  Lilly's  Euphues 
wird  darauf  ausführlicli  behandelt,  und  namentlich  eine  genaue  Inhalts- 
analyse gegeben.  Motiv  und  Titel  des  Werks  soll  Lilly,  wenn  nicht 
direct  aus  Plato's  Bepublik,  aus  Ascham's  Sc/ioolmaster  geschöpft  haben, 
der  8  Jahre  früher,  1571   erschien. 

95.  English  Puritanism  and  its  Leaders:  Cromwell,  Mil- 
ton,  Baxter,  Bunyan;  by  /.    Tulloch.     8°.   490  p.      7  s.  6  d. 

Dies  Buch  wird  vom  Athenaeum,  May  sehr  gerühmt.  Von  dem 
Artikel  über  Bunyan  speciell  sagt  der  Ref. :  ,,We  have  never  met  with 
auy  notice  of  the  celestial  dreamer  which  so  completely  satisiied  us : 
it  is  quite  the  best  treatise  upon  bis  life  and  works  we  have  ever 
seen."  —  Der  Baxter  gewidmete  Abschnitt  erntet  dasselbe  Lob,  wäh- 
rend Milton's  Charakteristik  am  wenigsten  glücklich  ausgefallen  erscheint. 

96.  Les  moeurs  et  les  lettres  ä  la  fin  du   18"  siecle  en 
Angleterre.  11.  Le  Roman  et  les  Romanciers.     Par  //.    Taine. 

In:  Revue  des  deux  Mondes,  Dec. 


97.  The  History  of  Scottish  Poetry,  by  David  Irving; 
edited  by  J.  Aitkin  Carlyle;  with  a  Memoir  and  Glossary. 
Edinburgh.    8".    650  p.    16  s. 

Wird  hier  demnächst  ausführlich  besprochen  werden. 

98.  James  the  fifth,  or  the  Gudeman  of  Ballangeich, 
bis  Poetry  and  Adventures,  by  /•  Paterson.  Edinburgh.  8°. 
310  p.    3  s.  6  d. 

„His  (James')  most  intimate  friends  were  literary  men  or  men  who 
loved  literature.  He  was  snrronnded  by  poets  and  known  to  sweep 
the  lyre  himself.  An  acceptable  tradition  points  to  him  as  the  au- 
thor  of  that  lively  May-day  ode  ,,Christ's  Kirk  on  the  Green",  the 
character  song  of  ,,The  Gaberlunzie  Man" ,  and  the  comic  but  not  too 
delicate  bailad  „The  JoUy  Beggar".  Though  this  last  falls  short  of 
the  merit  assigned  to  it  l)y  Scott,  it  might  very  well  have  been  writ- 
ten  by  a  gallant  monarch,  very  much  addicted  to  transgress  in  his 
duty  towards  his  neighbour  by  falling  in  love  with  his  neighbour's 
wife. "  Athenaeum,  Sept.  Die  drei  Gedichte  sind  zugleich  hier  niit- 
getheilt. 


99.     Athenae    Cantabrigienses ,    by    Ch.    11.    Cooper    and 

Thompson   Cooper.  Vol.   I  u.  II.    1858 — 61.   S*".  Der  Bd.   18  s. 

Enthält    die    Biographien    der    Mitglieder    dieser    Iniverf^ität ,    zu- 


448  Bibliographie. 

gleich  allonial  mit  einem  Verzeichniss  der  von  denselben  verfassten 
Schrifteii.  iJer  erste  Band  gelit  bis  zum  Jahre  1585,  der  zweite  bis 
1609.  Der  lleichthura  des  gesammelten  Materials,  die  Sorgfalt  der 
Ausführung  sowie  die  genauen  Quellenangaben  werden  besonders  ge- 
rühmt.    S.  Liter.   Gaz.,  Murch  und  Noteü  c^  Q.  XI,  p.   140. 

100.     The  Ilistory  of  Harvard  University,  by  Jos.  iluincy. 
2  Vol.  Boston.  8".  36  s. 


101.  Growth  of  English  Poetry. 
In:  Quarterly  Review,   Oct. 

Veranlafst  durch  Bell's  Annotated  Series  of  British  Poets.  Blofs 
die  Lyriker  indessen  werden  hier  ins  Auge  gefafst,  luid  namentlich 
des  16.,  sowie  des  Anfangs  des  17.  Jahrhunderts.  Der  Artikel  enthält 
manche  gute  Bemerkungen,  von  reichlichen  Citaten  begleitet. 

102.  Footsteps  of  Shakspere;  or,  a  ramble  Avith  the  early 
Dramatists ,  containing  new  and  interesting  Information  respect- 
ing  Shakspeare,  Lyly,  Marlowe,  Greene  and  others.  8*^.  190  p. 
5  s.  6  d. 

103.  English  Translators  of  Virgil. 
In:   Quarterly  Review,  July. 

Zum  grofsen  Theil  eine  L'ebersicht  der  alteren  Uebersetzungen  von 
der  von  Caxton  verfafsten  an. 


104.  Essays  on  English  Literature,   by  Th.  Mac  NicolL 

12°.    350  p.    7  s. 

Zehn  zuerst  in  dem  Quarterly  Review  veröffentlichte  Essays  er- 
scheinen hier  vom  Verfasser  gesammelt,  nämlich:  Autobioyraphies; 
Sacred  Poetry,  Milton  and  Pollok;  Tl^e  Writhiys  of  Mr.  Carlyle;  Ten- 
dencies  of  modern  Poetry;  Populär  Criiicism;  Alfred  Tennyson;  Noetes 
Ambrosianae ;  New  Poems  of  Broioning  and  Lander;  Boswelfs  Letters; 
The  terror  of  Bagdad.     S.  darüber  Liter.   Gaz.,  March. 

105.  Essays  from  the  Quarterly  Review,  by  /.  Hannay. 
8°.  390  p.  14  s. 

Die  Liter.  Gaz.,  April  bezeichnet  die  Originalität  des  Verfassers 
mit  den  Worten:  ,,He  is  a  happy  combination  of  two  opposite  quali- 
ties :  he  is  as  fond  of  curious  research  and  of  original  sources  of  In- 
formation as  the  dryest  and  most  pedantic  of  antiquarians,  and  yet  he. 
is  as  lively  and  humorous  as  the  most  frivolous  of  dinner-wags."  Zu 
den  interessantesten  der  vorliegenden  Essays  gehört  das  ,,  On  English 
Pülitical  Satires". 

106.  Bacon.  —  Life  of  Francis  Bacon,  Viscount  of  St. 
Albans.  8".  568  p.     14  s. 

Dieses  Werk  ist  gegen  das  von  Dixou  [s.  J.  60,  Nr.  107]  gerichtet. 
Die  Liter.  Gaz.,  Oct.  fällt  darüber  ein  sehr  ungünstiges  Vrtheil.  Wir 
merken  hier  an,  dafs  über  Dixon's  Buch  ein  eingehender  Artikel  im 
Edinburgh  Review,  April,  erschien. 

Baxter.   —   S.  oben  Nr.  95 

107.  Browning,  Elizabeth   Ba,rrett.    —    The   Works   of 
Elizabeth  Barrett  Browning. 

In:  Edinburgh  Review,   Oct. 


Zur  englischen  Literaturgeschichte.  449 

Bunyan.  —  S.  oben  Nr.  95. 

108.  Chaucer.  —  Le  Pelerinage  de Canterbury,  1328-1400; 
par  E.  J.  Delecluze.  Paris.  8°.  41  p. 

Dieser  Aufsatz,  zuerst  in  der  Revue  fran^aise  1838  publicirt,  er- 
scheint hier,  beträchtlich  erweitert,  von  Neuem. 

109.  Cowper.   —   The  Life,  Genius  and  Poetry  of  Wil- 
Jiam  Cowper;  by  J.  M.  Pollock.  8'.      1  s. 

110.  De  öuincey.  —  Thomas  de  Quincey. 
In:   Quarterly  Review,  July. 

Eine  kurze  Üebersicht  seiner  Lebensgeschichte  und  Schriften;  nicht 
von  besonderer  Bedeutung. 

111.  Eliot.  —  De  la  verite  dans  le  Roman  moderne.  — 
Silas  Marner  nouveau  roman  de  G.  Eliot,  par   C.   Clarigny. 

In:  Revue  des  deux  Mondes,  Sept. 
Eliot  wird  hier  mit  Crabbe  verglichen,  was  dieser  unter  den  Poe- 
ten, sei  Eliot  unter  den  Romanschriftstellern. 

Lilly.  —  S.   oben  Nr.   102. 

112.  Macaulay.  —  Macaulay's  History  of  England 
(Fifth  Volume). 

In:  Edinburgh  Review,  Oct. 

Dieser  Artikel  ist  unter  besondrer  Berücksichtigung  der  folgenden 
Schrift  abgefafst:  „The  New  Examen,  or  an  Enquiry  into  the  Evi- 
dence  relating  to  certain  Passages  in  Lord  Macaulay's  History ;  bv 
J.  Paget.  Edinburgh  1861." 

113.  Milton.   —  La  jeunesse  de  Milton;  par  A.  Mezieres, 
In:  Revue  nation.  et  etrang.,  Fevr. 

Auf  Grund  der  Werke  von  Masson  und  Keightley  [s.  J.  58,  Nr. 
169  und  J.  59,  Nr.  154]. 

114.  Milton.  —  Ramblings  in  the  Elucidation  of  the 
Autograph  of  Milton,  by  S.  Leigh  Sothehy.   4°.    XXVIII,   293  p. 

4  £4  s. 

115.  Montgomery,  James.  —  James  Montgomery;  a 
lecture;  by  J.  Kirk.   Sheffield.   12".      1   s. 

116.  Roger.  —  Leben  und  Schriften  Samuel  Roger's.  Ein 
Beitrag  zur  Geschichte  der  englischen  Literatur  von  //.  Joloicicz. 

In :  Herrig's  Archiv  f  d.  Stud.  d.  neuern  Spr.  XXIX,  4.  Hft. 

117.  Skakespeare.  —  Shakespeare,  ses  oeuvres  et  ses 
eritiques,  par  xilfr.   Mezieres.  Paris.  8°.  XV,  511   p.    6  Pr. 

Erhielt  einen  Preis  von  der  Academie  fran(,-aise. 

118.  Shakespeare.  —  Shakespere,  a  critical  Biography, 
and  an  Estimate  of  the  Facts ,  Fancies,  Forgeries  and  Fabri- 
cations,  regarding  his  Life  and  Works,  which  have  appeared 
in  remote  and  recent  literature;  by  Sam.  Neil.   8°.      1  s.   6  d. 

Nicht   von  Bedeutung. 

119.  Shakespeare.  —  Complete  View  of  the  Shakspere 
Controversy,  concerning  the  Authenticity  and  Genuineness  of 
Manuscript  Matter  affecting  the  works  and  biography  of  Shaks- 

.lahrb.   f.   mm.   ii.   r-ngl.   I,it.     IV.   4.  QQ 


450  Bibliographie. 

pere,   published    by   Mr.  J.  Payne  Collier  as  the    fruits  of  bis 
researches;  by  C.  M.   Ingleby.    8".    15  s. 

Shakespeare.  —  S.  oben  Nr.   102. 

120.  Shakespeare.  —  Notes  on  Shakespeare,  by  J.  Ni- 
cholls.  8".     1  8. 

„This  littie  tract  exhibits  alike  critieal  ingenuity  and  admiration 
and  appreciation  of  Shakespeare."   Sutcts  if  Q.,  XII,  p.   340. 

121.  Shakespeare,  —  Shakspeariana. 

In:  Notes  &  Queries,   Vol.  XI  u.  XII. 

*122.  Shakespeare.  —  Zu  Richard  II. ;  Shakespeare  und 
Holinshed,  von  Riechelmann.  (Programm  des  Gymnasiums  von 
Plauen).  Plauen.   1860. 

Das  Verhältnifs  in  welchem  Handlung  und  Charakter  des  Dramas 
zu  der  Chronik  stehen,  sucht  der  Verfasser  durch  eine  sehr  sorgfältige 
Vergleichung,  die  von  Scene  zu  Scene  fortgeführt  wird,  darzulegen. 

123.  Shakespeare.  —  Shakespeare's  Hamlet,  von  F.  Th. 
Vischer. 

In:  Kritische  Gänge  von  F.  Th.  Vischer.  Neue  Folge.   2  Heft. 
Stuttgart.    8°. 

Eine  werthvoUe  Arbeit  des  berühmten  Aesthetikers.  —  In  demsel- 
ben Heft  befindet  sich  auch  ein  Wiederabdruck  des  1844  in  Prutz'  lite- 
rarhistorischem Taschenbuche  erschienenen  Aufsatzes :  ,,  Shakespeare 
in  seinem  Verhältnisse  zur  deutschen  Poesie,  insbesondere  zur  po- 
litischen." 

124.  Shakespeare.  —  Shakespeare's  Tenures.  Homage, 
Knight's  Service,  Tenure  in  Capite.  By  TT:,  L.  Rushton  [vgl. 
J.  60,  Nr.   141]. 

In:  Herrig's    Archiv    f.    d.   Stud.    d.    neuern    Spr.   XXIX,   2. 
u.  3.  Hft. 

Zur  Erklärung  der  Ausdrücke  heben  wir  folgende  Stellen  aus : 
Homage  is  the  most  honourable  Service  and  uiost  humble  service  of  re- 
verence,  that  a  frank  tenant  may  do  to  his  lord.  —  —  Tenure  by  ho- 
mage, fealty,  and  escuage  is  to  hold  by  knight  service  and  it  draweth 
to  it  ward ,  marriage  and  relief.  —  —  Where  the  tenure  was  of  the 
sovereign  immediately,  it  was  said  to  be  in  capite,  er  in  chief. 

125.  Shakespeare.  —  Schlüssel  zu  Shakspeare's  Sonnet- 
ten,  von  D.  Barnstorff.  Bremen.  8  .   179  p.     28  Sgr. 

„William  Shakspeare  widmet  die  Sonnette  dem  W.  H. ,  und  dafs 
dies  nichts  anders  als  William  Himself  heifsen  soll,  können  wir  zwar 
nicht  beweisen,  seheint  uns  aber  aus  dem  135.  und  136.  Sonett  höchst 
wahrscheinlich."  Das  ,,Mr."  vor  „W.  H."  in  der  Widmung  hat  der 
Verfasser  leider  übersehen!  —  Das  Buch  ist  von  Interesse  insofern  es 
zeigt  bis  wie  weit  die  Shakespeare -Uebersehwenglichkeit  auch  heute 
noch  in  Deutschland  sich  verirren  kann. 

126.  Shelley.  —  Shelley's  Life. 
In:   Quarterly  Review,   Oct. 

Auf  Grund  der  neuesten  Publicationen  über  Shelley,  nämlich  der 
J.  58,  Nr.  178  und  179;  und  J.  59,  Nr.  171  von  uns  aufgeführten,  so- 
wie der  von  Mrs.  Shelley  1854  publicirten  Ausgabe  der  Werke  und  end- 
lich im  Hinblick  auf  Nr.  342  und  361  von  Fraser's  Magazine. 


Zur  englischen  Literaturgeschichte.  451 

127.  Swift.  —  Some  Account  of  the  Life,  Writings  and 
Character  of  Dr.  Swift. 

In:  Notes  &  Queries,   Vol.  XI,   1   ff. 
Aus  den  Spence  Mss.  des  Herzogs  von  Newcastle  mitgetheilt.    Der 
Verfasser  schöpfte  zum  Tlieil  aus  Mittheiiungen  intimer  Freunde  Swift'.s. 

B. 

128.  Alt-  und  Angelsächsisches  Lesebuch  nebst  altfrie- 
sischen Stücken,  von  M.  Rieqer.  Mit  einem  Wörterbuche.  Lex.- 
8°.  Giefsen.  XXVIII,  353  p.     22/3  Thlr. 

Dies  AVerk  wird  im  Literarischen  .Centralblatt  sehr  gerühmt.  Es 
enthält  auch  Proben  des  nordhumbrischen  Dialekts.  —  In  der  Text- 
kritik hat  der  Verfasser  manches  Selbstständige  geleistet.  Das  Wör- 
terbuch ist  mit  grofser  Sorgfalt  und  Gründlichkeit  ausgearbeitet. 

129.  Bibliothek  der  angelsächsischen  Poesie,  herausge- 
geben von  C.  W.  M.  Grein  [s.  J.  58,  Nr.  182].  Bd.  IIL  VIII, 
538  p.     42/3  Thlr. 

Erschien  auch  selbständig  unter  dem  Titel :  Sprachschatz  der  an- 
gelsächsischen Dichter.  Bd.  I.  „Dieser  Titel  rechtfertigt  sich  völlig 
durch  die  Anlage  dieses  gründlichen  Werks,  wonach  es  für  jeden  Ar- 
tikel alle  Belege  aus  den  poetischen  Quellen  gibt,  die  gedruckt  sind; 
—  —  und  so  kann  dies  Werk  zugleich  für  eine  Concordanz  der  poe- 
tischen Sprache  der  Angelsachsen  gelten,  die  um  so  werth voller  ist, 
da  die  Stellen  nicht  blofs  genannt,  sondern,  wo  immer  es  angemessen 
war ,  vollständig  satzweise  ausgehoben  sind.  —  —  Ein  weiterer  Vor- 
zug der  Arbeit  ist,  dafs  sie  nicht  aus  blofs  überlieferungsmäfsigen,  mehr 
oder  weniger  verwilderten  Quellen  geschöpft  ist,  sondern  aus  sorgfäl- 
tig gereinigten  Texten."     Literar.   CentralbL,  Nov. 

130.  The  Anglo-Saxon  Chronicle,  according  to  the  se- 
veral  original  authorities ;  edited  with  a  translation  by  B.  Thorpe. 
8  .  2  Vol.  XXII,  415  u.  323  p.     17  s. 

Bildet  einen  Theil  der  Rerum  britannic.  medii  aevi  script.  (s.  da- 
rüber J.  58,  Nr.   189). 

131.  Anglo-Saxon  Narratiunculae  anglice  conscriptae; 
from  the  Mss.  by   0.   Cockayne.  8°.       5  s. 

1.  Epistoia  Alexandri  ad  Aristotelem;  2.  De  Rebus  in  Oriente  Mi- 
rabilibus;  3.  Passio  Sanctae  Margaretae  Virginis.  Aus  Mss.  der  ,,Cot- 
tonian  Collection".  Die  Stücke  waren  bisher  nicht  veröflentlicht.  Nur 
in  250  Exemplaren.  —  Notes  If  Q.  XII,  p.  340. 


132.  The  Legendary  and  Roraantic  Ballads  ofScotland; 
edited  by   Ch.  Mackay.   12°.  360  p.      G  s. 

133.  Schottische  Volkslieder  der  Vorzeit.  Im  Vei-smafs 
des  Originals  übertragen  von  Bosa  Warrens.  Hamburg.  8". 
XII,   212  p.      1  Thlr.  7'/.^  Sgr. 

39  schottische  Balladen,  von  denen  manche  indefs  einer  spätem 
Zeit  angehören,  sind  hier  mit  grofser  Gewandtheit  von  der  bereits  be- 
währten   Uebersetzerin    übertragen,    so  dafs    der    cigenthümliche    Geist 

30* 


452  Bihlingraiiliie. 

dieser  Volksdichtuiijj;  lebendig  liervortritt.  Lehrreiche  Erläuteniiigeii 
begleiten  die  UebersetzAing,  ia  vvelclien  namentlich  die  Hinweisung  auf 
ähnliche  Dichtungen  andrer  germanischer  Nationen  werthvoll  ist. 
Herriffs  Archiv  f.  d.  neuern  Spr.  XXIX,  Hft.  2  u.  3. 

134.  Songs  and  Ballads,  with  other  Poems,  chiefly 
of  the  reign  of  Philip  and  Mary;  edited  by  Th.  Wright.  (Print- 
ed  for  the  Roxburghe  Club.)    8". 

Die  Liter.  Gaz.,  Murck  bcriclitet  über  diese  interessante  Publication: 
,,lt  consists  of  a  selection  of  short  poems  on  various  subjects,  and  with 
considerable  variety  of  metres,  which  have  been  written  down  by  tlie 
copier,  who  has  chosen  theni  from  what  of  the  literature  of  the  day 
appeared  to  hini  most  worthy  of  preservation."  Die  Gedichte  sind 
theils  Liebesgedichte,  theils  didactisch,  theils  erzählend,  oder  satirisch. 
Und  zwar  sind  die  letztern  entschieden  antikatholisch.  Die  didacti- 
schen  sind  oft  noch  in  der  mittelalterlichen  Form  einer  Vision,  wäh- 
rend die  Liebesgedichte  den  italienischen  Mode-Einflufs  offenbaren. 
Unter  den  erzählenden  findet  sich  auch  die  Ballade  „Chevy  Chase",  — 
„of  which  a  version  is  here  given  differing  in  some  respects  of  lan- 
guagc  from  that  ordinarily  received,  bat  we  are  inclined  to  believc 
that  the  one  here  given  is  the  original  poem ,  and  that  it  is  the  com- 
position  of  the  Richard  Sheale  for  whoni  it  is  claimed  in  the  present 
volume."  —  Der  Compilator  war,  wie  er  selbst  sagt,  ein  ,,retainer" 
des  Earl  of  Derby  und  wohnte  in  d&r  Stadt  Tamworth. 


135.  Byron.  —  Le  pelerinage  de  Child  Harold,  traduc- 
tion  en  vers  franyais,   par  E.   Cluiertan.     Paris.     8°.    4  Fr. 

136.  Byron.  —  Manfrede,  poema  dramätico  de  Lord 
Byron,  traducido  en  verso  direetamente  del  ingles  al  castella- 
no  por  Jose  Alcalä  Gallano  y  Fernandez  de  las  Penas.  Ma- 
drid. Gr.  8°.  XIV,  86  p.     8  r. 

137.  Chamberlain.  —  Letters  written  by  John  Cham- 
berlain  during  the  reign  of  Queen  Elizabeth;  edit.  from  the  ori- 
ginal by   Sarah    Williams.   (Printed  for  the    Camden  Society.) 

Diese  Ausgabe  wird  von  dem  Athen.,  Sept.  sehr  gerühmt.  „The 
Information  supplied  in  illustration  of  Chamberlain's  text  is  copious, 
well  derived  and  lucid.  —  —  The  introduction  for  the  first  time  esta- 
blishes  our  knowledge  of  who  and  what  Chamberlain  was,  on  a  sure 
footing."  —  Briefe  Chamberlain's  aus  der  Zeit  Jacob  I.  waren  schon 
früher  veröffentlicht.  —  Vgl.  auch  Notes  4-  Q.,  XII,  p.  19,  das  ebenso 
günstig  nrtheilt. 

138.  Greene.  —  The  Dranmtic  and  Poetical  Works  of 
Robert  Gi'eene  and  George  Peele;  with  Memoirs  of  the  Au- 
thors  and  Notes,  by  Alex.  Dyce.  8°.   16  s. 

Wir  hoffen  von  dieser  wichtigen  Publication  eine  „Anzeige"  brin- 
gen zu  können. 

139.  Hemans.  —  Poems  of  Felicia  Hemans.  Neto  ed.., 
chrouologically  arranged,  with  illustrative  Notes  and  a  selec- 
tion  of  contemporary   Criticisms.   8°.    12  s.   6  d. 

140.  Longfellow.  —  Hiawatha,  poeme  indo-americain  de 
Longfellow.  Traduction  avec  notes  par  H.  Gomont.  Nancy. 
8^   140  p.    2  Vi  Fr. 

Enthält  zugleich  einen  guten  Commentar.    Rec.  d.  deux  Mond.,  Oci. 


Zur  englischen  Literaturgeschichte.  453 

141.  Macaulay.  —  Correspondence  between  the  Bishop 
of  Exeter  and  T.  B.  Macaulay,  on  certain  Statements  respect- 
ing  the  church  of  England.   8°. 

,,This  interesting  correspondence,  which  took  place  in  1849,  is  in- 
dispensable to  the  couipletion  of  Lord  Macaulay "s  History."  Notes  ^• 
(lueries ,  XI,  p.  40. 

142.  Macpherson.  —  Poems  of  Ossian,  in  English  Verse. 
Fingal  by  Holl;  Carthon,  the  Death  of  Cuchullin  etc.  by 
Wodrow;  Cairbar  and  Oscar,  by  Burke.   12".  460  p.    3  s.  6  d. 

143.  Milton.  —  Milton's  Poetieal  Works,  with  a  Me- 
moir  and  Critical  Remarks  on  his  Genius  and  Writings  by 
James  Montgomery.  lUust.  JSIew  ed.  With  an  Index  to  Paradise 
Lost;  Todd''s  verbal  Index  to  all  the  Poems;  and  a  Variorum 
selection  of  explanatory  Notes  by  H.  G.  Bohn.  2  Vol.   12".   10  s. 

Wir  führen  diese  Ausgabe  hauptsächlich  deshalb  hier  auf,  weil 
sie  Todd's  Index  enthält,  der  seit  1809  in  keiner  andern  wieder  pu- 
blicirt  ward.    Die  Illustrationen  sind  die  von  Harvey.  S.  Bookseller,  June. 

144.  Milton.  —  La  Perte  d'Eden.  Paradis  perdu.  Tra- 
duction  lineaire  metaphrase  et  litterale,  par  Jean-de-  Dieu  Cou- 
rant.    Texte  en  regard.    Liv.  1 — 4.    Gr.  8°.    Die  Liefg.  1  Fr.  25  c. 

145.  Montagu.  —  The  Letters  and  Works  of  Lady  Mary 
Wortley  Montagu ;  edited  by  her  grandson  ,  Lord  ^MlarncUffe. 
Third.  ed..,  with  Additions  and  Corrections  derived  from  the 
original  Manuscripts ,  illustrative  Notes  and  a  new  Memoir  by 
Tr.  Moy   Thomas.  8".  2  Vol.      18  s. 

Mr.  Thomas  hat  in  seinem  Memoir  eine  Menge  von  „slander"  zu 
entfernen  vermocht,  der  namentlich  aus  einem  Mifsverständnifs  Pope'- 
scher  Anspielungen  entstanden  war.  Das  Zerwürfnifs  der  Lady  mit 
letzterem  wird  von  ihm  aufgeklärt.  Ein  besonderes  Verdienst  beruht 
noch  in  der  chronologischen  Ordnung  der  undatirten  Briefe.  Andrer- 
seits sind  auch  in  dieser  Ausgabe  wieder  Briefe  und  Werke,  deren 
Authenticität  mehr  als  zweifelhaft  ist,  abgedruckt,  wahrscheinlich  blofs 
weil  sie  in  den  früheren  sich  befanden.     Atkenaeum^   Apr.  n.   Oct. 

146.  Occleve.  —  De  Regimine  Principum;  a  Poem  by 
Thomas  Occleve.  Edited  by  Th.  Wright.  (Printed  for  the  Rox- 
burghe  Club.)     8°. 

Der  Dichter,  welcher  eine  Pension  von  Heinrich  IV.  empfing,  wollte 
durch  dieses  für  den  Prinz  von  Wales  abgefafste  Werk  seinen  Dank  ab- 
statten. Es  ist  nach  der  Lit.  Gaz. ,  March  namentlich  von  kulturge- 
schichtl.  Interesse. 

Peele.  —    S.  oben  Nr.  138. 

147.  Shakespeare.  —  Oeuvres  compl.,  traduites  par 
Fr.    V.  Hugo  [s.  J.   60,  Nr.   167].  Vol.  VIIL    504  p.     3V2  Fr. 

„Lcs  Amis"  (Die  beiden  Edelleute  von  Verona;  Der  Kaufmann 
von  Venedig;  Wie  es  euch  gefällt). 

148.  Shakespeare.  —  Oeuvres  compl.;  traduction  de 
Guizot.    Nouv.   cd.  [.s.  J.  60,  Nr.   169].    Vol.  II— VIII.  35  Fr. 

149.  Shakespeare.  —  Shakespeare's  Gedichte;  deutsch 
von   W.  Jordan.  Berlin.  8".  LV,  422  p.     l^/g  Thlr. 

Begreift    aufser    den    Sonetten   auch   die    epischen    Gedichte.     Die 


454  Bibliographie. 

Uebersetzung  gehört  zvi  den  vorzüglichsten,  namentlich  was  Leichtigkeit 
und  Wohllaut  der  Verse  betrifft.     Vgl.  Liter.  Centralhl. ,  1862,  Mai. 

150.  Thomas,  —  The  Pilgrim;  a  Dialogue  on  the  lit'e 
and  actions  of  King  Henry  the  Eighth;  by  William  T/iornas, 
Clerk  of  the  Council  to  Edward  VI.  Edited  with  Notes  from 
the  Archives  at  Paris  and  Brüssels,  by  J.  A.  Fronde.  8". 
180  p.     6  s.  6  d. 

151.  Walpole.  —  Letters  of  Horace  Walpole  j  edited  by 
P.  Cunninyham.,  now  first  chronologically  arranged.  8°.  9  Vol.  81  s. 


TU.    Zur  italienischen  Literaturgeschichte. 

A. 

152.  Le  opere  volgari  a  stampa  dei  secoli  XIII  e 
XIV,  ed  altre  a'  medesimi  referibili  descritte  per  J^r.  Zamhrini, 
Presidente  della  commissione  pe'  testi  di  lingua.  Bologna 
(Romagnoli).     Gr.  8«.  XVI,  372  p.  (a  2  col.)     7  Lire. 

Nur  in  250  Exempl.  Ein  ausgezeichnetes  Buch,  Jedem  unent- 
behrlich, der  sieh  mit  älterer  Italien.  Literatur  beschäftigt.     Mussafia. 

153.  Die  Bibliotheken  und  Archive  zu  Florenz;  von 
Neigebaur. 

In:  Petzholdt's   Neuer    Anzeiger  für   Bibliogr.   6.  Hft. 

154.  Les  poetes  florentins  au  XIII''  siecle;  par  Arm. 
Rimere. 

In :  Revue  nation.  et  etrang. 
Guido  Cavalcauti,  Guittone  d'Arezzo  u.  A. 

155.  Vicende  della  tragedia  in  Italia,  di  Fulvio.  Napoli 
(Rondinella).   16°.      2  Lire. 

156.  Notice  sur  un  poeme  Italien  d'une  extreme  rarete, 
par  G.  Brunei. 

In:  Serapeum ,   Nr.   9. 
lieber  eine  Satire  gegen   die  Frauen,  ein  Gedicht  in  Terzinen  und 
13    Capitoli:    11   Mangnmllo   betitelt,    aus    der    ersten    Hälfte    des     16. 
Jahrhunderts,  welches  1860  in  Paris  republicirt   Avard  in  100  numerir- 
ten  Exemplaren. 

157.  Boccaccio.  —  Difese  d'un  illustre,  studio  di  A.  Mus- 
safia. Wien.  8°.  36  p. 

Nur  in  150  numerirten  Exemplaren.  Auszugsweise  Uebertragung 
des  letzten  Buchs  der  Genealogia  Deoruni  in  das  Italienische,  in  wel- 
chem Buche  Boccaccio  sein  Werk  gegen  die  Angriffe  böswilliger  Gegner 
vertheidigt. 

158.  Compagni,  Dino.  —  Dino  Compagni;  etude  histo- 
rique  et  litteraire  sur  l'epoque  de  Dante,  par  K.  Hildebrand. 
(Doctordiss.)  Paris.  8°.  XVI,  439  p. 


Zur  italienischen  Literaturgeschichte.  455 

Diese  Arbeit,  welche  zugleich  die  Geschichte  von  Florenz  selbst 
vom  Jahre  1282 — 1378  behandelt,  wird  vom  Journ.  des  Sacants,  Mars 
1S62  sehr  gerühmt. 

159.  Dante.  —  Storia  della  vita  di  Dante  Alighieri  com- 
pilata  da  P.  FraticelU  sui  documenti  in  parte  raccolti  da  Gius. 
Pelli,  in  parte  inediti.  Firenze  (Barbera).  12".  VII,  371  p. 
4  Lii-e. 

160.  Dante.  —  Intorno  le  conoscenze  biologiche  e  me- 
diche  di  Dante  Alighieri,  di  Michelangelo  Asson.  Venezia.  8°. 
27  p.    1  Lira. 

161.  Dante.  —  Saggio  di  osservazioni  sopra  gli  studi 
biblici  di  Dante  Alighieri,   di   Ces.   Cavedoni. 

In:   Opusc.  religiosi,  letter.  e  mor,  di  Modena  T.  X. 

162.  Dante.  —  Dante  und  die  italienischen  Fragen.  Ein 
Vortrag  gehalten  im  März  1861  von  K.  Wüte.  Halle.  8°. 
47  p.    8  Sgr. 

163.  Dante.  —  Dante  Alighieri.  Sechs  Vorträge  über 
Dante.  —  Dante ,  ein  Romanzenkranz.  Von  F.  Notier.  Stutt- 
gart. 8°.  XVI,  336  p.  173  Thlr. 

164.  Dante.  —  De  Bartolo  a  Saxoferrato,  Dantis  AUi- 
gherii  studioso,  commentatiuncula  Caroli  Witte.  Halle.  Gr.  8°. 
12  p.    5  Sgr. 

165.  Dante.  —  Versuch  einer  blos  philol.  Erklärung, 
von  Blayic.  [s.  J.  60,  Nr.  191.]  I.  Die  Hölle.  2.  Heft,  Gesang 
XVIII— XXXIV.  155  p.     20  Sgr. 

166.  Dante.  —  Metodo  di  commentare  la  Commedia  di 
Dante  Alighieri  proposto  da  Giambattista  Giuliani.  Firenze 
(Le  Monnier).   12°.  VI,  557  p.    4  Lire. 

167.  Dante.  —  Itinerario  astronomico  di  Dante  Alighieri 
per  l'inferno  e  pel  purgatorio  narratoci  da  lui  stesso  co'  suoi 
versi  per  Francesco  Longhena.  Milano  (Boniardi  Fogliani). 
8°.  31  p.    75  Cent. 

168.  Dante.  —  Sopra  un  verso  della  Divina  Commedia 
Aon  inteso  dalla  commune  degl'  interpreti,  lettera  di  Alb.  Bus- 
caini   Campe.  Palermo   (Pedone).    16°.  27  p. 

169.  D'Azeglio,  Massimo.  —  Massimo  d'Azeglio,  Bio- 
grafia  di  Fug.  Catuerini.  (Mit  Portr.)  Torino  (Pomba).  16°. 
24  p.     50  Cent. 

170.  Foscolo.  —  Ugo  Foscolo  e  Italia,  da  C.  Cattaneo. 
Milano.  8°.    1  Lira. 

171.  Galilei.  —  Galileo  Galilei,  sa  vie,  ses  proces  et 
ses  contemporains  d'apres  les  documents  originaux ;  par  Phil. 
Chaslen.     Paris.      8°.     VIII,  294  p.     SVz  Fr. 

172.  Guicciardini.  —  Un  politique  Italien  de  la  rcnais- 
sance.     Guichardin  et  ses  oeuvres  inedites.  Par  A.  Goffroij. 


456  Bibliographie. 

In:  Revue  des  deux  Mondes,  Aoüt. 

Die  3  ersten  Bände  der  Opere  inedite  werden  liier  besprochen. 

173.  Leopardi.  —  Les  souffrances  d'un  penseur  italien. 
Leopardi  et  sa  correspondance ;  par   Ch.  de  Mazade. 

In:  Revue  des  deux  Mondes,  Avril. 
Knüpft  an  das  in  Florenz  erschienene  Epistolario  Leopardi's  an. 

174.  Metastasio.  —  Aus  Metastasio's  Hofleben;  ein  Vor- 
trag gehalten  in  der  feierlichen  Sitzung  der  k.  Akademie  der 
Wissenschaften  von    Th.  G.  von  Karajan.    27  p. 

In:  Ahnanach  der-k.   Akad.  der  Wissensch.    Wien. 
Erschien    auch    in    Separatabdnick.     In    den    Anmerkungen    linden 
sich  Stellen  aus  unedirten   auf   der    k.    k.    ITofbibliothek    aufbewahrten 
Briefen  Metastasio's. 

175-     Metastasio.  —  Marcus  Atilius  Regulus,  Trauerspiel 
von  Collin  und  Oper  von  Metastasio ;  von  K.  L.  Kannegiefser. 
In:    Herrig's    Archiv    für  d.    Stud.     d.    neuern    Spr. 
XXIX,  2.  u.  3.  Hft. 

Beide  Stücke  werden  in  Bezug  auf  ihren  ästhet.  Charakter  be- 
trachtet und  verglichen ,  und  Metastasio  der  Preis  zuerkannt.  Die  letzte 
Scene  seiner  Oper  wird  in  einer  Uebersetzung  in  Versen  mitgetheilt. 

176.  Monti.  —  Vincenzo  Monti;  per  Ces,  Cantu.  Torino. 
16".   120  p.  (Mit  Portr.)  50  Cent. 

Bildet  einen  Theil  von:  I  Contemporanei  italiani;  Galleria  nazion. 
del  sec.  XIX. 

177.  Niccolini.  —  Giov.  Battista  Niccolini;  per  N.  Giotti. 
Torino.   16°.   (Mit  Portr.)     50  Cent. 

Bildet  einen  Theil  von :    I  Contemp.  ital. 

178.  Pellico,  Silvio.  —  Silvio  Pellico;  per  G.  Briano. 
Torino.   16°.   79  p.   (Mit  Portr.)    50  Cent. 

Bildet  einen  Theil  von:  I  Contemp.  ital. 

179.  Petrarca.  —  La  canzone  di  Petrarca  in  lode  della 
Vergine,  illustrata  co'  riscontri  delle  sacre  scritture  de'  santi 
padri  e  della  litturgia  della  Chiesa,   da   Cavedoni. 

In:  Opusc.  relig.  etc.   di  Modena  X. 

180.  Savonarola.  —  La  storia  di  Gir.  Savonarola  etc.  da 
P.  Villari  [s.  J.  60,  Nr.  266].  Vol.  IL  224,  CDXXVII  p. 
4  Lire. 

Tasso.  —  S.  unten  Nr.  193. 

181.  Uberti,  Fazio  degli.  —  Intorno  alla  famiglia  e  al- 
la  vita  di  Fazio  degli  Uberti,  autore  del  Dittamondo,  disqui- 
sizione  di  G.  Grion.  8°.    38  p. 

Die  Absicht  dieser  gründlichen  Arbeit  spricht  der  Verfasser  selbst 
mit  den  Worten  aus:  ,,Pressoch(?  tutte  le  scarse  notizie,  che  corrono 
incerte  per  la  biografia  di  Fazio,  risultano  cavate  dalle  opere  di  lui: 
eppercio  non  sark  disutile  col  medesimo  mezzo  di  raffermarne  alcune, 
e  a  queste  di  aggiungervi  altre ,  trascurando  quelle  a  cui  mancano  gli 
appoggi  per  sostenerle  o  gli  argomenti  per  discrederle." 


Zur  italienischen  Literaturgeschichte.  45'i 


*182.  Italienisches  Liederbuch,  von  Paul  Heyse.  Berlin, 
1860.  16°.  LI,  292  p.     1  Thlr.  24  Sgr. 

Eine  Sammlung  italienischer  Volkslieder  in  vortrefflichen  Ueber- 
setzungen:  Rispetti,  Vilote,  Ritornelle,  Voceros  u.  a. ,  welche  Ueber- 
setzungen  aber  zum  Theil  schon  einzeln  in  Journalen  u.  s.  w.  veröf- 
fentlicht waren  (vgl.  J.  58,  Nr.  244  u.  J.  59,  Nr.   211). 

183.  The  early  Italian  poets  from  Ciullo  d'Alcamo  to 
Dante  Alighieri,  (1100,  1200,  1300)  in  the  original  metres, 
together  with  Dante's  Vita  nuova,  translated  by  D.  G.  Eos- 
setti.  London.    8°.  496  p.  12  s. 

Der  Uebersetzer  ist  ein  Sohn  des  bekannten  Dantisten.  Im  Ganzen 
sind  60  Gedichte  übertragen,  Canzouen,  Ballaten,  Sonette,  wovon  29 
allein  dem  Guido  Cavalcanti  angehören.  Die  Uebersetzung  der  Vita  nuova 
scheint,  nach  dem  Aihenaeum,    Febr.  weniger  gelungen  als  die  andern. 

184.  Tre  cantici  spirituali  del  beato  Ugo  Panziera  da 
Prato.  Prato  (Guasti).  8°.  16  p. 

185.  La  Compagnia  del  Mantellaccio ,  componimento  del 
sec.  XV  citato  dagli  accademici  della  Crusca.  Riproduzione 
a  fac-simile  della  prima  stampa  con  il  catalogo  delle  edizioni 
conosciute.  Firenze  (Cecchi).  8°.    34  p. 

Ein  Gedicht  (Capitolo)  in  Terzinen,  von  Quadrio  dem  Lorenzo  de' 
Medici  zugeschrieben.  Der  älteste  Druck  ist  von  1489 ;  es  folgten  an- 
dere 12  Ausgaben;  die  letzte  in  der  Raccolta  di  rime  antiche  toscane, 
Palermo,  1817.  —  In  204  Expl.     Mussafia. 


186.     Miscellanee    di    opuscoli    inediti    o   rari    dei    secoli 
XIV  e  XV.    Prose.    Vol.  I.    Torino.    8°.    302  p.     3  Lire. 

.Es  bildet  den  ersten  Band  einer:  Collezione  di  opere  inedite  o 
rare  dei  primi  tre,  secoli  della  lingua,  pubblicata  per  cura  della  R.  com- 
missione  dei  testi  di  lingua.  Diese  Commission  hat  ihren  Sitz  in  Bo- 
logna; Präsident  ist  Franc.  Zambrini.  Sie  bezweckt  die  Herausgabe 
von  älteren  Denkmälern ,  die  in  Bezug  auf  Sprache  und  Literatur  von 
einiger  Wichtigkeit  sind.  Dieser  Band  enthält:  Giovanni  di  Procida 
e  il  vespro  siciliano  —  Viaggio  a  Gerusalemme  di  Nicolö  da  Este 
(1413)  descritto  da  Luchino  dal  Gampo  —  Leggenda  del  viaggio  di 
tre  monaci  al  paradiso  terrestre  —  Piramo  e  Tisbe  —  Leggenda  di  S. 
Petronio  (in  bolognesischer  Mundart)  Scala  che  mandö  S.  Francesco  a 
frate  Bernardo  —  Sentenze  di  Profeti,  Evangelist!  etc.  —  Epistole  di 
Seneca  a  S.  Paolo  e  di  S.  Paolo  a  Seneca.  —  —  Ueber  die  weitere 
Thätigkeit  dieser  Commission  gibt  eine  Schrift  F.  L.  PolidorVs  Nach- 
richt, welche  in  Bologna  erschien  unter  dem  Titel:  „  Proposta  per  la 
pubblicazione  degli  statuti  scritti  in  volgare  nei  secoli  13  e  14,  che  si 
trovano  nel  R.  archivio  di  Stato  in  Siena,  fatta  alla  Commissione  dei 
testi  di  lingua."  Wir  erfahren  hier,  dafs  eine  grofse  Anzahl  Publi- 
cationen  vorbereitet  werden,  von  denen  wir  hervorheben:  la  Favola 
Ritonda,  il  liinaldo  da  Montalhano;  Aiolfo  (etwa -^to/?);  Störte  Narbo- 
nesi  (Guillaume  d'Orange) ;  Aspramonte  und  Uvali  di  Francia  nach  einer 
bisher  unbekannten  Handschrift.  (Die  zwei  zuletzt  erwähnten  Stücke 
werden  als  besondere  Werke,  womit  einzelne  Herausgeber  jetzt  be- 
schäftigt sind ,  angeführt :  macht  aber  Aspramonte  nicht  das  siebente, 
noch  ungedruckte  Buch  der  Reali  aus?)     Andere    in  Aussicht   gestellte 


458  Bibliographie. 

Drucke  sind:  Conimenfariu  di  Vcspasiano  Bisticci  sulla  vita  del  Maitetti, 
ßandi  Lucchesi  ( beide  schon  erschienen ) ,  Cronache  Siciliane  de'  secoli 
13.  e  14.,  64  Lovelle  morali  di  /rate  Filij)j)o  da  Siena,  zahlreiche 
Uebersetzuiigeii  ascetisoher  Werke  ii.  s.  w.  —  Darauf  folgt  noch  ein 
Verzeichnifs  der  Statute  mit  ergieln^en  Auszügen,  welche  die  Sprache 
hinreichend  beurtheilen  lassen.     Musaafia. 

*187.  Due  Novelle  antiche  anterior!  al  Decamerone  del 
Boccaccio.   Genova.   18G0.  8  • 

188.  Novelle  d'  incei-ti  autori  del  secolo  XIV.  Bologna 
(Roniagnoli).    8".    98  p. 

Nur  in  102  Exemplaren.  Ks  sind  2  Novellen.  —  Bildet  einen 
Theil  der  unter  der  Leitung  Zambrini's  herausgegebenen:  Scelfa  di  cu- 
riositä  letterurie  inedite  o  rare  dal  secolo  XI/I  al    XIX. 

189.  Due  Novelle  morali  d'autore  anonimo  del  sec.  XIV. 
Bologna  (Romagnoli).   8°.   24  p. 

In  52  Exemplaren.  Bildet  einen  Theil  von  Zambrini's  Scelta  di 
cur.  lett. 

190.  Storia  d'Apollonio  di  Tiro ,  romanzo  greco  dal  la- 
tino  ridotto  in  volgare  italiano  nel  secolo  XIV.  Testo  di 
lingua  or  per  la  prima  volta  pubblicato  con  un  saggio  di  al- 
tro  volgarizzamento  dello  stesso  secolo.  Lucca  (Canovetti).  8°. 
XL VIII,  106  p.    4  Lire. 

Nur  in  123  Exemplaren.  —  Diese  Publication,  sowie  einige  weiter 
unten  aufgeführte  gehn  von  einer  Gesellschaft  Gelehrter  Lucca's  aus, 
worunter  Salvatore  Bongi  und  Leone  dal  Prete,  welche  theils  unedirte, 
theils  nur  in  seltenen  Drucken  erschienene  alte  Novellen  und  Schwanke 
zu  ediren  beabsichtigen.  Wir  werden  auf  das  vorstehende  AVerk  im 
Jahrbuch  zurückkommen.     71/. 

*191.  La  elezione  di  Corrado  quarto  figlio  dell'  impera- 
tore  Federigo  in  re  de'  Roraani.  Firenze  (Ant.  Cecchi),  1860. 
8<'.   14  p. 

In  124  Exemplaren.  Ein  Facsimile  nach  dem  Cod.  Magl.  Pale. 
IV  Cod.  110.  Dieses  Schriftstück  wurde  als  Testo  di  lingua  von  der 
Crusca  theils  unter  Left.  Fed.  See.,  theils  unter  Lib.  Dicer.  oder  Tav. 
Dicer.  angeführt.  In  den  Deliciae  Eruditorum  von  Lami  S.  235 — 239 
findet  es  sich  abgedruckt  nach  dem  Cod.  Rice,  der  jetzt  die  Zahl  153S 
trägt.     Eine  Ausgabe  veranstaltet  B.  Sorio.     M. 

192.  Scrittura  lombarda  del  secolo  XIV,  per  cura  di 
Michiele  Melga.  Napoli.  8°.   19  p. 

193.  Lettere  inedite  di  Santi,  Papi,  Principi,  illustri  guer- 
rieri  e  letterati,  con  note  ed  illustrazioni  di  L.  Cibrario.  To- 
rino  (Botta).   12 '.   567  p.      10  Lire. 

Es  befinden  sich  darin  Briefe  von  Bojardo,  Ariost,  G.  Guicciar- 
dini,  T.  Tasso,  Eleonora  d'Este,  Lucrezia  Bendidio,  G.  Baretti,  Meta- 
stasio,  Alfieri,  Botta,  Gioberti.  —  Daraus  erschien  selbständig  mit  dem 
Separattitel:  Dcijli  amori  e  della priyionia  di  T.  Tusso,  discorso  fondafo 
."u  documenti  inediti  dell'  archivio  Estense  (86  p.). 


Zur  italienischen  Literaturgeschichte.  459 

194.  Acciajuoli.  —  Istoria  fiorentina  di  Leonard!  Aretino 
tradotta  in  volgare  da  Donato  Acciajuoli,  premessovi  uii  discorso 
per  C.  Monzani.  Firenze  (Le  Moniiier).    12°.  LI,  611  p.   4  Lire. 

195.  Adriani,  Marcello.  —  Le  vite  parallele  di  Plu- 
tarco  etc.   [s.  J.  59,  Nr.   239].    Vol.  II  u.  III. 

196.  Alfieri.  —  Vita,  giornali,  lettere  di  Vittorio  Al- 
fieri.  Ediz.  ordinata  e  corretta  sugli  autografi,  per  cura  di 
E.  Teza.  Firenze.   12°.  591  p.    4  Lire. 

197.  Aretino,  Pietro.  —  Sept  petites  iiouvelles  concer- 
nant  le  jeu  et  les  joueurs  de  Pierre  Aretin,  traduites  en  fran- 
^ais  pour  la  premiere  fois  et  precedees  d'une  etude  sur  l'auteur 
et  sur  divers  conteurs  italiens;  par  PInlomneste  Junior.  Paris. 
24°.  95  p.  (Mit  Portr.)    4  Fr. 

198.  Bartolommeo ,  Fra.  —  Gli  ammaestramenti  degli 
antichi  raccolti  e  volgarizzati  per  Fra  Bartolommeo  da  S.  Concor- 
dio  Domenicano.    Firenze  (Barbera).  64*^.  XI,  174  p.  2  Y^  Lire. 

199.  Berchet.  —  Poesie  di  Giovanni  Berchet.  Unica 
ediz.  completa,  con  altre  poesie  originali  italiane.  Napoli.  12°. 
167  p.      2  Lire. 

200.  Boccaccio.  —  II  Decamerone  di  Giovanni  Boccac- 
cio. Firenze  (Barbera).  32".  3  Vol.  XX,  1677  p.  (C.  D.)  6  Lire 
75  Cent. 

201.  Bossi.  —  Poesie  edite  ed  inedite  del  conte  Carlo 
Aurelio  Bossi.  Firenze.  12°.  2  Vol.  909  p.     6  Lire. 

202.  Busini,  Giovambattista.  —  Lettere  di  Giovambat- 
tista  Busini  a  Benedetto  Varchi  sopra  1'  assedio  di  Firenze, 
corrette  ed  accresciute  di  alcune  altre  inedite,  per  cura  di  Gae- 
tano  Milanesi.  Firenze  (Le  Monnier).   12°.      3  Lire. 

203.  Dante.  —  La  vita  nuova,  i  trattati  De  Vulgari 
Eloquio,  De  Monarchia  e  la  questione  de  Aqua  et  Terra  di 
Dante  Aligbieri  con  traduzione  italiana  delle  opere  scritte  la- 
tinamente,  con  note  e  illustrazioni  di  Pietro  Fraticelli.  Firenze 
(Barbera).   12°.     4  Lire. 

204.  Dante.  —  The  Vita  nuova  of  Dante;  translate,  dwith 
an  Introduction  and   Notes  by   Th.  Martin.  8°.   160  p.  7  s.  6  d. 

205.  Dante.  —  II  Canzoniere  di  Dante,  annotato  e  il- 
lustrato  da  P.  Fraticelli,  aggiuntovi  le  Rime  sacre  e  le  Poesie. 
2^  ed.   Firenze  (Barbera).   12°.  449  p.      4  Lire. 

206.  Dante.  —  L'Enfer  de  Dante,  traduction  de  P.  A. 
Fiorentijio,  accorapagnee  du  texte  italien,  avec  les  dessins  de 
Gustave  Dore.    Paris.  4°.  IV,  198  p.    100  Fr. 

S.  darüber:  Une  interpretation  pittorcsque  de  Dante,  par  E.  Mon- 
tegut  in  der  Rev.  d.  deux  Mond.,  Niw.  Es  sind  75,  von  verschiedenen 
Künstlern  in  Holz  geschnittene  Zeichnungen ,  von  welchen  aber  ein 
Drittel  nur  indirect  mit  dem  Gegenstand  zusannuenhängen.    Die  Zeich. 


460  Bibliographie. 

Illingen  werden  in  nmncher  Beziehung  sehr  gerühmt;  und  die  Ueber- 
setzung  für  die  einzige  französische  erklärt,  welche  in  solchem  Grade 
Klarheit  mit  Treue  vereinigte.     Vgl.  auch  Athenaeum,   Sept. 

207.  Deciani.  —  Novelle  ed  altri  scritti  di  Francesco  De- 
ciaui,  raccolti  ed  annotati  da  Frosjwro  Antonini.  Firenze  (Le 
Monnier).   12''.  420  p.     4  Lire. 

208.  Doni.  —  II  terremoto  contro  Pietro  Aretino,  di 
Ant.  Francesco  Doni,  secondo  la  copia  del  1556.  Lucca  (Ca- 
novetti).     8". 

In  50  Exemplaren.  Wiederabdruck  eines  sehr  seltenen  Buches, 
wovon  ein  Exemplar  in  der  Vaticana,  ein  anderes  in  der  Marcusbiblio- 
thek zu  Venedig  vorhanden  ist. 

209.  Doni.  —  La  stufajolo,  commedia  in  prosa,  di  Ant. 
Francesco  Doni.     Lucca  (Canovetti).  8*^.  64  p. 

Nur  in  100  Exemplaren. 

210.  Filippo,  Frate,  da  Siena.  —  Martirio  d'  una  fan- 
ciulla  Faentina  narrato  per  Frate  Filippo  da  Siena  iiel  sec. 
XIV.  Bologna  (Romagnoli).   8".   16  p. 

Nur  in  52  Exemplaren.  Bildet  einen  Theil  von  Zambrini's  Scelta 
di  cur.  lett. 

211.  Filippo,  Frate,  da  Siena.  —  Novella  di  una  donna 
che  fu  lasciata  dal  diavolo,  scritta  da  Frate  Filippo  do  Siena 
nel  buon  secolo  della  lingua.  Lucca  (Canovetti).  8°.  16  p. 
1%  Lire. 

212.  Gioberti.  —  Pensieri  [s.  J.  59,  Nr.  253].  Vol.  II. 
(VL  des  Nachlasses.)  730  p. 

213.  Gioberti.  —  ßicordi  [s.  J.  60,  Nr.  228].  Vol.  II. 
(IX.  der   Op.  ined.)   758  p. 

214.  Gravina.  —  Prose  di  Vincenzio  Gravina,  pubbli- 
cate  per  cura  di  P.  EmiUani-Giudici.  Firenze  (Barbera).  12°. 
4  Lire. 

215.  Jacopone  da  Todi.  —  Cantici  di  Fra  Jacopone  da 
Todi ,  corretti  ed  illustrati  da  Bartolommeo  Sorio. 

In:  Opuscoli    religiosi,   letter.    e    mor.    di    Modena. 
Tome  IX— X. 

Vgl.  J.  59,  Nr.  257.  —  Es  sind  Cant.  3,  17;  1,5;  3,  12  ed. 
Tresatti. 

216.  Latini.  —  Libro  settimo  del  Tesoro  di  Brunetto 
Latini,  testo  originale  francese  e  traduzione  toscana  ridotta 
alla  lezione  vera  del  concetto  originale  con  note  critiche  ad 
ogni  passo  emendato  da  B.  Sorio. 

In:  Opusc.  relig.   etc.   di  Modena  IX — X. 

217.  Lippi,  Lorenzo.  —  II  Malmantile  racquistato  di 
Perlone  Zipoli.     Firenze  (Barbera).   16°.  X,  439  p.  (C.  D.) 

218.  Monti.  —  L'  Iliade  tradotta  da  Vincenzo  Monti. 
Firenze  (Le  Monnier).    Gr.   12°.    526  p-     4  Lire, 


Zur  spanischen  Literaturgescliichte.  461 

219.  Niccolini.  —  Nabucbodonosoi-,  tragedie  de  Nicco- 
lini  traduite  en  fran9ais  par  le  prince  Pierre  Napoleon  Bona- 
parte.  Paris.  4°. 

220.  Rosa.  —  Satire,  odi  e  lettere  di  Salvatore  Rosa, 
illustrate  da  G.  Carchicci.  Firenze  (Barbera).  16°.  (C.  D.) 
2V4  Lire. 

221.  Segni.  —  Le  istorie  Fiorentine  dall'  anno  1527 
all'  anno  1555,  di  Bernardo  Segni,  ridotte  a  miglior  lezione, 
coli'  ajuto  di  im  manosci-itto  di  Scipione  Ammirato ,  per  cura  di 
G.   Gargani.  Firenze  (Barbera).   12°.     4  Lire. 

222.  Vico.  —  Opere  di  Gianibattista  Vico  affidate  alla 
cura  di  Gabriele  di  Stefano.  Napoli  (Morano).  Vol.  I^ — IV. 
Der  Bd.  6  Lire. 


IV.  Zur  spanischen  Literaturgeschichte. 

A. 

223.  Diccionario  general  de  bibliografia  espanola,  por 
Dionisio  Hidalgo.  Madrid.  Entrega  I.     8°.     4  r. 

224.  Etüde  bibliographique  sur  les  romans  de  cbevalerie 
espagnols,  par  G.  Brunei. 

In:  Bullet,  du  biblioph.  et  du  biblioth.  p.  199,  269,  327. 
Auf  Grund  des  Catälogo  razonado  von  Gayangos  in  der  Biblioteca 
de  aut.  esp.  T.  XL,    indem    einige    neue    Nachweisungen    hier    und    du 
hinzugefügt  sind. 

225.  Lista  de  las  obras  nuevas  que  se  han  puesto  en 
escena  en  los  teatros  de  Madrid  desde  15  de  setiembre  de 
1860  hasta  ei  25  de  junio  de  1861. 

In:  Boletin  bibliograf.   esp.,  Nr.   14. 
*226.     La  imprenta  cn  Zaragoza,  con  noticias  preleminares 
sobre  la    imprenta   en    general,    par    Gerön.  Borao.    Zaragoza 
1860.  Gr.  8°.  98  p.  (Bibliot.  de  El  Saldubense.)  5  r. 


227.  Historia  cn'tica  de  la  literatura  espanola,  por  Jose 
Amador  de  los  Bios.  Tomo  I.  Madrid.  Gr.  8°.  CXIV,  528  p.  36  r. 

Wird  demnächst  angezeigt;  ingleichen  das  folgende  Werk. 

228.  Les  vieux  auteurs  castillans,  par  M.  le  conate  Th. 
de  Puymaigre.  2  Vol.   Metz.  8°.  XIV,  490;  494. 

Auch  eine  wohlfeilere  Ausgabe  in  12". 

229.  Discursos  leidos  en  las  recepciones  püblicas  que 
ha  celebrado  desde  1847  la  real  Academia  espanola.  Tomos 
I— III.  Madrid  1860—61.  4°.  428,  459  p. 

T.  I.  Olivaii,  Variedad  en  el  uso  del  pronombre  e/ ,  eU<i ,  ello ,   en 


462  Bibliographie. 

los  casos  oblicuos;  —  Hurtzenbusch,  Caräcter  por  que  se  distinguen  las 
obras  de  Alarcon;  —  Quinta,  Condiciones  actuales,  genio  y  caräcter 
que  hoy  distinguen  el  idioma  esp. ;  —  Fermin  de  la  Pitente  y  Apecechea, 
Caräcter  de  los  poetas  andaluces;  —  Carf</a,  La  poesi'a  castellana  con  ■ 
siderada  como  elemento  de  la  historia;  —  Ferrar  del  Rio,  Resefia  de 
lo  que  fue  la  oratoria  sagrada  esp.  en  el  siglo  XVIII.  —  T.  II.  Baralt, 
Juicio  crit.  del  marqnes  Valdegamas.  —  Fernandez  Guerra  y  Orbe,  De- 
mostracion  de  quo  Franc,  de  la  Torre  fue  una  persona  real  y  verda- 
dera.  —  Leop.  Aug.  de  Cveto,  Juicio  cri't.  de  Quintana;  —  Manuel  Ca- 
nefe,  Paralelo  de  Garcilaso,  Fr.  Luis  de  Leon  y  Rioja;  —  Monlau, 
Idea  general  del  origen  y  formacion  del  castellano;  —  Nocedal,  Obser- 
vaciones  sobre  la  novela.  —  '!'.  III.  Cutanda,  VA  epigrama  en  general, 
y  en  especial  el  espaflol  (in  der  Contestacion  von  Hartzenbusch  ist  eine 
Abhandlung  über  den  Grafen  von  Villamediana,  worin  all  die  über 
ihn  verbreiteten  Fabeln  von  seiner  Liebe  zur  Gemahlin  Philipp  IV.  und 
von  seiner  deshalb  erfolgten  Ermordung  widerlegt  werden).  — 


230-  Calderon.  —  Der  standhafte  Prinz,  Trauerspiel 
von   Calderon ;  von  K.  L.  Kannegie/ser. 

In:  Archiv  f.  d.  Stud.  der  neuern  Spr.  XXIX,  1.  Hft. 
Analyse  und  Kritik,  mit  stellenweiser  Uebersetzung. 

231.  Cervantes.  —  La  Estafeta  de  Urganda,  ö  aviso 
de  Cid  Asam-ouzad  Benenjeli  sobre  el  desencanto  del  Quijote, 
por  Nie,  Diaz  de  Benjumea.  London.   12'^*. 

232.  Fernan  Caballero.  —  The  Novels  of  Fernan 
Caballero. 

In:  Edinburgh  Review,  July. 

*  233.  Florez.  —  Noticias  sobre  la  vida,  escritos  y  viajes 
del  Rmo.  P.  Maestro  Fr.  Enrique  Florez,  de  la  örden  de  S. 
Augustin,  etc.  y  primer  escritor  de  La  Esjmna  Sagrada.  2^ 
ed.  que  con  notas  y  adiciones  publica  la  real  Academia  de 
la  historia.  Madrid.   1860.  4°.  XX,  446  p.    (Mit  Portr.)      14  r. 

Die  erste  Ausgabe  erschien  in  Madrid  1780. 


B. 

*234.  Memorias  de  D.  Fernando  IV  de  Castilla.  2  Vol. 
Madrid  1860.  4".  CXXII,  700;  IV,  914  p. 

Der  erste  Band  enthält  die  Chronik,  nach  einem  Codex  der  Na- 
tional-Bibliothek,  mit  Anmerkungen  und  Erläuterungen  von  Ant.  Bena- 
indes,  Mitglied  der  Akademie  der  Geschichte.  Der  zweite  Band  ent- 
hält die  Urkunden-Sammlung. 

235.     Documents  relatifs  ä  l'histoire  du  Cid  ;  par  //.  Lucas. 
Lagny.     12«.    215  p.  

*236.     Arolas.   —   Poesias  religiosas,  caballerescas  y  orien- 
tales  de  D.  Juan  Arolas.     Edic.   que  contiene  las   no  publica 
das  hasta  el  dia,  y  varias  no  impresas    en    otras    colecciones. 
Valencia   1860.   3  Vol.  4°.  404,   428,  397  p.  (Mit  Portr.)   72  r. 

Die  Ausstattung  ist  schön. 


Zur  spanischen  Literaturgeschichte.  463 

237.  Calderon.  —  Bien  vengas  mal,  si  vienes  solo,  co- 
media  de  D.  P.  Calderon  de  la  Barca,  refundida  y  acomodada 
ä  la  escena  raoderna,  en  4  actos,  por  A.  M.  Dacarrete.,  re- 
presentada  por  primera  vez  en  el  teatro  del  Principe  en  la 
noche  del   17  de  enero  de   1861.  Madrid.    Gr.  8°.    78  p.     8  r. 

238.  Calderon.  —  Love  the  greatest  Enchantment;  The 
Sorceries  of  Sin;  The  Devotion  of  the  Gross.  From  the 
Spanish  of  Calderon.  Attempted  strictly  in  English  assonante 
and  other  imitative  verse;  by  D.  FL  Mac  Carthy.  With  an 
Introduction  to  each  drama  and  Notes  by  the  Translator,  and 
the  spanish  text  from  the  editions  of  Hartzenbusch,  Keil  and 
Apontes.    London.  4°.      15  s. 

Schon  1853  hat  der  Uebersetzer  6  Stücke  Calderon's  übertragen 
publicirt.  Die  vorliegende  Uebersetzung  erscheint,  nach  der  Liter.  Ga- 
zette, Dec,  noch  gelungener.  Merkwürdig  ist  der  Versuch  der  Nach- 
bildung der  spanischen  A&sonanz ,  die  im  Englischen  aber  sich  noch 
weniger  als  im  Deutschen  wirksam  zeigt. 

239.  Cervantes.  —  Theätre  de  Michel  Cervantes ,  traduit 
pour  la  premiere  fois  par  yl//;Ä.  Boy  er.  Paris.   12°.  427  p.  3  Fr. 

4  Stücke  und  8  Zwischenspiele  sind  hier  vollständig  übertragen, 
von  den  andern  einzelne  Stellen  im  Geleit  einer  Analyse. 

240.  Mendoza,  Diego  Hurtado  de.  — ■  Aventures  et 
espiegleries  de  Lazarille  de  Tormes,  traduites  de  l'espagnol 
par  H.  Pelletier.    Paris.    32°.    1  Fr. 

Eine  befriedigende  französische  Uebersetzung  dieses  Werks  gab 
es  bisher  nicht,  lieber  die  vorliegende  äufsert  sich  die  Rev.  des  deiix 
Mond.,  Bullet,  bibliogr.,  sehr  günstig,  indem  sie  u.  a.  von  dem  Ueber- 
setzer sagt:  ,,Ecartant  les  textes  mutiles  par  l'inquisition  aussi  bien 
que  les  interpolations  maladroites,  il  a  fidelement  suivi  le  Mscr.  ori- 
ginal. Nous  avons  ainsi  dans  sa  forme  primitive  et  degagee  de  tout 
Clement  parasite  une  des  oeuvres  les  plus  charmantes  de  la  litterature 
espagnole." 

241.  Rojas  Zorrilla.  —  Comedias  escogidas  de  D.  Fran- 
cesco de  Rojas  Zorrilla,  ordenadas  en  coleccion  por  Ramon 
de  Mesonero  Bomanof^.  Madrid.  4".  XXIV ,  G04  p.  (Bibl.  de 
aut.   esp.  T.  LIV.)    50  r. 

Enthält:  Apuntes  biogräücos,  bibliogräticos  y  criticos.  Comedias. 
Del  rey  abajo  etc.;  Garcia  del  Castanar;  Entre  bobos  etc.;  D.  Lucas; 
Progne  y  Fi).;  Obligad.  y  ofend. ;  Gorron  de  S. ;  No  hay  amigo  etc.; 
Casarse  etc.;  Abre  el  ojo;  Donde  hay  agravios  etc.;  El  nias  impropio 
verdugo  etc.;  Lo  que  son  mujeres;  1).  Diego;  la  traicion  busca  el 
castigü ;  Santa  Isabel;  El  Cain  etc.;  Sin  honra  etc.;  Lo  que  queria  ver 
el  marq.  de  Villena;  Peligrar  en  los  remedios;  Los  bandos  de  Verona; 
No  hay  scr  padre  etc. ;  Ei  desafio  de  Carlos  V. ;  Los  äspides  de  Cleo- 
patra; Primero  es  la  honra  etc.;  La  hermosura  etc.;  N.  Sefiora  de 
Atocha;  La  esnieralda  de  amor;  Lamas  hidalga  hermosura;  D.  P.  Mi- 
ago;  Los  3  blasones;  El  catal.  Serrallonga;  Tambien  la  afrenta  es 
veneno. 

242.  Teresa,  Santa.  —  Escritos  de  Santa  Teresa,  aiia- 
didos  e  ilustrados  por  ^'icente  de  la  Fuente.  Madrid.  Tonio  I. 
4°.   XL,   584   p.  (Bibl.   de  aut.  esp.   T.  LIII.)     50  r. 


464  Bibliographie. 

Enthält:  Prcliminares.  —  Vida  de  Santa  Teresa.  —  Libro  de  las 
relaciones.  —  Libro  de  las  fundaciones.  —  Libro  de  las  constituciones. 
—  Avisos.  —  Modo  de  visitar  los  convientos  de  religiosas.  —  Camino 
de  perfeccion.  —  Conceptos  del  amor  de  Dios.  —  Las  Moradas.  — 
Esclamaciones  del  alma  ä  su  Dios.  —  Poesias.  —  Escritos  breves.  — 
Escritos  sueltos.  —  Obras  atribuidas  ä  Santa  Teresa.  —  Dociimentos 
relatives  ä  Santa  Teresa   y  sus  obras. 


V.  Zur  portugiesischen  Literaturgeschichte. 

A. 

243.  Diccionario  bibliographico  portuguez.  Estudos  de 
J.  F.  da  Silva  [s.  J.  GO,  Nr.  254].  Tomo  V.  487  p. 

244.  Magalhaens.  —  Ueber  Domingos  Jose  Gon9alves 
de  Magalhaens.  Ein  Beitrag  zur  Geschichte  der  brasilischen 
Literatur,  von  Ferd.   Wolf.  Wien.  8°.  40  p. 


B. 

245.  CoUeccäo  de  monumentos  ineditos  para  a  historia 
das  conquistas  etc.  [s.  J.  60,  Nr.  256].  Lendas  da  India,  por 
G.   Correa.  Tomo  II,  Parte  2.  504  p. 

246.  Azevedo.  —  Obras  de  Manoel  Antonio  Alvares  de 
Azevedo,  precedidas  de  um  discurso  biographico  e  acompa- 
nhadas  de  notas  pelo  Sr.  Dr.  Jacy  Monteiro.  Seffunda  ed.  ac- 
crescentada  com  as  obras  ineditas ,  e  um  appendice  contendo 
discursos,  poesias  e  artigos  feitos  a  occasiäo  da  morte  do 
autor.  3  Vol.  Paris.  8°.  VI,   1060  p. 


VI.    Zur   allgemeinen  Literaturgeschichte, 

nebst  Werken,  die  mehrere  Literaturen  zugleich  betreffen. 

247-  Tresor  des  livres  rares  et  precieux  etc.  par  J.  G. 
Th.   Grässe  [s.  J.  60,  Nr.  258].  Li\Tais.   13—15. 

248.  Manuel  du  libraire  et  de  l'amateur  de  livres,  par 
Jac.  Brunei,  h"  ed.  [s.  J.  60,  Nr.  259.]  Tome  IL  VIII, 
1848  Sp. 

Zusätze  gibt  unter  dem  Titel:  ,, Quelques  notes  bibliographiques 
au  sujet  du  Manuel  du  libraire"  Gustave  Brunei  im  Bullet,  du  biblioph. 
belye,  Juin. 

249.  Bibliographie  des  principaux  ouvrages  relatifs  ä 
l'amour,  aux  femmes,  au  mariage,  indiquant  les  auteurs  de 
ces  om^rages,   leurs  editions,   leur  valeur  et  les  prohibitions  ou 


Zur  allgemeinen  Literaturgeschichte.  465 

les  condamnations    dont    certains    d'entre    eux    ont    etc   l'objet; 
par  le  c.  dV***    Paris.  8°.  VIII,  150  p.     6  Fr. 

Nur  in  300  Exemplaren.  Nach  einer  Anzeige  G.  Brunet's  im  Se- 
rapeum,  Nr.  7,  ist  dies  pseudonyme  Werk  die  Arbeit  verschiedener  Pa- 
riser Bibliophilen.  Zu  vielen  Büchertiteln  sind  Anmerkungen  und  zu- 
weilen auch  Citate  beigefügt. 

250.  Catalogue  des  livres  manuscrits  et  imprimes,  com- 
posant  la  bibliotheque  de  M.  Armand  Cigongne;  precede  d'une 
notice  bibliographique  par  Leroux  de  Lincij.  Paris.  8°.  XLII, 
555  p.     10  Fr. 

Eine  sehr  schöne  Sammlung,  welche  in  den  Besitz  des  Herzogs 
von  Anmale  übergegangen  ist;  reich  an  Eitterromanen,  Mysterien, 
„Chansons  historiques"  und  Noels,  worunter  viel  Seltenes  und  selbst 
Unica.  Die  Notice  gibt  auch  Nachricht  über  den  Sammler,  der  Wech- 
selagent und  zugleich  ein  leidenschaftlicher  Bibliophile  war.  S.  Bullet, 
du  bibl.  beige,  Juillet. 

251.  Catalogue  de  la  portion  mathematique,  bibliogra- 
phique et  historique  de  la  celebre  bibliotheque  de  M.  Libri, 
vendue  publiquement  a  Londres.  Londres.  8°. 

S.  darüber  G.  Brunei  im  Serapeurn,  Nr.   14  u.  Nr.  17. 


252.  Histoire  de  l'ornementation  des  manuscrits ,  par 
F.  Denis.  Paris.  8°.  142  p.  (Mit  Holzschn.) 

253.  Les  miniatures  des  manuscrits  de  la  bibliotheque 
de  Cambrai,  avec  catalogue  des  volumes  ä  vignettes  et  un 
album  de  18  planches  contenant  plus  de  100  dessins  (au  trait 
fac-simile)  par  A.  Durieux.  Cambrai.  8".   127  p. 


254.  History  of  general  literature  viewed  politically  and 
historically,  by  B.  Blakey.  2  Vol.  (in  1).  London.  8°.     8  s. 

255.  Histoire  du  roman  et  de  ses  rapports  avec  l'histoire 
dans  l'antiquite  grecque  et  latine,  par  A.  Chassang.  Paris.  8". 
IV,  476  p.     8  Fr. 

256.  Ricerche  della  imitazione  tragica  presso  gli  anlichi 
e  presso  i  moderni,  di  Bozzelli.  2  Vol.  Firenze.  12°.  506, 
510  p.     8  Lire. 

257.  Singularites  historiques  et  litteraircs,  par  B.  Ilau- 
riau.  Paris.   18°.  HI,  325  p.     3  Fr. 

Der  Titel  ist  dem  eines  Werkes  von  J.  Liron  entlehnt,  welcher 
unter  demsellien  1734  eine  Anzahl  Dissertationen  herausgab;  hier  soll 
Singularites  nur  soviel  als  ,,Mouographies"  bedeuten.  Es  sind  deren  10, 
nämlich:  über  die  Sc/iulen  Irlanih\  über  Theodulj\  Bischof  von  Orleans; 
Smaragd,  Abt  von  Cartellion;  Odo  von  Cluny;  den  Peripatetiker  An- 
selm;  Gaunilon  von  Montigny;  neue  Urkunden  über  Roacelin  von  Com- 
piegne;  Guillaume  von  Conches;  ein  Artikel:  Idees-imnges;  und  über 
Aymo7i,  einen  Abbe  des  18.  Jahrhunderts.  Von  der  letzten  Abhand- 
lung abgesehen,  betreflV-n  alle  andern  die  Literaturgeschichte  des  Mittel- 

.I.-ilirl).    f.   nun.   ii.   Piij^l.   I.it.  IV.    4.  Ol 


4Gß  Bibliographie. 

alters,  und  bringen  nach  dem  Journ.  des  Sai\,  Avril,  eine  Menge  neuer 
Einzelheiten. 

258.  Giraldi  Cambronsis  opera  ,  edited  by  .7.  .S'.  Breirer. 
Vol.  1.  London.  8.  XCIX,  435  p-     8  s.  G  d. 

Bildet  einen  Theil  der  „Herum  britann.  medii  aevi  scriptores". 
Nach  der  Liier.  Oaz.,  Aiiy.  umfafst  der  Band  ,,the  three  existing  books 
of  the  treatise  entitled:  De  Rebus  n  se  gestis,  which  gives  an  account 
of  the  author's  life,  frcxui  Ins  cradle  to  the  commencement  of  the  thir- 
teenth  Century;  the  fifth  and  sixth  books  of  the  Inveetioninn  libellus, 
for  the  discovery  of  which  we  are  indebted  to  the  editor  himself ;  and 
the  Symbolum  Eleciorum ,  containiiig  the  letters,  poems,  prefaces,  and 
Speeches  of  Giraldus." 

259.  Roger  Bacon,  sa  vie,  ses  ouvrages,  ses  doctrines, 
d'apres  des  textes  inedits;  par  E.  Charles.  Bordeaux.  8°. 
XV,  416  p.    5  Fr. 

S.  darüber  den  Aufsatz  von  E.  Saisset  in  Rei\  d.  deux  Mondes, 
Juillet. 

260.  La  vieille,  ou  les  derniercs  amours  d'Ovide,  poenie 
fran9ais  du  14®  siecle;  traduit  du  ]atin  de  Richard  de  Four- 
nival  par  Jean  Lefevre .,  publie  pour  la  pi-emiere  fois.  Paris. 
8".  LIV,  300  p. 

261.  Philobiblon ,  a  treatise  on  the  love  of  books  by 
Richard  de  Bury.  First  american  edition,  with  the  literal 
english  translation  of  J.  B.  Inglis;  collated  and  corrected  with 
notes ,  by  »SV««.  Hand.  Albany.   12".      14  s. 


262.  Der  Tannhäuser  und  Ewige  Jude,  Zwei  deutsehe 
Sagen  in  ihrer  Entstehung  und  Entwickelung  historisch,  my- 
thologisch und  bibliographisch  verfolgt  und  erklärt  von  /.  G. 
Th.   Grässe.  Zweite  vielfach  verbesserte  Auflage.   Dresden.   8". 

VI,  130  p.     20  Sgr. 

Die  beiden  Abhandlungen  erschienen  zuerst  die  eine  1846,  die  an- 
dere 1844.  —  S.  die  Anzeigen  im  Serajjeum,  Nr.  42  und  in  Pfeiffers 
Germania .,  p.  251,  in  welchen  beiden  zugleich  mannichfache  bibliograph. 
Nachträge  gegeben  sind. 

263.  Myrdhinn,  ou  l'Enchanteur  Merlin,  son  histoire, 
ses  Oeuvres,  son  influence;  par  le  vic.  Hersart  de  la  Yille- 
marque.  Paris.  8°.  XI,   435  p.      7  Fr. 

264.  Merlin,  von  F.  Liebrec/it,  nebst  einem  Nachtrag 
von  Benfey. 

In :  Benfey's  Orient  und  Occident,  I,   Heft  2. 

265.  lieber  den  Ritter  Kei,  Truchsefs  des  Königs  Ar- 
tus;   von   C.   Sachs.  Berlin.  8".   20  p. 

(Auch    in:    Herrig's    Archiv   f   d.    Stud.    d.    neuern 
Spr.  XXIX,  2.  u.  3.  Heft.) 

Nach  dem  Urtheile  Pfeiffer's  in  der  Germania,  p.  117,  hat  der 
Verfasser  zur  richtigen  Würdigung  dieser  eigenthümlichen  und  bisher 
fast  räthselhaften  Gestalt  durch  seine  sorgfältige  Untersuchung  Wesent- 


Zur  allgemeinen  Literaturgeschichte.  467 

liches  beigetragen  und   uns    das    Verständnifs   Kei's    eigentlich   erst   er- 
schlossen. 

266.  Ueber  das  Religiöse  in  den  Werken  Wolframs  von 
Eschenbach  und  die  Bedeutung  des  heiligen  Grals  in  dessen 
.,Parcival",  von  San-Marte.  (Parcival-Studien.  Zweites  Heft.) 
Halle.  Gr.  8".  XVI,  278  p.      2  Thlr. 

S.  darüber  Pfeiffer's  Germania,  p.  235  ff-,  u.  Liier.  Centralbl.,  Juli. 

267.  Ueber  Karlmeinet.  Ein  Beitrag  zur  Kavlssage  von 
K.  Bartsch.  Nürnberg.   8°.  VIH,  391  p.     2%  Thlr. 

Bei  Untersuchung  der  Quellen  dieses  deutschen  Gedichts,  welches 
eine  blofse,  aber  sehr  umfängliche  Compilation  ist,  wird  auf  die  roma- 
nischen Dichtungen  desselben  Sagenkreises  gründlich  eingegangen.  — 
S.  darüber  die  ausführliche  Anzeige  des  Liter.   Centralbl.,  Febr. 

268.  Zum  Karlmeinet,  von  K.  Bartsch. 
In:  Pfeiflfer's  Germania    p.   28  ff. 

Ueber  das  Verhältnifs  jenes  Gedichts  zu  den  jüngeren  französischen 
Bearbeitungen  des  Rolandslieds,  auf  Grund  der  Venezianer  Handschrift 
Nr.  VII  mit  reichlichen  Auszügen  daraus. 

269.  Artikel  von  Magnin  über  „Drames  liturgiques  etc. 
p.  Coussemaker"   [s.  J.  60,  Nr.  270]. 

In:  Journ.  des  Savants,  Aoüt. 
Es  ist  der  3.  Artikel,  Noel  et  son  octave  überschrieben :  die  beiden 
ersten  haben  wir  a.  a.  O.  angemerkt.    Diese  Artikel  sind  sehr  werthvoU. 


270.  Political  Poems  and  Songs  relating  to  english 
history  etc.,  edit.  by   Th.    Wright   [s.  J.  59,  Nr.  317].  Vol.  II. 

S.  Athenaeum.  Sept. 

*271.  Ancient  Danish  Ballads,  translated  from  the  Origi- 
nals by  R.  C.  Alex.  Prior.  3  Vol.  London  1860.  8°.  LX, 
400;  VIII,  468;  IX,  500  p.     31  s.  6  d. 

Eine  Auswahl  von  173  dänischen  Folkviser  in  englischer  Ueber- 
setzung,  ein  jedes  mit  Einleitung  und  Anmerkungen.  Indem  der 
Verfasser,  die  Verwandtschaft  nachzuweisen,  zunächst  die  englischen 
und  schottischen  Balladen ,  dann  aber  nicht  blofs  die  übrigen  des  ger- 
manischen Nordens,  sondern  auch  die  romanischen  heranzieht,  hat  er 
seinem  Werke  noch  einen  besondern  wissenschaftlichen  Werth  ver- 
liehen. Liter.   Centralbl.,  Jan. 

272.  Anthologie  neugriechischer  Volkslieder.  Im  Origi- 
nal mit  deutscher  Uebersetzung  herausgegeben  von  Th.  Kind. 
Leipzig.   16".  XXXVI,  232  p.     1  Tlilr. 

Im  Vorwort  ist  die  allgemeine  Verwandtschaft  der  Volkspoesie 
gebührend  berücksichtigt  und  als  Belege  sind  besonders  treffende  Pa- 
raHelen zu  einzelnen  der  mitgetheilten  Gedichte  in  den  Anmerkungen 
gegeben.   G"'ttin(j.   Gelehrte  Anz.,  1SG2,   12  Stück. 


31* 


468  Bibliographie. 


VII.    Philologie. 


273.  Encyclopädie  des  philologischen  Studiums  der 
neueren  Sprachen,  von  B.  Schmit:.  2.  Supplement.  Greifswald. 
8".  VlIJ,  119  p.     25  Sgr. 

Vgl.  J.  60,  Nr.  282.  Dieses  Supplement  enthält  zugleich  ein  al- 
phabetisches Wort- ,  Sachen-  und  Namenregister  zu  der  Encyclopädie 
selbst  wie  den  beiden  Supplementen. 

274.  Etymologische  Untersuchungen  etc.  von  C.  A.  F. 
Mahn  [s.  J.  58,  Nr.  333].  Specim.  13—15. 

Behandelt  die  Worte:  pts/o/e,  palante,  arna,  bttffet,  alcohol,  blase, 
ananas,  ramarro ,  camus;  ahri,  hlague,  nino ,  bretesche ,  f audio ,  cahier, 
zanni,  cohue,  ademari,  amapola,  qidntal,  camphre,  ardilla,  ancjaro,  ascua 
(Die  Artikel :  blague  und  blase  finden  sich  auch  in  Herriy's  Arch.  f.  d. 
Stud.  der  neuern  Spr.  XXIX.) 

275.  Etymologisches  Wörterbuch  der  romanischen  Spra- 
chen, von  Fr.  Diez.  Ziveite  verbesserte  und  vermehrte  Auflage, 
Bonn.  1861—62.  Gr.  8".     2  Thlr. 

Wir  denken  auf  diese  sehr  erweiterte  Auflage  des  berühmten  Wer- 
kes im  Jahrbuch  zurückzukommen. 

276.  Origenes  europaeae.  Die  alten  Völker  Europas 
mit  ihren  Sippen  und  Nachbarn.  Studien  von  Lor.  Diefenbach. 
Frankfurt  a.  M.  8°.  III,  451  p.     SVa  Thlr. 

Dies  Werk  ist  eine  neue  Bearbeitung  des  von  dem  Verfasser  in 
den  Celtica  1839 — 40  bearbeiteten  Stoffs.  Die  Kelten  und  ihre  Sprache 
sind  der  Mittelpunkt  der  Untersuchung,  die  sowohl  auf  dem  ethnologi- 
schen als  lexicalischen  Gebiete  geführt  wird.  Die  Nachbarstämme  und 
ihre  Verwandten  sind  jedoch  in  der  Art  hereingezogen,  dafs  sich  der 
allgemeinere  Titel  rechtfertigt.     Literar.   Centralbl.,  Aug. 

277.  Monuments  des  anciens  idiomes  gaulois ;  par  IL 
Monin.  Textes.  Linguistique.  Paris.   8".  VI,  310  p.     6  Fr. 

Der  Verfasser  versucht  u,  a.  den  Einflufs  des  Keltischen  auf  das 
Lateinische  Galliens  zu  constatiren.  Ein  Verzeichnifs  keltischer  Worte, 
die  französischen  zu  Grunde  liegen,  wird  auch  von  ihm  gegeben.  Mit 
grofsem  Fleifse  ist  die  Sammlung  von  Inschriften,  Münzen,  Zeugnissen 
der  alten  Schriftsteller,  geographisch  geordnet,  ausgeführt  und  von  Er- 
klärungen begleitet.  S.  Neue  Jahrb.  für  FhiloL,  1862.  83  Bd.  Hft.  11  —  12; 
und  Zeifschr.  f.  vergl.   Sprachforschung  XII. 

*278.  De  rinfluence  des  idiomes  gotho-germains  et  scan- 
dinaves  sur  la  formation  de  la  langue  franyaise  et  des  traces 
qu'on  en  retrouve  encore  dans  la  langue  actuelle.  Etüde  de 
Philologie  comparee  et  historique,  par  E.  M.  Olde.  V^  Partie. 
Lund.  1859.  4".  XL  p. 

279.  Ueber  Sprache  und  Grammatik  Clement  Marot's, 
mit  Berücksichtigung  einiger  andrer  Schriftsteller  des  16.  Jahrb., 
von  H.  Eck  er  dt. 

In:  Herrig's  Archiv  f.  d.   Stud.   d.  neueren  Spr.  XXIX, 
2.  u.  3.  Hft. 

Nach  den  einzelnen  Redetheilen  geordnet,  werden  die  Wörter  auf- 


Philologie.  469 

geführt,  die  heute  nicht  mehr  in  Gebrauch  sind,  oder  anders  gebraucht 
werden ;  auch  der  Abweichungen  in  der  Flexion ,  Syntax  und  Ortho- 
graphie vom  heutigen  Sprachgebrauch  wird  gedacht.  Der  Verfasser 
läfst  eine  genauere  Kenntnifs  des  Altfranzösischen  zwar  vermissen,  doch 
ist  diese  Sammlung  immer  beachtenswerth, 

280.  Sur  le  style  de  Rabelais  et  sur  les  particularites 
de  sa  syntaxe;  par  //.  Eckerdt.  (Gymnasialprogr.)  Marienburg. 

Der  Stil  ist  aus  den  drei  Gesichtspunkten,  des  Neologismus ,  Pleo- 
nasmus und  Cyjiismus  des  Ausdrucks  untersucht.  S.  Herrig's  Archiv, 
XXX,  2. 

281.  De  la  langue  de  Corneille,  par  Marty-Laveaux. 
In:  Journ.  de  l'Ec.  des  Chartes,  Janv. — Fevr.  u.  Mai — Juin. 

Erschien  auch  in  Separatabdruck,  Paris.  8".  52  p.  —  Diese  Arbeit 
beruht  auf  den  gründlichsten  Studien,  indem  der  Autor  ein  „Lexique 
de  Corneille"  verfafst  hat,  welches  1859  den  Preis  der  Acad.  franc;. 
erhielt  und  als  Anhang  zu  der  neuen  Ausgabe  Corneille's  die  bei  Ha- 
chette  herauskommt,  erscheinen  wird.  Der  Verfasser  betrachtet  den 
Wortschatz,  die  Grammatik,  die  Aussprache  und  Orthographie.  Sehr 
interessant  sind  die  Beobachtungen  über  die  Veränderungen  des  Wort- 
und  Sprachgebrauchs  während  der  langen  dramatischen  Laufbahn  Cor- 
neille's (1629 — 74),  in  welcher  Zeit  die  französische  Sprache  gerade 
sich  in  so  mancher  Beziehung  fixirte.  Der  Raum  erlaubt  uns  nicht  in 
Einzelheiten  hier  einzugehen;  wir  beschränken  uns  darauf,  die  sehr 
werthvolle  Schrift  angelegentlieh  zu  empfehlen. 

282.  La  langue  du  droit  dans  le  theätre  de  Moliere;  par 
Eug.  Paringault.  Beauvais.   8°.      l^/.y,  Fr- 

283.  Les  excentricites  du  langage  fran^ais,  par  Larchey. 
Paris.  2«  edit.  12°.  XVI,  298  p.     4  Fr. 

284.  Dialectisches,  von  Sachs. 

In:  Herrig's  Archiv  f.   d.   Stud.  d.  neneren  Spr.  XXX, 
1.  u.  2.  Hft. 

Knüpft  an  einen  frühern  Artikel  von  Wollenberg  [s.  J.  60,  Nr.  287] 
an,  indem  aus  derselben  Quelle  noch  einige  anonyme  burgundische  No- 
cls  gegeben  werden,  mit  Anmerkungen.  Daran  werden  einige  neupro- 
venzalische  angereiht  aus  der  Sammlung:  Li  Noue  de  Saboly,  Peyrol 
e  J.  Roumanille  etc.  Avignon  1852.  8°.  (Saboly  lebte  1614; — 75,  Peyrol 
um  1750).  Eins  der  mitgetheilten  Noue  zeigt  die  Art  dieser  Weih- 
nachtsfeier. 

285.  Souvenirs  de  la  langue  d'Auvergne;  essai  sur  les 
idiotismes  du  departement  de  Puy -de-Donie,  par  Fr.  M'ege. 
Paris.   12°.   260  p.     ^%  Fr. 

286.  De  quelques  glossaires  de  la  langue  fran^-aise. 
In:  Bullet,   du  biblioph.   beige,  Juin. 

Aus  dem  Bullet,  de  la  Societe  de  l'Hist.  de  France,  2'^'  ser.,  t.  III, 
p.  21 — 29  wird  eine  Correspondenz  aus  den  Jahren  1789  und  1793 
mitgetheilt,  welche  über  das  von  La  Curne  de  Sainte  -  Palaye  beabsich- 
tigte historische  Glossaire  de  la  langue  fran(;aise  interessante  Aufschlüsse 
gibt,  luid  zugleich  einen  Beitrag  zu  der  Lebensgeschichte  jenes  ver- 
dienten Gelehrten  liefert. 

287.  Dictionnairc  d'etymologic  franyaise  etc.,  par  A. 
Scheler  [s.  J.  60,  Nr.  288].  Livr.  5—11  (dern.)  1862.  Voll- 
ständig: IV,  340  p. 

Ein  sehr  werthvolles    AV\'rk ,    das   bei    umfast^en'lcr    und    krititchor 


470  Bibliographie. 

Benutzung  der  bisherigen  Forschungen  Anderer  auch  eigene  selbstän- 
dige von  Werth  darbietet.  S.  darüber  namentlich  L.  Die/enbach  in 
der   Zeitschrift  f.  vergl.  Sprachwiss.,  Bd.  XII. 

288.  Dictionnaire  etymologique  de  la  langue  fraiiyaise, 
represeutaiit  pai-  familles  de  mots  et  par  ordre  alpbabetique, 
confornieinent  au  premier  plan  du  Dictionnaire  de  l'Academie 
(1691),  l'origine  et  Fhistoire  de  tous  les  mots,  leurs  etymolo- 
gies,  leurs  radicaux  et  leurs  derives;  par  il/orawrf.  Livr.  1  —  3. 
Paris.  8°.     Die  Livr.  35  c. 

Erscheint  in  120  Lieferungen. 

289.  Etudcs  etyniologiques,  historiques  et  comparatives 
sur  les  noms  des  villes,  bourgs  et  villages  du  departcment  du 
Nord,  par  E.  Mannier.  Paris.  8°.  XXXVI,  399  p. 

290.  Dictionnaire  univ.  des  synonymes  etc.  par  Guizot 
[s.  J.  59,  Nr.  330].     2*=  partie.  p.  381  -841.  6  Fr.  50  c. 

291.  Glossaire  erotique  de  la  langue  fran9aise,  depuis 
son  origiue,  jusqu'ä  nos  jours,  contenaut  rexplication  de  tous 
les  mots  consacres  ä  l'auiour,  par  L.  de  Landes.  Bruxelles. 
8^  XII,  396  p.     5  Fr. 

292.  Dictionnaire  des  spots  ou  proverbes  vvallons,  par 
Jos.  Dejardin.  Ouvrage  couronne  par  la  Societe  liegeoise  de 
la  litterature  wallonne.  Contenant  integral ement,  outre  le  me- 
moire qui  a  obtenu  le  prix  extraordinaire ,  les  travaux  de 
Defrecheux  .(prix  ordin.),  Delarge  (accessit)  et  Alexandre  (ment. 
bonor.).  Gr.  8°.   624  p. 

In:  Bulletin  de  la  Societe  lieg.  Ann.  IV,  livr.  2 — 4. 
Eine  ebenso  werthvolle  als  interessante  Publication.  Die  einzelnen 
Sprichwörter,  die  nach  den  Schlagwörtern  alphabetisch  geordnet  er- 
scheinen, sind  mit  einer  wörtlichen  französischen  Uebersetzung,  sach- 
lich erklärenden  Anmerkungen,  Citaten,  und  dem  entsprechenden  fran- 
zösischen Sprichwort,  wo  ein  solches  vorhanden,  versehen.  Indices 
erhöhen  den  Werth  der  Sammlung ,  welcher  ein  in  Sprichwörtern  ver- 
fafstes  Gedicht:  Li p'tit  corti  aux  Proverbes  wallons  von  A.  J.  Alexandre 
mit  wörtlicher  französischer  Uebersetzung  sich  anschliefst. 

293.  Vocabulaire  du  patois  lillois,  par  L.  Vermesse. 
Lille.  12°.  XI,  217  p. 

294.  Glossaire  du  patois  rochelais,  suivi  d'une  liste  des  ex- 
pressions  vicieuses  usitees  a  La  Rocbelle,  recueillie  en  1780, 
par  ilf***  Montpellier.  4«.  8  p.  2^/^  Fr. 

295.  Della  lingua  e  dello  stile  italiano ,  di  Amiearelli. 
Napoli  (Morano).  2  Vol.   16°.     11  Lire. 

296.  Studj   critici,   di   G.  J.  Ascoli.    Gorizia  (Paternolli). 

8°.  142  p. 

Bildet  das  dritte  Heft  der  Studj  orieutali  e  linguistici  des  Verfas- 
sers. Es  kündigt  sich  die  Schrift  nur  als  eine  Recension  der  Studj 
linguistici  Biondelli's  an ,  kann  aber  mit  vollem  Recht  als  eine  selbst- 
ständige, recht  schätzbare  Arbeit  bezeichnet  werden.  Sie  enthält: 
Cenni  suW  origiue  delle  forme  ijrammaticali ;    Saggi  di  dialettologia  ita- 


Philologie.  471 

liana;  Colonie  atraniere  in  Italia  (besonders  interessaut  ist  hier  der 
Abschnitt  über  die  Rumänen  Istriens) ;  Framinenti  albanesi;  Gerylii. 
Mussafia. 

297.  Deir  origine  della  voce  Gioja,  lettera  di  B.  Veratti. 
In:  Opuscoli  relig.,  letter.  e  morali  di  Modena,  T.  X. 

298.  Dizionario  della  lingua  italiana  nuovamente  com- 
pilato  dai  signori  Niccolb  Tomma.seo  e  Bernardo  Bellini  con 
oltre  100,000  giunte  ai  precedenti  dizionarj,  raccolte  da  N. 
Tommaseo ,  Gius.  Campt,  Gins,  Meini,  P.  Fanfani  e  da  molti 
altri  distinti  filologi  e  scienziati,  corredato  di  un  discorso  pre- 
liminare  dallo  stesso  N.  Tommaseo.  Torino  (Soc.  tipogr.). 
Gr.  4°.  Disp.   1-4.     Die  Disp.  2  Lire. 

Wird  4  Bände  bilden  in  ungefähr  120  Disp.  Es  ist  dies  Werk 
an  die  Stelle  des  früher  von  Tommaseo  allein  beabsichtigten,  welches 
letztere  ein  Probeheft  1858  [s.  J.  58,  Nr.  351]  ankündigte,  getreten. 
Bellini  gilt  für  einen  tüchtigen  Sprachkenner.  Das  Werk  ist  sehr  um- 
fänglich ;  die  Seiten  sind-  dreispaltig. 

299.  Saggio  del  parlare  degli  artigiani  in  Firenze.  Dia- 
loghi.  Beccajo,  Conciatore,  Cuojajo,  Colorista  di  pelli,  Pellic- 
ciajo.  Firenze  (Tofani).   8°.    94  p.     (Mit  Holzschn.)      27.^  Lire. 


300.  Glossaire  des  mots  espagnols  et  portugais  derives  de 
l'arabe,  par  TF.  H.  Engelmarin.  Leyde.  8^  XXXVIII,  107  p.  1  Tblr. 

Ueber  dies  Werk  hat  der  bekannte  Orientalist  J.  Müller  in  Mün- 
chen in  der  k.  bayr.  Akad.  der  Wiss.  einen  Vortrag  gehalten  (Sitzungs- 
berichte 1861,  II.  Heft  2,  p.  95  ff.),  worin  es  im  Eingang  heifst:  ,,Der 
Verfasser  steht  auf  dem  allein  richtigen  Standpunkt  der  neueren  histor. 
Sprachvergleichung,  die  vor  allem  auf  Begründung  sicherer  Gesetze 
ausgeht,  und  ist  ausgerüstet  mit  einer  umfassenden  Kenntnifs  des  Ara- 
bischen ,  vorzüglich  des  späteren  und  speciell  des  auf  der  iberischen 
Halbinsel  geltenden  Sprachgebrauchs,  sodafs  seine  Resultate  im  grofsen 
Ganzen  nur  die  Billigung  der  Kenner  finden  werden.  Ich  erlaube  mir 
nur  in  einigen  wenigen  Punkten  von  dem  Verfasser  abzuweichen,  und 
bei  den  von  ihm  nicht  behandelten  spanischen  Wörtern  meine  Vermu- 
thungen  anzuführen."  Es  folgt  nun  eine  gröfsere  Anzahl  Wörter,  deren 
Etymologie  Müller  untersucht  (p.  96 — 115). 

301.  Coleccion  de  adagios  6  refranes  espanoles  con  una 
sucinta  esplicacion  de  cada  uno  de  ellos  en  su  verdadero  sen- 
tido  para  su  mejor  inteligencia;  dispuesto  por  el  perito  agri- 
mensor  D.  Ramon  Abancens.  Arense.  4". 

Enthält  95   Sprichwörter. 

302.  Eine   catalanische   Dialectprobe ;    von   C.   M.   Sauer. 
In:   Herrig's  Archiv  f.  d.   Stud.  d.  neueren  Spr.  XXX, 

1.   u.   2.  llft. 

Ein  Gedicht,  das  im  October  1860  im  Teatro  principal  von  Bar- 
celona, bei  Gelegenheit  eines  Besuchs  der  Königin  und  des  Kronprin- 
zen gesprochen  wurde,  nach  der  Gaceta  de  Barcelona  mitgetheilt. 


303.      Die    slavischen    Elemente     im     Rumunischen ,     von 
Franz  Miklosich. 

In:  Denksclnirten  der  kais.  AJjad,  der  Wisbon.'icli.  XII. 


472  Bibliographie. 

Auch  selbständig  danach  erschienen  70  p.,  4'^'.  —  Der  Verf.  ver- 
breitet sich  über  Namen  und  Herkunft  der  Walachen;  zeigt,  wie  ge- 
wisse Eigentliümlichkciten  der  albanes.,  runiun. ,  neugriech. ,  bulgar.  u. 
serb.  Sprachen  auf  Eine  nachwirkende  alte  Sprache  deuten;  und  weist 
den  grofsen  Einflufs  des  Slawischen  auf  das  llumunische  im  ]">inzelnen 
nach.  Anhangsweise  l)espricht  er  die  istrinchen  Rumunen  und  gibt  Proben 
ihrer  Mundarten.     S.  Diefenhach  in  der  Zeitsch/-.  f.  vergl.  Sprachw.  XI. 


304.  The  English  tongue  a  new  speech;  an  address  de- 
livered  before  the  Society  of  the  alumni  of  Amherst  College 
at  the  commencement  of  1860,  by  Francis  A.  March.  New- 
York.  8°.  20  p. 

Diese  geistvolle,  glänzend  geschriebene  Rede,  welche  mit  grofsem 
Beifall  aufgenommen  wurde,  sucht  nachzuweisen,  dafs  die  englische 
Sprache  ein  eigenthümlicher  neuer  Sprachorganismus  ist,  der  sich  von 
den  Primitiv-  wie  von  den  Tochtersprachen  als  eine  besondere  Schöpfung 
unterscheidet,  ja  über  sie  erhebt. 

305.  Study  of  the  english  language  an  essential  part  of 
a  University  Course.  An  Extension  of  a  lecture  delivered  at 
the  royal  Institution.  By  Alex.  DU^rsey.  (Mit  gemalten  Spracli- 
karten.)  Cambridge.  8".     72  p.     2  s.  6  d. 

306.  Traite  des  racines  saxonnes;  decades  comprenant: 
1°  les  racines;  2*'  tous  les  derives  traduits  et  expliques;  3°  une 
foule  de  mots  saxons  qui  ne  fönt  point  partie  de  l'anglais 
moderne  etc.     Par   T.    Vallat.   Paris.   Gr.  32°.  400  p.  2V2  Fr. 

307.  Tiro;  or  a  view  of  the  roots  and  stems  of  the  english 
as  a  teutonic  tongue;  by  W.  Barnes.  London.   12°.   350  p.   5  s. 

308.  Formation  of  teutonic  words  in  the  english  language, 
by  Jos.   Gibbs.  Newhaven.  12°.     4  s. 

309.  Spoon  and  Sparrow ,  ^mvöuv  and  t^a^ ,  Fondere 
and  Passer ;  or  english  roots  in  the  greek ,  latin  and  hebrew, 
being  a  consideration  of  the  aftinities  of  the  old  english  anglo- 
saxon  or  teutonic  portion  of  our  tongue  to  the  latin  and  greek; 
with  a  ievf  pages  on  the  relation  of  the  hebrew  to  the  european 
languages;  by   Osw.   Cockayne.  London.  8°.  360  p.      10  s.  6  d. 

310.  "Wissenschaftliche  Grammatik  der  englischen  Sprache 
von  Ed.  Fiedler  und  C.  Sachs.  2  Bde.  Leipzig.  8".  XIX,  313  p.; 
XVI,  412  p.    3  Thlr.  10  Sgr. 

Der  erste  Band,  die  Geschichte  der  englischen  Sprache,  die  Laut- 
lehre, Wortbildung  und  Formenlehre  begreifend,  von  E.  Fiedler  ver- 
fasst,  ist  bereits  1850  erschienen,  und  wird  hier  unverändert  nur  mit 
neuem  Titel  wieder  herausgegeben,  im  Verein  mit  dem  von  Hrn.  Dr. 
Sachs  verfafsten,  die  Syntax  und  Verslehre  enthaltenden  zweiten  Bande. 
Der  erste  Band  hat  seiner  Zeit  mit  Recht  viele  Anerkennung  gefunden 
und  hat  seinen  Werth  in  vieler  Beziehung  noch  immer.  Auf  den  2. 
Band,  der  sich  durch  eine  Masse  von  Beispielen  aus  Autoren  der  ver- 
schiedensten Zeiten  auszeichnet,  die  aber  zu  wenig  gesichtet  erscheinen, 
wird  das  Jahrbuch  später  zurückkommen. 

311.  Die  Wycliff'sche  Bibelübersetzung  in  Vergleich  mit 


Kulturgeschichte.  473 

der  recipirten  englischen  aus  dem  Anfang  des   17.  Jahrb.;  von 
M.  Maa/s. 

In:  Herrig's  Arch.  f.  d.  Stud.  d.  neuern  Spr.  XXIX,  2.  u.  3.  Hit. 

Die  Vergleichung  ist  auf  Grund  des  Evangeliums  Johannis  (nach 
der  Ausgabe  des  Tauchnitzschen  Jubelbandes)  gegeben,  indem  zuerst 
die  grammatischen  Unterschiede,  dann  die  lexicalischen,  nach  den  ver- 
schiedenen Redetheilen  geordnet,  aufgeführt  werden. 

312.  Beiträge  zur  englischen  Lexicographie;  von  .4.  Hoppe. 
In :  Herrig's  Arch.  f.  d.  Stud.  d.  neuern  Spr.  XXVIII  u.  XXX. 

313.  The  Proverbs  of  Scotland,  collected  and  arranged, 
with  notes  explanatory  and  illustr.,  and  a  Glossary,  by  Alex. 
Ilislojj,  Glasgow.    8". 


VIII. .  Kulturgeschichte. 

314.  Beiträge  zur  christlichen  Typologie  aus  Bilderhand- 
schriften  des  Mittelalters,  von  G.  Heider.  Mit  8  Tafeln,  dar- 
gestellt von  A.   Camesina.    Wien.    Gr.  4°.    128  p. 

Wir  gedenken  auf  diese  interessante  Publication  eingehender  im 
Jahrbuch  zurückzukommen.  Vorläufig  sei  der  Inhalt  wenigstens  ange- 
deutet; die  Schrift  zerfällt  in  4  Abtheilungen:  1.  Aelteste  Quellen  für 
die  typologische  Auffassung;  2.  Die  typologischen  Bilderkreise  des 
Mittelalters:  A.  Altaraufsatz  im  Stifte  Klosterneuburg,  B.  Biblia  pau- 
perum,  C.  Speculum  hum.  salvat. ,  D.  Concordantia  caritatis,  E.  Bibl. 
picturata;  3.  Zusammenstellung  der  typologischen  Reihen  und  ihrer  Er- 
klärungen aus  den  angeführten  Handschriften;  4.  Summarische  Zu- 
sammenstellung der  typologischen  Reihen  in  Handschriften  des  16.  Jahrh. 

315.  Essai  sur  fhistoire  de  la  civilisation  en  Italic;  par 
Aug.  Boullier.  V^  partie.  Les  Barbares.  Tom.  I — II.  Paris.  8°. 
634  p.     10  Fr. 

Die  beiden  Bände  erstrecken  sich  über  den  ersten  Zeitraum  des 
Mittelalters,  vom  5.  bis  10.  Jahrhundei-t.  Die  Rev.  d.  deux.  Mond. 
sagt  darüber  in  ihrem  Bullet,  bibl. :  „C'est  a  l'aide  de  documents  tres 
precis  que  l'auteur  a  elucide  cette  periode  obscure  en  cherchant  sur- 
tout  a  degager  les  Clements  civils  et  economiques.  M.  B.  termine  ces 
deux  volumes  par  un  tableau  anime  et  precis  des  arts,  des  lettres,  des 
ecoles  et  de  la  langue  en  Italic  du  V*'  au  X'"  siecle."  Auch  ist  die 
Entstehung  der  italienischen  Sprache  da  behandelt.  Die  Auysb.  Allgevi. 
Zeitung,  Febr.  1S63  äufsert  sich  auch  sehr  günstig  über  das  Werk. 

316.  La  libre  pensee  au  moyen-äge.  Travaux  recents 
sur  Abelard.    Par  St.-R.   Taillandier. 

In :  Rev.  des  deux  Mond.,  Aoüt. 
Dieser  Darstellung  liegt  zu  Grunde:  Henke  und  Lindenkohl's  Aus- 
gabe   von    Sic  et   JS'on ,    Luigi  Tosti's    Storia    di    Abelardo    e    dei    suoi 
tcmpi,    imd    die    Gesammtausgabe    der   Werke   Abälards    von    Cousin, 
Paris  1848  —  59. 

317.  Das  Theatralische  in  Art  und  Kunst  der  Franzosen, 
von  //.   r.   Blomberg. 

In:  Zeitschrift  für  Völkerpsychologie  H,   1. 


474  Bibliographie. 

318.  De  Fancienne  chevaleric  de  Lorraine.  Documents 
inedits,  de  la  coUection  de  Lorraine,  a  la  Bihliotheque  impe- 
riale, accompagnes  de  60  blasons.  Par  V.  Bouton.  Paris. 
Gr.  18°.    119  p.     5  Fr. 

319.  Missel  de  Jacques  Juvenal  des  Ursins,  cede  k  la 
ville  de  Paris,  le  3  mai   1861  par  Amhr.  Firmin  Didot.  Paris. 

8".    56  p. 

„Cet  ecrit  est  consacre  a  la  description  d'uu  des  plus  beaux  chefs 
d'oeuvre  de  l'art  fraii^ais  au  milieu  du  15*^  s.  II  s'agit  d'uii  missel  ou 
plutöt  d'un  poiitifical,  execute  de  1449  a  1457,  pour  Juvenal  (Jouvenel) 
des  Ursins ,  archeveque  de  Reims.  Ce  magnifique  volume ,  graud  in 
fol.  de  227  feuillets,  est  orne  de  miniatures,  au  nombre  de  140;  138 
s'encadrent  dans  de  grandes  lettres  liistoriees,  richement  peintes,  et  2 
sont  a  pleine  page.  —  M.  Didot  observe  avec  raison  qu'on  peut  con- 
siderer  ce  manuscrit  comme  une  encyclopedie  des  monuments,  des  cos- 
tumes,  des  meubles,  des  armes,  des  Instruments  de  toute  espece  de 
l'epoque.  On  y  voit  figurer  la  societe  dans  ses  diverses  conditions"  etc. 
Bullet,  du  biblioph.  beige,   Oct. 

320.  Moeurs  champenoises.  Du  roman  et  de  ses  rap- 
ports  avec  les  moeurs  en  France.  Par  H.  Roux-Ferrand.  Paris. 
12°.   252  p.      iVaFr. 

321.  History  of  civilisation  in  England ,  by  IL  Th.  Buckle. 
London.    1857—61.    8°.    Vol.  I— IL    860,  610  p.     37  s. 

322.  History  of  domestic  manners  and  sentiments  in 
England  during  the  middle  ages;  by  Th.  Wright.  With  Illu- 
stratious  from  the  illuminations  in  contemporary  manuscripts 
and  other  sources,  drawn  and  engraved  by  F.  W.  Fairholt. 
London.  8°.  510  p.     21   s. 

323.  Munimenta  Gildhallae  Londoniensis;  edited  by  //. 
T.  Riley.  Vol.  II.  [s.  J.  59,  Nr.  362].  Liber  Custumarum, 
compiled  in  the  early  part  of  the  fourteenth  Century,  with 
Extracts   from  the  Cottonian  Ms.  Claudius  D.  IL  Parts  I.  u.  II. 

„The  historian  of  social  progress  will  also  find  abundance  of  In- 
formation in  these  volumes,  as  will  also  the  lover  of  literature  and 
of  the  arts;  for  we  have  satirical  leonine  verses  for  the  one,  and  in 
the  account  of  the  Feste  de  Pui  that  which  will  greatly  interest  the 
latter.  This  account  of  the  Feste  de  Pui  certainly  furnishes  one  of 
the  most  curious  pictures  of  the  mingled  festivity,  charity  and  love  of 
song,  which  distinguished  a  guild  of  that  time,  that  it  is  possible  to 
conceive."  Glossarien  des  Altfranzösischeu  und  Mittellateinischen  be- 
gleiten die  Ausgabe.     Notes  ^  Q.  XI,  Nr.  269. 

324.  Calendar  of  State  Papers.  Domestic  series  of  thereign 
of  Charles  I,    1629—31.    Edit  by  /.  Bruce.  London.  8°.    15  s. 

Vgl.  J.  60,  Nr.  325. 

325.  Calendar  of  State  Papers.  Domestic  series  of  the 
reign  of  Charles  II,  1661  —  62.  Edit.  by  Mary  Anne  Everett 
Green.    London.    8°.      15  s. 

326.  Autobiography ,  Letters  and  Literary  Remains  of 
Mrs.   Pioz/i  (Thrale).  Edited  with  Notes    and    an    introductory 


Kulturgeschichte.  475 

Account  of  her  life  and  writings  by  A.  Hai/ward.    2  Vol.    Lon- 
don. 8°.  750  p.     24  s. 

Mrs.  Piozzi  war  die  Freundin  Johnson's  und  Mittelpunkt  des  be- 
deutendsten literarischen  Kreises  Londons  damals.     S.  Athenaeum,  Jan. 

327.  Essai  d'une  bibliographie  generale  du  theätre  ou 
catalogue  raisonne  de  la  bibliotheque  d'r.n  amateur  completant 
le  catalogue  Soleinne.  Paris.   8°. 

In  200  Exemplaren.  ,,Un  aperen  de  ce  qui  a  ete  public  depuis 
la  renaissance  sur  les  arts  du  theätre  chez  les  diverses  nations  de 
l'Europe.  Le  catalogue  de  la  bibliotheque  dramatique  de  M.  Soleinne, 
dont  la  redaction  fait  tant  d'honneur  a  M.  Paul  Lacroix  (bibliophile 
Jacob),  et  qui  a  vu  le  jour  de  1S43  a  1845,  est,  sans  doute,  assez  com- 
plet  pour  sufiire  aux  etudes  les  plus  etendues  sur  la  litterature  dra- 
matique, mais  plusieurs  classes  etaient  a  peine  indiquees,  et  l'indica- 
tion  des  ouvrages,  qui  ont  paru  depuis  une  vingtaine  d'annees,  ne  pou- 
vait  etre  que  fort  utile.  — ■  M.  de  Filippi  n'a  point  catalogue  de  pieces 
dramatiques ;  il  s'est  contente  d'enregistrer  ce  qui  concerne  l'architec- 
ture  theätrale,  les  decorations,  la  description  de  Paris  dans  ses  rap- 
ports  avec  le  theätre,  la  biographie  des  auteurs  dramatiques  et  des  co- 
mediens."  Die  Bibliographie  umfafst  1947  Nummern,  worunter  eine 
gute  Anzahl  von  kurzen  Anmerkungen  begleitet  ist.  S.  Bullet,  du  bi- 
blioph.  beige,  Juin. 

328.  Feste  e  spettacoli  di  Roma  dal  IX  a  tutto  il  XVI 
secolo,  specialmente  nel  carnevale  e  nel  maggio;  per  Montani 
Fahl.  Roma  (Tipogr.  Forense).  Pubblicato  col  nome  Arcadico. 

327.  L'Angleterre  et  la  vie  anglaise.  —  Les  theätres  de 
Londres  et  le  drame ;  par  A.  Esqxdros. 

In:  Rev.  des  deux  Mond.,  Mai. 
Zuerst  werden  die  3  grofsen,  bis  1832  privilegirten  Theater,  Drvry- 
Lane,  Covent- Garden  und  Haymarket  betrachtet,  und  ein  kurzer  Ab- 
rifs  ihrer  Geschichte  gegeben;  dann  von  den  minor  theätres  Sadlers- 
Wells,  Astley's  Royal  Amphitheutre,  New-Adelphi  u.  a.  Im  Ganzen  sind 
der  regelmäfsigen  Theater  London's  25.  —  Ein  anziehender  und  lehr- 
reicher Aufsatz. 

330.  Informe  sobre  la  influencia  del  teatro  en  las  cos- 
tumbres  publicas  y  la  proteccion  que  en  consecuencia  debe 
dispensarle  el  Estado,  por  Franc,  de   Cardenas. 

In:  Memorias  de  la  Acad.  de  cienc.  mor.  y  pol.,  T.  I.  P.  1. 


A .    E  b  e  r  t. 


476 


Register 


About,  Edm.,  356.  363. 

Accademia  degli  Alterati  288  f.;  — 
Fiorentina  289. 

Aegidius  Romanus  57.  6-1. 

Aesthetik,  span.,  191. 

Aguilera,  Vent.  Ruiz  de,  Lyr.  181. 

Aimeric  v.  Belenoi,  Troub.,  230. 
339. 

Alarcon,  P.  Ant.  de,  184  f. 

Albericus  Trium  Fontium  239. 

Albizzi,  Ant.  degli,  Leben  286  ff., 
Schriften  289  ff. ,  Bekenner  des 
Protestantism.  293. 

Alfons  II.  V.  Aragon,  Troub.,  335. 
337. 

Allegorische  Poesie  88  f.  102.  425  f. 

Alvarez,  Mig.  de  los  Santos,   186. 

Amanieu  des  Escas,  Troub.,  339. 

ApoUonius  32. 

Architrenius  102. 

Arguijo,  J.  de,   189. 

Aribau  207. 

Ariost,  Nachahmung  der  Alten  im 
Orl.  für.   16  ff. 

Aristoteles  67.  68. 

Arnao,  Ant.,  183. 

Arnaut  der  Catal.,  Troub.,  339. 

Arnaut  Daniel,  Troub.,  341. 

Arnaut  Vidal  334. 

Arnould,  Ed.,  354. 

AssoUant,  Rom.  357. 

Augier,  Em.,  Les  Effrontes  358  ff. 

Antran  354. 

Ayala,  Lopez  de,  58. 

Ayton,  Fr.,  65. 

Aytoun  10.  13  f.  143. 

Balladen ,  schottische,  Sammlungen 
1  ff.  (englische  5),  Fälschungen  5, 
erste  Versuche  krit.  Scheidung 
10,  Art  der  bisher,  literarhist.  Kri- 
tik 11  f.,  Collationiruug  12  ff., 
Altersbestimmung  143  ff". ,  303, 
stoffliche  Eintheilung  145  f. ;  Ent- 
wickelungsgang  der  schott.  Bal- 
ladendichtung im  Zusammenhang 
mit  dem  der  Volkspoesie  über- 
haupt 148  ff.,  histor.  Periode  149  ff., 
romant.  154  ff.,  297  ff.,  humorist. 
308-,  Waly-Waly2>0%,  Sweet  Will. 
309,    TJie  twv  hrothers  ib. 

Bancroft  325. 

Baralt  206. 


Barbour  15L 

Barrois,  J.,  220. 

Bataechi,  Nov.  244. 

Bekker,  Imm.,  213.  419.  428. 

Benezra  57. 

Benoit  de  Ste  More  89  ff". 

Beovvulflied,  die  histor.  Verhältnisse 
dess.  260  ff. ;  geogr.  Verhältnisse 
der  Dänen  261  f. ,  der  Geäten 
262;  Geschichte  der  Dänen:  My- 
thus von  Skild  263,  sein  histor. 
Gehalt  264,  Grendelsage  266  f., 
Ingcld  268,  Ueberfall  in  Finns- 
burg 269  ff'. ;  Gesch.  der  Geaten 
271  ff.,  Beowulf  272  ff.,  Hyge- 
läk's  Zug  gegen  die  Friesen  273, 
Heardred's  Untergang  274  f.,  Beo- 
wulf s  Abkunft  276,  Leben  277, 
Grab  278,  Episode  von  König 
Offa  278  ff". 

Berchet  244. 

Berengar  v.  Palasol,  Troub.,  341. 

Bernardi,  Beatrice,  115.   118. 

Bertran  de  Born  335. 

Beziers,  Societe  archeol.  de,  ihre 
Publicationen  provenz.  Dichter 
421. 

Bibel,  übers,  ins  Span.  69 ;  —  die 
waldensische  372  ff.,  Mss.  372, 
Dubliner  373,  Parabel  v.  verlorn. 
Sohn  daraus  mitgeth.  373  f., 
Sprache  374  ff'.,  Abfassungszeit 
dieses  Ms.  399  ff. ,  Verhältniss 
zu  den  andern  Versionen  401. 

Biondelli  373. 

Blanc ,  Erklärung  der  göttl.  Com. 
kritisirt  70  ff. 

Blind  Harry  151. 

Bocados  de  oro  66. 

Boccaccio,  Decameron,  Ms.  des  Esco- 
rial50,  106;  Steinhöwel's  Uebers. 
106  ff. ;  Quellen  u.  verwandte  Er- 
zähl. 107  ff. ;  —  De  casib.  vir. 
übers,  ins  Span.  Ms.  65;  —  Fiam- 
metta  desgl.  ib.;  —  Filocopo  106; 
—  Filostrato  89  ff.,  102;  —  Te- 
selde  95  ff.,  ihre  Quelle  97. 

Boethius  74  f.  158. 

Bofarull,  A.  de,  207. 

Bonifaces,  P.  de,  Troub.,  79.  80. 

Bonifaci,  Calvo,  Troub.,  336. 

Bonnet,  Hon.,  54.  65. 


Register. 


477 


Botta  244. 

Bourdillon  211.  214  f. 

Breton  de  los  Herreros   182. 

Breviari  d'amor  54.  78.  345.  Neue 
Ausg.  augez.  421  ff.,  Mss.  422, 
Vers  423,  frühere  Publicat.  424, 
Titel  u.  Inhalt  424  ff. ,  Orthogra- 
phie des  Herausg.  427  f.,  Sprache 
425.  428,  Kritik  des  Textes  428  ff. 

Buehan,  P.,  9. 

Burtlett,  S.  R.,  329. 

Canals,  Ant.  de,  56. 

Cartagena ,  Alf.  de,  64  f. 

Catalanische  Literatur  207  f.  343  S. 
424,  Inedit.  s.  Fogassot. 

Catalanische  Sprache,  Unterschied 
vom  Provenz.  343. 

Cervino,  Joaq.  Jose,   183, 

Chambers,  R.,   10.  13. 

Chanson  de  Roland,  Mss.  u.  Ausg. 
210  ff.,  Abfassungszeit  216  ff., 
Art  der  Entstehung  209.  218  f., 
Idee  u.  Charakter  221  ff.,  ältere 
deutsche  üebersetzungen  224, 
Uebers.   v.  Hertz  225  ff.,  332. 

Chanson  de  St.  Alexis  313. 

Chartier,  Mss.  52  f. 

Chaucer,  Leben  86  f.,  Dichterchar. 

87,  Uebers.  des  Ro7n.  v.  der  Hose 

88,  Troilus  89  ff. ,  Knightes  teile 
94  ff.,  Coitrt  qf  Love  102,  Assemble 
of  Foules  103 ,  Dreame  103,  Book 
of  Duch.  ib.,  Floure  ö^  Leafe  103  f., 
Complaint  104,  Kuckuk,  ABC  ib„ 
Canterb.  tales  104  f. 

Chenier,  Andre,  355. 

Child  10.  303. 

Cicero  64. 

Cid,  ZeugniTs  für  seine  historische 
Existenz  350  ff. 

Claiborne,  J.  F.  H. ,  326. 

Colonna,  Guido  de,  90  f. 

Commines  65. 

Conybeare  211. 

Coronel,  Luis,  158  ff. 

Cummins,  Miss,  Rom.  323. 

Curtis,  G.  W.,  Rom.  322. 

Curtius  51.  64. 

Custis,  G.  W.  Parke,  Gesch.  327. 

Uaiiiel,  Pscudon.  v.  p^duarda  Garcia 
35 ,  deren  Romane  Lucia  36  ff., 
u.  El  Medico  de  S.  Luis  38  ff. 

Dante,  Einflufs  auf  Boccaccio  94. 
289;  Dicina  Conim.  32,  Mss.  49, 
catal.  Uebers.  56,  zur  Textkritik 
u.  Erklärung  70  i\.  176  iV. ;  lyr. 
Gedichte,  Uebers.  v.  Krafft  347  f.. 


Reimlosigkeit  ib. ;  poet.  Brief- 
wechsel übers.  348. 

Dares  u.   Dictys  65.  89  f. 

Daude  v.  Pradas,  Troub.,  338.  345. 

Della  Lucia,  Giov.,   166  f. 

Deschamps ,  Eust.,   103. 

Dozy  350. 

Du  Chaillu,  Reis.  327. 

Dugdale,  Baron,  of  Engl.   110  f. 

Dumas,  Sohn,  196. 

Dunlop,  Zusätze  z.Liebrecht'sUeber- 
setzung  107  ff. 

Eguilaz,  Luis  de,  La  cruz  del  ma- 
trimonio   199  f. 

Emerson,  R.  W.,  327  f. 

Englische  Redensarten  erklärt  118  ff. 

Epitre  farcie  pour  le  jour  de  St. 
Etienne,  zum  Theil  ined.  311  ff., 
Bibliographisches  311,  Alter  ib., 
Vers  u.  Sprache  312,  mitgetheilt 
313  ff. 

Erasmus,  Enchiridionins  Span. übers. 
158,  Anfechtungen  des  Buchs  in 
Spanien  159  f.,  Jahr  der  1.  Ausg. 
der  Uebers.  163,  span.  Uebers. 
andrer  Werke  des  Erasmus  164, 
des  Index  prohibitor.   165. 

Escorial,  seine  roman.  u.  engl.  Mss. 
46  ff.,  Beschreibung  d.  Catal.  46  ff., 
frühere  Arbeiten  darüber  48  f.; 
Mss.  der  Italien.  Literatur  49  ff., 
Üebersetzungen  ins  Italien.  51  f. ; 
der  französ.  Lit.  52 ff.;  der provem. 
54  f.;  der  cafalan.  55  f.,  Uebers. 
ins  Catalan.  56 ;  derspan.  Lit.  57  ff'., 
Uebers.  ins  Span.  63  ff.,  aus  dem 
Latein.  64,  aus  dem  Italien.  65, 
aus  dem  Franz.,  Catal.,  Portug.  66, 
aus  andern  Sprachen  66  ff.;  der 
portug.  Lit.  69 ;  der  engl.  Lit.  ib. 

Evans,  Th.,  4. 

Everett,  Edw.,  327. 

Febrer  56. 

Fernan  Caballero  185  f.,  190  f.  Las 
deudas  pagadas  193. 

Fernandez,  Alf.,  158,  Brief  über 
Erasm.Enchirid.  mitgetheilt  159  f. 

Fernandez  y  Gonzalez,  Man.,  Rom. 
La  dama  de  noche  191  ff.,  Dram. 
192. 

Feydeau,  E. ,  357. 

Figuier,  L.  Mad. ,  Rom.  357. 

Firenzuola  167. 

Flores,  Ant.,   182. 

Fogassot,  Johan,  sein  Romans  über 
die  Gefangcnnahnu'  des  Prinzen 
von  Viana,  ined.  403  ff,.  Gegen- 


478 


Register. 


stand  403,  Abfassungszeit  404, 
Sprache  405 ,  niitgeth.  405  Ü'. 

Folquet  V.  Marseille,   Troub.,  335. 

Französische  Natioualliteratur  1.  J. 
18G1  353  fl".,  Poesie  353  ff.,  Ro- 
man 356  ff.,  Drama  357  ff'.,  Lite- 
raturgesch.  3fi4  ff.,  Necrol.  370  f. 

Froissart  103  f. 

Frugoni  243. 

Garcia,  Eduarda,  s.  Daniel. 

Gaucelm  Faidit,   Troub.,  341. 

Gavaudan  der  Alte,  Troub.,  335. 

Geneys,  Troub.,  339. 

Genin  212  f.  214  f.  216.  210  f. 

Gerundio ,  Histor.  d.  Fr.,  63. 

Geruzez,  Eug. ,  368  f. 

Gilles  de  Rome  54. 

Gilly,  Stephen,  372  f.  399  f. 

Giuliani,  Sul  vivente  linguaggio 
della  Toscana  angez.   113. 

Giusti  der  Satirendichter  241  ff., 
die  ältere  Satire  der  Ital.  241, 
Unterschied  von  der  Giusti's  242, 
Leben  dess.  243  f.,  Dichterchar., 
Schöpfer  der  polit.  Satire  244  f., 
einzelne  Satiren  247  ff". 

Godwin,  Parke,  326. 

Goldsmith,    Vicar  of   Wake/.,   38. 

Gongora  62. 

Gower  69. 

Gregor  v.  Bechada  333. 

Gregor  der  heil.  64. 

Grenier,  Ed.,  353. 

Grundtvig  262.  265.  272  f.   281. 

Guillaume  de  Guilleville  104. 

Guillaume  de  Lorris  88  f. 

Guillem  Anelier  v.  Toulouse,  Troub., 

336.  338. 

Guillem  V.  Berguedan,  Troub.,  337  f. 
Guillem  v.  Cabestanh.  Troub.,  341  f. 
Guillem  v.   Cervera ,    Troub. ,    339. 
Guillem  v.  Mur,  Ti-oub. ,  339. 
Guillem   v.    Tudela,    Albigenserchr. 

333,  335  f.  338. 
Guiraut   v.    Cabrera,    Troub.,    332. 

337. 
Guiraut  v.  Calanson ,  Troub.,  335. 

337.  344. 

Guiraut  Riquier,  Troub.,  336.  339. 
Gutierrez ,    Ant.    Garcia,    Un  dnelo 

195. 
Gutierrez ,  J.  M.,  44. 
Guyot  des  Herbiers  211. 
Hartzenbusch ,    J.  Eng.,    Cuentos  y 

fdb.   188  f.,  El  mal  apösiol  194. 
Haven,  Alice  B.,  Rom.  323. 
Hawthorne,   Monte  Beni  318  f. 


Herd  4. 

Herr  er  a  184. 

Hertz,  Uebers.  d.  Rolandslieds  angez. 
209  ff.,  V.  Marie  de  France  227  ff". 

Herzog  372  f.   398. 

Heyse ,  Paul ,  259. 

Higden,  Kanulph  ,  217. 

Hippeau  s.  Richard  de  Fourn.  u. 
Renauld  de  Beaujeu. 

Hittel,  T.  H.,  326. 

Holland,  J.  C,  Rom.  324. 

Holmes,  O.  W.,  Rom.  320.  33U. 

Homer  24.  26.  32.  34. 

Huber  156  f. 

Hugo  V.  Mataplana,  Troub.,  338. 

Huntington,  J.  Vinc,  Rom.  324. 

Jamieson,  R.  J.,  309. 

•Jauregui  63. 

Jean  de  Conde   102. 

Jean  de  Meuu  88. 

Image  du  monde  230. 

Ingraham  324. 

Joan  Castellnou  344. 

Johnson ,  J.,   6. 

Irving,  Wash.,  327. 

Italienisch  s.  Toscaniseh. 

Kaempe-Viser  143.  156. 

Kaliiah  und  Dimnah  67.   167. 

Kannegiefser  346.  348.  350. 

Katharina,  die  heil.,  Dialoge  ins 
Catal.  übers.  57. 

Keller,  A.  v.,  213.  224. 

Kinloch  8. 

Konrad,  Üer  Pfaffe,  224. 

Krafft  259,  Dante's  lyr.  Gedichte 
u.  poet.  Briefwechsel  übers,  n. 
erklärt,  angez.  346  ff". 

Lacaussade  354. 

Lacordaire  371. 

Lafuente,  Mod.,  202. 

Lapidaire,  provenzal.,  ined.  79, 
Auszüge  mitgeth.  80  f. 

La  Porte  du  Theil  79  f. 

Laprade,  Vict.  de,  369. 

Latini,  Brunetto ,  230. 

Lefevre ,  Andre,  Lyr.  355. 

Legenda  aurea  57.   64. 

Leopardi  242.  245. 

Lessing,  EmilieGalotti  im  Span.  194. 

Livius  64. 

Lopez  deAyala,  Ed.,  El  tanto  por 
ciento   196"  fi'. 

Lucan  65. 

Mace,  J. ,  369. 

Macedo,  Joaq.  Man.  de,  Leben  u. 
Schriften  121 ;  A  Nebulosa,  Ana- 
lyse 122  ff.,  Kritik    138  ff'. 


Register. 


479 


Machault  103  f. 

Madrazo,  P.,   182. 

Magnin  212.  216.  218. 

Maidmeut  8. 

Malnisbury,  Wilh.  v.,  217. 

Manzoni  207. 

Marbod ,    provenz.    Uebers.    seines 

Liber  de  gemmis    81,    Inhalt   82, 

Auszüge  82  ff. 
Marcabrun,  Troub.,  334  f. 
Marco,  Jose  de,  El  sol  de  invierno 

199. 
Marie  de  France  103,  Erzählungen 

übers.  227  fi'. 
Marsh,  G.  P.,  Philol.  328. 
Marsh,  Mrs.,  328. 
Martene  311  f. 
Martinez,  Alf.,  s.  Talavera. 
Martinez   de   la  Rosa,    Leben    und 

Schriften  204  f. 
Martinus  Polonus  57. 
Maskenfeste,  ital.,  289. 
Matfre  Ermengan,  Schriften  421  f., 

u.  s.  Breviari  d'am. 
Matthaeus  Parisiensis  280.  282. 
Matthaens  v.  Querey  336. 
Melendez  181. 
Mendive,  Raf. ,  Lyr.   181. 
Mendoza,  Hurt,  de,  68. 
Meyer,  Paul,  Herausg.  des  Breviari 

d'am.  427. 
Michel,  Fr.,  210  f.  215. 
Michelet,  La  Mer  363. 
Mila  y  Fontanals,  De  los  trovadores 

en  Espana  angez.  331  ff. 
Milburn,  W.  H.,  326. 
Minstrels  297  ff.  305  f. 
Mocquard,  Rom.  357. 
Moleta  der  Catalane,  Troub.,  341. 
Möllns,  Marq.  de,   182. 
Monin    211. 
Monroy,  Lyr.   181. 
Monti  71   ff. 
Mortinier-Ternaux  370. 
Motherwell,  W.,  8.   11  f.   13.   142  f. 

309. 
Motley  325. 

Müller,  P^ug.,  Rom.  357. 
Müller,  Th.,  215. 
Mürger  ,  H.,  354  f. 
Muritaner  55.  65   f. 
Musset,  Louis  de,  211. 
IVegation  in  den  roman.  Spra(;hen72f. 
Nisard  364  ff. 
Noble,  L.  L.,  Reis.  327. 
Nordamerikanische  liiter.  1860  —61, 

Roman  318  ft. ,    Religiöse  Rom. 


324,  Reisen  325.  327,  Geschichte 
325  f.,  Biographien  326  f.,  Essavs 
327,  Philologie  328,  Erzählende 
Poesie  328  f.,  Ballade  329,  Lyrik 
ib.,  Nationalhymne  330. 

Norton,  Ch. ,  Reis.  327. 

Olivier  der  Templer,  Troub.,  339. 

Olmstead  325. 

Ovid,  Metam.   17  ff. 

Pailleron,  Ed.,  Dram.  362. 

Palfrey,  J.   G.,  Gesch.  326. 

Pantschatanira  107  ff. 

Paris,  Paulin,  219  f.  411. 

Parton ,  J.,  Gesch.  326. 

Pauli  87. 

Peire  v.  Auvergne,  Troub.,  334. 

Peire  v.  Barjac,  Troub.,  341. 

Peire  Cardinal,  Troub.,  336. 

Peire  v.  Corbiac,  Tezaur,  Ausg.  v. 
Sachs  angez.  229  ff.,  Leben  230, 
Kritik  der  Mss.  231,  Textver- 
besserungen 231  ff.;  —  344. 

Peire  Yidal,  Troub.,  335. 

Percy,   Relicks  3  f.  5. 

Peter  IT.  v.  Aragon,  Troub.,  338. 

Peter  III.  v.  Aragon,  Troub.,  340. 

Petrarca,  Ms.  49. 

Pey  90. 

Pinkerton  5. 

Planche,   Gust.,  370. 

Plinius  52. 

Plutarch  52. 

Poe,  Edg.,  356. 

Poliziano ,  Stanze  94. 

Polo  ,  Marco  ,  65. 

Ponsard  196. 

Pons  Barba,  Troub.,  340. 

Prescott,  Harriet  E.,  321. 

Principe,  Mig.  Aug.,   184.   187. 

Provenzalische  Poesie ,  Silbenzäh- 
lung 331  f.,  Epik  332,  Novelle 
333,  Lyrik  333  f.,  Beziehungen 
d. Troubadours  zu  Spanien  334 ff., 
die  in  Spanien  gebornen  Trou- 
badours 336  ff.,  Jongleurs  336, 
Troubadours  der  Grafsch.  Rous- 
siUon  341  f. 

Provenzalische  Sprache,  Benennung 
331;  Dialektisches  83;  Unter- 
schied vom  Catalan.  343;  u.  s. 
Waiden!-.  Dial. 

Raimbant  v.  Orange,  Troub.,  335. 

Raimon  Borengar,  Troub.,  .342. 

Raimon  Bistors  v.  Ronssillon    342. 

Rainion  Yidal  331    f.  338.  344. 

Ramsay,   Allan .    1    IV. 

Ranke' 16. 


480 


Register. 


Renanld  v.  Bcaujeu,  Lc  f/el  inconnu, 
Ausg.  V.  Hippeau  angez.  411. 
417  if.,  Verhältnifs  zu  den  an- 
dern Redactionen,  namentlich  der 
engl.  418,  Kritik  des  Textes  419  ff. 

Resende  05. 

Reybaud,  Ch.  Mad.,  Rom.  357. 

Richard  de  Fournival,  Bestiaire 
d'amour^  Ausg.  v.  Hippeau  angez. 
411  ff-,  Ms. "411  f.,  Kritik  des 
Textes  u.  Ergänzungen  aus  dem 
Wiener  Ms.  413  ff.,  Jtesponse  de 
la  dame,  Ausg.  v.  Hippeau,  417. 

Rios,  Amador  de  los,   182.  202. 

Ritson  5.  418.  421. 

Roberti  243. 

Rolland,  Amed.,  Dram.  362. 

Roman  v.  Giron  le  Courtois  17. 

Roman  v.  Lyon  de  Bourges  53  f. 

Roman  v.  der  Rose  88.  100  ff.  105. 

Romanos,  Mesonero,  182. 

Rosell,  Cayet.,   182. 

Rubio  207. 

Rue,  de  la,  210  f. 

Sachs,  Ausg.  V.  P.  de  Corbiac 
229  ff. 

Sagen  von  Bienenkörben  239  f. ;  — 
vom  Fuhrmann  109  ff. ;  —  Hamlet 
284.;  — Juandelostiempos238f. ; 
—  Mantelfahrten  1 10  ff.;  —  Schwa- 
nenritter  2G3.;  —  Seth's  Sendung 
in  das  Paradies  237. 

Salust  64.  09. 

Samaniego  187. 

Sand,  George,  356. 

Sandras,  Etüde  sur  Chaucer  angez. 
85  ff. 

Sardou,  Vict.,  Dram.  361  f. 

Sassetti,  Fil.,  289. 

Saxo  Grammaticus  268.  278.  280. 
284. 

Schack  347. 

Scott,  Walter,  6  f.  12. 

Scribe,  Eng.,  370. 

Seneca  64  f. 

Server!  r.  Gerona ,  Troub.,  339  f. 

Sharpe  8. 

Sieben  weise  Meister,  ital.  Versionen, 
Erasto  166.  168;  eine  neu  aufge- 
fundene 106  ff.,  Sprache  168,  In- 
halt 169  ff.,  Tabelle  über  Zahl 
und  Anordnung  der  Erzählungen 
in  den  verschiedenen  Versionen 
des  Abendlandes  173  f. 

Sierra  189. 

Smims,  W.  G.,  Lyr.  329. 

Simon,  Jul.,  369. 


Spanisch  -  Amerikanische  Romane 
37  ff.,  Lyrik  181. 

Spanische  Handschriften  s.  Escorial. 

Spanische  Nationalliter.  1860 — 61 
180  ft".,  Lyrik  180  f.  (Bomariceros 
des  afrikan.  Kriegs  182),  Preis- 
gedichte 183 ,  Pros.  Erzählung 
184  f.  190  f.;  Fabel  u.  Erzähl, 
in  Versen  186  ff".,  Roman  191  ff'., 
Drama  193  ff".,  Geschichtschreib. 
202  f.,  Beredtsamkeit  204  ff'.,  Aka- 
dem.  Abbandlungen  206. 

Spanische  Poesie,  Einflufs  der  pro- 
venz.  345;  —  Romanzen  147.  152. 
156  f.  182.  305. 

Spanische  Sprache  63. 

Statins  26  ff.  100. 

Steinhöwers  Uebers.  des  Decame- 
ron,  Ausg.  v.  Keller  angez.  106  ff. 

Stowe,  Mrs.,  322. 

Sueton  69. 

Swift  118  ff. 

Talavera,  Erzpriester  von,  60  f. 

Tasso ,  Gcrasalemme  18.  26. 

Tejada,  J.  Gonzalez  de,  Lyr.   181. 

Thomas  v.  Aquino  64. 

Tigri  114  f. 

Tirso  de  Molina  194. 

Tomich  55. 

Toreno  206. 

Toscanische  Volkspoesie  114  f. ; 
—  Volkssprache  114.  117;  — 
Sprichwörter  116. 

Trueba,   Cuentos  189. 

Tyrwhitt  210. 

Valdes ,  J. ,  Didlogo  de  la  lenc/ua 
02.   158. 

Valerius  Flacciis  32. 

Valerius  Maximus  56.  64. 

Vegecius  64. 

Villegas  181. 

Villon,  Ballade  de  l'honneur  fran^:, 
Textverbesserung  238. 

Villoslada,  Rom.  191. 

Virgil  17  ff. 

Vitruvius  51. 

Wace  216  f. 

Waldensischer  Dialect,  Laufverhält- 
nisse 374  ff".,  Auslaut  374  f.,  In- 
laut 370  ff".,  Ai\\&\it380 ;—  Flexioi) 
des  Nomen  380  f. ,  Pronomen 
381  f.,  Hülfszeitwörter  386,  starke 
Conj.  387  ff".,  einzelne  Verba  ders. 
388  ff".;  —  Wortbildtmg,  Ableit- 
ung 392  f.,  Zusammensetzung  394, 
Präpositionen394,  Adverbia  3941'., 
Conjunctionen  395  f.;  —  AUge- 


Verbesserungen. 


481 


meiner  Charakter  397  f.,  Verhält- 

nifs  zum  Französ.  u.  Italien.  397  f. ; 

—  Heimath  des  Dialects  398. 
Waldus,    Petr.,     Bibelüber.s.     372. 

401  f.;  _  Tractate  400. 
Warner,  Misses,  322. 
Weber,   H. ,  7, 
Wey,  Francis,  356. 
Whitelaw  10. 


Whittier,  J.   Greenleaf,  Lvr.  329. 

Wiflfen,  Benj.  B.,   164. 

Wigalois  417. 

Winthrop,  Th.,  Rom.  321. 

Wolf,  Ferd.,  147  f.  156  f.  298. 

Woodworth,  Sam. ,  Lyr.  329. 

Wyntoun  151. 

Ximenes,  Verf.  des  Crestia,  55.  56. 

Zambrini,  Franc.,  167. 


Verbesserungen. 

Seite     56  Zeile  12  lies    Werk  statt  Wort. 
81       -       35     -      salis  statt  salus. 
98      -      33     -      latitante  statt  latitaute. 
260       -       24     -      einiger  statt  einer. 
-      260      -      35  ergänze  1862. 
311      -      34  lies  on  statt  ou. 


Nachzutragen:  Band  III.  Seite  410  Zeile  27  1.  Anordnung  st.  Anwendung 


Druck  von  F.   .\.   Brockhaus  in  I^fliprig. 


^.^•^s*r  4 


-*'^* 


■/M 


.^i*^^,#'Ä 


A"-^.ii^= 


■i^sä^^BL 


'^^•*»f